Unter Drachen Kap. 20 - Garde
Die Garde wird eingeschworen. Und ich ziehe mich danach zurück um meinen Gedanken nachzuhängen.
Kapitel 20 der Story eines Menschen der zum Drachen wurde.
Unter Drachen
- Garde
Sunil holt tief Luft.
„Natha, von welcher Klippe soll ich mich für Dich mit gefesselten Schwingen stürzen?“ -
Grinsend antworte ich.
„Ich verstehe. Also Sunil, Du bist der erste, den ich hiermit aufrufe.“
Währenddessen spüre ich, dass Sálleiðtogi das ganze verfolgen möchte und gebe ihr mein Einverständnis, sich meine Sinneseindrücke mit mir zu teilen. -
Sunil nickt, kommt zu uns und kniet vor mir nieder.
„Nein, ihr sollt vor mir stehen. Meine Garde braucht vor mir nicht zu knien. Auf den Knien liegen könnt ihr, wenn ihr den Drachen um euer Leben bitten müsst, weil ihr einen gewaltigen Mist gebaut und damit meinen Zorn geweckt habt.“ -
Sunil sieht mich an, steht auf und neigt dann seinen Kopf.
„Gerne Natha. Auch wenn uns stets beigebracht wurde, einem Drachen immer sehr vorsichtig zu begegnen, sollten wir einmal auf einen treffen. Und ich nur vermuten kann, was Du mit 'Mist gebaut' meinst...“ -
„Gegenüber den anderen wird das sicher auch weiterhin richtig sein. Ich selber möchte es nicht, ich habe viel vom normalen Verhalten und den Ansichten eines Drachen verlernt – und ich möchte es mir nach Möglichkeit auch nicht wieder angewöhnen, jedenfalls nicht so bald. Ich hoffe, ich verdiene mir euren Respekt und eure Achtung. Und ich benötige euren Gehorsam, um meine Aufgaben hier erfüllen zu können. Ich hoffe, dass ihr aus Überzeugung für meine Aufgabe euren Dienst hier leistet, nicht aus Furcht vor dem Zorn des Drachen. - Nebenbei, wenn ihr ständig aus reiner Vorsicht vor mir auf den Knien liegt, geht der Effekt auch schnell verloren. Ihr seht doch rechtzeitig, wenn es gilt, vorsichtig zu sein um mich nicht weiter zu erzürnen.“ -
Aditi legt mir vorsichtig ihre Hand auf den Arm um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Verzeih Natha, alle glauben, wir könnten die Stimmung der Drachen lesen, wie unsere eigenen oder die der Menschen. – Wir wissen, dass ihr hauptsächlich in den Augen und an eurer Schwanzspitze die Stimmung eines anderen Drachen erkennt. Wir kennen die Bedeutung dieser Zeichen jedoch nicht, wir haben einfach zu wenig Kontakt zu Drachen, auch zu den Drakarin. - Immerhin wissen wir, dass das Zeigen der Zähne nur sehr selten eine Drohung ist, auch wenn es heißt, 'zeigt ein Drache Dir seine Fangzähne – lauf wenn Du noch kannst.' - Du hast sogar noch eine ausgeprägte Mimik für einen Drachen, aber es ist sehr schwer für uns.“ -
Jaya legt auf der anderen Seite ihre Hand auf meinen Arm.
„Wir wissen zwar nicht, was die Bewegungen Deiner Schwanzspitze für uns bedeuten, aber es war schon beängstigend, als Du diese sonst ständigen Bewegungen nicht gemacht hattest, das wirkte fast schon wie eine unausgesprochene Drohung - Hättest Du uns den Grund nicht genannt...“ -
Ich nicke langsam.
„Ich verstehe das Problem. Verzeiht, aber da ich glaube, eure Stimmungen recht gut erkennen zu können, bin ich auch vom umgekehrten Fall ausgegangen. - Da ich andererseits die Drachen ja noch als Mensch erlebt habe - wenn auch nur kurz - war mir die Schwierigkeit für die Menschen dagegen bekannt. - Gut, ich kenne jetzt das Problem und ich denke, das werden wir bald gelöst haben. Ein wenig Übung und ihr werdet im wesentlichen auch unsere Stimmung erkennen können. - Scheut euch nicht, uns zu fragen. Ich jedenfalls werde mich bemühen, euch die jeweiligen Zeichen zu erklären.“
Wie ergeht es Tascha eigentlich, sie ist ja bei Dracciern aufgewachsen...
„Tascha, verzeih meine Liebe. Wie ging es Dir eigentlich mit den anderen Drachen?“ -
Sie zuckt mit den Schultern.
„Entweder ist es uns angeboren, oder ich habe es in den wenigen Monden gelernt, als ich noch bei meinen Eltern war. Für mich sind eure Stimmungen eindeutig und jetzt ja auch bei Dir. - Ich gebe Deinen Kriegern gerne ein wenig Drachenkunde, dann werden sie sich auch sicherer im Umgang mit uns fühlen.“ -
„Danke meine Liebe.“ ich wende mich wieder Sunil zu.
„Verzeih, dass wir das ausgerechnet jetzt diskutieren, aber es ist ein Thema, das sicher alle interessiert.“
Ich reiche den Beutel mit dem Silber an Aditi.
„Da Du gerade hier neben mir stehst...“ -
Sie sieht mich nur kurz an, greift sich den Beutel, nickt dann und nimmt die zwei Silberstücke heraus, die sie Sunil reicht.
„Das Handgeld für Deinen Dienst als Drachenkrieger, Sunil. Denke daran, wenn Du es annimmst, kann Dein Dienst frühestens nach 25 Sommern oder durch unseren Herrn wieder aufgelöst werden.“
Ich sehe sie fragend an. So eine Regelung kenne ich beim Handgeld nicht – obwohl... früher wurden drüben die Rekruten damit auch auf unbestimmte Zeit verpflichtet – 'solange der König Ihn braucht'...
Sunil nimmt das Handgeld mit einer leichten Verneigung entgegen. Er bemerkt meine Verwunderung.
„In einer Welt, in der ein Krieger nicht weiß, ob er in drei Monden noch im Sold steht, oder wieder auf der Suche nach einem neuen Herrn ist, gibt diese scheinbar lange Verpflichtung auch Deinen Kriegern Sicherheit, Natha. - War das nicht abgesprochen?“ -
„Nein, das war es so nicht – aber Aditi hat offensichtlich erkannt, dass ich nicht vorhabe, meine Krieger ständig zu wechseln und euch gerne auf längere Zeit bei mir behalten möchte. Sie hat also in meinem Sinn gesprochen. - Natürlich ich weiß auch, dass immer etwas geschehen kann, das eine Änderung erfordert.“
Aditi beginnt neben mir wieder zu atmen - als Sunil mich fragte, erstarrte sie geradezu.
Beim umdrehen zu Shankar lege ich kurz meine Hand auf ihre Schulter und nicke ihr leicht zu. Ich bin ihr nicht böse deswegen, da steckt sicher nur der Wunsch auf einen festen, langfristigen Dienst dahinter und das kommt mir ja auch gelegen, da ich nicht ständig andere Söldner um mich haben möchte.
Als nächstes gibt Shankar mir ein Schwert, das ich kurz betrachte. Eindeutig wurde hier auf Drachendekoration Wert gelegt. Der Griff ist als langgestreckter Drache, vielleicht auch Wyvern gestaltet, der Körper dient als eigentlicher Griff, seine im Bogen aufgespannten Schwingen bilden einen erweiterten Handschutz, ähnlich wie bei meinem Rapier, oder wie eine Degenglocke, aber auch gleichzeitig die Parierstangen – die Daumenkrallen sind dazu etwas übertrieben lang und dick geraten. Mit den Füßen greift er einen schwarzen Opal, der zudem vom Schwanz umwunden wird. Aus seinem Maul wächst die schlichte gerade, recht lange und schlanke Klinge des Schwertes. Die Scheide ist aus feinem aber festem Leder, das Gehänge endet in zwei Drachenhänden, die die Scheide umklammern. Ich ziehe das Schwert heraus und erkenne sofort die qualitativ hochwertige Klinge und die gute Ausgewogenheit der Waffe, die trotz des überladenen und ungewöhnlich geformten Griffes sehr gut in der Hand liegt.
Ich stecke das Schwert zurück in seine Scheide und halte es waagerecht mit der Rechten vor Sunil, der es vorsichtig mit beiden Händen annimmt.
„Verzeih, Sunil. Es ist etwas übermäßig verziert für meinen Geschmack, aber es liegt trotzdem gut in der Hand und scheint kampftauglich zu sein. Nun, es ist eben ein Schwert für die Garde eines Drachen...“ -
Sunil lächelt.
„Natha, es mag für einen Drachen unlogisch wirken, aber wir Draccier mögen solche Verzierungen sehr gerne. Ich danke für das Schwert, dass ich Dir zu Ehren tragen und führen werde.“ -
Jaya, die sich mit der linken Hand an meinem Schwingenarm festhält, reicht mir ein kleines Bündel mit vier von den gestickten Wappen in verschiedenen Größen und einem metallenen Drachenkopf als Brosche. Diese Brosche hat sogar ein wenig Ähnlichkeit mit mir...
„Noch von Valarinn eingelagert, wir haben es nur ein wenig angepasst, das Auge in Blau und so etwas. Mir hat das Wappen gefallen, aber es ist Deine Entscheidung, ob es so bleibt. Viel mehr ist nicht mehr da, er hat wohl spät damit anfangen lassen oder es ist nur als erste Ausstattung gedacht gewesen. Wir müssen also ohnehin weitere Wappen anfertigen. - Keine Sorge, es wird nicht viel kosten, solche Dinge fertigt unser Stamm sehr gerne, wir weben und sticken auch viel für die Menschen, man kann ganz gut davon leben.“ -
„Ich verstehe. Wir werden darüber sprechen, ein einheitliches Zeichen erscheint mir logisch. - Sunil, trage die Zeichen meiner Garde mit Stolz.“ -
Mir ist klar geworden, dass die Draccier sehr auf solche Zeichen und Symbole achten. Ebenso auf ein entsprechendes Drumherum, wie diese Zeremonie – auch wenn es sehr improvisiert ist. Aber dass ich es mache, reicht ihnen wohl schon aus.
Nur was Valarinn zu diesen unnützen Dingen getrieben hat, erschließt sich mir nicht. Es ist einfach nur unlogisch für einen Drachen, so etwas herstellen zu lassen. Ich verstehe schon nicht, warum er überhaupt die Lager angelegt hat, aber schlichte, kampftaugliche Waffen wären dann logisch gewesen, keine Drachenschwerter und -wappen...
Jaya klammert sich fester an meinen Schwingenarm, auf meinen Blick schüttelt sie den Kopf.
„Nichts besonderes, ich bin nur noch etwas wackelig auf den Beinen und habe manchmal das Gefühl gleich zu fallen. Danke, dass ich mich an Dir festhalten darf, Herr. Lass uns die Aufnahme zu Ende bringen und dann werde ich mich etwas zurückziehen und hinlegen. Shankar hat alles unter Kontrolle, er kann das eigentlich auch besser als ich.“ -
Sie wirkt wirklich so, als ob sie Ruhe braucht – da mögen die Drachen sagen was sie wollen, Jaya stand sicher kurz vorm Hitzschlag und auch wenn die Draccier so etwas besser verarbeiten, als Menschen, so einfach wegstecken können sie es auch nicht.
„Ich beeile mich ein wenig, die Fragen sind jetzt ja geklärt. Sage mir, wenn es nicht mehr geht.“ -
„Sorge Dich nicht um mich Herr. Die Drachen haben recht, wenn sie sagen, dass wir viel mehr ertragen, als die Menschen, die Du wohl noch besser kennst. Aber ich danke Dir für Deine Sorge um mich und hoffe, es wirklich zu verdienen.“ -
„Unsinn.“ knurre ich und wende mich wieder an Sunil, der sich mittlerweile die Drachenkopf-Brosche angesteckt hat und sichtlich stolz darauf ist. Ich erkenne, dass so ein Symbol, das auch an normaler Kleidung getragen werden kann, eine zusätzliche Bindung schafft. Die Krieger können sich so immer als meiner Garde angehörig zeigen.
„Diese Drachenfibel wird noch geändert und erhält dann den Kristall. Sie wird allen zeigen, dass ihr Krieger meiner Garde seid und bleibt nach eurem Dienst in eurem Besitz. Denn auch die ehemaligen Krieger werden immer zur Gemeinschaft meiner Garde gehören und können auf die Gemeinschaft zählen. Ich werde immer ein Ohr für euch haben, selbst wenn euer Dienst seit einhundert Sommern beendet ist. - Ich danke Dir Sunil, für Deine Bereitschaft mir zu dienen und Dein Leben für mich einzusetzen, wenn es notwendig sein sollte.“ -
Er ist sichtlich verwundert darüber, dass ich ihm danke. Er will etwas erwidern, aber mein kurzes, leises Schnauben lässt ihn ruhig bleiben. Ich bin ihnen wirklich dankbar dafür, dass sie hier über meine Wohnstätte wachen und für mich kämpfen wollen – als Freiwillige, die ich nicht werben musste. Und dass sie zudem versuchen, mit mir wie mit einem normalen Dienstherrn umzugehen und nicht immer so, wie sie es mit einem Drachen machen würden.
„Entschuldige bitte mein Bruder, dass ich mich ein wenig 'umgehört' habe.“
Sálleiðtogi bedient sich wieder meines menschlichen Wortschatzes.
„Wenn ich es richtig spüre, dann sind alle bereit für Dich zu sterben. Ich verstehe das nicht...“ -
„Sie sind alle Krieger, die immer damit rechnen müssen im Kampf zu sterben. Es ist ihnen also nicht so fremd – aber normalerweise wollen sie in ihrem Dienst ebensowenig sterben, wie andere auch und streben immer danach, eine Schlacht zu überleben. Was Du hier spürst, ist ihre Bereitschaft, für mich auch in einen Kampf zu gehen, von dem sie wissen, dass sie ihn nicht überleben können. Sie vertrauen darauf, dass ich sie nur in den Tod sende, wenn es für diese Welt wichtig ist. - Danke für diese Information, ich werde es nicht ausnutzen, aber ich weiß jetzt, dass sie mir treu dienen werden.“ -
„Dir treu dienen...?“ -
„Ja. Na los, schau in meinem Wissen nach, was ich damit meine.“ -
Sunil verneigt sich kurz und geht wieder zu seinem Platz. Er hat erkannt, dass ich den nächsten aufrufen möchte. Ich nehme einfach den nächsten, auf den mein Blick fällt.
„Bhima.“
Er kommt zu uns, verneigt sich kurz und nimmt dann ohne Zögern das Handgeld, das Aditi ihm mit den gleichen Worten wie bei Sunil hinhält – die letzte Gelegenheit sozusagen, nicht auf so lange Zeit in meinen Dienst zu treten.
Dann reiche ich ihm das Schwert, das mir Shankar gibt, auf die gleiche Weise wie bei Sunil.
„Das Drachenschwert der Garde.“
Er nimmt es ebenfalls mit beiden Händen und einer Verneigung entgegen.
Zuletzt wieder die Wappen und die Drachenfibel.
„Trage die Zeichen meiner Garde mit Stolz, Bhima.“ -
Er verneigt sich.
„Ich gehe, wohin Du mich sendest, Natha.“ -
„Wie geht es Deiner Verletzung?“ -
„Mit den festgebundenen Schwingen habe ich keine Schmerzen, selbst in den Kämpfen nicht. Aber es wird wohl zwei oder drei Monde dauern, ehe ich wieder die Kraft zum Fliegen erlangen kann.“ -
„Leider ist der einzige Heiler, den ich kenne, zwei Flugtage eines Drachen entfernt.“ -
„Mache Dir darüber keine Gedanken, Natha. Eure Heiler mögen uns ohnehin nicht, da wir als Krieger in ihren Augen ohne Not Leben nehmen.“ -
„Ich verstehe. Obwohl Græðarinn mir diesen Gefallen trotzdem leisten würde. Doch ich will Fjörgyn und Eldflóð nicht den Heiler entführen, vielleicht findet sich hier in der Nähe ja auch einer.“ -
Bhima geht wieder zu seinem Platz, mein Blick fällt auf...
„Shanti.“
Sie sieht mich erstaunt, fast entsetzt an. Dann sehe ich ein wenig Stolz, aber gleich darauf schüttelt sie mit traurigem Blick den Kopf.
„Verzeih mir Isha Rajesh. Ich kann nicht in Deinen Dienst treten.“ -
„Hat Dich der Clan nicht frei gegeben?“ -
„Im Gegenteil, er wünscht es sogar. Aber ich müsste Dich betrügen, wenn ich in Deinem Dienst bin.“ -
„Der Clan will, dass Du mich ausspähst, nicht wahr.“ -
Sie nickt nur.
„Ich danke Dir für Deine Ehrlichkeit. Auch deshalb wiederhole ich meinen Ruf: Shanti!“ -
„Herr...?“
Sie sieht mich verwirrt an.
„Warum? Ich müsste Dich betrügen – verzeih Isha Rajesh, ich möchte nicht in Deinem Magen enden...“ -
„Das würde auch nicht geschehen, ich würde Dich auf anderem Weg zu Erce senden. Aber ich denke, ich kann jemanden brauchen, der den Kontakt zum Clan hält, Padmini fällt dafür aus, sie hat sich vom Clan losgesprochen. - Und das was meine Garde erfährt, darf auch der Clan wissen, - vielleicht nur nicht immer sofort...“ -
„Darf ich darüber einem Moment nachdenken, Isha Rajesh?“ -
„Natürlich. Dann zuerst Durga.“
Die braungeschuppte, schwingenlose und noch recht junge Kriegerin, deren Kopffinnen jetzt vor Aufregung aufgerichtet sind, als sie vor mir steht und sich verneigt. Als Aditi die Silberstücke herausholt wartet Durga gar nicht erst die Worte ab.
„Ich hoffe, erst als alte Kriegerin meinen Dienst bei Dir beenden zu dürfen, Natha.“ -
Grinsend reiche ich ihr das Schwert, das sie voller Ehrfurcht entgegennimmt, wie dann auch die Wappen. Sie steckt sich die Fibel an die Tunika und kehrt danach stolz zu ihrem Platz zurück.
„Kunti.“
Die fast ständige Begleiterin von Durga, die ihr sehr ähnlich sieht, nur dass sie kurze braune Haare hat. Ebenso jung, ist auch sie noch sehr aufgeregt, wartet aber Aditis Hinweis ab, ehe sie die Silberstücke annimmt.
„Auch ich hoffe, solange Du es mir erlaubst, in Deinem Dienst bleiben zu dürfen, Natha.“ -
Nach Erhalt des Schwertes und der Wappen geht sie ebenfalls sehr stolz zu ihrem Platz zurück.
Danach geht es recht schnell.
„Ajit.“
„Ravi.“
„Dilip.“
Sie nehmen alle wortlos, aber ohne Zögern die Silberstücke von Aditi, empfangen von mir Schwert und Wappen und mit einer nochmaligen kurzen Bekundung, mir stets zu folgen, gehen sie wieder zu ihren Plätzen. - Alle bleiben übrigens stehen, wohl um den anderen damit ihre Ehrerbietung zu bekunden.
Ebenso geht es weiter mit Hari, Kama, Vasu, Surya und Nala.
„Rohit.“
Er kommt mit einem leichten Humpeln zu mir und verneigt sich ebenso wie die anderen die vor ihm dran waren.
