HALUNKEN (1) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Halunken

- 1 -

ARIK MAAS

Sie glaubte wohl, ihr lautes Schmatzen würde ihr Ungeschick überspielen. Oder über ihren Mangel an Kreativität hinwegtäuschen.

Wie schwer konnte es schon sein, einem Typen die Stange zu lutschen? Nervenenden wollen stimuliert werden, um dann fröhlich dem Gehirn zu sagen, es solle eine Ladung Proteine ausspucken. In diesem Fall verkündeten seine Nerven aber bloß, dass ihm allmählich der Schwanz wund wurde. Und dass ihm langweilig war. Vielleicht hätte er sie besser in den Arsch ficken sollen. Aber darauf hatte er keinen Bock. Zu anstrengend. Und wer weiß, wer dort vor ihm drin gesteckt hatte.

Arik drückte seinen Kopf ins Kissen und beobachtete, wie sie seinen Penis bearbeitete. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Ziemlich selten bei einer Waschbärin. Fast tat es ihm leid, dass sie in so einem Loch schuften musste.

Der Zuhälter war ein Mistkerl. Wahrscheinlich würde er nicht besonders lange leben. Irgendwer stach ihn früher oder später schon ab. Vielleicht kam sie dann bei einem Bekannten unter. Womöglich hatte sie bis dahin mehr Erfahrung. Er würde es begrüßen.

»Ich liebe dich«, hatte sie gesagt.

Du weißt nicht einmal, was Liebe ist, hatte er sich gedacht. Und wenn du es wüsstest, würdest du mich nicht lieben.

Wenn sie wenigstens ehrlich wäre, während sie ihn ansah mit ihren schönen, schwarzen Augen. Würde sie bloß sagen, dass er ein Arschloch war und ihm ins Gesicht schlagen, wenn er zu grob wurde. Dann hätte er sie respektieren können. Dann hätte sich das hier nicht wie ein billiger Porno angefühlt.

Fast hatte sie mit ihrer Zunge einen empfindlichen Punkt gefunden. Aber sie machte lieber mit den schmatzenden Lutschbewegungen weiter. Hoffentlich wurde sein Schwanz nicht schlaff dabei. Er schloss die Augen und versuchte wenigstens zu schlafen. Immer noch besser als irgendwo alleine in einer Ecke zu pennen.

Er fragte sich, warum die ganze Welt verrückt nach Sex war. Den Schwanz in irgendein feuchtes Loch stecken bis eine Eiweißmischung rausläuft. Worin er vergraben wurde war völlig egal. Mösen. Mäuler. Ärsche. Apfeltaschen. Bloß für die zehn Sekunden Kribbeln im Kopf. Er verstand es nicht. Oder überschätzte er den Rest der Welt etwa? Waren vielleicht alle so gelangweilt, dass vögeln das erstbeste nach fressen war?

Viele glauben, Waschbären seien ebenso gemütlich drauf wie ihre großen Artverwandten. Dösige Schleckermäuler, die gelegentlich zu reißenden Zottelkolossen mutieren, wenn ihnen jemand den Lachs vom Teller geklaut hat.

Gegen Lachs haben Waschbären nichts einzuwenden, aber Gemütlichkeit ist ihnen zuwider. Unter dem grauen Pelz verbergen sich Tüftler und Grübler, die unentwegt nach Problemen suchen, die gelöst werden wollen. Finden sie keine, verfallen sie in Apathie und Stumpfsinnigkeit, die im Gegensatz zur Gemütlichkeit der Bären mit Verbitterung und Groll zelebriert werden.

Unmut und Langeweile sind der Zunder, auf dem geringelte Schandtaten brennen.

Nun, Arik war gelangweilt. Zu Tode. Er verspürte Lust, irgendjemanden zusammenschlagen. Aber er musste für eine Weile untertauchen. Es schnüffelten einige Gestalten in der Gegend herum und er hatte keine Lust, sich mit ihnen zu befassen oder sich auszudenken, wie er sie verarschen könnte. Außerdem war es anstandslos, einfach irgendwem das Gesicht einzuschlagen. Lieber wartete er, bis jemand ihm einen blöden Blick zuwarf, bevor er denjenigen deformierte.

