VERLIERER (4) - Ger
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TAGE IM JUNI
Verlierer
- 4 -
ARIK MAAS
Es stank nach irgendetwas Verrottendem.
Er zog die Kühlschranktür auf. Etwas Abartiges schimmelte in einem offenen Topf und eine letzte Dose Feigenbier lag im Gemüsefach. Er brummte und brach sie an.
Ayko zog erneut an der Zigarette.
»Wie viel?«, wollte Arik wissen.
»Zwei Gramm. Ist noch nicht ausgereift.«
Caspar kicherte. Er kicherte immer.
»Würde es verdünnen«, meinte Ayko. »Kann nicht sagen wie's auf Waschbären wirkt.«
Arik hatte die Hand der Waschbärenhure auf seinem Schoß. Er stieß sie weg.
»Wenn du's verticken willst, solltest du wissen, welche Dosis für welche Spezies nötig ist«, empfahl Ayko, »und welchen Effekt sie hat.«
Er ließ das Tütchen über den Tisch schlittern. Arik nahm es und befühlte es.
Er hatte ihr Schnäuzchen an seiner Backe. »Du bist süß, wenn du brummig bist«, sagte sie.
»Verpiss dich«, raunte er und drückte sie weg.
Caspar zog an der Zigarette, beobachtete die beiden und grinste.
»Wenn man's an vielen Leuten gleichzeitig testen könnte, gäbe das sicher 'nen Riesenspaß«, überlegte Ayko.
Arik hatte Aykos Sinn für Humor schon immer gemocht.
Schon wieder klebte ihm die Nase der Schlampe im Gesicht. Abermals stieß er sie weg.
Caspar drückte die Zigarette aus, erhob sich und zupfte seine Jacke zurecht. Er legte der Waschbärin lächelnd den Arm um den Hals. Mit einem Ruck stieß er sie mit dem Kopf gegen die Tischkante. Ein lauter Knall und sie landete auf dem Boden. Einige Spritzer Blut blieben zurück.
»Arik hat gesagt, du sollst das lassen«, raunte der Pudel, ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken und fingerte nach einer neuen Zigarette.
Viel zu aufmerksam.
Applaus und der Vorhang fiel. Daran würde sich die Schule noch lange erinnern.
»Wir werden die Suche niemals einstellen und die Hoffnung nicht aufgeben. In Gedanken ist er immer bei uns. Wir warten, bis er eines Tages zu uns zurückkommt.«
Plakate reihten sich aneinander. Die ganze Gasse war tapeziert mit starrenden Augen in scheinbar endloser Wiederholung. Dasselbe Lächeln aus allen Richtungen. Eine Armee aus stummen Klonen. Aus Geistern.
Niemand würde ihn je wieder ignorieren. Jetzt kannte ihn jeder. Er war ein Niemand gewesen. Nun war sein Gesicht überall. Ihm ist geholfen worden.
Er lächelte. Ein ehrliches Lächeln. Er hatte nie ehrlich gelächelt. Er sollte dankbar sein, denn jetzt schliefen seine Eltern nicht länger. Jetzt hassten sie ihn nicht mehr. Jetzt hatten sie erkannt, dass sie ihn mochten und brauchten.
Der böse Wolf war gekommen und hatte gefressen, was ihnen wichtig war. Um sie zu bestrafen.
Sein Kopf tat weh und alles schien sich zu drehen. Er blinzelte im grauen Licht und ihm wurde schlecht.
Er suchte die Tür nach draußen, aber sie war verschwunden, unter einem Dickicht aus schwarzen Blättern. Sie zitterten im lautlosen Wind. Große Ranken wucherten über die Wände und blockierten die Sicht. Sie begruben alles unter sich.
Er hatte keine Ahnung, wo er war. Es war ein finsterer Urwald, der sich zu allen Seiten in endloses, undurchdringliches Dickicht fortsetzte. Es bewegte sich. Es kam näher. Kroch über den Boden. Er spürte die Ranken auf seinem Fell. Auf seiner Haut.
Die Wildnis würgte ihn. Das Chaos erstickte ihn. Das Licht verschwand.
