VERLIERER (5) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

, , , , ,

Die Episoden von Tage im Juni (Weltenzoo) werden stets zuerst auf FurAffinity veröffentlicht. Die auf SoFurry geposteten Geschichten werden nicht aktualisiert. Für Updates und aktuelle Geschichten besuche den FurAffinity Account von Kranich im Exil. Dort findest du auch eine Übersicht aller Episoden.

Besuche WELTENZOO für mehr Geschichten und zusätzliche Details über die Welt.


TAGE IM JUNI

Verlierer

- 5 -

ARIK MAAS

Caspar streckte sich und sog die Nachtluft ein. »Manchmal würd ich gern einfach alle abknallen.« Er gähnte und leckte sich über die Nase. »Weil sie alle nutzlos sind. Würd anfangen und nicht mehr aufhören. Problem ist, ich bin scheißfaul.« Er lachte. »Aber dann denke ich an die guten Leute. Die nützlichen, die irgendwie Sinn machen, nicht? Wie der Eisverkäufer. Gäbe ja kein Schnitzeleis ohne ihn. Also soll er ruhig weitermachen. Und wenn er's nicht mehr macht, kann ich ihn ja immer noch abknallen. Ist doch logisch so, nicht? Was fürn Scheißleben hätte er denn, wenn er kein Eis mehr machen würde. Das will doch keiner.«

Pudellogik war so eloquent.

Wenn Caspar in die Pfotenstapfen seiner Mutter trat und Bürgermeister würde, kämen ganz neue Zeiten auf. Dann würde es sicher wöchentliche Festivitäten mit Erschießungskommando auf dem Rathausplatz geben. Da würde er sich dem Problem der Überbevölkerung annehmen, statt einfach nur darüber zu reden. Ein Riesenspektakel mit Gratiseis für alle.

Diese Nacht konnte Arik jedoch verbuchen, dass niemand ums Leben kam.

Der Eiscremeverkäufer wusste wahrscheinlich gar nichts von seinem Glück, als er den beiden grinsend eine Eistüte reichte. So ein fröhlicher Lachsack.

Arik kramte in seinen Taschen. Noch immer keine Zigaretten. Caspar reichte ihm eine weitere. Karamellig-süß.

»Was macht das Feigengemüse?«, fragte der Pudel plötzlich.

Der Waschbär brummte. »Nicht viel ohne 'nen Arsch voll Chemikalien und Kleingärtner-Werkzeug.«

Er warf Caspar einen prüfenden Seitenblick zu und fügte an: »Hab keine Kohle für den ganzen Kram.«

Der Pudel schien einen Moment zu überlegen. Er klatschte in die Pfoten. »Ich könnte dir was leihen. Wennde mir einen bläst.«

Arik grunzte abfällig und blies Caspar etwas Zigarettenqualm ins Gesicht.

Der Pudel hustete und lachte.

»Oder ich geb dir was vom Geld meiner Eltern«, überlegte er. »Die machen damit eh nur Scheiße.«

Arik verbarg ein Lächeln hinter seiner Kapuze. Guter Pudel.

»Dafür musst du aber was für mich tun«, fügte Caspar hinzu.

Das Lächeln verschwand. Nicht gut.

Arik brummte. »Ich werd dich weder lecken noch dir einen blasen!«

Der Pudel lachte. »Keine Panik. Ich will nur Spaß. Mach deinen Feigenkram und hol dafür, was du brauchst. Aber ich bekomm was von dem Zeug. Weiß schon für wen. Für viel Spaß.«

Der Keller hatte sich in ein obskures Gewächshaus verwandelt. Auf den Werkbänken reihten sich nummerierte Aufzuchtstationen aneinander, mit Dornenfeigen-Setzlingen darin.

Mehrere Lämpchen sorgten für ausreichende Beleuchtung. Ayko hatte gesagt, es wären Tageslichtlampen, aber ihr Licht wirkte überhaupt nicht wie das der Sonne. Es war kalt und blass und ließ Arik frösteln, wann immer er den Keller betrat.

