VERLIERER (6) - Ger
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TAGE IM JUNI
Verlierer
- 6 -
ARIK MAAS
Arik blinzelte und ließ seinen Blick über die Zimmerdecke gleiten. In seinen Augenwinkeln flackerten gelbe Pünktchen, wie ein geräuschloses Feuerwerk.
War er kurz eingeschlafen? In seinem Kopf war alles durcheinander. Die Schrankwand zerfloss vor ihm und wogte sich in blauem Nebel. Die Realität schien flüssig zu sein. Die Wände und Schränke verschmolzen miteinander, nur um sich dann wieder zu trennen, wie Öl in Wasser. In einigen Blasen sah er Teile des Zimmers und des Bettes dahingleiten.
Er versuchte aufzustehen, aber seine Gliedmaßen waren wie Blei. Auch seine Finger konnte er nicht spüren und sich am Bettkasten entlangzuziehen, stellte sich als unmachbar heraus.
Also blieb er einfach liegen und beobachtete die raschelnden Blätter um ihn herum. Viel mehr konnte er ohnehin nicht tun und wenn ihm sein Hirn schon einen Drogentraum bescherte, konnte er sich die Vorstellung auch ansehen.
Die schwarzen Blätter zitterten und Arik glaubte im Rascheln Stimmen zu hören, die seinen Namen riefen.
Karls Stimme. Die seiner Brüder. Die der ehemaligen Lehrer. Die von irgendwelchen Leuten, an deren Gesichter er sich nicht mehr erinnern konnte.
Sie sollten alle ihre Schnauze halten! Er war nicht ihre Schlampe! War niemandes Schlampe! Sie sollten ihn endlich in Ruhe lassen!
Die Stimmen bildeten einen manischen Chor und riefen nach ihm. Unaufhörlich. Eindringlich. So lange, bis Ariks Name jede Bedeutung verloren hatte und zu einem befremdlichen Laut verkümmerte, der sich in seinen Kopf bohrte.
Die Blätter zitterten. Im Rascheln konnte er Kinderstimmen hören. Sie flüsterten.
»Ein Wolf«, raunten sie im Einklang. »Er kommt, der Wolf.«
Ariks Blick sprang umher. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und sich Angst in ihm ausbreitete.
Er war nicht alleine im schwarzen Wald. Dort war Bewegung im Dickicht. Blätter wurden beiseite gedrückt und hinter ihnen kam etwas zum Vorschein. Etwas spähte aus dem Unterholz und wanderte darin umher. Es kreiste um das Bett, als suchte es nach dem richtigen Winkel, aus welchem es den Waschbären anspringen wollte.
»Ein Wolf, so schwarz. Schwärzer noch als der Schatten«, flüsterten die Kinder.
Arik konnte sein eigenes, angespanntes Atmen hören — ein tiefes Keuchen, dasselbe Keuchen, das auch aus dem Dickicht drang. Er hörte zwei Herzschläge, ein Wolfsherz und seines. Sie waren gleich, schlugen im gleichen Takt. Es dröhnte in seinen Ohren.
»Der Wolf ist nicht gut und nicht böse, er ist gerecht«, riefen die kleinen Stimmen. »Er bestraft jene, die Strafe verdienen. Er bestraft jeden. Er nimmt und gibt nicht zurück. Nimmt, was sie lieben, denn Liebe gibt es nur im Verlust.«
Der Wolf kreiste um Arik. Das Untier verschmolz mit dem finsteren Dickicht zu einem Meer aus Schwarz.
Nur seine Augen stachen daraus hervor, wie zwei Laternen eines Schiffes auf dem nächtlichen Ozean.
Arik glaubte, es in der Ferne über den Horizont segeln zu sehen. Von weit weg rief eine Stimme.
»Jeder ist Kapitän auf dem schwarzen Schiff. Hinterm Horizont gibt es eine Heimat für jeden. Für die Verlorenen und Vergessenen, für die Verachteten und Verzagten, vor allem aber für die Kinder, die starben und erwachsen wurden.«
Der Wolf starrte aus dem wabernden Schwarz. Seine Augen funkelten und seine Zähne glänzten. Mit jedem Atemzug quoll Rauch aus seinem Maul.