Neben ihm surrte sein Handy. Er ignorierte es, aber es gab keine Ruhe.

Er starrte auf den Bildschirm: »Graf von Sarras.«

»Ja?«, meldete er sich genervt.

Am anderen Ende ertönte eine Stimme, die ihm kurz und knapp einige Probleme steckte, während — oh Wunder — die Hure den Anstand hatte, leiser zu schmatzen. Sie konnte doch aufmerksam sein, wenn sie sich Mühe gab.

Scheinbar gab es wieder einmal Schwierigkeiten mit der Verteilung des »Shits«. Stimmt. Fast hätte er die dritte Lieblingsbeschäftigung der Welt vergessen: Drogen einwerfen.

Arik knurrte. »Komme.« Er hasste ungeplante Unterbrechungen. Aber was soll's. Vielleicht half ihm das, die Langeweile zu vertreiben.

Er stieß das Leckmäulchen von sich weg. Toll, an seinem ganzen Schwanz klebte ihr Speichel.

Sie ging ängstlich in Deckung. Als er ihr ein paar Scheine vor die Nase hielt, wurde ihre Furcht jedoch gemindert.

»Ich bin den ganzen Abend hier«, sprach er eindringlich.

Sie nahm das Geld und ließ es hinter sich verschwinden. Sie verstand und nickte.

Er sprang unter die Dusche, um ihren Geruch loszuwerden, zog sich an und warf die Kapuze über den Kopf. Dann zündete er sich eine Zigarette an und trat in die Nacht hinaus.

Der Radweg am Ufer entlang besaß keine Beleuchtung, war angenehm abgelegen und bot Schutz vor den neugierigen Blicken der Promenadengänger. Um diese Zeit war aber ohnehin kaum jemand unterwegs — ausgenommen einiger Betrunkener, die lachend und lallend alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, sodass er einfach vorbeihuschen konnte wie ein Phantom.

Die meisten Leute mieden die Uferwege, da sie glaubten, Gesindel triebe sich dort umher. Recht hatten sie. Jeder der unentdeckt in irgendwelche zwielichtigen Ecken der Stadt gelangen wollte, nutzte die Flussläufe und Kanäle, die wie ein Netzwerk tief in die Stadt schnitten. Sie waren auch die perfekten Zugänge zur Kanalisation und zu den Katakomben, die einst dem Abbau von Stein dienten, heute aber brach lagen.

Es schien, dass die Polizei ihre Patrouillen dort eingestellt hatte, als ihr klar wurde, dass sie unmöglich jeden Zulauf, jeden Tunnel und jedes Loch inspizieren konnte. Es war, als duldete man die nächtlichen Streifzüge potenzieller Krimineller aller Fellfarben, da man wusste, dass man sie unmöglich stoppen konnten. Das wollte man sich natürlich nicht eingestehen und so wurde die Sache totgeschwiegen.

Das alte Hafenviertel war ein besonders schäbiges Fleckchen. Seit der Verkehr über den modernisierten Hafen im Westen läuft, hat das Interesse an hiesigen Anlegern und Lagerstätten stark abgenommen. Stattdessen wurde es als Schiffsfriedhof und Gelegenheitsmüllhalde zweckentfremdet, für all die Kleinigkeiten, die die Stadtverwaltung gerne aus den Augen hätte, aber kein Geld für anderweitige Entsorgung besaß. Was hier landete, war immerhin nicht »weggeworfen« sondern bloß »abgestellt«.

Die Straßen wurden nur zweimal im Jahr gereinigt, die Beleuchtung wahrscheinlich noch seltener überprüft. Sicherheitskameras gab es hier keine und wem überhaupt die Hangars gehörten, wusste wohl keiner so ganz genau. In den letzten Jahren hatten einige Hippies und Hipster billige Kaschemmen ergattert und in kleine Hofstaaten umgewandelt. Arik hatte keine Probleme mit ihnen, da sie die Polizei genauso nervig fanden wie er und zudem gelegentlich das ein oder andere Tütchen abkauften.

