HALUNKEN (4) - Ger
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TAGE IM JUNI
Halunken
- 4 -
ARIK MAAS
Nach einer Minute öffnete sie sich erneut und Bossels Kopf tauchte wieder auf. Genauso mürrisch und misstrauisch blickend wie zuvor. Er war sichtlich unerfreut, dass der Waschbär immer noch dastand und zurückglotzte. In seiner Hand hielt er ein Döschen.
Schnell trat er die Tür wieder ins Schloss und verriegelte sie.
Durch den Türspalt hatte Arik noch mehr Regale mit Einmachgläsern sehen können. Diese waren gefüllt. Also hatte das Rote Wunder tatsächlich etwas mit Dornenfeigen und Ethanol zu tun.
Das Resultat schien aber keine einfache Flüssigkeit zu sein, denn der Inhalt des Döschens entpuppte sich als eine breiige Masse, von der Bossel Joas etwas reichte. Unter strenger Aufsicht vermengte Joas die Masse mit dem Wildbrät, würzte alles und strich es auf die Teigblätter.
»Den Teig mit Eiweiß bestreichen, sonst klebt er nicht!«, meckerte der Bock.
Arik sah der lustigen Vorstellung zu. Er hatte bereits genug gesehen und lächelte der Gams nur verschmitzt zu. Das schien den Bock nur noch argwöhnischer zu machen.
»Es braucht keinen Botaniker um zu wissen, dass du Dornenfeigen in dein Essen mischst.«
»Blödsinn«, entgegnete Bossel. »Dornenfeigen sind giftig. Das Rote Wunder ist meine ganz persönliche Mischung aus Rum und Mohn. Darum ›Rotes‹ Wunder. Völlig legal.«
Sicher doch. Wenn das die Wahrheit wäre, hätte Bossel drüber gelogen.
»Ich werde die Lebensmittelbehörde bitten, das nachzuprüfen.«
»Du sollst gar nichts tun! Das hier ist mein Restaurant und solange du in meiner Küche stehst, hat dein Arsch auf mich zu hören! Oder eigentlich hat sein Arsch auf mich zu hören!« Er deutete auf Joas. »Wenn du nicht verschwindest, schmeiß' ich dich und deinen Cousin hier raus. Dann kannst du zusehen, wo dein Geld bleibt.«
Arik konnte kaum erwarten zu sehen, wie der kleine Bock versuchte den Waschbär aus dem Restaurant zu werfen. Vielleicht würde er Anlauf nehmen und versuchen, ihn mit seinem Dickschädel vor die Tür zu schieben.
Joas fischte die gekochten Tortelloni aus dem Wasser und richtete sie auf zwei Tellern an. Er schob sie zur Durchreiche. Als die Häsin wieder auftauchte und Bossel sie fragte, wer das Gericht bestellt habe, deutete sie bloß nervös auf Arik.
Die Nase des Bocks zuckte grimmig und er zog die Teller weg, bevor das Langohr auf die Idee kommen konnte, sie auszuliefern.
»Das einzige was dieser Kerl hier bestellen darf ist Rattengift!«, meckerte er.
Er fuhr zusammen als sein Kommentar von lautstarkem Gelächter quittiert wurde. Caspars Kopf tauchte in der Durchreiche auf und er trommelte mit den Pfoten auf dem Holz. Er sah die Teller mit der Pasta und angelte sich einen.
Bossel stoppte ihn und musterte ihn argwöhnisch. So langsam schien es ihm in der Küche etwas zu voll zu werden.
»Und wer bist du?«, fragte er. »Nein, warte. Du siehst aus wie jemand, der auch Hausverbot haben sollte.«
Caspar blickte vom Teller auf. »Ich bitte um Verzeihung«, sprach er und sein Kopf verschwand wieder. Kurze Zeit später erschien er an der Tür, machte einen Schritt in die Küche, als betrete er eine Bühne, und unternahm eine Verbeugung.
»Ich vergaß mich vorzustellen. Caspar Saborowski.« Mit jeder Silbe breitete er seine Arme weiter aus.
Man konnte sehen, wie der Name einen Moment benötigte, um Bossels Gehirnwindungen zu entstauben. »Wie Bürgermeisterin Saborowski? Und der Typ vom Staatstheater?«
Caspar lächelte. »Genau. Wie die Bürgermeisterin und der Typ.« Er verharrte einen Moment in der vornübergebeugten Pose, als jedoch kein Applaus für seinen Auftritt kam, erhob er sich wieder, nahm sich erneut den Teller, funktionierte die Küche kurzerhand in ein Stehrestaurant um und schob sich eine der Teigtaschen ins Maul.
