HALUNKEN (5) - Ger
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TAGE IM JUNI
Halunken
- 5 -
ARIK MAAS
Hinter der Tür war Tumult zu hören. Dinge wurden beiseite geschoben und Flaschen rollten über den Boden. Der schwache Lichtschein im Türspion verschwand, als Arik gemustert wurde. Kurz darauf wurde die Tür entriegelt und aufgezogen.
Der sich Arik nun bietende Anblick ließ ihn sich wünschen, er hätte Karl doch zu einem anderen Zeitpunkt aufgesucht.
Der große Waschbär hatte sich nicht extra die Mühe gemacht, Klamotten überzuwerfen und stand nur im Fellgewand vor ihm. Dieses schob Arik den süßlichen Geruch von Alkohol und Sex entgegen. Karls Fell war zerzaust und wirkte klebrig. Die Maskenzeichnung in seinem Gesicht war lange schon nicht mehr weiß sondern wirkte gelblich wie Zigarettenqualm. Über die Jahre war sie auch unscharf geworden, als liefe allmählich die Farbe aus ihr heraus und verteilte sich als dunkle Schlieren um seine Mundwinkel.
Unter seinem Pelz verbarg sich mehr Fett als Muskeln, was bei Waschbären zwar nichts Ungewöhnliches war, in seinem Fall jedoch durch das lichte Fell an Brust und Bauch blässlich-ledrige Stellen freilegte.
Er sah schäbig aus — wie ein typischer Ringelschweif eben — und musste uralt sein. Mindestens fünfunddreißig. Ästhetischer Tiefpunkt war Karls noch immer erigiertes Glied, das im Flurlicht unromantisch glänzte.
Die kleinen Glubschaugen des großen Waschbären musterten Arik und seine Brauen wanderten grimmig südwärts. Seinen Blick auf sich zu spüren fühlte sich eklig an, als hinterließe er schleimige Spuren.
Karl machte sich nicht die Mühe, eine Begrüßung auszuformulieren sondern brummte nur.
»Was willst du?«
Arik zog das kleine Geldknäuel hervor. Karls Augenlider zuckten kurz freudig. Es war aber nicht die erfüllende Freude von jemandem, der endlich sein Geburtstagsgeschenk bekam, sondern die schäbige Selbstverständlichkeit, mit der sich ein Junkie den nächsten Schuss setzte.
Arik warf ihm das Knäuel entgegen. Karl fing es und blätterte mit seinen Krallen durch die Scheine. Seine Brauen wogen sich auf und ab und seine vergilbten Augen kehrten zu Arik zurück. Diesmal sahen sie aus wie die von jemandem, der das falsche Geschenk bekommen hatte.
»Das ist nicht der volle Betrag. Wo ist der Rest?«
»Hier«, Arik hielt das Tütchen mit den Drogen hoch. »Die Leute haben die Schnauze voll von deinem Dreck. Die Kunden springen zur Konkurrenz ab.«
Und nun war endlich der lang ersehnte Zeitpunkt gekommen. In Ariks Bauch begann sich ein Süppchen aus Freude und Bissigkeit zusammenzukochen. Endlich war es genug. Karl hatte ihn genug herumgescheucht und angelabert. Ihn behandelt wie einen dreckigen Sklaven. Es war endlich Zeit zu zeigen, wo Arik stand. Respekt zu bekommen.
»Und mir geht dein Scheiß auch auf den Sack. Du bist — «
»Ich hab' einen Deal laufen mit einigen Partnern aus der Clubszene«, unterbrach ihn Karl und schwatzte einfach über Ariks aufwallende Beleidigungen, als wären sie bloß das Plätschern eines Gullys. »Es gibt 'nen neuen Stoff. Völlig synthetisch. Ziemlich trendy. Verspricht viele Gelegenheitskunden.«
»Mir egal — «
»Statt Lieferungen zu planen und Treffpunkte zu vereinbaren, kann das Zeug spontan an größere Gruppen verteilt werden. Wie Süßigkeiten auf 'nem Kindergeburtstag. Da bringst du mehr Kohle rein und es dauert auch nicht so ewig.«
»Halt's Maul Karl! Mach einfach deine verfickte Fresse zu!« Arik warf ihm das Drogentütchen ins Gesicht. Es sprang zurück und landete klatschend auf dem Boden. Karl verzog nicht einmal das Gesicht.