Er ließ seinen Blick wandern. Es schien voranzugehen. In seiner Brust breitete sich ein Gefühl aus, das er lange nicht mehr gespürt hatte. Er hatte eine Aufgabe und ein Ziel. Er würde Ergebnisse sehen.

Wer weiß, was er alles mit den Dornenfeigen anstellen konnte. Sie waren nicht illegal, weil sie zu giftig waren, um daraus Stoff zu ziehen. Und der Stoff war nur schwer nachweisbar. Wenn Ayko es aber hinbekam, das Gift zu entfernen und ihn richtig zu dosieren, dann hätte Arik etwas ganz Feines in seinen Händen. Etwas ganz Neues. Vielleicht sogar etwas Einzigartiges.

Den Kleingarten sollten sie auf jeden Fall vor neugierigen Augen verborgen halten. Übereifrige Schnüffler oder gar die Polizei hätten daran sicher ihre Freude.

Er bemerkte eines der kleinen Kellerfenster an der Decke. Es war geöffnet, um Aykos Zigarettenqualm nach draußen zu lassen.

»Sorg dafür, dass das geschlossen wird«, rief er zu Joas hinüber, der einen Karton mit Glasschälchen auspackte.

Es war wichtig, die Fenster im Auge zu behalten. Immer.

Arik drückte seinen Hinterkopf ins Kissen und starrte an die Zimmerdecke. Eine gelbliche Schicht Nebel hatte sich dort gesammelt, wie ein schwereloser Ozean. Er schien im Takt der Musik zu zucken. Schwerfällig und unrhythmisch.

Von draußen drang gelegentlich Sirenengeschrei ins Zimmer. Er konnte den Klang nicht leiden.

Es machte ihn nervös. Caspar schien sich nicht daran zu stören. Arik wünschte sich, genauso ruhig sein zu können wie der Pudel. Dass ihn einfach nichts scherte und alles ein Spaß war. Dann wäre die Welt schön.

Mehr Sirenengeheul.

Ariks nervöser Blick sprang zum Fenster. Er erinnerte sich an die leuchtenden Schatten im Treppenhaus, als sein Vater abgeführt wurde.

Kamen die Sirenen näher? Waren sie in der Nachbarschaft?

Sie entfernten sich.

Er atmete erleichtert aus und kratzte mit den Krallen an der Bettdecke.

Caspar sah ihn kurz an und grinste. »Weißt du, was meine Eltern sagen würden, wenn sie wüssten, dass ich mit 'nem Waschbären rumhänge?«, fragte er und nahm einen Zug. »Gar nichts. Wär ihnen scheißegal. Ihnen ist alles egal, solange es sie nicht betrifft. Würden mich sicher gern abschieben. Ich kann's in ihren Augen sehen. Können sie aber nicht. Wär schlechte Presse.«

Er hielt für einen Moment inne und schien nachzudenken. »Für eine Sache sollte ich ihnen aber dankbar sein: Sie kriegen Panik, dass ihnen die Presse ans Bein pinkelt. Drum räumen sie allen Scheiß hinter mir auf. Ohne sie wär ich im Knast. Hätten mir sicher Chemikalien gespritzt, bis ich so normal bin wie sie. Ich nehm's gelassen. Lass sie machen, während ich Spaß hab. Das ist doch gut so, nicht?«

Arik brummte.

Gut für Caspar, dass er Eltern hatte, die sich um seinen Dreck kümmerten. Auch wenn sie schnöselige Nichtsnutze waren, für die ihr Sohn bloß ein Püppchen war, das man rausputzte, wenn ein paar Reporter vor der Tür standen, ihn ansonsten aber gerne aus dem Weg hatten.