Caspars Magie zeigte wieder einmal ihre Wirkung, denn Bossel schien keine Ahnung zu haben, wie er auf den Pudel reagieren sollte. Er glotzte ihn bloß wortlos mit seinen großen, hervorstehenden Augen an.
Dann besann sich der Bock aber wieder auf das, was er am besten konnte, meckerte beide an, grunzte, dass sie Leine ziehen sollten und griff nach Caspars Teller. Der Pudel zog den Teller in die Höhe und der kleine Gamsbock hüpfte vor ihm herum wie ein Gartenzwerg, dem man das Zipfelmützchen geklaut hatte. Er befahl Joas, dem Köter den Teller wegzunehmen, aber der schien nicht einmal dran zu denken.
»An deiner Stelle würde ich den Sohn der Bürgermeisterin nicht so mies behandeln«, mahnte Arik. »Sonst erzählt er seinen Eltern vielleicht, dass in deiner Kneipe Pudel nicht erwünscht sind.«
Bossel blickte in an. »Was schwafelst du?«
»Stimmt, Speziesismus ist illegal«, kicherte Caspar und ließ eine weitere Teigtasche im Maul verschwinden.
Arik legte nach: »Die Bürgermeisterin und der Theaterleiter sind beide Pudel.« Er grinste fies. »Wenn sie hören, wie du mit Pudeln umgehst, fliegt dir die Presse um die Ohren.«
»Aber es geht doch gar nicht um Pudel — «, protestierte Bossel.
»Das interessiert doch keinen, wenn sie erst mal vor deiner Tür stehen und dich mit Dreck bewerfen. Danach kannst du deine Kneipe ja in einen Puff umwandeln, denn Essensgäste wirst du dann keine mehr sehen.«
Der Bock brummte zornig und hielt sich die Hörner. Vielleicht wären sie ihm sonst vom Kopf gesprungen. »Schön«, zischte er, »nehmt euer Gericht. Das geht aufs Haus. Dafür haut ihr gefälligst ab, haltet die Klappe und lasst mich in Ruhe!«
Caspar grinste, zog den anderen Teller zu sich und reichte ihm Arik. »Das ist wirklich sehr nett«, meinte der Pudel. »Vielleicht schau ich in Zukunft häufiger vorbei.«
Der kleine Bock war kurz davor zu platzen, dann zwang er sich, sein wütendes Geschrei herunterzuschlucken.
Beide verabschiedeten sich und verließen die Küche. Joas hatte dreingeblickt, als wäre er ihnen liebend gerne gefolgt. Sein Pech, wenn er sich für Bossel prostituierte.
Arik blieb im Nebenraum vor den Regalen stehen.
»Keinen Hunger?«, fragte Caspar und starrte auf seinen Teller.
Der Waschbär schüttelte den Kopf und bediente sich aus einem Regal an einer Plastiktüte. »Wenn ich zu viel von dem Zeug esse, bekomm ich scheiß Kopfschmerzen.« Er warf eine Hand voll Tortelloni in die Tüte und verschloss sie. Den Rest kippte er auf Caspars Teller. Die Tüte verschwand in seiner Jackentasche.
Als stünde er im Supermarkt an der Früchtetheke, zog er eine zweite hervor und pflückte einige Samenkapseln der in den Kisten liegenden Dornenfeigen. Er zischte als er schmerzlich daran erinnert wurde, woher die Pflanzen ihren Namen haben. Die kastaniengroßen Samenkapseln waren mit langen Stacheln besetzt, die sich auf den weichen Fingerballen des Waschbären besonders scheußlich anfühlten. Er füllte die Tüte und verstaute sie in der anderen Tasche. Bossel würde sie sicher nicht vermissen.
Caspar schaufelte die restliche Pasta in sein Maul. Der dürre Pudel konnte es sicher gebrauchen, damit sein Haar noch größer und stärker würde. Den Teller stellte er auf ihrem Tisch ab und ließ im Austausch die Flasche Wein mitgehen. Immerhin ging sie ja auch aufs Haus, nicht?
Er winkte beim Verlassen des Lokals der Empfangsdame zu, die ihn enthusiastisch ignorierte.
»Und?«, fragte Arik während sie die Promenade entlang schlenderten. »Das ›Rote Wunder‹ mundet?«
»Irgendwie bitter«, gab Caspar zurück und nahm einen Schluck Wein. Er reichte Arik die Flasche, der ebenfalls daran nippte. Er verzog das Gesicht. Dafür war der Wein zu süß.
»Irgendwelche Effekte?«
Caspar überlegte für einen Moment und kraulte seinen Nacken. »Keine Ahnung. Mir ist warm und mein Fell kribbelt an bestimmten Stellen. Hilfst du mir kratzen?«
Er ließ sich gegen Arik fallen. Der Waschbär drückte ihn weg und rammte ihm den Ellenbogen in den Brustkorb. Caspar schnaufte, lachte und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. »Irgendwie ist der Himmel heute so schön gelb«, meinte er dann.
