WASSERRATTEN (1) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Wasserratten

- 1 -

JANNIK ABERG

Kopfmarmelade.

Mit ganzen Stücken. Marke Hagar. Gut durchgezogen, mit Hirnwasser verfeinert. Schmeckt nicht nur toll auf Frühstückstoast, sondern leistet dir morgens auch Gesellschaft, wenn niemand zum Quatschen in der Nähe ist. Die beste Art von Gesellschaft. Ohne Widerworte.

Und an dir interessiert ist sie auch. Kaum ein anderer würde dich so beharrlich und inbrünstig anstarren. Selbst mit dem bescheuerten Fellfleck auf deiner Stirn. Starrt mit aufgerissenen Augen und einem leicht eingefallenen Lächeln. Maden tanzen Ballett auf dem Nasenrücken. Jeder hat Spaß.

Nur Jannik war noch nicht in Partystimmung. Weil die Abendsonne ihn wohl ärgern wollte.

Auf dem Heimweg schien sie vor ihm wegzulaufen und versteckte sich hinter den Bergen am anderen Ende der Stadt. Sie ließ Schatten aus den Gullys und Kellerfenstern kriechen.

Das wäre nichts Schlimmes gewesen, glaubte der kleine Luchs nicht, in den schwarzen Flecken glotzende Augen zu erkennen. Aufgerissene Augen wandelnder Köpfe, die sich in finsteren Nischen versteckt hielten. Heimlich. In seinem Augenwinkel. Wenn er sich umsah, waren sie verschwunden.

Hinter Häuserecken kauerten kopflose Körper. Sah man genauer hin, tarnten sie sich als Büsche und Mülltonnen.

Ihre fehlenden Köpfe erspähte der Luchs hinter einem erleuchteten Fenster. Sorgsam aufgereiht, mit wild abstehenden Haaren.

Andere mochten sie mit Topfpflanzen verwechseln, aber nicht er. Er wusste, dass sie die Reste alter Geister waren, die dort im Abendrot faulten. Gespenster, die in sein Hirn eingefallen waren und dort nun gehässig herumspukten. Ihn mit einem Fluch belegten, als er die Schwelle ins Lazarett überschritten hatte.

Er sah über die Schulter. Abermals.

Sein Blick sprang auf einen schwarzen Mann nahe der Hauswand.

Bloß eine kaputte Laterne.

Ein totes Tier kauerte am Rinnstein.

Nein, ein Autoreifen.

Er sprang zurück, als sich am Zaun etwas bewegte. Hagar streckte seine Krallen durch die Latten und angelte nach ihm.

Nur ein vertrockneter Fliederstrauch im Wind.

Trotzdem wechselte Jannik die Straßenseite.

Hagar ist tot, versuchte er sich zu beruhigen. Bloß ein lebloser Kopf. Wie ein verschrumpelter Apfel. Genau.

Nur irgendwie konnte ihn dieser Gedanke nicht aufmuntern. Im Gegenteil. Je mehr er über Hagar nachdachte, desto stärker wurde das Gefühl der bohrenden Augen, die ihn von überall anzustarren schienen.

Hirsche, versuchte er sich abzulenken, sind gute Zeichen. Stehen für Schutz vor dem Bösen. Am Lazarett steht eine Hirschstatue. Sie bewacht Hagar, damit er nicht raus kann. Kaja mag Hirsche. Hat überall Geweihskulpturen. Im ganzen Haus. Eine Festung gegen das Böse. Kein Hagar-Kopf kann über die Türschwelle rollen. Würde er rollen? Müsste er ja. Oder schweben? Nein! Schweben ist total gruselig!

Er stellte sich vor, wie er im Bett lag und sich im Halbschlaf zum Fenster umdrehte, um dort einen unförmigen Gegenstand vor dem Glas herumfliegen zu sehen. Er konnte ihn im Dunkeln nicht genau erkennen. Nur zwei weiße Augen und eine Reihe schiefer Zähne.

Der Gegenstand stieß gegen das Glas und erzeugte ein dumpfes Geräusch.

Tock. Tock. Tock.

Jannik drehte sich weg und zog die Decke über den Kopf.

Tock. Tock. Tock.

Er hörte leises Atmen und schüttelte sich. Es war kalt geworden.

Zum Glück würde er bald zuhause sein.

Der Weg am alten Bahnhof entlang wäre kürzer gewesen. Und dunkler. Kaputte Laternen. Der verwilderte Park. Unheimlich.

Nein. Er nahm lieber den Umweg die Geschäftsstraße entlang. Dort waren noch einige Passanten unterwegs. Die meisten Läden waren jedoch bereits geschlossen. Fenster schwarz, Reklamen grau.

Noch eine Kreuzung, dann nahmen die Straßen wieder das bekannte Bild seiner Nachbarschaft an.