Man ist der Meinung, mit der angeborenen Gesichtszeichnung würde Waschbären auch die Kriminalität in die Wiege gelegt. Leute neigen dazu, was sie nicht verstehen zu vereinfachen. Vor allem Dinge, die im Zwielicht stattfinden sehen sie dabei gerne in Schwarz und Weiß mit einem Ringelschwanz daran.

In Wirklichkeit jedoch ignorieren sie dabei die Mischung diverser Grautöne, denn schwarz und weiß ist nur der geringste Teil des Waschbärenfells. So sind viele Delikte nur eine Reaktion auf Unterforderung und Langeweile — die kühne Beschäftigungstherapie für die verstoßenen Ritter der Unterschicht. Die meisten Untaten sind der breiten Bevölkerung jedoch nicht einmal bekannt, da Waschbären auf ihren nächtlichen Streifzügen keine Spuren hinterlassen.

Schließt du am Morgen deinen Laden auf und fehlt die Kasse, waren es Hunde. Wurde die Tiefkühltruhe ausgeräumt, waren es Wiesel. Fehlen sämtliche Pornozeitschriften, waren es Ratten. Ist jedoch das einzige was fehlt der Ersatzschlüssel, dann waren es Waschbären.

Sein nächtlicher Streifzug führte Arik in die Gasse zum alten Walzwerk. Er hielt sich nahe den Wänden und ließ seinen Blick durch die Straßen wandern. Kaum Betrieb heute Nacht.

Er huschte in eine Türnische, denn dort hinten stand eine einsame Person. Am großen Tor, direkt im Keil des Mondlichtes, für jeden zu sehen. Das war keiner der Kuriere. Die waren zwar nicht die hellsten, aber so blöd dann auch wieder nicht.

Er wartete einige Minuten, aber sie schien den Ort nicht verlassen zu wollen. Mit leisen Schritten schlich er näher. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Kopfhörer über den Ohren. Wippte mit dem Kopf zur Musik.

Er knurrte und zog ihr die Kopfhörer weg. Sie drehte sich um und er blickte in das überraschte Gesicht eines Pudels — gefolgt von einem Grinsen.

»Caspar, ich hab dir gesagt, du sollst dich nicht draußen blicken lassen«, brummte er. Er blickte am Pudel hoch. Schwarze Bomberjacke mit rotem Fellkragen und darunter ein völlig zerrissenes Shirt, das ihm schief von den Schultern hing.

»Der Typ denkt sicher du wärst'n Stricher«, meckerte Arik.

»Sag ihm ich bin dein Lover.«

»Halts Maul. Wo ist er?«

Caspar begann zu kichern und deutete bloß auf die schmale Gasse neben sich. Es war ein Seitenzugang zum stillgelegten Walzwerk. Die hohen Wände sperrten das Mondlicht aus und es wurde dunkel um die beiden. Hinter einigen Biegungen lag ein kleiner, geheimer Hof mit ein paar Birken, die aus einem Müllcontainer wuchsen.

Daneben lehnte eine kleine Gestalt, die sofort den Kopf streckte, als sie die zwei Besucher bemerkte. Caspar gluckste wieder, als er sie erblickte. Arik warf dem Pudel einen gereizten Blick zu. Er sollte gefälligst die Schnauze halten, wenn er nicht Ariks Faust darin kleben haben wollte. Der Waschbär zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und stellte sicher, dass nur seine Nasenspitze hervorragte. Mehr brauchte er nicht, denn allein vom Geruch konnte er den allgemeinen Zustand des Mickerlings neben dem Container einschätzen.

Ein Wieseltyp. Nicht besonders sauber. Er hatte sich ein oder zwei Bier vor dem Treffen nicht verkneifen können. Zudem stank er nach Sperma und nach einem Blutwurstkaugummi, mit dem er wohl den Geruchscocktail zu übertünchen versuchte.

Mit gesenktem Kopf und überzogener Fröhlichkeit kam das Wiesel den beiden entgegengehechtet. »Karl. So gut von dir, dass du kommen konntest.«

Erneutes Pudelgekicher. Hoffentlich verschluckte er sich und hielt die Klappe.