„Rohit, Du bist neu, gerade heute erst angekommen und hast Dein Gedächtnis verloren. Dennoch bist Du bereit in meinen Dienst zu treten und hier alles neu zu lernen. Willst Du für die besprochene Zeit in meine Garde eintreten?“ -
„Ja, Natha.“ -
„Gut. Aditi, gib ihm sein Handgeld.“
Er überlegt nicht lange und nimmt das Geld an. Selbst wenn er es nur als Zeichen seiner Verpflichtung mir gegenüber ansieht, wird er den Sinn den Geld hat, sicher bald begreifen. Ebenso nimmt er das Schwert und die Wappen an. Wie die anderen steckt er die Fibel an seine Brust, tapfer trägt er schon die ganze Zeit die gleiche Kleidung wie die anderen. Für einen Drachen muss das ungewohnt, vielleicht sogar unangenehm sein – andererseits trägt Tyria auch immer noch den Sari...
„Dann willkommen in meiner Garde. Aditi wird für die nächste Zeit einen Plan für Dich aufstellen, damit Du nach Deiner Heilung in den normalen Dienst eintreten kannst.“ -
„Ja Natha. Ich danke Dir für Deine Gnade.“ -
Nach meinem Nicken geht er wieder an seinen Platz zurück. Zwar war sein Dank etwas dick aufgetragen für einen Draccier, aber zu einen hat er leise gesprochen, es werden nicht viele gehört haben, zum anderen hat es ja auch tiefere Gründe, die ich akzeptieren kann.
„Shanti.“ -
Ich sehe, wie sie sich einen Ruck gibt und zu mir kommt.
„Isha Rajesh. Wenn Du mich trotz meiner Kundschafterrolle bei Dir in den Dienst nehmen willst... - Ich verspreche Dir, Informationen erst weiter zu geben, wenn Du es mir gestattest.“ -
„Ich verstehe. Ich kann es akzeptieren, wenn Du gleichzeitig für den Clan Informationen sammelst. Vielleicht können wir dabei zusammenarbeiten. Du kannst unbesorgt das Handgeld annehmen, nur sage es mir, wenn Du Deinen Dienst für mich nicht mehr im vollen Umfang leisten kannst wegen dem Clan.“ -
„Ja Natha. Ich danke Dir für Dein Verständnis. Ich fühle mich zwar noch dem Clan verpflichtet, aber ich möchte auch gerne in Deinen Dienst treten. Es verspricht sehr interessant zu werden.“ -
Ich nicke und mache eine einladende Handbewegung. Shanti ist die einzige die einen Moment zögert, ehe sie dann entschlossen die Silberstücke annimmt. - Sie braucht mich nicht zu fürchten, da ich ja weiß, was sie für den Clan hier machen soll. Ich werde sie höchstens aus meinen Dienst entlassen und sie fortschicken.
Shankar reicht mir ein etwas anderes Schwert. Es sieht zwar gleich aus, ist aber schlanker und etwas kürzer als die anderen. Sicher besser geeignet für eine Nachtkriegerin, die sonst nur einen Dolch als Waffe trägt. Als ich ihr die Wappen reiche, grinst sie mich entschuldigend an, denn wie üblich, trägt sie auch jetzt nur den Gürtel mit zwei kleinen Taschen und eben diesen Dolch - ansonsten, wie ich, nur ihre Schuppen am Körper.
Grinsend nicke ich.
„Ich verstehe. Es wird aber Zeiten geben, wo Du Kleidung tragen musst, denn auch Du wirst Deinen Dienst leisten müssen.“ -
„Natürlich Natha.“
Sie steckt die Fibel an ihren Gürtel und geht mit einer Verneigung ebenfalls zurück. Sie hatte sich bisher immer ein wenig von den anderen abgesondert, jetzt aber geht sie direkt zu Bhima, mit dem sie sich wohl schon etwas angefreundet hat. Aber auch die anderen der beiden Stämme begrüßen sie jetzt in der Gemeinschaft meiner Krieger.
Bleiben noch fünf.
„Padmini. Als mein Schatten hast Du bereits einen anderen Eid geleistet. Du gehörst nicht zu meiner Garde, Du bist direkt mir unterstellt. Deine Waffe ist der Geist, nicht das Schwert.“ -
Padmini kommt mit schnellen Schritten zu mir, kniet nieder und greift meine linke Hand – die Hand des Herzens. Sie küsst den Handrücken und drückt dann ihre Stirn dagegen.
„Ich diene Dir mit meinem Leben Eldingar.“ -
„Und ich danke Dir dafür, Padmini.“
Sie steht auf und stellt sich an meine Seite.
„Also dann – Shakti.“
Sie kommt zu mir mit dem Stolz der erfahrenen Kriegerin und verneigt sich militärisch knapp. Ich nicke kurz.
„Shakti, auch Du gehörst zu meiner Garde. Wegen dem Dienst in meiner Wohnung erhältst Du den Rang eines Offiziers.“ -
Aditi hält mit einem fragenden Blick drei Finger hoch und auf mein Nicken reicht sie Shakti die drei Silberstücke.
„Shakti, auch für Dich gilt...“ ein Seitenblick auf mich, ich nicke.
„...auch für Dich gilt: wenn Du das Handgeld annimmst, verpflichtest Du Dich auf einen Dienst für fünfundzwanzig Sommer in der Garde unseres Herrn.“ -
Schnell greift Shakti zu.
„Bevor Isha Rajesh es sich anders überlegt.“ -
Sie hat offensichtlich vor, frühestens mit 163 den Dienst zu quittieren. Grinsend nehme ich das Schwert, das Shankar mir reicht, diesmal ist der Wyverngriff in Silber gearbeitet. Ich reiche es ihr und sie nimmt es mit einer Verneigung entgegen. Mit den Wappen gibt Jaya mir auch einige Silberstreifen, die als Offizierszeichen dienen. Dazu zur Fibel eine silberne Spange. Ich reiche alles Shakti, die es mit einem dankbaren Nicken entgegennimmt.
„Dann also willkommen in meiner Garde, Shakti.“ -
„Ich danke Dir, Natha, für die Chance die eine alte Kriegerin noch einmal erhält.“
Sie geht ebenfalls zurück auf ihren Platz.
„Aditi.“
Sie reicht mir den Beutel, ich nehme drei Silberstücke heraus und halte sie ihr in meiner Hand hin.
„Bist Du bereit, mir die nächsten fünfundzwanzig Jahre als Offizier meiner Garde zu dienen, Aditi.“ -
Sie grinst.
„Weißt Du, was Du Dir damit antust?“ -
„Ich bekomme eine erfahrene Anführerin, wie ich glaube.“ -
„Das mag sein, aber sicher nicht immer ganz den notwendigen Respekt, wie ich fürchte. Ich habe die meisten Posten als Anführerin deshalb verloren, habe sogar einen Kommandierenden der Menschen getötet, weil er seine Krieger, Menschen und Draccier in einen sinnlosen Tod schickte. – allerdings richtete er wegen meiner Weigerung, das Zuzulassen, sein Schwert gegen mich.“ -
„Ich verstehe. Es mangelt Dir also an Respekt.“ -
„Ich kann keine Anführer respektieren, die ihre Krieger nicht entsprechend respektieren.“ -
„Damit kann ich leben. Nimm das Handgeld, Aditi.“ -
Sie nimmt die Silberstücke aus meiner Hand.
„Gerne Natha.“ -
Auch sie erhält ein Schwert mit dem silbernen Griff, zu den Wappen erhält sie von Jaya aber Aufnäher und eine Spange mit einem doppelten Silberstreifen. Sie sieht mich fragend an.
„Oh, Dein Rang hat Jaya entschieden, mein Wunsch war es nur, Dich als eine Anführerin einzusetzen.“ -
Aditi blickt zu Jaya, die Shankar gerade auch die Fibel und eine Spange mit zwei Streifen reicht, für sich selber eine mit drei Streifen ansteckt.
„Ich habe von Dir schon viel gehört, Aditi. Du hast den gleichen Rang wie Shankar verdient und ihr beide werdet ab morgen Eldingars Krieger führen. Meine Streifen stehen nur für die Waffenmeisterin unseres Herrn, ich vertrete ihn euch gegenüber, aber ich gebe nur seine Wünsche und Anweisungen weiter und überwache die Ausführung. Für das Wie, Wer und Wo seid ihr beide zuständig. Anders herum bin auch eure erste Ansprechpartnerin für eure Anliegen an ihn. - Ich hoffe, das ist in Deinem Sinn, Isha Rajesh – Eldingar. So bleibt mir auch die Zeit, ein wenig für Dich zu sorgen – ich bin als Deine treue Dienerin zu Dir gekommen und das möchte ich bleiben.“ -
„Ich verstehe und ich bin damit einverstanden. Erklärt ihr mir noch kurz, wie ihr euch das gedacht habt?“ -
„Natürlich Herr. - Entschuldige Aditi, dass wir Dich damit überfallen, Shankar und ich haben uns das bereits überlegt. -
Aditi wird Deine Krieger führen, sie ist von uns am besten dafür geeignet. Shankar unterstützt sie dabei und vertritt sie. Aber hauptsächlich kümmert er sich um die Versorgung und hilft Tascha dabei, dass alles Notwendige vorhanden ist. Er kann sehr gut organisieren, ich bin sehr viel spontaner und chaotischer. - Nun ich bin Deine Waffenmeisterin und sorge dafür, dass alle notwendigen, sinnvollen und nur die besten Waffen in Deinen Lagern sind - die Tascha und Shankar dann beschaffen. Ich organisiere und leite die Ausbildung und die Verwaltung Deiner Truppen. Und ich bin Deine – und ihre – direkte Ansprechpartnerin, damit Du nicht mit jedem einzeln sprechen musst. Nebenbei bin ich auch Die, die Deinen Zorn über die Krieger aufnimmt und weiterleitet. - Ich gebe zu, noch sind das sehr einfache Aufgaben. Aber ich möchte Dir auch solange es möglich ist, in Deiner Wohnung dienen und für Dich sorgen, Eldingar. Ich überlasse Deine Schuppen nicht kampflos ganz alleine Padmini...“ -
„Für meine Schuppen wird schon gesorgt werden... Aber ich verstehe, was Du meinst. Die Dinge des Tages in Ruhe bei einem Kaffee besprechen...“
Ihr Blick spricht Bände...
„- Aber auch sonst kann ich das akzeptieren. Wir werden ohnehin sehr viel miteinander besprechen, wenn es Dir also nichts ausmacht... - ich muss gestehen, es ist sehr angenehm, nicht alles selber holen zu müssen – aber ihr müsst auch nicht in Panik geraten, wenn ich mir selber meinen Kaffee mache. -
Gut, Aditi, bist Du damit einverstanden, meine Krieger zu führen? Wenn es irgendwann vielleicht einmal mehrere Gruppen meiner Krieger gibt, Garde, Wache und eine kleine Kampftruppe, oder so etwas, bleibt es Dir überlassen, eine dieser Gruppen zu übernehmen. - Wie es dann auch allen anderen frei steht, in eine dieser Gruppen zu wechseln, jetzt ist es ja noch eine Mischung von allem und zudem noch sehr übersichtlich.
- Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir immer noch nicht sicher bin, ob ein Drache eine solche Truppe von Kriegern braucht... - aber wenn tatsächlich die Menschen hier beginnen zu siedeln - dazu sicher noch Draccier – dann entsteht hier bald eine Stadt in direkter Umgebung meiner Wohnstätte.“ -
Aditi grinst.
„Verzeih Natha, wie war noch Deine Frage...? - Nein, verzeih mir das bitte. Ich bin ja froh darüber, dass mein Herr mir viel von seinen Beweggründen erklärt. Ja Natha, ich führe Deine Krieger gerne für Dich. Welche Gruppe ich in Zukunft übernehmen werde... ich weiß es nicht, heute wohl die Krieger, aber ich werde auch nicht jünger... Und die Garde klingt angenehm...“ sie grinst breit. -
„Gut. Wie ich sehe, hat Jaya auch bronzefarbene Streifen dabei, habt ihr bereits Unterführer im Blick?“ -
Aditi sieht mich freudig überrascht an.
„Darüber machst Du Dir auch Gedanken, Natha? - Ja, ich denke an Sunil, er hat die Fähigkeiten eine Gruppe anzuleiten, an Bhima, er hat bereits Erfahrung und kann sich besonders auch um Rohit kümmern und an Shanti, von der wir einiges lernen können. - Wenn Du erlaubst, Natha.“ -
Grinsend bestätige ich.
„Ich verstehe, jeder Krieger hat dann seinen eigenen Offizier oder Unteroffizier... - Shankar?“ -
„Keinen Einwand, Herr.“ -
„Jaya?“ -
„Du wirst sehen, schon bald hat jeder der drei eine Gruppe von mindestens fünf Kriegern, denen er vorsteht. Schon jetzt hast Du fünfzehn reine Krieger, davon hat Shakti eine Sonderaufgabe, vier sind Anführer, bleiben zehn Krieger, davon drei Unterführer, so viele Anführer sind es also auch nicht, Herr. - Nein, ich denke Aditi hat gut gewählt und dass sie Shanti so mit einbindet, wird ihr hier einiges einfacher machen – wer weiß, vielleicht hast Du bald einen Kundschafter im Clan, nicht der Clan bei Dir...“ -
„Ich verstehe – mein Einwand vorhin war auch nicht ernst gemeint. Ich bin mit der Wahl einverstanden, ihr wisst ohnehin besser, wer geeignet ist. Nun, ich denke, dies ist dann die Aufgabe des führenden Offiziers.“ -
„Also von Aditi, sie führt die Krieger.“ -
„Wir verstehen uns – bitte Aditi.“ -
Aditi nimmt die bronzefarbenen Abzeichen, wirft mir einen schwer zu deutenden Blick zu und dreht sich dann um.
„Sunil, Bhima, Shanti. Vortreten.“
Bhima erklärt Shanti offensichtlich noch kurz, was jetzt passiert und von ihr erwartet wird. Die drei stellen sich in einer Reihe auf und kommen dann im Gleichschritt zu uns. Auf die leisen Anweisungen von Bhima bleiben sie stehen und verneigen sich knapp vor Aditi. Auch Shanti ist recht gut im Gleichklang mit den beiden anderen, wenn auch etwas unsicher, weil sie es so offenbar nicht kennt.
„Sunil, Bhima und Shanti. Ihr habt die Gründe meiner Wahl gehört. Das ist auch keine Frage an euch, meine Wahl wurde von der Waffenmeisterin und unserem Herrn bestätigt, ist also beschlossen. Werdet eurer Verantwortung gerecht und führt eure Krieger mit Umsicht.“
Aditi steckt den drei die Bronzespange über die Fibel an die Tunika, bei Shanti will sie diese ebenfalls an den Gürtel stecken. Aber die schüttelt den Kopf und deutet auf die Schuppen über ihrer linken Brustdrüse.
„Hier gehört das Zeichen hin, Herrin Aditi. Ich habe nicht gehorcht und trage nicht die befohlene Kleidung, was mir als Nachtkriegerin bisher nachgesehen wurde, aber ich bin jetzt eine Kriegerin der Garde Eldingars und die beiden Abzeichen gehören an die Brust. Ich akzeptiere es als Strafe für meinen Ungehorsam.“ -
Shanti hat die Fibel bereits von ihrem Gürtel genommen und reicht diesen an Shankar weiter, der schon eine Öllampe bereit hat und eine lange, leicht gebogene Nadel zum glühen bringt. - Die sind wirklich auf alles vorbereitet...
Jaya schmiegt sich an mich und erklärt mir das ganze leise.
„Es ist durchaus üblich bei uns, Eldingar. Viele Krieger haben diese Löcher dafür in den Schuppen und viele lassen die Wunden auch mit den Zeichen darin ausheilen, damit sie später leicht wieder einzusetzen sind. Es ist für uns ein Zeichen der Verbundenheit mit einer Gruppe von Kriegern, mit der wir lange vereint bleiben wollen. Du hast Shanti bereits jetzt für Dich gewonnen, wenn sie auch Dein Zeichen so tragen will. Dass sie es hier vor allen machen lassen will, das ist es, was als Strafe dabei gilt, denn es ist sehr viel anstrengender so.“ -
„Ihr tragt also eure Rangabzeichen und teilweise auch die Zeichen eurer Truppe als Piercings... - Interessant. In meiner Welt gibt es einige, die sich ihre Abzeichen mit Farbe in ihre Haut stechen lassen als Andenken an ihren Dienst. Aber das gilt nicht als offizielles Rangabzeichen, wie das hier bei euch.“ -
Jaya sieht mich an.
„Ich weiß, was Du meinst, denke ich jedenfalls. Auch nicht sehr angenehm... aber darüber hätte ich einige Fragen, die ich Dir ein anderes Mal stellen möchte, wenn Du erlaubst, Eldingar.“ -
„Natürlich. Wir haben noch viel Zeit, uns Fragen zu stellen – Du bist noch jung, und ich ...“ -
Sie grinst.
Ich sehe, wie Shanti sich vorbereitet, sie scheint zu wissen, oder wenigstens zu ahnen, was auf sie zu kommt. Sie schließt die Augen, richtet sich auf, stützt sich so gut sie kann mit ihrem Schwanz ab. Sie muss das offensichtlich alleine durchstehen, ohne dass jemand sie hält oder stützt.
„Keine Sorge, als Schamane weiß Shankar was er zu tun hat.“ erklärt Jaya leise. -
Shanti atmet ein und starrt mich jetzt an – oder durch mich hindurch. Shankar streicht mit der Linken eine Art Tinktur über die Schuppen über ihrer Brustdrüse und sticht sofort die jetzt glühende Nadel mit einem schnellen gezielten Stoß durch Shantis Schuppen, mit einem zweiten Stoß durch die Haut darunter und ein paar Zentimeter weiter, exakt gerade, wieder durch ihre Schuppen heraus. Rauch steigt auf und der für uns Drachen sehr unangenehme Geruch nach verbrannten Schuppen und Fleisch steigt mir in die Nüstern. Shanti lässt das mit versteinertem Gesicht über sich ergehen, aber ich sehe und höre ihre Kiefer mahlen, sie hält die Luft an und presst sie erst heraus, als die Nadel ganz durch ist. Dabei alleine und frei stehen zu müssen - wenn das keine Strafe ist...
„Ich verstehe, auch die Erfahrung darin, wie er es macht, aber es sieht unangenehm aus. Und der Geruch ist für Drachennüstern sehr schwer zu ertragen.“ -
Jetzt beginne ich Tyria zu verstehen, was sie an dem Braten vorhin so furchtbar gefunden hat. Ihre Nüstern sind wohl noch empfindlicher dafür.
Jaya nickt und drückt mir fast tröstend den Arm. Wenn ich mir so überlege, wie eine Dracci gerade einen Drachen tröstet, wegen etwas verbranntem Fleisch... Ich könnte sie jetzt knuddeln.
Aditi hat gerade die Spange ebenfalls kurz in die Flamme gehalten, die ist nicht heiß genug, um weitere Verbrennungen zu erzeugen, offensichtlich haben die Draccier erkannt, dass so weniger Infektionen entstehen. Sie taucht die Spange in einen Tiegel, den Shankar ihr hinhält und setzt diese dann an der Nadelspitze vorsichtig an. Während Shankar die Nadel herauszieht, schiebt Aditi die Spange durch den entstandenen Tunnel. Bevor Sie die Fibel verschließt, streicht Shankar noch schnell eine Salbe auf die Wunde, dann hängt die Fibel mit dem Wappen meiner Garde an den Schuppen von Shanti. Die atmet jetzt erleichtert durch.
Shankar sieht sie prüfend an.