»Ich scheiß auf deine Pläne!«, grollte Arik. »Ich scheiß drauf, was du willst! Am meisten scheiß ich aber auf dich! Such dir 'nen anderen Sklaven und lass mich in Ruhe. Kannst die Kohle behalten. Auch meinen Anteil davon. Geht mir am Arsch vorbei!«
Statt sich windender Augenbrauen war über Karls Gesicht eine grimmig-apathische Starre gekommen. Er kratzte sich das zottelige Kinn. Sein Fell erzeugte einen schmierigen Ton.
»Du warst noch nie der Schlauste, Arik. Hast schon immer ein paar Probleme gehabt mit dem Denken.« Er fischte gelangweilt etwas Schmalz aus seinem Ohr und rollte ihn zwischen den Fingerballen. »Du hast nicht zu entscheiden, was du machst. Bist du der Meinung, ich habe dich damals gefragt, ob du für mich arbeiten willst? Nö, ich hab gesagt, du arbeitest für mich. Punkt. Du hast 'ne völlig falsche Vorstellung, wie das hier läuft.«
Karls Mundwinkel hoben sich. »Glotz nicht so. Denkst du, du kannst hier im Haus rumspringen wie du magst? ›Ich scheiß auf dich Karl. Ich entscheide selber, was ich machen will. Unter meinen Freunden hab ich den längsten. Ich Kiffe wie ein Mann. Ich geh' zum Puff und ficke Nutten. Das heißt, dass ich jetzt ein großer Junge bin.‹ Wie alt bist du jetzt? Neunzehn? Das einzige was du alleine kannst, ist Gemischtwarenläden beklauen und Müll vom Schrottplatz mitgehen lassen. Und dann so tun, als wärst du der mit den dicksten Eiern. Respektieren dich deine bekifften Freunde? Oder haben sie bloß Angst vor dir? Nö, wahrscheinlich tun sie nur so, weil es lustig ist. Hör' auf so ein Witz zu sein.«
Ariks Magen brodelte. Er spürte, wie sich mit jedem schleimigen Wort von Karls dünnen Lippen ein weiteres Haar auf seinem Rücken aufstellte. Bald schon war sein ganzer Körper ein kribbelnder Wald aus Groll.
Das schlimmste war jedoch, dass Karl genau zu sehen schien, wie wütend Arik sein Gelaber machte. Der große Waschbär quittierte das mit einem schäbigen Grinsen.
»Du sollst nicht so glotzen«, mahnte er. »Heulst du etwa gleich?« Karl kramte seelenruhig eine Zigarette von einem Schränkchen und zündete sie an. »Das hier ist immer noch mein Haus und allein von der Rangordnung her bist du bloß ein Mieter.« Er zog und blies Arik den Qualm entgegen. »Was willst du ohne mein Geld machen? Ein paar Tankstellen ausrauben? Oder ziehst du lieber in den Park zu den Junkies und Strichern? Wenn du den Arsch schön hochhältst, wird sich vielleicht einer gnädig zeigen und dich für etwas Geld vögeln. Immerhin muss man von hinten nicht dein verheultes Gesicht sehen. Hatte deine Mutter nicht denselben Beruf? Sie hat mehr Zeit mit fremden Schwänzen verbracht als mit ihrem Sohn.«
Er nahm noch einen Zug und blies den Rauch durch die Nase. »So gut, dass die Schlampe endlich weg ist.«
Ariks Hände zitterten. Er wollte ruhig sein. Stark sein. Worte konnten ihm nichts anhaben. Waren nichts. Wieder lachte Karl und Arik bemerkte, dass es ihm nicht gelang. Ein abartiges Gefühl flutete seinen Körper und breitete sich in ihm aus wie Nervengift.
Worte ließen seine Ohren heiß werden. Sie ließen seine Nase juckte. Seine Lippen bebten. Es war Scham. Widerlich und heiß wie Feuer. Mit jedem von Karls Blicken brannte es stärker.
»Stück Scheiße«, fauchte Arik.
Als ob Karl nicht selbst im Dreck badete. Seine »Schlampen« haben ihn auch alle verlassen. Konnte man ihnen nicht verübeln.