Das Wiesel warf ihm kurze Blicke zu, ihn scheinbar musternd und darum bemüht, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Caspar grinste bloß. Also grinste es zurück und wartete scheinbar auf irgendeine Reaktion vom Pudel. Vielleicht, dass er verriet, was es so lustiges gab.

Es kam keine. Die Sache schien dem Wiesel unangenehm zu werden, denn nach einigen Sekunden des Schweigens und Glotzens wandelte sich sein Grinsen in ein verlegenes und verwirrtes Zucken seiner Mundwinkel und es wich mit dem Blick woanders hin aus.

Es atmete angespannt ein, setzte dann wieder seinen sorgsam einstudierten, übertriebenen Enthusiasmus auf und hopste plappernd vor den beiden herum.

Es erzählte wie seine Nacht gelaufen war, mit betonter Dienstwilligkeit — wobei seine Körpersprache aufgrund des bänglich eingezogenen Kopfes und des krummen Rückgrates die Erzählung nicht so wirklich untermalte.

Arik hörte dem Gefasel nicht zu. Dieser Mickerling war widerwärtig. Kein Wort verließ sein Maul ohne vorher dreimal auf der Zunge umgedreht worden zu sein. Das eine tun, das andere sagen und hinter keinem von beiden stehen. Verlogenheit gepaart mit Feigheit. Beides vorsätzlich.

Das klebrige Gequatsche wäre fast Grund genug gewesen, den Typen von seiner Würdelosigkeit zu befreien. Er war nicht mehr als eine plappernde Fleischmaschine. In der Mitte durchgebrochen würde er klanglos im nächsten Kanal davontreiben und keiner würde ihn vermissen.

Aber Arik beschloss damit zu warten, solange er seinen Zweck erfüllte. Auch eine Plappermaschine konnte durchaus nützlich sein — bis man sie auf die Entsorgungsliste setzte und bei der nächsten Inventur durch ein neues Modell ersetzte.

Das Wiesel quasselte irgendwas von seinen Brüdern und wie sie ihre Aufgaben untereinander verteilten und wie viel versprechend der neue Nachtclub am Hafen war und dass es in letzter Zeit von vielen fuchsigen Kunden angesprochen wurde — nichts davon interessierte Arik sonderlich.

Warum waren noch gleich Wiesel für ihn auf der Straße? Ah, genau: Weil sie billig waren. Und weil sie meist viele Geschwister hatten, die ebenso Geld für Fusel benötigten.

Caspar räusperte sich und würgte lautstark etwas Schleim hoch. Ein sicheres Zeichen, dass Arik nicht der einzige war, dem das Geplapper auf die Nerven ging.

Das Wiesel fuhr kurz zusammen und senkte den Kopf, ließ dann sein Mäulchen aber wieder heiß laufen.

Caspar spuckte den Schleimklumpen davon. In hohem Bogen. Mit einem leisen Platschen landete er auf der Stirn des Wiesels.

Ziemlich guter Schuss. Die Augen des Mickerlings wurden groß und die Härchen an seinem Nacken stellten sich auf. Sieh an, das war selbst für so eine Dreckschleuder zu schleimig. Zu protestieren wagte es jedoch nicht. Stattdessen stand es einfach nur da, als hätte ihm gerade ein Vogel ein goldenes Ei auf dem Kopf gelegt. Es lächelte verstört und wagte nicht einmal, sich den Klumpen von der Stirn zu wischen.

Caspar grinste wieder. Was für eine gute Chemie zwischen den beiden.

»Was für ein ›Problem‹ gibt es?«, verlangte Arik zu wissen.

Das Wiesel hob beschwichtigend die Pfoten. »›Problem‹ ist nicht ganz das richtige Wort«, plapperte es. »Es ist vielmehr ein Verbesserungsvorschlag. Damit du noch besser wirst.«

Es blickte Arik mit einem zögerlichen Grinsen an. Mit den dreckigen Pfoten am Saum des schmierigen Hemdes zupfend. Der Schleimklumpen klebte immer noch an seiner Stirn.