„Wie geht es Dir?“ -
Es schmerzt schrecklich – aber jetzt wird es langsam besser. Mir geht es gut, schnell die zweite, bitte... Sonst überlege ich es mir noch anders...“ -
Die Nadel liegt schon wieder über der Flamme. Wenig später wiederholt sich die Prozedur, wieder steht Shanti das mit versteinertem Gesicht durch – nur ein leises kurzes Wimmern kann sie diesmal nicht unterdrücken. Warum leidet sie freiwillig so...?
Dann sitzt auch die zweite Spange an ihrer Stelle, auch ihr Rangabzeichen prangt auf ihren Schuppen. Kurz sinkt Shanti in sich zusammen, aber schnell strafft sich ihr Körper wieder. Mit einem Blick, in dem auch ein wenig Stolz liegt, betrachtet sie ihre frischen Piercings.
Sie sieht mich an.
„Ich hoffe Du verzeihst mir, Natha. Ich habe wohl gerade Deinen Plan zerstört...“ -
„Du willst mir damit sagen, dass Du Dich damit vom Clan gelöst hast...“ -
„Richtig Natha. Ich kann nur einem Herrn treu dienen – und ich habe mich für Dich entschlossen.“ -
„Ob ihr es glaubt, oder nicht. Aber ich freue mich darüber und bin Dir dankbar für dieses Zeichen Deiner Treue zu mir. - Denkst Du, es gibt noch einen Spion des Clans bei mir?“ -
Shanti sieht Padmini fragend an, die aber nur leicht den Kopf schüttelt.
„Nein Natha. Uns ist hier keiner bekannt, der für den Clan Informationen sammeln würde. Aber das kann sich sehr schnell ändern.“ -
„Ich verstehe. Sage noch nichts zum Clan, vielleicht können wir sie noch eine Zeit lang ruhig halten. Du meldest weiterhin normal alles weiter. Wichtiges besprechen wir, was sie wann wissen dürfen. Ich will sie nicht ausschließen, denn ich hoffe auch auf Hilfe von Ihnen. Vielleicht kannst Du mir auch Informationen aus dem Clan für mich besorgen. - Ich überlasse Dir, ob Du ihnen mitteilst, dass ich weiß, dass ein Informant für den Clan bei mir ist. Sie werden dann schon wissen, was sie damit machen werden.“ -
„Ja Natha. Wünscht Du eine kurze Zusammenfassung meiner Berichte, bevor ich sie an den Clan gebe?“ -
„Wann ist das normalerweise?“ -
„Natha, ich bin... war eine Nachtkriegerin...“ -
Ich muss grinsen.
„Ja, ich verstehe. Also eher abends oder nachts. Wir werden sicher abends kurz darüber sprechen können, sonst Jaya oder Tascha, wen Du antriffst. - Zögere nicht, Nachrichten zu übermitteln, auch wenn Du mit keinem darüber sprechen konntest – wir können notfalls hinterher noch etwas machen. Das ist mir lieber, als ein unbekannter Informant hier in meinem Haus.“ -
„Ich gehorche, Natha. - darf ich noch einen Wunsch äußern...?“ -
„Ja.“ -
„Natha, Herr. Ich... ich denke... Isha Rajesh, nachdem Du mir meinen falschen Stolz genommen hattest, war Bhima sehr bemüht um mich – und ich... ich habe Gefühle für ihn...“ -
„Liebe auf den ersten Blick, sozusagen. - So sagen die Menschen drüben. - Bhima?“ -
Die beiden blicken sich an und eindeutig ist da was zwischen ihnen.
„Ja Natha, ihre Schuppen so unter meinen Händen...“ -
„Ich verstehe. Ihr habt den gleichen Rang, also könntet Ihr gemeinsam ein Quartier belegen...“
Shanti nickt.
„Aditi?“ -
„Wir haben überwiegend gute Erfahrungen gemacht, Herr. Sie können ja jederzeit wieder getrennte Quartiere bekommen. Es ist auch kein Problem, Shanti hatte bisher ein anderes Quartier und Bhima ist derzeit alleine untergebracht.“ -
„Also einverstanden. Ich wünsche Euch das Glück, das ich hatte mit meinen Partnerinnen.“ -
Beide verneigen sich tief und der Blick, den sie sich anschließend zuwerfen zeugt von ihrer wachsenden Liebe. Ich glaube, ich weiß jetzt, woher ihr Sinneswandel zumindest den letzten Anstoß erhalten hat.
Aditi kommandiert die drei wieder ab. Ich blicke mich um.
„Habt ihr noch etwas in diesem Zusammenhang?“ frage ich leise Jaya, Shankar und Aditi.
Allgemeines Kopfschütteln. -
„Jetzt geht üblicherweise das feiern los.“ erklärt Aditi. -
„Gut, ich habe dann noch zwei weitere Punkte. Zuerst bitte einen Becher mit etwas zu trinken für mich und für euch.“
Ich erhalte fast sofort einen Becher mit Wein. Auch die anderen haben ihre gefüllten Becher griffbereit. Sie waren also schon auf das Feiern vorbereitet. - Ich gehe zwei Schritte vor.
„Nachdem wir die Krieger aufgenommen haben, möchte ich auf meine Garde den Becher erheben. -
Auf die Garde!“ ich hebe den Becher hoch. -
Totenstille, keiner weiß was zu tun ist – nur Tascha antwortet mit erhobenen Becher
„Auf die Garde!“ -
Aditi begreift und macht es Tascha nach, erst dann kommen die anderen hinterher. Ich schüttele den Kopf.
„Gut, ich verstehe, ihr kennt diese Sitte nicht. Aber wir haben es am Ende ja geschafft, nur das geht doch noch besser oder? - Auf die Garde!“ -
„Auf die Garde!“ kommt jetzt im Chor zurück.
Ich nicke und nehme einen großen Schluck aus dem Becher, alle anderen kippen ihren Becher in einem Zug. - Nur Tascha und Tyria halten sich ebenfalls zurück, NüShi nippt verstohlen an ihrem Becher – sie traut sich wohl nicht mehr recht...
Bhima füllt seinen Becher wieder und steht auf.
„Auf unseren Herrn – Auf den Drachen!“ -
Wieder Stille, sie wissen nicht, ob ich das akzeptiere... Dann nicken Tyria und Tascha sich zu.
„Auf den Drachen!“ -
„Auf den Drachen!“ - endlich kommt es und alle kippen einen zweiten Becher, ich nur einen weiteren Schluck.
„Danke dafür. - Aber einen Punkt gibt es noch... Padmini, Du bist dran.“ -
„Ja, Eldingar. - Ich will es kurz machen. Wie einige wissen, bin ich im Ganga-Stamm geschlüpft und die ersten Jahre aufgewachsen. Dann nahm mich der Clan der Nachtkrieger auf und ich musste meinen Stamm wechseln und wurde Clan-Kriegerin. - Shanti kann das so bestätigen. Für viele Jahre war der Clan dann mein Stamm. Doch jetzt hat der Clan entschieden, dass ich zum Herrn dieses Drachenreiches zu gehen habe und ihm in Zukunft diene. Sie machten mich praktisch zum Geschenk, wohl um Shanti damit zu tarnen – ob sie wussten, dass ich die Nachtkriegerin Shanti als ihre Informantin vermuten würde, weiß ich nicht. Unser Herr, Eldingar war so gütig, mich bei sich aufzunehmen. Jedoch kann ich nicht um Aufnahme in seinen Stamm bitten, die Drachen haben keine Stämme. Dann kamen die zehn stammeslosen Krieger zu uns und ich habe mir überlegt, ob wir nicht einen eigenen Stamm gründen, den Stamm der Drachenkrieger. Ich habe Zustimmung erfahren und unser Herr war so gütig und hat es uns erlaubt.“ -
Ich hebe die Hand.
„Genau genommen finde ich die Idee gut. Aber ich habe kein Recht mich in die Stämme und deren Gründung einzumischen. Das bleibt alleine eure Sache. Aber ihr könnt euren Kernstamm gerne hier bei mir gründen und euch immer hierher zurückziehen wenn es notwendig sein sollte.“ -
Padmini nickt.
„Wie er gerade sagte, hat er uns erlaubt, unseren Stamm hier bei ihm zu gründen. Ich sehe mich seit heute als dem Drachenstamm zugehörig. Jeder ist willkommen, noch können wir alles gemeinsam entscheiden, wenn es notwendig wird. Auf Anregung unseres Herrn steht dieser Stamm auch anderen Dracciern bei anderen Drachen offen, die dann dort einen Teil unseres Stammes bilden werden. - Und auch Menschen können diesem Stamm beitreten, wenn sie es wünschen, wir sollten sie akzeptieren. Allen muss aber auch klar sein, dass der Drachenstamm erst in vielen Jahren alle Funktionen eines Stammes erfüllen kann. Bis dahin sind wir möglicherweise auf die Hilfe unseres Herrn angewiesen.“ -
„Die ihr, wie alle anderen auch, erhalten werdet. - Noch etwas von meiner Seite. Ich verstehe den Wunsch von Padmini, eine Heimat für sich zu finden. Die Vorstellung, dass ich ihre Heimat sein könnte oder meine Familie hier, ist ihr noch zu fremd. - Ich werde den Drachenstamm unterstützen, soweit es notwendig ist und solange er nicht von mir alleine abhängig wird. -
Aber niemand in meinem Dienst, der in seinem Stamm, dem Stamm seiner Familie bleiben möchte, wird von mir deswegen anders behandelt. Mir sind alle Stämme gleich wichtig – oder genauer unwichtig, denn mir ist die Treue meiner Krieger wichtig, nicht mehr und nicht weniger.“ -
Padmini nickt.
„Ja das ist mir auch wichtig. Es soll niemand einen Zwang spüren, in den Stamm der Drachenkrieger zu wechseln. Mir sind zehn zufriedene Draccier des Ganga-Stammes oder des Ost-Stammes lieber, als ein unzufriedener im Drachenstamm, weil er sich dazu gezwungen fühlte. -
Ich wollte heute nur die Gründung bekannt geben, ob und wann einer von euch dazu kommt, bleibt euch überlassen. - Ja, das war's eigentlich schon, danke dass ihr mir zugehört habt.“ -
Sie blickt sich um, bekommt aber keine eindeutige Reaktionen. Leise Gespräche untereinander, mehr nicht.
Padmini dreht sich zu mir um und sieht mich an, nicht traurig, aber irgendwie verloren steht sie da. Nach einem Seufzer kommt sie langsam zu mir, ich streichele sanft über ihre Wange.
„Hab etwas Geduld, das ist und soll keine schnelle Entscheidung sein, immerhin wird es für die meisten eine Entscheidung für den Rest ihres Lebens. Und das ist entweder ein spontaner Entschluss, meist aber eine lang bedachte Entscheidung.“ -
Aditi tritt zu uns.
„Unser Herr hat Recht. Ich weiß, wir stammeslosen haben Dir zugestimmt, aber jetzt, wo die wirkliche Entscheidung fallen soll, überlegen doch alle, ob sie sich wirklich zu einem ganz neuen Stamm zusammenfinden sollen. - Sei unbesorgt über meine Entscheidung, ich finde es spannend, einen neuen Stamm mit begründen zu dürfen. Nur möchte ich nicht als erste das laut sagen, da sich dann viele gedrängt fühlen könnten und sie sollen sich frei entscheiden können. Sie werden in den nächsten zwei oder drei Tagen sicher zu Dir kommen.“ -
„Ich glaube, Deine erste Stammesschwester hat sich entschieden.“
Padmini folgt meinem Blick. Shanti kommt mit einem unsicheren Blick langsam näher.
„Geh ihr entgegen, das wirkt nicht so bedrohlich, wie unsere Gruppe.“ -
Padmini nickt.
„Du hast sicher Recht.“ -
Sie geht auf Shanti zu, während ich mir von Jaya schnell eines der neuen Stammeszeichen geben lasse. Das zeigt natürlich nur das Zeichen des Drachenstammes, nicht wie bei Padmini auch noch die vorherigen Bezugspunkte ihres Lebens. Das Zeichen ist oval, genau genommen eine auf der Seite liegende Ellipse, gebildet durch einen Ring, auf dessen unterem Bogen eine Berglandschaft liegt und dessen oberer Bogen kurz nach den seitlichen Scheitelpunkten fehlt, also wohl den offenen Himmel darstellen soll. Und dazwischen ist leicht diagonal die halbfrontale Silhouette eines fliegenden Drachen zu sehen – auf den Blitz haben sie verzichtet, wie ich sehe - gut. Befestigt wird es an der Kleidung mit einer Spange wie bei der Fibel.
Man sieht dem Zeichen die kurze Arbeitszeit zwar an, es ist recht schlicht gestaltet, aber dennoch ist es eine feine Arbeit, die von Können zeugt. Es scheint Metallguss zu sein, denn die Zeichen sind praktisch identisch.
„Zinn?“ frage ich Jaya. -
„Ja. Es musste schnell gehen, Padmini wollte heute abend noch einige haben. Surya ist ein Künstler, er hat es in kaum einem halben zwölftel aus einer getrockneten Tonplatte geschnitzt und in einer der Menschensiedlungen ist ein Zinnschmied, der ein merkwürdiges, aber schnelles Verfahren benutzt, um eine Form zum Gießen zu erstellen.“ -
Gleichzeitig höre ich Padmini.
„Shanti?“ -
„Wir waren bisher nicht gerade befreundet, ich beneidete Dich immer, weil Du so perfekt warst als Nachtkriegerin und ich immer darum kämpfen musste, um wenigstens mit Dir gleichziehen zu können, ich habe immer gegen Dich gekämpft im Clan. - Würdest Du mich trotzdem im Drachenstamm aufnehmen, nachdem ich jetzt keine Heimat mehr habe?“ -
„Der feinen Körnung der Oberfläche nach zu urteilen, ist das mit einer Sandform gemacht worden. Gut geeignet für Einzelstücke oder bei kleineren Stückzahlen, die trotzdem gleich sein sollen. Interessant, dass gerade hier, weit weg von größeren Menschensiedlungen, jemand so etwas einsetzt – zumindest in dieser Welt.“ -
„Shanti, ich bin nicht Deine Feindin, nie gewesen. Und hier liegt das jetzt weit hinter uns. Natürlich kannst Du mit uns gemeinsam den Drachenstamm aufbauen und zu einem richtigen Stamm werden lassen. Ich freue mich, Dich an meiner Seite in unserem neuen Stamm begrüßen zu können.“ -
Ich nicke Jaya zu und gehe zu Padmini und Shanti.
„Nebenbei Shanti, bist Du nicht wirklich heimatlos. Du hast Dich für mich entschieden, also findest Du hier bei mir immer eine warme und trockene Höhle, ein sicheres Nachtlager und genug Nahrung. Es mag eine Heimat nicht vollständig ersetzen, aber es kann zur Heimat werden, wenn Du magst. Aber ich verstehe Deinen Wunsch nach einem Stamm, nach einer Gemeinschaft außerhalb der Krieger, auch für die Zeit nach dem Dienst als Kriegerin.“
Ich will Padmini das Stammeszeichen reichen, aber sie lenkt meine Hand direkt zu Shanti.
„Bitte empfange das erste Stammeszeichen direkt aus der Hand unseres Herrn, Shanti.“ -
Shanti verneigt sich und hält mir ihre offenen Hände hin, in die ich das Zeichen lege und dann ihre Finger sanft darum schließe. Sie nimmt die Hände so an ihre Brust, verharrt einen Moment, ehe sie das Zeichen betrachtet und es sich dann auf die Wölbung ihrer linken Brustdrüse legt, sozusagen über ihrem Herzen.
„Noch ein Zeichen, dass Du auf Deinen Schuppen tragen möchtest?“ -
Sie sieht mich an.
„Ja Natha, welches, wenn nicht das Zeichen Deines Stammes?“ -
„Es ist euer Stamm, Dein Stamm. Auch wenn Padmini ihn am liebsten nach mir benannt hätte.“ -
„Für mich ist es Dein Stamm, Isha Rajesh. Und das Zeichen würde ich mir direkt auf die Schuppen gießen oder in sie hineinbrennen lassen, wenn es gehen würde.“ -
„Ich verstehe. Doch übertreibe es nicht, es wäre schade, wenn Du dadurch eine Deiner Brustdrüsen verlieren würdest. Männchen bevorzugen die ebenmäßige Symmetrie und Bhima sieht Deine Brustdrüsen sicher gerne.“ -
„Ja Natha, ich verstehe. Und ich hoffe, Bhima wird mehr mit ihnen anfangen, als sie nur ansehen.“ -
„Da bin ich mir sogar sicher.“ -
„Herrin Padmini, lass uns morgen weiter über meine Aufgaben im Stamm sprechen – wenn Du mir Aufgaben übertragen möchtest.“ -
„Natürlich Shanti. Vergiss nur bitte nicht die Aufgaben gegenüber unserem Herrn.“ -
„Die werden immer an erster Stelle stehen. Natha, ich gehe davon aus, dass mein Wechsel in Deinen Stamm nicht zu den Dingen gehört, die der Clan jetzt bereits wissen soll.“ -
„Richtig, aber auch darüber können wir morgen sprechen. Heute lasst uns nur noch feiern.“
Shankar reicht mir meinen wieder gefüllten Weinbecher. Ich blicke in die Runde.
„Denn es gibt auch für mich einen Grund zu feiern. Viele werden es wohl schon ahnen oder erraten haben. Ich habe mich nach dem Gewitter mit meiner geliebten Partnerin Natascha gepaart und sie hat mir erlaubt, ihr reifes Ei zu befruchten. Wir durften unsere Bestimmung erfüllen und werden bald Nachwuchs bekommen. Mein Bezug auf Deinen zukünftigen Dienst war also bereits sehr konkret, Shakti...“ -
Aditi stellt sich vor mich.
„Also ist es doch so, ich war mir nicht sicher, was das vorhin unter euch Drachen zu bedeuten hatte. - Nun, Du hast uns gerade etwas gelehrt. Trinken wir auf Deinen Nestling... -
Auf den Nestling unseres Herrn!“ -
„Auf den Nestling!“ kommt einstimmig zurück und schon werden die Becher geleert – und wieder gefüllt.
„Auf Sath? Natascha!“
...und wieder gefüllt...
„Auf den Drachen!“ -
Also, wenn die nicht einen gehörigen Stiefel vertragen, dann liegen die ersten bald unter den Tischen... - hinter mir regt sich Jaya.
„Eldingar, erlaube mir bitte, mich zurückziehen zu dürfen. Ich möchte mich gerne ein wenig ausruhen.“ -
„Natürlich Jaya. Ich hoffe, dich morgen wieder erholt zu sehen, dann sorge ich dafür, dass Du diesen Panzer wieder los wirst.“
Sie gibt die eingewickelten Stammeszeichen noch schnell an Padmini und geht dann mit Shankar. Ich kehre jetzt endlich wieder zurück zu meinen Liebsten. Natürlich mit Padmini immer direkt hinter mir. An unseren Plätzen huscht sie schnell wieder auf ihren Stuhl neben Tascha und überlässt mich meinen Partnerinnen. Bevor ich irgendetwas sage, fülle ich den Becher mit Wein und leere ihn sofort mit zwei Schlucken. So ein Schluck von einem Drachen ist eben ein wenig größer, als der von Menschen...
„Verzeih mir Tascha, ich fühle mich irgendwie... müde...“ -
„NüShi, oder das morgen früh...?“ -
„Vermutlich beides, aber sicher mehr das morgen früh.“ -
„Denke jetzt nicht daran, trink noch ein oder zwei Becher Wein – auch wenn das nicht wirklich hilft – und gehe früh schlafen, lass Dir vorher noch ein wenig die Schuppen von Padmini kraulen, das hilft sicher.“ -
„Vielleicht krault Tyria mir ja auch meine Schuppen...“ -
Sie hat mich gehört und wendet sich mir zu.