»Was ist mit deinem Sohn?«, zischte der junge Waschbär. »Du scherst dich auch nicht um ihn. Stattdessen vögelst du rum und setzt noch mehr Hurensöhne in die Welt.«
»Geht dich 'nen Scheißdreck an, was ich mit Niklas mache.« Er zog. »Aber ich hab bemerkt, dass du was für ihn übrig hast. Stimmt's?«
Arik wich seinem Blick aus. Er starrte gegen den Türrahmen und ließ bloß seinen Nasenrücken zucken.
»Du bist mindestens so verweichlicht wie du blöd bist«, meinte Karl. »Glaubst du, du könntest irgendwas für ihn tun? Dass Niklas irgendwann mal was Besseres sein könnte als die anderen? Das ausgerechnet du ihm zeigen kannst, wo's langgeht? Oder quälst du ihn bloß gerne und machst ihm falsche Hoffnungen? Dass alles gut werden wird, wenn er bloß groß und stark wird. So wie du? Genauso'n Verlierer? Oder ist er für dich so etwas wie ein kleines Haustier? Geilst du dich an ihm auf? Ist das was für dich?« Arik explodierte und all seine Geduld wurde mit einem Schwall Wut weggespült. Er fauchte bestialisch und spreizte seine Finger zu einer dornigen Pranke. Er ließ sie auf Karls Gesicht zuschnellen. Dieser schlug Ariks Arm mit dem Ellenbogen beiseite und griff in derselben Bewegung nach seinem Handgelenk.
Bevor der junge Waschbär reagieren konnte, wurde sein Arm und Oberkörper verdreht und stechender Schmerz fuhr in seine Schulter. Er versuchte sich dagegen zu stemmen, aber es wurde nur schlimmer.
Beide verharrten für einen Moment in der Position. Karl leerte den Qualm aus seinen Lungen. »Und jetzt, Kleiner?«, fragte er und lachte.
»Wichser«, brummte Arik.
Karl drückte seinen verdrehten Arm weiter durch. Der junge Waschbär keuchte. Er versuchte dagegen anzukämpfen, aber war zu schwach.
Er beugte sich nach unten, um den Schmerz zu mildern. Dadurch verlor er Halt und Karl packte ihn mit der anderen Hand im Nacken, drehte ihn herum und drückte ihn mit Leichtigkeit weg.
Arik wusste nicht einmal was passierte, als er plötzlich die Kante des Türrahmens auf sein Gesicht zufliegen sah. Mit lautem Knall schlug seine Stirn dagegen.
Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Er verlor fast das Gleichgewicht, aber Karl hielt ihn fest. Er zog ihn zurück und schlug seinen Kopf erneut gegen den Rahmen. Mit der Stirn auf die Kante.
In Ariks Kopf drehte sich alles. In seinen Ohren lag ein Dröhnen. Mit jedem weiteren Schlag flammten kurz gelbe Blitze in seinen Augenlidern auf.
Er sah Fragmente des Türrahmens, wie er immer wieder auf ihn zukam. Keine Ahnung wie oft es passierte. Zu schnell. Zu schwarz.
Dann sah er plötzlich den Holzboden vor seinem Gesicht und ein weiterer Knall ließ seinen Kopf erbeben. Es fühlte sich an, als würde er gespalten werden.
Dann lag er am Boden. Der stechende Schmerz ließ ihn zucken. Seine Arme und Beine zitterten und verkrampften sich, als wollte sein Körper die Schmerzen abschütteln. Seine Faust schlug immer wieder gegen das Holz, wie ein gequälter Automatismus, der das Dröhnen und Stechen exorzieren wollte.
Seine Augen brannten. Er konnte sie kaum öffnen. Seine Lippen waren feucht und er hustete. Rote Pünktchen waren überall auf den Boden gespritzt und jedes Mal wenn er es schaffte, seine Lider aufzuzwingen, waren es mehr geworden.
Er lag da und keuchte. Sein Kopf fühlte sich so schwer an, als hätte jemand einen Backstein auf seine Stirn gebunden.
»Wie ich gesagt hab«, hörte er Karls Stimme von irgendwo, »warst noch nie der Schlauste. Manieren hast du auch keine. Die hätte dir dein Vater beibringen sollen, statt Leute zu beklauen. Dann wäre er für dich da gewesen und nicht im Knast. Aber es sieht so aus, als kämst du trotzdem nach ihm. Vielleicht landest du auch im Kittchen. Frag mich, ob du dich dann auch erhängst, weil du's nicht aushältst. Die Feigheit hast du ja von ihm geerbt. Und die Überheblichkeit. Ich wette er war 'ne gute Schlampe für die anderen Knastis. Da hat er gelernt, wo sein Platz ist.«
Arik keuchte und hustete. Blut lief in seine Nase und er schnäuzte es aus.
