ENTDECKER (4) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Entdecker

- 4 -

Krallen hatten den Stein so lange gewaltsam bearbeitet, bis sich darin tiefe Furchen gebildet hatten. Die Spuren reichten exakt so weit wie die Ketten es zuließen.

Jannik schluckte. »Was ist das hier?«, fragte er mit einem flauen Gefühl im Bauch. Der Ort gefiel ihm nicht. Kein Bisschen.

»Ein ›Therapiezimmer‹«, kam Niklas' Antwort aus dem Dunkeln.

Der Luchs versuchte den Kloß im Hals herunterzuschlucken, aber es klappte nicht. Er ließ die Taschenlampe wandern. Niklas war nirgendwo zu sehen. Nur noch mehr kahle Wände. Dunkle Kammern. Ketten. Kratzspuren.

»Die Feliden haben den Caniden Medikamente zu fressen gegeben. Damit sich ihr Verhalten ändert«, erklärte Niklas' Stimme. Sie klang nun weiter weg. »Bei bestimmten Mengen wird etwas im Kopf kaputt gemacht und sie werden ganz ruhig. Mein Cousin hat gesagt, sie nannten es ›chemische Läuterung‹ oder so. Darum waren die Caniden bei den Katzen so ruhig. Weil sie sie kaputt gemacht haben. Sie haben Medikamente genommen, weil man sie im Vergleich zu Operationen und Folter nicht sehen kann. Keiner würde es herausfinden. Katzen sind listig.«

Das klang falsch. Völlig irrsinnig. Jannik hatte noch nie etwas davon gehört.

Die Katzen wollten der Bevölkerung helfen. Sie haben alles dafür getan. Alles neu aufgebaut nach dem Krieg. Verwundete gepflegt. Schulen und Krankenhäuser eröffnet.

»Ich will nach draußen!«, forderte er.

»Der Ausgang ist hier hinten«, antwortete Niklas' Stimme.

»Aber wir sind aus der anderen Richtung gekommen.«

Keine Antwort. Stattdessen plapperte Niklas ohne Rücksicht weiter: »Die Feliden haben das nicht nur mit Hunden gemacht. Auch mit Wieseln und Füchsen. Und Waschbären. Mit allen, die sie als ›böse Fellträger‹ bezeichnet haben. Die ›Moral‹ lernen sollten.«

Jannik war mulmig zumute. Das Gerede des Waschbären klang verrückt. Es klang wie etwas, dass eine durchgeknallte Hundegang schreien würde, während sie Ballons mit roter Farbe auf Katzenläden warfen und Scheiben einschlugen. Wie die paranoiden Fieslinge, die glauben, die Regierung versuche heimlich, Hunde aus der Gesellschaft zu entfernen. Er hatte das Gebell hier und da gehört, aber versucht es als unsinniges Geschwafel abzutun.

Jannik leuchtete den Gang hinab. Schwarze Kammern reihten sich aneinander, wie Löcher zur Unterwelt.

Der ganze Ort wirkte beklemmend. Selbst wenn Niklas' Geschichten völliger Unsinn waren, besaß der Keller etwas Unheilvolles. Es fiel nicht schwer zu glauben, dass dort etwas Unaussprechliches vonstatten gegangen war.

Jannik folgte dem Geräusch von Niklas' Schritten. Ein Ausgang kam jedoch nirgendwo in Sicht. Stattdessen schienen sie immer weiter in die Eingeweide des Gebäudes vorzudringen.

Am anderen Ende des Gewölbes eröffnete sich eine nachtschwarze Halle. Große, rostige Heizkessel ruhten hier in ewiger Dunkelheit und zeugten von der einstigen Opulenz des Lazaretts. Ein Urwald aus Rohren mit unzähligen Reglern, Ventilen und Druckmessern wuchs bis zur Decke und verlor sich in einem vertrackten Gewirr, das heute wohl kaum mehr jemand durchblicken konnte. Die in die unebenen Wände geschlagenen Stützen zeugten davon, dass dieser Raum einst einem anderen Zweck gedient hatte und die Kessel erst später hineingezwängt wurden, als die Belegschaft und die Funktionen des Gebäudes wuchsen.

Wenn diese Halle das Herz des Hauses war, waren die Rohre seine Adern, die es mit heißem Wasser versorgt hatten. Heute jedoch waren sie kalt und still. Nichts regte sich. Die Anzeigen warteten vergebens auf ein prüfendes Auge. Ein klebriger Belag hatte sich auf ihnen gebildet.