»Bring mir das Kind!«, forderte das Untier. »Bring mir das Kind! Bring mir das Kind!«
Der Rauch fiel zu Boden und bald schon war das Zimmer von schwarzem Nebel gefüllt. Die Grimasse des Wolfes schien sich im wallenden Rauch zu verformen.
»Bring mir das Kind! Damit ich es schlachten kann! So wie du es geschlachtet hast!«
Aus dem Loch im Kopf quoll etwas Hirnmasse. Überall war Blut. Der Gestank biss Arik in der Nase. Er glaubte zu ersticken.
Die Sonne blendete ihn, als sie sich in den Fensterscheiben spiegelte. Sie sahen aus wie hundert glühende Augen.
Im Licht sieht er die Umrisse von Personen, die sich um das Bett versammelt haben. Sie blicken auf ihn herab.
Er kennt ihre Gesichter, aber nicht ihre Namen. Sie starren wortlos. Er versucht ihre Gesichtsausdrücke zu erkennen, aber das Licht blendet ihn.
»Was?«, fragt er und blinzelt angestrengt.
Er hat keine Ahnung, ob sie ihn überhaupt hören können.
Sie regen sich nicht.
Es scheint kalt zu sein, denn ihr Atem erzeugt blässlichen Nebel. Aber er spürt die Kälte nicht.
Der Nebel ist Staub und Pollen und Mücken, die im Licht tanzen. Er hört sie summen und er hört Grillen zirpen.
Stumm wenden die Namenlosen ihre Köpfe und machen den Weg frei für eine Gestalt, die im gleißenden Licht Form annimmt. Ihre Umrisse sind unscharf und ihr Gesicht schwarz. Zwei leuchtende Flügel ragen aus ihrem Rücken und auf dem Kopf trägt sie ein Geweih, das auf einer Seite abgebrochen ist.
Ein Engel.
Die Mücken und Grillen werden lauter. Die Luft riecht nach Gräsern und Schweiß.
Der Engel schnauft und tritt näher. Mit jedem Schritt wird sein schweres Atmen lauter. Ein Keuchen, ein Röcheln, nicht wie von jemandem, der schwer geschleppt hat oder weit gelaufen ist, sondern wie von jemandem, der stirbt. Ein gequältes Ringen nach Luft.
Arik spürt, wie sich eine unsichtbare Macht auf seine Glieder legt. Er fürchtet, dass seine Knochen jeden Moment unter dem Gewicht seiner eigenen Haut zerbrechen können.
Er schluckt als er bemerkt, dass das Gesicht der Gestalt nicht schwarz ist.
Nein, dort ist kein Gesicht, sondern ein schwarzes Loch im Schädel. Eine Reihe Zähne ragt aus dem Stumpf und die Zunge hängt schief herunter. Das schwere Röcheln dringt aus der aufgerissenen Kehle.
Der Engel beugt sich über das Bett. Arik spürt, wie seine Kraft durch das schwarze Loch gesogen wird. Ihm wird kalt und er kann seine Arme nicht länger spüren.
Der Engel atmet sein Leben ein. Streckt seine Hände nach Ariks Kopf aus, um ihm das Gesicht zu rauben. Um alles im Loch verschwinden zu lassen.
Die Engelszunge zuckt und hebt sich aus dem Rest des einstigen Mundes. Sie schlängelt sich auf Arik zu, um in seinen Mund zu kriechen, in einem grausigen Kuss und mit gequältem Keuchen. Blutiger Schlamm tropft auf Ariks Gesicht.
Durch seinen Körper fährt ein Ruck. Ein lauter Knall.
Ariks Kopf schlug auf die Kante der Toilettenschüssel. Ein zweiter Schwall Erbrochenes verfehlte sie und landete auf dem Boden.
Er angelte nach dem Regal, aber es war zu weit weg und er stolperte in Richtung Dusche. Der Raum schwankte, als befände er sich auf einem alten Kahn im Sturm.
Er stieß gegen die Wand, griff nach dem Duschvorhang, der nachgab und mit ihm zu Boden ging. Zusammengesunken blieb er auf den Fliesen sitzen, bis der Raum endlich aufgehört hatte zu schwanken.
Er krallte sich an der Wand fest und kämpfte sich zurück auf die Beine.
Sein Gesicht war nass.
Blut.
Arik tastete danach.
