Drachenauge - Kapitel 10: Konsequenzen
Kapitel 10 von 24
Ich wünsche viel spaß beim lesen und freue mich über jede Art von Komentaren und Kritik
Gruß
Turmalon
Das Rak'Zunaih Geduld hatte, musste er in den letzten Jahren zu genüge unter Beweis stellen. So konnte er es auch dieses Mal nur abwarten, bis Turmalon endlich auftauchte. Mürrisch haftete sein Blick auf dem Durchgang, der zu dem verwirrenden Tunnelsystem führte. Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis er dort in der Dunkelheit wieder herausgefunden hatte. Nun saß er in einer kleinen Nische, von der er die gesamte Höhle einsehen konnte und von der er sich sicher war, dass man ihn nicht sofort entdeckte.
Immer wieder hatte er den Aufenthaltsort von Turmalon mit Hilfe der Drachenträne überprüft. Dabei kam er zu dem Schluss, dass sich der Drache noch immer irgendwo innerhalb der Tunnel befand.
„Dieser Drache strapaziert so langsam meine Geduld!“, zischte Rak'Zunaih leise und griff nach seine Feldflasche. Doch als er sie an seine Lippen ansetzte um einen Schluck Wasser daraus zu nehmen, viel ihm wieder ein, dass er sie bereits geleert hatte.
Ein weiteres Mal konzentrierte er sich auf die Träne. Er hegte schon beim letzten Mal den Verdacht, dass Turmalon seit einiger Zeit am selben Ort verweilte.
„Hält er etwa einen Mittagsschlaf oder besteigt er gerade das Weib?“, stieß Rak'Zunaih verärgert hervor. Der Gedanke an das Besteigen brachte ihn auf einige weitere Ideen, wie er sich an den beiden rächen konnte. Bisher wollte er nicht riskieren, dass Turmalon in seiner Abwesenheit auftauchte und wagte es daher nicht sein Versteck zu verlassen, nur um seine Feldflasche wieder aufzufüllen. Da er sich nun aber sicher sein konnte, dass der Drache in nächster Zeit hier nicht auftauchen würde, kroch der Lyzarie aus seinem Versteck und ging zum Ausgang des Hortes.
Draußen herrschte mittlerweile eine brütende Hitze und die Sonne heizte die Felsen so stark auf, dass man es kaum aushalten konnte. Rak'Zunaih eilte zum Teich, um seinen Wasservorrat wieder aufzufüllen und dann schnell zurück in die kühle Höhle zu verschwinden.
Rak'Zunaih tauchte seine Feldflasche in das kühle Nass und schöpfte mit seinen Händen etwas Wasser, um sich direkt daran zu erfrischen. Da es im Schatten der Bäume, die um das Gewässer herum wuchsen, wesentlich angenehmer war, beschloss er hier noch einen Moment zu verweilen. Während sein Blick über den Rand des Plateaus schweifte, ging er abermals in Gedanken, sein weiteres Vorgehen durch. Schließlich konnte er es sich nicht mehr leisten, noch mehr Zeit mit der Verfolgung dieses Drachen zu verschwenden. Daher durfte er auch keinerlei Fehler mehr machen.
Erst als das gluckern der Flasche verstummte, richtete sich Rak'Zunaih Aufmerksamkeit wieder dem hier und jetzt. Er griff nach ihr und hängte sie wieder an ihren Platz an seinem Gürtel.
Nur um sicher zu gehe, dass Turmalon in der Zwischenzeit nicht doch wieder zurückgekommen war, nutzte er ein weiteres Mal die Drachenträne.
Knurrend steckte Rak'Zunaih den Stein zurück in die Tasche. Er wusste nicht, ob er sich freuen soll, dass er ohne Probleme wieder in sein Versteck konnte, oder ob es ihn ärgerte, weiterhin auf den Drachen warten zu müssen. Erst als er sich darauf einigte, dass es wohl eine Mischung aus beidem sei, bemerkte er, dass ihn irgendetwas störte. Vom Eingang der Höhle aus viel ihm auf, dass die Nische in der er saß, eher zur Außenseite des Berges wies und nicht, wie er annahm, zum Berginneren.
Sofort machte Rak'Zunaih kehrt und rannte wieder eilig nach draußen. Vom Rand des Plateaus suchte er die unter ihm liegende Landschaft ab. Dabei wäre er beinahe die Klippe hinuntergestürzt, als er Turmalon entdeckte und deswegen einen Schritt nach vorne machte, um ihn sich genauer anzusehen. Er konnte das Bild, welches ihm sich hier bot nicht fassen. Mitten in einem Dorf der Menschen lag der Drache und schien in aller Ruhe in der Sonne zu dösen. Am schlimmsten war für Rak'Zunaih allerdings, dass sich offenbar niemand daran störte.