Gott noch mal, Arik malte sich aus, dass er diesmal sogar Spaß dran hätte, dem Typen seinen Kehlkopf rauszureißen. Es fühlte sich sicher verdammt gut an.

Das Wiesel schluckte und räusperte sich. »Ich helfe dir super gerne aus, Karl. Meine ganze Familie ist dir sehr dankbar für deine Unterstützung.«

Familie? Meinte er etwa alle seine unehelichen Kinder, die er zum Fuselklauen losschickte? »Komm zum Punkt!«, grunzte Arik.

»Natürlich«, sprach es und zog den Kopf noch weiter ein. Jetzt verstand Arik, warum Wiesel so bewegliche Wirbelsäulen haben. »Es gibt immer wieder Kunden, die nicht ganz so zufrieden sind mit unserem Shit — deinem Shit, mein' ich.«

»Wer genau?«, fragte der Waschbär.

Der Hals des Wiesels drehte sich in einer Art und Weise, die er nicht für möglich gehalten hätte. Es war erheiternd zuzusehen, wie es gefangen war zwischen der Entscheidung, die nörgeligen Kunden auszuplappern und im Gegenzug von ihnen später durch den Fleischwolf gedreht zu werden oder Arik anzulügen und hier auf der Stelle den Schädel eingeschlagen zu bekommen.

»Die Unzufriedenheit ist — eine allgemeine Stimmung«, faselte es.

Es wählte also die dritte Option: Schmieriges Drumrumkriechen wie eine Schnecke mit Armen.

»Ich kann deine Sorgen voll und ganz verstehen, Karl«, fuhr es fort.

Aha, Sorgen? Arik musste lachen. Der Laut schien dem Wiesel aber nicht allzu gut zu gefallen, denn seine Ohren zitterten.

»Du besorgst den Shit und musst dich darauf verlassen können, dass wir ihn für dich unter die Leute bringen«, sprach es, »und dass die Bezahlungen glatt gehen und alles ruhig und sauber bleibt. Das ist eine große Verantwortung für dich und ich kann das absolut nachvollziehen. Es gibt viele Kuriere, die du managen musst und das erfordert sehr viel Planung und — «

»Drei Worte mehr und ich brech' dir's Genick«, zischte er.

Das Wiesel erstarrte. Es kniff die dünnen Lippen aufeinander und begann dann fieberhaft an seinem Hemd herumzufummeln. Es zog ein kleines Plastiktütchen hervor, das ihm aus der Pfote fiel. Es fingerte herum, aber verlor es noch einmal.

Endlich zog es das Tütchen in die Höhe und hielt es ausgestreckt vor sich.

»Unsaubere scheiß Qualität«, presste es behutsam hervor.

Arik beäugte die kleine Tüte. Das Wiesel hielt sie zitternd hoch als wäre sie ein winziger Schutzschild gegen den Waschbären. Er kannte den Shit. Warum hielt es das Wiesel für nötig, ihm das Zeug zu zeigen?

Caspar griff sich das Tütchen. Das Wiesel fuhr zusammen und sah aus, als würde es allein durch die Gegenwart des Pudels gleich tot umfallen. Es schien nicht zu wissen, wie es ihm gegenüber reagieren sollte. Arik liebte es zuzusehen, welche Wirkung der Pudel auf andere hatte.

Über das Wieselgesicht huschten verschiedene Emotionen, als blätterte es innerlich durch seinen Katalog sorgsam einstudierter Masken. Das Ergebnis war aber bloß eine planlose Mischung zwischen Lächeln, Weinen und Schlaganfall.

Caspar begutachtete das Tütchen, schüttelte es, knetete es, summte.

»Da du meine Aufgabe so gut verstehst«, sprach Arik, worauf das Wiesel eifrig nickte, »erkläre ich dir noch einmal deine: Du bekommst den Shit und machst Geld daraus. Einfach. Verstanden?«

Das Wiesel wand sich und zwang sich sichtlich, sein geschwätziges, schleimiges Maul geschlossen zu halten. Das wollte wohl nicht so recht gelingen. »Aber — «, rutschte ihm raus.