Durch die Steinhalle führte ein schmaler Steg, zu dessen Seiten sich quadratische Schächte auftaten, die senkrecht in die Tiefe fielen. Jannik ließ das Licht über sie schweifen, aber sie spuckten ihm bloß Schwärze entgegen. Dort war es so finster, dass nicht einmal seine Luchsaugen die Dunkelheit durchbrechen konnten.

Er hob seine Ohren. Es war totenstill. Nicht einmal einen Luftzug konnte er spüren. Unmöglich zu sagen wohin die Schächte führten oder was sich in ihnen verbarg. Sie fühlten sich nicht leer an. Vielmehr schien die Finsternis in ihnen teerdick zu sein und drückte sich dem Jungen entgegen mit einer geisterhaften Macht, als wollte sie ihn nach unten zerren und verschlingen. Sie roch nach Rost und Moder.

Er klammerte sich an das Geländer neben sich. Es zitterte und mit ihm der ganze Steg. Seine Schritte fühlten sich wackelig an. Mit jedem ächzte das Metall leise, als würde es sich jeden Moment aus der rostigen Verankerung lösen und ins Leere stürzen. Es war ein Gefühl als balancierte Jannik auf einer Holzplanke, die auf einem teerigen Ozean trieb. Zu allen Seiten nichts als schwarze Tiefe. Vielleicht fünf Meter bis zum Grund. Vielleicht Fünfzig.

Dieser Ort war nichts für einen kleinen Luchs. Wenn der rostige Steg unter seinen Füßen nachgab, würde er ins Bodenlose fallen. Nirgendwo Halt. Vielleicht fehlte irgendwo eine Bodenplatte und er würde einfach hineinstolpern.

Zittrig ließ er den Lichtkegel über den Steg wandern, nach allen Löchern Ausschau haltend. Hier unten würde niemand seinen Hilferuf hören. Niemand würde wissen wo er war. Er wusste es selbst nicht.

Der Lichtschein huschte umher und holte in allen Richtungen Heizkessel aus dem Schatten. Sie lagen dort, wie große, schlafende Tiere. Aus welcher Richtung war er gekommen? Wo war der Eingang?

»Niklas?« Jannik hörte irgendwo das Tapsen von Füßen und das Knarzen von Metall. »Wohin willst du?«

Die beiden Jungen waren gefühlt hundert Meter in den Keller des Lazaretts hinab gestiegen und Jannik hatte gehofft, dass es dort unten etwas zu entdecken gab. Mehr als ein leeres Gewölbe und alte Heizanlagen.

Warum führte ihn Niklas hierher? Er hatte behauptet, es sei »schön« hier. Die ganze Schönheit musste wohl irgendwo in einer Ecke stehen und eingestaubt sein. Oder sie war in einen der Schächte gefallen.

»Nicht alle haben die Therapie überlebt«, plapperte die Stimme. »Und irgendwie mussten sie die abgemurksten Versuchskaninchen loswerden.«

Jannik wendete seine Ohren. Sie kam von links. Und von rechts. Metall schabte. Ein weiterer Kessel im Lichtschein. Kein Waschbär.

»Ich glaube, sie haben sie nicht aus dem Lazarett gebracht«, sprach Niklas, »sondern einfach hier unten gelassen. Und in die Löcher geworfen.«

Nein. Jannik wollte sich das nicht vorstellen.

Zu spät. Jetzt geisterten ihm Bilder toter Fellträger vor den Augen herum. Ein Haufen lebloser Körper am Grund der Schächte. Vermodert und verrottet. Die Mäuler zu stummen Schreien aufgerissen, mit ausgefallenen Zähnen. Sein Fell begann zu kribbeln, als sich seine Haare angespannt aufstellten.

In seiner Nase lag der Geruch von verwesendem Fleisch. Er bildete es sich bloß ein. Hoffentlich.

Ein scharfes Geräusch von aufeinander schabendem Metall. Der Steg vibrierte unter seinen Füßen und er griff nach dem Geländer.

»Niklas, was machst du?«

Ein Schrei.

Das war das letzte, was Jannik dort hören wollte. Etwas, das nur seinen Angstphantasien entspringen konnte.

Doch der Schrei war real. Der Steg bebte. Das Geschrei warf sich aus allen Richtungen auf ihn wie ein panischer Chor.

Plötzlich verstummte es. Das metallische Geräusch war verschwunden. Nur der Steg zitterte noch leicht.

»Niklas?«, rief Jannik, wartete aber vergebens auf eine Antwort.

Auf einmal war es totenstill. »Niklas!« Er ließ den Lichtkegel panisch umherhüpfen. Noch immer kein Waschbär. Keine Schritte mehr. Es war plötzlich viel zu still geworden.