„Habt ihr einfältigen Menschen nach einem Jahrhundert etwa schon wieder vergessen, was die Drachen hier damals angerichtet haben?“, schrie er beinahe den Berg hinunter, konnte sich aber zurückhalten.
Dies wiedersprach all dem, was er bisher mitbekommen hatte. Während er Turmalon für seine Zwecke ausbildete, kamen sie oft an die Grenzen seiner Heimat. Selbst wenn man von den giftigen Tieren und Insekten absah, waren die Sümpfe ohnehin schon nicht der gesündeste Ort für einen Menschen. Dennoch kam es immer mal wieder vor, dass ihnen einer über den Weg lief. Was sie dort zu suchen hatten, interessierte Rak'Zunaih nicht. Aber sobald der Mensch den Drachen erblickt hatte, erstarrte er meist vor Schreck oder versuchte zu flüchten. Andererseits hatten sie auch allen Grund dazu sich zu fürchten. Schließlich musste sich Turmalon seine Mahlzeiten verdienen! Zumal wollte Rak'Zunaih noch nicht, dass sich die Kunde verbreitete, dass es hier Drachen gab. Es wäre nicht hilfreich gewesen, wenn plötzlich eine Arme einmarschiert wäre um sie zu jagen.
Rak'Zunaih wusste daher nicht was er davon halten sollte. Erst dieses Weib, das ihn begleitete und ihm sogar half. Und nun ein ganzes Dorf, welches ihn scheinbar ohne Furcht in seiner Mitte aufnahm.
Der Lyzarie überlegte noch, ob er weiterhin im Hort auf den Drachen warten sollte. Denn dieser würde mit Sicherheit wieder herkommen. Oder ob er ins Dorf hinunter gehen sollte. Schließlich hatte er aber eine Idee, wie er diesen Dorfbewohnern möglicherweise klar machen konnte, welch großen Fehler sie begangen hatten und machte sich sogleich an den Abstieg.
Erleichtert stellte Turmalon fest, dass er mit seinem rechten Auge, welches vom Gift der Spinne getroffen wurde, langsam wieder etwas sehen konnte. Zwar war noch alles verschwommen aber er war sich sicher, dass dies mit der Zeit auch wieder besser würde. Ebenso nahm sein Geruchssinn wieder die ersten Gerüche wahr. Denn das erste was ihm in die Nase kam, war wie irgendwo, jemand etwas zu essen zubereitete. Dies erinnerte ihn daran, dass er selbst wieder etwas zu sich nehmen könnte. Es war zwar nicht nötig, dass er wie Rianna jeden Tag etwas fressen musste, jedoch war seine letzte Mahlzeit nun bereits zwei Tage her.
„Rianna!“, erinnerte er sich schlagartig wieder an das was passiert war und sprang auf. Überrascht schnappten einige Dorfbewohner, die um ihn herum standen, nach Luft und wichen einige Schritte zurück. Turmalon sah in die beunruhigt dreinschauende Gesichter, als er die Menschen um sich bemerkte. Allerdings ignorierte er sie und suchte durch das Fenster, vor dem er lag, nach Rianna. Es bedrückte ihn, dass er nicht direkt nach ihr gesehen hatte. Seine Sorgen waren allerdings unbegründet. Rianna lag noch immer schlafend in dem Bett, in das Viktor sie am Morgen gelegt und untersucht hatte. Doch weder ihn noch seine Frau konnte er irgendwo entdecken. Dennoch nahm er an, dass Rianna unter ihresgleichen in Sicherheit sei und er, ohne sich Sorgen machen zu müssen, auf die Jagd gehen konnte.
Turmalon suchte nach einer geeigneten Stelle, von der sich aus in die Lüfte erheben konnte. Dabei fiel ihm ein Gruppe Dorfbewohner auf, die sich abseits von ihm, am Rand des Dorfes versammelt hatte. Unter den Leuten erkannte er sowohl Viktor als auch Hotrik. Für Turmalon war es klar, dass sie sich über ihn unterhielten, da sie in seine Richtung gestikulierten. Der Drache hoffte, dass sich Rianna schnell wieder erholen würde, so dass er wieder von hier weg konnte. Womöglich würde er auch erst morgen früh wieder kommen und bis dahin im Hort verweilen. Dann hätte sowohl er als auch die Bewohner ihre Ruhe.
