Unter Drachen Kap. 19 - Raufereien

Story by Lord_Eldingar on SoFurry

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Es geht los, die Draccier beginnen damit, ihre Fähigkeiten vorzuführen. Und einer Einladung mitzumachen kann ich ja kaum ablehnen. Dazu noch weiteren Trubel.

Kapitel 19 der Story eines Menschen als Drache.


Unter Drachen

  1. Raufereien

Während ich jetzt auch noch einiges von dem frischen Fleisch vertilge, bemerke ich, dass nach und nach einige der Draccier verschwinden. Und ebenso nach und nach erscheinen sie wieder, jetzt in ihren Rüstungen, mit denen sie hier angekommen sind, allerdings nicht die volle Kriegsrüstung, denn für den Schaukampf werden stumpfe, abgerundete Übungsschwerter verwendet, wie ich schnell bemerke. Nachdem schließlich alle, mit Ausnahme von Jaya, in ihren Rüstungen wieder im Zelt sind, stellen sie sich im Kreis auf und trinken auf einen guten Ausgang der Kämpfe.

Mir fällt der Unterschied zwischen den Dracciern der Stämme und den danach gekommenen, freien Dracciern auf, deren Rüstungen sehr viel 'bunter', unterschiedlicher sind, als die schon noch irgendwie einander ähnlichen Rüstungen der Stammesdraccier. Deutlich heben sich die Rüstungen von Aditi und Bhima von den anderen ab. Beide tragen Rüstungen, die deutlich hochwertiger sind, als alle anderen. Sie zeugen zwar von intensiven Gebrauch – auch in Kämpfen – sind aber intakt, ohne Reparaturen und gepflegt. Allein schon dieser Zustand wirkt martialisch, mit den Dracciertypischen Erweiterungen und Verstärkungen, Ecken und Kanten - die das ganze wild und fast brutal wirken lassen - kann schon die Erscheinung einem Gegner Furcht einflößen. Und hier fehlen ja noch viele Teile der Rüstung...

Die erste Paarung ist entschieden, Sunil gegen Bhima, der seine Schwingen mit einigen Riemen fest an seiner Rüstung fixiert hat um durch die Brustmuskelverletzung möglichst wenig behindert zu werden.

Beide sind annähernd gleichwertige Kämpfer, die ruhig und besonnen vorgehen. - Aditi, die wieder zu ihrem Platz zurückgekommen ist, erklärt mir in der Zwischenzeit die wesentlichen Erweiterungen der Rüstung, mit der die passive Sicherheit deutlich erhöht wird. Verstärkungen hier, Abweiser dort - mir ist klar, dass sie so darum wirbt, die Kampfrüstungen meiner Garde sinnvoll aufrüsten zu dürfen. Denn die sind grundsätzlich ebenso schlicht, wie es die Rüstung von ihr vorher auch war.

Der erste Kampf ist zu Ende, Bhima hat den entscheidenden Stich gesetzt. Die nächsten machen sich bereit, Ravi und Dilip. Die beiden gehen wilder aufeinander los, weniger berechnend, schnell landet Ravi den Treffer.

Shakti kommt zu mir und deutet eine Verneigung an.

„Isha Rajesh. Ich möchte meine Fähigkeiten als Leibwächterin vorführen. Würdet Ihr Euch als zu schützende Person zur Verfügung stellen?“ -

Ich nicke, was mir einen begeisterten Blick von NüShi einbringt. Beim Aufstehen nehme ich die Schärpe mit meinem Schwert ab, eine scharfe Waffe hat in diesen Schaukämpfen nichts zu suchen. Außerdem werde ich ja beschützt.

Allerdings ahne ich einen Hinterhalt, denn notwendig ist meine Teilnahme in diesem Fall eigentlich nicht. Als ich mich auf den Weg mache, blickt Tyria mich grinsend an.

„Lass ein paar übrig, mein Sternenhimmel.“ -

Grinsend gehe ich weiter. Auch sie ist sich sicher, dass die Draccier etwas vorhaben. Shakti wartet mit einigen anderen am Eingang auf mich.

„Wir danken Dir Natha, dass Du uns dabei unterstützt. Wünscht Du Waffen zu tragen?“ -

„Nein, die meisten Herren tragen keine Waffen oder können nicht damit umgehen, selbst wenn sie es glauben. Machen wir es also realistisch.“ -

„Wie Du wünscht, Natha. Wenn Du vorangehst, ich folge Dir.“ -

Die anderen haben sich im Raum verteilt, ich bin gespannt, wie viele angreifen werden...

Nach ein paar Schritten springt mir Nala mit erhobenen Schwert in den Weg, sofort ist Shakti an mir vorbei und beginnt ein Gefecht mit ihm. Allerdings entfernt sie sich dabei zu weit von mir. Eine Leibwache sollte immer in der Nähe bleiben.

Schon stürmt von links Durga - eine drahtige braune, schwingenlose Dracci - mit einem Kampfmesser auf mich zu. Shakti ist zu weit weg und bemerkt es nicht, faktisch bin ich also schon tot – wenn es echt wäre, denn das Kampfmesser ist natürlich auch stumpf.

Ohne weiter zu überlegen, greife ich mit der Linken zum Drachenanhänger, der von meinem Horn baumelt und in einer fließenden Bewegung ist er von der Kette gerissen und schon auf dem Weg zu Durga. Noch ehe sie darauf reagieren kann, trifft er ihre Stirn – sicher etwas schmerzhaft, aber ungefährlich, denn ich habe nur wenig Kraft dabei eingesetzt.

Durga stoppt und sieht mich verwundert an.

„Durga ist raus. Schon mit der Kraft eines Dracca würdest Du jetzt am Boden liegen.“ - Aditi hat die Situation klar analysiert.

Durga tut mir ein wenig leid, als sie mit hängendem Kopf zur Seite schleicht. Aber sie wird noch zeigen dürfen, was sie kann, ich bin ja sozusagen außer Konkurrenz dabei.

Ich spüre, wie so etwas wie Erinnerungen – genauer Erfahrungen - in mir wach geworden sind. Und wie meine Muskeln wieder warm werden, mein Körper hat wieder auf warmblütig geschaltet, gerade rechtzeitig zum Kämpfen. Hinter mir höre ich Schritte näherkommen, ich konzentriere mich kurz und verknüpfe die erwachten Kampferfahrungen vieler Krieger, die in mir stecken, mit der Kraft und Geschmeidigkeit des Drachen. Instinkt und Intuition bestimmen das Handeln, das bewusste Denken kontrolliert nur im Hintergrund.

Ein Schwert wird gezogen, welche Waffe kann ich dagegen einsetzen... Ich erinnere mich an die Federbüsche, die an meinem Kopfschmuck stecken – mit langen Nadeln...

Nun zum Verwirren wird es reichen, dann muss ich improvisieren.

Ein schneller Griff mit beiden Händen und ich habe die beiden äußeren Federbüsche in den Händen. Die recht schweren, über 10 cm langen Nadeln sind so spitz, dass sie leicht zwischen die Schuppen eines Draccier eindringen können – offensichtlich ist dieser Federschmuck tatsächlich als Waffe gedacht.

Natürlich studiere ich die Nadeln nicht lange - ziehen, umdrehen und ausholen ist eine fließende Bewegung, ich sehe einen hellbraunen Dracca und schon fliegen die Nadeln in Richtung seines Kopfes. Surya – jetzt erkenne ich ihn – war auf so etwas vorbereitet, aber nicht auf zwei Waffen. Eine Nadel holt er mit dem Schwert aus der Luft, die andere schlägt in seiner linken Handfläche ein, dringt einige Millimeter durch die Schuppen in die Hand ein – auch jetzt habe ich wieder mit wenig Kraft geworfen, sonst wäre sie glatt durchgegangen. Der Treffer verwirrt Surya, die Nadel stört ihn, abschütteln funktioniert nicht, dafür sitzt sie doch zu tief, also greift er mit der bewaffneten Rechten nach der Nadel. - Meine Chance!

Ich springe auf ihn zu, ziehe die mittlere Nadel – wie ich schnell merke eher schon eine Art sehr schlanker Dolch – hole in einer Kreisbewegung aus und ramme ihm die Klinge von unten durch die Kehle in den Schädel, dabei drücke ich mit der Linken seine Schwerthand weiter zur Seite. -

Natürlich treibe ich diese Klinge nicht in seinen Kopf, ich halte die Klinge nur locker, sie gleitet zwischen meinen Fingern hindurch. Mehr als ein oder zwei Millimeter ist die Spitze nicht eingedrungen als der Schwung meiner Faust seine Kiefer laut zusammenklappen lässt.

Er ahnt, dass der Kampf schon vorbei ist und sieht mich fragend an, ich halte ihm die Klinge vor die Nase uns seine Pupillen weiten sich kurz.

„Au!“ -

Mehr sagt er nicht, ihm ist klar, dass er vielleicht nicht tödlich, aber sehr schmerzhaft verwundet worden wäre. Er neigt den Kopf und geht wieder zurück, lässt mir aber sein Schwert, als ich danach greife.

„Zwei für Natha, seid vorsichtig, er nutzt alles verfügbare als Waffe.“ -

Aditi übernimmt die Führung ihrer Krieger. Ich drehe mich langsam um und fixiere sie mit einem grimmigen Knurren. Du kommst auch noch dran...

Kunti will jetzt wohl ihr Glück versuchen. Die dunkler braun gefärbte, ebenfalls schwingenlose Dracci ist vorgewarnt und beobachtet mich vorsichtig, während sie mich mit Schwerthieben eindeckt, die ich aber leicht abwehren kann. Schnell habe ich ihre Schwachstelle erkannt: sie ist zu vorsichtig, beobachtet mich zu genau – aber konzentriert sich dabei nur auf meine Hände. Auf fast jede Bewegung meiner Linken reagiert sie mit einer Ausweichbewegung. Ich könnte zwar mit reiner Gewalt und Kraft durch ihre Angriffe brechen und sie schlagen, aber ich will nicht mehr Kraft einsetzen, als es auch ein Draccier könnte. Also wieder eine Finte.

Nachdem sie ein paar Mal auf eine Bewegung meiner freien Hand ausgewichen ist, kenne ich ihre Bewegungen gut genug. Sie weicht meistens nach links aus und hat ihr Schwert abwehrbereit erhoben. Einen geraden Schwerthieb von vorne könnte sie leicht abwehren, also einen Angriff von der Seite.

Ich halte meine Linke kurz auf dem Rücken und reiße sie dann hoch – sofort weicht Kunti aus, wieder nach links. Ich dagegen wirbele links herum in ihren Rücken und stoße mein Schwert unter meinem linken Arm hindurch in ihre rechte Seite, die durch den erhobenen Schwertarm ungeschützt ist. Die Klinge trifft zielgenau zwischen die Teile ihres Panzers auf die Schuppen über ihren Rippen. Sie spürt den Stoß sehr deutlich, wie ich ihrem spitzen Schrei entnehme, ist aber nicht ernsthaft verletzt, ein paar Schrammen auf den Schuppen vielleicht.

Ihr ist klar, dass sie verloren hat und nickt mir seufzend zu. Das Schwert lasse ich fallen, ich will erst einmal den Mantel und das Hemd loswerden, denn es werden sicher noch mehr kommen. -

Richtig, Shanti kommt mit einem überheblichen Grinsen in einem betont lockeren Trab auf mich zu. Ein wenig wundere ich mich, dass sie hier mitmacht, aber alles an ihr scheint zu sagen: 'Jetzt zeigt euch eine Schattenkriegerin, wie es geht...'

Ich knurre zufrieden – sie hat jetzt schon verloren, so überheblich, wie sie ist. Sie hat einen langen, schlanken Dolch in der Hand – und der ist bei weitem nicht so stumpf, wie die anderen... Nun mir kann es egal sein, damit kann sie mich auch nicht verletzen, aber dieser Regelverstoß gehört bestraft. - Ich kann auch unfair und brutal kämpfen...

Mit einem immer noch überheblichen Ausdruck springt Shanti die letzten Schritte auf mich zu und fliegt mit ein paar schnellen Schwingenschlägen knapp über mich hinweg um mir den Dolch in den Rücken zu stoßen. Ja sie fliegt – direkt in meinen in einer schnellen Drehung ausgezogenen und hochgeschwungenen Mantel. Verzweifelt flatternd versucht sie den Seidenbrokat schnell wieder loszuwerden, aber ich greife mir ihren Schwanz und lasse mich mit einer Drehung fallen, was zu einer sehr unsanften Landung für sie führt.

Shanti hat beim Absturz ihre Klinge verloren und sucht mit der Rechten danach, während sie mit der Linken bemüht ist, sich vom Mantel zu befreien, während ich noch ihren Schwanz umklammere. Sie schleudert den Mantel weg, ich springe auf meine vierfüßige Art auf sie, lande auf ihrer rechten Schwinge und knie mit dem rechten Bein auf ihrer Schwingenhaut, dabei ihren rechten Arm darunter fixierend.

Sie windet sich unter mir, darum kämpfend wieder frei zu kommen, aber ist jetzt schon stark in der Bewegung behindert. Ihr Schwanz peitscht umher, versucht mich zu treffen, ich greife zu halte ihn und drücke ihn in ihren Rücken, eine Position, die für Draccier sehr viel unangenehmer und schmerzhafter ist, als bei uns Drachen. Ihre Schwanzwurzel ist in dieser Richtung nicht so beweglich wie bei uns.

Shanti stöhnt auf, kämpft aber immer noch weiter, windet sich unter mir, schlägt mit ihrer freien Schwinge nach mir. Schnell trete ich mit dem linken Fuß auf ihr ausgestrecktes linkes Bein, mit dem sie ausgerutscht ist – wieder ein Stück fixiert. Aber sie windet sich weiter, reckt ihren Kopf hoch, versucht mich zu beißen, mit ihrer Linken zu kratzen, mit der Schwinge zu schlagen. Also lege ich meinen rechten Arm um ihre Kehle und zwinge ihren Kopf zurück, überdehne sie fast, bis ihr Kopf an ihre immer noch auf ihren Rücken gepresste Schwanzwurzel stößt. Gleichzeitig habe ich ihren linken Schwingenarm mit eingeklemmt, ihre Schwinge flattert nutzlos über mir in der Luft. So fixiert muss das schon sehr schmerzhaft sein, aber immer noch dreht und windet sie sich, achtet nicht darauf, dass sie sich dabei selber die Kehle zudrückt und nicht mehr atmen kann. Und registriert nicht, dass die Finger meiner Rechten jetzt in ihrer verletzlichsten Zone liegen, wo es nicht die Krallen eines Drachen braucht, da könnte sogar ein Mensch mit seinen Fingernägeln stark schmerzende und blutende Verletzungen verursachen.

Ich lasse sie kämpfen, auch wenn ein klein wenig sich winden und der Versuch mich zu kratzen alles ist, was sie jetzt noch machen kann, so zusammengedreht wie ich sie jetzt halte. Mit einem Kettenhemd könnte sie jetzt sogar ein kräftiger Mensch gefahrlos fixieren.

Ich knurre sie an.

„Gib auf.“ -

Sie schüttelt mühsam den Kopf, sprechen kann sie ohne Luft ja nicht. Aber schon wenig später zwingt der Luftmangel sie dazu, ihre Bemühungen zu unterbrechen und sich mit der Linken etwas hoch zu stemmen um wenigstens etwas Luft zu bekommen. Ich könnte das zwar leicht verhindern, lasse ihr aber diese angestrengten paar Atemzüge.

„Gib auf!“ knurre ich heiser.

Sie antwortet darauf mit dem Versuch, mich irgendwie mit den Krallen ihrer linken Hand zu erreichen um mir die Augen auszukratzen, wobei sie sich wieder selber die Atemwege zudrückt, weil ihr Körper dabei absinkt. Deutlich spüre ich die mittlerweile krampfhaften Versuche zu atmen, aber sie kämpft immer noch. Ich muss noch deutlicher werden, ihr Schwanz ist so eingeklemmt, dass ich ihn auch leicht mit dem Unterarm fixieren und ich meine Linke auf ihren Kopf legen kann, die Finger auf ihren Augen, dazu drücke ich meine eingezogenen Krallen ein wenig in ihre Weichteile. Auch wenn ich ihr dabei noch keine Verletzungen zufüge, spürt sie jetzt deutlich die Gefahr, vor allem auch, dass Krallen und Augen sich ebenfalls nicht besonders gut vertragen...

Sie lässt ihre Hand sinken und gibt den Widerstand endlich auf. Aber obwohl ihre Lunge jetzt wohl nach Luft schreit und ihre Luftsäcke schon lange leer sind, wie ich an den Krämpfen ihres Brustkorbes spüre, ist es ihr wichtiger, mit der linken Hand an meinem Arm abzuklopfen und anzuzeigen, dass sie aufgibt.

Ich nehme meine Hände zurück und löse vorsichtig meinen Griff. Langsam, denn wenn ich sie schlagartig loslasse, könnte sie sich möglicherweise doch noch an der Wirbelsäule verletzen oder sogar das Genick brechen. Aber ich nehme meinen Arm von ihrer Kehle, damit sie wieder atmen kann, halte sie noch an den Schultern und lasse langsam die Spannung aus ihrem Körper. Das gleiche mit ihrem Schwanz, der ist aber weniger empfindlich für Verletzungen. Shanti lässt alles geschehen, sie ist schnell wieder bei Atem, aber an dem gelegentlichen Stocken erkenne ich, dass auch das lösen ihrer Fixierung nicht schmerzfrei ist.

Meinen linken Fuß habe ich schon zu Anfang von ihrem Bein genommen, zuletzt steige ich vorsichtig von ihrer rechten Schwinge. Ich bleibe neben ihr hocken, bis sie sich vorsichtig hochrappelt. Sie wird noch einige Zeit Schmerzen haben, aber hat es ansonsten heil überstanden.

Ihre Überheblichkeit ist verschwunden, sie blickt mich ernst an, senkt ihren Kopf und zieht sich langsam zurück.

Dieser Kampf hat jetzt einige Minuten gedauert, natürlich hätte mich dabei leicht ein anderer angreifen können. Aber es wäre im Kampf leicht gewesen, Shanti das Genick zu brechen und sich um den nächsten Angreifer zu kümmern. Und genau das war allen klar, schon eine unbedachte Bewegung hätte zum Tod führen können, deshalb haben alle ihre Aktionen unterbrochen, bis der Kampf mit Shanti zum Ende gekommen ist.

Auch Aditi atmet auf.

„Wie ich sehe, kämpft unser Gebieter auch hart und ohne Regeln...“ -

Ich knurre nur grimmig als Antwort und sehe Shakti und Nala auf mich zulaufen, Shakti von rechts, Nala von links... Sie wollen mich also in die Zange nehmen – und ich habe nicht einmal ein Messer, denn die Klinge von Shanti war mir zu gefährlich für einen Übungskampf. Also müssen die beiden mir eben ihre Waffen 'leihen'...

Ein wenig bewege ich mich nach rechts, damit die beiden mit einem kleinen zeitlichen Abstand bei mir ankommen. Kurz überlege ich, ob Shakti nicht doch als meine Leibwächterin versucht, mich zu schützen, aber ihr Kurs ist zu genau auf mich gerichtet, sie greift mich auch an. Nun, dann wird sie eben Nala 'töten'.

Sie will mir offensichtlich ihr Schwert mit Schwung in den Bauch rammen, Nala mich mit erhobenem Schwert in zwei Teile schneiden, allerdings gehe ich davon aus, dass sie mich damit nur täuschen wollen... na warten wir mal ab. Ruhig bleibe ich stehen und versuche unbeteiligt zu wirken. Angst brauche ich ihnen nicht vorspielen, das würden sie mir ohnehin nicht mehr abnehmen.

Shakti ist fast bei mir, zieht im Lauf das Schwert zurück um es mir gleich mit Schwung in die Bauchschuppen zu stoßen, nur habe ich ein klein wenig dagegen. Deshalb mache ich genau in dem Moment, als Shakti tatsächlich in einem nach oben gerichteten Schwung zustößt, einen kleinen Ausfallschritt zurück, breite schnell meine linke Schwinge nach vorne gerichtet voll aus wodurch ich beiden kurz die Sicht aufeinander nehme und sie auch ein wenig verwirre. Dann, in einer schnellen Linksdrehung greife ich mit beiden Händen den jetzt ausgestreckten Arm von Shakti und beschleunige sie dabei noch weiter nach vorne. Sie ist so überrascht, dass sie nicht versucht zu stoppen, sondern meinem Schwung folgt.