»Arik.« »Das Fleisch ist alle.«
»Das ist nichts für dich.«
»Hast du nichts Besseres zu tun?«
»Typisch Waschbären.«
»Spielen da, wo's dunkel und dreckig ist.«
»Tonight we light the fires.«
»Bullenbeißern wie dir hat man früher die Nüsse abgeschnitten!«
»Jann hat keine Medizin mehr. Er will sein Zimmer nicht verlassen.«
»Beide Hoden müssen amputiert werden. Er wird zeugungsunfähig sein.«
»Bohnen sind alle.«
»Wenn du nicht so dämlich und nutzlos wärst, hättest du ein Leben.«
»Knirps.«
»Bier ist alle.«
»Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich Herr Maas das Leben genommen hat.«
»He, Waschbären! Haut gefälligst ab!«
»Smoke will wrap the sun.«
»Kümmere dich um das Haus!«
»Das geht dich 'nen Scheiß an, was ich mit meinem Haus mache!«
»Kannst ja in ein Erdloch ziehen, wenn's dir nicht passt.«
»Du machst nur Schwierigkeiten.«
»Deine Leistungen sind nicht zufriedenstellend.«
»Du bist genauso nutzlos wie dein Vater. Frag mich, ob du dich auch erhängst, weil du's nicht aushältst.«
»Konserven sind alle.«
»Kleiner Drecksack.«
»He, was machst du da?!«
»Vater war ungeduldig. Sieh wo's ihn hingebracht hat. Werd du's nicht auch noch.«
»Wir bitten Sie um einen Moment Ihrer Aufmerksamkeit. Es geht um Sebastian Weißhaar.«
»Ein Verbrechen kann nicht ausgeschlossen werden.«
»Ich rufe die Polizei!«
»Enter the land of ashes.«
»Die da draußen sind bloß dreckige Nichtsnutze. Fallen dir in den Rücken, wenn sie können und lachen drüber.«
»Deine Mutter ist 'ne Hure!«
»So gut, dass die Schlampe endlich weg ist.«
»Es ist auf ein Trauma zurückzuführen. Er wird vielleicht nie wieder sprechen.«
»Er wird sein Leben lang Hormone nehmen müssen.«
»Alles ist alle.«
»Sie sind Nichtsnutze.«
»Sie sind tot.«
»Was sollen wir mit ihnen machen?«
»Du denkst zu viel nach.«
»Du bist genauso nutzlos wie dein Vater.«
»Du bist mindestens so verweichlicht, wie du blöd bist.«
»Du bist irre!«
»Du bist ein beschissenes Tier!«
»Heulst du etwa gleich?«
»Du wirst nicht lange leben.«
»So gut, wenn du endlich weg bist.«
»And tomorrow we'll be gone.«
Die Sonne verschwand hinter den Bergen in der Ferne. Schatten schwemmten durch die Straßen wie auslaufende Tinte. In den schwarzen Flecken glimmten winzige Lichtpunkte auf. Ein Zeichen, dass sich dort irgendwo Leute für die Nacht bereitmachten.
Vom Meer war ein kräftiger Wind aufgekommen, der Pollen und Staub die Böschung hinaufdrückte. Er war hier besonders kräftig und roch nach Salz, Kiefernnadeln und Straßenstaub.
Eine Böe streifte Arik und fuhr durch das Fell seiner Wangen. Er schloss die Augen und breitete die Arme aus, um vom Wind eingehüllt zu werden.
Es fühlte sich flüssig an. Als wäre er in einem schwarzen Ozean. Er glitt in die Tiefe hinab. Die Welt blieb hinter ihm zurück, hinter der Wasseroberfläche. War blass und verzerrt. Eine Lüge.
Er atmete tief ein, doch irgendwann war der Moment vorbei.
Kein Ozean. Nur die Stadt vor sich. Glimmende Lichter auf den Straßen. Staub.
Das war so nicht geplant gewesen. Nichts von allem hier. Nichts war wirklich. Nichts wahr. Alles sinnlos.
Er stand an der Ruine und ließ seinen Blick gedankenlos in die Ferne wandern, bis die Sonne ihre letzten Strahlen über den Horizont schickte.
Er hatte den Einbruch der Nacht schon so oft beobachtet. Er beruhigte ihn.
Das Dämmerlicht hatte etwas Besonderes. Für eine kurze Zeit verlor die Stadt alle Farbe, das Licht überstrahlte die Schatten und saugte allen Kontrast aus ihnen.
Die Luft selbst schien sichtbar zu werden. Alles verschwamm und schien im leuchtenden Nebel zu verschwinden.
Die Stadt starb und hörte für einen kurzen Augenblick auf zu existieren, bis sie in der Nacht neu geboren wurde, mit anderen Farben und anderen Formen. Eine magische Metropole mit glitzernden Türmen, wie aus einer vergessenen Geschichte.