»Für wen lebst du dann?«, fragte der Waschbär. »Fehlt es dir nicht, dass es keinen gibt, der —«, er suchte nach dem richtigen Wort, »ich meine keinen, der sagen kann, wenn du etwas gut gemacht hast?«

»Niemand lebt für irgendwen«, entgegnete Caspar prompt. »Jeder lebt bloß. Alles andere reden sie sich nur ein. Nennen's dann Familie oder Freundschaft oder Liebe.« Er lachte wie jemand, der über einen schlechten Witz lachte, aber wusste, wie bitter er war. »Werden schon sehen, wo das alles bleibt, wenn sie mit 'nem Herzinfarkt in der Gosse liegen und sich bekotzen. Oder das liebe Frauchen von der Straßenbahn erfasst wird und ihr Kopf auf den Schienen zerplatzt. Was bringen Freundschaft und Liebe dann? Was können sie machen? Nichts. Ist doch alles Beschiss. Nicht mehr als Wörter. Leute reden sich ein, sie würden irgendwas lieben und bepinkeln sich vor lauter Glückseligkeit. Mama liebt ihre Kinder. Wirklich? Halt ich für Blödsinn. Sie duldet sie bloß, weil sie aus ihrem Wanst gekrochen sind. Vielleicht redet sie sich ein, dasse sie liebt. Sie sind doch bloß Fremde, die wie sie riechen und die sie im eigenen Haus wohnen lässt. Was soll der Dreck? In der Wildnis hätte man die Bälger entweder ausgesetzt oder gefressen. Ist doch egal, aus wem sie rausgekrochen sind. Ich könnte das nicht. Irgendwas lieben, weil man's muss oder 's normal ist.«

Er rieb sich die Stirn. »Da fehlt etwas, das mich so macht wie die anderen. Das mir Liebe vorspielt. Kann's nicht sehen.«

Er kam näher und flüsterte. »Manche sagen ich sei defekt. Glaubst du, dass ich defekt bin? Und wenn ich's bin, was ist so schlimm dran? Sie sagen doch bloß, dasses schlecht sei, aber ist's das wirklich?«

Die Pudelnase so dicht an seinem Gesicht zu haben machte Arik nervös und er drückte sie weg.

»Oder —«, fuhr Caspar fort, »ich bin in Wirklichkeit besser als sie. Sehe alles ohne das Geschenkpapier drumrum. Sie machen so viel nutzloses Zeug. Geben ihm nette Namen. Aber alles, was ich sehe, sind Fetische. Hirnlose, kleine Rituale, weil die Natur das so will. Vielleicht bin ich die nächste Stufe der Evolution. Der Überpudel. Befreit vom Schwachsinn, den die Höhlenbewohner ›Liebe‹ nannten. Gaben ihr Rosen und bauten ihr Tempel. Nannten sie unsterblich. Und am Ende sind sie trotzdem alle tot. Rosen verwelkt. Tempel niedergerissen.«

Er sah Arik an. Der Waschbär musste seltsam dreingeblickt haben, denn Caspar kicherte. »Gravier 'ne Plakette und häng sie dir an die Wand«, schlug er vor. »›Profunde Worte des Pudels‹. Ist doch alles Schwachsinn«, fasste er zusammen und streckte die Pfote in die Höhe, als wollte er die Nebelschwaden greifen. Sie entglitten seinen Fingern und zerflossen ins Nichts.

»Bevor ich dreißig bin, will ich tot sein«, sagte er.

Die Worte hatten eine ungewohnte Intensität. Arik entgegnete nichts. Er wusste nicht genau warum. Vielleicht wartete er auf das altbekannte Kichern oder einen sarkastischen Spruch, der sie begleitete. Aber es kam keiner.

Oder vielleicht war Arik auch einfach bloß zu müde vom Einkaufen, vom Umherwandern, vom Nachdenken, vom Bier, von allem.

Caspar ließ seine Pfote kreisen. Der Nebel wirkte wie ein schwereloser Ozean über ihnen. Die Welt stand Kopf.

»Falls ich nicht von selbst draufgehe, würdest du mir dabei helfen?« Der Pudel legte den Kopf in den Nacken und blickte Arik an.

Der Waschbär zog an der Zigarette und blies den Qualm aus der Nase. Er beobachtete, wie dadurch neue Wellen im Nebel entstanden.

Was antwortete man auf so eine beknackte Frage? Das Thema war jedoch auf eine morbide Art interessant.