Meine Schwinge ziehe ich schnell wieder zurück und Nala sieht mit Schrecken die Klinge von Shakti genau auf seine Kehle zustoßen – im letzten Moment drücke ich die Hand von Shakti ein wenig nach unten, wodurch die Spitze genau unter die Halsbördelung seines Brustpanzers einschlägt und dort hängen bleibt. Vom Schwung wird Nala von den Beinen gehoben und landet unsanft auf dem Rücken.

Nala, der seinen Schlag zu einem seitlichen Hieb nach meinem Hals variieren wollte, hat sein hocherhobenes Schwert vor Schreck losgelassen, das macht es mir einfacher. Ich lasse Shakti los und greife mir Nalas Schwert noch in der Luft. Shakti bleibt stolpernd stehen, ich wirbele, meinen Schwung ausnutzend, eine komplette Drehung weiter und bleibe in ihrem Rücken stehen.

Heiser fauche ich leise

„Verräterin!“

und stoße das Schwert oben in den Halsausschnitt ihres Panzers. Im Kampf eigentlich in die Lücke zwischen Schulter und Schlüsselbein hinter den Rippen direkt ins Herz – eine Stelle, wo auch bei den Dracciern ein Schwert relativ leicht eindringt - jetzt aber zwischen Panzer und ihren Schuppen zwischen den Brustdrüsen hindurch und über ihre Bauchschuppen bis die Parierstange auf die Kante des Panzers prallt.

Shakti sieht mich entsetzt von der Seite an.

„Herr...“.

Aber ich gehe schon langsam auf Aditi zu und ziehe jetzt auch das Hemd aus, das ich einfach fallen lasse. Offensichtlich will keiner mehr mit mir spielen...

Aditi sieht mich forschend an.

„Natha?“ -

„Komm schon... - Keine Angst, ich beiße nicht – ich will nur spielen...“

Meine Stimme klingt etwas heiser, ist tief und knurrend. Das 's' ist etwas scharf betont und das 'r' rollt fast grollend. Ich lasse mich von meiner ungewohnten Stimme nur kurz ablenken.

Aditi aber sieht mich verwundert an.

„Ein Drache spricht...“ -

„Rede keinen Unsinn!“ -

„Natha, Du sprichst... mit Deiner Stimme, nicht mit Deinem Drachenorgan.“ -

Sie hat Recht, in meiner Konzentration auf den Kampf habe ich unbewusst begonnen, meine Stimmbänder zu nutzen und die Worte mit meinem Mund zu formen. Es geht also, warum am Anfang nicht? Warum erst jetzt? Egal.

„Willst Du deswegen nicht mehr mit mir kämpfen?“ -

„Natha, Deine Stimme klingt zornig und ich fürchte, Deinen Zorn weiter herauszufordern.“ -

Wieder fürchtet jemand meine Stimme. - Ja sie klingt rau und durch einen rollenden Unterton etwas knurrig, dazu recht tief in der Tonlage. Schon ganz anders, als mein Sprechorgan, dessen Stimme alle als angenehm und eher sanft empfinden. Aber ich bin mir sicher, es wird noch anders klingen, wenn ich zornig bin.

Aber ich spüre jetzt auch, wie anstrengend es für mich ist, verständlich zu sprechen – und dabei bin ich es immer noch gewohnt, die Laute akustisch zu bilden. Kehlkopf und Gaumen eines Drachen sind nicht wirklich darauf ausgelegt, die komplizierten Laute einer Sprache zu bilden. Langsam verstehe ich, warum Drrakk überwiegend rollende Laute verwendet und zudem immer noch sehr elementar geblieben ist. Für eine Unterhaltung nutzen wir lieber menschliche Sprachen, die auch komplizierte Sachverhalte ausdrücken können – auch wenn Drrakk zumindest in der Schriftform ein wenig nachgebessert wurde.

Ich senke leicht meinen Kopf und konzentriere mich wieder auf meine 'Drachenstimme' also das Sprechorgan.

„Ich verstehe, Aditi. Doch ich bin nicht zornig. Es ist nur für uns alle ungewohnt – für mich das sprechen, für euch es zu hören. Mit etwas Übung klingt es vielleicht geschmeidiger, weniger rau und heiser. Aber es ist auch anstrengend für einen Drachen, so zu sprechen. -

Wollen wir noch einen Kampf wagen, bevor mich die Lust verlässt?“ -

„Ich werde keinen Respekt zeigen, Natha...“ -

„Wenn Du ein paar blutige Schuppen nicht scheust...“ -

„Buckler und Schwert?“ -

„Ich bevorzuge den Parierdolch.“ -

Aditi deutet eine Verneigung an und flankt über den Tisch, an dem sie immer noch gesessen hat.

„Woher kennt ein Drache solche Kampftechniken?“ -

„Das Wissen vieler Krieger einer anderen Welt, das in meiner Seele versteckt war und nun wach wird.“ -

„Verzeih bitte Natha, wie das?“ -

„Ein anders Mal. Jaya wird euch sicher noch weiter informieren, was meine Vergangenheit betrifft.“ -

Sie ist nähergekommen und steht jetzt vor mir. Zwar scheint ihre Neugierde geweckt, aber sie neigt den Kopf.

„Natürlich Natha.“ -

Vasu nähert sich mit den Waffen für uns in den Händen. Aditi nimmt sich ein Schwert und den Buckler, einen runden Faustschild von ca. 30 cm Durchmesser. Mir reicht Vasu ein schmales, recht langes Schwert, das zwar zweischneidig ist – oder eigentlich wäre, dieses ist natürlich stumpf – aber vergleichsweise massiv geschmiedet ist mit einem fast ovalen Querschnitt. Das wirkt sehr wie ein Panzerstecher, eine Waffe die weniger zum Schneiden geeignet ist, dafür aber recht leicht einen Brustpanzer durchstoßen kann. Es ist aber stabil genug geschmiedet, auch ein kräftiges Breitschwert abzuwehren, wie das von Aditi. Dazu einen Parierdolch, dessen Spitze einem schlanken Dolch gleicht, der vom Griff bis etwa zur Hälfte aber sehr massiv und ungeschliffen ist. Eine interessante Kombination, die ich so bisher noch nicht kenne, aber die eine Abwehr auch schwerer Schwerter möglich macht, ohne auf einen Dolch verzichten zu müssen.

Vasu bemerkt meinen Blick, mit dem ich den Parierdolch mustere.

„Eine von unserem Stamm entwickelte Waffe. Wir haben diese Abwehrwaffen von den Menschen übernommen, aber die Dolche halten einem draccischem Breitschwert nicht stand – dieses schon. Und wir vermuten, dass Du auch ein leichteres Stichschwert bevorzugst, da Du einen Parierdolch gewählt hast.“ -

„Richtig vermutet.“ -

Mein Gefühl sagt mir, dass ich zwar sicherlich länger mit allen Arten von Breitschwertern gekämpft habe in meinen Menschenleben, aber obwohl ich sicherlich nur zwei oder drei Leben mit einem Reitschwert, Rapier oder Säbel als Hauptwaffe gekämpft habe, fühle ich mich mit so einem leichteren, schmalen Schwert irgendwie wohler. Noch lieber hätte ich ein Katana, aber das dürfte in dieser Welt schwierig werden. Ich muss wohl einige Leben als Samurai gelebt haben...

Dieses Stichschwert liegt leider nicht besonders in meiner Hand, es ist mir viel zu kopflastig, einfach zu dick geschmiedet. Als Drache habe ich zwar genug Kraft, es trotzdem so beweglich zu führen, wie ein gutes Rapier, aber eigentlich will ich ja nicht mehr Kraft einsetzen, als ein normaler Draccier es auch kann, um einigermaßen fair zu kämpfen.

Aditi scheint bereit zu sein, sie schlägt ihre Klinge gegen den Buckler als Zeichen. Ich hebe das Schwert nach Art der Degenfechter zum Gruß und nicke.

Sofort geht Aditi in eine Verteidigungsposition und beginnt mich langsam zu umkreisen. Mit einem vermutlich ziemlich grimmig wirkenden Lächeln gebe ich mich betont lässig und lasse die Schwertspitze am Boden schleifen während ich ebenfalls langsam im Bogen um einen imaginären Mittelpunkt gehe.

Es scheint so, dass Aditi nicht zuerst angreifen will. Bisher habe ich ja immer auf Angriffe reagiert und diese gekontert, jetzt hofft sie auf meine Ungeduld, damit ich angreife. Na gut, ungeduldig bin ich zwar noch lange nicht, aber ich will es auch nicht ewig ausdehnen, denn ich spüre die Spannung der anderen sehr deutlich. - Nebenbei nehme ich den Geruch von einem Säuger wahr, Löwe... also interessiert Atum sich doch ein wenig für das Fest, oder für die Kämpfe.

Also einen Angriff... Ich sprinte los, gezielt links an Aditi vorbei. Eigentlich habe ich den Vorteil mit meinem leichteren Schwert schnell in ihrem Rücken angreifen zu können. Nur ist dieses Schwert eben nicht wirklich leichter – und Aditi verdammt schnell. Kaum bin ich neben ihr, spüre ich den Buckler schmerzhaft in meinem Rücken, sie hat mich mit der Kante voll erwischt. Ich nutze meinen Schwung aus und laufe ein Stück weiter, hinter mir zischt ihr Schwert nur knapp an meinen Schwingen vorbei.

Egal wie sehr es schmerzt, atme ich erst einmal tief ein um die durch den harten Treffer verkrampften Luftsäcke wieder zu entspannen, danach vergeht der Schmerz auch schnell wieder. Gut, so geht es also nicht – hätte dieses Stichschwert eine Fehlschärfe wie der Parierdolch, dann könnte man es wie eine Kurzlanze einsetzen, aber so ist es meiner Meinung nach nicht den Stahl wert, der dafür verschmiedet wurde.

Hilft nichts, zurück in den Kampf. Der Parierdolch leistet mir gute Dienste bei der Abwehr ihres Hiebes, aber meinen Stich auf ihren Bauch wehrt sie mit dem Buckler ab, ich bin noch zu weit weg und dieses Ding ist einfach zu schwerfällig, mir fällt nicht recht was ein, es vernünftig einzusetzen. Als Notlösung versuche ich damit zu agieren, als wäre es ein Breitschwert – meine Hiebe zwingen Aditi sogar in die Verteidigung, aber nach einer Abwehr mit ihrem Faustschild prallt meine Schwertspitze auf einen Tisch, sofort schlägt Aditi mit aller Kraft ihr Schwert mittig auf meine Klinge, die sang- und klanglos mit einem dumpfen Ton bricht. Jetzt ist meine Waffe wirklich Schrott... - bevor Aditi ihr Schwert wieder heben kann, sie muss es erst neu greifen, der Schlag hat es ihr beinahe aus der Hand gehebelt, gehe ich etwas in die Knie und drehe mich schnell rechts herum. Mit meinem Schwanz schlage ich ihr die Beine weg, sie kippt hilflos um und versucht sich abzufangen. Noch bevor sie am Boden liegt, lasse ich den Schwertstumpf fallen, greife mit beiden Händen den Parierdolch und mache einen Schritt auf sie zu. Doch bevor ich zustechen kann, rammt sie mir ihren linken Fuß in die Nierengegend.

Scheiße, das tut richtig weh... auch wenn ihre Krallen zu stumpf und zu weich sind, um durch meine Schuppen zu dringen – so ein kräftiger Tritt mit durchgestreckten Zehen, und den Krallen, schmerzt einfach. Besonders so ein Nierentritt... Ich taumele zurück und gehe kurz auf die Knie, bis ich mich zum Glück schnell wieder erhole. Verdammt Aditi, wenn Du so schmutzig kämpfen willst...

Ich richte mich wieder auf und blicke Aditi an, die noch am Boden liegt und mich mit ernstem Blick mustert. Offensichtlich fürchtet sie, meinen Zorn geweckt zu haben.

Ich nicke ihr zu.

„Weiter“ -

Sie atmet auf und beeilt sich, auf die Beine zu kommen. Vor meinen Füssen landet ein Schwert, diesmal ein langes Schwert, mindestens ein Anderthalbhänder, da meint es einer gut mit mir. Schnell stecke ich den Parierdolch in den Gürtel und greife das Schwert.

Ja, das fühlt sich schon sehr viel besser an, schnell sind die Erfahrungen wieder da – irgendwann im Mittelalter muss ich wohl mal Ritter gewesen sein oder so etwas. Aditi, sieh dich vor...

Das Schwert lässt sich gut einhändig führen, gibt aber die Möglichkeit auch mit der zweiten Hand zuzugreifen. Ich warte noch ein wenig, Aditi macht sich für einen Angriff bereit, dem ich jetzt zuvorkomme. Mit schnellen Hieben decke ich sie dermaßen ein, dass sie bald meine Schläge nur noch mühsam abwehren kann und zurückweichen muss. Nach sechs oder sieben Hieben unterbreche ich, denn ein Mensch kann so etwas kaum länger durchhalten, auch ein Draccier würde bald erlahmen und mit seinen Kräften haushalten.

Wieder gehe ich betont lässig ein Stück weg, Aditi will die Gelegenheit nutzen und einen Angriff starten, sie läuft auf mich zu, aber ich wehre ihren Schwerthieb ab, drehe mich beiseite und ramme meinen Schwertknauf mit Wucht in ihren Rücken. Sie ist zwar durch ihren Panzer geschützt, aber der Schlag treibt ihr doch die Luft aus dem Leib und lässt sie vorwärts stolpern.

Schnell setze ich nach, meinen ersten Hieb wehrt sie mit dem Schwert ab, den zur anderen Seite geführten zweiten mit dem Buckler – aber so ungünstig, dass die Spitze der Klinge recht heftig über ihrem Auge gegen die Stirn prallt. - Ich habe Schläge gegen den Kopf vermieden, da wir ja keine Helme tragen, dieser Kopftreffer ist versehentlich, zeigt aber Wirkung. Aditi ist einen Moment benommen, in einem echten Kampf wäre dieser jetzt für mich gewonnen, denn sie ist diesen Moment kampfunfähig und wäre meinem Angriff hilflos ausgeliefert. Aber ich warte den Moment ab und beobachte ihre Reaktionen. Zum Glück scheint nicht viel passiert zu sein, ihre Augen sind schnell wieder klar.

Ich will es beenden, ein kräftiger Hieb gegen den Buckler, reißt diesen aus ihrer Hand. Nach einem schnellen Schwung prallt die Breitseite der Klinge auf den Handrücken ihrer Schwerthand – sie trägt Handschuhe, die Verletzungsgefahr ist also deutlich verringert – mit einem Schmerzlaut von Aditi fällt ihre Waffe zu Boden.

Sie sieht ihre letzte Chance darin, meinen Parierdolch zu erobern und macht einen Schritt auf mich zu, um mein Schwert zu unterlaufen. Ich drehe mich schnell weg, komme so in ihren Rücken – ein schneller Tritt in ihre Kniekehle lässt sie auf die Knie fallen, schon stehe ich zwischen ihren Schwingen und setze meinen Fuß auf ihren Unterschenkel um sie am Aufstehen zu hindern. Die Parierstange meines Schwertes unter ihr Kinn gehakt zwinge ich ihren Kopf nach hinten und etwas auf die rechte Seite. Ich reiße mit der Linken den Parierdolch aus dem Gürtel, hole aus und – stecke ihn vorsichtig hinter ihren Brustpanzer. Wie vorhin bei Shakti ist hier am Hals eine der Möglichkeiten einen vollgepanzerten Draccier auch mit leichten Waffen tödlich zu verletzen, da in dieser Welt die Kettenhaube zumindest von den Dracciern kaum genutzt wird.

Aditi sinkt in sich zusammen, sie akzeptiert, verloren zu haben. Ich lasse sie los und gebe mein Schwert an Vasu, während Aditi den Parierdolch aus ihrem Panzer zieht. Ich halte ihr meine Hand hin, die sie beim Aufstehen ergreift.

„Verzeih Natha, dass ich Dir nicht länger widerstehen konnte.“ -

Ich betrachte ihre jetzt recht heftig blutende Kopfwunde.

„Lass sehen...“ -

sanft fasse ich ihr Kinn und halte so ihren Kopf leicht fest. Sicherheitshalber schnuppere ich kurz – nein, nur Blut, also keine tiefere Verletzung. Schnell lecke ich das Blut weg, durch meinen Speichel stoppt die Blutung sofort. Es ist wirklich nur eine Risswunde zwischen ihren Schuppen, die nur recht stark geblutet hat. Spontan nutze ich meinen Schutzspeichel und lecke damit noch einmal über die Wunde.

Aditi blickt mich bei der Prozedur verwundert an.

„Was ist? Ihr wisst doch, dass Drachenspeichel blutstillend und heilend wirkt. Lass den Speichel einfach trocknen, der Schutzspeichel wird die Wunde schützen und die Heilung fördern. - Nebenbei... Du schmeckst gut...“ -

„Ein Drache kümmert sich um die Wunden einer Dracci...? - Ich hoffe, das mit dem 'gut schmecken' meinst Du nicht ernst, Natha...“ -

Sie traut mir irgendwie nicht so recht über den Weg.

„Doch, Dein Blut schmeckt wirklich gut – aber ich esse nichts, mit dem ich eine Unterhaltung führen kann. Und warum sollte ich mich nicht um Deine Wunde kümmern, ich habe sie ja auch verursacht.“ -

Ich weiß nicht, ob mein Augenzwinkern sie wirklich beruhigt. Aber Tyria, Tascha und auch NüShi grinsen dazu. Dennoch blickt sie mich mit einer Mischung aus Verwunderung und Vorsicht an.

Shakti nähert sich langsam mit gesenktem Kopf, sie trägt einen langen Dolch in den Händen. Vor mir bleibt sie stehen, und sinkt auf ihre Knie. Mit immer noch gesenktem Kopf hält sie mir mit beiden Händen den scharf geschliffenen Dolch hin, den Griff zu mir – ich verstehe nicht, was sie von mir will, nehme aber den Dolch. Darauf reckt sie ihren Kopf zur Seite, macht mir so den Weg frei, die Klinge hinter ihr Schlüsselbein ins Herz zu stoßen.

„Shakti...?“ -

„Isha Rajesh. Ich habe Euer Vertrauen verloren. Für mich gibt es so keine Zukunft mehr. Ich bitte Euch, mir die Gnade zu erweisen und mich zu töten.“ -

Warum sollte ich sie töten, was meint sie mit 'Vertrauen verloren'... Während Tascha hinter mir förmlich aufspringt, blicke ich Aditi fragend an.

„Natha, hatte sie Dir nicht gesagt, was geplant war? Du hast Sie als Verräterin bezeichnet.“ -

„Nein, mir hat niemand etwas gesagt – aber ich habe es nicht ernst gemeint, es war ein Schaukampf, eine Übung.“ -

Aditi zuckt mit den Schultern.

„Dennoch hast Du es nicht gewusst, dass sie Dich ebenfalls angreifen wird. Der Zweifel wird immer bleiben... - und Shakti hat keinen Stamm mehr, niemand wird sie aufnehmen, wenn ein Drache an ihr zweifelt.“ -

„Ich verstehe.“

Tascha hinter mir nimmt es offensichtlich nicht so gelassen hin, dass Shakti mich darum gebeten hat, sie in den Lebensstrom zu schicken, wie Aditi neben mir - Sie atmet schnell und aufgeregt.

Was kann ich machen, wie Shakti zeigen, dass ich sie nie wirklich als Verräterin gesehen habe. Ich knie mich ebenfalls vor sie, lege den Dolch zwischen uns und fasse sie an den Schultern.

„Shakti, sieh mich an.“

Sie dreht langsam den Kopf und sieht mir in die Augen. Ich betrachte sie, ganz offensichtlich ist sie nicht mehr die jüngste, ihre Schuppen beginnen durch die Reibung am Harnisch langsam matt zu werden, einige kleine Narben im Gesicht zeugen von überstandenen Kämpfen.