Das konnte nicht passieren! Das durfte es einfach nicht!

Er rannte. Stolperte. Hielt sich am Geländer. Die Taschenlampe glitt ihm aus der Pfote, rollte über den Steg und fiel in einen der Schächte.

Mit einem dumpfen Knall verschwand das Licht. Es wurde augenblicklich schwarz. Noch nie zuvor hatte sich Jannik in solch endloser Finsternis wiedergefunden. Es gab immer irgendwo einen fahlen Lichtschein, einen blassen Schimmer, der seinen empfindlichen Augen gerade soviel Licht gab, dass er die Umgebung als schemenhafte Flecken vor sich erahnen konnte.

Doch dort war nichts mehr. Kein Lichtschein. Keine Reflexion. Nur noch pure, dicke Schwärze.

Hektisch fingerte er nach seinem Handy. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er es endlich aus der Tasche gezogen hatte.

»Niklas?«, rief er zögerlich. Die Finsternis um ihn herum wirkte aggressiv. Bedrohlich. Als lauerten nur wenige Meter von ihm entfernt namenlose Kreaturen, die langsam auf ihn zu schlichen. Er glaubte zu spüren, wie etwas sein Fell streifte. Die dicke Schwärze schien nach ihm zu greifen und er fühlte sie auf seiner Haut. Er wagte kaum sich zu bewegen. Kaum zu sprechen.

Eine Antwort bekam er nicht. Er keuchte. Seine Pfoten zitterten. Das Handy rutschte davon und fiel zu Boden. Er tastete panisch nach ihm. Fing es geradeso.

Endlich fand er die Taschenlampen-App und das Licht kehrte zurück. Der schwache Schein riss nur einen winzigen Teil des Steges aus der Finsternis. Eine rostige Insel im pechschwarzen Nichts.

Dort war nichts. Keine Untiere. Oder sie versteckten sich im Schatten neben ihm. Er würde sie nicht sehen.

»Niklas!« In seiner Stimme lag Sorge. Und Angst.

Er lief den Steg hinab mit dem Handy vor sich gestreckt. Sein kleiner Zauber gegen das Dunkle und Böse.

Er lauschte angespannt. Es herrschte Totenstille. Kein Blätterrauschen. Kein Wind. Nichts. Alles um ihn herum war tot. Sein Stoßatmen und Herzschlag waren die einzigen Geräusche dort unten. Sie dröhnten in seinen Ohren und schienen von den Wänden zurückgeworfen zu werden, wie ein manisches Echo.

Er zwang sich zur Ruhe. Presste seine Lippen zusammen, aus Angst, sein Atmen würde einen Hilferuf übertönen. Vielleicht ein leises Wimmern irgendwo. Oder aber er würde das Kratzen von Krallen überhören. Wie sie sich ihm näherten.

Aber dort war nichts.

Er spürte wie der Kloß in seiner Kehle wieder zu wachsen begann. Tränen pressten sich in seine Augen.

Er hatte es gespürt. Es war eine schlechte Idee gewesen, dort hinunter zu gehen. Sie hätten oben bleiben sollen. Er hatte diesen dunklen Ort bereits oben spüren können, als hätte ihn die Dunkelheit gerufen und ihm gedroht. Er hätte darauf hören sollen.

Dort war ein blauer Fleck. Niklas Rucksack. Aber kein Waschbär.

Das Geländer war abgebrochen. Jannik leuchtete in den Schacht darunter. Das Licht reichte nicht einmal zwei Meter weit. Er konnte nichts erkennen.

Niklas war gefallen. Nein! Das konnte nicht sein! Das passierte nur in Horrorfilmen. Nicht in der Realität. Das konnte es einfach nicht!

»Niklas!«

Stille.

Er musste etwas tun! Er wischte auf dem Bildschirm des Handys herum.

Kein Empfang. Zu viel Stein und Metall über ihm. Irgendwas! Musste Hilfe holen. Sein Blick flog umher. Es würde ewig dauern den Ausgang zu erreichen. Noch länger jemanden zu erklären, wo Niklas war. Der kleine Waschbär würde währenddessen irgendwo im Schacht liegen. Wahrscheinlich verletzt. Oder schlimmer.

»Niklas!« Janniks eigene Stimme kehrte von den Wänden zurück. Ohne Antwort.

Er starrte in den schwarzen Schlund unter ihm. In seinem Kopf blitzte das Bild toter Körper auf. Verzerrte Gesichter. In die Tiefe geworfen. Niklas lag auf ihnen. Ebenso reglos.

»Niklas!«

Nichts.

End of chapter

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Update 2020-04-10