Karl schnippte die Kippe davon. Sie landete auf Ariks Hinterkopf und fiel dann in die Blutpfütze, wo sie mit einem leisen Knistern gelöscht wurde.
»Zurück zum Thema, bei dem du mich so taktlos unterbrochen hast: Die neuen Lieferungen gehen nicht über mich, sondern werden von dir abgeholt und direkt verteilt. Keine Zwischenlagerung mehr. Nur falls du's immer noch nicht verstanden hast: Ich frage dich nicht, ob du eventuell vielleicht ein wenig Lust hättest gelegentlich mal was für mich zu tun — Nein, du tust was ich dir sage und schiebst dir deine Arroganz in den Arsch. Schade, dass ich bei Einfaltspinseln wie dir erst handgreiflich werden muss, aber anders kapierst du's scheinbar nicht.«
Ariks Wut konnte den Schmerz überwinden und er stemmte die Hände gegen den Boden. Er schwankte, als wäre er auf einem alten Kahn.
Stück Scheiße.
»Und wenn es dir noch nicht gereich hat«, drohte Karl, »komm vorbei und ich brech' dir das nächste Mal irgendwas. Eventuell den Pimmel. Dann machst du vielleicht keinen auf dicke Hose mehr. Und noch was — «
Durch Ariks Körper schoss sengender Schmerz, als Karl seinen Fuß in Ariks Hoden versenkte. Ein Schwall aus Höllenqualen bohrte sich durch seinen Unterleib, die Wirbelsäule hinauf bis in seinen Kopf, wo er reflexartig Speichel und Rotz ausspie. Sein Körper zog sich zusammen und alle Kraft wurde aus seinen Armen gesogen.
Er stürzte zurück auf den Boden. Die explodierenden Schmerzen stachen in seinen Magen, dessen beißender Inhalt sich in seine Speiseröhre drückte. Er verschluckte sich fast daran und spukte ihn aus. Er schnappte nach Luft. Sein ganzer Körper bebte und verkrampfte, als wollte er sich in eine kleine Murmel aus Schmerz zusammenziehen und in einem Schwarzen Loch versinken.
»Nur damit du weißt, dass du mir das nächste Mal nichts ins Gesicht wirfst, Arschloch! Vielleicht lernst du endlich, dass alles Konsequenzen hat. Dass du nicht einfach mal so dein Maul aufmachst, wenn dir irgendein kleiner, dummer Gedanke gekommen ist. Weil du meinst, du wärst der geilste. Du bist bloß irgendein Kind, das im eigenen Blut liegt und sich bekotzt hat. Die Realität tut weh, nicht? Lern es. Leb danach.«
»Und wag es nicht noch mal, dich einzumischen, wie ich Niklas erziehe!«, fuhr Karl fort. »Du lässt deine Pedofinger von ihm. Weißt du was; ich werd' ihn von dir grüßen und ihm eine blutige Nase verpassen. Wie findest du das? Das ist allein deine Schuld. Hättest du nur die Klappe gehalten, nicht war? Was wirst du dagegen tun?«
Arik keuchte und drückte noch immer Mageninhalt zwischen seinen Zähnen durch.
»Gar nichts. Richtig. Guter Waschbär.«
Dann hörte er, wie die Tür zugeworfen und verriegelt wurde.
Er lag da und beobachtete gedankenlos die bunten Schmerzblumen, die mit einem Dröhnen vor seinen Augen aufblühten und verdorrten, während hinter der Tür das Stöhnen und Grollen wieder eingesetzt hatte. Sein Körper fühlte sich schwer und unbeweglich an. Jeder Atemzug stach in seiner Brust.
Man kann leicht dem Irrglauben verfallen, Waschbären seien Tunichtgute, die bloß krumme Dinger drehen wie Ratten, nur große Töne spucken wie Köter und sich stets allein den schäbigsten Aktivitäten hingeben wie Wiesel.
