Drachenauge - Kapitel 9: Hilfe
Kapitel 9 von 24
Zwar wollte ich noch einen Zwichenteil schreiben auf dem 8.1 und 8.2 wieder auf einen ähnlichen Nenner kommen doch hat mir das Ergebnis nicht gefallen. Ich werde mich noch einmal daran machen, aber ich befürchte das Ergebnis wird nur unwesentlich besser werden.
Ich wünsche viel spaß beim lesen und freue mich über jede Art von Komentaren und Kritik
Gruß
Turmalon
Endlich erreichte Rak'Zunaih nach einer tagelangen Reise sein Ziel. Er war sich sicher, dass er Turmalon hier finden würde. Schließlich hatte er damals hier das Ei, aus dem der Drache schlüpfte, gestohlen.
Es war schon unglaublich wie einfach es damals war, den Eltern das Junge zu entwenden und sie hinterher auch noch glauben zu lassen, dass dem Dieb das Ei bei der Flucht zerbrach.
In der Rage, in welche die beiden anschließend fielen, legten sie nicht nur das nahegelegene Dorf in Schutt und Asche. Fast alle, von Menschen bewohnte, Niederlassungen in dieser Gegend wurden von ihnen angegriffen. Das war weit mehr als Rak’Zunaih zu dieser Zeit erhofft hatte. Allerdings war es nur eine von wenigen Ereignissen, die den erwünschten Verlauf nahmen.
Nicht nur, dass die Menschen die Drachen schneller zurückschlagen konnten als man angenommen hatte. Aber im Grunde interessierte es ihn auch nicht, was mit ihnen passierte. Er hatte was er brauchte und bei Bedarf würde er einfach weitere Drachen heranzüchten. Allerdings erholten sich die Menschen rascher von den Überfällen als gedacht.. Von dem, was hier vor gut Einhundert Jahren geschehen war, konnte man kaum noch etwas sehen und es wirkte so, als wäre nie etwas geschehen. Zumindest da, wo die Kahdarie nicht zugeschlagen hatten. Rak'Zunaih stellte zufrieden fest, dass sie ihren Aufgaben gut nachkamen. Denn er kam an einigen kleineren Höfen vorbei, die zum Teil zerstört waren und aus denen immer noch vereinzelte Rauchsäulen stiegen.
Was ihn allerdings wunderte war, dass er noch keinen der Kahdarie angetroffen hatte. Andererseits musste er sich dadurch auch keine Ausrede einfallen lassen, wieso Turmalon ihn nicht begleitete. Schlimm genug, dass er sich überhaupt mit dem Abschaum, der untersten Kaste, abgeben musste.
Allerdings war es auch seine Idee, mit Hilfe der Unempfänglichen, die ohnehin für nichts zu gebrauchen waren, die beiden Menschenkönigreiche gegeneinander auszuspielen.
Rak’Zunaih versprach ihnen, dass, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen würden, sie in eine andere Kaste aufsteigen dürften. Als Oberhaupt seiner Kaste hatte er durchaus das Recht dazu. Jedoch war es ihm herzlich egal, was dabei mit ihnen passierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Ganze überleben würden war ohnehin nicht sehr hoch. Und falls doch, könnte er sich immer noch etwas Passendes einfallen lassen.
Rak’Zunaih kam nicht umhin, wieder an das zu denken, was mal sein eigentlicher Plan war, die Menschen zu unterwerfen. Damals lief fast nichts so, wie es sollte. Der Grund, wieso das Ganze aber endgültig zum Scheitern verurteilt war, waren die Dracheneier selbst. Mit viel Mühe hatte er es geschafft, sieben Stück zu stehlen. Man hatte ihm versichert, dass es nicht länger als ein Jahr dauern würde, bis sie schlüpften und zwei weitere um sie für seine Zwecke auszubilden. Zu dieser Zeit waren die Menschen noch damit beschäftigt, die Drachen zu bekämpfen.
Als nach drei Jahren aber immer noch keines der Jungen sich dazu bewegt hat, sich aus seinem engen Gefängnis zu befreien, ließ Rak’Zunaih den sogenannten Experten zu sich zitieren. Er verlangte von ihm zu erfahren, wieso es länger dauerte als man ihm versichert hatte und wollte endlich Ergebnisse sehen.
Daraufhin ließ man eines der Eier öffnen. Doch kaum hatten sie ein Loch in der Schale, stieg ihnen bereits ein schwefliger Geruch daraus entgegen. Nachdem sie es schließlich in zwei geschlagen hatten, befand sich darin nur eine undefinierbare, faulige Masse. Dies erklärte auch, wieso dieses Ei oft unbeaufsichtigt war und es die Elterntiere nur wenig interessiert hatte, dass es gestohlen wurde. Scheinbar wussten sie bereits vorher, dass kein Leben darin gedeihen würde.
Da man nun aber befürchtete, dass der Inhalt aller Eier so aussah, wurde umgehend ein weiteres aufgebrochen. Dieses Mal kam jedoch ein vollkommen entwickeltes und augenscheinlich gesund aussehendes Jungtier zum Vorschein. Allerdings starb es einige Tage später, ohne dass es sich je ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte..
Wären beide Eier faul oder die Jungen darin tot gewesen, hätte man nun wenigsten eine Erklärung gehabt, wieso sie nicht schlüpfen wollte. Allerdings wussten sie wieder so viel wie vorher.
Es vergingen einige weitere Jahre und Rak’Zunaih war kurz davor die restlichen Eier aus purer Wut zu zerschlagen. Er konnte den Grund seines misslungenen Vorhabens einfach nicht mehr ertragen. Stattdessen gab er sie aber an einige seiner Vertrauten weiter, da sie bis dahin in seiner Obhut waren. Wenn die Jungdrachen eher geschlüpft wären, hätten diese auserwählten Lyzarie sie ohnehin bekommen und sie ihren Vorstellungen entsprechend ausgebildet. Sogar das Ei von Turmalon, das er eigentlich für sich beanspruchte, gab er weg.
Bis heute kann sich weder Rak’Zunaih noch sonst ein Lyzarie erklären, wieso es gut hundert Jahre dauerte, bis das erste Jungtier aus seinem Versteck wagte. Es sollte fast ein weiteres Jahr dauern bis Turmalon und kurz danach, das letzte, der verbleibenden fünf Drachen schlüpfte.