Innerhalb des Dorfes war nirgendwo ausreichend Platz, um gefahrlos los zu fliegen. Er bewegte sich weiter von der Gruppe weg an den Rand des Dorfes, das am Ufer lag. Als er an der letzten Hütte vorbeigegangen war, breitete er seine Schwingen aus. Mit einem kräftigen Sprung und einigen ebenfalls kraftvollen Schlägen seiner Flügel, erhob er sich in die Luft. Erstaunt beobachteten ihn dabei einige der Dorfbewohner, die sich aber wegen des aufgewirbelten Staubes wegdrehten.
Kurz flog er auf die offene See hinaus, wendete dann aber in einer engen Kurve und flog über das Dorf hinweg Richtung Landesinnere. Doch kaum schwebte er über die ersten Gebäude hinweg, durchzog ihn ein wohlbekannter und ebenso verhasster Schmerz. Sein ganzer Körper verkrampfte. Seine Schwingen konnte er mit aller Anstrengung gerade so in einer Position halten die zumindest dafür sorgte, dass er nicht wie ein Stein vom Himmel fiel. Dennoch konnte er sich auch nicht oben halten.
„Wie ist das möglich?“, war sein letzter Gedanke, bevor er in eine der Hütten krachte.
Rak'Zunaih verfolgte nur beiläufig die Diskussion, welche er entfacht hatte. Sein eigentliches Interesse lag nur wenige Schritte von ihm entfernt und schlief. Er hatte den Dorfbewohnern erzählt, dass er beauftragt wurde diesen Drachen zu fangen und nach Königsburg zu bringen. Auf die Frage, wieso er das sollte, sagte er, dass dieser Drache schon in einigen Teilen des Landes sein Unwesen getrieben hatte. Zuletzt griff er einige Höfe in der näheren Umgebung an. Weiter versuchte Rak'Zunaih den hier lebenden Menschen einzureden, dass er bei diesen Angreifen leider zu spät auftauchte und den Drachen erst in seinem Hort stellen konnte. Dort gelang es der Echse allerdings ihm zu entkommen und es hatte einige Zeit gedauert, bis wieder nach draußen gefunden hatte.
Nach dem Rak'Zunaih mit seiner Erklärung fertig war entbrannte eine Diskussion zwischen dem Mann, welchen ihn zuvor aufgehalten hatte und dieser Geschichte eher skeptisch gegenüberstand, und einem anderen, der sich in Rak'Zunaihs Ausführungen bestätigt fühlte.
„Diese Diskussion führt zu nichts Hotrik!“, sagte der Mann, von dem Rak'Zunaih glaubt mitbekommen zu haben, er heiße Viktor. „Erklären sie uns lieber wieso er nicht weiter geflohen ist als bis hier her? Also wenn ich wüsste, dass mich jemand verfolgt, dann würde ich so weit wie möglich wegrennen und nicht nur einen Steinwurf entfernt.“
„Woher soll ich denn wissen was in dem Kopf dieses Drachen vorgeht!“, zischte Rak'Zunaih gelassen. Diese Antwort schien die Leute um ihn zu überraschen. Offenbar hatten sie damit gerechnet, dass nun eine weitere Erläuterung der Geschehnisse folgte.
„Wieso sich eine Geschichte ausdenken und womöglich immer neue Fragen aufwerfen, wenn die Wahrheit doch alles beantwortet!“, dachte sich Rak'Zunaih hämisch, ließ sich aber nichts anmerken.
Denn eines wusste er tatsächlich nicht, nämlich das was Turmalon dachte.
Nach dem für die beiden Männer klar war, dass dies alles war was Rak'Zunaih zu sagen hatte, begannen sie wieder miteinander zu diskutieren. Daran änderte sich auch nichts, als sie bemerkten, das Turmalon aufgewacht war. Der Lyzarie fragte sich, ob der Drache ihn erkannte hatte, nachdem er kurz in die Richtung der Gruppe gesehen hatte und danach in die entgegengesetzte Richtung verschwand.
„Du entkommst mir nicht mehr!“, dachte Rak'Zunaih und griff mit der rechten Hand in die Hosentasche in der er die Drachenträne aufbewahrte. Er wartete jedoch noch einen Augenblick ab um zu sehen was Turmalon vorhatte. Wie erwartet schwang er sich in die Luft und wollte das Dorf überfliegen.