„Darf ich erfahren, wie alt Du bist?“ -

„Einhundertachtunddreißig Natha.“ antwortet sie leise. -

„Also schon über einhundert Jahre als Kriegerin...“ -

„Einhundertzwanzig Natha.“ Tascha erkennt, dass ich nicht vorhabe, Shakti zu töten und wird wieder ruhiger -

„Und ich soll es jetzt und hier beenden, weil Du glaubst, ich würde Dich als Verräterin betrachten?“ frage ich ruhig. -

„Ich habe einen Fehler gemacht und dieser Fehler wird immer an mir haften, Natha. Niemand wird eine Verräterin aufnehmen, kein Stamm mir Schutz bieten, da ein Drache mir zürnt.“ -

„Ich bin nicht zornig auf Dich. Ich habe auch nicht das Vertrauen verloren.“

Mir kommt eine Idee.

„Aditi, in welchem Alter beenden Krieger normalerweise ihren Dienst?“ -

„Die meisten mit Achtzig oder Neunzig Sommern, Natha. Offiziere oft ein paar Sommer später. Aber Shakti geht es wie mir, ich bin nur ein paar Sommer jünger. Wir haben keinen Stamm, in dem wir den notwendigen Rückhalt finden, können uns nicht versorgen, ob als Bauern, Handwerker oder Händler, wenn wir nicht zu einem Stamm gehören. Also bleibt uns nur, uns weiter als Krieger zu verdingen.“ -

Ich nicke.

„Ja, ich verstehe. - Shakti, ich kann Dir jetzt noch nicht die Möglichkeit bieten, einem Handwerk nachzugehen, oder Nahrung anzubauen und Tiere zu züchten. Ich kann Dir jetzt nur den Dienst als Kriegerin bieten. - Jaya, ich möchte, dass Shakti über meine Wohnung wacht, wenn ich nicht zu Hause bin. - Und sobald das Ei da ist, wird Shakti darüber wachen, wie anschließend über den Nestling, bis er in die Trennungszeit geht.“ -

Von Jaya kommt aus dem Hintergrund die knappe Bestätigung.

„Ja Herr. Soll ich ihr einen Raum hier im inneren Bereich geben?“ -

„Ja, sie gehört ab morgen zu meinem Haushalt, bleibt aber Kriegerin der Garde.“ -

„Wie Du befiehlst Herr.“ -

Aditi hat ein Grinsen aufgesetzt, sie hat sofort verstanden, dass ich Shakti so ein besonderes Vertrauen entgegenbringe und einer in Ehren 'ergrauten' Kriegerin dazu einen leichteren Dienst gebe. Wirklich 'grau' geworden, im übertragenen Sinn, ist sie eigentlich noch nicht, sie kann noch fünfzig oder sechzig Jahre produktiv tätig sein, ehe sie so etwas wie eine Rentnerin wird – allerdings muss die dazu einem Stamm angehören, über den sie dann versorgt wird, wenn sie keine Kinder hat.

Shakti ist sich wohl noch unsicher, was ich wirklich vorhabe und sieht mich verwundert an.

„Natha, was meinst Du damit...?“ -

„Nichts ungewöhnliches.“ Ich höre hinter mir Tascha um die Tische herum näherkommen.

„...immer, wenn meine Partnerinnen und ich nicht da sind, die Wohnung also leer steht, ist es Deine Aufgabe niemanden dort herumlaufen zu lassen, der nicht unsere Erlaubnis hat. Du musst nicht an der Tür stundenlang Wache stehen, Du wirst sicher eine Beschäftigung finden in der Zeit – aber Du bist die einzige außer uns Drachen, die dort Waffen tragen darf. Wenn wir selber in der Wohnung sind, bist Du in Bereitschaft, kannst Dich also auch anderswo aufhalten – auch nachts. Die gesamte Wohnstätte wird ja jetzt bewacht, da brauche ich keine besondere Wache vor meinem Lager...“

Tascha kommt mit ruhigen Schritten näher.

„... Was den Nestling betrifft: Ich wünsche mir jemanden, der ein Auge auf mein Kind hat, wenn die Aufmerksamkeit von Natascha und von mir einmal abgelenkt sein sollte. Es geht mir darum, dass sich niemand unbemerkt meinem Kind nähern kann, Du bist also nicht das Kindermädchen, nur die Wache im Hintergrund. - Aber dazu hat Natascha die letzte Entscheidung, ich werde in diesen Dingen nicht gegen ihren Willen handeln. - Und wenn sie mir jetzt gleich etwas hartes auf den Kopf haut, kennen wir beide ihre Meinung dazu...“ -

Ein Grinsen geht über Shaktis Gesicht.

„Sie hat nichts Hartes in den Händen, Natha.“ -

„Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich es nicht doch haben sollte...“

Taschas Stimme klingt dabei aber sanft.

„... was hast Du mit unserem Nestling vor, Eldingar?“ -

Ich nehme meine linke Hand von Shaktis Schulter und wende mich zu Tascha, die jetzt links von mir stehen bleibt, sich ebenfalls hinkniet und mir eine Hand auf die Schulter legt.

„Nichts mit unserem Kind, Liebes. Mir ist klar, dass ihr Weibchen über die ersten Sommer des Nestlings wacht. - Nur habe ich Shakti ungewollt Unrecht getan und möchte ihr mein Vertrauen beweisen.“ -

„Ich verstehe. Zwar kannte ich Shakti bisher nicht persönlich, aber der Ruf der ältesten Kriegerin aller bekannten Stämme ist überall hervorragend. Alle hier wissen, dass Isha Rajesh seine Äußerung nur auf den laufenden Schaukampf bezogen hat. Aber ich verstehe auch, warum er jetzt Shakti sein Vertrauen beweisen möchte. Es ist für einen Großen nur schwer zu ertragen, wenn eine unschuldige Seele durch seine Tat vor der Zeit in den Strom des Lebens eingehen muss.

Aus beiden Gründen bin ich einverstanden mit dem Wunsch meines geliebten Partners. Und ein zusätzliches Paar Augen, das über unser Kind wacht, kann nicht schaden. Du brauchst Deinen Kopf also nicht länger einziehen, mein Geliebter, ich habe keinen Grund, ein Schwert darauf zu zerbrechen.“ -

Wir grinsen uns an, ich hebe dann den Dolch wieder auf und reiche ihn mit dem Griff voran an Shakti zurück.

„Nimm Deinen Dolch zurück, er ist nicht notwendig. - Abgesehen davon geleitet ein Drache eine Seele nicht mit so einer Waffe auf ihren Weg. Er hat seine eigenen Waffen – und ein Blitz ist schneller und schmerzlos – wenn ich dagegen mit so einem Stück Stahl in Deiner Brust herumstochere... das tut doch weh...“ -

Shakti grinst, nimmt den Dolch und steckt ihn in die Scheide an ihrem Gürtel.

„Ja, es wäre nicht das erste Stück Stahl, den jemand in meinem Körper steckt, das ist wirklich nicht angenehm – ich hatte aber Hoffnung, dass Du schnell und genau triffst und der Schmerz nur kurz ist, wenn ich schnell im Nichts vergehe.“ -

„Ich hätte Dich nicht einfach in die Leere gehen lassen, ob mit Dolch oder Blitz. - Du wirst also ab morgen Deinen Dienst in meiner Wohnung antreten, wir sprechen dann darüber, wie dieser Dienst aussehen wird. Heute feiern wir noch ein wenig, oder auch ein wenig mehr...“ -

Shakti grinst noch breiter, zeigt mir ihre Fangzähne dabei.

„Ich habe jetzt wohl einen Grund, ein wenig mehr zu feiern – verzeih mir Natha, wenn ich morgen etwas schwer in Gang komme...“ -

Mitgrinsend stehe ich auf, helfe Tascha ein wenig und reiche dann Shakti die Hand, um ihr auch zu helfen, was sie zögernd annimmt.

„Ja, die Wirkung von Zuviel Alkohol kenne ich, Morgen ist das also entschuldigt. - Was trinkt ihr eigentlich, auch Wein?“ -

„Ja, auch. Hauptsächlich aber vergorenes Getreide oder Brot.“ -

„Ah, also Bier. Das möchte ich doch mal probieren, ob es vergleichbar ist mit dem mir bekannten Bier drüben. Brennt ihr auch?“ -

„Brennen, Natha?“ -

„Damit ist das Erhitzen von Bier oder Wein gemeint, um den Alkohol zu konzentrieren.“ -

„Natha, wenn man Bier und Wein erhitzt, verliert es doch die berauschende Wirkung...“ -

Ich blicke mich um, wir haben laut genug gesprochen, dass alle es mithören konnten, aber ich blicke in ratlose Augenpaare. Zumindest bei den Draccier scheint also das Schnapsbrennen unbekannt zu sein.

„Richtig. Aber die Menschen drüben waren wohl erfindungsreicher als die Menschen hier. Ich muss darüber noch etwas nachdenken. Lasst uns weitermachen, die anderen wollen sicher auch noch ihre Fähigkeiten zeigen – insbesondere alle, die gegen mich verloren haben...“ -

Und wenn das so ist, dass hier nicht destilliert wird, versetze ich diese Welt in einen Dauerrausch und verdiene mir eine goldene Nase... - Naja mal sehen, aber da tut sich doch eine unerwartete Geldquelle für mich auf.

Genug überlegt. Shakti zieht sich mit einem Nicken zurück, wohl um die Rüstung los zu werden. Dafür kommt Atum näher, er trägt nur seinen ägyptischen Leinenschurz und ein Messer – ansonsten lässt er seine beeindruckende Mähne wirken. Durch die bauschige Brust und Rückenmähne wirkt er wesentlich wuchtiger, als er tatsächlich ist – wie ich weiß, ich kenne ihn ja auch nass, dann zeigt er seine wahre, sportlich schlanke Statur. Aber jetzt macht er durchaus was her zwischen den Dracciern.

Tascha streicht mir sanft über den Kiefer und geht dann wieder zurück zu ihrem Platz, Tyria entschuldigt sich gerade bei NüShi und reicht sozusagen den Stab jetzt an Tascha weiter, denn sie huscht nach einem Nicken in meine Richtung schnell durch den Seiteneingang hinaus. Irgendetwas ist ihr wohl eingefallen. Aber ich werde durch Atum abgelenkt, nebenbei kommen jetzt Ajit und Surya in die Mitte, beide nur mit einem knappen Schurz bekleidet, ansonsten nackt und ohne Waffen.

Da ich nicht stören möchte, winke ich Atum mit zu unseren Plätzen herüber, bleibe aber vor den Tischen stehen. Aditi hat meinen fragenden Blick bemerkt.

„Die beiden wollen den waffenlosen Kampf zeigen Natha. Da es dabei viele verschiedene Varianten gibt, wird es sicher länger dauern, aber es ist auch immer wieder interessant, nicht nur ein schneller Hieb oder Stich. - Deine Einlage mit Shanti war ja auch so eine interessante Variante eine Nachtkriegerin gefangen zu nehmen. Das und Deine knappen, kräftesparenden Kampfaktionen sagen mir, dass in Dir ein sehr erfahrener Krieger steckt, der die unterschiedlichsten Waffen beherrscht. Schade, dass Du ein Drache bist, mit Dir würde ich gerne Seite an Seite die gegnerischen Krieger niedermachen...“ -

„Dann würde ich aber sicher mehr wie ein Drache kämpfen...“ -

„Genau deswegen, Natha...“ Aditi grinst breit. -

Atum, der jetzt neben mir steht, sieht sie etwas zweifelnd an, was mich auch grinsen lässt. Atum blickt zwischen uns hin und her, ganz offensichtlich auf unsere Zähne...

„Atum, alter Freund. Deine Fangzähne sind auch nicht so viel kleiner...“ -

„Das ist es gar nicht – obwohl ich schon Respekt vor euren Zähnen habe, die sind sehr scharf. Aber ich bemerke gerade, dass Du andere Zähne hast...“ -

„Ich bin ja auch ein Drache. Wenn ich auch die Draccier als ein Volk der Drachen ansehe, so gibt es schon noch Unterschiede.“ -

„Aber wenn ich mich richtig erinnere, sind Deine Zähne auch anders als die Deiner Partnerinnen – Deine erinnern mich irgendwie an die von Löwen – nicht genau, aber doch sehr ähnlich.“ -

Ich nicke.

„Du hast Recht. Meine Krallen und die Zähne sind schon ähnlich wie bei Katzen, aber doch nur ähnlich. Immerhin kann ich so mein Essen ein wenig zerbeißen.“ -

„Es ist normal?“ -

„Ja. Die Ursprünglichen hatten das oft und bisher hat kein Drache komisch gekuckt deswegen.“ -

„Ach so. Es fiel mir nur auf. - Was mir noch aufgefallen ist... Du hast Dich offenbar noch an meine Ausbildung erinnert. Das eine oder andere bei Deinen Kämpfen könnte durchaus von mir sein. Wenn Du damals nur so geschmeidig in Deinen Bewegungen gewesen wärst...“ -

„Dann hätte ich Schuppen gehabt...“ -

„Gut – dann war mir das so sicher doch lieber. - Aber... die Weiße … äh Lady da... Ist sie auch ein Drache...?“ -

„Ja.“ -

Er sieht mich seufzend an.

„Da kann ich mich so lange vor euch verstecken und heute treffe ich dauernd auf Drachen... - gilt Dein Schutz? Sie sieht mich so eigenartig an, als wäre sie hungrig...“ -

Ich werfe einen Blick auf NüShi. Sie starrt tatsächlich wie gebannt auf uns oder auf mich. Ich gehe die paar Schritte zu ihr rüber.

„NüShi...?“ -

Sie sieht mich an.

„Eldingar... ist es wahr was Tyria sagte, dass Erce direkt zu Dir spricht?“

Sie klingt fast atemlos dabei. -

„Ja. Sie spricht nicht nur zu mir, auch mit mir.“ -

„Sie spricht mit Dir...?“ -

„Ja. Ähnlich wie wir beide jetzt.“ -

Sie greift meine Oberarme und schüttelt mich fast.

„So wie wir beide... Du... Oh, verzeiht.“

Sie lässt mich los, tritt zwei Schritte zurück und kniet nieder. Dann senkt sie den Kopf, blickt vor sich zu Boden und hebt die Hände vor ihr Gesicht zum klassischen chinesischen Gruß, den ich als Chuan Li Dai oder Ming-Gruß kenne - die Rechte leicht geballt und mit der linken Hand abgedeckt.

„Hoher Lord Eldingar, Paladin Erces. Ich entbiete Euch die vorgeschriebene Ehrerbietung.“

Sie legt die Hände auf den Boden und verneigt sich dann tief vor mir, mit der Stirn den Boden berührend. Sie richtet sich wieder auf, den Blick weiter zu Boden gerichtet und wiederholt die Verneigung zweimal. Danach steht sie auf, verneigt sich wieder mit den zum Gruß erhobenen Händen und kniet wiederum nieder.

Hier bremse ich sie jetzt.

„Ich danke Euch dafür Lady N?shì Huoyàn Xing. Doch bitte ich Euch, Euch nicht weiter zu erniedrigen, indem Ihr den dreifachen kòutóu öffentlich vor mir macht. Zudem denke ich nicht, dass ich diese Ehre verdiene, bin ich doch nur ein einfacher Vertreter der ersten Drachen.“ -

Tatsächlich hält sie inne und bleibt mit den zum Gruß erhobenen Händen auf den Fersen hocken.

„Ich danke Euch, Hoher Lord. Doch war ich bisher äußerst unhöflich zu Euch. Ich hoffe, Ihr könnt mir meine unmöglichen Umgangsformen verzeihen.“ -

„Natürlich verzeihe ich Euch Lady N?shì Huoyàn Xing. - Schade, gerade hoffte ich, wir kommen schon jetzt zu informelleren Formen und lassen die steifen Förmlichkeiten hinter uns.“ -

Sie sieht überrascht zu mir hoch.

„Du... - Ihr...“ -

„Lass uns beim Du bleiben, NüShi. Und erhebe Dich bitte. Ich verstehe ja den Hang nach Förmlichkeiten bei den Drachen und als ursprünglicher Drache halte ich insbesondere die Gesten und Verhaltensweisen bei der Begegnung für wichtig. So lässt sich sehr einfach die friedliche Absicht zeigen, das ist ja der Grund, warum wir das damals entwickelt haben. Aber wenn der ersten Höflichkeit Genüge getan wurde, können wir doch auch informell höflich zueinander sein. Unser Volk ist so klein geworden, da müssten sich doch eigentlich alle untereinander kennen. - Gut, ich bin neu, aber das soll niemanden stören.“

NüShi ist dabei schon aufgestanden und verneigt sich lächelnd leicht.

„Ich nehme es gerne an, mein Lordpaladin. Auch wenn ich mich ein wenig wundere, denn eigentlich ist es ein Merkmal von uns älteren, dass wir gerne auf die Förmlichkeiten verzichten. Ihr jungen dagegen bevorzugt noch die steifen Umgangsformen, ihr werdet erst zur Mitte eures Lebens dann ruhiger und begreift, dass wir eigentlich immer eine kleine Familie waren. - Darf ich mir Deinen Geruch einprägen?“ -

Ich weiß nicht recht, was sie vorhat, aber warum nicht.

„Natürlich. Wozu dient es?“ -

„Zum einen bekomme ich einige Informationen über Dich, vor allem aber werde ich sofort wissen, dass es von Dir kommt, wenn Du irgendwo eine Marke setzt.“ -

„Die Reviergrenzen?“ -

„Auch die – auch wenn es seit langem kaum noch jemand macht. Aber es können auch Warnungen sein, oder Hinweise – oder einfach nur der Kontaktaufnahme dienen. Übernachtest Du in einer Höhle in meinem Revier, erkenne ich so viel einfacher, dass Du es warst. Ich wache nicht so streng über die Höhlen, aber es beruhigt doch, wenn man einen Freund erkennt.“ -

Sie tritt zu mir, legt mir ihre rechte Hand sanft in den Nacken und legt dann ihren Kopf links an meinen, ihre Nüstern auf Höhe meiner Duftdrüsen hinter meinen Wangendornen. Sie beginnt langsam und konzentriert zu schnuppern. Aber schon nach einem Moment unterbricht sie ihre Aktion und sieht mich lächelnd an.

„Ach je. Vor lauter Höflichkeit hältst Du ja die Luft an... - denke nicht darüber nach, es ist allgemein akzeptiert, den Geruch des anderen aufzunehmen. Fühle Dich also frei, Dir auch meinen Geruch einzuprägen. Tyria wird es nicht stören, sie weiß, dass ich nicht in Konkurrenz zu ihr trete. Und Deiner jungen Partnerin hier, habe ich bereits erklärt, was ich vorhabe, wir haben bereits unseren Geruch gegenseitig erfasst.“

Sie nickt mir aufmunternd zu und legt ihren Kopf wieder an meinen. Ich hatte wirklich eben die Luft angehalten, weil ich nicht unhöflich erscheinen und so offen an ihren Duftgruben schnuppern wollte. Aber wenn sie mich so direkt auffordert...

Ihr Duft umfängt meine Nüstern, sie riecht ausgesprochen angenehm, sofort erkenne ich ein für mich passendes Weibchen in ihr. Aber obwohl ihr Duft anziehend auf mich wirkt und ich auch ihre so überraschend ungezwungene Art mag, springt der entscheidende Funke nicht über. Ich finde sie attraktiv, aber ich habe momentan nicht den Wunsch mich mit ihr zu paaren, vielleicht irgendwann mal in einigen tausend Jahren...

Gleichzeitig sagt mir die leichte Veränderung in ihrem Duft, dass es ihr ähnlich geht. Ich bin ihr ebenfalls sympathisch, aber ich rieche nicht diese sexuelle Lust, die Tascha und Tyria sofort in ihrem Geruch hatten.

Interessant finde ich, dass ich irgendwie die Kälte der Eisdrachen in ihrem Geruch wahrnehmen kann. Fast, als ob sie gerade aus einem Schneesturm in meine warme Höhle gekommen ist.

Nach kurzer Zeit bin ich mir sicher, ihren Duft immer und überall wiedererkennen zu können.

Sie nimmt ihren Kopf wieder zurück.

„Verzeih Eldingar, das wird Dir sicher eigenartig vorkommen, aber ich muss es einfach wissen...“

Sie hockt sich vor mich hin, zieht mir die Hose, die ich als einziges Stück meiner Kleidung noch trage, ein Stück herunter und schnuppert ausgiebig an meiner Geschlechtsspalte...

Ich schaue mir das verwirrt an und blicke zu Tascha, die mich angrinst. Offensichtlich stört sie sich nicht daran.

„Es scheint, dass Lady NüShi sich doch nach einem passenden Partner umschaut...“ -

NüShi zieht mir die Hose wieder zurecht und erhebt sich lächelnd wieder.