Die Menschen hatten jedoch ausreichend Zeit gehabt, sich von zahlreichen Verlusten zu erholen.
Man hatte es jedoch schon nicht gewagt, sie in ihrem geschwächten Zustand ohne die Unterstützung der Drachen anzugreifen. So befürchtete man jetzt, dass es selbst mit ihnen nur sehr unwahrscheinlich sei, sie endgültig zu besiegen. Daher heckten die Lyzarie einen neuen Plan aus und machten das, was sie am besten konnten. Zwietracht säen und aus dem Hintergrund agieren. Calays ohnehin schon paranoider König kam ihnen dabei gerade recht.
Rak’Zunaih richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg, der vor ihm lag. Langsam erklomm er einen schmalen Pfad, der ihn direkt zum Hort führen sollte. Es dauerte eine Weile, bis er oben ankam. Vorsichtig spähte er zwischen einigen Felsen auf das vor ihm liegende Plateau. Es war noch früher Morgen, daher glaubte er sich sicher, nicht entdeckt zu werden. Denn so wie er Turmalon einschätzte, hatte dieser sich wieder angewöhnt den halben Tag zu verschlafen. Dies würde Rak’Zunaih ihm jedoch schnell wieder abgewöhnen, wenn er erst wieder unter seiner Kontrolle stände.
Dieses Mal würde der Lyzarie aber nicht so töricht sein zu glauben, dass es genügen würde, wenn Turmalon nur Angst vor ihm habe, damit der Drache ihm gehorche. Nein dieses Mal würde er seinen Willen so lange brechen, bis der Drache alle seine Befehle augenblicklich und ohne Wiederrede ausführte. Dieses verdammte Ungetüm würde nicht einmal mehr denken dürfen, ohne das er es erlaubte. Aber aus genau diesem Grund hatte er dies nicht von Anfang an gemacht. Er hasste es sowieso schon, wenn seine Untergebenen keinen Ansatz von Eigeninitiative zeigten und man ihnen alles bis ins Detail erklären musste. Meistens scheiterte es dann trotzdem an irgendwelchen unvorhergesehenen Kleinigkeiten.
Bei Turmalon hingegen würde Rak’Zunaih allerdings eine Ausnahme machen. Er würde es genießen, den Drachen für jeden begangenen Fehler ausgiebig zu bestrafen.
Rak’Zunaih musste sich zusammenreißen und seine Rachepläne für später aufheben außerdem erinnerte er sich wieder an ein versprechen das er jemandem gegeben hatte. Nun galt es aber zu überprüfen, ob der Turmalon überhaupt hier war. Auf dem Plateau vor ihm war niemand zu sehen und daher beeilte er sich, um schnell zum Eingang des Hortes zu gelangen. Dennoch bewegte er sich so leise, wie es ihm möglich war um nicht doch auf sich aufmerksam zu machen. Am Eingang angekommen, lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und spähte in das Innere der Höhle. Anders als erhofft befand sich aber niemand darin und er stellte sich die Frage, ob er mit seiner Vermutung doch falsch gelegen hatte. Dann aber entdeckte er unmittelbar neben sich einen Rucksack, der, zusammen mit einem Köcher und einem Bogen, an die Höhlenwand gelehnt war. Er vermutete dass sie dem Menschenweib gehörte, die ihn unerhörter Weise angegriffen hatte. Wieso sie den Drachen begleitete war ihm allerdings ein Rätsel. Endgültig sicher, dass Turmalon hier sein musste, war sich Rak’Zunaih jedoch erst als er den Sattel entdeckte, der ebenfalls bei den Sachen lag. Zielstrebig schnappte er sich den Sattel und durchsuchte die Taschen, die an den Seiten befestigt waren. Es überraschte ihn, dass diese leer waren, bis ihm einfiel, dass er die von Turmalon zerrissenen Riemen ersetzen musste. Der Ersatz dafür befand sich in eben diesen Taschen.
Da er jedoch nicht fand, wonach er suchte, widmete er sich als nächstes dem Rucksack. Um keine Zeit zu verlieren, kippe er den Inhalt einfach auf den Steinboden und verteilte es so, dass er sich einen Überblick machen konnte. Ohne Rücksicht darauf, dass etwas zerbrechen könnte, warf er den nutzlosen Plunder hinter sich. Einzig und allein die Drachenträne interessierte ihn. Jedoch war sie auch unter all den Gegenständen nicht zu finden. Um sicherzugehen, dass er nicht etwas übersehen hatte, nahm er den Rucksack noch einmal genauer in Augenschein. Die Tasche selbst war nun leer. Allerdings stellte der Lyzarie fest dass sie noch einige kleinere Seitenfächer besaß.
Eilig riss er das erste Fach auf und er konnte es kaum fassen, als ihm das Objekt seiner Begierde entgegen fiel. Achtlos warf er den Rucksack bei Seite und Hielt die Drachenträne zwischen Daumen und Zeigefinger.
Abermals begann Rak’Zunaih sich auszumalen, was er mit Turmalon alles anstellen und auf welch mannigfaltigen Arten er ihn bestrafen würde, sobald er wieder unter seiner Kontrolle stand. Dafür musste er den Drachen aber erst einmal finden.
Sich selbst für seinen Vergesslichkeit scheltend, schüttelte er den Kopf. Er hatte doch endlich das Werkzeug um auch dies zu bewerkstelligen in seinen Händen. Er ballte die Hand, in der er den Stein hielt, zur Faust, schloss die Augen und konzentrierte sich. Dabei ließ er sich von dem Schmuckstück die Richtung weisen, in der sich der Drache befand. Erstaunt musste er feststellen, dass sich dieser scheinbar unter ihm, innerhalb des Berges aufhielt. Kurz sah er sich in der Höhle um und ging dann auf den mit verschiedenfarbigen Kristallen, beleuchteten Gang zu.
Diesem folgte der Lyzarie solange, bis sich der Weg teilte. Abermals konzentrierte er sich auf den Stein, stellte dabei aber seinen Nachteil fest. Denn die Träne wies ihm nicht den Weg, den Turmalon genommen hatte sondern zeigte direkt auf ihn. Da Rak’Zunaih aber keinen anderen Anhaltspunkt hatte, nahm er einfach den Weg, welcher dem Aufenthaltsort des Drachen näher lag.