„Perfekt!“, flüsterte Rak'Zunaih kaum hörbar und fügte anschließend einige Worte in seiner Sprache hinzu. Zufrieden beobachtete er wie der Drache sich nicht mehr in der Luft halten konnte und dem Boden immer näher kam. Dabei sah er sogar so aus wie wenn er bei der Jagt ein Beutetier entdeckt hatte und sich nun darauf stürzte. Diesen Anblick konnte Rak'Zunaih natürlich nicht ungenutzt lassen und rief laut: „Er greift an!“
Irritiert sahen Viktor und Hotrik ihn an. Wegen ihres Wortgefechtes, hatten sie nicht einmal bemerkt, dass Turmalon losgeflogen war. Erst der Lärm, die das berstende Holz der einstürzenden Hütte verursachte, ließen sie seine Worte begreifen.
„Mein Haus!“, schrie von irgendwoher ein Mann und lief auf die Überreste seines ehemaligen Heim zu.
Für eine kurze Zeit erhöhte Rak'Zunaih die Intensität des Zauber, den er auf Turmalon wirkte und ließ ihn gänzlich abklingen, nach dem der Drache eine lautes Brüllen von sich gegeben hatte. Schon immer versuchte er den Schmerz, den Rak'Zunaih im auf dieses weise zufügte im Stillen zu ertragen. Aber auch er hatte seine Grenze und wo diese lag, wusste der Lyzarie nur zu genau.
Der laute Schrei des Drachen hatte die Menschen, die zur eingestürzten Hütte gelaufen waren verunsichert. Einige haben sofort kehrt gemacht und sind in alle Richtungen davon gelaufen. Jene die geblieben waren näherten sich nur noch langsam.
„Das wäre nicht passiert, wenn ihr mich gleich meine Arbeit hättet machen lassen!“, zischte Rak'Zunaih zu Viktor und Hotrik die noch immer fassungslos das ganze beobachteten und ging ebenfalls zu dem zerstörten Gebäude. Hotrik war der erste der wieder zu sich kam und stimmte der Aussage zu: „Das ist alles deine schuld Viktor! Du und deine Engstirnigkeit. Ich habe dich gewarnt und du kannst nur hoffen, dass keiner mehr in der Hütte war.“ Viktor schüttelte nur entsetzt den Kopf und folgte dann den Beiden.
Schwer atmend lag Turmalon zwischen den Trümmern. Erstaunlicherweise hatte er sich nicht verletzt, was wohl seinen robusten Schuppen zu verdanken war. Dennoch tat ihm sein ganzer Körper weh. Dies war jedoch nichts im Vergleich zu dem anderen Schmerz, den er ertragen musste und zum Glück jetzt wieder nachgelassen hatte.
„Steh auf!“, dachte er sich, „Du musst hier schnell weg!“ Turmalon musste nicht lange überlegen was passiert war, jedoch verstand er nicht wie Rak'Zunaih ihn finden konnte und vor allem, wie er an die Drachenträne gelangen konnte. Langsam kroch er aus dem Überresten und versuchte sich zu orientieren. Nichts in der Welt konnte ihn dazu bringen sich Rak'Zunaih wieder zu unterwerfen.
Um ihn herum hatten sich viele der Dorfbewohner aufgebaut. Einige schrien ihn an oder beschimpften ihn. Ihm war dies allerdings im Moment egal. Er musste weg von hier und wenn er mitten durch sie hindurch musste.
Als er jedoch von einem Stein getroffen wurde, schaltete bei Turmalon alles ab und wurde nur noch von seinem Instinkt geleitet. Weitere Geschosse prasselten auf ihn nieder. Kurz fauchte er die Werfer an und ging dann in geduckter Haltung knurrend auf sie zu. Eine Lichtkugel, die ihn plötzlich umkreiste, ließ ihn jedoch kurz zurückschrecken. Dann versuchte er mit dem Maul nach ihr zu schnappen, was ihm allerdings aufgrund der unvorhersehbaren Bewegungen der Kugel, nicht gelang.
Zwei weitere dieser merkwürdigen Lichter kamen auf ihn zu und begannen ihn ebenfalls zu umkreisen. Weiterhin wehrte er sich gegen sie und versuchte sie nun zusätzlich mit seinen Pranken wegzuschlagen. Doch es gelang ihm nicht. Dann blieben sie abrupt stehen und Turmalon durchzog wieder der verhasste Schmerz, den nur Rak'Zunaih ihm zuführen konnte.
Rak'Zunaih ging zu dem, sich am Boden krümmenden Drachen und kniete sich vor ihn hin. Er betrachtete kurz grinsend die drei Lichtkugeln, die nun über ihnen schwebten. Sie sollten lediglich für diese einfältigen Menschen dienen und sie glauben machen, dass die Lichter dafür verantwortlich waren, dass der Drachen nun ruhig gestellt war.