Er brummte: »An was hast du gedacht?«

Caspar spielte mit einer seiner schwarzen Locken. Er lächelte und schloss die Augen. »An was Besonderes. Bin bei so was nämlich furchtbar romantisch.«

Arik musste trocken kichern. Romantisch. Auf einmal.

Das Gekicher schien dem Pudel nicht sonderlich zu gefallen. »Ich will nicht in 'ner Ecke liegen und an Tabletten verrecken oder von 'ner Brücke hopsen!«, erklärte er mit grimmigem Unterton. »Das macht jeder Versager. Und wenn ich dran denke, wie ich tot irgendwo in der Gosse liege, in Pisse und Vogelscheiße — das ist eine miese Vorstellung.«

»Der große Caspar fürchtet weder Leben noch Tod. Aber ein bisschen Dreck«, witzelte Arik.

»Nicht Dreck!«, zischte er. »Ein unwürdiges Ende! Das Leben ist doch scheiße. Man existiert für'n paar Jahre, um nichts zu tun und nichts zu sein und selbst wenn, ist es am Ende eh vergessen. Bist letztendlich nur noch'n schlechter Scherz. Nach hundert Jahren nur noch'n Name. Der König hat das Schloss zusammenzimmern lassen, damit sich jeder an ihn erinnert. Und was hat's ihm gebracht? Er ist trotzdem tot. Nur noch'n Name und Steine. Völlig wertlos. Leute erinnern sich an Steine. Nicht an ihn. Und wir? Wir hören einfach auf zu existieren. Von uns bleibt nicht einmal Staub. Das weißt du, nicht? Bist ja nicht so dumm wie die anderen.«

Er wischte den Nebel beiseite. »Puff und wir sind weg. Nie dagewesen. Was soll's. Tot bin ich für immer. Keinen kümmert's. Ist mir scheißegal. Aber die kurze Zeit, wenn ich irgendwo liege und langsam verrotte, wenn all die Wichser mich anglotzen und sich dran aufgeilen, wenn sie mich von der Straße kratzen — diese Vorstellung ist mies. Sie erinnert mich ans Altsein. Wenn ich in 'nem Stuhl sitze, mich kaum bewegen kann, mir alles weh tut, ich mich einscheiße, wie der Tod stinke und vergesse, wer ich überhaupt bin. Kannste dir so'n Bild vorstellen? Ein vertrocknetes Etwas, das meinen Namen trägt, aber nicht mehr ich ist? Das langsam verrottet? Das ist dasselbe, wie in Pisse zu liegen. Das kann ich nicht ertragen. Darum will ich tot sein, bevor's soweit ist.«

Es herrschte längeres Schweigen. Arik lehnte mit dem Rücken am Holz des Bettkopfes. Es drückte unbequem zwischen seine Schultern, er hatte jedoch keine Lust, sich zu bewegen.

Der Plapperpudel schien heute besonders gut drauf zu sein. Es kam immerhin nicht oft vor, dass er seine Gedankenwelt so farbenfroh mitteilte.

Allerdings mochte der Waschbär die Bilder nicht, die das Geschwätz in ihm wachrief. Plötzlich tauchte Janns Gesicht vor ihm auf, wie er zitterte und sich übergab. Es war ekelhaft und unheimlich.

Arik wollte das Thema wechseln. »Was wäre ›etwas Besonderes‹ für dich?«, fragte er.