Ein Trugbild, das für wenige Augenblicke wahr wurde, nur um sofort wieder zu verschwinden und von der nächtlichen Stadt begraben zu werden, die stinkenden Nebel und Qualm ausspie.
Um diese Zeit waren keine Touristen mehr zu sehen. Keine nervigen Verkäufer. Keine meckernden Kinder.
Die Schlossruine schien in der Dämmerung erstarrt zu sein. Die sterbende Sonne warf rotes Licht durch die Fenster.
Schwarze Statuen starrten in den Hof hinab. Geflügelte Wölfe, wie grimmige Wächter, vor Reihen aus Säulen, die einst das Dach trugen. Heute stützten sie den Himmel. Ein Deckengemälde aus Sternen.
Vor tausend Jahren wurden die Wächter aus dem Marmor geschlagen. Kaltem, blindem Stein wurden Gesichter gegeben. Augen, die mehr gesehen haben mochten als jedes Lebewesen.
Sie existierten jenseits der Welt, über der Stadt, über dem Lärm und dem Staub. Sie waren die Gefährten verblasster Könige, die Hirngespinste von Bildhauern, die Götter von Bauern. Sie zeugten von großen Taten einer anderen Welt — Symbole derer, die Berge versetzten und Steine zum Leben erweckten.
Alles stirbt. Alles verrottet. Niemand entrinnt dem Tod. Aber die Wächter waren ewig. Und das Schloss war ewig, seine Ruine, Rissen und Löchern zum Trotz. Der Stein war behauen. Würde es immer bleiben. Selbst seine zersprengten Reste.
»Ich war hier«, hörte er den toten König rufen. Ein Schatten zwischen den Säulen, mit einer Harfe auf dem Rücken. »Ich werde es immer sein. Ich bin unsterblich.«
Arik würde nirgendwo sein. Seine Brüder würden es nicht. Sein Vater war es lange schon nicht mehr. Seine Mutter nicht.
Alles war Staub. Die Nacht kam übers Meer und wischte ihn weg. Das war alles. Ein Tag nach dem anderen. Einer wie der andere.
Und irgendwann würde der Abend ein letztes Mal kommen. Und alles davor würde nur ein blasser Hauch im Wind sein.
Alles Schlechte vergessen. Nicht vergeben. Bloß fort.
Die Ruhe war wunderschön. Fast meinte er weinen zu können.
Es war bloß ein Gefühl. Nichts passierte. Vielleicht Einbildung.
Ein Schwarm Mücken tanzte im letzten Licht. Einige lagen tot am Sockel einer Statue, wie eine stumme Opfergabe.
Er atmete aus und plötzlich überkam ihm das Gefühl beobachtet zu werden. Die stummen Augen der Wächter oder der schwarze König, der ihn aufs Meer locken wollte.
Er blickte hinter sich.
Auf der großen Steintreppe stand eine schwarze Gestalt, dunkler noch als der Schatten.
Caspar.
Wie lange hatte er dort schon gewartet?
Der Pudel grinste. In seinen Augen spiegelte sich die untergehende Sonne, wie Feuer. Ein Windstoß fegte durch die Ruine und hüllte die beiden ein.
Arik schnaufte.
Es war so schön ruhig gewesen. Er hatte keinen Bock auf den Pudel oder irgendwen anderes.
»Du hängst auch in jedem Drecksloch rum«, brummte er.
»Nur in denen, in die mich meine Nase führt«, entgegnete Caspar und trat heran, um einen Blick auf die Stadt zu werfen. Seine Nasenflügel wippten, als er ihren stinkenden Staub inhalierte.
»Hast ja scheinbar nichts Besseres zu tun, als mir ständig am Arsch zu kleben«, grunzte Arik. »Warum verpisst du dich nicht einfach und lässt mich in Ruhe?«
Caspar erwiderte nichts. Sein Blick schweifte in die Ferne.