Dies wiederholte er noch einige Male, bis er merkte, dass sich Turmalon irgendwo direkt unter ihm befinden musste. Frustriert stellte er fest, dass er auf diese Weise nicht weiter kam.
Einen Moment dachte er darüber nach was er nun tun sollte und entschloss sich dann, in der Höhle am Eingang auf Turmalon zu warten. Er war sich sicher, dass der Drache dort früher oder später wieder auftauchen würde. Mit der Träne in seiner Hand würde diese Begegnung in jedem Fall zu seiner Gunst ausgehen. Er wollte sie aber wirklich erst dann einsetzten, wenn Turmalon vor ihm stand. Schließlich wollte er ihm nicht die Chance geben ein weiteres Mal zu entkommen. Einzig das Menschenweib könnte daran noch etwas ändern. Da sie aber so dumm war, ihre Waffe zurückzulassen, sollte jedoch auch sie keine ernstzunehmende Gefahr darstellen.
Dann kam ihm der Gedanke, dass er sich für sie ebenfalls eine Bestrafung einfallen lassen musste. Schließlich konnte er sie für den Angriff auf ihn nicht ungeschoren davonkommen lassen. Schnell hatte er einige Ideen zusammen und bei den Meisten, so hoffte er, würde sie darum betteln ihrem Leiden ein Ende zu setzen.
Er machte bereits einige Schritte in die Richtung, aus der er gekommen war, als die Kristalle plötzlich aufhörten zu leuchten und ihn in völliger Finsternis stehen ließen. Genervt seufzte Rak’Zunaih und sprach dann einige Worte in seiner Sprache. Kurz darauf erschien über ihm eine orange leuchtende Kugel aus dem Nichts und leuchtete schwach die Gänge vor ihm aus.
Turmalon hatte schon länger den Verdacht, dass etwas mit diesen Kristallen nicht stimmte. Sofort war ihm aufgefallen, dass sie in einigen der Gänge aufgehört hatten zu leuchten. Er glaubte nicht daran, dass sie dies nur dann täten, wenn es draußen dunkel sei, so wie Rianna es vermutete. Er war mittlerweile fest davon überzeugt, dass es irgendwie mit seiner Anwesenheit zu tun hatte.
Bevor Rianna und er damit begonnen hatten, das Innere des Berges zu erkunden, wachte in der Nacht immer wieder auf. Der bis dahin dunkle Tunnel hatte ihm keine Ruhe gelassen und jedes Mal warf er einen Blick auf eben diesen, bevor er versuchte weiterzuschlafen. Irgendwann war er dann so genervt davon, dass er nicht schlafen konnte, und er sich fragte wieso dieser Gang nicht beleuchtet war. Abermals lagen seine Blicke auf dem Durchgang als langsam die ersten Kristalle zu leuchten begannen. Es dauerte einen Moment um Rianna zu wecken. Aber bis dahin gaben auch die restlichen Steine ihr leuchten von sich.
Daher konnte er nur hoffen, dass sie ihm nun einen Weg wiesen, wie er hier wieder heraus käme. Da er sich aber sowieso hoffnungslos verirrt hatte, blieben ihm nicht viele Alternativen, als genau darauf zu vertrauen.
Es dauerte eine ganze Weile, aber die Kristalle führten ihn tatsächlich aus dem Berg hinaus. Unweit vor sich konnte er Tageslicht erkennen, das in den Gang hinein fiel. Sofort beschleunigte er seine Schritte, wodurch er aber ins Stolpern geriet. Er spürte seine Vorderpranken immer weniger. Mit ihnen zu laufen funktionierte gerade so noch aber irgendetwas damit greifen, konnte er schon seit einiger Zeit nicht mehr. Und das Taubheitsgefühl in ihnen, breitete sich langsam immer weiter aus.
Endlich war er dem Labyrinth entkommen. Doch anders als er eigentlich erwartet hatte, endete der Gang nicht in der Eingangshöhle des Hortes sondern irgendwo am Fuße des Berges. Der Eingang schien nicht beabsichtigt sondern durch einen Einsturz entstanden zu sein.
Vorsichtig kletterte er zwischen einigen Felsen aus dem Loch. Kaum war er draußen, wurde er von der Sonne geblendet, die gerade erst aufgegangen war und nun ihre ersten, hellen Strahlen über das Land schickte. Er wandte seinen Blick nach links um nicht weiter in das grelle Licht sehen zu müssen. Wobei er das Fischerdorf entdeckte, welches ganz in der Nähe lag.
„Hoffentlich können die Bewohnen Rianna helfen!“, dachte Turmalon und ging schon auf das Dorf zu. Dann aber viel ihm Tabea wieder ein und blieb abrupt stehen. Er sah zu Rianna, die noch immer von seinen Flügeln gehalten, auf seinem Rücken lag. „Sie würde ihr mit Sicherheit helfen können und dies auch ohne Zweifel tun. Aber es ist Tage her, seit wir sie zuletzt getroffen haben. Wer weiß wo sie jetzt ist. Es würde ewig dauern sie wieder zu finden und ich habe keine Ahnung wie lange Rianna noch durchhält.“
Er entschied sich, das Dorf aufzusuchen. Wenn man ihm dort die Hilfe verwehrte, konnte er immer noch nach Tabea suchen. Vielleicht würde er aber, selbst wenn die Bewohner ihm halfen, die Alchemistin aufsuchen. Schließlich konnte er sich nicht sicher sein, dass jemand aus dem Dorf weiß, was man gegen das Gift unternehmen musste. So könnten sie immerhin auf sie achtgeben und versorgen, solange er nach Tabea suchte.
Der Eingang der Höhle war nicht allzu weit vom Dorf entfernt und Turmalon sah, dass dessen Bewohner bereits wach waren. Es dauerte auch nicht lange, bis man auf ihn aufmerksam wurde. Denn die Hütten waren weder von einer Mauer geschützt, noch von einem Wald umgeben, dessen Bäume ihm als Sichtschutz gedient hätten. Zumal kam er, weit von der nächsten Straße ab, das letzte Stück des Berges hinunter gelaufen. Kein Wunder, dass es immer mehr Leute interessierte, wer oder was dort auf sie zugelaufen kam. Noch schien aber keiner von jenen, die angestrengt in Turmalons Richtung schauten, erkannt zu haben, dass es sich bei dem was um einen Drachen handelte.