Ein Rudern mit Ariks Schulter genügte, um es zum Schweigen zu bringen.

»Wie viel Kohle?«, wollte der Waschbär wissen.

Die Augen des Mickerlings weiteten sich schlagartig. Scheinbar hatte es gehofft, das Thema irgendwie umschiffen zu können. Es druckste herum. Ariks wortloses Grollen veranlasste es jedoch, einen Schuh auszuziehen und aus der Spitze ein kleines Knäuel Geld hervorzuziehen. Es streckte ihn zögerlich vor sich.

Für einen Moment betrachtete Arik das knittrige, stinkige Fußgeld.

»Du hast für die Woche zehn Portionen bekommen. Das Geld deckt nicht einmal fünf ab.«

»Die Kunden kaufen den Shit nicht«, klagte es.

»Dann finde neue Kunden!«

Er zog das Geldknäuel aus den Wieselpfoten und blätterte es durch. Das war viel zu wenig für eine ganze Woche. Erbärmlich. Er ließ es in der Innentasche seines Hoodies verschwinden.

»Ich hab gehört, dass einige Typen aus dem Nachbarbezirk ihren eigenen Stoff verteilen«, fuhr es fort. »Sie sind natürlich längst nicht so erfahren und umsichtig wie du, aber ihr Shit ist gefragt.«

Aha. Würde also nicht lange dauern, bis das Wiesel seine Chance ergreift, um es den Kunden gleichzutun, die Kurve zu kratzen und für die Konkurrenz anschaffen zu gehen. Das einzige, was es hier noch hielt war seine Angst den Waschbären gegenüber.

»Wir sollten daran arbeiten, uns gut zu verstehen«, sprach er eindringlich und starrte es an. »Waschbären und Wiesel haben viel gemeinsam.«

Caspar entfuhr ein Gluckser, aber er schluckte ihn sofort herunter.

»Wir planen gerne und haben gerne alles im Blick. Weißt du was jedoch unsere größte Gemeinsamkeit ist?« Das Wiesel zuckte angespannt mit den Schultern. »Es gibt viele von uns.« Es hob die Augenbrauen. Schien nicht ganz zu verstehen.

Der Schleimklumpen hatte angefangen an seiner Stirn herunterzulaufen und kroch jetzt seinen Nasenrücken entlang. Es ließ die Nase umherzucken, scheinbar in der Hoffnung, der Klumpen würde irgendwie von selbst verschwinden.

»Wenn ich dir heute nicht den Hals breche, wird es einer meiner Brüder tun«, erklärte Arik. »Oder einer meiner Cousins. Oder einer meiner Bekannten. Selbst wenn wir alle hops genommen werden, gibt es irgendwo immer noch einen Waschbären. Und wenn du Scheiße baust, werde ich ihm sagen, dass er dich besuchen soll. Also solltest du dir große Mühe geben, deine Arbeit zu tun. Damit wir alle gut klarkommen. Alle Wiesel. Und alle Waschbären.«

Was auch immer das Wiesel gerade dachte oder sagen wollte, es traf die weise Entscheidung, einfach nur zu nicken.

»Ich gebe dir den Shit«, sagte er, »und du vertickst ihn. Das ist deine Aufgabe. Das hat schon immer geklappt. Mach es dir nicht schwerer als es ist.«

Es nickte und lächelte. Knetete die Pfoten und wippte beipflichtend vor und zurück wie ein Gnom, der liebend gerne wieder in seinem Erdloch verschwunden wäre. Es schwor Besserung und versprach mehr Kunden, mehr Geld, mehr Gehorsam — alle Superlative, die ihm spontan ins kleine Hirn schossen und die ohnehin nicht mehr wert waren als die stinkende Luft, mit der sie ausgespuckt wurden.

Arik nickte unter seiner Kapuze und trat wortlos den Rückweg an. Caspar folgte ihm grinsend, hatte sich zuvor aber noch einmal zum Wiesel umgedreht und auf die Stirn gedeutet: »Übrigens, du hast da was.«

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Update 2020-04-10