Er wandte sich Turmalon zu und entließ ihn ein weiteres Mal aus dem Griff der Träne.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du mir nicht entkommst!“, flüsterte Rak'Zunaih gerade so leise, dass nur Turmalon ihn verstehen konnte. „Du wirst noch erkennen, dass du besser nie auf die dumme Idee gekommen wärst dich mir zu wiedersetzen. Denn im Vergleich zu dem was dich ab heute erwarten wird, war ich bisher gnädig mit dir!“
Schwach erhob Turmalon seinen Kopf um Rak'Zunaih in die Augen sehen zu können.
„Du traust dich wohl nicht, dein wahres Gesicht unter den Menschen zu zeigen!“, knurrte er und spielte damit auf die Illusion an, die ihn umgab und ihn somit selbst als Menschen aussehen ließ. „Mit mir kannst du allerdings machen was du willst. Denn ich werde nichts mehr von dem tun, was du von mir verlangst! Und um mich von hier weg zubekommen, wirst du mich schon tragen müssen…“
Der Drache verstummte und sein Kopf sank wieder zu Boden als Rak'Zunaih ihm für diesen ungehorsam mit einer weiteren Welle bestrafte.
„Damit kannst du so lange weitermachen, bis einer von uns beiden daran stirbt!“, knurrte Turmalon nachdem der schmerz wieder abgeklungen war. „Ich werde trotzdem hier bleiben!“
Rak'Zunaih stand auf und ging einige Schritte. Wut stieg in ihm auf und er wollte dem Drachen gerade eine weitere Lektion erteilen als ihm eine andere Idee kam. Mit einem boshaften Grinsen auf den Lippen ging er zurück und beugte sich über den Kopf des Drachen.
„Dann wird das Mädchen eben für deinen Ungehorsam bestraft! Ich bin schon gespannt, wie lange es dauert, bis ich ihren Willen gebrochen habe!“
Rak'Zunaih erkannte, dass sich im Blick des Drachen etwas änderte. Den Hass, die seine Augen bis eben wiederspiegelten wurde durch ein Entsetzen ersetzt.
„Also gut, ich werde mitkommen!“, knurrte der Drache mit einer tief grollenden Stimme und ergab sich seinem Schicksal. „Aber du wirst dafür im Gegenzug Rianna in Ruhe lassen!“
„Ah, habe ich da tatsächlich einen wunden Punkt von dir getroffen?“, fragte Rak'Zunaih und unterdrückte dabei merklich ein Lachen. „Abgesehen von der Frechheit mich mit einem Pfeil zu beschießen, denn dafür wird sie so oder so büßen, hängt es ganz allein von dir ab, wie es dem Mädchen ergehen wird!“
Augenblicklich erschien wieder der Hass und der Drache sprang auf. Da Rak'Zunaih noch immer direkt vor ihm stand, hatte er keine Zeit zu reagieren. Turmalon rammte ihm den Kopf in den Bauch und stieß ihn nach hinten, so dass er auf dem Rücken liegend zu Boden ging.
„Ich sagte, dass du sie in Ruhe lassen sollst!“, brüllte der Drache und stemmte eine seiner Pranken auf die Brust des vor ihm liegenden Mannes. „Aber das ist jetzt egal. Denn jetzt wirst du für all das büßen , was du mir angetan hast!“ Daraufhin begann er immer fester zu zudrücken.
Rak'Zunaih wurde so von der Situation überrascht, dass er überhaupt keine Gelegenheit hatte sich zu wehren. Erst jetzt viel ihm die Drachenträne wieder ein. Diese war wohl auch seine einzige Chance, wieder aus dieser misslichen Lage herauszukommen. Er legte seine ganze Konzentration in den Stein und hoffte, dass dies ausreichen würde, damit der Drache wieder von ihm heruntersteigen würde.
Turmalon gab ein weiteres donnerndes Gebrüll von sich und man sah ihm an, was er durchmachen musste. Doch statt zurückzuweichen, senkte er nur seinen Kopf zu Rak'Zunaihs Gesicht hinab und sagte: „Das wird dir jetzt auch nicht mehr helfen!“
Nun waren es Rak'Zunaihs Augen in denen sich das Entsetzen spiegelte.