Sie mögen trickreich sein und auch dem Flunkern nicht abgeneigt, aber wenn ein Waschbär sein Wort gegeben hat, dann steht es unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung. Dann ist er stur wie ein Bär und kämpferisch wie ein Wolf — beides entfernte Verwandte.
Ein gefällter Entschluss ist keine unstete Laune, sondern ein Versprechen und eine Drohung.
Und während er am Boden lag, hatte Arik einen Entschluss gefasst. Er brannte in seiner Brust wie eine achtlos weggeworfene Kippe, die trockenes Laub entzündete und sich rasch in einen sich aufbäumenden Feuersturm verwandelte. Unersättlich verschlang er alles Vertrocknete und Verwahrloste, den ganzen Schmerzenwald aus Ariks Vergangenheit. Er vertrieb die Schatten und den Dreck mit einer euphorischen Wut, die seinen Körper mit sengender Hitze füllte und ihn zwang, sich vom Boden in die Höhe zu drücken.
Sein Gehirn sah dem Ganzen nur apathisch zu und schien in einer anderen Welt zu schweben.
In seinem Kopf drehte sich alles. Mehrmals rutschte er ab. Jede Bewegung verstärkte den Schwindel nur noch. Aber sein Körper ließ sich nicht beirren. Irgendwann bemerkte er, wie er am Fuß der Treppe angekommen war, den Rücken gegen die Wand gedrückt, um nicht erneut umzufallen. Mit jedem Schritt zog sich ein dumpfer Schmerz von seinem Steiß durch sein Rückgrat.
Endlich in seinem Zimmer angelangt ließ er den Hoodie von den Schultern rutschen und starrte in den Spiegel, aus dem das Gesicht eines Fremden zurückglotzte.
Dessen Fell war dunkel und verklebt. Über seine Augen, die Wangen hinab und bis zum Hals zogen sich die Muster irgendeines unbekannten Tieres, die in Braun und Rot schimmerten.
Sein Gesichtsausdruck war völlig teilnahmslos, aber er konnte sagen, dass sich hinter seinen Augen großer Schmerz verbarg, der ihm mit dem Dreck herunter lief.
War der Spiegel das Fenster zur anderen Welt? Lag dort auf der anderen Seite die Realität? Oder bloß ein stummer Alptraum, der wahr war?
Der Fremde ließ seine Finger über die Stirn wandern. Dort befand sich eine Furche im Fell, wo seine Haut aufgeplatzt war. Er drückte die beiden Hauthälften auseinander und ein weiterer Schwall Blut suppte zwischen seinen Augen herunter und über den Nasenrücken.
Wieder blitzte es um ihn herum und ihm wurde schlecht.
Die Gestalt sah wie der Bewohner einer schauerlichen Welt aus, in der es nur Winternächte gab. Das Neonlicht der Badezimmerlampe saugte alle Farbe aus ihrem Fell. Es wirkte fahl. Es schien kalt auf der anderen Seite zu sein.
Je länger Arik den Fremdling anstarrte, desto weniger Zorn schien in seinen roten Augen zu liegen. Die Schatten um sie herum wirkten traurig.
Der Anblick machte ihn ebenso traurig. Ein uraltes Gefühl legte sich in seine Brust. Lange war es her. Scheinbar noch nicht lange genug.
Das Surren seines Handys riss ihn vom Spiegel los. Er verließ das Bad und der Fremde tat es ihm gleich. Er verschwand in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Glases.
Eine Nachricht vom »König der Meroper«.
Arik brummte. Dummer Pudel.
In der Nachricht war nicht einmal Text, sondern bloß ein Link zu einem Musikvideo.
Er klickte ihn an und saß auf seinem Bett, als die Dunkelheit um ihn herum vom wütenden Dröhnen von Gitarren erfüllt wurde. Unter den zerrigen Rhythmus mischte sich das Singen von Geigen. Wie das Flehen einer Nixe vom Grund der endlos schwarzen, stürmischen See, die das Licht des Himmels herbeisehnte, das nicht bis zur ihr vordringen konnte.
Er ließ Musik und Dunkelheit um ihn wallen. Sie endete mit einem Geigensolo, das zwischen Trauer und Hoffnung schwebte und im Schatten zerfloss.
Er drückte auf den Replay-Button.
Und dann noch einmal.
Er sog Luft in seine Lungen und atmete aus.
Irgendwann würde er aus der Realität aufwachen.
End of chapter
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Update 2020-04-10