Der Waschbär schnaufte erneut. »Gibt ja genug andere Trottel, denen du hinterherlaufen kannst.«
»Stimmt.« Caspar kramte in seiner Tasche und zog Zigarette und Feuerzeug hervor. »Es gibt sie überall. Und sie stinken alle wie Tod und Scheiße.« Er zündete sie an — versuchte es zumindest, aber es klappte im Wind nicht. »Und sie sagen, mit wem man sich abgeben soll und mit wem nicht. Weil manche gut sind, andere böse. Und sie meinen zu wissen, wer was ist. Sagen sie sich zumindest. Die können mich mal. Ich entscheide.«
»Wie nett von dir. Pass auf oder ich muss kotzen.«
Caspar kicherte. »Man soll sich stets mit den Guten und Lieben abgeben. Vielleicht findet man ja 'nen Freund. 'Nen guten, der brav Zeitung liest, keine bösen Wörter in den Mund nimmt und jeden Monat ein wenig Kohle zurücklegt, um sie den armen Krüppeln im Wüstenland zu spenden. Dann kann er sich abends selbst anwichsen und drin wälzen, was für'n guter Kerl er ist. Kotzen mich an, solche Typen. Würd ihnen 's Hirn rausblasen. Ich wette, bei dem Anblick bekotzen sie sich dann. Wär sicher witzig.«
Er sah zu Arik. »Genauso witzig wie du. Und darum hänge ich mit dir rum. Weil du kein guter und lieber Freund bist. Sondern interessant.«
»Das ist der beschissenste Anmachspruch, den ich je gehört hab.«
Caspar lachte. »Du bist der Erste, der interessant ist. Freu dich. Bist was Besonderes.«
Arik konnte sich wenig darüber freuen, von eurer pudeligen Lordschaft in den Ehrenstand gehoben worden zu sein. Zu sehr lenkte ihn das hässliche, breite Kötergrinsen ab.
»Du wirst nie wie die anderen sein«, gluckste Caspar. »Sowas ist nicht für dich bestimmt. Und du wirst nicht lange leben. Wie sagt man so schön: ›Die Guten sterben jung‹. Ich sehe es an deinen Augen. Und möchte es sehen.«
Arik hatte genug von dem Scheiß. »Findeste megawitzig, oder?!«
Der Pudel kicherte. »Voll.«
»Fick dich!«, zischte der Waschbär, ballte seine Hand und versenkte sie im Gesicht des Köters. Gleich ein zweiter Schlag hinterher.
Caspar flog die Kippe aus dem Maul. Er wurde herumgerissen und krümmte sich. Hielt sich den Kopf. Schnaufte. Er spuckte etwas Blut auf den Boden. Gerade genug, damit sich eine befriedigende Hitze in Ariks Brust ausbreitete.
Caspar wischte sich das Blut von der Lippe und betrachtete seine beschmierte Pfote. Er grinste immer noch. »Geht's dir jetzt besser?«
»Nein.«
Der Pudel lachte. Lachte immer. Lachte laut.
Arik kramte in seinen Taschen. Keine Zigaretten mehr.
Er brummte und starrte auf die Stadt hinab, in der Hoffnung, der Lachsack würde sich bald wieder beruhigen.
»Mein Waschbär«, gluckste Caspar und zog eine zweite Zigarette aus der Tasche. »Gischtreiter. Schattensänger.«
Er folgte Ariks Blick. Die Stadt lag wie ein finsteres Meer vor ihnen. Lichtpunkte schimmerten im dunklen Stein, wie glitzernde Gischt.
»Auf dem Ozean der Nelken fahre ich die Nacht«, murmelte der Hund und reichte Arik die Zigarette.
Der Waschbär zögerte einen Moment, nahm dann aber doch die Zigarette und fügte an: »Auf der Leier des Lebens spiele ich den Tod.«
Caspar grinste. Wenigstens war es kein Lachen mehr. »Geladen habe ich dunkler Tage Fracht.«
»Bittermilch und Aschebrot.«
Eine Sirene erklang in der Ferne. Polizei und Krankenwagen. Irgendwo pöbelten Betrunkene. Eine streunende Wildkatze. Der Gestank von Abwasser.
»Niemand hat sich irgendwas hiervon ausgesucht«, sprach Caspar. »Keiner hat drum gebeten, geboren zu werden als irgendeiner der hunderttausend Trottel. Aber sie stolpern alle durch die Gegend und versuchen irgendwas zu machen. Fummeln an sich selbst und der Stadt herum. Seit tausend Jahren. Machen's anders. Meist schlimmer. Fänd's irgendwie ziemlich witzig, alles zu nehmen und einfach in die Luft zu jagen.«
Er streckte die Pfote aus, als wollte er zwischen die Häuser greifen und sie aus dem Boden reißen, wie Unkraut.
»Tausend Jahre Rumgefummel. Einfach weg. Überall Feuer. Das wär was. Da würden sie plötzlich die Augen aufmachen und sehen, wie sinnlos ihr Gehampel die ganze Zeit war.«
»Glaub nicht, dass irgendwer über den Witz lachen würde.«
»Weil sie alle humorlose Spastis sind. Anders als Waschbären. Die verstehen Spaß.«
Caspar blickte auf. In seinem Gesicht leuchtete kindlicher Schabernack.