Frustriert blieb Turmalon stehen, als die Leute ihn erkannten und plötzlich panisch zurück in ihre Häuser liefen. Im Grunde hatte er mit dieser Reaktion rechnen müssen, dennoch setzte es ihm von Mal zu Mal mehr zu, wenn er dies beobachtete.
Turmalon fasste sich wieder und ging weiter.
Nach dem er die ersten Hütten passiert hatte, verlangsamte er sein Tempo und ging gemächlich an ihnen vorbei.
An machen Türen standen ein oder mehrere Personen, die auch zum Teil mit allem was der Haushalt hergab bewaffnet waren. Doch als sich vier Männer, mit Holzfälleräxten ausgerüstet, vor dem Drachen aufbauten, blieb er stehen.
„Verschwinde von hier!“, brüllte einer von ihnen und schwang dabei seine Waffe einige Mal durch die Luft.
Turmalon wünschte sich, dass Rianna das Reden übernehmen würde. Sie schien immer die passenden Worte zu haben, um die Leute zu beruhigen oder das man ihr zumindest zuhörte.
Der Drache wich einige Schritte von den Männern zurück und senkte den Hals soweit, bis sein Kopf fast den Boden berührte. Turmalon zeigte sich unterwürfig. Denn er wusste, ihnen zu drohen, würde ihm und vor allem Rianna jetzt nicht weiterhelfen.
„Bitte, Ich flehe euch an, helft mir!“, begann Turmalon. Die Leute sahen ihn überrascht an. Ob wegen seiner Bitte oder weil er sprechen konnte, wusste er nicht. Um den Männern verständlich zu machen, um was es ihm ging, drehte er sich zur Seite und senkte seine Flügel. Dadurch gab er die Sicht auf Rianna frei, die bis dahin von seinen Schwingen verdeckt wurde.
„Bitte helft ihr!“, flehte Turmalon abermals, „Sie wurde von einen großen Spinne angegriffen und gebissen. Ich befürchte, dass sie dabei vergiftet wurde. Ich weiß nicht wie ich ihr helfen kann. Ich flehe euch an, unternehmt etwas!“
Verwundert sahen die Männer auf das Mädchen, dass auf dem Rücken des Drachen lag und begannen schließlich miteinander zu diskutieren. Turmalon war zu besorgt um Rianna um das Gespräch mit zu verfolgen. Er wandte seinen Kopf zu ihr und stellte erleichtert fest, dass sie noch immer atmete. Zwar weiterhin flach aber sie lebte.
Die Männer unterhielten sich eine ganze Weile aufgeregt über das, was sie tun sollten. Sie schienen sich nicht einig ob sie helfen oder den Drachen verjagen sollten.
„Hört auf miteinander zu streiten und helft gefälligst dem armen Kind!“, rief ein Mann, der nun hinter Turmalon auftauchte. „Ihr seht doch selbst, dass es der Kleinen nicht gut geht!“ Er stellte sich an Turmalons Seite und sah sich Rianna genauer an. Erfreut darüber, dass ihm tatsächlich jemand helfen wollte, legte sich Turmalon auf den Boden nieder, sodass der Mann besser an Rianna herankam.
„Mach keinen Unsinn Viktor! Du hast doch selbst mitbekommen, was auf Timbers Hof passiert ist!“, mahnte einer der anderen Männer. „Oder muss ich dich daran erinnern, wie wir den Hof gestern vorgefunden haben? Das Haus halb abgebrannt und die Familie, abgestochen in den Trümmern dazwischen! Und wenn du mich fragst, haben wir hier die Ursache dafür vor uns stehen!“
„Nein daran hättest du mich nicht wieder erinnern brauchen. Schließlich war ich dabei!“ erwiderte Viktor, „Und mal davon abgesehen. Ich habe zwar nicht viel Ahnung von Drachen, aber ich denke nicht, dass sie ihre … Opfer mit einer Klinge erstechen müssen! Dazu stehen ihm viel tödlichere Werkzeuge zur Verfügung!“
„Dann war es eben das Mädchen, welche die Familie umgebracht hat! Der halb abgebrannte Hof sollte ja wohl Beweis genug sein, dass die beiden Dort waren“
„Das beweist gar nichts! Genauso gut konnte er eine Gruppe von Banditen gewesen sein!“, hielt Viktor dagegen, „Außerdem, sieh dir das Mädchen doch mal an! Sie hat nichts an sich außer dem Leinenhemd. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die beiden so etwas getan haben könnten. Wieso sollten sie auch?“
„Dir ist schon aufgefallen, dass gerade ein Drache vor deinem Haus liegt?“, fragte der Mann. Viktor schien zwar nicht zu verstehen, worauf er hinauswollte, bejahte sie aber. „Die haben auch in der Vergangenheit keinen Grund gebraucht, um alles hier in der Gegend in Schutt und Asche zu legen.“
„Und wenn schon. Er erweckt in mir nicht gerade den Eindruck, dass er jeden Moment aufspringen wird und alles und jeden kleinhauen will. Er macht sich viel zu viele Sorgen um das Mädchen und interessiert sich nicht einmal für die Vorwürfe, die du ihm anlastest. Ich habe in meinem Leben schon genug Kummer gesehen, als dass ich diese beiden hier unnötig unter der Situation leiden lassen könnte. Ich für meinen Teil werde ihnen helfen. Ob es euch nun passt oder nicht!“
„Verdammt noch mal! Viktor, deine Gutherzigkeit wird irgendwann mal dein Ende bedeuten! Im Moment sogar das des ganzen Dorfes!“, knurrte der Mann wütend. „Also schön. Hilf ihr, bis es ihr wieder besser geht. Danach verschwinden sie von hier. Beide! Aber damit eines klar ist! Du trägst die Verantwortung. Wenn das Biest irgendetwas anstellt, werde ich erst ihn und dann dich zur Verantwortung ziehen!“ Daraufhin drehte sich der Mann um und ging zielstrebig auf eine der anderen Hütten zu. Die Eingangstür schon halb geöffnet, brüllte er abschließend: „Und irgendjemand sollte dafür sorgen, dass es erst gar nicht so weit kommt, das der Drache hier irgendwelche Dummheiten anstellt!“
Viktor ignorierte die letzte Bemerkung und hob Rianna von Turmalons Rücken. Augenblicklich sprang der Drache auf und folgte ihm Richtung Haus. Völlig geistesabwesend und zum Missfallen von Viktors Frau, betrat Turmalon ebenfalls das Innere. Bis sein kräftiger Körper von der schmalen Tür aufgehalten wurde. Wodurch irgendetwas, laut scheppernd, zu Boden fiel. Erschrocken machte Turmalon wieder einige Schritte zurück und zog so seinen Hals aus dem Eingang. Von dort beobachtete er dann, wie Rianna ins hintere Teil des Hauses getragen wurde.