Caspar blickte gegen die Zimmerdecke, ins Nichts. Er schien kurz zu überlegen. »Ich habe schon immer Feuer gemocht. Große Feuer bei Nacht. Wenn der Rauch in den Himmel steigt und Glut umherfliegt. Die Hitze ist was Besonderes. Wie sie riecht. Klebt dir in der Nase und im Fell. Spürst sie überall. Kriecht in dich rein, als wäre sie lebendig.« — »Als ich vierzehn war, war ich bei 'ner Aufführung im Theater, an dem mein Vater damals als Intendant arbeitete. Es gab 'ne Fehlfunktion an der Oberbühne. Ein Kurzschluss und die Sicherungen funktionierten nicht. Die Bühnenaufhängung fing Feuer. Dann die Kulissen und das Dach. Leute liefen brüllend herum wie Gestörte. Das Feuer war so gemächlich, aber sie stolperten und grunzten vor Angst und Blödheit.« — »Ich hab den Flammen zugesehen. Sie waren so vorsichtig. Berührten die Vorhänge und Wände. Hast du schon mal drauf geachtet, wie Feuer Dinge verwandelt? Genau in dem Moment, wenn’s sie berührt? Es sieht aus wie ein Aquarell, das gerade gemalt wird. Als wäre es flüssig und als würde es sich seinen Weg suchen. Als hätte es Verstand. Und dann wird alles schwarz. Hinter dem Flammenmeer erinnerte mich die ganze Bühne an das Weltall — schwarzer Nebel und glitzernde Sterne. Ich habe in der zweiten Reihe gesessen und fast geheult. So schön war das. Dann wurde das Feuer so heiß, dass sich die Hitze flüssig auf meiner Haut angefühlt hat. Ich hab gemerkt, wie sie mir durchs Fell gekrochen ist und es verklebt hat. Es war wie eine Umarmung.« — »Dann haben sie mich rausgebracht. Ich hatte keine Lust, aber die Feuerwehr hat mich einfach weggezerrt. Ich hatte 'ne leichte Rauchvergiftung. Mein Vater hatte vergessen, dass ich im Theater war. Aber er hatte in dem Moment auch Wichtigeres zu tun gehabt. Ich hatte mir gewünscht, zu sterben. In einer so schönen Situation. Ich wäre glücklich gewesen. Aber die Trottel mussten das Kind retten. Weil das in den Nachrichten sonst blöd gekommen wäre. Meinen Vater hätt's nicht gestört.«

Er nahm den Rest der Zigarette und drückte sie auf einem alten Buch aus, das mit Brandflecken übersät war.

»Fünf Wege zum Glück.«

Ariks Augen waren geschlossen. Mit seinen Fingern kratzte er auf dem Bettlaken. Eine unbewusste Bewegung, die er erst mitbekam, als er aus Versehen Caspars Schulterfell kraulte. Er wechselte schnell wieder zum Laken.

Er zog an seiner Zigarette und blies neue Wellen in den Nebelozean.

»Feuer also«, sprach er nach einer Weile und dachte an das Leuchten des roten Kometen am Nachthimmel. Er tauchte die Stadt in rotes Licht und ließ die Schatten dunkelblau anlaufen. Es war wie ein Bild aus einer fremden Welt. Die Nacht leuchtete gespenstisch.

»Werd's mir überlegen«, antwortete er und machte eine erneute Pause. »Hab selbst nicht vor, ewig zu leben.«

Caspar setzte sich auf und blickte ihn an. In seinem Blick lag etwas, das Arik nie zuvor gesehen hatte. Konnte es sein, dass der Waschbär ihn zum ersten Mal überrascht hatte?

Der Pudel strich sich über die Wange und lächelte. »Das wär supernett von dir. Den Gefallen würd ich natürlich erwidern. Bin vielleicht der defekte Überpudel, weiß meine Schulden aber sehr wohl zu begleichen.«

»Werd' nicht wieder rührselig«, scherzte Arik trocken.

Caspar kicherte.

Für die nächste Stunde sprachen sie nicht. Lauschten nur der Musik.

Caspars Schultern berührten Ariks Hüfte und mit seiner Pfote tippte der Pudel gedankenverloren auf dem Unterschenkel des Waschbären herum.

Arik war nicht begeistert von dem Getätschel, aber er ließ ihn gewähren.

Er dachte über Feuer nach. Die Stadt in rotem Licht. Caspar hatte recht. Es war irgendwie schön. Ganz anders als der schwarze Ozean. Das Meer war tot und saugte alles in die Tiefe. Das einzige Licht kam vom Mond.

Feuer hingegen leuchtete aus sich selbst heraus. Es war lebendig und hob sich gegen den Himmel. Und es tötete alles.

Caspar streckte sich und gähnte. »Ist das der neue Stoff?«, fragte er plötzlich und riss Arik aus seinen Gedanken.