Bloß Wasser.
Stimmt. Er hatte seinen Kopf unter den Wasserhahn gesteckt, um den Schwindel zu vertreiben. Es hatte nichts gebracht.
In seinem Zimmer sah er sich selbst mit Caspar auf dem Bett sitzen.
Der Pudel lutschte Arik den Schwanz. Der Waschbär verdrehte die Augen, als er Caspar ins Maul wichste und ihm die Brühe aus den Mundwinkel lief. Das ganze Zimmer stank nach Sperma.
Es war ekelhaft. Arik wurde schlecht.
Er sah weg und bemerkt Sebastian, der neben dem Bett steht und die beiden beim Rummachen beobachtet.
Der Kater wischt sich durchs Haar und zieht seinen roten Schal zurecht. Er sieht zu Arik herüber und lächelt.
Seine grünen Augen scheinen zu leuchten.
»Es ist ekelhaft, nicht wahr?«, sagt er. »Du bist wie ein dreckiges Tier, Arik. Aber hast du etwas Anderes erwartet? Das ist für dich bestimmt. Das ist dein Leben. So steht es geschrieben. So wird es sein. Und dann endet es einfach.«
Er hält etwas in die Höhe. Es ist im ersten Moment schwer zu erkennen.
Ein Arm. Leblos. Vom Körper gerissen.
Sebastian lächelt. »Du hast einfach verloren. Und ich gewinne. Du hast nie eine Chance gehabt.«
Der Boden beginnt sich zu bewegen. Ein Gewühl aus Ranken. Sie kriechen die Wände herunter und schlängeln sich über die Schränke. Um Ariks Beine.
Er versucht sie abzuschütteln, aber sie lassen nicht locker. Sie kleben in seinem Fell, kriechen darin herum und zerren daran, als wollen sie in ihn hineinkriechen. Sein ganzer Arm ist von ihnen bedeckt.
Er reißt sie aus, beißt sie aus, aber sie wachsen immer wieder nach.
Sein Arm gehorcht ihm nicht länger. Die Ranken sind unter seiner Haut und kriechen durch seine Adern. Sie zerren an seinen Sehnen und Muskeln, als wäre er eine Marionette.
Und dann ist sein Arm plötzlich verschwunden. Er wird ihm von der Schulter gerissen und fällt auseinander in einem Knäuel aus Ranken und Blättern. Sie zerplatzen und verteilen sich auf dem Boden.
Sebastian beugt sich über den Waschbären und lässt den ausgerissenen Arm kreisen.
Es ist ein Waschbärenarm. Ariks Arm.
»Hör gut zu«, sagt der Kater. »Hab ein Auge auf Niklas, denn es wird ein Tier aus dem Wald kommen. Es ist verletzt und krank, am meisten jedoch ist es von Angst befallen. Es wird alle Kinder fressen. Und du wirst Niklas nicht retten können.«
Sebastian nimmt den Arm, um Arik einen Klaps auf die Stirn zu geben.
Er stieß Caspar von sich weg. Im Zwielicht glänzte das Hundefell silbrig.
Arik hielt sich den Kopf. Alles dröhnte.
»Hoffe, du hattest Spaß«, murmelte Arik grimmig und beobachtete, wie sich Caspars Brust langsam hob und senkte.
Es stank nach Sperma. Sein Herz raste. Er konnte die Nachwirkungen seines Orgasmus immer noch spüren.
Er ließ seine Finger über Caspars Brust fahren. Das kurze Fell kribbelte auf seinen empfindlichen Handballen. Er spürte die Muskeln und Knochen unter Caspars Haut und tastete die Arme entlang, über die Einstichstellen in der Armbeuge.
Er sog seinen Geruch ein.
Arik war erregt.
Er starrte den Pudel an und stellte sich vor, wie er ihn vögelte. Ausgerechnet dieses Stück stinkender Köter. Bei dem Gedanken wurde ihm heiß. Seinen Schwanz in Caspars Arsch versenken.
Er rieb sich den Kopf. War er völlig durchgeknallt? Das war abartig.
Er schüttelt sich, um den Gedanken zu vertreiben. Ihm wurde wieder schwindelig und er schnappte nach Luft.
Er versuchte sich einzureden, dass das alles ein Resultat der Dornenfeigen war. Ja, was sollte es sonst sein?