„Verzeih Geliebter. Aber... ich sehe mich noch nicht soweit, mich zu Dir zu legen. Zudem nimmt NüShi mich noch in Beschlag – Du hast sie doch sehr verschreckt. Weiter möchten wir noch ein wenig in Ruhe einige Dinge besprechen, die mein Revier betreffen – da ich ja momentan mehr hier bei Dir bin.“
Sie züngelt mir über die Nüstern.
„Erlaubst Du, dass wir später in der großen Wohnung unten alles besprechen?“ -
„Natürlich meine geliebte Wolke. Möchtet ihr dort auch schlafen?“ -
„Ja, mir ist heute danach, als Feral die Nacht zu verbringen.“ -
„Ich verstehe. Du findest mich in der kleinen Wohnung. Ich werde morgen früh sicher nur kurz einen Kaffee trinken und schnell aufbrechen. Lasst euch von mir bitte nicht stören.“ -
Ich züngele ihr ebenfalls über ihre Nüstern, ehe sie wieder zu NüShi geht.
Die Draccier haben gerade ein paar Musikinstrumente herausgeholt. Einige Trommeln, Flöten und ein Saiteninstrument, das entfernt einer Gitarre ähnelt. Aber im wesentlichen besteht ihre Musik wohl aus den treibenden Rhythmen ihrer Trommeln und einem kehligen Gesang, teilweise nur Melodie ohne Text, aber auch Lieder mit Inhalten aus dem Kriegerleben.
Tascha reibt meine Schuppen hinter meinen Wangendornen, nur mit Mühe kann ich das Schnurren vermeiden, so angenehm erregend ist es.
„Geliebter, leider musst Du jetzt für längere Zeit darauf verzichten, dass ich mich zu Dir lege. Erlaube mir, heute Nacht in meinen Räumen hier vorne zu bleiben. Ich werde morgen früh dann bereit sein.“ -
„Natürlich meine Liebe. - Verzeih, ich möchte schnell noch eine Runde drehen, bevor ich mich zurückziehe.“ -
„Selbstverständlich, ich bleibe noch ein wenig, ich mag die Rhythmen und Lieder der Draccier.“ -
„Ja, das kann ich verstehen, ihre Rhythmen sind sehr mitreißend, nur heute habe ich keinen Sinn dafür.“ -
Auch wir züngeln uns liebevoll über die Nüstern, ehe ich aufstehe. Padmini ist sofort wieder an meiner Seite. Ich möchte mich noch bei Aditi als Ranghöchste verabschieden, bleibe aber vorher noch kurz bei Tyria und NüShi stehen. Während ich Tyria dabei sanft hinter den Ohrfinnen über die Schuppen streiche, versuche ich NüShi wieder ein wenig zu beruhigen.
„NüShi, verzeih mir mein kleines Spiel vorhin. Kein Drache hat etwas von mir zu befürchten, solange er mich nicht angreift. Lass uns morgen in Ruhe über alles sprechen. Ich hoffe, Du wirst eine ruhige und angenehme Nacht bei mir verbringen.“ -
„Natürlich Eldingar. Ich habe Dich ja auch dazu provoziert, was Du mir hoffentlich ebenfalls verzeihen kannst. Und ich mache mir keine Sorgen, ein so aktives Männchen wie Dich sollte ich zu unserem beiderseitigen Vergnügen schon friedlich stimmen können.“ -
Sie ist offensichtlich schon wieder die Alte. Mit einer leichten Verneigung verabschiede ich mich und blicke in die sehnsüchtig-bedauernden Augen meines schwarzen Vulkans, ehe ich weiter gehe.
Bei Aditi angekommen, sehe ich Shankar wieder zurückkommen. Er geht auf uns zu.
„Jaya hat mich wieder hierhergeschickt. Beim Schlafen kann ich ihr sowieso nicht helfen, sagte sie...“ -
„Wie hältst Du das eigentlich den ganzen Tag aus?“ kann ich mir nicht verkneifen. -
„Es ist in den letzten Tagen etwas leichter geworden, sie konzentriert sich mehr auf Dich, Herr.“ -
„Verzeih mir Shankar, eines Tages wird sie mich wohl überrumpeln.“ -
„Lass es geschehen Herr. Unsere Weibchen, insbesondere im Ganga-Stamm, haben in der Zeit als Kriegerin oft mehrere Partner, mit denen sie sich paaren - und auch wir haben mehrere Partnerinnen in der Zeit. Selbst wenn zwei Partner fest zusammen sind. Erst nach der Zeit als Krieger bleibt ein Paar fest zusammen und bekommt Nachwuchs.“ -
„Es erscheint mir trotzdem nicht richtig, sie ist Deine Partnerin.“ -
„Ich könnte ja um Ishwari Rajeshri werben, wenn es Dich beruhigt...“ -
Auf mein Grinsen wird sein Blick unsicher.
„Sei vorsichtig mit Deinen Scherzen, Tyria hat da etwas angedeutet...“ -
„Herr...?“ -
„Keine Sorge, heute wird nichts passieren, lass Dir das Fest nicht entgehen deswegen. - Ich dagegen verlasse euch jetzt, ich fühle mich nicht danach, jetzt zu feiern – ich war in meinen Leben als Mensch zwar auch mal ein Krieger, wie einige gemerkt haben - auch zeitweise in meinem letzten, aktiven, aber ich musste zuletzt nicht töten, nicht einmal wirklich damit rechnen, es tun zu müssen. Ich werde euch darüber aber sicher noch erzählen. -
Aditi sieht mich an.
„Du warst wie wir ein Krieger, Herr? - Jetzt verstehe ich einiges...“ -
„Wie gesagt, ich werde euch darüber erzählen – auch über die Unterschiede. - Feiert so lange ihr mögt, lasst euch durch mich nicht stören. Vielleicht sehen wir uns morgen früh ja noch, wenn ich aufbreche.“ -
„Du meinst, wir feiern so lange?“ -
„Es ist noch genug Fleisch da, Bier und Wein sicherlich auch. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr diese Gelegenheit ausnutzt. - Meine Partnerinnen bleiben noch ein wenig, ehe sie sich zurückziehen und ihr unter euch seid. Eine angenehme Feier wünsche ich.“ -
„Ich wünsche Dir eine ruhige Nacht Natha.“ -
Schnell verlasse ich durch eine Nebenöffnung das Zelt und gehe zum Höhleneingang.
„Du möchtest wirklich noch einen Flug machen, Eldingar?“
Padmini – die natürlich nicht von meiner Seite weicht - versucht in meinen Augen zu lesen, was ich vorhabe.
„Ja, ich muss noch einmal etwas Ruhe finden, das kann ich am besten, wenn ich ein Stück fliege.“ -
„Warte bitte, ich ziehe mir nur schnell den Sari aus, dann kann ich besser fliegen.“ -
„Lass. Ich trage Dich, ich wollte ohnehin als Feral fliegen.“ -
„Bist Du sicher...?“ -
Ich grinse.
„Ja. Du gehörst doch auch irgendwie zu meiner Familie. Nun komm, ich will die Sterne sehen.“ -
Im Moment regnet es nicht, vor der Höhle transformiere ich, Padmini fliegt zu meinem Rücken hoch und bleibt da, kurz oberhalb meiner Hüfte, hocken.
„Verzeih, Eldingar, aber mich hat noch nie ein Drache getragen...“ -
„Wäre ja auch noch schöner, dass Du fremdgehst.“ -
„Eldingar...?“ -
„Schon gut. Du musst ganz nach vorne auf meinem Rücken, zwischen die Flugarme.“ -
Ihre schnellen, weichen Schritte, mit denen sie trittsicher über meine Rückenschuppen läuft, fühlen sich angenehm an. - Aber wie leicht sie ist... mit ihren reichlich zwei Metern Größe sieht sie eigentlich gar nicht danach aus, aber sie kann höchstens 50 Kilo wiegen. Wie meine beiden Drachinnen, die kaum mehr wiegen aber noch ein wenig größer sind. Shanti ist deutlich schwerer, wie ich vorhin feststellen konnte – das heißt, schwer ist nicht ganz das richtige Wort. Aber bei praktisch gleicher Größe und ähnlicher schlanker, voll durchtrainierter Statur wiegt sie fast 10 Kilo mehr. - Da kommt bei Padmini wohl das Drachenblut ihres Großvaters durch.
„Soll ich mich rechts oder links hinlegen?“ -
Was meint sie jetzt wieder?
„Rechts oder Links...?“ -
„Neben Deine Rückenfinne...“ -
„Ach so da habe ich nicht dran gedacht... berühre die doch mal leicht.“ -
Sofort legt sich die obere Rückenfinne durch einen Reflex so eng an den Körper, dass eine glatte Oberfläche zurückbleibt.
„Oh, so geht das...“ Sie legt sich hin und tastet umher. „Hmm und wo...? Gefunden. - Eldingar, Du bist wirklich praktisch gebaut...“ -
„Nicht nur da...“ -
„Im Moment aber wohl ein wenig groß...“ -
„Woran Du jetzt wieder denkst...“ -
Sie kichert.
„Oh, sogar mit den Füßen kann ich mich festkrallen – und für verschiedene Größen... - Sind eure Nestlinge so groß wie wir, bevor sie fliegen können?“ -
„Ja, Sálleiðtogi konnte mir aufgerichtet gerade in die Augen blicken.“ -
Padmini schiebt ihre Zehen unter die dafür vorgesehenen Schuppen und packt die vorderen Halteschuppen.
„Bereit. Ich hätte nur den Sari doch ablegen sollen...“ -
„Du wirst Deine Schuppen noch öfter an meine legen können. Du fühlst Dich auch so gut an, da oben. - So dann wollen wir mal die Sterne suchen.“
Ich gehe zum Rand der Freifläche breite meine Schwingen aus und hebe mit einem leichten Schlag schon ab, der Hangaufwind ist dafür ausreichend. Ich drehe nach rechts und gleite über dem Tal Richtung Norden. Dann nehme ich Fahrt auf, mit ruhigen, kräftigen Schwingenschlägen beschleunige ich und beginne dann zu steigen. Schnell sind wir in den Wolken, ich beschleunige noch etwas und steige steiler, mir ist es hier zu nass. Zum Glück sind die Wolken hier gerade nicht sehr hoch und wir stoßen schnell wieder heraus. Über uns sind noch ein paar Schleier, die ich aber bald auch unter mir lasse. Im Westen ist der Horizont noch schwach erleuchtet, aber hier bei uns ist der Himmel dunkel, der Mond ist ebenfalls bereits weit im Westen. Über uns leuchten die Sterne wieder in dieser Klarheit, die ich drüben nie gesehen habe.
„Alles in Ordnung?“
Padmini rührt sich ein wenig, ich höre auch, dass sie etwas sagt, aber ich verstehe nichts, dazu fliege ich zu schnell.
„Ich höre Dich so nicht.“ -
„Verzeih mir bitte, ich habe nicht daran gedacht. Ja bei mir ist alles in Ordnung.“
Ihre Drachenstimme kommt klar bei mir an.
„Siehst Du Dir gerne die Sterne an?“ -
„Ja. Es beruhigt mich und lässt mich träumen.“ -
„Nennt Lady Tyria Dich deswegen 'Sternenhimmel'?“ -
„Nein. Das ist, weil sie in der Farbe meiner Schuppen glaubt, den Sternenhimmel sehen zu können.“ -
„Ah ja. Stimmt irgendwie, man könnte fast glauben, in das Blau hineinfallen zu können, so tief wirkt es. Und irgendwas schimmert darin... Fast schäme ich mich, dass eine Große mehr Phantasie hat, als eine Dracci...“ -
„Sollten nicht wir wenigstens mit diesen dummen Vorurteilen aufhören? - Obwohl ich zugeben muss, dass auch ich nicht frei davon bin.“ -
„Ja, verzeih mir bitte. Aber ihr Drachen seid immer so streng logisch und emotionslos... - Warum nennst Du sie 'Wolke'?“ -
„Ich habe sie in einem meiner Leben schon drüben getroffen und ihr geholfen, unauffällig zum Tor zu gelangen und hierher zurück gehen zu können...“ -
„Du warst da doch ein Mensch...“ -
„Ja. Aber sie wollte damals die Menschen dort nicht bekämpfen – und das wäre wohl unvermeidbar gewesen, wenn ich die Krieger dort nicht abgelenkt hätte. - Man nannte sie damals dort 'Schwarze Wolke des Todes' – die Sprache war noch blumiger als heute.“ -
„Ah, ja das passt. Hast Du sie damals schon so genannt?“ -
„Oh nein. Eher 'Edler Drache'... Ein Drache galt als gefährliches Ungeheuer, zwar intelligent, aber blutdurstig. Ich hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe – nicht zu Unrecht, denn nur weil ich gestolpert bin, entging ich gerade noch ihrem Feueratem, sonst hätte sie mich gegrillt.“ -
Ich erzähle ihr kurz die Geschichte.
„Seitdem Du das wieder weißt, ist das nicht schwierig, den Drachen zu lieben, wegen dem Du mal getötet worden bist?“ -
„Nein. Ich wurde wegen ihr getötet, nicht von ihr. Tyria hätte wohl schon damals etwas dagegen unternommen, obwohl man es nicht wirklich eine Freundschaft nennen konnte. Vermutlich hätte sie mich mit versengten Haaren, qualmender, zerfetzter Kleidung, glücklicherweise nicht zu tiefen Schnitten in der Haut und in den Schlamm getreten zurückgelassen. Alles genau geplant, damit mir nicht wirklich etwas passiert, aber für die Menschen wäre ich ein glücklicher Überlebender gewesen – nun ja, wir wussten nicht was kommen würde und so endete wieder ein Leben. -
Nein es ist nicht schwierig, jetzt weiß ich, dass ich damals schon von ihr fasziniert war. Stell Dir vor, Du bist ein Mensch, stehst zwischen ihren Krallen und hast ihre glühenden Augen vor Dir. Und diese Drachin bittet Dich, ihr zu helfen, damit sie keine Menschen töten muss, wenn es geht. Jetzt weiß ich, dass sie hier anders gehandelt hätte, aber es war eben nicht ihre Welt“ -
„Verzeih mir, aber ich kann mir nicht vorstellen, diesen Drachen lieben zu können.“ -
„Ich verstehe. Eure Erfahrungen sind nicht besonders gut. - Allerdings war mein Eindruck über unsere Beziehung bisher doch eher positiv...“ -
„Eldingar... ich... aber... Du...“ -
„Ich weiß. Gestern Nachmittag hast Du mich noch gefürchtet und mit Deinem Schicksal gehadert, dass Du mir dienen sollst - einem von diesen schrecklichen Großen, die alle andern nur verachten. Abends dann in meiner Wohnung hast Du erkannt, dass dieser eigenartige Drache irgendwie ganz umgänglich ist und Dich nicht viel anders behandelt, als die anderen Drachen. Naja, grundsätzlich jedenfalls. Na und heute hat dann Deine jugendliche Frechheit gesiegt und Du hast mich gnadenlos bis fast zum Anschlag ausgereizt. Wie ist denn Deine Schlussfolgerung daraus?“ -
„Dass ich Dich tatsächlich lieben könnte. Oder Dich sogar schon liebe, wenn ich ehrlich bin. Aber nicht als mein Partner, mehr als guten Freund... oder eine Art Bruder...“ -
„Ich verstehe und es ist akzeptabel. - Verzeih, Drachendenken... Aber Du bist schon weiter, als ich damals nach fünf Tagen in denen ich Tyria immer wieder getroffen habe und ihr ein wenig Nahrung gebracht habe. Besonders die Nahrung hat eine Bindung zwischen uns geschaffen – ein Männchen, dass seinem Weibchen Nahrung bringt... Das hat ihre Meinung über mich wohl am meisten geändert, sie war zuletzt fast liebevoll mir gegenüber, wie ich jetzt weiß. - Gut, ich merke, Dir ist das unangenehm. Wechseln wir das Thema.“ -
Padmini wirkt tatsächlich etwas einsilbig. Vermutlich gehen ihre Gefühle doch noch etwas tiefer, aber für mich ist es so völlig zu akzeptieren. Eine liebevolle freundschaftliche Beziehung, mehr möchte ich mit ihr nicht haben. Sie ist mein Schatten, meine Beraterin, meine Freundin – nicht meine Sex-Partnerin, wenn ich gerade keine andere habe. - Natürlich mag ich sie gerne, ihr Geruch sagt mir, dass sie zu mir als Partnerin passt – aber ich möchte sie lieber als gute, enge Freundin haben. Würde ich mich mit ihr paaren, wäre sie irgendwie nur „noch eine“ am Ende der Futterkette – und das würde ihr nicht gerecht werden. Das bedeutet ja nicht, dass wir nicht zärtlich liebevoll miteinander umgehen – auch nicht, dass es nicht doch irgendwann zu einer Paarung kommt – aber dann nur als besonderer Höhepunkt einer sehr engen, liebevollen Beziehung. Aber das muss von ihr kommen, sie muss es mit jeder Faser wollen - solange ich den Eindruck habe, sie will mir nur einen Gefallen leisten, werde ich sie nicht anrühren. Ihr Vertrauen in mich ist mir zu wertvoll, um es aufs Spiel zu setzen.
Ich spüre, dass sie sich etwas aufrichtet und nach oben blickt.