„Komm auf die Rückseite!“, kam kurz darauf die Anweisung von Viktor, die Turmalon auch umgehend befolgte.
Auf der anderen Seite angekommen, hielt Turmalon auf das einzige geöffnete Fenster zu und setzte sich davor. Es war zu schmal, als das er seinen Kopf weit hätte hinein stecken können. Dafür konnte er von seinen Platz aus gut ein Auge auf Rianna werfen. Zumindest so gut, wie dies mit einem verbleibenden noch möglich war. Seine Begleiterin hatte man in ein Bett gelegt. Viktor beugte sich über sie und untersuchte die Wunde in ihrem Nacken. Da ihm ihr Hemd dabei offenbar im Weg war, zog er es ihr kurzerhand über den Kopf. Er ignorierte das leise Knurren, das von der anderen Seite des Fensters herein drang und kümmerte sich wieder um die Wunde. Viktors Frau hingegen war sichtlich beunruhigt, als sie das Zimmer betrat und das Knurren vernahm. Ihr wäre die Holzschüssel mit Wasser und die Tücher, die sie in der Hand hielt, deswegen beinahe zu Boden gefallen. Turmalon verstummt darauf hin wieder und beobachte weiter, was Viktor tat. Dieser nahm ein Tuch, tauchte es ins Wasser und begann damit die Bisswunde zu reinigen. Anschließend befreite er ihren Körper auch von den restlichen Spuren der Begegnung mit der Spinne. Zudem suchte er nach weiteren Wunden, die er gegebenenfalls versorgen musste.
Da Rianna glücklicherweise keine weiteren Verletzungen davon getragen hatte, musste Viktor nur noch die Wunde im Nacken verbinden.
Sichtlich zufrieden stand er auf und kam zu Turmalon ans Fenster.
„Keine Angst. Ihr geht es gut!“, erklärte er ruhig, „Das Gift der Spinnen ist nicht tödlich. Es betäubt ihre Opfer nur für eine Weile. Spätestens Morgen sollte es ihr aber wieder besser gehen“
Turmalon konnte sich nach dem er dies hörte, endlich wieder entspannen und sagte dann: „Ich danke euch für eure Hilfe! Aber falls es euch nichts ausmacht, würde ich mich jetzt ebenfalls eine Weile ausruhen.“
Vor Aaron, Karl, Friedrich und Lucia öffnete sich ein breites, kunstvoll verziertes Eisentor und gab ihnen den Weg zu dem Anwesen frei, auf dem sich Tabea aufhalten sollte. Dies hatte man zumindest in Köniksburg behauptet. Aber immerhin hatte der Wächter am Eingang dies bestätigt. Nun ritten die Vier auf einem mit Bäumen flankierten Weg, auf ein zwei stöckiges Gebäude zu.
Bei dem was sie auf dem Weg hierher erlebt hatten und wie sie auf Grund dessen aussahen, wären sie wahrscheinlich am Tor wieder weggeschickt worden. Man hätte sie leicht mit einer Gruppe Landstreicher verwechseln können als sie in Köniksburg angekommen waren. Karl hatte sich jedoch vorher umgehört und einige Informationen über Anwesen gesammelt. Daher besorgten sie sich auch, einigermaßen vernünftige Kleidung, bevor sie hierhin aufbrachen.
Unbewusst blickte Aaron zu Lucia, die unmittelbar neben ihm ritt. Eigentlich wollte sie zu ihren Verwandten in Köniksburg. Da die Gruppe die Stadt erst spät abends erreichte, übernachtete sie ebenfalls in der Herberge und brach erst am nächsten Morgen zu ihnen auf.
Karl, Friedrich und Aaron dagegen, erkundigten sich nach dem Verbleib der Alchemistin und stockten ihre Vorräte wieder auf. Als die Drei am Nachmittag dann jedoch wieder in der Herberge eintrafen, fanden sie Lucia dort völlig aufgelöst vor. Nachdem sie sich dann wieder einigermaßen gefasst hatte, teilte sie den anderen mit, dass ihre Verwandtschaft nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Daher wusste sie nun nicht mehr wo sie hingehen sollte.
Karl erklärte ihr, dass sie natürlich auch weiterhin willkommen wäre. Aber auch Aaron musste mittlerweile zugeben, dass er froh war, Lucia an seiner Seite zu wissen. Einen Tag nach dem sie Rodeck verlassen hatten, wurden sie von einigen Wegelagerern angegriffen. Dabei stellte sich nicht nur heraus, dass sie sich hervorragend verteidigen konnte und dazu noch einige Zaubertricks auf Lager hatte. Sondern auch, nachdem sie die Halunken vertrieben hatten, dass sie ebenfalls einige Talente als Heilerin hatte. Im Handumdrehen schloss sie die Wunden ihrer Gefährten, sodass nicht einmal eine Narbe zurück blieb. Dabei bekam Aaron zum ersten Mal einen Eindruck, wie anstrengend das Heilen für den Anwender sein musste. Zwar waren sie alle nach dem Kampf etwas außer Atem aber Lucia war deutlich erschöpfter.