„Nun, warum sollte ich mir ein kräftiges, gesundes Männchen so einfach entgehen lassen, ohne wenigstens ein Ei von ihm befruchten zu lassen... -

Nein, ich habe einen festen Partner, dem ich treu bin. Aber wer weiß, ich möchte noch ein oder zwei Nestlinge haben, ehe ich die dreißig überschreite, mein Partner ist aber momentan etwas träge in dieser Hinsicht. Lady Natascha hat mir ihre Zustimmung schon gegeben...“ -

Ich schüttele den Kopf.

„Verhandelt ihr Weibchen schon wieder darüber, welche sich wann mit mir paaren darf? Langsam fühle ich mich als reinen Samenspender für die Drachinnen dieser Welt...“ -

NüShi grinst mich offen an.

„Was beschwerst Du Dich? Du wirst so doch nie längere Zeit alleine ohne ein Weibchen sein. Andere Männchen werden Dich beneiden.“ -

„Na Danke – und alle Naselang muss ich ein eifersüchtiges Männchen blitzdingsen... - mit Blitzen vertreiben.“ ergänze ich auf die schiefliegenden Köpfe der beiden Drachinnen. -

NüShi legt ihre Linke auf meine Brust und krault mich sanft mit der rechten Hand im Nacken.

„Nein, hauptsächlich wolle ich sichergehen. Dein Duft ist sehr anziehend, das muss ich zugeben. Aber es sind auch ungewöhnliche Spuren darin enthalten. Ein wenig Mensch, dieser angenehme, leckere Geruch der Menschen anderer Welten – aber auch etwas fremdes, etwas, dass ich noch nie gerochen habe.“ -

„Erce?“ -

Sie schüttelt bestimmt den Kopf.

„Nein, Erce nicht. Ich weiß es nicht, das habe ich noch nie gerochen, auch nicht in anderen Welten. - Aber mache Dir keine Gedanken, es ist nicht unangenehm oder bedrohlich, nur eben fremd. - Ach so... ich wollte nur wissen, wie Dein Samen riecht, aber der hat den gesunden und kräftig angenehmen Geruch von Drachensamen.“ -

„Meinen Samen...?“ -

„Keine Sorge, Du bist sauber. Eine Drachin kann aber auch so den Samen eines Männchen riechen und die Güte und Eignung feststellen.“ -

„Ich verstehe. Nun, ich kann ja auch eure Fruchtbarkeit riechen. Du könntest nach Deinem Geruch zu schließen, schon morgen Abend, spätestens am nächsten Morgen ein reifes Ei zur Befruchtung bereit haben.“ -

NüShis Pupillen weiten sich verwundert.

„Das kannst Du so einfach riechen? - Mein Partner vermag es nicht einmal, wenn er direkt an meiner Geschlechtsspalte riecht oder in ihr züngelt. Es stimmt, ich halte immer ein Ei bereit – wie gesagt, möchte ich noch Nachwuchs haben.“ -

„Wir mussten damals schon aus der Luft erkennen, ob es sich lohnt, sich mit einem Weibchen anzulegen. Allerdings machten sie es uns auch noch einfacher mit ihrem Geruch. - Du sagtest, bevor Du Dreißig bist... Ich kann aber nicht glauben, dass Du jünger bist als Tascha, verzeih, wenn ich Dir zu nahe trete.“ -

Sie grinst.

„Ich bin kein Menschenweibchen, die ihr Alter verheimlichen. - Ich bin jetzt so ungefähr Mitte Achtundzwanzig.“ -

Ich sehe sie mit schiefgelegtem Kopf an.

„Achtundzwanzig...?“

dann fällt der Groschen endlich.

„Oh! Tausend...?“ -

„Richtig. Es klingt so aber selbst für eine Drachin angenehmer.“ erläutert sie Augenzwinkernd.

„Falls es Dich interessiert, kann ich kurz nachrechnen und es Dir genau sagen.“

Ich schüttele lächelnd den Kopf, sie seufzt.

„Gut. - Schade, ich hätte so viele Fragen – alleine schon, was es mit dem Ursprünglichen auf sich hat... aber ich bin hier in euer Fest geplatzt, es widerspräche wirklich jeglicher Höflichkeit. Und morgen muss ich leider weiter...“

„Treibt Dich etwas fort?“

Ich frage, weil in ihrer Betonung zuletzt so etwas wie eine leicht ärgerliche Traurigkeit mitklang. -

„Du kennst die Regeln der Höflichkeit unter uns. Und Neugier ist kein akzeptabler Grund.“ -

„Du bist erstaunlich offen und ehrlich, auch ein interessanter Zug. Wenn Dich morgen nichts dringendes fort ruft, sei bitte noch mein Gast. Auch ich habe Fragen und möchte mehr über euch – uns Drachen erfahren und so muss nicht ausschließlich Tyria mir Rede und Antwort stehen.“ -

NüShi blickt mich forschend an und intensiviert das Kraulen meines Nackens. Sie schaut mir tief in die Augen. Schließlich holt sie tief Luft.

Bitte... - noch nie hat ein Drachenmännchen 'Bitte' zu mir gesagt. Natürlich drückt der Tonfall und die Gestik eine Bitte aus, aber dieses kleine Wort fehlt in unserem Wortschatz, wir sind zu stolz, offen zu bitten. - Ich sehe, dass Du es ernst meinst mit Deiner Bitte, wie kann ich ablehnen, wenn Du so offen Deinen Stolz unterdrückst.“ Sie seufzt.

„Ich dagegen konnte meinen Stolz nicht überwinden, denn ich hätte Dich gerne gebeten, noch ein wenig bleiben zu dürfen. Natürlich werde ich Deine Fragen beantworten, wie Du hoffentlich meine.“ -

„Gut, es ist also beschlossen. - Jaya, Lady NüShi wird weiterhin unser Gast sein, solange sie es wünscht. Ich hoffe, dass ist kein Problem.“ -

„Selbstverständlich Herr. Alles ist ausreichend vorhanden und frisches Fleisch schnell erbeutet. Zudem haben die Menschen für morgen eine Lieferung zugesagt.“ -

„Danke Jaya.“ -

NüShi starrt in meine Augen.

„Menschen... Lieferung...?“ -

„Ja, wir haben seit meinem ersten Tag hier immer ein wenig in den Siedlungen der Umgebung erworben. Früchte, Brot, Tee, Kaffee und so etwas. Jetzt, mit meinen Dracciern, benötigen wir mehr, auch Fleisch und die Menschen haben sich entschlossen, für sich ein wenig mehr dabei heraus zu holen und uns die Waren hierher zu bringen.“ -

„Du bist erst ein paar Tage hier und die Menschen kommen freiwillig zu Dir – ich versuche es seit einigen hundert Jahren und sie kommen nur, wenn sie meine Hilfe benötigen – wenn überhaupt.“ -

Ich zucke mit den Schultern.

„Vermutlich habe ich mich nur gut eingeführt.“ -

Sie lächelt.

„Wer weiß. - Aber eines muss ich heute wissen, verzeih. Der Pelzige da, da hat sich doch keiner Deiner Krieger verkleidet oder?“ -

„Nein, er ist echt.“ -

„Was... Wer ist er? Ich habe noch nie jemanden wie ihn gesehen... Eldingar, Du willst doch nicht sagen, da steht ein Löwenmensch...“ -

„Doch NüShi, dort steht ein Löwenanthro. - Dass Du bisher noch nie einen gesehen hast, liegt daran, dass er der einzige in dieser Welt ist und sich bisher versteckt hat, weil er uns ein wenig fürchtet.“ -

Sie sieht mich an.

„Er fürchtet uns? Oh, und ich starre ihn dann noch so an... Ich hoffe, ich habe ihn nicht erschreckt. - Aber wenn er sich bisher vor uns versteckt hat, warum ist er dann jetzt hier?“ -

„Nun, er hatte gehört, dass es seit kurzem hier einen Drachen gibt, der einmal ein Mensch war. Ein Mensch aus der Welt, aus der er vor einigen tausend Sommern auch gekommen ist. Das hat ihn neugierig gemacht und er hat den Mut gefasst, diesen Drachen – mich – zu treffen.“ -

„Ach herrjeh, der Arme. Trifft dann gleich auf so viele Drachen auf einmal. Jetzt verstehe ich seinen verstörten Blick. - Aber Eldingar... in Deiner Welt drüben gibt es doch auch keine wie ihn.“ -

„Nicht mehr, das stimmt. Sein Volk stammt auch nicht aus meiner alten Welt drüben und war vor einigen tausend Sommern zu Besuch dort. Sie haben den Menschen in ihrer Entwicklung geholfen, haben sich dann aber zurück gezogen. Er blieb alleine zurück und ich habe ihn in einem meiner Leben dort getroffen. Mittlerweile glaubt er mir, dass wir damals befreundet waren, deshalb vertraut er mir und euch.“ -

„Moment – in einem Deiner Leben dort...? Sind die Menschen dort Seelenwanderer?“ -

„Nicht soweit ich weiß. - Aber ich wurde als Mensch viele tausend Mal wiedergeboren, nachdem Erce mich dorthin gesandt hatte.“ -

„Also bist Du eigentlich ein Mensch dieser Welt.“ -

„Nein.“ -

„Aber, wenn Erce Dich dorthin gesandt hat...“ -

„Ich stammte aus dieser Welt, aber ich war kein Mensch – ich war einer der Ältesten, wie ihr sie nennt.“ -

NüShi sieht mich mit schiefgelegtem Kopf an.

„Ein Ältester...? Aber das bedeutet ja, dass Du... Oh!“

Sie sieht mich mit fast runden Pupillen an.

„Dann müssen wir alle ja schrecklich jung für Dich sein... Und das meintest Du vorhin mit 'damals', als Du Deinen guten Geruchssinn erklärt hast. - Nein, lass uns morgen in Ruhe darüber reden – hoffentlich reicht der Tag morgen...“ -

„NüShi, bitte vergiss doch einmal diese steife Höflichkeit der Drachen. Ich sagte, Du bleibst solange hier, wie Du magst und das meine ich auch so – vergiss nicht, dass in diesem blauen Drachen hier vor allem eine Seele steckt, die in der langen Zeit ein Mensch geworden ist. Und auch wir Ursprünglichen waren neugierig...“

Sie wirkt erleichtert und lächelt mich dankbar an.

„Ich sehe, Kyrin hat mir die Wahrheit über Dich gesagt. Er meinte, Du bist ein freundlicher, sehr umgänglicher Drache, immer zu einem Gespräch bereit. Kyrin schließt nicht schnell Freundschaften, schon gar nicht mit Männchen, aber Du hast ihn offensichtlich sofort für Dich gewonnen. Er schwärmte sogar von Deinen Flugkünsten – Du musst wissen, die Meerdrachen sehen immer ein wenig auf uns andere herab, weil wir alle nicht so gut fliegen wie sie. Kyrin allerdings hat das noch nie jemanden spüren lassen, selbst mich nicht.“ -

„Ich muss gestehen, dass er darin dann besser ist als ich. Ich habe Tascha mal sehr beleidigt, als ich ihr ungerechterweise mangelndes Flugwissen vorgeworfen hatte.“ -

Tascha, die direkt neben uns sitzt, greift meine Hand.

„Damals war ich wirklich etwas enttäuscht, dass Du gerade mir das vorgeworfen hast. Jetzt weiß ich aber, dass Du eigentlich nicht mich speziell gemeint hast – und vor allem weiß ich jetzt, was Du gemeint hattest. Ich war wirklich keine gute Fliegerin und jetzt mit meinen neuen Schwingen ist mir auch bewusst geworden, was ich damals schon hätte besser machen können.“ -

Ich schüttele den Kopf.

„Du musst mich nicht entschuldigen. Meine Worte waren zu hart, ich hätte verstanden, wenn Du mich da verlassen hättest.“ -

„Ich konnte Dich nicht verlassen, ich war in Deinen Dienst getreten, Großer. Aber ich habe mich auch schnell damit beruhigt, dass Große nun mal so sind, ansonsten warst Du ja ganz umgänglich.“ -

Wir grinsen uns an NüShi hat uns interessiert zugehört.

„Selten gibt ein Drache ohne Not eigene Fehler zu, Du bist wirklich interessant, Eldingar. Bedauerlich, dass ich jetzt nicht mehr über Dich erfahren kann, aber ich werde mich bis morgen beherrschen können. - Verzeih, würdest Du mir Deinen Löwenfreund vorstellen? Ich verspreche auch, ihn nicht einzufrieren oder anzuknabbern.“

Wir haben natürlich die ganze Zeit offen gesprochen, alle in der Nähe konnten mithören, also auch Atum. Er hat sich mittlerweile wohl an NüShi gewöhnt, jedenfalls grinst er bei ihren Worten.

Ich reiche ihr die Hand, die sie ergreift und wir gehen die wenigen Schritte zu Atum herüber.

„NüShi, ich freue mich, Dir Atum vorstellen zu dürfen. Ein Freund aus den Tiefen der Zeit, in dessen Fell ein kleiner Menschenjunge oft Trost fand. - Atum, ich darf Dir Lady N?shì Huoyàn Xing vorstellen. Hüterin des Landes, das wir als China kennen, nordöstlich des Revieres meiner Partnerin Tyria.“ -

„Auch Ihr dürft mich mit NüShi ansprechen, Herr Atum.“ -

Er verneigt sich formvollendet.

„Ich danke Euch, Lady NüShi. Mir ist Euer Reich durchaus ein wenig bekannt, ich habe es ein paar Mal bereist. Ihr wacht weise über das Euch anvertraute Reich, wie mir schien.“ -

Sie deutet eine Verneigung an.

„Ihr versteht einem Drachen zu schmeicheln, Herr Atum. Wenn Ihr erlaubt, überlasse ich unseren gemeinsamen Freund seinen Pflichten und frage Euch ein wenig aus. - Keine Sorge, ich werde Euch zwar danach fragen, aber Ihr braucht mir nicht zu verraten, wo Eure Wohnstatt zu finden ist.“

Sie nickt mir zu und lässt meine Hand los. Ich klopfe Atum leicht auf die Schulter.

„Gute Unterhaltung, alter Freund. Und lass Dich nicht abwerben, denk dran, hier ist es wärmer als in China und die essen da mit Stäbchen.“ -

Grinsend landet er einen ordentlichen Prankenhieb in meinen Rücken.

„Keine Sorge, Knirps. Aber vielleicht probiere ich mal aus, wie man Suppe mit Stäbchen isst.“ -

„Dann viel Spaß. - NüShi, ich überlasse Dich dann der fürsorglichen Obhut meines väterlichen Freundes. - Nebenbei ist sein Fell außerordentlich weich und kuschelig.“ -

Sie streicht über seinen Arm.

„Oh, wirklich. Die meisten mammalen sind so struppig, aber sein Fell...“ Sie gurrt grinsend leise.

„Danke Eldingar – Herr Atum, habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, in engeren Kontakt mit einer Drachin zu treten...“ -

Mühsam verkneife ich mir ein lautes Lachen, als ich seinen verzweifelt erschreckten Blick sehe. Mit einer leichten Verneigung gehe ich zurück zu Tascha, dass er Männchen bevorzugt, muss er ihr schon selber erklären. - Aber sie hat auch nur gescherzt, denn bei aller Freundlichkeit gegenüber anderen, ist sie eine Große – und sieht ihn in dieser Hinsicht höchstens als sprachbegabtes Kuscheltier an. Selbst mir kommt dieser Gedanke gelegentlich, wenn ich ihn ansehe – allerdings nie wirklich ernsthaft.

Tascha hindert mich daran, mich neben sie zu setzen und beginnt meine Hose zu öffnen.

„Was hast Du vor, Liebes?“ -

Sie grinst.

Du fühlst Dich doch nicht richtig wohl so und nur die Hose wirkt auch nicht. Und auch wenn ich es kaum selber glaube, sehe ich Dich lieber richtig als Drache vor mir, nur in Deinen Schuppen.“

Sie zieht mir die Hose herunter und lässt mich aus den Beinen steigen, dann legt sie die Hose schnell zusammen und reicht sie an Padmini weiter.

„Setz Dich, ich möchte Dich auch von dem Schmuck befreien. Für mich und Tyria mag ich den Schmuck, aber bei Dir... Das wundervoll tiefe Blau Deiner Schuppen ist mehr Schmuck, als Gold und Silber es je sein könnte.“

Schnell entfernt sie allen Schmuck, Die Hornreifen, Ringe, Ketten, der gerupfte Kopfputz, alles gibt sie an Padmini, die es sorgfältig in einem Beutel verstaut. Zuletzt entfernt sie vorsichtig die Goldkappen von meinen Fangzähnen. Dann sieht sie mich liebevoll an und nähert langsam ihren Mund meinem rechten Auge.

„Erlaubst Du, mein Gebieter?“ -

„Natürlich, gerne. Ich habe es schon vermisst, Deine sanfte Zunge in meinem Auge zu spüren.“ -

Lächelnd lässt sie ihre Zungenspitze vorsichtig über mein Auge gleiten, erst rechts, dann links. Ich hebe meine Nüstern ein wenig, sofort hält sie still und öffnet ihre Augen weit, damit ich es ihr gleichtun kann. So lecken wir gleichzeitig gegenseitig unsere Augen sauber. Ich bemerke, dass NüShi das genau beobachtet.

Tascha kann gar nicht genug bekommen davon, erst nachdem wir jedes Auge dreimal intensiv geleckt haben, senkt sie langsam wieder ihren Kopf.

„Danke Geliebter. Es bedeutet mir viel mehr als jeder Liebesschwur und Kuss, wenn wir uns voller Vertrauen gegenseitig die Augen lecken.“ -

„Ich weiß es – und ich teile es sehr gerne mit Dir, meine geliebte Drachin.“ -

Sie legt ihren Kopf auf die Seite und öffnet ihren Mund, eine klare Einladung zum Kuss, der ich gerne nachkomme.

Padmini verneigt sich leicht und bringt den Schmuck und meine Kleidung weg. Noch bevor Tascha den Kuss beendet, kommt Tyria zurück und setzt sich neben mich. Nach einem letzten Züngeln unserer Zungenspitzen wende ich mich Tyria mit einem entschuldigenden Blick zu.

Sie legt mir lächelnd ihre rechte Hand an die Wange und bietet mir ebenfalls einen Kuss an, den ich ebenfalls nur zu gerne erwidere.

Anschließend schmiegen sich beide an mich, jede auf ihrer Seite. Tascha legt ihren Kopf auf meine Schulter, Tyria bewahrt einen kleinen Rest ihres selbstbewussten Stolzes und hält ihren Kopf aufrecht – aber ihre häufigen Seitenblicke zu mir und ihr darauf folgendes Züngeln an meinen Nüstern oder der Ohrfinne zeigt offen ihre Liebe zu mir.

Wieder sehe ich, dass NüShi uns genau beobachtet, während sie sich angeregt mit Atum unterhält. Er ist jetzt deutlich lockerer geworden und genießt es geradezu, wenn sie über sein Fell streicht.

Seit einigen Minuten verfolge ich im Hintergrund, dass Shanti sich zwischen den Zeltbahnen und der Dekoration hinter uns anschleicht. Jetzt macht sie sich zu einem Angriff bereit – nicht, dass ich glaube, dass sie mich angreifen will, aber sie will wohl versuchen, mich zu überraschen.

„Hast Du einen Wunsch, Shanti?“ -

Ich spüre, wie sie jegliche Spannung verliert. Sie steht auf und kommt mit müden Schritten und hängendem Kopf zu mir.

„Verzeih Herr. Bin ich sogar als Nachtkriegerin so unvollkommen und unbrauchbar?“ -

Trauer und Verzweiflung liegt in ihrer Stimme.

Ein kurzes Streicheln veranlasst Tascha und Tyria mich kurz frei zu geben und ich wende mich Shanti zu – sie hat meine volle Aufmerksamkeit verdient, das spüren auch meine Partnerinnen.