„Was siehst Du in den Sternen?“ -
„Einen unerreichbaren Traum. Es gibt so unglaubliche Dinge dort bei den fernen Sonnen zu sehen... Wenn Erce es mir erlaubt, werde ich versuchen die Menschen zu den Sternen zu führen – und dann mit ihnen gehen und mir das alles aus der Nähe ansehen...“ -
„So kann auch nur ein Drache die Sterne sehen – als Ziel.“ es klingt etwas enttäuscht. -
„Du wirst Dich wundern, das ist die Meinung des Menschen dazu. Meine menschliche Seele betrachtet das fast streng logisch mit dem Wissen von drüben, was da eigentlich passiert und möchte zu den Sternen fliegen und andere Welten besuchen – in ihrer körperlichen Existenz. - Meine Drachenseele verliert sich nur zu gerne in der Unendlichkeit, aus der die Sterne ihr Licht zu uns senden. Ich werde dann ganz ruhig und meine Seele reist zu den Sternen... - Schon seit den alten Zeiten als Erce mich erschuf. - Und Tyria geht es sicher ebenso, sonst würde sie in meinen Schuppen wohl kaum einen Sternenhimmel sehen, da glitzert ja nichts.“ -
„Du wirfst wieder einmal meine Vorurteile durcheinander.“ -
„Schlimm?“ -
„Nein, im Gegenteil. Das macht es mir leichter so hier auf Deinem Rücken zu liegen – und alles andere. Du – ihr seid also gar nicht so anders.“ -
„Auch wir Drachen sind Geschöpfe dieser Welt wie alle anderen. Wir schlüpfen, müssen essen und trinken, bekommen Nachwuchs und wir sterben – wenn auch erst nach einem sehr langen Leben. Und wir haben auch Gefühle, sehr starke Gefühle – besonders unser Zorn kann für andere sehr gefährlich werden. Da Erce uns gewählt hat, um ihre Welt zu schützen, haben wir gelernt unseren Zorn zu beherrschen – nur haben wir dabei auch unsere anderen Gefühle mit unterdrückt, das lässt uns so kalt und abweisend wirken. Dazu kommt, dass wir schon immer Jäger waren, wir töten um zu leben – ausschließlich, nicht wir ihr, die auch Pflanzen als Nahrung nutzen. Und wir waren immer der Jäger, nie die Beute, es gab nie einen, der über uns stand. Das alles lässt uns anders denken – was ich jetzt wieder lernen muss, oder mich wieder dran gewöhnen, um genau zu sein.“ -
„Aber die anderen Großen sind alle so arrogant, selbst NüShi, die uns ja noch vergleichsweise neutral behandelt. Schade, dass es euch Älteste nicht mehr gibt...“ -
„Du darfst nicht von mir auf die anderen Ursprünglichen Drachen schließen. Ihr würdet mit uns einen schlechten Tausch machen.“ -
„Warum? Du bist doch...“ -
„Ich bin viel mehr ein Mensch geworden, als ich noch der Drache Erces bin. Genau genommen akzeptiert der Drache viele der menschlichen Ansichten inzwischen ebenso, wie seine eigenen. Und doch sind mir als Drache die Draccier unheimlich, ihr habt menschliche Gene in euch – etwas das es nicht geben dürfte. Ein ursprünglicher Drache würde euch nicht akzeptieren, oder nur, weil Erce euch auch unter ihren Schutz gestellt hat. Mein erster Impuls war, euch zu töten, aber das ist vorbei, ihr seid ein Teil Erces, der Mensch akzeptiert euch, weil er in euch das menschliche im Drachen findet, und auch ich habe gelernt, euch zu akzeptieren, weil ihr zu den intelligenten Völkern gehört und ich in euch das dracoide im Menschen finde. Aber die anderen – und auch ich damals – hätten euch wohl schon gleich zu Anfang sofort wieder vernichtet. - Ich gehe davon aus, dass Erce euch damals unter ihren besonderen Schutz gestellt hat, dass euer Volk überleben konnte. Wir Ursprünglichen würden euch noch weniger akzeptieren, als es die heutigen Großen machen. - Wünsche Dir also lieber nicht, dass wir wieder in dieser Welt erscheinen.“ -
„Du kannst mich also nur akzeptieren, weil der Mensch mich akzeptieren würde?“ -
„Ich ja – meine menschliche Seele aber auch aus ganz anderen Gründen, die ich teilweise auch verstehe, weil ich gelernt habe, wie Menschen denken. Immer noch kompliziert für mich, aber ich kann ihre Gedanken verstehen. Leider fürchtet der Mensch die Gedanken eines Drachen immer noch. Seine Furcht vor dem Zorn eines Drachen kann ich immerhin verstehen, denn auch ich fürchte meinen Zorn, wenn er ungezügelt wütet.“ -
„Ich denke, das verstehe ich. - Du hast die Macht über den Menschen?“ -
„Nein. Wir sind eins, aber ich war länger ein Mensch, als ich Drache war. Es waren wohl mehr als zehn Drachenleben... Das menschliche Denken, die menschliche Seele hat den Vorrang, die dracoide Seele seines Ursprunges hilft ihm, unterstützt ihn und greift im Notfall ein, aber der Mensch beherrscht mein Denken. Aber ein Mensch ist sehr anpassungsfähig, irgendwann wird er fast wie ein Drache sein. Eine Fähigkeit, die mich fasziniert an ihnen.“ -
„Darf ich fragen, warum dann jetzt der Drache zu mir spricht?“ -
„Fragen darfst Du alles, ob ich antworte, müsstest Du mich fragen... - Du hast den Drachen gefragt, also habe ich als Drache geantwortet.“ -
„Würdest Du als Mensch anders antworten?“ -
„Als Mensch sicherlich. Aber die menschliche Seele in mir antwortet Dir das gleiche. Ich bin Mensch und ich bin Drache. Dem Körper nach ein Drache, dem Denken nach mehr Mensch.“ -
„Wenn Du noch ein Mensch wärst, wie würde der zu mir stehen?“ -
„Der Mensch würde sagen, dass er Dich attraktiv findet und Dich gerne mag.“-
„Würdest Du Dich als Mensch mit mir paaren wollen?“ -
„Du meinst, wenn ich jetzt meinen menschlichen Körper wieder erhalten könnte? - Ja. Wenn Du dann noch Interesse an mir hättest. Bei Dir hätte ich nicht die Furcht, dabei verletzt zu werden, obwohl Du sehr viel kräftiger bist, als ich als Mensch war. Ich würde mich auch mit Tascha und Tyria paaren wollen, aber besonders bei Tyria fürchte ich, dann von ihr erheblich verletzt zu werden. Unabsichtlich natürlich.“ -
„Aber Du kannst nicht mehr in Deinen menschlichen Körper zurück?“ -
„Nein. Der ist bei meiner Wandlung vergangen, in diesem Körper aufgegangen. Der menschliche Körper ist immer noch ein Teil von mir, aber seine Gene wurden verändert und zu den Genen eines Drachen. Ich kann ein großer Feral sein und ein menschenähnlicher Anthro, aber nie mehr ein Mensch.“ -
„Bedauerst Du es?“ -
„Nein. Ich bin ein Drache, damit muss ich jetzt leben. Und ich will damit leben - auch der Mensch will das.“ -
„Aber es war doch nicht freiwillig, wenn mir das richtig gesagt wurde.“ -
„Nein, meine Rückkehr war nicht freiwillig, Erce musste mich irgendwie hierherholen, ich wusste ja nicht mehr, dass ich früher ein Drache aus dieser Welt war. Aber selbst wenn ich nie ein Drache gewesen wäre, nur ein Mensch, ohne dass meine Seele durch die Zeiten von einem zum anderen gewandert wäre – auch dann würde ich das nicht anders wollen. Erce hat entschieden, dass ich ihr als Drache dienen soll, also werde ich als Drache leben und ihr dienen so gut ich es kann. Nachdem ich die Hintergründe meiner Geschichte kenne, natürlich ohnehin. Ich habe ihr ja schon in der Welt drüben gedient, ohne dass ich mich daran erinnern durfte.“-
„Hat Fjörgyn Dich wirklich getötet? Ich meine, würdest Du Deine Mörderin als Deine Mutter bezeichnen?“ -
„Sie hat mich unbeabsichtigt so schwer verletzt, dass ich gestorben wäre, hätte sie mich nicht hierhergeholt und Sálleiðtogi meine Seele nicht in meinem Körper festgehalten. Danach hat sie alles versucht, was ein Drache für einen Menschen machen würde um mich zu retten – wahrscheinlich sogar mehr.“ -
Ich spüre, wie Padmini ihren Kopf schüttelt.
„Ich weiß nicht, ob ich sie dann noch als meine Mutter ansehen könnte...“ -
„Du bist ja auch ein Drache. Als Mensch sind mir ihre Bemühungen mich am Leben zu erhalten wichtiger – und vor allem ihr Blut, dass sie mir freiwillig gab. Das bindet mich an sie.“ -
„Unsere Heiler sagen, dass das Blut ständig erneuert wird und fremdes Blut nicht lange im Körper bleibt...“ -
„Das ist richtig. Doch ihr Blut wird mich noch in tausenden Sommern an sie binden.“ -
Padmini streichelt mir über den Nacken.
„Ich verstehe. Es ist nicht das Blut, es ist die Handlung, der Gedanke, der dahintersteht. Sie hat etwas von sich einem Fremden, dazu einem Menschen gegeben, damit er noch die paar Jahre, die einem Menschen zustehen, leben kann.“ -
„Ja. Und als ich dann für alle überraschend ein Drache war, hat sie sich die paar Tage danach um mich gekümmert, als wäre ich ihr Sohn. Noch jetzt sprechen wir so miteinander, ich kann sie alles fragen und sie bevormundet mich nicht - ich habe den Eindruck sie versteht mich besser als alle anderen Drachen, obwohl ich ihr ebenso fremd sein müsste wie den anderen.“ -
„Zugegeben, das entspricht schon der Beziehung von einer Mutter zu ihrem Nestling.“
Ich lasse das so auf sich beruhen und auch Padmini fragt nicht weiter. Das gibt mir endlich die Gelegenheit in Ruhe den Himmel zu betrachten. Hier oben ist die Luft klar, die Milchstraße steht leuchtend am Himmel und ich bin schnell von dem Anblick gefangen. Mit ruhigen Schwingenschlägen steige ich langsam weiter auf. Gerade habe ich mich auf Andromeda konzentriert, mit meinen Drachensinnen kann ich die Galaxie klar erkennen – wenn auch nicht die Einzelheiten, die auf den Fotos drüben zu sehen sind.
„Eldingar?“
Was war das? Ach so Padmini ist ja bei mir...
„Eldingar, Herr...“ -
„Ja mein Schatten? Verzeih, ich war abgelenkt.“ -
„Die Sterne?“ -
„Ja.“ -
„Verzeih meine Störung. Ich spüre, dass wir immer weiter steigen – wie hoch sind wir jetzt?“ -
Ich orientiere mich schnell.
„Etwa eintausend Meter über meiner Wohnstätte, etwas nördlich.“ -
„Deswegen also. Ich kann ja nur bis etwa viertausend Meter steigen, wenn alles passt vielleicht viertausendfünfhundert.“ -
„Wird die Luft schon knapp?“ -
„Nein, das nicht, aber ich spüre die dünnere Luft bereits. Wie hoch kannst Du fliegen?“ -
„Wie weit möchtest Du?“ -
„Ich weiß nicht...“ -
„Nein, verzeih. Das war übertrieben, auch für mich gibt es eine Grenze. Aber ich war schon etwa zehntausend Meter hoch – da muss ich dann aber auch bereits ein wenig kämpfen.“ -
„Mehr als doppelt so hoch... - kann man da noch atmen?“ -
„Als Drache gerade noch, zudem ist es sehr kalt. Aber sogar Menschen haben es geschafft einen Berg von achtausendachthundert Metern zu besteigen – der ist übrigens gar nicht so weit weg.“
„Menschen können etwas, das mir nicht möglich ist? - Verzeih, ich möchte nicht überheblich klingen, aber wie kann das sein?“ -
„Wenn Du zu Fuß den Berg besteigst, kannst Du auch höher steigen, als beim Fliegen. Dann stört die dünne Luft nur noch beim Atmen.“ -
„Ja, natürlich, sie fliegen ja nicht. Verzeih, das war dumm von mir.“ -
„Macht nichts, manchmal denkt man nicht ans naheliegende. - Wenn Du möchtest, können wir mal auf den Everest oder den Kangchenjunga fliegen, der Blick von da oben ist schon beeindruckend.“ -
„Jetzt?“ -
„Zum Kangchenjunga ist es zwar nur ein Drittel eines zwölftels zu fliegen, aber jetzt sieht man nicht viel, das lohnt nicht. Nein, irgendwann in den nächsten Tagen wird sicher Zeit sein.“ -
„Gut, dann ziehe ich mir aber etwas anderes an. Der Sari ist in den Wolken doch nass geworden – auch wenn Dein Rücken angenehm warm ist, friere ich ein wenig.“ -
„Verzeih, ich habe nicht darauf geachtet. Fliegen wir nach Hause und machen uns noch ein Feuer im Kamin an zum aufwärmen.“ -
„Das klingt gut – nach Hause... - Du magst ein Feuer zum Aufwärmen?“ -
Ich nehme Kurs auf meine Wohnung und baue schnell Höhe ab.
„Du brauchst nicht ablenken, Padmini. Natürlich ist meine Wohnstätte jetzt Deine Heimat. Und Du kannst jederzeit in meine Wohnung kommen und dort auch übernachten. Welche Räume hat Jaya Dir gegeben?“ -
„Ein Zimmer neben der Herrin Natascha.“ -
„Ich sage ihr, dass Du eine größere Wohnung bekommst.“ -
„Nicht nötig. Du sagst ja, dass ich jederzeit zu Dir kommen darf, das reicht doch. Das Zimmer ist dann nur, wenn ich mal Platz machen muss, was sicher vorkommen wird.“ -
„Das werden wir sehen, ob Du Platz machen musst. Die meisten Gäste werden ohnehin Große sein – und die schlafen sicher meist lieber in der Großen Wohnung. - Obwohl sogar Fjörgyn für den Winter eine zwar schlichte, aber bequeme und warme Anthrohöhle bevorzugt.“ -
„Sie hat nicht so eine ausgestattete Wohnung?“ -
„Nein. Die Feral-Höhle ist eher so, wie die obere Eingangshöhle hier. Eigentlich auch nur zum Schlafen genutzt. Die Lager sind aber überraschend bequem für einen Feral. Besonders überrascht hat mich die kleine Küche, in der sie sich als Anthro Tee oder ähnliches zubereitet. Die Anthro-Wohnung habe ich nur kurz gesehen, da sie sich dort im Sommer kaum aufhalten. Eine Höhle mit geglätteten Wänden und Boden mit einigen Nischen, in denen Schlaflager sind. In einer kleinen Nebenhöhle ist eine heiße Quelle, dadurch ist diese Wohnung angenehm warm im Winter. Das ist nicht die komplette menschliche Ausstattung wie meine hier, aber auch Menschen können sich da durchaus wohl fühlen. Ich hätte nicht gedacht, dass Drachen so bequem leben in ihren Höhlen. Eldflóð hat aber schon eine Wohnung, die dieser hier sehr ähnlich ist in der Ausstattung. Er hat aber auch mehr Kontakt zu Menschen. Seine Feral-Höhle ist dafür sehr... schlicht, die nutzt er aber auch nicht.“ -
„Und die anderen Drachen?“ -
„Ich weiß es leider nicht. Nicht mal, wie Tyria in ihrer Hauptwohnstätte lebt.“ -
„Man sagt, NüShi lebt in einem alten Schloss der Menschen.“ -
„Das klingt auch interessant, ich werde sie morgen mal ausfragen und mich vielleicht demnächst bei ihr einladen. - So, festhalten, ich tauche durch die Wolken, dann sind wir gleich am Hintereingang meiner Wohnung.“ -
Wie gesagt, geht es im Steilflug durch die Wolkendecke, ich fange uns ab, und nach einer kurzen Runde im Sinkflug sind wir auf Höhe der Felsspalte. Padmini wickelt sich schnell den Schulterteil des Sari um die Hüfte und fliegt in die Spalte, damit ich mich transformieren kann, denn ich komme ja nur als Anthro in die Spalte und zum Hintereingang. Nach einem kurzen Stromstoß öffnet sich die Tür und Padmini geht mir grinsend voraus.
„Praktisch, wenn man von einer Liebschaft kommt...“ -
„Oder mit seiner Geliebten...“ -
Sie senkt den Kopf.
„Verzeih, ich wollte nur einen Scherz machen.“ -
„Du musst Dir noch abgewöhnen, jedes meiner Worte auf die Goldwaage zu legen.“ -
„Ich verstehe nicht...?“ sie sieht mich fragend an. -
„Eine Goldwaage ist besonders genau und kann kleinste Mengen abwiegen – es bedeutet, dass Du nicht immer alles so genau nehmen sollst und auch nicht so ernst. - Denk dran, dass Dich durch die Augen dieses Drachen meistens ein Mensch ansieht. Gerade wenn wir unter uns sind – aber auch mit Tascha und Tyria – musst Du nicht jedes Wort oder jede Handlung von mir fürchten. Ich fühle mich ja schon als Ungeheuer, weil Du immer sofort so übervorsichtig wirst. Wo ist die freche kleine Dracci, die sich heute morgen so an den Drachen schmiegte?“ -
Sie blickt mich von unten her an.
„Die ist einer vorsichtigen jungen Dracci gewichen... - Zwar habe ich den Drachen gestern ja schon kennengelernt, aber das war mit einem Sicherheitsabstand. Dann war ich ja immer in der Nähe eines Anthro, der sich mehr nach Mensch angefühlt hat – ich meine Deine Präsenz hatte etwas menschliches in sich. Aber vorhin lag ich zum ersten Mal auf dem Rücken eines Ferals – und ich spürte auch deutlich die bedrohliche Nähe eines Drachen. Und die spüre ich auch jetzt noch, da bin ich lieber vorsichtig.“ -
„Also kennst Du unsere Zeichen auch nicht. - Macht nichts, das wäre eigentlich auch unerwartet. Holst du uns noch etwas zu trinken aus der Küche, oder möchtest Du lieber Feuer im Kamin machen? Dann bekommst Du eine Kurzeinweisung in die wichtigsten Zeichen, an denen Du unsere Stimmung erkennen kannst.“ -
„Wenn Du erlaubst, hole ich die Getränke Herr. Ich habe Feuerstein und Schlageisen nicht dabei.“
Ich sehe sie mit einem leisen knurrenden Seufzen an, worauf sie sofort wieder den Kopf senkt.
„Verzeih Herr... Eldingar... - Ich... verzeiht Isha Rajesh, ihr macht mir Angst, wenn ihr mich so anseht.“ -
„Ich verstehe nicht. Heute morgen habe ich die Gäste doch auch als Feral empfangen – da hast Du in meiner Hand gesessen und später Deine Hand zwischen meine Nüstern gelegt, keinen halben Schritt von meinen Fangzähnen entfernt – und jetzt fürchtest Du den selben Drachen, den Drachen, der Dich gerade auf seinem Rücken getragen hat?“ -
„Heute morgen fühlte der Drache sich anders an – nicht die Schuppen, aber seine Präsenz. Die hat sich während dem Flug verändert. Und ich spüre den Zorn in dem Drachen – verzeiht Herr, ich möchte diesen Zorn nicht auf mich lenken.“ -
Bin ich zornig? - Nein... oder doch, da tief in mir brodelt es, aber dieser Zorn ist auf niemanden hier gerichtet, schon gar nicht auf meinen jungen Schatten. Aber woher soll sie das wissen. Und dazu kommt, dass tatsächlich meine dracoide Seite im Moment recht stark ist und ich meine Gefühle jetzt stärker kontrolliere, als normalerweise. Vermutlich eine instinktive Schutzmaßnahme vor dem in mir wachsenden Zorn, den ich so unter Kontrolle halten kann. Gleichzeitig nutze ich aber meine menschlichen Denkweisen, eine irgendwie seltsame Mischung, die für mich aber akzeptabel ist und dem Drachen endlich einmal die Möglichkeit gibt, zusammen mit dem Menschen aktiv zu sein. Die dracoiden Gedanken akzeptiere ich, denn sie überfallen mich jetzt nicht, sie begleiten mich. Zudem brauche ich die Hilfe meiner alten Drachenseele, wenn ich morgen richtig handeln will.
Und einer dieser Gedanken gibt die Antwort des Drachen auf Padminis Bedenken:
„Quatsch!“ –
Der Gedanke war so deutlich und kräftig, dass ich ihn direkt ausgesprochen habe. Padmini blickt mich überrascht an, sie kennt inzwischen den feinen Unterschied im Klang meiner Drachenstimme, die den Drachen vom Menschen unterscheidet.
„Wieso Quatsch...?“ -
„Weil mir dieser menschliche Begriff passender erscheint. Ich habe dafür keinen besseren. - Padmini, fürchte nicht jede kleine Zornesregung von mir. Wenn sich mein Zorn gegen Dich richtet, wirst Du es wissen – ein Drache wird Dich immer warnen, bevor er seinem Zorn nachgibt – und er ist immer bereit, eine Unterwerfung zu akzeptieren.“ -
„Verzeih meine Zweifel... wirklich immer?“ -
„Ich verstehe. Für mich gilt das. Wir Ursprünglichen sind härter im Umgang miteinander oder mit anderen, aber wir hatten Regeln, die nie verletzt wurden. Die eben genannten gehören dazu.“ -
„Der Mensch in Dir hat mich als seine Freundin angenommen...“ -
„ Ich habe Dich als meine Freundin angenommen.“ -
„Darf ich darüber kurz nachdenken, Eldingar? - Welches Getränk soll ich holen?“ -
„Natürlich. - Frisches Wasser für mich, Wein für den Menschen – und was Du möchtest.“ -
Padmini nickt und deutet so gleichzeitig eine Verneigung an. Auf ihre leise, flinke Art ist sie schnell in Richtung der Küche verschwunden. Ich gehe in den Wohnraum, schnell ist etwas 'Kleinholz' aufgeschichtet, das sich mit einer kleinen Entladung entzündet. Ein paar Scheite Nadelholz zum Anheizen, für später ist ein festes, schweres Laubholz, das zwar nur schwer in Brand gerät, aber dann langsam und lange brennt und eine angenehme Wärme abgibt. - Wissen aus meiner menschlichen Zeit drüben. Die meisten Pflanzen unterscheiden sich nicht wesentlich, obwohl die Welten sich vermutlich schon seit vielen Millionen Jahren getrennt entwickeln. Das gleiche gilt ja auch für die Tierwelt. Abgesehen von uns Drachen und unseren sechsbeinigen entfernten Verwandten – auch die Wyvern sind ursprünglich aus einer sechsbeinigen Spezies entstanden, haben aber in ihrer Entwicklung ein Armpaar zugunsten einer schlankeren Form, die im Wald von Vorteil ist, aufgegeben. - Wir Drachen sind im Brustbereich ja vergleichsweise massig gebaut wegen der doppelten Armmuskulatur.