„Kopf hoch, meine Liebe“, ermutigte Karl sie, der hinter ihnen ritt. Ihm schien ebenfalls aufgefallen zu sein, dass Lucia wie ausgewechselt war. Eigentlich wirkte sie immer sehr fröhlich und fing oft irgendwelche Unterhaltungen an. Aber seit sie von ihren Verwandten zurückgekommen war, hatte sie kaum mehr etwas gesagt. „Eine so starke Frau wie Du wirst dich doch nicht von so etwas unterkriegen lassen. Jemand mit solchen Fähigkeiten wie den deinigen, sollte doch kein Problem haben eine bodenständige Beschäftigung zu finden. Vor allem eure Heilkünste sollten dir Tür und Tor öffnen!“
Lucia nickte ihm nur schwach zu, sagte aber nichts. In der Zwischenzeit hatten die vier das Gebäude erreicht. Gegenüber des, mit einem Balkon überdachten Eingangs, befand sich ein Unterstand für die Pferde, wohin sie ihre Reittiere auch direkt brachten
Gemeinsam gingen sie dann auf das Große Haus zu, an dessen Eingang bereits ein Bediensteter auf sie wartete.
„Guten Morgen die Dame und Herren“, grüßte dieser die Gruppe, wartete aber nicht auf eine Erwiderung sondern fragte umgehend: „Dürfte ich bitte erfahren, was ihr Anliegen ist?“
Wie so oft, übernahm auch dieses Mal Karl das Reden und antwortete: „Wir sind auf der Suche nach einer Alchemistin namens Tabea. Man sagte uns, dass wir sie hier finden würden.“
„Das ist richtig mein Herr!“, erwiderte der Mann freundlich. „Die Herrin des Hauses stellt aber derzeit niemandem ihre Dienste zur Verfügung. Sie ist erst vor kurzem von einer Reise zurückgekommen und möchte sich davon noch ein wenig erholen!“
„Wir sind auch nicht wegen ihrer Fähigkeiten hergekommen!“, hielt Karl entgegen, „Sondern sind auf der Suche nach jemandem und glauben, dass Tabea zuletzt Kontakt mit ihr hatte.“
„In Ordnung. Ich werde mich erkundigen ob die gnädige Frau dazu bereit ist darüber Auskunft zu geben“, schlug der Diener vor. Dann öffnete er die Massive Eichenholztür, machte eine einladende Bewegung und sagte: „Wenn sie mir bitte folgen würden.“
Nacheinander betraten die Vier die Eingangshalle.
Der Diener führte sie an einer breiten, geschwungenen Treppe die ins erste Stockwerk führte, zu einer Doppeltür, die gegenüber des Eingangs lag. Dabei verursachte jeder Schritt ein hallendes Klacken auf dem, mit poliertem Marmor ausgelegten Fußboden.
Aufgrund des Standes seines Vaters war Aaron einen gewissen Luxus gewöhnt, aber was er hier sah, verschlug ihm die Sprache. Beeindruckt musterte er einen Kronleuchter, welcher von der Decke des ersten Stocks herunterhing und mit etlichen geschliffenen Steinen behangen war, in denen sich das Licht der Kerzen brach.
Der Diener öffnete indessen eine der Türhälften und wartete, bis alle hindurchgegangen waren. Aaron musste er jedoch mit einem Räuspern darauf aufmerksam machen, dass er weitergehen sollte. Nun standen sie in einer gut ausgestatteten Bibliothek, die durch eine Galerie im ersten Stock fortgesetzt wurde. An fast allen Wänden standen Regale, in die unzählig viele Bücher eingeordnet waren. Große Fenster gegenüber der Tür ließen einen herrlichen Blick auf den dahinter liegenden Garten zu und erhellten zudem den gesamten Raum. In der Mitte des Zimmers war eine Sitzgruppe, von bequem aussehenden Sesseln um einen runden Tisch angeordnet. Zwei weitere standen vor einem Kamin, der sich rechts neben der Tür, in der Ecke befand.
„Nehmen sie bitte Platz. Ich werde mich erkundigen, ob die gnädige Frau bereit ist, sie zu empfangen“, sagte schließlich der Diner.
„Das ist nicht nötig!“, erklärte daraufhin eine junge Frau. Sie erhob sich aus einem der Sessel und legte ein Buch auf den vor ihr stehenden Tisch.
„Fräulein Erina“, entfuhr es dem Diener überrascht, fasste sich aber wieder schnell. „Entschuldigt bitte die Störung. Ich habe nicht bemerkt, dass ihr hier seid. Diese Herrschaften möchten zur ihrer Großmutter weil …“ Der Bedienstete verstummte augenblicklich als Erina ihre Hand erhob.
„Ich war erst vorhin bei ihr und sie schien sich nicht wohl zu fühlen. Daher werde ich mich um unsere Gäste kümmern.“
„Wie ihr wünscht“, erwiderte darauf der Diener mit einer Verneigung. „Kann ich euch sonst noch zu Diensten sein?“
„Wie wäre es mit einer Tasse Tee?“, fragte die junge Frau. Jedoch klang es eher wie eine Antwort. Denn ohne abzuwarten, ob die Vier damit einverstanden wären, erwiderte der Diener: „Wie ihr wünscht“, verneigte sich ein weiteres Mal und verließ den Raum.
„Nehmt doch bitte Platz!“, bat Erina und wies auf die sechs freien Sessel um den Tisch. „Und dann erzählen sie mir bitte, wie ich ihnen weiterhelfen kann.“
„Nun, ich weiß nicht inwieweit ihr uns weiterhelfen könntet. Denn wir sind auf der Suche nach jemandem und man sagte uns, dass Tabea sie möglicherweise traf“, erklärte Karl.
„Meine Großmutter war in den letzten Jahren viel auf Reisen. Und sie wird dabei auch mit Sicherheit viele Personen getroffen haben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich in all der Zeit an jeden erinnern kann! Sie ist eine alte Frau und ihr Gedächtnis ist nicht mehr das Beste“, gab Erina zu bedenken.
„Es sollten höchstens acht oder zehn Tage her sein, dass sie einer jungen Frau namens Rianna im Beohgebirge begegnet ist. Wir wollten lediglich erfahren, ob … ihre Großmutter weiß wohin sie wollte.
„Rianna …“, seufzte Erina und klang dabei ein wenig genervt. Dies wiederum löste Erstaunen bei den anderen aus. „Oh, ich bitte um Verzeihung!“, entschuldigte sie sich daraufhin beschwichtigend. „Es ist nur so, dass Rianna in den letzten Tagen, eines der beiden einzigen Gesprächsthemen meiner Großmutter war. Jedoch um es gleich zu sagen: Sie hat bisher nicht darüber geredet wo sie hinwollte. Allerdings will ich auch nicht ausschließen, dass sie es einfach nur vergessen hat. Wenn es ihnen weiterhilft, kann ich sie aber gerne danach fragen.“
„Wenn ihr so freundlich wäret, natürlich gerne“, antwortete Karl.