Er war kein Widerling! Kein abartiges Tier! Sebastian sollte die Schnauze halten!
Er betrachtete die Schatten, die an den Wänden herunterliefen. Blätter raschelten neben ihm. Das schwarze Laub glänzte feucht, als hätte ein Tintenregen es verfärbt.
So sehr er auch versuchte es zu fokussieren, alles blieb unscharf, wie hinter einer Nebelwand verborgen. Die Blätter zuckten, blähten sich auf, schienen lebendig zu sein, wie das absurde Fell irgendeines riesigen Tieres.
Neben sich hörte er Caspar stöhnen. Ob er von gigantischen Kürbissen träumte?
Das Atmen des Pudels war plötzlich hektisch geworden. Caspar hatte die Augen weit aufgerissen und starrte an die Decke. Seine Arme waren vor die Brust gezogen, mit gespreizten Fingern. Man könnte meinen, er liefe gerade einen Marathon und würde jeden Moment ersticken.
Das Atemgeräusch gefiel Arik nicht.
Er stupste Caspar an. »Alles klar?«
Keine Antwort. Keine Reaktion.
Kurzes, schnappendes Atmen, ohne Pause.
»Caspar?«
Nichts geschah.
Da lief etwas schief.
Arik boxte ihm auf die Brust.
Nichts.
Patschte ihm ins Gesicht.
Nichts.
Caspar schien wie ein Computerprogramm, das hängen geblieben war. Oder wie eine Aufziehpuppe, die zwanghaft ein und dieselbe Bewegung wiederholte.
Etwas lief gewaltig schief.
»Du Arschloch verreckst hier nicht in meinem Zimmer!«, drohte Arik.
Er stolperte zur Tür, aber eine Wand aus Ranken vergrub sie unter sich.
Arik grollte wütend und riss sie aus. Er hatte die Schnauze voll von den Spielchen. Er würde Ayko finden, würde ihn fragen, was zur Hölle der Scheiß sollte und ihm befehlen, dafür zu sorgen, dass es aufhörte.
Der Waschbär trat die Tür auf, die mit einem Knall in den Flur flog.
Feuchte Luft strömte ihm entgegen.
Dahinter lag das Meer, das silbrig glänzte. Ein Schwarm Vögel wurde aufgescheucht und verschwand in der Ferne.
Ihr Geschrei hallte aus den Gängen wieder.
Er hatte Glück, denn Ayko stand im Flur und pflückte einige Dornenfeigen.
Aber der lockige Waschbär meinte, dass er jetzt keine Zeit für Arik hätte, da er sie einkochen müsse, bevor sie sich selbst entzündeten.
Das war Arik aber scheißegal. Er würde Ayko hier und jetzt die Fresse einschlagen, wenn er nicht auf der Stelle etwas unternähme!
Er zerrte den Waschbären in sein Zimmer, wo er bereits Joas vorfand, der durch den ganzen Aufruhr angelockt worden war.
Joas lehnte über dem japsenden Caspar.
Als er Arik bemerkte, blickte er auf, schüttelte den Kopf und sagte: »Da kann man nichts machen. Er mag keinen Apfelkuchen mehr.«
Arik zog an Aykos Arm, hatte aber statt des Waschbären eine Eisenstange in der Hand.
»Hör auf mit dem Scheiß!«, brüllte Joas. »Er hat genug! Siehst du das nicht! Verdammte Scheiße, was hast du gemacht?!«
Auf Ariks Bett lag ein schleimiger Haufen, aus dem Blut tropfte. Verdrehte Körperteile ragten daraus hervor.
Arik erschrak und warf die Stange weg. Sie war voller Blut.
Sein Herz raste und er schnappte nach Luft.
»Du bist irre!«, fluchte Joas. »Völlig gestört! Du bist ein beschissenes Tier!«
»Ich habe das nicht gewollt!«, protestierte Arik. »Das war nicht, was ich wollte! Nichts davon! Ich wollte euch helfen!«
»Hör auf dich zu belügen! Du bist gestört! Warst du immer schon! Alles was du anfasst, wird schlimmer!«
»Ich —«
»Sie sind beide tot!«, schrie Joas. »Und du bist es auch bald!«
Caspar kroch aus dem Schleimhaufen hervor. Der Pudel griff in den Matsch und zog eine Pistole daraus hervor. Er richtete sie auf Arik.