Er drehte sich auf der Stelle um und sprintete zu einer der Statuen. Er rüttelte an einer Eisenschiene, mit der sie stabilisiert war.
»Viel Spaß«, murmelte er, während er hantierte, bis sie abbrach. Kurz darauf sackte auch die Statue herab, unter lautem Getöse brach ihr Kopf ab und zerplatzte auf dem Boden in einer Staubwolke.
Der Pudel hielt die Stange triumphierend in die Höhe und grinste.
»Viel Spaß für Waschbären.«
Was folgte, war ein nächtlicher Streifzug vorbei an den schönsten Plätzen der Stadt.
Das Rathaus lag stumm auf seinem Hügel. Das Theater wurde mit farbigem Licht angestrahlt. Seine dunklen Marmorsäulen schimmerten, als wären sie flüssig. Rote Banner wehten im Wind und kündigten die große Nacht der Kultur an.
Es roch nach Gräsern und Öl.
Ein Knall und wieder regnete Glas auf den Gehweg.
Caspar lief an den geparkten Autos vorbei und hob wann immer ihm danach war die Stange, um eines von ihnen zu verschönern.
Ein Schwung mit der Stange und eine Beifahrertür war verbeult. Ein weiterer und ein Seitenspiegel war abgebrochen. Eine Frontscheibe hatte ein Loch. Er zog die Stange an einem schwarzen Kombi entlang. Kreischend blieb im Lack ein breiter Kratzer zurück. Ein weiterer Knall und der Frontscheinwerfer war weg.
Caspar wedelte mit der Stange in der Luft, als wäre sie ein Küs.
Der blöde Pudel hatte recht gehabt. Arik konnte Spaß gebrauchen.
Er fühlte, wie die schweren Gedanken mit der leichten Brise hinweggetragen wurden. Oder vielleicht zerplatzten sie auch bloß, zusammen mit den Scheiben und Scheinwerfern, auf die Caspar einschlug.
Arik war davon überzeugt, dass große Genugtuung in sinnloser Zerstörung lag. Ordnung war für ihn irgendwie befremdlich, störend und sinnlos. Manchmal wurden Dinge besser, wenn man sie in alle Einzelteile zerlegte. Sie nicht bloß verbeulte und verbog, sondern jedes Detail zerfetzte, bis nichts mehr zurückblieb, das noch irgendetwas darstellte oder für irgendetwas verwendet werden konnte.
Das war der Urzustand. Perfektes, sinnbefreites Chaos.
Vielleicht konnten das andere Leute nicht verstehen, wenn sie auf keiner Müllkippe hausten, ohne Waschbären, die in jede Ecke pissten und wichsten. Arik hasste den Geruch, aber missen wollte er ihn trotzdem nicht. Er erinnerte ihn an seine Kindheit. Er sagte ihm, wo er zuhause war.
Die Autos und Häuser der dressierten Schnösel stanken nach Lack, Plastik und Kunstrasen, nach Katzenstreu und Backmischungen. Gerüche, die mindestens so pervers waren wie die von Pisse und Wichse. Nur waren Pisse und Wichse natürlich, in gewisser Weise aufrichtig, unverfälscht.
Das konnte Arik akzeptieren. Polierten und parfümierten Kitsch hingegen nicht.
»Die Säcke brauchen keine Autos«, hatte Caspar richtig erkannt und gegluckst. »Ich hab auch noch nie eins gebraucht. Und wenn sie's stört, isses ihr Problem.«
Und es störte sie wohl tatsächlich, denn von einer Haustür tönte Protest. Ein Marder warf die Pfoten in die Luft und meckerte über die Aktion des Pudels.
Caspar nahm ihn ins Visier und grinste.
Viel Spaß.
»Was ist dein Problem?«, fragte er und marschierte auf den Schreihals zu.
Der Marder zischte, dass er ein Problem mit der Sachbeschädigung hatte.
»Kannste beweisen, dass ich's war, wennde mich hier so beschuldigst?«, grunzte Caspar. »Oder biste bloß 'n kleiner Speziesist, der was gegen Pudel hat?«
Arik musste grinsen, beim dämlichen Gesicht des Marders, als ihn Caspar zulaberte.
Vorurteile? Falsche Beschuldigungen? Speziesismus?