„Vielleicht wird sie es ihnen aber auch selbst sagen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie gerne einige Bekannte von Rianna kennenlernen würde“, überlegte Erina und stand auf. „Wenn sie mich also kurz entschuldigen würden.“
Nach dem Erina den Raum verlassen hatte und die Tür wieder geschlossen war, fragte Aaron: „Hatte Gerald nicht auch etwas von einer Erina erwähnt?“
„Ja hatte er tatsächlich!“, bestätigte Karl daraufhin. „Sie soll Rianna und den Drachen für fast einen ganzen Tag, mit einem Schlafmittel, betäubt haben. Zumindest war das laut Gerald die Aussage von Rianna. Denn außer ihr schien dort niemand eine Erina gekannt zu haben. Geschweige denn, dass sie überhaupt jemand gesehen hat.“
„Wahrscheinlich hatten sich diese Tabea und Rianna kurz zuvor über Erina unterhalten und hat daher etwas durcheinander gebracht. Wer weiß was in dem Mittel, dass ihr die Alchemistin verabreicht hatte alles drin war“, vermutete Friedrich.
„Gar kein so abwegiger Gedanke!“, stimmte Karl zu. „Und gerade weil die Sache so unsicher ist habe ich nichts dergleichen, Erina gegenüber erwähnt. Ich wollte nicht riskieren, gleich wieder rausgeworfen zu werden.“
„Glaubst du denn, dass sie uns weiterhelfen kann?“, wollte Lucia nun wissen.
„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie das überhaupt will“, entgegnete ihr Aaron.
„Du und dein ewiges herumnörgeln …!“ grummelte Karl genervt, „Ich denke schon, dass sie gewillt ist uns weiterzuhelfen. Die eigentliche Frage ist doch, ob sie dies überhaupt kann. Mir wäre in jedem Fall lieber, wenn wir mit Tabea persönlich reden könnten. Informationen durch dritte sind leider nie ganz korrekt und auf weiterführende Fragen können sie auch nur selten eine brauchbare Antwort geben.“
Ein klopfen an der Tür verhinderte, dass das Thema weiter vertieft wurde. Da aber niemand hereintrat, bat Aaron mit einem gut hörbaren „Ja Bitte?“ die vor der Tür wartende Person herein.
Langsam öffnete sich die Tür nach außen, bis einen Moment später der Diener eintrat. Vor sich hin schob er einen kleinen Wagen, auf dem eine Porzellankanne und ein Teeservice standen. Ohne Umschweife, stellte er jedem eine Tasse mit Unterteller auf den Tisch und goss den anwesenden, jeweils eine Tasse Tee ein. Nach dem er jeden bedient hatte, wollte er die Bibliothek wieder verlassen, jedoch sprach Karl ihn vorher an: „Entschuldigen sie bitte, aber ich hätte da eine Frage.“
Der Diener drehte zu ihm um und gab ihm, durch ein langsames Kopfnicken, zu verstehen, dass er zuhörte.
„Mir war nicht bewusst, dass ein Alchemist mit seinen Tränken und Wundermittelchen ein solches Vermögen anhäufen kann, um sich ein solches Anwesen leisten zu können. Oder hat sie einen Weg gefunden, Stein in Gold zu wandeln?“
„Nein keineswegs. Das Anwesen ist bereits seit einigen Generationen im Familienbesitz“, begann der Diener zu erklären. „Die Alchemie war zu Beginn, lediglich ein Zeitvertreib der gnädigen Frau. Aber im Verlauf der Jahre hatte sich dieses Interesse immer weiter gesteigert. Mittlerweile kann man aber tatsächlich sagen, dass sie eine nicht unerhebliche Summe damit verdient. Wegen ihres hervorragender Rufes lassen sich die Adeligen, aus Köniksburg und anderen Städten des Königreiches, ihre Dienste mit Sicherheit einiges kosten.“
„Ist sie denn wirklich so gut, in dem was sie macht?“, hackte Karl nun nach.
„Da die meisten von ihnen wiederkommen und die wenigsten davon, an der Arbeit der Gnädigen Frau etwas auszusetzen haben, kann man wohl davon ausgehen“, bestätigte der Bedienstete nickend. (*)
„In Ordnung, danke für die Auskunft“, sagte Karl woraufhin der Diener ein weiteres Mal nickte und dann wortlos den Raum verließ.
Da sich Erina offensichtlich doch mehr Zeit ließ als vermutet, hatten Friedrich und Lucia damit begonnen, die Regale nach für sie interessanten Büchern zu durchstöbern. Karl saß noch immer in seinem Sessel, war jedoch in das Buch, welches die junge Frau zuvor gelesen hatte, vertieft. Aaron hingegen stand am Fenster und betrachtete, völlig in Gedanken versunken, den dahinterliegenden Garten.
Dann erschien endlich Erina und eilte sichtlich außer Atem wieder zu ihrem Platz. Sie hatte ein kleines, abgenutztes, in Leder gebundenes Notizbuch in der Hand, bei dem auch einige Seiten am Rand heraus schauten.
„Entschuldigt bitte, dass es so lange gedauert hat. Aber Ich musste die Notizen meiner Großmutter erst einmal suchen“, erklärte sie keuchend, woraufhin sich auch die anderen wieder zu ihrem Platz begaben. „Sie lagen noch im Wagen, den sie für ihre Reise genutzt hatte. Und … nun ja … sagen wir es so: er war nicht gerade aufgeräumt.“
Aaron wunderte sich darüber, dass Erina selbst gegangen ist um das Buch zu holen, anstatt einen Laufburschen zu schicken, die es hier mit Sicherheit gab. Er sagte jedoch nichts dazu sondern beobachtete wie sie in den Notizen nach etwas suchte.
„Ah ja, das hier müsste es sein“, sagte Erina plötzlich und sprang wieder aus dem Sessel. Sie breitete nun eine zusammengefaltete und stark vergilbte Karte auf dem Tisch aus. Auf dieser war das gesamte Königreich zu sehen. Zusätzlich zu den üblichen Markierungen für Städte, Grenz-, Straßen- und Flussverläufen, gab es noch einige von Hand eingetragene und mit Zahlen versehene Punkte. Die Bedeutung dafür war jedoch nicht ersichtlich.