Der Waschbär zischte und riss die Augen auf.
Ein ohrenbetäubender Knall folgte und die Sinne des Waschbären versagten einer nach dem anderen im Bruchteil eines Wimpernschlags, bis ihm nur die Empfindung blieb, wie sein Kopf zerrissen wurde.
Für eine halbe Sekunde sah er sich selbst in einer Wolke aus Knochen und Körperflüssigkeiten zusammenzucken.
Mit einem Ruck wurden alle Blätter des schwarzen Waldes ausgerissen und verbrannten.
Er hatte Feuer schon immer gemocht. Große Feuer bei Nacht. Wenn der Rauch in den Himmel steigt und Glut umherfliegt.
Aykos Gesicht tauchte vor ihm auf. Er legte eine Hand auf Ariks Brust und drückte ihn nach unten.
Arik wollte aufspringen, aber Ayko war stärker.
»Arik«, sprach er und hob einen Finger. »Konzentrier dich auf mich.«
Ariks Blick wanderte an die Zimmerdecke, wo die letzten Blätter verglühten.
»Sieh hier her«, forderte Ayko. »Ja. Hier. Atmen. Ruhig.«
Er ließ seinen Finger wandern, bis Arik ihn fokussieren konnte. Es war hypnotisch.
Arik wurde schlecht und er übergab sich.
»Okay, das ist schon besser«, murmelte Ayko.
Er und Joas trugen Arik zurück zum Bett. Jann stand in der Tür und spielte nervös mit seinen Fingern.
Arik ließ seinen Kopf ins Kissen fallen und entkrampfte sich. Sein Hals brannte wie Feuer. Seine Nase war verstopft. Sein Magen fühlte sich an, als hätte jemand heiße Kohlen hineingestopft.
Er wollte etwas sagen, hatte aber vergessen, was Worte sind.
»Überdosierung«, erklärte Ayko. »Und wahrscheinlich noch was anderes. Keinen Plan. Hab doch gesagt, sie sollen vorsichtig sein. Haben Glück gehabt. Hätten tot sein können.«
Joas Gesicht tauchte auf. »Warum habt ihr das ganze Zeug auf einmal gefressen?!«, grunzte er und rieb sich die Stirn. Er sah völlig fertig aus.
»Nur —«, Arik schien eine Ewigkeit zu brauchen, um einzelne Worte über die Lippen zu bekommen. »— ein —«, er deutete an, wie er am Finger leckt.
»Es ist alles leer, Arik!«, korrigierte Joas. »Beide Tüten«. Sein kleiner Bruder hielt zwei leere Plastiktütchen hoch, trat gegen den Bettpfosten und fluchte. »So'n Scheiß! Bringst dich noch selber um! Oder brennst dir das Hirn weg! Ein mentaler Krüppel ist genug!«
Das hätte er nicht sagen sollen. Er fuhr sich durchs Fell. »Das hab ich nicht so gemeint. Jann? He, warte!«
Er hastete Jann nach und verließ das Zimmer.
Arik drehte den Kopf. Der Schmerz erlaubte ihm nur ein paar Millimeter. Jede Faser seines Körpers brannte, als hätte er alle Sportarten der Welt gleichzeitig ausgeführt und bei allen war er gestorben.
Caspar saß auf einem Stuhl, vornübergebeugt mit einem Eimer vor dem Gesicht. Er hob nur kläglich den Arm und gab den Mittelfinger als Zeichen, dass es ihm gut ging.
Der Raum um Arik herum bewegte sich immer noch. In seinen Augenwinkeln konnte er helle Pünktchen davonhuschen sehen und aus Aykos Mund wuchsen pechschwarze Ranken.
Arik versuchte sich auf irgendetwas zu konzentrieren, das real war.
Die Schrankwand war es nicht, denn in ihr steckten halb verweste Schweinsköpfe.
Ayko meinte, dass die Wirkung der Droge achtundvierzig Stunden anhalten könnte.
Genug Zeit, sich an Sebastian zu gewöhnen, der am Fenster sitzt und seinen Schal zurecht zieht.
Er lächelt ehrlich. Er hat nie ehrlich gelächelt.
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Update 2020-04-12