Der Pudel deutete auf eine Briefhülle, die auf Ariks Schreibtisch lag. Im Durcheinander hätte man sie übersehen, wäre sie nicht so neu gewesen.

Caspar angelte nach ihr und zog ein kleines Plastiktütchen heraus. Er betrachtete das Pulver darin.

Arik brummte nur als Antwort.

»Dein Bruder kann gut mit Chemikalien spielen«, meinte Caspar. »Guter Waschbär.«

Er hielt das Tütchen gegen das Licht und zerdrückte einige der Klumpen. Dann zog er es auf, leckte einen Finger ab und steckte ihn erst in das Pulver und dann in sein Maul.

»Du könntest davon hopsgehen«, warnte Arik.

»Damit hätt ich kein Problem.« Er grinste und tauchte den Finger erneut ins Pulver. Er hielt ihn vor Ariks Schnauze und ließ ihn kreisen, als wollte er ein Kleinkind motivieren, den Mund aufzumachen.

»Sei ein liebes Bärchen«, mahnte er. Arik regte sich nicht. »Es gibt auch andere Öffnungen, die ich benutzen kann«, meinte Caspar und kam näher. Etwas zu nahe. Der Pudel fuhr mit seiner anderen Pfote durch Ariks Brustfell und schob ein Knie zwischen seine Beine.

Arik griff seinen Arm und stieß den Pudel weg, mit dem Kopf gegen den Bettkasten.

Ein lauter Knall. Caspar kicherte. Etwas Blut floss aus einer Platzwunde auf seiner Stirn.

Der Pudel steckte seinen Finger hinein und betrachtete ihn glucksend. »Der Waschbär will also Blut«, raunte er. »Schmeckt eh besser als Pulver.«

Dann dippte er den beschmierten Finger wieder in das Pulver. Er hielt ihn in die Höhe und sah Arik an.

»Hast du Angst?«, fragte er und grinste. »Hat Arik Angst, was passieren könnte, wenn er an Drogen schleckt?«

Der beknackte Pudel sollte die Klappe halten.

Mehr Kichern. »Ayko wird dir sicher keinen Stoff gegeben haben, von dem du draufgehst«, meinte der Köter und ließ den Finger wieder vor Arik herumwandern.

»Es sei denn — vielleicht will er, dass du draufgehst. Vielleicht fänd er das witzig. Ist ja auch irgendwie witzig, nicht?« Er gluckste.

Schnauze!

Caspar ließ den Finger wackeln. Arik hätte ihn ihm gerne abgebissen.

»Ich wette, insgeheim magst du Spielchen«, flüsterte der Hund.

Arik grollte wütend.

Der plötzliche Laut ließ Caspar zusammenfahren und das kurze Fell an seinem Hals stellte sich auf.

Der Waschbär öffnete seinen Mund und entblößte die spitzen Zähne mit der einen Zahnlücke. Er steuerte mit seinem gekräuselten Maul auf Caspars Hals zu. Für Arik wäre es ein Leichtes, seine Zähne in der Halsschlagader des Pudels zu versenken und ein Stück Fleisch herauszubeißen. Dann wäre es endgültig vorbei mit dem Kichern.

Caspar riss die Augen auf und schien gespannt darauf zu warten. Das würde dem Köter wahrscheinlich auch noch gefallen.

Arik grollte erneut und leckte Caspars Finger ab. Er gab dem Pudel einen Knuff gegen die Stirn und ließ sich zurück ins Bett fallen.

Der Köter lachte. »Sag ich doch.«

Beide lagen nebeneinander und warteten auf was immer passieren mochte.

Vielleicht gab es ein leichtes Brennen im Hinterkopf und dann würde alles schwarz werden. Herzstillstand, Atemstillstand, Hirnstillstand — Arik wusste nicht recht, ob er sich davor fürchten sollte oder es ihm gelegen käme.

Es vergingen mehrere Minuten, in denen er die Zimmerdecke anstarrte und darüber nachdachte, dass Caspar sicher recht hatte: Ayko hätte Arik nichts gegeben, wovon er draufgeht.