„Nein Shanti. Als Nachtkriegerin bist Du sehr gut. Ich habe Dich erst vor einigen Momenten bemerkt. - Ein zufälliger Luftzug hat Deinen Geruch zu mir getragen und dann habe ich mich auf ungewöhnliches in meinem Rücken konzentriert. Aber es war ein Drache, der Dich entdeckt hat. Menschen und sicher auch Draccier hätten Dich erst bemerkt, wenn es zu spät gewesen wäre. - Die Nachtkriegerin Shanti ist eine ernst zu nehmende Gegnerin.“ -

„Bitte versuche nicht, mich zu trösten, Herr. Ich habe nach unserem Kampf – wenn man das so nennen kann – mit Bhima das noch mehrfach versucht. Von dreimal endete ich zweimal so wie bei Dir, beim dritten Mal, als ich höher sprang, hat er sein Schwert gezogen und meinen Bauch vom Hals bis zur Afterspalte aufgeschlitzt. Bei einem letzten Versuch hat er gehandelt, wie er es normalerweise gemacht hätte – und mich in Stücke gehackt... - und nun versage ich noch darin, mich anzuschleichen...“ -

„Vorhin, als wir kämpften, habe ich nicht mehr eingesetzt, wie ein Draccier es auch kann – Bhima hat es Dir ja bewiesen. Da wollte ich Dir zeigen, dass Dein Stolz gegenüber den Feldkriegern in dem Maß nicht gerechtfertigt ist. Eure Art zu kämpfen ist eine ganz andere, als bei den Feldkriegern und auch wenn sie euch fürchten, wenn ihr in der Nacht angreift, so sind sie mit ihrer Art zu kämpfen in der offenen Schlacht im Vorteil. Dass ich Dich da so hart angefasst und fast erstickt habe, war die Strafe dafür, dass Du Deinen scharfen Dolch nicht gegen einen stumpfen ausgetauscht hattest.“ -

Sie senkt ihren Kopf noch mehr.

„Ich verstehe Herr.“ -

„Es gibt keinen Grund so niedergeschlagen zu sein. Als Nachkriegerin bist Du wirklich gut ausgebildet und zu fürchten. Vergiss nicht, dass ich ein Drache bin und meine Sinne sehr viel feiner sind. Und doch war es nur ein Zufall, dass ich Dich bemerkt habe. - Und was die offene Schlacht angeht: übe ein wenig mit dem Schwert, dann muss man Dich auch dort ernstnehmen.“ -

Shanti reißt sich zusammen und richtet sich wieder auf.

„Ich verstehe Herr. Ich danke Dir für die Belehrung.“ -

Sie verneigt sich und verschwindet leichtfüßig zwischen den Zeltbahnen. Meine beiden schwarzen Drachenladys nehmen den engen Kontakt zu mir wieder auf.

„Tyria, meine Wolke, bitte versprich mir, Tascha morgen wieder ihre richtigen Farben zu geben, zwei völlig schwarze verwirren mich irgendwann.“ Ich blicke dabei Tascha an, die mich angrinst.

Tyria stupst mich an.

„Ich bin hier, mein Sternenhimmel. Natascha hat bereits alles erhalten, was sie braucht um morgen wieder ihre weißen Bauchschuppen zu haben.“ -

„Ich weiß, dass Du rechts von mir sitzt, meine Wolke. Aber es kann auf Dauer tatsächlich verwirren.“ -

Ein Draccier kommt auf uns zu mit zwei Krügen in den Händen. Der Rostbraune – wie heißt der noch gleich... moment rostbraun mit dunklen mattroten Bauchschuppen... so einen habe ich hier noch nicht gesehen. Ich will schon Jaya rufen, da fällt mir die Beinschiene auf, die er trägt – und Verbände, vor allem an den Schwingen...

„Rohit.“ -

Er nickt.

„Ja Natha.“ Er senkt seine Stimme.

„Ishwari Rajeshri war so freundlich, meine Schuppen ein wenig den Dracciern anzugleichen. Mir gefällt es und ich brauche mich nicht mehr verstecken in Deinem Dienst.“ -

„Ausgezeichnete Idee, meine Wolke. Wie erklären wir aber seine Farbänderung?“ -

Aditi ist dazugekommen und betrachtet Rohit unauffällig.

„Gut. So wird ihn niemand erkennen. Darf ich mir auch einmal meine Schuppen färben lassen? Ich wollte schon immer mal blaue Schuppen haben... - Verzeih Sath?, ein Scherz, es ist wirklich sehr gut gelungen. - Erklären können wir es mit den Verletzungen. Bei uns kommt es vor, dass wir bei sehr schweren Verletzungen vorübergehend die Farben verlieren – er wurde dabei eben rot, aber er ist ja ohnehin in allem etwas ungewöhnlich.“

Ein schneller Blick sagt mir, dass NüShi uns jetzt nicht besonders beachtet, Rohit ist ihr nicht aufgefallen.

„Sei trotzdem aufmerksam und meide andere Drachen, wenn sie zu Besuch sind, Rohit.“ -

„Ich gehorche, Natha. Verzeih, Shakti sagte, Du möchtest das Bier probieren?“ -

„Richtig. Zwei Krüge?“ -

„Ja Natha. Im Rechten ist Bier aus eingeweichten Brot, im linken aus gekochten Reis. Beide mit Honig vermischt und vergoren.“ -

„Du kennst Dich mit der Zubereitung von Bier aus?“ -

„Ich habe es mir erklären lassen. Nein, ich meide die berauschenden Getränke der Menschen und Draccier.“ -

„Also auch keinen Wein?“ -

„Nein Natha.“ -

„Ich verstehe. Ich verbiete es Dir zwar nicht, ein wenig dieser Getränke zu Dir zu nehmen, aber es kann auch nicht schaden, wenn Du sie meidest.“ -

Er füllt zwei Becher mit den Bieren und verneigt sich.

„Wenn Du erlaubst, ziehe ich mich jetzt zurück. Mein Bein beginnt zu schmerzen und ich möchte den Dienst morgen nicht versäumen deswegen.“ -

„Du gehst in Dein Quartier?“ -

„Verzeih Natha, noch nicht. Ich möchte noch an der Aufnahme der Krieger teilnehmen bevor ich mich hinlege. Aber Herrin Aditi hat mir erlaubt, mich solange zu setzen und mein Bein zu schonen.“ -

Ich nicke.

„Akzeptiert. Wir sehen uns sicher noch bei der Aufnahme.“ -

Er verneigt sich und geht langsam zurück, wo er sich im Hintergrund beim Grill hinsetzt und nebenbei darauf achtet, dass das Fleisch warm bleibt, aber nicht austrocknet. Aditi registriert aufmerksam, dass er sich sogar beim Ausruhen noch nützlich macht.

„Ich hätte gerne mehr solche Rekruten gehabt... - Natha, ich würde ihn gerne morgen in seinem Quartier lassen, damit er sich erholen kann. Heute treiben ihn noch seine Hormone, aber morgen würde es selbst einem Drachen nicht besonders gut gehen. Wenn ich dazu freigestellt werde, möchte ich ihn ein paar Tage noch aus dem allgemeinen Dienst nehmen und in Ruhe in die Grundlagen eines Draccierlebens einweisen. Dann wird er sich sicherer fühlen, wenn er auf die anderen trifft und mit ihnen gemeinsam beginnt seinen Dienst zu tun.“

Sie beobachtet mich beim Probieren der beiden Biersorten.

Da ich von Reisbier nicht viel erwarte, probiere ich das zuerst. - Brrrr, ist das eine Brühe. Süß, trübe, ein eigenartiger Reisgeschmack. Mein Gesichtsausdruck muss Bände sprechen, denn Aditi grinst breit, Tyria jedoch ist sofort alarmiert.

„Eldingar...?“ -

„Schon gut, Tyria. Nichts gefährliches, aber der Geschmack geht gar nicht.“ -

Aditi kichert.

„Einige schwören darauf, aber ich mag das Zeug auch nicht. Mir ist das Bier aus Broten und Getreidebrei lieber, am besten aus Weizen oder Gerste.“ -

Ich nehme den anderen Becher und schnuppere daran. Ja das riecht schon mehr wie Bier, aber es fehlt auch noch etwas.

Vorsichtig nehme ich einen Schluck. - Gut, ein wenig schmeckt das wirklich nach Bier, aber es ist geschmacklich irgendwie dünn und nichtssagend. Auch dies etwas süßlich, aber im Wesentlichen fehlt das Hopfenaroma vollkommen, dafür scheinen da einige andere Gewürze drin zu sein. Offensichtlich haben auch die Brauer erkannt, dass noch etwas fehlt.

„Ja, das Brotbier ist schon eher trinkbar. Ich werde wohl bald ein Rezept für Bier bekommen, wie es drüben gebraut wird. Das könnt ihr dann mal probieren es so zu machen, vielleicht schmeckt es euch auch. - Und wegen Rohit: ja, er soll sich morgen ausruhen und dann langsam in seine Rolle finden. Du entscheidest, wenn er soweit ist. Ich habe kein Problem damit, wenn ich ihn einige Tage nicht sehe.“

Noch einen Schluck von dem Brotbier.

„So wirklich schmeckt es mir nicht, aber das hier ist wenigstens noch trinkbar. Ich bleibe dennoch lieber beim Wein.“ -

Aditi deutet eine Verneigung an.

„Ich danke Dir Natha. - Auch für eine andere Art Bier zu machen, ein anderes Bier ist immer interessant. - Ah, die Zweikämpfe gehen langsam zu Ende, ich bin gleich dran gegen die Herrin Jaya zu kämpfen, verzeiht, dass ich mich kurz zurückziehe – Natha, Sath?...“-

Sie geht. - Tyria hat nur kurz an den Bechern geschnuppert und die Nüstern dabei kraus gezogen.

„Wie kannst Du nur so etwas trinken... - Nein, sag nichts... Es ist wie beim Fleisch – aber ich verstehe es wirklich nicht.“ -

„Aber ich verstehe Dich durchaus, meine Wolke. Es klingt wirklich nicht besonders lecker, wenn man daran denkt, Brot mit Wasser zu durchweichen und das Ganze dann gären zu lassen – passt man nicht auf, verdirbt es auch leicht dabei. - Aber auch Wein ist ein vergorener Fruchtsaft.“ -

„Ich weiß, trotzdem...“ -

„Sei unbesorgt. Dieses Bier ist nichts für mich, aber ich will doch vieles hier wenigstens probiert haben. - Für mich war es auch sehr gewöhnungsbedürftig, als Feral einen Hirsch mit Haut, Haar und Knochen – und Geweih – herunter zu schlingen.“ -

Tyria sieht mich fragend, forschend an, dann beginnt sie zu lächeln.

„Oh, ja. Das muss für einen Menschen der nächste Schreck gewesen sein. Eldflóð hat mir einmal erzählt, dass die Menschen drüben oft nicht einmal mehr wissen, wie das Tier, dessen Fleisch sie essen einmal ausgesehen hat, weil sie das Fleisch zerkleinert bekommen – vermutlich ähnlich wie wir hier die Fleischstreifen.“ -

„Ja, das stimmt schon. Aber ich hätte auch Fleisch gegessen, wenn ich das Tier selber hätte töten und zerlegen müssen. Obwohl es mir auch nicht so leicht gefallen wäre, ein Tier bewusst zu töten – auch als Mensch hätte ich ihm wohl für sein Opfer gedankt, selbst wenn wir drüben nicht an den Lebensstrom und die Kraft Erces glauben.“ -

NüShi ist wieder zu uns gekommen und steht jetzt hinter uns.

„Oh Eldingar... mich zerreißt es fast vor Neugier – bitte sei morgen nachsichtig mit mir, ich werde Dir sicher die Schuppen vom Körper fragen...“ -

„Das wirst Du dann mit Tyria ausmachen müssen, wenn ich ohne Schuppen zu ihr komme...“ -

NüShi sieht mich fragend an, Tyria aber hat meinen Scherz verstanden und grinst.

„Dann wird sie viel Jade liefern müssen, damit wir Dir neue Schuppen machen können.“ -

Jetzt begreift auch NüShi.

„Oh, ja – kein Problem. Nur wird er dann grün sein...“ -

„Ich hätte ja gerne Opale... oder doch Diamanten? Die sind härter... Schwierig, Schwierig...“ -

Tyria sieht mich fast böse an.

„Nix da, Du behältst Deine Schuppen, sonst gehe ich. Soweit kommt das noch... Diamanten – und dann lässt er sich mit einer Erddrachin ein... Du Schuft Du.“

Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter und sieht mich mit einem sinnlichen Glühen in ihren Augen an.

„Versprich mir, Deine Schuppen zu behalten. Die schönsten Edelsteine sind nichts gegen Deine Schuppen, mein Sternenhimmel.“ -

„Ich werde mich bemühen, es NüShi schwer zu machen, mir die Schuppen abzuschwatzen. - Du hast offensichtlich einen angenehmen Eindruck auf Atum gemacht, NüShi. Er war ja ungewöhnlich entspannt bei eurem Gespräch. Oder hat er die Vorsicht gegenüber den Großen Drachen inzwischen abgelegt?“ -

NüShi nickt.

„Noch nicht ganz, aber er hat verstanden, dass er uns nicht fürchten muss, solange er nicht radikal und wiederholt gegen die Gesetze dieser Welt verstößt. Ich habe ihn wohl auch damit beruhigen können, dass ich ihm sagte, dass der Geruch Erces – also unserer Lebenskraft – an ihm haftet.“ -

„Er hatte heute zum ersten Mal Kontakt mit einer Quelle. Vermutlich hat Erce ihm dabei diesen Geruch gegeben, damit wir ihn als Freund und quasi Einheimischen erkennen. - Mir ist das noch gar nicht aufgefallen.“ -

NüShi lächelt mich an.

„Er riecht auch nicht wirklich danach - ich kann die Lebenskraft spüren, wenn ich jemanden berühre, die Stärke und ob es unsere oder eine fremde Lebenskraft ist.“

Sie legt wieder ihre Hand sanft in meinen Nacken.

„In Dir brodelt so viel von der Lebenskraft Erces, dass ich mich frage, ob ich nicht auf die Knie fallen und Dich mit Erce ansprechen sollte – nein, ich weiß, Du bist nicht Erce, aber Du verstehst so vielleicht, wie intensiv meine Empfindung bei Dir ist.“ -

Ich schüttele heftig den Kopf.

„NüShi – ich bitte Dich, mache mich nicht zur Inkarnation Erces. Ja, ich bin ihr Geschöpf, wurde von ihr geschaffen und geleitet – aber ich verstehe mich als unabhängiges Wesen, dass nur aus Einsicht ihrem Rat und ihren Wünschen folgt. Mache mich nicht zu etwas Besonderem, ich bin nur ein einfacher Mensch, der zum Drachen wurde. Und ich fühle mich immer noch etwas unbehaglich, wenn ich von so vielen Drachen umgeben bin.“

Tyria springt fast von ihrem Sitz auf, hockt sich neben mich und nimmt meinen Kopf in ihre Hände. Sie zwingt mich geradezu, in ihre Augen zu blicken, deren sanfte Glut mich wieder gefangen nimmt.

„Eldingar, Geliebter. Zweifele nicht - ob Drache oder Mensch, Du brauchst mich nicht fürchten. Selbst wenn Erce Dich jetzt sofort wieder zu einem schwachen Menschen machen würde, Ich würde bei Dir bleiben und Dich schützen, das Gleiche gilt sicher für Natascha.“ -

„Danke Tyria, das bedeutet mir sehr viel, vielleicht mehr, als Du ahnst. Die Liebe von euch beiden und dass ich euch lieben darf, ist ein wichtiger Halt in diesem Leben für mich.“

Tascha kniet jetzt auch neben mir und legt ihren Kopf an meine Brust. Sie sagt nichts, aber ich spüre die Schwingungen ihres sanften Gurrens.

„Und mit dem Kind werde ich wohl noch ein wenig mehr hier ankommen in dieser Welt. - Verzeih bitte Tyria, ganz ankommen werde ich erst, wenn auch wir beide einen Nestling in die Arme schließen, wann immer das sein mag.“ -

Das kurze verzweifelte Flackern im Blick Tyrias, als ich das Kind mit Tascha angesprochen habe, wird schnell zu einem liebevollen Leuchten.

„Du wartest, bis ich bereit bin?“ -

„Unsere Liebe ist mir wichtig – ich warte, auch wenn es fünfzigtausend Sommer dauert.“ -

Tyria hebt mein Kinn etwas und neigt meinen Kopf etwas, sie neigt ihren Kopf ebenfalls und ich spüre ihre Lippen auf meinen. Ich öffne meinen Mund und sie gibt mir einen langen, zärtlichen Kuss. Tascha streichelt mir schon eine Zeitlang zärtlich meine Schuppen. Und NüShi steht immer noch hinter mir, krault mir sanft den Nacken und betrachtet das ganze lächelnd.

Meine beiden Partnerinnen kenne ich ja so bereits, aber dass NüShi so ausdauernd den Körperkontakt zu mir hält ist ungewöhnlich. Normalerweise meiden die Großen einen Körperkontakt weitgehend, selbst ein Berühren mit der Hand ist eher selten. Nur bei der Paarung und wenn zwei Partner in Liebe verbunden sind, akzeptieren sie einen andauernden engen Kontakt. Wobei ich weiß, dass Tyria zu mir außergewöhnlich engen Kontakt hält.

Dass NüShi diesen eigentlich recht intimen Kontakt des Nackenkraulens so ausdauernd ausführt, mag auch daran liegen, dass ich dieses Gefühl gerne mag und es daher auch ihr gegenüber mit einem leichten Neigen des Kopfes deutlich akzeptiere. Aber ich habe auch ein wenig das Gefühl, dass ihr der Partner fehlt und sie in mir eine Art Ersatz findet. - Keine Liebe, auch kein Paarungsdrang – aber sie ist wohl in der Phase, wo auch ein Weibchen gerne die Schuppen eines Männchens spürt. Und vielleicht auch die gefühlte Nähe zu Erce, die sie anscheinend bei mir empfindet.

Mit einem Streicheln meiner Kiefer beendet Tyria ihren Kuss. Ich senke meinen Kopf und gebe Tascha, die mir ihren Mund entgegenreckt, auch noch einen schnellen, aber liebevollen Kuss.

Dann lösen sich alle, etwas widerstrebend, von mir. Tyria rückt einen Stuhl weiter und lässt NüShi den Platz an meiner Seite – auch sie hat bemerkt, dass NüShi wohl gerade die Nähe eines Männchens braucht.

Die Draccier beachten uns – zumindest offen – nicht besonders. Obwohl ihnen wohl sehr bewusst ist, dass sie gerade Zeuge einer Begebenheit waren, die nicht viele Beobachter lebend überstanden haben. Drachen achten sehr darauf, dass Intimes auch intim bleibt. Aber sowohl Tyria, wie auch NüShi wirken sehr entspannt, dazu vertrauen sie wohl auf meinen Schutz.

Jaya und Aditi kämpfen immer noch gegeneinander. Beide konnten keinen entscheidenden Vorteil erringen, jetzt bekommen sie kaum noch die Schwerter gehoben und beobachten sich schwer atmend. Da ich, dank meiner Drachensinne, den Kampf nebenbei mit verfolgt habe und den Verlauf jetzt wieder in Erinnerung rufen kann, entscheide ich jetzt.

Mit einem entschuldigenden Nicken zu meinen Begleiterinnen, erhebe ich mich und gehe zu den beiden Kämpferinnen.

„Jaya, Aditi. Euer Kampf wird heute nicht mehr zu einem Ende kommen. Ihr seid heute gleich stark und keine konnte einen Vorteil erringen. Ich entscheide daher auf einen Gleichstand, beide haben gesiegt, da beide noch leben.

Jaya konnte uns zeigen, dass sie mit ihrer Jugend bereits eine sehr gute Schwertkämpferin ist, die auch erfahrenen Kriegern standhalten kann, sogar gegen Krieger, die ihre Schwingen einsetzen können. - Aditi hat uns gezeigt, dass auch eine bereits reifere Kriegerin mit ihrer Erfahrung dem jugendlichen Ansturm Stand halten kann und sie den besten Kämpfern ebenbürtig ist.

Lasst uns beide zu Siegern erklären und beide sich in Freundschaft trennen.“ -

Beide sehen sich kurz an, nicken und lassen dann gleichzeitig ihre Waffen fallen.

Aditi atmet tief durch und sieht mich dann müde an.

„Danke Natha für diese Entscheidung. Ich hätte kaum länger das Schwert halten können.“ -

Jaya ist zu Boden gesunken und stützt sich mit den Armen ab.

„Sie wollte einfach nicht nachlassen, unglaublich...“ stöhnt sie kopfschüttelnd und schwer atmend. -

Ich blicke zu Shankar.