Interessant, wie menschliches Wissen und Denken den Drachen beeinflussen – oder ist es umgekehrt? Padmini kommt mit einem Tablett auf dem zwei große Krüge und drei Becher stehen – offenbar möchte sie auch Wein trinken.
Während sie tatsächlich zwei Becher mit Wein füllt und einen mit Wasser, beobachte ich sie vom Kamin aus während ich die Holzscheite ein wenig zurecht rücke – als Drache brauche ich ja nicht mal einen Stock oder so etwas, ich kann das brennende Holz anfassen, ohne Verbrennungen befürchten zu müssen – innerlich grinse ich, der Mensch hätte das nicht gewagt, wie ich weiß... und der Drache kein Feuer gemacht. Schließlich lege ich die Laubholzscheite dazu und ich strecke mich auf den Kissen vor dem Kamin aus. Padmini reicht mir die beiden Becher und ich nehme einen Schluck Wein, ehe ich die Becher neben mich auf den Boden stelle – Auch der Drache mag inzwischen Wein, das vorhin war nicht so ernst gemeint, denn der Mensch trinkt meist Wasser zum Wein - ein Drache ist da konsequenter, entweder oder.
Padmini steht vor mir und blickt zu mir herunter, sie wirkt jetzt wieder deutlich selbstsicherer. - Wenn sie wüsste, dass wir das damals bei einem Weibchen nicht toleriert hätten – aus Selbstschutz, denn sie waren stets darauf aus uns anzugreifen...
„Ich verstehe es so, dass ich mich bei Dir selbst bei einem Zornesausbruch immer sicher fühlen darf?“ Es klingt mehr wie eine Feststellung von ihr. -
„Ja. - Natürlich ist es möglich, dass auch Du einmal meinen Zorn auf Dich ziehst, aber nie grundlos und ohne Gefahr für Dein Leben. Ich werde meine Freundin nicht aus Zorn töten. Du hast in dieser Hinsicht den gleichen Status wie meine Partnerinnen. - Ich hatte gestern nie beabsichtigt, Jaya zu töten, obwohl sie mich mehr als einmal sehr herausgefordert hatte. Doch ich muss zugeben, dass es mir schwergefallen ist, mich zu beherrschen – auch der Drache ist die Stärke seines Zornes nicht mehr gewohnt und ich musste damals auch weniger Rücksicht nehmen.“ -
„Du sprichst und erklärst sehr viel für einen Drachen. Wenn ich das anmerken darf.“ -
„Es stimmt. Die Gewohnheiten der Menschen... ich kann es nicht verleugnen. Aber momentan denke ich auch wieder menschlicher.“ -
„Auf mich wirkt es irgendwie beruhigend, so habe ich das Gefühl, der Mensch ist immer noch in Dir.“ -
„Das ist es also, was Du fürchtest. Keine Sorge, er ist immer noch da, aber die Gedanken an morgen lassen mich mehr wie ein Drache denken. - Setz Dich, ich zeige Dir schnell die wichtigsten Zeichen, an denen Du die Grundstimmung eines Drachen erkennen kannst.“ -
Sie setzt sich auf ein Kissen neben meine Beine und legt mir eine Hand auf den Oberschenkel – stockt dann kurz, nimmt meine Ruhe aber als Zustimmung und lässt sie darauf liegen.
„Wenn es Dir recht ist... - Stimmt es, dass ihr nur mit dem Schwanz eure Gefühle zeigt?“ -
„Ich mag Deine sanften Berührungen. Tascha und Tyria sind auch zärtlich, aber doch nicht so sanft, wie es Deine Art ist. -
Wir Drachen haben nicht nur den Schwanz, genauer die Schwanzspitze als Ausdrucksmittel, aber die ist selbst für Menschen recht einfach zu lesen, kann allerdings auch leicht gefälscht werden.“ -
Sie wirkt etwas verlegen über meine Zustimmung ihres Körperkontaktes.
„Ich kann mich doch nicht mit Deinen Partnerinnen messen – eine junge, unerfahrene Dracci...“ -
„Wirklich so unerfahren...?“ -
„Ich muss zugeben, dass ich seit meiner Geschlechtsreife einige Kontakte hatte, mein Paarungsdrang ist sehr stark... - auch wenn ich mich nicht mit Dir paaren möchte, wird durch den engen Kontakt zu Dir dieser Drang angenehm besänftigt. Verzeih, wenn ich Dir damit zu sehr auf die Schuppen gehe, sage es bitte, ich finde sicher leicht einen Partner unter den anderen Dracciern hier.“ -
„Nicht notwendig. Auch für uns Ursprüngliche ist die Nähe eines zahmen Weibchens sehr angenehm. - Warum verweigerst Du Dich mir eigentlich?“ -
„Nein Herr – Eldingar… Þórr. Wenn es Dein Wunsch ist, werde ich mich natürlich mit Dir paaren.“ -
„Aber es ist nicht Dein Wunsch?“ -
„Eldingar – ich bin doch unwürdig, mich mit einem Drachen, mit dem Paladin Erces, paaren zu wollen...“ -
„Quatsch!“ -
„Eldingar...?“ -
„Du bist ebenso würdig, wie Tyria. Nur sind Drachen, die Dich als Paarungspartnerin ablehnen, Deiner nicht würdig – so musst Du es sehen, denn so ist es. Doch muss ich zugeben, dass auch ich Voreingenommen bin. Als Lebenspartnerin, als Partnerin, die mir Kinder schenkt – das kann ich in euch Dracci nicht sehen. Verzeih.“ -
„Jaya wünscht sich eine Paarung mit Dir – nicht nur eine... Warum lehnst Du sie ab? Du magst sie doch auch...“ -
„Richtig. Bevor Tyria in mein Leben trat, war ich bereit – als Drache. Aber der Mensch achtet die Partnerschaft von Jaya zu Shankar zu sehr, es wäre für ihn Unrecht. - Du brauchst mich nicht so ansehen, ich weiß jetzt, dass es bei euch Sitte ist, dass ein Weibchen sich weitere Paarungspartner nimmt. Und so intensiv, wie sie sich an mich heranmacht, wird sie auch sicher bald Erfolg haben – vermutlich wird sie mich nehmen, wenn ich abgelenkt bin und es zu spät bemerke, was sie vorhat. - Nein ich lehne sie nicht ab, es ist für den Menschen nur nicht so einfach, in seinen letzten Leben war es nicht üblich, einem anderen Männchen sein Weibchen zu nehmen.“ -
Padmini grinst.
„Dann teilt sie Deinen Becher ja nicht vergebens. Weißt Du eigentlich, was das bedeutet?“ -
„Ich vermute, sie zeigt mir so ihren Paarungswunsch, besonders wenn sie sich auf meinen Schoß setzt und ihre Beine dabei um meine Hüften schlingt.“ -
„Das hat sie schon gemacht? Ein Männchen unseres Volkes hätte wohl keine Sekunde mehr gezögert, sie um eine Paarung zu bitten. Das ist das wohl deutlichste Zeichen, dass sie Dir geben konnte. - Mit dem Trinken aus Deinem Becher lässt sie übrigens immer etwas Speichel zurück, in dem ihre Bereitschaft für ein Männchen deutlich zu riechen und zu schmecken ist – Du nennst es wohl Feromene oder so.“ -
„Ich verstehe. Wir Drachen verteilen unsere Pheromone über die Duftdrüsen in der Grube hinter unserem Jochbein. - Ihr übrigens auch, ein wenig zumindest.“ -
„Ich hoffe, es ist Dir nicht unangenehm – das mit dem Speichel...“ -
„Jaya hatte einen Orgasmus in meinem Mund, als ich ihr den Panzer verpasst habe – da habe ich noch anderes geschmeckt. Und wir Drachen teilen ja ohnehin bei einem Kuss unseren Speichel – auch die Menschen in der Welt drüben kennen das Spiel der Zungen bei einem liebevollen Kuss.“ -
„Gut. Ich hoffe, dass Du Jaya den Wunsch bald erfüllst. Ich dagegen möchte es nicht, noch nicht zumindest. Frage nicht, ich weiß selber nicht recht, warum. -
Verzeih, ich habe abgelenkt... Du sagtest, ihr habt auch andere Zeichen, an denen ihr eure Stimmung erkennt?“ -
Ich nicke.
„Ich achte Deinen Wunsch. - Ja wir erkennen an der Schwanzspitze zwar schnell die Grundstimmung eines Drachen, aber sehr viel genauer sind der Geruch und die geringe Mimik, die uns gegeben ist.“ -
„Wenn ihr grinst, das kann ich noch erkennen … hoffe ich - aber sonst...?“ -
„Lächeln und Grinsen unterscheiden sich von einem zornigen Zähnezeigen. Beim Lächeln ziehen wir ja die Lippen nur seitlich etwas hoch, da sieht man ja noch kaum unsere Zähne. Beim Grinsen wird das schon anders, trotzdem bemühen wir uns dabei, die Fangzähne nie ganz zu zeigen. Erst wenn Du meine Fangzähne in voller Länge siehst, heißt es vorsichtig zu sein – wenn ich Dich damit meine. Ziehe ich meine Nüstern dazu noch kraus – richten sich also die Schuppenplatten auf dem Nasenrücken auf, dann musst Du unmittelbar damit rechnen, dass Du Bekanntschaft mit meinen Krallen und Zähnen machen wirst. - Dann empfehle ich Dir im Staub zu liegen und mich um Dein Leben zu bitten...“ -
„Danke für diese Warnung.“ -
„Auch wenn es mich sonst oft stört und ich es nicht wünsche - aber wenn ich so aussehe, bitte lieber einmal mehr um Gnade. - Wenn ich aber nur mal ungehalten knurre oder Dich anfauche, ist das noch nicht notwendig. Sollte ich dabei ungerecht sein, darfst Du ruhig zurückfauchen. - Und auch nicht jedes Aufrichten der Nasenschuppen bedeutet Zorn. Zeige ich dabei nicht die Zähne, zeigt es mehr Ekel oder Widerwillen.“ -
„Ah- ja...“
„Wie Du siehst, ganz einfach...“ ich grinse, sie sieht mich eher zweifelnd an.
„Dazu noch die Augen. Wenn sich die Pupillen weiten oder verengen, das kennt ihr ja auch. Aber auch sonst ist unsere Mimik da eurer recht ähnlich – nur sehr, sehr schwach ausgeprägt. Die Augenlieder sind sehr weich, aber darum herum sind unsere Augenhöhlen kräftig gepanzert um vor Krallenhieben zu schützen. Darum können wir unsere Augenbrauen nur minimal bewegen und eigentlich nur für Drachen erkennbar damit Emotionen zeigen. Ich denke, Du wirst es kaum bemerken, aber für mich ist die Mimik eines Drachen mindestens ebenso aussagekräftig, wie die übertriebene Gesichtsakrobatik der Menschen.“ -
Padmini kichert.
„Gesichtsakrobatik gefällt mir... - Konntest Du gleich die Gefühle der Drachen erkennen? Ich meine ganz am Anfang, noch als Mensch.“ -
„Nein. Drei furchtbar grimmig wirkende Drachen umringten mich, nur Sálleiðtogi wirkte vergleichsweise freundlich auf mich. Das war natürlich nur der äußere Eindruck, ich wusste da schon, dass sie mir durchaus freundlich gesonnen waren. Aber Eldflóð ist schon ein Drache, der in den Menschen nur durch sein Äußeres eine Urangst auslöst. Was er bedauert, denn er ist den Menschen gegenüber eigentlich sehr freundlich in seiner Haltung. Nur als ich Fjörgyn zum ersten Mal begegnet bin, da war mir ihre Emotion mir gegenüber sehr deutlich klar. Riesige Fangzähne die ich in voller Länge zu sehen bekam, die aufgestellten Nasenplatten, die zornesblitzenden Augen...“ -
„Du hast Da Deinen Rat nicht befolgt...?“ -
„Nein, ich wusste das da noch nicht. Ich versuchte zu fliehen, dummerweise rückwärts und stolperte. Dadurch hat sie mich voll getroffen, was sie nicht beabsichtigt hatte und zuerst auch nicht bemerkte.“ -
„Verzeih, ich möchte das gerne alles hören, aber doch lieber, wenn ich den Menschen in Dir spüre – jetzt bist Du für mich zu sehr Þórr der Drache...“ -
„Schade, Du vertraust mir noch immer nicht. Aber ich akzeptiere das. Lege bitte noch etwas Holz nach, Du bist näher dran.“ -
Padmini nickt und legt noch ein paar Scheite in das Feuer.
„Das allerdings ist ungewöhnlich für einen Drachen, soweit ich gehört habe.“ -
„Das Feuer?“ -
„Das nicht unbedingt – aber dass Du mich um etwas bittest.“ -
„Eine lange Gewohnheit, die ich nicht verkehrt finde.“ -
„Alleine das macht Dich schon viel sympathischer.“ -
„Ich verstehe.“
Sie setzt sich wieder neben mich und greift nach dem Becher. Ich lege meine Schwanzspitze auf ihre Oberschenkel und nachdem sie den Becher wieder abgesetzt hat, legt sie ihre Hand darauf und beginnt meine Schuppen zu streicheln. Nach einem leisen Schnurren unterbreche ich sie.
„Das ist zwar sehr angenehm, aber eigentlich wollte ich Dir noch die eindeutigen Zeichen unserer Schwanzspitze zeigen.“ -
„Gerade fing ich an, mich an Dich zu gewöhnen – stört es Dich?“ -
„Nein. Wie gesagt, es ist angenehm. Hast Du bemerkt, dass die schlängelnde Bewegung der Spitze intensiver wurde, als Du angefangen hast mich zu streicheln?“ -
„Ja... und … sie bewegt sich jetzt auch in anderen Richtungen...“ -
„Richtig. Diese schlängelnde Bewegung bedeutet eine positive Grundstimmung. Immer in einer Ebene hin und her – meist nur direkt die Spitze. Wenn die Bewegung soweit geht, wie jetzt bei mir, dann fühle ich mich geborgen und zufrieden. Und jetzt das schlängeln in alle Richtungen... nun... ich fühle mich bei Dir geborgen.“ -
„Þórr...“ -
„Das soll heißen, dass ich in Deiner Gegenwart keine Gefahr sehe.“ -
„Oh...ja. Ich verstehe...“ eine leichte Enttäuschung klingt mit -
Ich richte mich auf und züngele über ihre Nüstern.
„Und es bedeutet, dass ich Dich mag.“ -
Blitzschnell fasst sie mein Kinn und hält mich sanft fest, ihre Zunge schießt hervor und schlingt sich um meine – mit geschlossenen Augen genießt sie das Spiel unseres Kusses. Dann lässt sie mich los und senkt den Kopf.
„Verzeih, Þórr. Aber...“ -
Sie hat eindeutig viel Drachenblut geerbt. Die Zunge von Jaya ist bei weitem nicht so lang und beweglich.
„Ich wäre froh gewesen, wenn unsere Weibchen so zärtlich gewesen wären... - machen wir weiter?“ -
„Ja. Wie erkenne ich Deinen Zorn?“ -
„Zuckt meine Schwanzspitze steif und ruckartig hin und her – so etwa – dann mag ich etwas nicht, eine Vorstufe meines wachsenden Zornes. Zuerst eben auch nur die äußerste Spitze, aber wenn die volle Länge bis zu meinen Steuerfinnen sich bewegt, dann...“ -
„Ich verstehe – das habe ich heute gesehen, als Lady Tyria Deinen Zorn weckte.“ -
„Richtig. Wenn dann meine Schwanzspitze auf den Boden peitscht, etwa so wie jetzt – dann ist mein Zorn erwacht. Selbst wenn er dann nicht gegen Dich gerichtet ist, handle dann vorsichtig.“ -
Sie blickt mich an und holt tief Luft – offensichtlich muss sie etwas Mut sammeln.
„Und wenn Du gleich den ganzen Schwanz auf den Boden peitscht...?“ -
„Du meinst heute Mittag beim Streit mit Tyria... - Das war ein eher unüblicher Ausbruch, weil die menschlichen Gefühle überreagierten. Das war nicht der Drache, aber wenn ich dann so reagiere, dann will ich töten.“ -
„Jeden?“ -
„Nein. Aber alle, die meinen Zorn herausgefordert haben.“ -
„Das macht mir Angst, Þórr...“ -
„Ich verstehe. Du hast es bereits erlebt – aber bis ich wirklich soweit bin, muss viel passieren. Bei unserem Zweikampf hat Eldflóð mich am Ende so sehr in den Zorn getrieben – dem ich damals noch hilflos ausgeliefert war – dass ich ihn töten wollte. Etwas das ich mit klaren Gedanken nie machen würde. Und trotzdem reichte eine Geste von ihm aus, dass ich den fast schon begonnenen tödlichen Angriff noch abgebrochen habe. Selbst dann reicht es, mir zu zeigen, dass man sich mir unterwirft – nein, nicht unterwerfen aber mir zeigen, nicht weiter gegen mich kämpfen zu wollen.“ -
„Was ich sowieso nie mit einer Chance auf Erfolg könnte...“ -
„Das ist mir dann gleichgültig. Im Zorn handele ich nicht mehr sehr logisch...“ -
„Widerspricht sich das nicht? Du handelst nicht logisch, Dich beherrscht nur der Zorn – aber Du brichst sofort ab, wenn Dein Gegner den Kampf aufgibt? Das bedingt doch beherrschte Logik.“ -
„Ist es logisch, einen Gegner zu schonen, der mich nur einen Moment später wieder angreifen und dann ernsthaft verletzen könnte? Eldflóð war in dem Moment, als er mich mit der Geste um Gnade bat, noch nicht wieder völlig kampfbereit – einen Atemzug später war seine Kraft bereits wieder voll da – und das war mir klar, als ich meinen Angriff abgebrochen hatte. -
Nein das hat dann mit beherrschter Logik wenig zu tun. Wir Drachen, besonders wohl wir Ursprünglichen, geraten leicht in Zorn, in dem wir oft unbeherrscht wüten. Aber wenn der Grund dafür wegfällt, weil ein Gegner aufgibt oder wir ihn vernichtet haben, dann erlischt auch unsere Kampflust sofort.“ -
„Du erlaubst, dass ich darüber nachdenken muss?“ -
„Natürlich. Verzeih mir, dass ich die Furcht vor dem Drachen wieder in Dir geweckt habe. Gerade als ich Dein Vertrauen gewonnen hatte.“ -
Padmini blickt mich lächelnd an.