Ayko war kein Trottel und kein Arschloch. Ayko war eigentlich ganz in Ordnung. Ziemlich nett irgendwie.

Arik verspürte plötzlich den Wunsch, Ayko in den Arm zu nehmen. Seine Locken zu knuddeln. Ihm den Schwanz zu lutschen.

What the fuck?

Er schüttelte den Kopf und rieb sich die Stirn. Okay, diese Gedanken hatten nichts in seinem Kopf zu suchen.

Dornenfeige. Bestimmt. Musste so sein. Er schob sie auf die Drogen, bevor der Brechreiz zu stark würde.

»Das kribbelt total«, gluckste Caspar neben ihm und fuhr sich durchs Fell.

»Ich werde nicht kratzen helfen«, maulte Arik.

Mehr Kichern. »Ich glaube, es wirkt. Ich sehe grüne Nilpferde.«

Der Pudel deutete in eine Ecke. Dort war niemand. »Aber warum tragen sie Cocktailkleider? Das passt doch gar nicht zu ihren Haaren.«

Arik verdrehte die Augen. Caspar lachte und knuffte ihn. Scherzkeks.

Arik bemerkte einige gelbe Pünktchen, die unter seinen Lidern tanzten. Ihm wurde schwindelig. Die Umgebung schien sich zu bewegen. Ziemlich jämmerlicher Effekt für all die Mühe, die er und Ayko mit den Dornenfeigen hatten. Das konnte eine Flasche Bier genauso gut.

»Stehst du auf Cocktailkleider?«, fragte Caspar und wedelte mit den Pfoten in der Luft. »Waschbären in Cocktailkleidern. Ringelschweife. Macht dich das an? Muss es ja, nicht? Biologie und so. Pudel machen mich null an. Sind irgendwie total langweilig. Haben Waschbärenmösen auch geringelte Muster? Was war die letzte, die du geleckt hast?«

Arik ging das Thema jetzt schon auf die Nerven.

Er brummte nur und hoffte, damit wäre es erledigt.

»Komm schon«, protestierte der Köter. »Irgendwo musst du deinen Schwanz doch reinstecken.«

»Keinen Bock.«

»'Ne Waschbärin, die so eng ist, dassde nicht mal 'nen kleinen Finger rein kriegst. 'Ne jungfräuliche, die quiekt, weil sie noch nichts drin gehabt hat. Die quieken doch dann, nicht?«

»Kein Interesse.«

»Hat doch nichts mit Interesse zu tun. Manchmal muss der Druck einfach raus. Hatte mal dicke Eier und da war der Truthahn im Ofen. Hab reingewichst.«

»Glückwunsch.«

Das war wieder so ein Bild in Ariks Kopf, auf das er gerne verzichtet hätte. Jetzt sah er grüne Nilpferde und Truthähne vor seinen Augen tanzen, die übelkeitsfördernde Dinge miteinander taten.

»Niemand hat's gemerkt, aber jeder hat den Truthahn gegessen«, fuhr Caspar mit dem Exkurs in sein Privatleben fort. »Da hatte jeder einen Teil von mir in sich. Ist das nicht der Sinn des Lebens? Den Samen zu verteilen? Pudelsamen für jedermann. Zum Aussäen. Ein ganzes Feld. Da wachsen Pudelblumen. Die rauch ich dann. Rausgewichst und aufgeraucht. Damit schließt sich der Kreis des Lebens. So profund. Auf die gravierte Plakette damit. Dekoriere dir die ganze Bude.«

Arik war sich nicht sicher, wie lange er das Geplapper noch ertragen konnte.

Zum Glück wurde ihm zunehmend schwindeliger und es fiel ihm schwer, dem Geschwafel zu folgen.

Helle Flecken tanzten vor seinen Augen wie Glühwürmchen. Sie zogen lange Schweife hinter sich her, teilten sich in immer kleinere Pünktchen und glitzerten wie Sterne am Himmel. Sie hatten einen hypnotischen Effekt.