„Habt ihr nasse Tücher bereit?“

Er nickt und wie auf Stichwort kommen Bhima und Shakti mit Eimern herein. Ravi folgt mit Wasserkrügen, die er beiden zum Trinken reicht. Während Bhima Aditi die Rüstung fast herunterreißt, legt Shakti schon nasse Tücher über Schultern und Rücken von Jaya, was Bhima wenig später bei der jetzt auch nackten Aditi nachmacht und dabei besonders ihre Schwingen bedeckt.

Wie wir Drachen schwitzen die Draccier nicht, oder nur sehr wenig. Und bei einer solchen körperlichen Belastung überhitzen ihre Körper nach einiger Zeit deutlich. Zwar vertragen auch sie eine deutlich höhere Körpertemperatur, als die Menschen, aber irgendwann wird es auch für sie gefährlich. Aditi kann über ihre Schwingen – wie wir Drachen – einiges an Wärme ableiten, aber andererseits hält die Rüstung die Wärme zusätzlich. Aber Jaya hat diese Kühlung nicht – dazu ist sie vollständig in meinem Panzer eingesperrt, dessen Auswirkungen ich nicht kenne. Ich hoffe, die Kühlung dringt durch, denn sonst gerät sie in ernsthafte Gefahr. Ich hocke mich vor Jaya und beobachte ihre Reaktionen.

NüShi spürt offenbar meine wachsende Sorge, denn trotz der nassen Tücher und dem kühlen Trinkwasser zeigt sie jetzt erste Anzeichen einer Überhitzung. Aditi dagegen erholt sich sichtlich.

Schnell kommt NüShi heran und nimmt mit ihren Sinnen die Situation auf.

„Oh, ich verstehe. Deine Körpertemperatur ist deutlich kühler, als die der Feuerdrachen – nur wenig über der von den Dracciern. Diese Panzer blockieren Temperaturen über der normalen Körpertemperatur sehr effektiv, leider in beide Richtungen. Und die Kleine liegt jetzt deutlich über Deiner Körpertemperatur, was Deine Panzerung jetzt blockiert. Die nassen Tücher sind nicht kalt genug um schnell genug Abkühlung zu bringen, zumal der Panzer auf der Außenseite nicht wärmer ist, als die Umgebungstemperatur. Sie muss schnell in kaltes Quellwasser oder besser noch in Schnee gelegt werden, nur dann dringt die Kälte schnell genug durch den Panzer.“ -

Ich hocke vor Jaya und halte sie, Shankar ist jetzt an meiner Seite und blickt besorgt auf Jaya.

„Das kalte Wasser in unseren Bädern hat nur wenige Plusgrade, reicht das?“ -

„Sicher, aber ich bin schneller, wenn Du erlaubst.“

Ohne meine oder Shankars Antwort abzuwarten, wickelt NüShi schon schnell die Tücher um Arme, Beine und Körper von Jaya.

Ich bemerke, dass Jaya langsam den Kampf zu verlieren beginnt, ihr Blick wird unsicher und obwohl sie unbewusst angefangen hat zu hecheln, wird ihre Atmung unregelmäßig.

„Jaya, Liebes, bleib bei mir. Konzentriere Dich, atme so schnell Du kannst, das kühlt Dein Blut. Und erschrecke nicht, wenn NüShi Dich einfriert, nur das kann jetzt schnell helfen.“ -

Das reißt sie noch einmal hoch, sie fokussiert wieder auf mich und mit einem schwachen Lächeln beschleunigt sie ihre Atmung, schafft es sogar in die Wechselatmung zu kommen.

Shankar legt mir seine Hand auf die Schulter und drückt fest zu.

„Eldingar, Herr. Bitte lasse meine Jaya nicht sterben. Reiße ihr diesen Panzer vom Körper, selbst wenn sie dann alle Schuppen verliert, aber lasse sie nicht sterben. Du willst doch nicht, dass sie stirbt, bevor ihr sehnlichster Wunsch erfüllt wurde...“ -

„Sei unbesorgt, wir lassen sie nicht sterben, und wenn ich diesen verdammten Panzer mit meinen Zähnen knacken muss.“ -

NüShi ist fertig mit dem Umwickeln von Jayas Körper und hat auch schon ihre Kräfte aktiviert, mit eiskalt blau leuchtenden Augen blickt sie mich an. Ich nicke und spüre im nächsten Moment eine unglaubliche Kälte an meinen Händen, da ich Jaya ja noch halte. NüShi übernimmt diesen Halt und nickt mir zu, vorsichtig nehme ich meine Hände weg, die kaum aus dem Einfluss von NüShis Kräften heraus, schnell wieder warm werden.

„Wasser.“ -

Ich verstehe was NüShi will und greife den Krug, aus dem ich langsam Wasser über die Tücher auf Jayas Körper gieße, das sofort einen Eispanzer bildet. Jayas Atem stockt und sie sieht mich erschreckt an, als sie die jetzt eiskalte Luft einatmet. Aber schnell spürt sie die kühlende Wirkung und atmet weiter, langsamer jetzt, aber mit tiefen Atemzügen.

Aditi hockt sich ebenfalls neben mich, auch sie legt ihre Hand auf meine Schulter. - Heute ist wohl ein Tag der Vertrautheit... -

„Natha, verzeih. Wir wussten nicht, was Dein Panzer für Auswirkungen hat. Strafe mich, ich hätte die Anzeichen schon eher bemerken müssen und den Kampf abbrechen.“ -

„Nein Aditi. Du hattest selber mit der Überhitzung in Deiner Rüstung zu kämpfen. Niemand kann verlangen, dass Du dann auf Deinen Gegner mehr achtest, als auf Dich selber. Keinem war bewusst, was meine Panzerung für Auswirkungen haben wird, auch Tyria nicht, denn ihre Panzerung blockiert offenbar erst bei höheren Temperaturen, mit ihrer wäre dies nicht so passiert. Wir wissen jetzt, dass meine Panzerung für einen Draccier eher ungeeignet ist, jedenfalls im Kampf. Und wir werden uns etwas überlegen, um für euch eine Rüstung auch im Kampf angenehmer zu machen.“ -

Jaya öffnet wieder die Augen, jetzt fokussiert sie sofort auf mich, ihr Blick ist wieder klar.

„Eldingar, bitte sag mir: war es so knapp, wie es sich angefühlt hat?“ -

„Ja, es war sehr knapp. Ich überlegte schon, als Feral die Panzerung aufzubeißen, selbst auf die Gefahr hin, Dich zu verletzen. - Aber der Weg hatte sich für Dich noch nicht geöffnet, ein wenig Zeit war noch, die NüShi zu nutzen wusste.“

Jaya will sich zu NüShi umdrehen, kann sich jedoch in dem Eispanzer nicht bewegen – nur ihr Kopf ist frei. Sie sieht an sich herunter.

„Oh, Eis... Diese Abkühlung habe ich dann sicher Lady NüShi zu verdanken. - Meine Lady, verzeiht, dass ich mich nicht zu Euch umdrehen kann, aber ich bin Euch zu großen Dank verpflichtet. Sagt, was ich oder mein Stamm für Euch tun können, wir werden tun, was in unserer Macht steht.“ -

NüShi steht auf und kommt herum, sie stellt sich hinter mich.

„Ich habe es gerne getan, zumal es Eldingar sehr wichtig war. Momentan habe ich keinen Wunsch, den ihr mir erfüllen könntet, aber wenn Du erlaubst, werde ich mir diesen Wunsch aufsparen. Ich weiß, dass ihr Dinge vollbringen könnt, die ein Drache kaum glauben mag. - Wenn Du Deinen Stamm mit einbringst, hast Du offensichtlich einen hohen Rang unter euch?“ -

Jaya sieht mich an, sie mag nicht recht dazu etwas sagen. Ich springe ein.

„Nun, wie es aussieht, wird Jaya die nächste Stammesführerin werden.“ -

„Ich verstehe. Umso wertvoller ist Dein Angebot, Jaya. Erlaube mir, diesen aufzusparen.“ -

Jaya nickt.

„Wie könnte ich das ablehnen. Verzeiht, wie lange muss ich so verharren?“ -

„Ein wenig wird es noch dauern, bis Dein Körper genug abgekühlt ist, so einfach gibt er seine Wärme nicht her, auch wenn er Zuviel davon hat. - Ich denke in 10 Minuten ist das Eis soweit getaut, dass Du Dich wieder bewegen kannst, dann sollte auch die Temperatur weit genug gesunken sein.“ -

Shankar nimmt seine Hand wieder von meiner Schulter und verneigt sich vor NüShi.

„Ich danke Euch Lady NüShi. Sollte es notwendig sein, wird auch mein Stamm an der Erfüllung Deines Wunsches mitwirken. - Dir Herr, kann ich nicht mehr bieten, als mein volles Einverständnis, wenn Du Jayas Wunsch erfüllst.“ -

Ich sehe ihn erschreckt an.

„Du meinst... das ist ihr größter Wunsch?“ -

Er nickt, Jaya blickt mich mit wachsender Erregung an.

„Soll das heißen, Du wirst mit mir...“ -

„Halt. Langsam mit den jungen Pferden. Du komm' erstmal wieder 'runter, Jaya, sonst überhitzt Du noch im Eis. Und ich habe nichts davon gesagt. - Genug jetzt. Wecke nicht meinen Zorn, ich möchte diese Feier nicht als wütender Drache beenden und alle fortjagen.“ -

Sie nickt mit gesenktem Blick.

„Verzeih mir Herr. Doch bitte ich Dich, meinen Wunsch nicht ganz zu vergessen – vielleicht, irgendwann...“ - ich verdrehe die Augen – und spüre, wie NüShi ihre Hände auf meine Schultern legt und wie automatisch mit einer sanften Massage beginnt. -

„... Verzeiht Lady NüShi. Ich trage zwar gerne die Panzerung meines Gebieters, aber ich erkenne doch auch Gefahren darin. Gibt es einen Weg sie zu entfernen? Vielleicht wirklich zerbeißen?“ -

NüShi kichert.

„Das wäre zwar ein Weg, aber nur wenn Du bereit bist, mit zerbissen zu werden. Die Panzerung ist zu elastisch um sie zu zerbeißen, ohne den Träger zu verletzen. Aber das ist auch gar nicht notwendig, lutschen reicht völlig.“ -

Ich sehe zu ihr hoch.

„Wie? Du meinst, ich soll Jaya wie einen Bonbon lutschen?“ -

Sie sieht zu mir runter.

„Verzeih, ich verstehe nicht...“ -

„Noch nie davon gehört, dass Menschen ihren Kindern Zuckerstücke geben, die diese dann lutschen? - Also kräftig einspeicheln, damit sich der Zucker langsam löst und der süße Geschmack dann im Mund ist?“ -

„Ach so, ja so funktioniert es. Natürlich musst Du Deinen Schutzspeichel dafür verwenden und den dann in Deinem Mund eine Zeitlang einwirken lassen, dann löst sich die Panzerung langsam wieder auf. Denke nur dran, sie ab und zu mal atmen zu lassen.“ -

„Wenn das so einfach geht... bitte Herr, mein Gebieter. Hilf mir, Deinen Panzer wieder zu entfernen. Ich halte das keine zehn Tage mehr aus, bis der sich von alleine löst. Und die Lösung mit den Mineralien von Lady Tyria ist mir auch irgendwie unheimlich.“ -

NüShi lächelt.

„Tyria weiß das doch auch... warum hat sie es nicht gesagt?“ -

Ich seufze.

„Vermutlich als kleine Strafe für Jaya, weil sie meinen Speichel nicht rechtzeitig abgewaschen hat – und um zu verhindern, dass Jaya noch einmal in meinem Mund kommt.“ -

„Was hat sie dagegen, wenn Du Jaya noch einmal in Deinen Mund steckst?“ -

„Nein, das war schon richtig ausgesprochen. Jaya war so erregt, dass sie gekommen ist, als sie in meinem Mund war.“ -

„Oh... ich verstehe. Aber war das so unangenehm für Dich, dass Du es nicht noch einmal erleben möchtest?“ -

„NüShi, ich bitte Dich...“ -

Sie lächelt,

„Verzeih.“ -

„Schon gut. Könntest Du vielleicht mit den Daumen ein Stück tiefer und etwas kräftiger... - Ja so ist es angenehm...“ -

Plötzlich zieht sie ihre Hände mit einem erschreckten Ausdruck zurück.

„Große Erce – verzeiht mir, mein Lordpaladin. Ich habe mich vergessen... verzeiht mir meine Frechheit euch einfach so zu berühren...“ -

„Nur, wenn Ihr mir die Frechheit verzeiht, Eure Berührungen als angenehm zu empfinden. - NüShi, mach Dir darum keine Gedanken. Ich bin es noch gewohnt, dass die Menschen sich oft gegenseitig berühren, ohne darüber besonders nachzudenken.“ -

„Aber bei uns Drachen ist es sehr ungewöhnlich, wenn wir keine Partner sind – und, verzeih, aber das sind wir nicht.“ -

„Richtig, trotzdem ziehe ich keine Schlüsse daraus, ich finde es einfach nur angenehm – vielleicht zeigst Du Tyria, wie das mit dem Massieren des Nackens funktioniert...“ -

„Darüber können wir gerne reden... - Lass uns nach Deiner Kleinen schauen, ihre Temperatur ist jetzt weit genug herunter gegangen.“ -

„Sie ist nicht meine Kleine, sie ist meine Waffenmeisterin.“ -

„Gut, dann Deine kleine Waffenmeisterin.“

Während ich gespielt ärgerlich knurre, geht sie zu Jaya, um die sich Shankar liebevoll gekümmert und mit etwas zu trinken versorgt hat, denn sie ist ja immer noch in dem Eispanzer eingefroren. Wobei ich nebenbei auch immer ein Auge auf sie hatte. NüShi aktiviert wieder ihre Kräfte und wie ich es erwartet hatte, kann sie nicht nur einfrieren, auch das Auftauen gehört zu ihren Fähigkeiten. Blitzschnell ist das Eis getaut, ohne dass ich einen Hauch Wärme spüre.

Jaya sinkt mit einem erleichterten Aufatmen etwas in sich zusammen.

„Ein Glück, es wurde unbequem und kalt an den Armen und Beinen...“ sie verzieht ihr Gesicht

„... und am Schwanz...“

Sie legt ihre Hände vor sich auf den Boden und verneigt sich in meine Richtung.

„Eldingar, ich bitte Dich, mir die Panzerung wieder zu entfernen. Es ist eine große Ehre, aber im täglichen Leben einfach zu hinderlich.“ -

„Gut, ich werde es nachher entfernen. Ich denke, ihr solltet jetzt erst die Aufnahme durchführen.“ -

„Ja Herr.“

Sie steht auf, muss sich aber sofort an Shankar festhalten.

„Oh, mir ist doch noch ein wenig flau... - Verzeih Herr, würdest Du...?“ -

„Natürlich. Keine Eile, nicht dass jetzt doch noch etwas passiert.“

Ich richte mich auf.

„Dann sind die Schaukämpfe hiermit beendet. Alle wissen jetzt, was von den anderen zu erwarten ist. Ich denke, dass die Kleiderordnung jetzt etwas Auffrischung vertragen könnte, danach werde ich die Krieger in meine Garde aufnehmen.“ -

Die Draccier sammeln ihre Waffen zusammen und verabschieden sich nacheinander mit einer knappen Verneigung - nach ein paar Minuten bin ich mit Tyria, Tascha, NüShi, Padmini und Atum alleine – wenn man zu sechst alleine sein kann, jedenfalls. NüShi hat neben mir gewartet und geht jetzt mit mir zu unseren Plätzen zurück.

„NüShi, ich bin Dir zu Dank verpflichtet. Ohne Deine Hilfe hätte ich meine Waffenmeisterin verloren.“ -

Sie schüttelt leicht den Kopf.

„Nein, sie hätte noch lange durchgehalten. Die Draccier sind sehr robust, sie wäre zwar bald bewusstlos geworden, das ist schon richtig, aber ihr Körper hätte sich dann auch schnell wieder abgekühlt. Es ist ohnehin nur passiert, weil sie komplett mit Deinem Panzer eingehüllt ist, wäre ihr Kopf freigeblieben, wäre ihr nur sehr warm gewesen, mehr nicht.“ -

„Ich war also umsonst besorgt?“ -

„Ja. Aber ich kenne das Volk der Draccier seit ich geschlüpft bin. Ich habe sie – die auch die Menschen – immer beobachtet und weiß, was ihre Körper ertragen können - besser, als sie selber.“ -

„Und doch hast Du geholfen...“ -

„Warum auch nicht? Du hast sehr besorgt um sie. Dich zu beruhigen war mir das bisschen Eis wert.“ -

Also hat sie nur wegen mir geholfen. Ich habe mal wieder vergessen, dass die Drachen sich um die anderen Völker keine besonderen Gedanken machen. Ich greife zu meinem Becher, den Tascha mir wieder mit Wein aufgefüllt hat und nehme einen ordentlichen Schluck. Mal wieder bin ich auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

„Ich verstehe...“ -

NüShi sieht mich prüfend an, dann seufzt sie.

„Verzeih, Eldingar. Offenbar habe ich Dir gerade eine Illusion zerstört.“ -

„Nein, keine Illusion, nur die Hoffnung, es gäbe Drachen, die ähnlich über die anderen Völker denken, wie ich.“ -

„Eldingar, es ist gut, wenn Du die anderen Völker achtest – aber Du solltest Dein eigenes Volk immer als erstes sehen – alle anderen kommen dann nach ihrer Rangfolge.“ -

Will sie das? - Will sie das wirklich...?

Ich spüre direkt, dass mein Lächeln geradezu teuflisch wird, meine Schwanzspitze zeigt die deutliche Warnung, sich jetzt besser nicht mit mir anzulegen...

NüShi betrachtet mich mit zunehmender Unsicherheit, dafür beginnt jetzt Tyria zu lächeln.

„Das war der falsche Rat, NüShi...“ kommt trocken von meiner schwarzen Todeswolke.

„... völlig falsch... - Þórr, sei nachsichtig mit ihr, es ist doch nur ein schon älteres Weibchen...“

Tyria scheint es fast zu genießen...

„Verzeih Deiner gehorsamen Partnerin, dass ich mich ungefragt einmische.“ -

Sie rutscht tatsächlich vom Stuhl und kniet mit gefalteten Händen und tief gesenktem Kopf neben mir. Eigentlich müsste sie wissen, dass ich jetzt noch nicht so weit in meiner Vergangenheit bin, dass ich das von ihr erwarten würde, sie will NüShi wohl eins auswischen. Na, dann spiele ich doch mal mit.

„Du verteidigst in meinem Haus eine Fremde, Weibchen?“ -

„Ich möchte meinen Gebieter nur auf die Unwissenheit des fremden Weibchens aufmerksam machen.“ -

„Du übertreibst aber etwas dabei, Tyria. Unsere Weibchen duldeten uns nur zur Paarung und während der ersten Monde danach – sie fürchteten uns aber auch, soweit ist das schon richtig. - Die meiste Zeit haben sie aber versucht, uns mit Zähnen und Krallen aus ihren Revieren zu vertreiben, wir in der Zeit aber auch sie aus unseren - wollen wir uns ein wenig die Schuppen zerkratzen?“ -

Tyria grinst.

„Wenn Du erlaubst, verzichte ich gerne darauf.“

Ich grinse ebenfalls.

„Es gehörte aber auch zum Liebesspiel vor der Paarung...“

Ihr Grinsen wird etwas schief, sie stellt sich wohl vor, sich gegenseitig beim liebevollen Beieinander mit mir, blutige Schrammen zu holen. Denn seit langem sind die Drachen auch als Ferals dabei sehr zärtlich zueinander. - Eine sehr angenehme Änderung des Verhaltens.

Wieder ernst werdend, wende ich mich NüShi zu.