„Meine Großmutter bedauert es, dass sie nicht persönlich mit ihnen reden kann. Sie scheint sich irgendwas eingefangen zu haben und möchte nicht, dass man sie in diesem Zustand sieht. Außerdem lässt sie ausrichten, dass sie leider auch nicht genau weiß wo Rianna hingehen wollte. Aber sie meinte, dass diese Karte eventuell nützlich sein könnte.
„Und was ist darauf zu sehen?“, fragte Aaron, der sich über den Tisch beugte und auf die Karte schaute.
„Dazu wollte ich jetzt kommen!“, erwiderte Erina „Meine Großmutter war die letzten Jahre wie versessen auf der Suche nach einem Drachen. Wieso sie das war, hatte sie nie wirklich verraten. Nur dass sie eine spezielle Zutat brauchte. Und trotz dass sie tatsächlich einem Drachen begegnet ist, macht sie auch um das, was sie vorhat ein großes Geheimnis. Sie meinte, dass sie erst sicher gehen will, ob es nicht irgendwelche Nebeneffekte gibt… Zurück zur Karte! Auf ihr sind die meisten der bekannten Drachenhorte eingezeichnet.“
Dann zog Erina eine weiteres, handgeschriebenes Blatt unter der Karte hervor und erklärte: „Auf dieser Liste stehen die dazugehörigen Drachen. Oder zumindest das, was Großmutter, in all den Jahren, über sie herausfinden konnte. Da es sich dabei meist aber nur um Erzählungen der umliegenden Ortschaften handelte, sind die Notizen sehr lückenhaft und müssen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen.“
„Kann ich die Aufzeichnungen und die Karte bitte mal sehen?“ fragte Karl, worauf hin Erina sie ihm gab. Zunächst betrachtete er eingehend die Karte und danach die Liste.
„Nyrn“, begann er schließlich laut vorzulesen. Dabei hatte er offensichtlich Schwierigkeiten, die Schrift zu lesen. „Damals einer der ältesten Drachen. Verschwand jedoch kurz nachdem man ein Kopfgeld auf jeden getöteten Drachen ausgesetzt hatte. Vermutlich begab er sich auf einen anderen Kontinent…
Als nächstes kommt ein Drache mit unbekanntem Namen. Aber hier steht, dass er vermutlich irgendwann um das Jahr 422 getötet würde. Also vor fast 95 Jahren…
Hm… ich kann nicht erkennen wie uns die Liste weiter helfen sollte. Nach diesen Aufzeichnungen sind die Drachen entweder verschwunden oder getötet worden und einen passenden Namen kann ich hier auch nicht entdecken. Die Karte hingegen schränkt zumindest unsere Suche ein. Vorausgesetzt dass die beiden sich an einer dieser Orte aufhalten.“
„Kann ich mir die Liste auch mal ansehen?“, fragte Lucia und Karl reichte das Papier an sie weiter.
„Etwas anderes kann ich ihnen leider nicht anbieten“, entschuldigte sich Erina, „Sie können jedoch die Karte und die Notizen behalten. Ich denke meine Großmutter benötigt sie nicht mehr.“
„Vielen Dank. Aber ich werde die Markierungen nachher auf meine Karte übertragen und die Liste werden wir denke ich nicht benötigen“, erklärte Karl.
„Ist dir aufgefallen, dass bei manchen der Drachen auch das Aussehen beschrieben wurde?“, wandte Lucia plötzlich ein, ohne von dem Blatt aufzusehen.
„Schon! Aber wie sollte uns das weiterhelfen?“, fragte Karl neugierig.
„Wenn ich es richtig verstanden habe, war es doch ein schwarzer Drache, den Rianna begleitet“, begann Lucia mit ihrer Erläuterung. Sowohl Karl als auch Aaron nickten mit dem Kopf und Friedrich fügte hinzu: „mit dunkelroten Flügel!“
„Sehr gut. Dann bin ich mir sogar fast sicher, dass wir sie an Position acht finden werden!“, sagte sie mit voller Überzeugung.
Karl legte die Karte auf den Tisch, sodass alle einen Blick darauf werfen konnten und meinte dann: „Das ist an der nordwestlichen Grenze, direkt an der Küste. Wie kommst du darauf, dass sie da sein könnte?“
„Ich lese es euch vor: Baratur und Situla. Ein Drachenpaar, dass wohl den Hauptgrund darstellte, weswegen man begann die Drachen zu Jagen. Ein ganzer Landstrich fiel den Beiden zum Opfer. Dabei zerstörten sie nahezu alles, was von Menschenhand erbaut wurde. Deswegen wäre es auch höchstwahrscheinlich zu einer Hungersnot gekommen, wenn es denn noch jemanden gegeben hätte, der hätte hungern können. Ich glaube auch, dass sie der Grund dafür sind, warum es das Gerücht gibt, dass vor allem schwarze und rote Drachen zu den aggressivsten ihrer Art zählen.
Situla soll im Jahr 420 getötet worden sein. Wie dies geschah konnte jedoch niemand sagen, da sich Baratur an der ganzen Kompanie, für den Tod seiner Gefährtin gerächt haben soll. Man vermutet weiter, dass er dabei selbst schwer verletzt wurde und an seinen Wunden starb, da man danach nie wieder etwas von ihm hörte. Allerdings fand man auch nie seine sterblichen Überreste oder die seiner Gefährtin.“
„Ich verstehe immer noch nicht, wie uns das weiter helfen soll!“, gestand Karl und sah Lucia ratlos an.
„Vielleicht ist der Drache den wir suchen ein Nachkomme der beiden hier beschriebenen! Und es könnte doch sein, dass er weiterhin in diesem Hort lebt“, erklärte Lucia.
„Deine Vermutung bezieht sich also auf die Farbe der beiden Drachen?“, erkundigte sich Karl daraufhin und sie bestätigte dies mit einem Nicken. „Es ist zwar nicht gerade der stichhaltigste Hinweis, dafür aber der Einzige den wir bisher haben!“
Karl hielt einen Moment inne und gerade, als er sich bei Erina für die Hilfe bedanken wollte, war ein ohrenbetäubender Knall zu hören, der scheinbar das gesamte Haus erzittern ließ.