Ihm wurde warm. Es war ein angenehmes Gefühl, als würde er in eine angewärmte Decke gehüllt werden. Er konnte spüren, wie die Wärme durch seinen Körper floss. Von seiner Brust in seine Gliedmaßen und zurück. Sie kreiste in ihm, als wäre sein Inneres plötzlich flüssig geworden.

»Gemüse«, gluckste Caspar. »Wär doch geil, wenn aus dem eigenen Samen Gemüse wachsen würde, nicht? Ein ganzer Garten, nur von einem selbst. Pudelkartoffeln. Pudelbohnen. Pudelrhabarber. Pudelkürbisse. So groß wären die dann.« Er streckte seine Pfoten aus und gestikulierte in der Luft. »Ob man die kreuzen könnte? Mit Waschbärenkürbissen aus Waschbärensamen? Die hätten dann bestimmt Streifen. Streifen sind so hammer geil. Die gehen dann so rüber. Und so rum.«

Der vom Pudel geplapperte Unsinn wurde zunehmend wirrer.

Caspar hatte recht gehabt: Es kribbelte. Arik konnte es jetzt auch spüren. Sein Kopf kribbelte. Nicht sein Fell, Ohren oder Nase, sondern irgendetwas direkt in seinem Hirn. Das Gefühl wurde intensiver, je mehr er sich darauf konzentrierte.

Das Zimmer um ihn hatte begonnen sich zu wiegen und wirkte unscharf, als befände es sich unter Wasser. Er versuchte sich auf Einzelheiten zu fokussieren, aber die Gegenstände schienen vor seinen Augen zu flüchten und dann zu schmelzen.

Sich auf sie zu konzentrieren verursachte Kopfschmerzen. Also ließ er es bleiben.

Irgendwann war alles um ihn nur noch grauer Matsch. Er pulsierte und Schatten flossen darüber. Dazwischen blitzten Lichter auf. Er sah Gräser vor sich zittern und dunkle Blätter im lautlosen Wind beben.

Seine Augen wanderten umher. Sie zu bewegen schien unendlich schwer zu sein, als müsste er den wabernden Matsch erst mit ihnen durchpflügen.

Er war in einem finsteren Wald.

Die Wände bestanden aus Ranken, die aufeinander geschichtet waren, wie eine lebendige, zuckende Tapete. Sie bäumten sich auf, als würden sie atmen.

Es war ein dichter Wald mit einer Lichtung, auf der ein gigantischer Kürbis von einem gebratenen Truthahn durchgevögelt wurde.

Er war so schön weich und warm und schleimig. Der Truthahn zuckte lustvoll. Seine Hüften kreisten ekstatisch. Immer schneller, bis ihm Schweiß aus allen Poren lief.

Das laute Schmatzgeräusch war im ganzen Wald zu hören.

Die feuchte Wärme umschloss alles. So weich und willig. Sie schien zu pulsieren.

Es kribbelte. Wurde wärmer, immer wärmer. Heiß.

Ein unendlich großer Druck. Ariks ganzer Körper spannte sich an. Seine Haut wurde ihm zu eng. Jedes Haar brannte.

Es war nicht länger zu ertragen.

Der schmatzende Kürbis blähte sich auf. Er wurde kochendheiß und zitterte, bis er explodierte und einen Schwall Sperma in den Himmel spie.

Der klebrige Brei regnete herab, um noch mehr Kürbisse zu säen. Bald war alles weiß. Ein ganzer Wald von Kürbissen spross aus dem Boden. Ein ganzes Universum.

Arik sank in die Tiefe des Ozeans.

Ihm wurde heiß, dann kalt, als durchquerte er verschiedene Strömungen. Er suchte nach dem Oben, aber jede Seite führte in die Tiefe.

Sein Körper fiel. In alle Richtungen. Schlug auf dem Boden auf und versank darin, als wäre es Treibsand.

Es wurde schwarz. Irgendwo glitzerten Pünktchen, wie die Gischt in der Abendsonne.

<<< PREV PART | FIRST PART| NEXT PART >>>


© 2018, Kranich im Exil

Editorial consultant: 1Wortmaler

Part of the collection "Weltenzoo"


:: www.furaffinity.net/user/kranich-im-exil ::

Update 2020-04-12