Beide lösten jedoch den Blick von einander, als sie bemerkten, dass jemand vor sie getreten war. Rak'Zunaih erkannte Hotrik, wie er mit beiden Händen etwas hielt und damit ausholte. Er traf den Drachen mit dem Holzbalken, wie Rak'Zunaih nun erkannte, an der Seite des Kopfes. Wodurch der Balken zersplitterte und Turmalon fast sofort zusammenbrach und zur Seite kippte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Hotrik und reichte Rak'Zunaih eine Hand. Dieser war noch immer außer Atem und auch ziemlich überrascht von der unerwarteten Hilfe. Es dauerte eine Weile, bis er nach der Hand griff und sich hochhelfen ließ. Schließlich antwortete er aber: „Ja alles bestens! Ihr habt ganz schön lange auf euch warten lassen. Dennoch danke dafür!“
„Wäre er mir euch fertig gewesen, wären wir mir Sicherheit die nächsten gewesen“, erwiderte Hotrik, „Ich hatte also kaum eine andere Wahl…“
Die Beweggründe dieses Menschen interessierten Rak'Zunaih nicht, weswegen er ihm auch nicht länger zuhörte. Zumal er bei seinen Vermutungen Turmalon gegenüber höchst wahrscheinlich falsch lag. Allerdings musste er sich eingestehen, dass dies sein Ende gewesen wäre, wenn man ihm nicht geholfen hätte. Aber in gewisser Weise hatte das Ganze auch einen Vorteil. Denn nun hatte Rak'Zunaih endgültige Gewissheit, wie er den Drachen unter Kontrolle halten konnte ohne ihn ganz brechen zu müssen.
Rak'Zunaih klopfte den Dreck von seinen Sachen und atmete nochmal tief durch. Dann fragte er: „Hat ihn ein Mädchen begleitet und wenn ja wo ist sie?“
Wegen des ohrenbetäubenden Knalls waren alle aus den Sesseln gesprungen.
„Was war das?“, fragte Lucia fragte als einzige laut, was die anderen dachten.
„Ich weiß es nicht!“, antwortete ihr Erina, da sie die einzige im Raum war, die hier lebte, sich wohl angesprochen fühlte.
„Feuer! Es brennt!“, rief plötzlich eine Frau von irgendwo innerhalb des Gebäudes. Woraufhin man hektisches Treiben aus der Eingangshalle vernahm.
„Vielleicht können wir helfen“, schlug Friedrich vor. Karl stimmte ihm nickend zu und beide eilten zur Tür. Auch Aaron und die beiden Frauen folgten ihnen. Doch noch bevor sie die Tür erreichten, öffnete sie sich und der Diener, der sie empfangen hatte trat ein und sagte hastig: „Fräulein Erina! Bitte kommen sie mit mir. Ein Feuer ist im Haus ausgebrochen!“
„Können wir irgendwie behilflich sein?“, erkundigte sich dieses Mal Karl.
„Ich denke nicht, dass dies notwendig ist. Daher bitte ich sie ebenfalls, mir zu folgen!“, erwiderte der Diener und ging voran. Er marschierte geradewegs auf den Haupteingang zu, dicht gefolgt von Erina.
Als sie die Treppe passierten, sah die junge Frau hinter sich in den ersten Stock. Dort entdeckte sie wie aus einem der Gänge dichter Rauch Quoll. Plötzlich lief sie die Treppe hinauf und rief nach ihrer Großmutter.
„Fräulein Erina! Wartet! Ihr könnt jetzt nicht dort hoch!“, rief ihr der Diener hinterher. Sowohl er als auch der Rest der Gruppe folgten ihr ohne zu zögern.
Erina hatte bereits das Ende der Treppe erreicht und bog links in einen Flur, aus dem der Rauch kam. Doch bevor auch die anderen ihr folgen konnten rief plötzlich ein Mann von rechts: „Vorsicht da vorne!“
Dieser schob zusammen mit zwei weiteren Männern ein schwer aussehendes Gefährt vor sich her. Es bestand vorwiegend aus einem großen Behälter, auf dem eine Wasserpumpe angebracht war, die von mindestens zwei Personen bedient werden musste.
Sie mussten warten, bis das Fahrzeug an ihnen vorbeigeschoben wurde. Mit Entsetzen sahen sie zu, wie Erina im ersten Zimmer, dass auf der Rückseite des Hauses lag und aus dem der Qual kam, verschwand.
Einer der Männer zog an einem Hebel an der Seite des Gefährtes. Welches, von einem schrillen Quietschen begleitet, schnell langsamer wurde. Als es schließlich zum Stehen kam, schwappte ein großer Schwall Wasser aus dem Bottich und verteilte sich auf dem Boden. Ohne zu zögern griff sich einer der Männer einen Schlauch, der an der Seite des Gefäßes hing und eilte damit in das Zimmer. Währenddessen begannen die anderen Beiden die Handpumpe zu bedienen.
Endlich konnten auch Karl und die Anderen folgen, da der Weg nun wieder frei war. Der stark beißende Geruch des Rauches trieb allen die Tränen in die Augen, weswegen sich jeder ein Tuch oder etwas Vergleichbares vor den Mund und Nase hielt. Aber auch dies war nur ein unzureichender Schutz dagegen.