Schnösel mit so etwas zu beschuldigen war, als würfe man ihnen Kryptonit ins Gesicht. Solche schlimmen Wörter passten nicht zu ihrer heilen Welt, ob sie nun stimmten oder nicht. Das war egal. Wichtig für sie war bloß, nett und fein zu sein und ein gutes Mitglied der Parfümfurzer, der Moralelite, die sich und ihre Ausdünstungen für die Krone der Schöpfung hielten und ihre Nasen rümpften gegenüber allen anderen, die nicht so »weltoffen« und »gutherzig« waren wie sie.
Manfred Marder, ein Speziesist. Oh nein. Oh Schreck. Das geht doch nicht.
Von der Anschuldigung musste er sich erst einmal reinwaschen, am besten mit einer Spende ans Asylantenheim, um zu beweisen, dass an der Beschuldigung ja gar nichts dran war.
Vielleicht würde er auch einen Beitrag auf animali posten, in dem er Speziesismus verurteilt und sagt, dass der ganz viel schlimm sei, um seinen Bonzenfreunden zu beweisen, was für ein guter Kerl er in Wirklichkeit war.
Arik konnte sich das herrlich vorstellen, als sich der Kopf des Marders immer weiter zwischen seine Schultern zurückzog, während der Pudel weiter schwafelte.
»Wennde mich anmachst, schlag ich dir die Fresse ein«, grunzte Caspar. »Aus Notwehr, weilde mich angegriffen hast. Was du hier machst, nennt man Hassverbrechen. Weil du Pudel hasst, nicht wahr?«
Es war eindeutig, dass Caspar der Sohn einer Politikerin war.
Er hob die Eisenstange und schlug sie gegen die Hauswand. Der schrille Knall schmerzte in den Ohren und ließ den Marder zusammenzucken. Seine Tasthaare zitterten ängstlich. Statt etwas zu erwidern, verschwand er im Haus und verriegelte hastig die Tür.
Caspar hielt auf das vorm Haus geparkte Auto zu.
Er schien dem Marder ein Abschiedsgeschenk machen zu wollen und hatte kurze Zeit später den Tankdeckel aufgehebelt.
Er nahm einen Zug an der Zigarette und schnippte sie davon. Mit einem kunstvollen Bogen landete der Glimmstängel im Tank.
Caspar ging auf Abstand und klatschte freudig in die Pfoten, in Erwartung eines Feuerwerks.
Arik zog die Augenbrauen hoch. Beide warteten gespannt.
Nichts geschah.
Der Pudel schnaufte ungeduldig. »Fang an zu brennen, Stück Dreck!«
Er trat gegen das Fahrzeug. »Peng! Bumm! Krach! Irgendwas!«
Das kleine Marderauto kippte fast auf die Seite.
Nichts passierte.
Er grunzte enttäuscht und machte seinem Ärger Luft, indem er die Scheiben einschlug und die Motorhaube verbeulte.
Er schlug gegen die Reifen, aber sie wollten nicht platzen.
Das kleine Fahrzeug leistete erbitterten Widerstand.
»Du gehst schon in die Luft, Miststück!« Er holte eine Pistole aus der Innentasche seiner Jacke und zog den Schlitten zurück.
Arik trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.
Seine Ohren sprangen auf, als er Polizeisirenen in der Ferne hörte.
Klar, der Marder tat, was jeder gute Bürger tat, der sich nicht selbst helfen konnte: Er verkroch sich und rief nach Pappi.
Spielverderber.
Caspar zielte auf den Tank und machte sich bereit, das Auto in ein Stück Löcherkäse zu verwandeln, das hoffentlich knallte und brannte.
»Wir sollten verschwinden«, brummte Arik.
»Hat der Waschbär etwa Angst?«
»Nur keinen Bock auf Schnüffler.«
»Könnte sie abknallen«, schlug der Köter vor. »Hab noch'n Magazin.«
Er kratzte sich mit dem Lauf am Kinn und überlegte. »Die kommen meist zu zweit, nicht? Sieben Kugeln für jeden. Bin aber 'n scheiß Schütze. Vier daneben. Drei für jeden übrig. Oder — oder wir kaufen uns ein Eis. Der Laden beim großen Brunnen hat noch offen. Der hat Schnitzeleis!«
Er sicherte die Waffe und ließ sie wieder in der Jacke verschwinden. Dann drehte er sich auf der Stelle und gab die Richtung zur Eisdiele an.
Schnitzeleismann, mach dich bereit, denn der Pudel ist im Anmarsch.
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Update 2020-04-12