Sieh an, das Rote Wunder sorgte bereits für wundersame Eindrücke.
Arik zog die Tüte mit Samenkapseln hervor und betrachtete sie. Er fragte sich, ob Bossel etwas mit den Samen anstellte. Der Waschbär hatte nie versucht sie zu kosten. Für gewöhnlich waren die Blätter und Blüten von Interesse.
»Planst du einen kleinen Garten anzulegen?«, fragte Caspar.
»Vielleicht.«
Womöglich war Ayko in der Lage zu sagen, wie Bossel die Masse in den Teigtaschen zubereitet hatte. Immerhin kochte sich Ayko allen möglichen Scheiß selbst zusammen. Zumindest musste es irgendetwas mit Ethanol zu tun haben. Bossel war zwar nicht blöd, aber auch kein Chemieprofessor. Wenn er in der Lage war das Gift loszuwerden, würde es für Ayko ein Kinderspiel sein.
Caspar grüßte jemanden. Arik ließ die Tüte hurtig verschwinden, entdeckte aber keine andere Person. Die Straße war völlig leer.
»Einer deiner Verwandten?«, fragte der Pudel. Arik blickte sich um. Niemand weit und breit.
»Roch zumindest wie du.«
»Der einzige hier der nach mir riecht bin ich«, gab Arik zurück. »Ich muss noch was erledigen«, verkündete er dann.
»Schade. Ich dachte wir trinken den Wein, suchen uns irgendwen zum Zusammenschlagen und ficken dann 'ne Rune.«
Caspar ließ sich erneut gegen Arik fallen und plötzlich hatte er seine Lippen auf der Wange. Arik fuhr zusammen, drückte ihn weg und schlug ihm ins Gesicht. Der Pudel stolperte nach hinten und krümmte sich. Er hielt sich das Gesicht, sah auf und begann dann zu lachen.
So langsam glaubte Arik, dass Lachen, Kichern oder Grinsen seine Reaktionen auf jeden Umstand waren.
Arik beschloss den Vorfall auf die Doppelportion Dornenfeigen zu schieben und ignorierte ihn. »Ich muss morgen einige Dinge besorgen«, erklärte er stattdessen. »Dabei brauch ich deine Hilfe.«
»Okay«, entgegnete Caspar und gluckste weiter. »Und ich suche mir bis dahin jemand anderes zum Trinken. Vielleicht der Typ von eben, der wie du roch.« Er winkte mit der Flasche zum Abschied, zog sich die Kopfhörer über die Ohren und bummelte die Straße hinab.
Arik blickte ihm nach und angelte sich eine Zigarette aus der Tasche. Der gestörte Pudel könnte Probleme verursachen. Andererseits konnte Arik seine Hilfe tatsächlich gut gebrauchen. Und sein Geld.
Der Waschbär setzte sich in Bewegung und verschwand in die andere Richtung.
Er sc Arik hatte nichts von den Dornenfeigen zu sich genommen. Trotzdem war sein Kopf voll davon. Der Gedanke an die Herstellung seines eigenen Stoffes ließ ihn nicht los. Er hatte noch keine Ahnung wie er es anstellen würde, aber er hatte die Schnauze dermaßen voll von Karl und seinen Schikanen. Er wollte einfach nur raus aus Karls Klauen. Ihm sagen, dass es vorbei war. Ihm sein stinkendes Wieselgeld ins Gesicht schleudern. Das Bisschen. Er würde gar nicht glücklich über die mickrigen Einnahmen sein. Aber Arik konnte daran nichts ändern. Das war Karls Problem. Eines, das er wieder auf den jungen Waschbären schieben würde, wenn Arik ihm nicht endlich in den Arsch trat und Leine zog.
Eine leichte Brise war aufgekommen und schob einige Blätter und Müll durch die nächtlichen Straßen. Das Waschbärenhaus lag so still da wie immer. Abgesehen von der letzten noch funktionierenden Laterne war es unbeleuchtet und machte einen trügerischen, verlassenen Eindruck.
Arik warf einen Blick die Fassade empor. Im letzten Stock schimmerte etwas Licht durch die Spalte der Rollläden. Das hieß, dass Karl zuhause war und nicht wieder in irgendeiner Bar abhing.
Er malte sich aus, wie er ihre Zusammenarbeit endlich kündigen würde. Wie das dumme alte Waschbärengesicht aussehen würde. Welche Wörter er benutzen würde.
»Fick dick«, war elegant und einfach. »Schieb dir den Dreck in den Arsch«, war bildhafter. »Halt die Fotze«, ging schön rhythmisch über die Lippen.