Das Zimmer glich einem Schlachtfeld. Fast alle der Kommoden und Regale, die einmal zwischen den zerbrochenen oder zumindest gesprungenen Fenstern gestanden haben mussten, lagen nun verteilt im Raum. Wie auch die Vorhänge hatten sie Feuer gefangen. Am schlimmsten hatte es aber einen Schreibtisch getroffen. Zumindest vermutete Karl, dass die versprengten Überreste einen solchen früher gebildet hatten.
„Dort hinten am Bett ist sie!“, rief Friedrich, gedämpft durch den Ärmel, denn er sich vor das Gesicht hielt und musste dabei ein Husten unterdrücken. Er zeigte auf Erina, die über das halb zusammengebrochene Himmelbett gebeugt war und jemanden, der sich unter der Decke zusammenkauerte, zum Aufstehen bewegen wollte.
„Friedrich und ich werden ihr helfen! Der Rest verlässt sofort das Haus!“, befahl Karl und eilte umgehend zu Erina. Dem Diener schien diese Anordnung hingegen weniger zu gefallen, da er es schließlich als seine Aufgabe ansah, die Frau heil hier herauszubekommen. Dennoch fügte er sich und führte Aaron und Lucia nach draußen.
Die Löscharbeiten gingen ebenfalls zügig voran. Da sich, abgesehen von den Vorhängen kaum brennbares Material in der Nähe der Fenster befand, konnte sich das Feuer kaum ausbreiten.
Karl packte Erinas Arm, zog sie vom Bett und übergab sie an Friedrich. Doch wehrte sie sich dabei und schrie: „Nein, Las mich los! Ich muss meiner Großmutter helfen!“
„Keine Angst. Wir bringen euch beide erst einmal hier raus“, versuchte Karl sie zu beruhigen. Dann zog er die Deckte vom Bett, hob die darunter liegende Frau an und legte sie sich auf die Schultern.
Friedrich lief mit Erina voran, die sich immer wieder zu Karl und ihrer Großmutter umdrehte und deswegen beinahe die Treppe hinunter gestolpert wäre. Jedoch brauchten sie nicht lange um den Haupteingang zu erreichen. Draußen angekommen gingen sie sofort auf die gegenüberliegende Seite des Platzes bei den Pferdeunterständen, wo man bereits auf sie wartete.
„Wieso hat sie eigentlich niemand aus dem Zimmer geholt, wenn ihr doch wusstet, dass sie noch dort oben ist?“ verlangte Karl von dem Diener zu erfahren.
„Das kann ich ihnen nicht beantworten. Meine Aufgabe ist es, mich um das Wohlergehen von Fräulein Erina zu kümmern“, erklärte der Diner entschuldigend. Der Späher seufzte daraufhin nur und ließ es darauf beruhen. Anschließend legte er die Frau, von der er dachte es sei die Alchemistin Tabea vorsichtig auf den Boden. Als er jedoch in ihr Gesicht sah und ihm auffiel, dass sie kaum älter als Erina sein konnte, schnappte er überrascht nach Luft.
„Ich dachte, das ist eure Großmutter“, meinte Karl verwirrt, „diese Frau hier kann doch aber höchstens eure Schwester sein!“
„Nein, sie ist es tatsächlich!“, erklärte Erina verlegen und kniete sich neben die am Boden liegende Frau. „Nun was ihr hier seht, war der Grund für ihre Reise. Aber mehr als das, was ich euch bereits dazu sagte, weiß ich wirklich nicht. Daher kann nur sie euch erklären was passiert ist!“
„Oh je. Die arme glüht ja förmlich!“, bemerkte Lucia besorgt, die nun ebenfalls neben Tabea kniete und eine Hand auf deren Stirn gelegt hatte.
„Sie fühlt sich schon seit zwei oder drei Tagen nicht gut. Und seit heute Morgen schien es ihr noch viel schlechter zu gehen“, bestätigte Erina, „Den Heiler, den wir deswegen riefen, konnte nichts feststellen und meinte, dass es sich wohl nur um eine kurzfristige Ermüdungserscheinung handelte. Vielleicht bedingt durch eine Erkältung.“
„Hast du vielleicht eine Ahnung was sie hat?“, erkundigte sich Karl bei Lucia.