„Nein, mein Vertrauen zu Dir ist sogar noch gewachsen, weil Du mir ehrlich gesagt hast, dass Du auch für Die, die Du liebst gefährlich sein kannst. Aber ich habe heute auch erlebt, dass Du nicht eine Kralle gegen Tyria gerichtet hast – sogar als sie Dir wütend ihr Feuer ins Gesicht geblasen hat.“ -
„Dafür musste die Erde unter meinen Händen darunter leiden...“ -
Sie grinst und streichelt meinen Schwanz etwas intensiver.
„Als die Menschen mit Dir gesprochen haben, hast Du Deinen Schwanz immer so auf und wieder abgerollt... - und später bei Ranga und Agni auch manchmal.“ -
„Sag es bitte nicht weiter – ich habe mich da gelangweilt... - Aber normalerweise machen die Drachen das heute, wenn sie irgendwo meditieren. Du solltest also bei den anderen nicht davon ausgehen, dass sie sich dabei langweilen.“ -
„Hat sich die Bedeutung geändert?“ -
„Vermutlich, ich habe es nicht absichtlich gemacht. - Für die Drachen ist so eine Meditation eine sehr angenehme Phase, in der sie ihre Gedanken frei laufen lassen können ohne ihre Gefühle dabei kontrollieren zu müssen.“ -
„Kein Zorn?“ -
„Nein. Allerdings auch fast keine anderen Gefühle – nur wenn wir gemeinsam als Partner meditieren entsteht ein sehr angenehmes Gefühl vertrauter Nähe.“ -
Die Art, wie sie jetzt an meinem Schwanz spielt, sagt mir, dass sie etwas möchte.
„Darf ich das einmal gemeinsam mit Dir ausprobieren?“ -
„Natürlich.“ -
So langsam bekomme ich Schmerzen in den Rückenmuskeln meiner Flugarme. Ich liege ungünstig, setze mich also auf und versuche meine Muskeln zu entspannen. Padmini sieht sich das mit einem leichten Lächeln an.
„Flugmuskeln verspannt?“ -
„Scheint so. Das auch Drachen Rückenschmerzen haben können...“ -
„Ja, die Flugmuskeln sind etwas empfindlich. Das geht auch uns so, obwohl wir schon mit Schwingen geschlüpft sind. Ich glaube, ich hatte schon Schmerzen in den Schultern, als ich aus dem Ei gekrochen bin...“ -
„Ich stelle mir das zumindest am Ende fürchterlich eng darin vor, es wäre kein Wunder, wenn ihr schon mit verspannten Muskeln schlüpft.“ -
„Warum... Ach ja, verzeih, Du bist ja nicht geschlüpft. Dreh Dich mal auf den Bauch, ich weiß was man da machen kann. Eine alte Meisterin hat mir das beigebracht, weil sie sehr darunter leidet.“ -
„Ach, so schlimm ist das ja noch nicht, ich habe nur nicht darauf geachtet, wie ich gelegen habe.“ -
„Will der Drache sich nicht von einem Weibchen helfen lassen...? Ich mache es gerne und darf Dir so einmal richtig auf die Schuppen gehen.“ -
Ich richte mich auf – die Flugmuskeln sind wirklich ziemlich verkrampft, ich hätte mich nicht gleich nach dem Flug so dumm auf meine Schwingen legen sollen.
„Schon gut. Es ist vielleicht wirklich besser, wenn Du da etwas machen kannst.“
Padmini platziert die Polster etwas um.
„Leg Dich da mal drauf, die Stirn auf das Kissen, wenn der Nacken etwas gestreckt ist, hilft das. Die Schwingen locker hängen lassen... Ja, gut. Mal sehen...“
Sie tastet meinen Rücken ab.
„Achje, die sind ja völlig hart... Das ist hoffentlich nicht meine Schuld, weil Du mich getragen hast.“ -
Ihre Hände gleiten sanft über den Bereich zwischen meinen Schultern, wo sie vorhin gelegen hatte.
„Nein, daran liegt es nicht, keine Sorge. Ich hätte mich nur nicht gleich auf den Rücken legen sollen nach dem Flug. Und ich vergesse immer, die Arme etwas auszustrecken, wenn ich mich so hinlege. So zusammengefaltet verkrampfen die Muskeln bei mir immer nach einiger Zeit.“ -
„Wie kann man das nur vergessen? Da muss man doch nicht dran denken...“ -
„Ich habe meine Schwingen erst seit einem halben Mondlauf...“ -
„Stimmt, verzeih bitte. Das vergesse ich leicht, wenn ich den starken Drachen vor mir habe, dass er noch vor kurzen ein schwacher Mensch war.“ -
„Du magst Menschen nicht?“ -
„Hörte es sich so an? Nein, verzeih. So kann man es nicht sagen, aber sie sind auch nicht meine Freunde.“ -
„Wegen ihrem Verhalten Deinem Volk gegenüber?“ -
„Richtig. - Verzeih, ich komme nicht richtig durch Deine Schuppen, sie sind zu kräftig. Darf ich es mit den Füßen versuchen?“ -
Will sie mir jetzt die Füße massieren? - Ach so, nein – sie will auf mir 'herumtrampeln'... warum nicht, so kann sie ihr volles Gewicht einsetzen – als Anthro werde ich ihre 50 Kilo schon spüren.
„Natürlich, nur los.“ -
Ich spüre ihren rechten Fuß auf meinem Schwanzansatz.
„Bereit?“
Auf mein kurzes bestätigendes Knurren steigt sie auf und steht überraschend sicher nur mit einem Fuß auf meinem Becken.
„Geht es? Schwerer wird es nicht.“ -
„Ja.“ -
„Ich fange dann gleich hier unten im Rücken an. Sag, wenn es unangenehm wird.“
Sie tastet mit ihrem linken Fuß kurz meine Lendenwirbel ab, dann tritt sie schnell direkt neben meinem Schwanz auf meine Pomuskeln. Mit leichtem schnellen Trippeln be- und entlastet sie wechselseitig meine Muskeln und wenig später spüre ich, wie die Muskeln sich zunehmend dehnen und entspannen – sogar da bin ich verspannt. Mit einem Seufzen bekunde ich die angenehme Erfahrung.
„Das ist noch normal. Die Muskeln hier und im Lendenbereich sorgen zusammen mit den Bauchmuskeln dafür, dass wir aufrecht stehen und gehen können. Die sind eigentlich immer angespannt, aber es fühlt sich angenehm an, wenn sie sich mal lockern. Nur wird es nicht lange anhalten.“ -
„Ja, es fühlt sich wirklich angenehm an.“ -
Padmini geht jetzt mit den kleinen Trippelschritten langsam meine Lendenwirbelsäule entlang nach oben. Interessant ist dabei ihr ständiges Spiel mit den Zehen, mit denen sie offenbar nach verspannten Zonen in meinen Muskeln sucht.
Im unteren Rückenbereich bearbeitet sie einige Stellen auch entsprechend intensiver aber noch ist alles nur angenehm. Nur jetzt findet sie die erste völlig verkrampfte Zone meiner Flugmuskeln. Ich spüre, wie sie mit den Zehen meine Muskeln abtastet und dann langsam mit ihrem ganzen Gewicht die verspannten Muskeln dehnt. Natürlich ist das schmerzhaft, solange bis der Muskel endlich nachgibt – dann breitet sich die Erleichterung aus. Sie reagiert nicht weiter auf mein Grunzen, wenn ein Muskel sich nicht dehnen lassen will und mit heftigem Schmerz reagiert, besonders bei den drei oder vier Stellen, an denen sie ihr ganzes Gewicht auf einen einzigen Zeh konzentriert.
Mich überrascht dabei, dass sie selbst dann noch immer sicher steht – immerhin auf einem Zeh auf einem sich bewegenden und teilweise nachgiebigen Untergrund.
Schließlich ist sie an den Schultern angekommen und bleibt stehen.
„Wie ist es, besser?“ -
„Ja, viel besser.“ -
„Gut, dann mache ich den Rest mit den Händen, einen Moment.“
Das Rascheln von Seide, die anschließend neben meinem Kopf zu Boden fällt sagt mir, dass sie ihren Sari abgelegt hat. Dann drei schnelle, gleitende Schritte meinen Rücken herunter und ich spüre, wie sie sich hinhockt. Ihre Hände greifen nach meinen Schultern und im nächsten Moment sitzt sie schon rittlings in Höhe meiner Taille auf mir. Ihre Füße legt sie auf meine Oberschenkel und in dieser Haltung beginnt sie mit kräftigem Griff meine Schultern durchzukneten. Wieder stoße ich ein wohliges Grunzen aus, das sie kichern lässt.
„Gefällt Dir wohl, mich so zu spüren...“ -
„Ja. Und die Massage.“ -
„Nennt ihr das so?“ -
„Drüben wird es so genannt. Nur sitzt da nur sehr selten eine attraktive Masseuse dabei auf meinem Rücken...“ -
Ich höre die leisen Schritte zweier Feraldrachinnen auf dem Gang nebenan.
Padmini kichert leise.
„Hier auch.“ -
„Du stehst sehr sicher.“ -
Eine Feral kommt näher, eindeutig Tyria, ihre Schritte sind unverkennbar. Dann spüre ich die Energie einer Transformation – sie will noch einmal zu mir kommen. Es muss sie einiges bewegen, wenn sie mehrere Transformationen so kurz hintereinander in Kauf nimmt.
„Lange Übung. Ich musste zuletzt mit einem Zeh sicher auf einem dünnen Stab stehen können – und über ein Feld solcher Stäbe laufen. Immer nur auf einem Zeh... Oder mich mit zwei Zehen an einem Stab festklammern und ohne Hilfe der Hände und natürlich auch ohne die Schwingen, so den Stab hochsteigen. - Ein Drache kommt... Tyria – Lady Tyria, verzeih.“ -
„Ja, ich habe sie auch gehört. - Ein hartes Training. Willst Du es fortführen?“ -
„Ja. Es hat soviel Mühe und Schmerz gekostet, da will ich es jetzt nicht einfach wegwerfen, was ich gelernt habe. Mit Shanti habe ich ja eine Partnerin, die mich antreiben wird – und ich sie.“ -
„Hat Shanti Dir etwas getan, dass Du ihr Schmerzen bereiten willst?“ -
Tyria kommt mit dem leisen Ticken ihrer Krallen auf dem Holz herein.
Ich drehe meinen Kopf. Sie wirft nur einen kurzen Blick auf das Bild, dass sich ihr bietet, offensichtlich hat sie den Hintergund sofort erkannt. Sie kniet neben mir auf ein Polster und beugt sich zu mir.
„So ein fliegender Anthro ist nun mal ein Kompromiss, mein Sternenhimmel. Sicher auch ein Grund, warum wir lieber als Ferals leben, da hat Erce die Muskulatur sinnvoller angeordnet.“ -
„Schon richtig. Wir waren damals ja nur Ferals, die Transformation zum Anthro kannten wir noch nicht. Ich muss Erce mal fragen, was sie zu diesem Schritt bewegt hat.“ -
Tyria züngelt mir sanft über die Nüstern.
„Belästige unsere Herrin nicht unnötig, mein Sternenhimmel. - Wir sind dann jetzt drüben im großen Wohnraum und werden in den Kammern drüben auch schlafen. Du hast ja mit Deinem Schatten ein paar warme Schuppen, die Dich beschäftigen.“
Unsere Zungen treffen sich zu einem kurzen zärtlichen Spiel, dann richtet Tyria sich auf, bleibt aber noch knien. Sie blickt zu Padmini, zu mir, grinst kurz und sagt leise, aber so, dass ich es auch höre:
„Du weißt schon, dass Eldingar falsch herum liegt? Jedenfalls hat es mir mehr Spaß gemacht, als er auf dem Rücken lag...“ -
Padmini sieht sie verwirrt an, dann zu mir – begreift, was Tyria damit sagen wollte und nach einem kontrollierenden Blick auf die sich lustig windende Schwanzspitze von Tyria, fasst sie Mut.
„Ich wollte ihn zuerst ein wenig vorbereiten, jetzt sind die Brustmuskeln dran, da liegt er dann schon richtig – nur dann ein wenig zurückrücken noch...“ -
Beide grinsen, Tyria legt ihre Hand an die Wange Padminis. Ich spüre deutlich, dass sie etwas zu meinem jungen Schatten sagt, Padmini blickt mich kurz an und nickt dann sehr bestimmt. Einen Moment später nickt sie Tyria lächelnd zu.
Tyria legt mir noch kurz die Hand hinter meine Wangendornen und reibt sanft mit ihren Fingern, ich schließe die Augen und genieße das wohlige Gefühl, das dabei durch mich strömt. Viel zu schnell hört sie auf, ich bemerke, dass sie aufsteht, öffne meine Augen wieder und sehe sie lächelnd zur Tür gehen.
Padmini nimmt ihre Füße von meinen Beinen und stellt sich neben mich.
„Umdrehen.“ -
Ich gehorche und richte mich auf, sitze dann vor ihr, will gerade meine Schwingen öffnen und mich wieder hinlegen, als sie schnell über mich steigt und mit einem Blitzen in ihren Augen dicht an mich herantritt, ich hebe meinen Kopf und sehe sie fragend an. Sie fasst hinter meine Wangendornen und sucht die richtige Stelle – noch hat sie die Grube nicht gefunden, trotzdem fühlt sich das schon sehr angenehm an.
„Etwas tiefer mein Schatten, in der Grube hinter meinem Kiefer, da... Rrrrrrrrh“ -
Sie hat die Stelle gefunden. Ich schließe meine Augen, halte mich an ihr fest, lehne mich an sie, meine Kehle liegt auf ihren Brustschuppen und ich spüre, dass meine Nüstern zwischen ihren Brustdrüsen liegen, die angenehm duften. Mein Schnurren scheint sie zu kitzeln, denn sie kichert leise.
„Das kitzelt... - So einfach ist das bei euch?“ -
„Mmhmm – aber Du musst erst mal so nahe an einen Drachen herankommen...“ -
„Was bewirkt es?“ -
„Es beruhigt und ist gleichzeitig sehr erregend. Einfach nur angenehm und sehr intim, etwas das wir nur unseren Partnern erlauben.“ -
Ihre Stimme drückt reine Verwunderung aus.
„Willst du damit sagen... - ich Deine...“ -
„Ich erlaube Dir, das mit mir zu machen und genieße es – also musst Du wohl so etwas wie meine Partnerin sein.“ -
Sie zieht erschreckt ihre Hände weg. Mit einem enttäuschten Knurren öffne ich die Augen.
„Eldingar, Þórr... nein...“ -
„Partnerin heißt ja nicht Paarung. Drüben hat dieser Begriff auch noch andere Bedeutungen weitab jeglicher sexueller Kontakte. Aber alle bedingen eine mehr oder weniger enge Zusammenarbeit und Vertrauen zueinander.“ -
„Keine Paarung?“ -
„Es ist eigentlich schon ein Teil der Kontakte zwischen Lebenspartnern. Oft auch ein Teil der Vorbereitung einer Paarung - aber nicht zwingend. Eigentlich bedeutet das Reiben mit der Schnauzenspitze in der Kiefergrube bei den Ferals das gleiche, wie dein zärtliches Streicheln meiner Schuppen, dass Du ja schon öfter gemacht hast. Nur dass es sehr viel intimer ist.“ -
Sie atmet sichtlich auf.
„Ich fürchtete schon, Dich jetzt zur Paarung aufgefordert zu haben...“ -
„Nein, keine Sorge. Es sind nur ein paar sehr angenehme Streicheleinheiten.“ -
„Unter Partnern...“ -
„Ja.“ -
„Ich meine...“ -
„Ich weiß, was Du meinst. Ich sagte ja schon, dass ich den Begriff Partner weiter fasse als ihr hier. Du bist meine Vertraute, wir arbeiten zusammen. Du wirst mir helfen, mich unterstützen, mir raten, mich sicher auch mal vertreten. Und ich hoffe, Du bist auch für mich da, wenn ich jemanden zum Reden brauche, oder mir die Schuppen ein wenig streicheln lassen möchte. Wie Du siehst, akzeptiere ich es auch, dass Du meine Kiefergruben ein wenig stimulierst, auch wenn Du keine Paarung beabsichtigst.“ -
„Und das Schnurren?“ -
„War früher ein wichtiges Zeichen, mit dem wir unserem erwählten Weibchen zeigten, dass wir eine Paarung wünschen. Vor allem um dazu deren Kampfbereitschaft zu dämpfen. - Aber keine Sorge, ich wollte Dich damit nicht zur Paarung auffordern. Seit langer Zeit ist das nur noch ein Zeichen, dass wir uns bei jemanden sicher und geborgen fühlen, ganz einfach Wohlfühlen.“ -
Padmini drückt mich sanft zurück.
„Lass mich Deine Brustmuskeln noch bearbeiten.“
Ich nicke und breite meine Schwingen aus, bevor ich mich auf den Rücken lege. So verkrampfen die Muskeln nicht so schnell wieder, zusätzlich lasse ich sie einfach locker auf dem Boden liegen. Padmini zögert einen Moment, setzt sich aber doch rittlings auf meinen Bauch und legt wieder ihre Füße auf meine Oberschenkel. Grinsend beginnt sie, meine Brustmuskeln und die Schultern zu massieren.
„Hier ist es nicht so verkrampft, das geht schnell. - Du willst mir doch nicht sagen, dass Du – ein Drache – Dich bei mir kleiner Dracci sicher und geborgen fühlst.“ -
„Doch.“ Sie legt ihren Kopf schief, ihr Blick zeigt mir ihre Zweifel.
„Das darfst Du nicht logisch betrachten. Natürlich müsste das umgekehrt sein...“ Sie nickt. „... aber mein Bauch sagt mir, dass ich Dir vertrauen darf und bei Dir sicher bin.“ -
Sie nimmt sich die andere Seite vor.
„Ja, natürlich. Wir hatten vom Clan nie den Auftrag, Dich zu töten. Ich nicht und Shanti sicher auch nicht. - Aus dem, was mir gesagt wurde, hätten wir Dich eher schützen sollen, falls es notwendig sein sollte. Und ich habe ohnehin keinen Grund Dir zu schaden, ich habe keinen Zorn gegen die Drachen. - Aber wie sollte ich Dir überhaupt schaden können? Körperlich meine ich.“ -
„Oh, natürlich kannst Du mich verletzen, sogar töten.“ -
„Ja, natürlich. Eine Dracci einen Drachen...“ – das klang etwas schnippisch.
„Ja. Du kannst meine Wachsamkeit leicht einschläfern, mit dem Massieren meiner Kiefergruben sogar meine Reaktionen deutlich verlangsamen – es dauert immer etwas, bis ich aus diesem wohligen Gefühl wieder erwache und in dieser Zeit reagiere ich kaum auf andere äußere Reize.
Du hättest mehr als genug Zeit mir die Augen auszukratzen, in die Kehle zu beißen oder mit Deinen Krallen die Adern im Bereich der Kiefergruben zu zerfetzen – und die versorgen im wesentlichen mein Gehirn mit Blut.“ -
Sie sieht mich fragend an, massiert aber weiter.
„Warum verrätst Du mir, dass und wie ich Dich ernsthaft verletzen kann? - Mit dem Kehlbiss meinst Du sicher, dass ich Dich ersticke...?“ -
„Ja. Richtig angesetzt, bleibt auch beim Lösen des Bisses die Luftröhre verschlossen und ich würde ersticken.“ -
„Das dürfte bei Deinen stabilen Schuppenplatten am Hals nicht ganz einfach sein.“ -
„Richtig. Sonst dürfte ich mich ja auf keinen Kampf einlassen, wenn es so einfach wäre. Verzeih, dass ich es Dir nicht genau erkläre, wie Du mich töten könntest...“ -
Sie nickt lächelnd.