„Was Tyria Dir damit sagen wollte... - Dein Rat, mein eigenes Volk, meine eigene Herkunft über alle anderen zu stellen, könnte böse danebengehen für die Großen Drachen heute. - Ich bin einer der ursprünglichen Drachen die Erce geschaffen hat. Ich bin der letzte der Ersten, der noch von ihr selber erschaffen wurde, ein Ältester, wie ihr heute wohl sagt. - Wenn ich mein Volk an die erste Stelle setze, dann bin ich alleine, nur Fjörgyn und ihre Nachkommen kann ich noch anerkennen. - Danach folgen dann die genetisch noch gesunden Drakarin. Die heutigen Großen kommen da erst nach den Dracciern, deren Erbgut ebenfalls gesund ist und ein stabiles Volk möglich macht. - Sogar die Nackthäuter sind gesünder und agiler, als ihr mittlerweile degenerierten Großen. -

Möchtest Du da nicht lieber Eldingar seine Meinung lassen, dass alle Völker grundsätzlich die gleichen Rechte haben sollten und alle Völker nach ihren Fähigkeiten die Plätze einnehmen?“ -

Die Präsenz des Ursprünglichen Drachen, die ich gerade ausstrahle, die Präsenz von Þórr, wie Tyria mich dann nicht ganz falsch zu nennen pflegt, hat NüShi einen Schritt zurückweichen lassen.

„Aber... Lord Eldingar... wer... was... - Ihr seid doch einer der unsrigen, ein Großer Hüter der Lebenskraft, ein Drache...“ -

„Nein. Ich bin ein ferner Vorfahre von euch. - Richtig ist aber, dass ich unter und mit euch lebe. Sorge Dich nicht, ich werde mich nicht gegen euer Volk stellen - und die Fähigkeiten der Großen Drachen, die Lebenskraft zu nutzen, stellen diese auch für mich an die Spitze der Völker. -

Verzeih mein kleines Spiel – meine Krieger kommen zurück, lass uns morgen in Ruhe darüber sprechen“ -

Die wie aufgedrehte NüShi ist verschwunden, jetzt steht eine verwirrte und ernste NüShi vor mir, die offensichtlich die Welt nicht mehr versteht. Sie greift schnell nach einem Becher Wein und trinkt den in einem Zug leer. Für einen Drachen eine eigenartige Handlung, ich hätte eher erwartet, dass sie mich minutenlang stumm anstarrt während sie versucht alles zu verstehen, oder mit einem Zornesausbruch das Unverständliche sozusagen in der Luft zerfetzen. - Aber einen Becher Wein herunterstürzen als Kompensationshandlung zum Zerschlagen der Tische – das ist eigentlich so sehr menschlich... offensichtlich hat sie sich in langen Jahrhunderten einige menschliche Verhaltensweisen angewöhnt.

Aber es hilft ihr anscheinend auch, schnell einen Entschluss zu fassen.

„Ja. Ich muss darüber nachdenken... - Du wirst mir morgen einiges erklären müssen, damit ich es verstehe, Eldingar.“ -

Ich nicke. Tyria, die wieder neben mir steht, legt ihre Hand sanft an meine Wange, ich mache es ihr nach und wir geben uns einen kurzen, aber liebevollen Kuss, dann geht sie zu NüShi, um sie wieder zu beruhigen und von meiner Freundschaft zu den Großen Drachen zu überzeugen. Ein kurzer Rundblick zeigt mir, dass Atum sich einen Platz zwischen den 'neuen' Dracciern gesucht hat. Momentan sitzt er dort zwar alleine, beschäftigt sich aber mit essen und trinken – dem Krug nach zu urteilen bevorzugt er das Brotbier, vielleicht weil es ihn ein wenig an das Gebräu erinnert, das die alten Ägypter sehr gerne getrunken haben.

Ich kann mich nicht mehr so wirklich an den Geschmack damals erinnern – wohl verdrängt, weil ich das Zeug schon damals nicht mochte, wie ich mich erinnere. Noch als Kind hatte Atum mir damals ein wenig davon gegeben und die Erinnerung daran ist, dass ich es einfach scheußlich fand. Da ich zudem einer hochstehenden Familie angehörte, stand mir später dann immer sauberes Wasser und Wein zur Verfügung – der zwar sehr viel teurer war als Bier, aber durchaus verbreitet getrunken wurde. Ramses hat sogar den Vorarbeitern bei seinen vielen Bauvorhaben – teils auch denen, die nur einige Gruppe von Arbeitern anleiteten und die oft vom einfachen Arbeiter aufgestiegen waren – immer ein Kontingent Wein in die Nahrungsversorgung mit einbezogen. - Später als Unterkönig von Unterägypten hatte ich auch eigene Weingärten, aus denen ich dann meinen Staatsbeamten einen Anteil als Entlohnung geben konnte und dem Pharao meine Abgaben zahlen konnte. Es blieb aber mehr als genug für mich selber übrig - ein Vorteil, den ein Tjati eben hatte, wenn Nahrungsmittel der Hauptbestandteil der Bezahlung von Waren und Dienstleistungen sind.

Diese Gedanken schießen mir bei dem Anblick durch den Kopf, wie er da sitzt, uns still beobachtet und sich dabei den Bauch vollschlägt. Zwar weiß ich, dass er schon immer gerne zugelangt hat, seine Spezies hat offensichtlich einen recht hohen Grundumsatz, aber jetzt wirkt er fast ausgehungert. Möglicherweise hat er sich die letzten Tage, während er uns beobachtet hat, nicht getraut, richtig zu jagen. Im Gegensatz zu mir jetzt als Drache, verträgt er aber problemlos auch gebratenes Fleisch, schon damals hat er die Beute nicht nur Rahotep zuliebe über der Glut gegart.

Ich höre Tascha aufstehen und drehe mich um. Sie steht direkt vor mir und lässt ihre Hände über meine Bauch- und Brustschuppen gleiten und dann auf meinen Brustmuskeln liegen. Sie sucht meinen Blick und versucht in meinen Augen zu lesen.

Padmini sitzt still an ihrem Platz, nippt an dem Fruchtsaft und beobachtet das ganze interessiert.

Tascha züngelt kurz über meine Nüstern.

„Du wirkst irgendwie enttäuscht, fast traurig, Liebster.“ -

„Ist das so deutlich zu sehen? Ich muss wohl meine Mimik und meine Schwanzspitze besser beherrschen lernen...“ -

Tascha schüttelt den Kopf ein wenig.

„Nein, Du wirkst völlig neutral – nur sehe ich da etwas in Deinen Augen, was mich das vermuten lässt.“ -

„Du kennst mich inzwischen schon sehr gut.“ Dann spreche ich leiser weiter – bzw. hören nur Tascha und Padmini noch meine Stimme, ich möchte nicht, dass NüShi das mithört, ich möchte meine Beziehung zu ihr nicht weiter belasten.

„Ja, ich bin wirklich etwas enttäuscht. Ich hoffte eine verwandte Seele zu finden, wie die Menschen drüben sagen, jemanden, der ähnlich denkt wie ich – und finde dann doch nur wieder einen Drachen, der mir gefallen will.“ -

Tascha antwortet mir ebenso leise.

„Da gehöre ich aber genauso dazu. - Ja, ich hätte Jaya geholfen, wir sind befreundet, ich habe sie ja auch zu Dir gebracht. Und ich bin bei den Dracciern aufgewachsen, da helfe ich ihnen natürlich – vielleicht kenne ich sie deswegen sogar noch besser als NüShi. Auch mir war klar, dass Jaya noch nicht wirklich in Gefahr war. Nur wie gesagt, hätte ich ihr trotzdem geholfen, sie muss ja nicht unbedingt bewusstlos werden um wieder abzukühlen. - Aber als Drache denke ich eigentlich nicht so viel anders als NüShi, wäre ich normal als Drakari aufgewachsen, wäre es mir wohl ebenso gleichgültig gewesen, da Jaya nicht in Lebensgefahr war.“ -

„Ich verstehe. Du meinst also, ich habe überreagiert?“ -

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein. Du hast so reagiert, wie es Deine Art ist und wofür ich Dich liebe. - Wie Tyria übrigens auch – deshalb möchte sie Dir nacheifern, Dir gefallen, wie Du sagst. - Zudem kennst Du die Draccier noch nicht so gut, also hast Du nach Deinen bisherigen Erfahrungen gehandelt. Gut gehandelt, wie ich finde.“ -

„Du musst mir nicht schmeicheln, Tascha.“ -

„Doch. Denn Deine Stimmung macht mir Angst.“ -

„Angst?“ -

„Ja, Angst, dass Du gleich alle fortjagst, dass Du uns Drachen aus Deinem Revier treibst. Das ist nicht einfach so daher gesagt, ich spüre deutlich einen Zorn auf uns in Dir wachsen. - Bitte Eldingar, mein geliebter Gebieter. Jage mich nicht fort, Tyria und die anderen haben einen Platz wo sie hingehen können, aber ich habe nur Dich. Eldingar, wo soll ich denn sonst hingehen mit unserem Kind...“ -

Sie ist ernsthaft besorgt. Habe ich wirklich einen Zorn auf die Drachen? - Nein... sicher, NüShi hat mich ernsthaft enttäuscht, ich hoffte, dass sie ähnlich über die anderen Völker denkt wie ich – aber ich zürne ihr deswegen nicht, ebenso wenig wie Tyria oder gar Tascha.

Ihre bernsteinfarbenen Augen suchen immer noch besorgt, meine Seele in meinen Augen zu lesen.

„Tascha, meine geliebte kleine Kriegerin. Ich jage Dich doch nicht aus meiner Höhle. Auch die anderen nicht – ich weiß nicht, welchen Zorn Du in mir spürst, aber es ist kein Zorn gegen euch. Und ich meinte vorhin auch nicht Tyria mit dem 'mir gefallen'. Ich weiß, dass sie sich bemüht, meine Gedanken zu verstehen und ihnen nahe zu kommen, weil sie mich liebt – und dafür liebe ich sie nur noch mehr. Ja, ich musste erkennen, dass auch NüShi eine Drachin ist, wie die anderen. Lass mir ein wenig Zeit, ich weiß jetzt, woran ich mit ihr bin, morgen ist wieder alles beim alten mit mir.“ -

Sie forscht in meinen Augen.

„Sicher? Etwas ist mit Dir.“ -

„Es ist wohl der Gedanke, was ich morgen früh machen muss, der mich jetzt betrübt.“ -

„Die fremden Krieger?“ -

„Ja.“ -

„Ich verstehe. Als Drache möchtest Du das Leben schützen. Aber manchmal kannst Du unschuldiges Leben nur schützen, wenn Du das Leben von Schuldigen beendest.“ -

„Darf ich es mir so einfach machen, Tascha? Die einen als unschuldig und die anderen als schuldig definieren und dann einfach töten?“ -

Tascha legt mir ihre Hände an den Kopf und zieht mich etwas herunter. Sie legt ihre Stirn gegen meine, Nüstern an Nüstern und ich darf in dem goldenen Orange ihrer Augen versinken.

„Nicht Du definierst ihren Status, das haben sie bereits selber gemacht. Ist es, weil es Menschen sind, die Du vielleicht morgen töten musst?“ -

„Nein, es ist, weil ich Leben zerstören muss, um anderes Leben zu schützen. Dieser Widerspruch macht mir Probleme – aber ich bin ein Drache, ein Jäger, ein Prädator, mein Leben bedeutet zu töten, warum fällt mir der Gedanke daran jetzt so schwer?“ -

„Weil Du kein Killer bist. Es ist etwas anderes, eine denkende Seele zu Erce zu schicken, als ein Tier, dass Dir als Nahrung dient. Ich weiß, was in Dir vorgeht, mir ging es ähnlich, als ich als Kriegerin zum ersten Mal in eine Schlacht gehen musste und wusste, dass mir nichts passieren konnte, weil ich ja in Wahrheit eine Drakari bin, die ja auch kaum mit den Waffen der Menschen zu verletzen sind. Damals konnte ich mich damit trösten, dass meine Freunde um mich mit mir gehen und ich sie schützen konnte gegen die Feinde. Aber das hilft Dir nicht, ich weiß. Du folgst keinem Befehl, es gibt keine anderen, die es machen, auch wenn Du Dich verweigerst.“ -

„Nein, es gibt keine anderen. Ich muss es entscheiden und ich will es auch ausführen, dass auf die Draccier abschieben erscheint mir falsch. Aber ich fürchte, einen Fehler zu machen, darf ich einfach so das Leben von Menschen auslöschen? Trifft es die richtigen? Oder sollte ich nicht besser nach dem suchen, der es befohlen hat und den zertreten?“ -

„Nein. Die fremden Krieger ziehen mordend durch Dein Land, sie haben den Tod verdient. Der dafür Verantwortliche kommt danach dran. Ich sage Dir das als Kriegerin und als Dein Weibchen, das Dein Kind trägt. Ich möchte, dass unser Kind in einem Reich aufwächst, in dem Gerechtigkeit herrscht und Mörder bestraft werden.“ -

„Muss ich zum Bestrafen auch töten?“ -

„Oh Eldingar... Wir mögen Dich ja so wie Du bist. Aber verzeih, Du bist jetzt ein Drache, es gibt Situationen, da solltest Du auch wie ein Drache denken. Und das ist jetzt so eine Situation.“ -

„Ein Drache würde also nicht darüber nachdenken...“ -

„Doch. Ich bin mir sicher, auch Tyria würde kurz darüber nachdenken, ob sie die Angreifer töten soll, oder nur vertreiben. Aber sie würde ihre einmal getroffene Entscheidung nicht immer wieder anzweifeln. Du hast Dich doch schon entschieden, die Krieger zu töten, war das der Drache oder der Mensch?“ -

„Beide. Der Mensch will wenigstens einige töten, der Drache alle. Aber ist das richtig?“ -

„Wäre es besser, wenn Du sie leben lässt und sie zwei oder dreihundert weitere Menschen töten? Männchen, Weibchen und Nestlinge ohne Ausnahme? - Nein, sende diese Gruppe Krieger jetzt zu Erce. Es ist ihre Bestimmung, sie haben es selbst gewählt.“ -

„Du lässt nichts unversucht, dem Drachen zu sagen, er soll endlich seine Gefühle mal zur Seite schieben und wie ein Drache handeln, oder?“ -

„Nein, nichts. Ich werde Dich auch morgen begleiten und Dich notfalls unterstützen. Und das ist keine Frage oder Bitte, Eldingar...“ -

„Ich verstehe. Danke.“ -

Taschas Augen flackern.

„Danke...? Wofür? Dass ich einem Drachen sage, er soll ein Drache sein?“ -

„Dafür, dass Du meine Sorgen ernst nimmst.“ -

„Das hätte Tyria auch getan.“ -

„Sicher. Aber Du hast gerade wie eine Große mit mir gesprochen und mir wie eine Große geraten, auch dafür danke ich Dir.“ -

„Eldingar, ich bin doch keine Große...“ -

„Und dafür danke ich Erce...“ -

„Verrückter Drache...“ -

Tascha löst ihre Stirn von meiner und gleich darauf spüre ich ihre Fangzähne hinter meinen...

Padmini wartet ruhig ab, aber ich spüre, dass sie etwas sagen möchte. Als Tascha mich wieder loslässt konzentriert sie sich kurz und dann hören wir ihre Drachenstimme.

„Verzeiht, aber ihr habt mich ja mithören lassen. Eldingar, ich bin auch der Meinung, die fremden Krieger haben den Tod verdient. Mir ist klar, dass es einem Hüter des Lebens schwerfallen mag, aber Du bist auch ein Drache. Früher hast Du sicher auch nicht so lange darüber nachgedacht, wie ich vermute.“ -

„Schon richtig, damals wäre es mir nicht schwergefallen. Aber wir waren noch sehr viel wilder, noch echte Raubtiere, denen Intelligenz gewährt wurde. Ich fürchte, dieses Raubtier wird morgen in mir wach werden, auch das ist ein Grund, warum ich zweifele.“ -

„Verleugne nicht den wilden Drachen in Dir, Eldingar. Er ist auch ein Teil dessen, was Dich so interessant für alle macht. Du bist Tyria einmal so begegnet, wenn ich das richtig herausgehört habe, das fesselt sie immer noch...“ -

„Ich verstehe. Auch Dir danke ich für Deine Einschätzung. Möchtest Du morgen auch mitkommen und den wilden Drachen in Aktion sehen?“ -

„Ich bin Dein Schatten, oder nicht?“ -

„Gut. Dann ihr beide und Nala. Mehr brauche ich nicht.“ -

Padmini sieht mich überrascht an.

„Wir sollen zu viert gegen siebzig Krieger kämpfen?“ -

„Nein. Ihr drei sollt nur verhindern, dass jemand entkommt. Kämpfen werde ich alleine.“ -

„Herr...!“ -

„Ich bin ein Drache, oder nicht? Ein Ältester, fast noch ein Raubtier. Der gefährlichste Jäger, den diese Welt je gesehen hat. Diese Nackthäuter werden bereuen, mein Land betreten zu haben.“ -

Tascha blickt mich prüfend an, Padmini senkt ihren Kopf vor mir.

„Ja Herr, ich verstehe.“ -

„Verzeih, ich wollte Euch nicht erschrecken. Kannst Du bitte dafür sorgen, dass für mich morgen eine Rüstung bereitliegt? Ich möchte nicht sofort als Drache erkannt werden.“ -

Padmini sieht mich fragend an.

„Natürlich Herr. Darf ich fragen, warum?“ -

„Sind wir wieder beim Herr...? - Ehrlich, ich weiß auch nicht, aber ich möchte da nicht als Feral auftreten, irgendetwas treibt mich dazu, sie als Anthro zu bekämpfen. Vielleicht um ihnen zu zeigen, wie hoffnungslos unterlegen sie den Kriegern des Drachen sind. Ihr wisst schon: einem Drachen gegenüberstehen ist eine Sache, aber von einem scheinbar normalen Krieger, der diesem Drachen dient, besiegt zu werden... „ -

„Verzeih Eldingar, ich war mir nicht sicher, wie ich mich Dir gegenüber verhalten sollte. Ich danke für Deine Erklärung, die mir sinnvoll erscheint.“ -

„Und ich danke Dir für Deine Zustimmung, Padmini.“ -

Bei ihrem fast entsetzen Blick muss ich grinsen.

„Eldingar... Herr... ich...“ -

„Irgendwann werdet ihr euch daran gewöhnen, mich nicht immer bei jedem Wort zu fürchten.“ -

„Verzeih, aber eben noch sprach der Drache aus Dir.“ -

„Habe einfach Vertrauen darauf, dass Drache und Mensch eins sind. Ich mag auf anderen Wegen denken, anders reagieren, gefühlloser und härter wirken – aber ich bin immer noch Eldingar. So fremd mir meine Gedanken als Drache auch selber erscheinen mögen, dürft ihr darauf vertrauen, dass ich meine Freunde und Partnerinnen auch dann genauso anerkenne. Und mein Schatten bleibt auch dann mein Schatten und meine Freundin. Ich werde es Dir schon rechtzeitig sagen, wenn Du Dich besser vorsichtig verhalten solltest.“ -

„Ich verstehe. Wer ist Þórr? So sprach die Herrin Tyria Dich vorhin an.“ -

„Þórr war der Name meines ersten Lebens. Es war der Name, den Erce mir gab, nachdem sie mich erschaffen hatte, als den Letzten der Ursprünglichen Drachen. Du wirst merken, wenn meine alten Instinkte wach werden, aber Du brauchst mich auch dann nicht fürchten. Wir waren wilder, härter, weniger umgänglich. Fremde Männchen wurden mit Imponiergesten aus den Revieren vertrieben, Weibchen nicht umworben, sondern erobert – meist mit blutigen Schrammen. Aber auch wir hatten Freunde damals, Du musst also nichts fürchten – zudem bist Du ein Weibchen... Wenn ich Dir dann zu nahe komme, fauche mich ruhig an, ich nehme Dir das dann nicht übel, das gehörte einfach dazu.“ -

Padmini sieht mich so entgeistert an, dass ich um Tascha herum zu ihr gehe, ihren Kopf sanft in die Hände nehme und ihr einfach einen Kuss geben muss.

Sie starrt mich weiter völlig verwirrt an, als ich anschließend Tascha noch kurz über die Nüstern züngele und mir dann den Beutel mit den Silberstücken aus der Tasche an meinem Schwertgehänge nehme.

Meine Krieger sind mittlerweile fast alle wieder eingetroffen, Jaya hat offensichtlich dafür gesorgt, dass alle jetzt einheitlich gekleidet sind. Alle mit dem schwarzen Lederschurz und der dunkelblauen Tunika mit den Silberstickereien am Kragen und Ärmeln. Aber immer noch sehe ich das Wappen nirgends.

Ich gehe langsam zum offenen Ende des Tischkreises. Zwar trage ich jetzt keine Kleidung und bis auf den Ohrring auch keinen Schmuck mehr, aber trotz allem hat ein Drache, besonders ein Elemental, eine beeindruckende Aura um sich, wie ich auch jetzt wieder bemerke, denn die Gespräche verstummen und alle blicken mich an.