Der Penner. Der Schwanzlutscher. Das Sackgesicht. Das Pissbecken.
Es war lange her, dass Arik sich so sehr auf die Begegnung mit Karl gefreut hatte. Dass er ihm endlich sagen würde, er könne seinen Scheiß allein verticken.
Die Hausflure waren dunkel, aber nicht verlassen, denn hinter verschlossenen Türen konnte man das nächtliche Treiben der Sippschaft hören. Fernseher murmelten in der Ferne, leises Gelächter von der einen Seite, auf der anderen wurde scheinbar randaliert, stampfende Schritte über ihm und am anderen Ende des Flures wurde gevögelt.
Der letzte Stock stellte im Haus eine Besonderheit dar, denn im Vergleich zu den darunter liegenden machte er einen fast luxuriösen Eindruck. Er war kaum verwüstet und auf einigen Resten der Tapete konnte man noch immer das altmodische Rankenmuster erkennen. In einer Ecke stand ein verstaubtes Schränkchen, das auch bislang weder entwendet noch angezündet worden war. Es roch lediglich ein wenig nach Pisse.
Leute irren sich, wenn sie glauben, Waschbären haben sich der Reinlichkeit verschrieben. Nur weil man sein Essen ins Wasser taucht, heißt es nicht, dass es danach sauber ist. Es kommt immer darauf an, wer zuvor hineingepinkelt hat.
Waschbären sind nicht mehr als große Ratten, auch wenn sie sich das nie eingestehen würden. Und Waschbärennester sind müffelnde Löcher, in denen alles gehortet wird, das nicht von alleine abhauen kann. Ist einem sarkastisch zumute, könnte man diese Stinklöcher auch als das Wunderland bezeichnen, da man sich nur wundern kann, was einem im verworrenen Irrgarten aus Müll so alles begegnen konnte.
In Ariks Fall war es heute ein halbes Fahrrad — und da der Besitzer scheinbar festgestellt hatte, dass man damit nur schwer im fünften Stock fahren konnte, stand es jetzt wie ein avantgardistischer Weihnachtsbaum auf dem Fensterbrett und war mit Unterhosen behangen.
Selbst an kleinen Kunstprojekten wie diesem konnte man die Liebe der Waschbären zur Tüftelei und Pragmatik erkennen, denn keine andere Weihnachtsdekoration konnte gleichzeitig als Wäschespinne eingesetzt werden.
Im Flur war es ungewöhnlich still und hinter den Türen schien sich nichts zu regen. Arik betrat den letzten Stock fast nie und wusste nicht, wer die Wohnungen dort besaß oder ob sie leer standen. Es hätte ihn aber nicht gewundert, wenn Karl den ganzen Stock für sich allein nutzte.
Das Apartment des alten Waschbären befand sich genau in der Mitte. Neben der Tür standen einige gefüllte Müllsäcke. Für gewöhnlich wurden sie einfach in den Aufzugsschacht geworfen, aber wahrscheinlich war Karl selbst dafür zu faul.
Arik hob die Ohren um sicherzustellen, dass der Herr tatsächlich daheim war. Das war er auch. Sogar in Begleitung, denn von jenseits der Tür drang eifriges Gestöhne.
Jede Fellträgerart gab ihre ganz eigenen Lustlaute vor sich, die für Vertreter anderer Arten im besten Fall als belustigend und im schlechtesten als verstörend wahrgenommen wurden. Bei Waschbären war es eine sonderbare Mischung aus Gackern, Glucksen und Grollen, das ständig zwischen Rausch und Raserei zu wechseln schien. Der Schreihals dabei war stets das Weibchen, das neben Zischen und Grollen beim Orgasmus auch gerne mal seine Zähne im Hals eines Typen versenkte und nicht mehr los ließ, bis der Akt vollzogen war. Und Waschbären konnten gut und gerne eine Stunde beschäftigt sein.
Arik hämmerte gegen die Tür und ging sicher, dass sein Klopfen das Gekreische übertönte. Sicher kam er Karl im Moment ziemlich ungelegen — mehr als sonst — aber es bereitete ihm große Freude, das Arschloch genau dann zu stören, wenn es am schönsten war.
Das Hämmern schien ihm aber herzlich egal zu sein.
»Es geht um dein Geld!«, rief Arik und schien damit endlich Karls Aufmerksamkeit erregt zu haben. Geld war eben doch wichtiger als Triebbefriedigung.
Hinter der Tür war Tumult zu hören. Dinge wurden beiseite geschoben und Flaschen rollten über den Boden. Der schwache Lichtschein im Türspion verschwand, als Arik gemustert wurde. Kurz darauf wurde die Tür entriegelt und aufgezogen.
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Update 2020-04-10