„Natürlich. Aber schon das Wissen, dass ich es könnte... Ein eigenartiges Gefühl, plötzlich nicht mehr hoffnungslos unterlegen zu sein, zu wissen, dass ich eine winzige Chance hätte. Und ich verstehe jetzt, warum Du es mir gesagt hast.“
Die Massage ist beendet, Padmini legt sich lang auf meinen Bauch, ihre Schnauzenspitze nur einen Hauch von meiner Kehle entfernt.
„Hmmm, Du sagtest nicht Kehlbiss, sondern in die Kehle beißen...“
Sie legt ihren Kopf auf die Seite und öffnet ihren Mund, berührt meine Kehle aber nicht.
„...ich würde es hier probieren...“ sie legt ihre Finger neben meine Luftröhre, direkt über der obersten Schuppenplatte. -
„Richtig. Die Luftröhre ist dort zwar im vorderen Bereich zum Schutz sehr hart, kann aber von den Seiten mit einem sehr kräftigen Biss zusammengedrückt werden und bricht dabei. Sie öffnet sich dann nicht wieder und ich würde ersticken, selbst wenn ich den Angreifer danach noch zerfetzen könnte.“ -
Sie greift nach meinem Becher und reicht ihn mir, nimmt sich dann ihren.
„Nimm noch einen Schluck, bevor ich Dich beiße...“ wir grinsen uns an.
„Und die Kiefergruben?“ -
„Deine Krallen sind härter und länger, als die der meisten Draccier. Damit kannst Du durchaus die feinen Schuppen in der Grube durchstoßen. Wenn Du dann die Schlagadern triffst und durchtrennst, bin ich bewusstlos, noch ehe ich einen Schmerzenslaut von mir geben könnte und nur wenig später tot. - Du weißt, warum wir anderen Drachen gegenüber unseren Kopf so tief senken, wenn wir sie von unserer friedlichen Absicht überzeugen wollen?“ -
„Höflichkeit?“ -
„Auch. Aber der Nacken direkt hinter dem Kopf ist unsere verletzlichste Stelle am Körper. Bei einem gezielten Biss dorthin treffen die Fangzähne genau die Kiefergruben und damit diese wichtigen Adern. Und danach werden die Wirbel im Nacken zermalmt – ein doppelter, sicherer Tod. Aber die Krallen reichen auch schon.“ -
Padmini stellt unsere Becher zur Seite und streckt sich etwas, ihre Finger finden meine Kiefergrube und massieren zärtlich die Schuppen dort. Mir fällt auf, dass sie diesmal sehr darauf achtet, dass ihre Krallen mich nicht berühren.
„Danke Þórr. Ich bin Dir sehr dankbar dafür, dass Du mir das verraten hast und mir trotzdem erlaubst, Dir so nahe zu sein. Das Vertrauen, dass Du mir schenkst, bedeutet sehr viel für mich.“
Ihre Zunge sucht und findet meine. Das Zusammenspiel von zärtlichem Kuss und dem wohligen Gefühl durch die Kiefergruben lassen mich ohne nachzudenken ihre Kiefergruben suchen und sie ebenfalls zu stimulieren. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, sie schließt die Augen, ihr Gesicht bekommt einen wohligen, gelösten Ausdruck und sie beginnt zu gurren. Es klingt etwas anders, als bei meinen beiden Drachinnen, aber es ist eindeutig das Gurren eines Weibchens.
Sie hält das einige Minuten durch, dann beendet sie den Kuss und lässt auch meine Kiefergruben wieder in Ruhe, was ich ihr sofort nachmache. Ich lasse meine Hände auf ihren Schultern liegen, während sie tief einatmet bevor sie die Augen wieder öffnet.
„Huh, so fühlt sich das also an... Jetzt verstehe ich, warum ihr das so gerne habt.“ -
„Verzeih, aber die Stimulation und der Kuss gleichzeitig... ich konnte nicht anders. Schön, dass Du genug Drachenblut hast, um es ebenso zu erfahren wie wir. Aber wir sollten uns anders hinlegen, sonst komme ich doch noch auf dumme Gedanken.“ -
„Ja, gerne. Aber wenn Du jetzt noch nicht auf dumme Gedanken gekommen bist...“ -
„Du hast Dich jedenfalls redlich bemüht, viel hat nicht mehr gefehlt.“ -
Sie stützt sich mit den Armen auf meiner Brust ab und betrachtet mich mit einem nachdenklichen Blick.
„Ja, verzeih. Du hast Recht. Ich sage Dir, dass ich mich nicht mit Dir paaren möchte und gleichzeitig tue ich fast alles, um Dich dazu zu bringen. Ich sitze und liege auf Deinem Bauch, verschaffe Dir erregende Stimulation, meine Geschlechtsspalte ist nur einen Hauch von Deiner entfernt... Und Du liegst hier noch, als ob ich nur ein Brett wäre. Was ich von mir nicht behaupten kann. - Oh verzeih, verstehe mich bitte richtig. Ich meine damit, dass Du Dich so gut kontrollieren kannst, dass ich nur eine minimale sexuelle Erregung bei Dir spüren kann, worüber ich sehr froh bin. Ich dagegen … verzeih, ich muss wohl Deine Schuppen ein wenig trocknen... - Ich weiß nicht, warum ich das mache... ich will Dich nicht testen, ob Du Dein Versprechen hältst... Aber ich möchte mich auch nicht mit Dir paaren... - oh Þórr, warum mache ich das...?“ -
Sie steigt von meinem Bauch, greift ein Tuch, dass sie vorhin mitgebracht hatte – falls wir Wein verschütten – und befreit meine Bauchschuppen und danach sich selber von den Spuren ihrer sexuellen Erregung.
„Kleines, das ist doch völlig normal. Du bist noch so jung, gerade erst geschlechtsreif geworden und hattest sicher noch nicht viele Partner.“ -
Sie schüttelt den Kopf.
„Schon fünf Partner, aber seit einem Jahr keinen mehr. Der Clan hat es mir verboten. Warum weiß ich nicht.“ -
Wollten sie mir ein sexhungriges Monster ins Haus schicken? - Nein, vor einem Jahr wusste hier noch niemand, dass ich heute hier sein werde. Vermutlich nicht mal Erce so genau.
„Einen Grund weiß ich auch nicht, vielleicht nur eine Gehorsamsprobe. Aber fünf Partner in einem Jahr...“ sie nickt. „... mehrfach mit einem Partner?“ kopfschütteln „... Oh, also fünf Paarungen in einem Jahr, dann ein Jahr gar nicht... - Oh Erce, fünfmal? Das erreiche ich mit meinen beiden Partnerinnen ja in zwei Tagen... - verzeih, das hätte ich Dir nicht noch so ausbreiten sollen.“ -
Sie grinst.
„Nein, kein Problem.“ -
„Doch, das kann schon ein Problem sein. Gut, als Mensch hatte ich zuletzt einige Jahre keinen Paarungspartner gehabt, irgendwie kamen Weibchen und ich nicht so richtig zusammen, obwohl ich mir das schon gewünscht habe. - Nunja, das ist vorbei. Aber ich weiß jetzt auch, dass der Paarungstrieb von uns Drachen – von allen dracoiden Völkern, also auch bei euch – sehr viel stärker ist, als bei den Menschen. Wir Große können das zwar einige Jahre unterdrücken, aber wenn dann unser Weibchen zur Paarung kommt, dann geschieht das zwei, dreimal täglich, oft über viele Tage lang.“ -
„Du meinst, der Paarungstrieb bringt mich dazu, Dich gegen meinen Willen wortlos um eine Paarung zu bitten?“ -
„Gut ausgedrückt. Ja gut möglich. Wie gesagt, jung, gerade voll geschlechtsreif und lange keinen Partner gehabt. Für einen Drachen eine explosive Mischung. Naja, gefährlich ist es nicht, aber Dein Verstand sagt nein - Dein Körper, Deine Instinkte erkennen nur ein passendes, paarungsbereites Männchen und versuchen es zu gewinnen und zur Paarung zu verlocken.“ -
Padmini nickt nachdenklich, sie geht zum Kamin und legt noch einmal etwas Holz nach. Ich lege schnell die Polster so um, dass wir uns nach römischer Art auf der Seite gegenüber liegen, die Getränke zwischen uns und das Feuer zu unseren Füßen.
Ich lege mich schon hin und trinke den Becher Wasser leer, die Tongefäße halten es schön kühl. Padmini hockt noch vor dem Feuer und schaut hinein.
„Bist Du mir böse deswegen?“ -
„Weil Deine Instinkte Dich dazu bringen wollen, die Bestimmung des Lebens zu erfüllen? - Nein.“ -
Sie kommt zu mir und legt sich mir gegenüber.
„Aber ich handele so doppeldeutig – ohne dass es mir wirklich bewusst wird.“ -
„Wir kennen jetzt ja den Grund. Und das ist kein Grund zur Sorge. Nein, ich werde Dir deswegen nicht böse sein. - Aber vielleicht wirst Du mir eines Tages böse werden.“ -
„Weshalb?“ -
„Mir ist heute aufgefallen, dass wir mit hoher Sicherheit kompatibel sind. Ich meine damit, dass wir Nachwuchs haben können.“ -
Sie richtet sich auf.
„Das bedeutet...?“ -
„Wir sollten sehr vorsichtig sein, wenn wir uns tatsächlich eines Tages paaren.“ -
„Du möchtest keinen Nachwuchs mit mir haben...?“ -
„Grundsätzlich wäre es mir durchaus recht. Aber es würde bedeuten, dass ein Draccier einen Großen Drachen als Vater hätte. Vielleicht auch mehrere Geschwister.“ -
„Ich verstehe. Du meinst, sie könnten sich absondern, oder einen Führungsanspruch daraus folgern und einfordern.“ -
„Richtig. Ob aus eigenem Antrieb oder von anderen gesteuert. - Vielleicht fühlen sie sich auch ungerecht behandelt, weil ich sie nicht als Drachen anerkenne und ihnen keine Reviere zugeteilt werden und sie versuchen dann meine Bemühungen hier zu hintertreiben und zu zerstören.“ -
„Sie könnten aber auch treue Draccier in Deinem Dienst werden...“ -
„Natürlich, auch das ist möglich mit gleich hoher Wahrscheinlichkeit. Aber darf ich das Risiko eingehen? Ich kann Erce nicht darum bitten, auch diese Kinder zu vollwertigen Großen zu machen, verzeih mir bitte.“ -
„Du willst also keine Kinder mit mir haben.“ -
„Ich denke, es ist besser so. Aber das ist ja ohnehin nur eine theoretische Möglichkeit, falls wir uns einmal paaren sollten.“ -
„Aha...“ -
„Möchtest Du noch etwas trinken?“ -
„Nein.“ -
Padmini ist plötzlich sehr einsilbig geworden. Eine Weile schweigen wir uns an, dann richtet sie sich ruckartig auf.
„Ich möchte schlafen, darf ich wieder den letzten Raum nutzen?“ -
„Ja. - Eigentlich hätte ich erwartet, dass Du mir die Schuppen vom Körper fragst.“ -
„Nein. Es ist nicht notwendig mehr zu wissen, um Dir als gehorsame Sklavin zu dienen, Herr. Erlaubst Du, dass ich mich zurückziehe?“ -
Ich fauche ärgerlich.
„Bezeichne Dich noch einmal als meine Sklavin und Du wirst erleben, was das wirklich bedeutet, die Sklavin eines Drachen zu sein. - Geh jetzt, Du darfst die letzte Schlafkammer heute noch nutzen.“ -
Sie kniet nieder und verneigt sich tief, legt die Stirn auf den Boden.
„Ich danke dem Gebieter für seine Gnade.“ -
Sie verharrt in der Position.
Langsam wächst mein Zorn...
„Geh!“ schnaube ich mit wachsender Wut.
Sie rutscht auf den Knien ein Stück zurück, steht dann auf, bleibt aber in tiefer Verneigung und geht rückwärts zur Tür. Das ist eindeutig das Verhalten einer Sklavin, einer Dienerin, die Unterwürfigkeit zeigt, weil sie sonst Bestrafung fürchtet. -
Warum macht sie das plötzlich? Egal, sie hat meinen Zorn geweckt – sollte sie morgen so weitermachen, kann sie gehen. Dann jage ich sie zurück zu ihrem Clan, ich möchte eine Freundin, eine Partnerin, die mir bei meinen Aufgaben hier hilft – ein Weibchen, dass sich wie eine Sklavin verhält kann ich nicht brauchen.
Vom Gang höre ich einen Laut, der wie ein unterdrücktes Schluchzen klingt und dann schnelle Schritte, die sich nach hinten entfernen. - Jetzt begreife ich, was mit ihr los ist und mein Zorn verebbt sofort wieder. Ich habe ihr wohl etwas zu schroff erklärt, dass ich keine Kinder mit ihr haben will. Und obwohl sie vermutlich gar nicht vorhatte, ein Kind von mir zu bekommen, weil das eigentlich als unmöglich gilt, war meine Abfuhr für ihre auf Nachwuchs gerichteten Emotionen wohl zuviel. Und die verletzten Gefühle eines Weibchens führen in der Situation schon mal zu unlogischen Reaktionen bei Drachen – ich hoffe nur, dass ich nicht ihren Hass geweckt habe, oder noch wecke, sollte ich sie tatsächlich fortschicken, zurück zum Clan. Weil ich dann meine Pläne mit den Dracciern sicher auf längere Sicht begraben kann. - Ich könnte mir selber in den Schwanz beißen, dass ich das gerade jetzt angesprochen habe...
Ich mache es mir etwas bequemer auf den Polstern, denn ich will abwarten, bis das Feuer heruntergebrannt ist. Dummerweise kommen jetzt wieder die Gedanken an morgen zurück. - Ich will und ich muss die fremden Krieger für ihr gnadenloses Vorgehen bestrafen. Aber soll ich sie wirklich alle töten? Nur was sonst? Böse ansehen und 'das macht man nicht' sagen, wird definitiv nicht reichen.
Schließlich döse ich doch ein wenig ein, ich schaue nach dem Feuer – nur noch ruhig glimmende Glut, das kann ich jetzt alleine lassen. Den Becher Wein leeren, noch einen Becher Wasser hinterher, dann stehe ich auf und gehe in meine Schlafkammer. Ich öffne das Fenster, es regnet wieder, aber die Luft ist ruhig – leise Schritte nähern sich, Padmini steht in der Tür.
„Þórr...?“ höre ich leise. -
„Ja Padmini?“ -
„Verzeih mir das vorhin bitte. Ich habe unlogisch gehandelt.“ -
„Ja hast Du. Aber ich verstehe den Grund dafür – und ich hätte das nicht gerade heute und so gefühllos sagen dürfen. Natürlich verzeihe ich Dir.“ -
„Darf ich bei Dir schlafen? Ich bin es noch nicht gewohnt, ganz alleine zu schlafen, wir hatten immer Gemeinschaftsräume.“ -
Kann ich ihr trauen? Schließlich kennt sie jetzt Möglichkeiten mich zu töten – auch wenn das selbst im Schlaf nicht so einfach ist. Ganz so einfach ist meine Luftröhre nicht zu zerbeißen und die Halsschlagadern sind auch noch geschützt, wenn auch über die Kiefergruben zu erreichen.
Aber ich spüre keinen Zorn mehr in ihr, keine Hinterlist.
„Ja, Du kannst gerne hier mit auf dem Lager schlafen, es ist breit genug, dass wir uns nicht stören.“ -
Sie kommt herein und setzt sich auf die Bettkante.
„Danke Þórr.“ -
Ich hocke mich vor sie.
„Ich hoffe, Du kannst mir meine Meinung zu gemeinsamen Kindern verzeihen.“ -
Sie blickt mich an. Ihr Gesicht glänzt im schwachen Licht eigenartig.
„Ich habe darüber nachgedacht und verstehe Deine Gründe. Wir würden ein viertes Volk von Drachenblütigen erschaffen und unsere Völker so nur noch mehr trennen. Besonders unlogisch war, dass ich mich ja eigentlich gar nicht mit Dir paaren wollte und vorher schon gar nicht an Kinder gedacht hatte, weil das eigentlich unmöglich sein müsste. Und dann war ich darüber enttäuscht, dass Du mich so offensichtlich ablehnst... - Ich muss Dir so schrecklich dumm erscheinen...“ -
„Nein, ganz und gar nicht. Denn es ist ja tatsächlich ein wenig ungerecht, dass ich mit Tascha auch Kinder gezeugt hätte, wenn sie nicht als Große schlüpfen würden – Dir das aber verweigern will. Ich verspreche Dir, sollte es einmal soweit sein, dass wir uns paaren wollen, werde ich nicht darauf achten, ob Du dann fruchtbar bist und wenn ein Nestling daraus hervorgeht, werde ich mein Kind voll anerkennen und ihm alle Möglichkeiten eröffnen, die mir erlaubt sind. - Warum sollte nicht ein Draccier über einen Teil meines Reiches in meinem Namen wachen. Und wer weiß schon, wie stark mein Drachenblut zusammen mit Deinem in dem Nestling wird.“
Ich lege meine Hand an ihre Wange.
„Oh, Dein Gesicht ist ja ganz nass...“ -
Padmini grinst etwas schief.
„Kein Wunder, ich habe ja auch die ganze Zeit geheult. Zuerst aus Wut über Dich – dann, als ich endlich begriffen hatte, aus Wut über mich. - Du würdest wirklich gegen Deine Überzeugung handeln, für eine dumme kleine Dracci?“ -
„Für diese freche, junge Dracci würde ich das tun. Und zu Erce beten, dass ich keinen Fehler mache. Aber darüber denke ich nach, wenn es sich als Fehler herausstellen sollte.“ -
„Du bist ein eigenartiger Drache, weißt Du das?“ -
„Ja. Ich glaube, das muss ich ändern. Morgen werfe ich alle hier raus und werde die Menschen hier ärgern, wie es sich für einen Drachen gehört.“ -
„Oh ja. Dann habe ich Dich ganz für mich alleine...“ -
Über ihre süße freche Art muss ich lachen. Sie nutzt die Gelegenheit und schon spüre ich ihre Fangzähne hinter meinen. Den zärtlichen Kuss unterstützen wir beide durch ein sanftes Streicheln unserer Kiefergruben.
„Wir sollten jetzt schlafen. Morgen geht es früh los.“ -
„Ja, Du hast Recht, Þórr.“ Sie krabbelt in Richtung auf das Fußende des Lagers. -
„Was machst Du?“ -
„Ich will auf meinen Platz...“ -
„Du willst das mit der Sklavin doch nicht weitermachen...“ -
„Nein, natürlich nicht. Das war im Zorn... Aber es ist der Platz für den Schatten.“ -
„Quatsch.“ -
„Þórr?“ -
„Da unten ist vielleicht der Platz für eine Leibwächterin. Meine Beraterin und Freundin hat einen Platz neben mir doch wohl verdient...“ -
„Ich soll wirklich neben Dir schlafen? Wie eine Partnerin?“ -
„Oder wie eine Freundin. Ja. Und Du musst auch nicht aufpassen. Hier wird niemand herkommen, der nicht zu mir gehört, also schlafen – nicht nur mit einem Auge ruhen.“ -
Sie krabbelt wieder zum Kopfende. Ich lege mich auf die Seite, ihr zugewandt und warte darauf, dass sie sich auch hinlegt. Padmini zögert kurz, dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sie legt sich neben mich, zu mir gewandt, auf die Seite.
„Schlaf gut, großer Drache.“ -
„Du auch, kleine Freundin.“ -
Ich schließe meine Augen, fühle mich richtig wohlig müde. Mein Gefühl sagt mir, dass Padmini mich noch eine ganze Zeit betrachtet, dann verlieren sich meine Gedanken.