Kaum habe ich die andere Seite erreicht, kommt Shankar auf mich zu.

„Herr, verzeih...“ er deutet eine Verneigung an.

„...Jaya bittet Dich um Erlaubnis, allen Kriegern ein neues Schwert aus Deinem Lager überreichen zu dürfen. Deine Waffen sind besser, als die der meisten von uns.“ -

Ich muss nicht lange überlegen. Über kurz oder lang werden sie ohnehin Waffen aus meinen Lagern bekommen und das Überreichen bei der Aufnahme gibt dem Ganzen einen besonderen Anstrich.

Also nicke ich meine Zustimmung und Shankar verschwindet sofort wieder.

Schon wenig später kommt er mit Dilip und Sunil mit eingewickelten Bündeln wieder zurück, ganz offensichtlich haben sie die Schwerter schon vorbereitet gehabt. Aber das zeugt ja nur von der guten Planung des Ganzen, denn zum einen gehören diese Waffen zu den freigegebenen Lagern und sie haben mich ja vorher gefragt.

Ihnen auf den Fuß folgt jetzt auch Jaya als letzte. Sie trägt wieder eine sehr leichte Kleidung, war dabei aber auf möglichst viel Einheitlichkeit bedacht. Wie die anderen, einen schwarzen, aber sehr schmalen Schurz – den ich fast als breiten Gürtel bezeichnen würde... Dazu hat sie offenbar ein feines kurzärmeliges Seidenhemd in den Farben der Garde gefunden, dass sie direkt unter ihren Brustdrüsen mit einem Knoten hochgebunden hat. Als Mensch würde sie so drüben an jedem Strand eine gute Figur machen.

Sie bewegt sich jetzt wieder sicher, aber in ihren Augen erkenne ich die Erschöpfung tief in ihr. - Sollen die Drachen sagen was sie wollen, aber wenn es sie mit Abkühlung noch so mitnimmt, wie wäre es wohl ohne gewesen...

Aditi kommt jetzt mit dazu, Jaya hat ihr wohl schon gesagt, dass sie einen Offiziersposten erhalten wird. Sie kann mir gut eine Frage beantworten.

„Aditi, wie hoch ist der Sold eines Kriegers normalerweise?“ frage ich sie leise, es muss sonst keiner mitbekommen -

„Ein Krieger bekommt meist zwei Silberstücke zu jedem Neumond, besonders gute Krieger zweieinhalb, Anführer drei oder dreieinhalb, selten bis vier Silberstücke jeden Mond. Davon geht aber die Verpflegung ab, wenn wir sie vom Dienstherren erhalten, meist ein Silberstück – etwa soviel wie bei eigener Verpflegung auch.“ Sie antwortet auch leise genug, dass nur Jaya und Shankar etwas verstehen können. -

„Gibt es mehr, wenn ihr im Feldlager seid und kämpft?“ -

„Nein. Manchmal eine Belohnung für gute Kämpfer oder erfolgreiche Einheiten. Meist ein paar Kupferstücke, selten mal ein Silberstück.“ -

„Ich verstehe. Und die Krieger einer Garde oder einer Palastwache?“ -

„Für Palastwachen bevorzugen die Menschen Krieger ihres eigenen Volkes. Sind einmal Draccier dabei, bekommen sie oft nicht mehr, als die Feldkrieger – wenn, dann höchstens ein viertel oder ein halbes Silberstück. Der Dienst ist insgesamt eben leichter, besonders aber weniger gefährlich. Immerhin erhalten die Draccier damit noch ein wenig mehr, als die meisten Menschenkrieger in diesen Diensten. Überhaupt erhalten die Menschen weniger Sold als wir Draccier, oft nur die Hälfte.“ -

Und ich fand schon die zwölf Silberlinge netto im Jahr erbärmlich wenig. Ich hatte mit einem Silberstück in der Woche gerechnet – fast schäme ich mich jetzt, als Steuer pro Kopf 25 im Jahr gefordert zu haben. - Auch wenn die Handwerker, Bauern und Händler sicher ein wenig mehr Geld verdienen werden. Und obwohl es nur eine Grundlage sein sollte, von der ich ohnehin ein gutes Stück heruntergehen wollte.

„Noch weniger...“ -

Aditi zuckt mit den Schultern.

„Die Menschenfürsten planen als Sold eben auch die Plünderungen mit ein. Und weil die Menschenkrieger so wenig Sold erhalten, sind sie auch besonders fleißig beim Ausplündern von toten Kriegern oder eroberten Siedlungen. Wir Draccier machen da überwiegend nicht mit. Etwas Nahrung, soweit wir etwas brauchen, mehr nicht. Oft schützen wir sogar die Bewohner einer Siedlung vor den Menschenkriegern, damit sie überleben – und auch etwas zurückbehalten um überleben zu können.“

„Ich verstehe. Die Draccier tragen ihre Schuppen für weniger Sold zu Markte, als ich dachte...“ Aditi, Jaya und Shankar sehen mich fragend an.

„Seine Haut zu Markte tragen ist drüben eine Umschreibung dafür, sein Leben einzusetzen. Was Krieger im Kampf ja täglich machen. - Nun, ich hatte euch ja gesagt, dass in meinem Dienst keine Reichtümer zu erwerben sein werden. Ich hatte an den halben üblichen Sold gedacht, dazu die Unterkunft, Nahrung, Waffen, Kleidung – und Wein oder Bier um nach dem Dienst etwas zur Ruhe zu kommen, steht euch in Maßen auch frei zur Verfügung...“ -

Aditi nickt.

„Absolut akzeptabel. Ein halbes Silberstück jeden Mond – und hier kaum Bedarf etwas kaufen zu müssen. Alleine dass Du uns Wein und Bier als freie Verpflegung mit geben willst, spart uns viel ein. Sei unbesorgt, wir betrinken uns dabei nicht, mehr als einen Krug Bier oder einen Becher Wein trinkt meist kaum einer von uns zum Abschluss des Tages. Anlässe wie heute sind natürlich Ausnahmen.“ -

Ich grinse.

„Ich verstehe. Allerdings bin ich davon ausgegangen, dass ein Krieger wenigstens etwas mehr Sold erhält. Wenn ich ehrlich bin, erscheinen mir die sechs Silberlinge im Jahr doch etwas wenig zu sein...“ -

Aditi starrt mich an. Dann schüttelt sie den Kopf.

„Nein Natha. Das ist mehr als genug. Du nimmst keine Steuern ein, woher willst Du so viel Silber nehmen, das wird auch so schon schwer genug, vergiss nicht, dass wir Dir an Nahrung mindestens nochmal so viel kosten werden. Und wenn auch Deine Vorräte an Waffen und anderer Ausrüstung im Moment mehr als reichlich sind – irgendwann wirst Du auch da Nachschub haben müssen. Du bist kein Erddrache, der Gold und Silber aus der Erde wachsen lassen kann.“ -

„Richtig, Gold und Silber muss ich ebenso erhandeln, wie ihr. Entweder mit Waren oder mit meinen Kräften.“ -

„Natha, wir wissen das. Und ich weiß von meinen Begleitern, dass wir Dir auch ohne zusätzlichen Sold dienen wollen. - Unsere Unterkunft ist warm, trocken, geräumig und bequem. Wir müssen einen Raum nur mit einer, oder einem, anderen teilen. Je acht Krieger haben einen eigenen Raum um sich zu reinigen, mit einem großen Wasserbecken mit warmen Wasser und eine eigene Latrine. Wir haben eine große Küche, um die Nahrung zubereiten zu können, die Du uns zur Verfügung stellst. Wie ich von Jaya gehört habe, bekommen wir alle Kleidung, die wir brauchen, aus Deinen Lagern, oder Du kaufst was benötigt wird. Keiner muss eigene Waffen beschaffen, denn ich habe selber geprüft, wie gut Deine Waffen sind, die von hervorragenden Schmieden geschaffen wurden. Niemand muss in eine Gaststätte gehen um ein Bier zu trinken, wir bekommen es von Dir. Dazu muss keiner Deiner Krieger eine Familie versorgen – und ich vermute, auch diese würden alles notwendige von Dir bekommen. Natha, um für später Geld zu sparen, reicht ein halbes Silberstück jeden Mond völlig aus, wenn Du uns unbedingt noch einen Sold zahlen willst. - Und viele werden Dich bitten, den Sold am Ende ihres Dienstes in einer Summe auszuzahlen und werden nur gelegentlich um einen kleinen Teil bitten, weil wir bei Dir kein Geld benötigen.“ -

Dieses Plädoyer von Aditi wird meine Silbervorräte erheblich schonen. Schon jetzt würde ich, nach dem, was ich mir so gedacht hatte, mindestens 50 Silberstücke jeden Monat zahlen. Dazu wohl nochmal zwanzig für Nahrungsmittel und alles andere. Gut, die Vorräte, die Valarinn mir hinterlassen hat, werden lange reichen und mit ein paar Drachenlicht-Kristallen kann ich leicht meine Garde finanzieren, aber wenn ich statt siebzig nur höchstens fünfunddreißig Silberstücke jeden Monat brauche und alle damit zufrieden sind...

„Ich verstehe. Also jeden Mond ein halbes Silberstück als Sold in Geldwert, dazu biete ich euch ein gesichertes Auskommen in meinem Dienst. Ihr kennt die Sitte des Handgeldes?“ -

„Ja, schon Natha, aber...“ -

„Gut. Jaya, Shankar, was meint ihr?“ -

Beide nicken.

Also fasse ich laut, damit jeder es mitbekommt zusammen.

„Es ist also beschlossen. Jeder Krieger erhält heute zwei Silberstücke als Handgeld für den Eintritt in meinen Dienst, die nicht auf seinen Sold angerechnet werden. Offiziere drei. Weiter wurde ausgehandelt, dass jeder Krieger neben der vollen Versorgung mit Waffen, Kleidung und Nahrung – das Bier oder Wein zum Dienstschluss ist mit inbegriffen, keiner muss also eine Gaststätte suchen - und einschließlich der Unterkunft hier, einen Sold von einem halben Silberstück jeden Mondlauf in üblichen Zahlmitteln erhält. - Nebenbei, wenn jemand etwas benötigt, fragt bei Jaya oder Shankar erst danach, vielleicht ist es in den Lagern vorhanden oder wir beschaffen es für euch, wenn es sinnvoll erscheint.“

Aditi sieht mich an und nimmt offenbar allen Mut zusammen.

„Natha, denke daran, dass Du für uns auch sehr viel erhandeln musst. Willst Du das viele Silber aus Deinem Reich pressen?“ -

Sie spricht leise, damit die anderen es nicht hören. Ich erwidere ebenso leise.

„Ich verstehe, was Du meinst. Aber vorerst hat Valarinn mir ein wenig mehr hinterlassen, als nur diesen Beutel mit Silber. Und dann habe durchaus vor, mir meine Dienste bezahlen zu lassen. Jeder Menschenfürst erklärt seine Steuern damit, dass damit die Menschen in seinem Reich geschützt werden. Aber welcher Menschenfürst kann vor einem Sturm oder einem sehr schweren Gewitter schützen...? - Natürlich verlange ich für meinen Schutz nichts, aber ich lehne eine Entlohnung auch nicht ab. - Und Du hast schon recht, ich komme nicht so einfach an Gold und Silber, wie Erddrachen oder vielleicht noch Magmadrachen – obwohl...“

Aditi grinst, sie versteht sofort meine Anspielung auf Tyria.

„... Nein, aber wir Blitzdrachen haben auch etwas, das uns eigen ist, und einen gewissen Wert bei den Menschen hat... - Wart ihr schon weiter unten in meiner Wohnstätte?“ -

„Nein Natha, heute war Zuviel los, die Herrin Jaya wollte uns morgen Deine Wohnstätte zeigen, damit wir uns im Notfall ein wenig auskennen.“ -

„Ja, ihr dürft ruhig wissen, wie ich lebe – wie wir leben... - Gut, Du weißt aber, was Drachenlicht ist?“ -

„Ja, natürlich. Ein paar Kristalle erhellen ja diese Höhle in der Nacht. Die Menschenfürsten fragen uns immer danach, ob wir es ihnen beschaffen können, oder wir wissen, wo es in den Bergen gefunden werden kann. - Meine Antwort: 'in der Höhle eines Drachen' finden sie merkwürdigerweise gar nicht witzig...“ Wir grinsen alle zusammen, Jaya und Shankar hören natürlich weiter interessiert mit. -

„Aber Deine Antwort ist vollkommen richtig. Drachenlichtkristalle erhalten ihr Licht in vielen tausend Sommern – oder vor allem Wintern, wenn die Drachen sich in ihre Höhlen zurückziehen – durch die Lebenskraft, die uns ständig umgibt. - Allerdings haben wir Blitzdrachen einen kleinen, gemeinen Vorteil...“

Mein Blick fällt auf einen Anhänger mit einem Stück Bergkristall, den Aditi um den Hals trägt.

„Ist dieser Anhänger für Dich von besonderer Bedeutung?“ -

Sie nimmt den Anhänger in die Hand und blickt ihn an.

„Nicht wirklich. Ich fand ihn hübsch, der Kristall funkelt sehr schön im Sonnenlicht – und er erinnert mich an einen angenehmen Dienst vor einigen Sommern.“ -

Sie legt den Anhänger, noch an seinem Band um ihren Hals hängend, in meine Hand.

„Es macht also nichts, wenn er vielleicht etwas weniger funkelt...?“

Aditi blickt mich fragend an, schüttelt aber sicherheitshalber den Kopf.

Ich schließe meine Hand um den Anhänger und konzentriere mich darauf, leite meine Energie in die Hand. Das stärker werdende blaue Leuchten um meine Hand, die wabernden Blitze, die über die Schuppen meiner Finger und dem Handrücken wabern, lässt ihre Pupillen immer weiter werden, mit zuletzt fast runden Pupillen starrt sie auf die Entladungen direkt vor ihren Nüstern, die das Ozon wahrnehmen...

Eine Minute ungefähr, dann spüre ich die Energie in dem Kristall, ich kann aufhören. Die Entladungen verblassen, schnell ist meine Hand wieder wie immer, nur als ich sie öffne, leuchtet in dem Anhänger in meiner Hand ein blauer Drachenlichtkristall hell und klar.

  • Ich habe ihm viel Energie gegeben, dadurch wurde er strahlend blau, etwas weniger und er ist fast weiß, dann gelb, orange und rot. - Weiß ist eigentlich auch ein gelb, aber das entspricht dann genau dem Licht der Sonne, das wir als weiß sehen. Schwierig ist grün, da das unmittelbar danach kommt, meist wird es sehr schwach, oder schon türkis, enthält also schon etwas blau... - Moment... woher weiß ich das alles...? - Ein warmes helles Gefühl durchströmt mich – Erce... Sie hat mir gerade das Wissen darüber gegeben und beruhigt mich damit, dass ich ihre Anwesenheit kurz spüren darf. -

Aditi nimmt den Anhänger vorsichtig in die Hand, als ob er heiß wäre und starrt den Drachenlichtkristall an.

„Natha... das ist ja... Isha Rajesh – ein Drachenlicht in dieser Güte... das ist ja der Gegenwert von... ein voller Offizierssold für mindestens... dreißig... Sommer...“ - sie wurde immer leiser.

Somit ist dieser – sehr übersichtliche – Bergkristall für vielleicht ein halbes Silberstück, zusammen mit dem Anhänger aus Bronzeguss gerechnet, jetzt mehr als eintausend Silberlinge wert. - Findet sie den richtigen Käufer, wohl eher noch das doppelte, denn ich glaube kaum, dass es noch so einen in diesem kräftigen Blau geben wird, selbst Valarinn hat sich mehr auf orange, gelb und weiß beschränkt.

Aditi will sich das Lederband mit dem Anhänger über den Kopf ziehen, ich kann sie gerade noch stoppen.

„Was soll das, Aditi?“ -

„Natha, das ist Dein Drachenlichtkristall. Ich will ihn Dir geben.“ -

„Nein, es ist Dein Anhänger. Und ich habe Dir leider den Bergkristall kaputt gemacht, er wird nie wieder so in der Sonne funkeln...“ -

„A-aber Natha, Isha Rajesh. Das ist ein Drachenlicht... wertvoller als Gold!“ -

„Ich wollte Dir nur zeigen, dass ich durchaus auch wertvolle Mineralien beschaffen kann. Es ist Dein Anhänger. Und der gehört Dir, egal ob das darin nun ein Bergkristall ist, oder ich es zum Drachenlichtkristall gemacht habe. - Soll ich ehrlich sein? Ich finde einen klaren, natürlich gewachsenen Bergkristall viel schöner. Verzeih mir, dass ich Deinen Kristall so verunstaltet habe.“ -

„Treibe keine Spielchen mit mir Natha. Du willst mir wirklich einen Kristall in diesem Wert schenken?“ -

„Es war Dein Anhänger und das bleibt es. Und nun Schluss mit dem sinnlosen Gerede. - Jaya, damit Aditi beruhigt ist – es gibt sicher in irgendeinem Lager solche Kristalle. Lasse für alle eine Fibel mit einem dieser Kristalle herstellen, die jeder als Zeichen meiner Garde erhält – und die er nach dem Ende seines Dienstes behalten wird. - Reicht Dir das, Aditi?“ -

Sie holt Luft, erkennt aber noch rechtzeitig, dass Widerspruch jetzt nur schaden kann.

„Ja, Natha.“ -

Das mit den Broschen habe ich wieder laut gesagt, damit gar nicht erst Unruhe aufkommt. So wissen alle, dass jeder ein Drachenlicht erhält.

„Gut, dann ist alles soweit geklärt, lasst uns anfangen. Alle haben ja bereits ihren Dienst für mich beeidet, wir können es also kurz machen. Ich rufe meine Krieger auf um euch noch einmal in meinem Dienst zu begrüßen. - Ich rufe euch so auf, wie mir die Namen einfallen, oder mir dabei geholfen wird – das ist also keine Bewertung.“ -

Sunil kommt ein Stück vor und verneigt sich kurz.

„Natha, sonst spricht Aditi ja für uns, aber da sie an Deiner Entscheidung beteiligt ist, übernehme ich jetzt einmal diese Aufgabe. - Natha, wir alle sind mit diesem Sold mehr als zufrieden. Kaum ein Krieger kann mehr als fünf oder sechs Silberstücke im Jahr für sein Leben nach dem Dienst als Krieger sparen. Wir alle haben schon bemerkt, dass wir hier diese Summe auch mit diesem Sold bei Dir ansparen können, da wir nur wenig Gelegenheit, aber auch kaum Notwendigkeit haben, diesen Sold auszugeben. Mehr zu fordern, wäre Unrecht, da Du uns mehr und bessere Versorgung bietest, als unsere bisherigen Dienstherren uns gaben. Und nun erhält noch jeder von uns einen Drachenlichtkristall, der alleine leicht fünf oder sechshundert Silberstücke wert ist... - Natha, verlange von mir, was Du willst, ich werde Dir folgen.“ -

„Auch wenn ich Dich auf den sicheren Weg zu Erce senden muss?“ -

„Wer erhält die angesparte Summe?“ -

„Wen Du als Empfänger für diesen Fall benennst, wird den angesparten Sold erhalten – mindestens fünfhundert Silberstücke - und natürlich den Drachenlichtkristall. Das auch für den Fall, wenn das schon morgen geschehen sollte.“ -

„Du willst unseren Familien einen Mindestbetrag garantieren?“ -

Er wirkt völlig verwirrt.

„Ja. Wer in meinem Dienst den Weg zu Erce gehen muss, dessen benannte Erben erhalten das von euch angesparte Geld – mindestens aber fünfhundert Silberstücke – und den Kristall. Wer seine Dienstzeit in diesen Leben beendet, erhält die von ihm angesparte Summe – und den Kristall natürlich. Ob ihr die Silberstücke unter eurem Kopfkissen sammelt oder von Jaya und Natascha verwalten lasst, bleibt euch überlassen. - Die fünfhundert sollen eure Familien ein wenig versorgen, solange ihr noch nicht so viel gespart habt.“ -

Sunil holt tief Luft.

„Natha, von welcher Klippe soll ich mich für Dich mit gefesselten Schwingen stürzen?“ -

Grinsend antworte ich.

„Ich verstehe. Also Sunil, Du bist der erste, den ich hiermit aufrufe.“