„Ich weiß es leider auch nicht!“, erwiderte sie kopfschüttelnd und sah die Alchemistin fragend an. „Allerdings befürchte ich, dass es weit mehr als nur eine Erkältung ist.“
„Sie hat sich mit etwas eingelassen, für was sie viel zu unerfahren und ein paar hundert Jahre zu jung ist, um es völlig verstehen zu können!“, sagte plötzlich ein Mann der auf sie zukam. Trotz der Wärme des Tages war er in einen braunen Umhang gehüllt, dessen Kapuze über seinen Kopf geschlagen war. Dennoch war sein Gesicht gut zu erkennen und Karl war sich sicher, es schon einmal gesehen zu haben. Wusste jedoch nicht woher.
„Tabea ist älter als sie aussieht!“ erwiderte Erina in einen weinerlichen Tonfall. „Außerdem ist sie eine erfahrene Alchemistin. Sie weiß sehr wohl was sie macht!“
„Für menschliche Verhältnisse mag das vielleicht zutreffen“, entgegnete ihr der Mann spöttisch, „Trotzdem ändert das nichts daran, dass sie nicht wusste, womit sie sich einlässt. Außerdem nehme ich an, dass sie das Feuer selbst verursacht hat.“
„Was erlauben sie sich?“, empörte sich daraufhin der Diener, „Die Enkelin der gnädigen Frau war im Haus und sie würde es niemals zulassen, dass Fräulein Erina etwas zustoße!“
„Dennoch war sie es!“, widersprach der Mann, „Außerdem habe ich nicht behauptet, dass sie dies absichtlich getan hat. Aber es hat ihr vorerst das Leben gerettet. Denn sonst hätte sie die angestaute Energie förmlich zerrissen. Leider ist sie noch nicht außer Gefahr. Sie hat sich nur wieder etwas Zeit verschafft.“
„Und was soll das heißen?“, hakte Erina nach.
„Das heißt, dass es nochmal passieren wir“, sagte der Fremde voraus. „Angenommen sie wird dann noch die Kraft dazu besitzen. Denn absurderweise weiß ihr Körper mit der ganzen überschüssigen Energie nichts anzufangen und ist völlig überfordert damit. Deswegen wird sie auch immer schwächer!“
„Und ihr könnt meiner Großmutter helfen?“, wollte Erina wissen und in ihre Stimme klang wieder ein wenig zuversichtlicher. Der Mann nickte ihr zu und sagte: „Ja, aber nicht hier!“
„Wenn das Feuer gelöscht ist können wir sie in mein Zimmer bringen“, schlug Erina vor.
„Eine gute Idee“, bestätigte der Mann, „Was ich aber eigentlich meinte ist, dass ich ihr Labor benutzen muss, um nachzuholen, was sie leichtsinniger weise vergessen hat. Außerdem werde ich deine Hilfe brauchen Lucia!“
Überrascht wanderte Karls Blicke zwischen Lucia und dem Fremden hin und her und fragte: „Ihr kennt euch?“
„Ja das tun wir! Das sollten wir aber später klären. Jetzt gilt es erst einmal ihr zu helfen.“
„Ihr werdet hier gar nichts machen!“, protestierte der Diener. „Da kann ja jeder dahergelaufene Landstreicher kommen und einen solchen Unsinn erzählen. Wer sind sie überhaupt und welche Referenzen haben sie, um überhaupt solche Aussagen treffen zu dürfen!“
„Sei still…!“, wies Erina ihren Diener an. „Wenn er ihr helfen kann, soll er dies bitte tun!“
„Ich werde es aber nicht erlauben, dass diese Person, die riecht, als hätte sie die Nacht im Pferdestall verbracht, das Haus betritt. Womöglich wird er dort auch noch etwas stehlen!“, argumentierte der Diener weiter. „Wer hat euch eigentlich hier rein gelassen?“
„Was hier zugelassen wird und was nicht, habt nicht ihr zu entscheiden! Ihr seid weder der Vormund meiner Großmutter noch meiner. Also gebt endlich Ruhe!“, wies sie ihn zurecht. Dieser wirkte aber nicht sehr glücklich über die Maßregelung. „Seht lieber nach, ob das Feuer gelöscht werden konnte und ob das Haus wieder betreten werden kann.“
„Wie ihr wünscht“, antwortete er murrend, verbeugte sich und ging wieder Richtung Haus.
Erina wandte sich wieder zu Tabea um und sah sie besorgt an. Vorsichtig strich sie ihr einige der langen schwarzen Harre aus dem Gesicht und fragte leise: „Was hast du nur angestellt?“
„Nichts was ich nicht korrigieren kann“, beruhigte der Mann sie, „aber sie hatte Glück, dass ich hier in der Nähe war, denn sonst würde sie dies mit ziemlicher Sicherheit nicht überleben.“