Die Einfamilienhäuser mit den kleinen Gärten. Der Geruch von Heide und Herrn Magoros Teich. Drinnen wanderte am Fenster ein Schatten umher und inspizierte die abendliche Straße. Sein Haustier, Katze Pachet. Still und wachsam wie immer.

Ein vertrautes Windspiel erklang in der leichten Brise. Jannik konnte es von seinem Zimmerfenster aus hören.

Hier schien die Dunkelheit weniger dicht zu sein und die Luft wärmer. Die Geister schienen langsamer zu werden und der Fluch an Kraft zu verlieren.

Noch eine Kreuzung und er hätte sie abgehängt.

Ein fremdes Auto stand vor der Tür des Luchshauses. Schwarzweiß mit roten Streifen. Polizeiwagen.

In anderen mochte der Anblick Unbehagen oder Groll hervorrufen, für Jannik jedoch bedeutete er Sicherheit und Vertrauen.

Die Haustür stand offen und eine Polizeihündin in Uniform trat heraus.

Ein Dobermann. Oder war es eine Doberfrau? Sie schien irgendetwas abzuholen, das sie auf der Beifahrerseite verstaute.

Ihre Ohren zuckten kurz, als sie Jannik bemerkte.

Sie sah auf. Ihr Blick war streng. Zwei bernsteinfarbene Augen stachen aus ihrem kurzen, dunklen Fell hervor. Darüber helle Flecken, wie ein zweites Paar Augen.

Mit beiden Augenpaaren musterte sie den kleinen Luchs. Ihr Gesicht war scharf geschnitten, ihre Miene ernst.

Dann hoben sich ihre Mundwinkel. »Jannik.«

Der Tonfall gefiel dem Jungen nicht und er wurde langsamer.

»Wo bist du so spät gewesen?«, hörte er sie schon fragen und er durchkramte panisch seinen Kopf, um eine Ausrede zu finden.

Er konnte wohl kaum sagen, dass er in ein abgesperrtes, heruntergekommenes Krankenhaus eingebrochen war und dort einen abgetrennten Kopf im Glas besucht hatte.

Im Kino.

»Welcher Film?«

Ähm — Nein. Bei einem Freund.

»Wo wohnt er denn?«

Also, äh —

Sie schien sein panisches Lächeln zu ignorieren, warf die Beifahrertür zu und lehnte sich gegen den Wagen. Sie verschränkte die Arme und ließ ihre vier Augen über den Jungen wandern. Dann lächelte sie.

»Du hast dein Sommerfell bekommen.«

Jannik machte große Augen. Darauf wusste er genauso wenig zu erwidern.

»Deine Flecken sind schön dunkel geworden.«

Ganz toll. Dann hatte sie sicher auch den auf der Stirn bemerkt, der so blöd aussah.

Vielleicht machte sie ja gleich ein Polizeifoto von ihm, da so ein Fleck sicher ein Verbrechen darstellte. Das konnte sie dann ins Verhörzimmer hängen, um Verdächtigen beim Anblick unter Qualen Geständnisse aus den Rippen zu leiern.

Sie musste kichern.

Wahrscheinlich hatte sie gerade dasselbe gedacht oder ihre zwei Extraaugen halfen ihr, Janniks Gedanken zu lesen.

Er versuchte an Hagars hässliche Grimasse zu denken, in der Hoffnung, sie würde ihre telepathischen Kräfte blockieren.

»Jedes Mal, wenn dein Vater sein Winterfell verliert, meckern die Reinigungskräfte über verstopfte Staubsauger«, sprach sie und lachte. »Oder eine verstopfte Klimaanlage.«

»Werden da schon wieder Märchen erzählt?«, kam Isaks Stimme aus dem Haus und kurz darauf tauchte sein Kopf an der Haustür auf. »Die Klimaanlage war kaputt, weil jemand meinte, sie im Frühjahr ganz aufdrehen zu müssen und dann alle Fenster aufzureißen, damit noch etwas ›frische Luft‹ reinkommt.«

»Das ist eine infame Unterstellung«, konterte sie. »Ich habe graue Haare als Beweis. Du nur eine Anschuldigung.«

Sie fand das lustig. Isak eher weniger.

Dann sah er Jannik an. »Wo bist du den ganzen Tag gewesen?«

Stimmt. Da war ja was.

Janniks Antwort: »Also. Ähm.«

Die spitze Nase der Polizeihündin wippte. Der kleine Luchs sah, wie sich ihre Stirn in Falten legte.

»Sag mal Jannik«, sprach sie, »gibt es in deiner Klasse Waschbären?«

Ihr Blick hatte sich plötzlich geändert. Er war noch immer aufmerksam und beherrscht wie zuvor, aber etwas anderes hatte sich in ihn gemischt. Etwas Prüfendes. Misstrauisches.

Der Luchs atmete angespannt ein. »Äh — ich glaube — ich meine, da ist einer, aber wir sehen uns nur sehr selten, da wir nicht in denselben Kursen sind.«

Wieder bewegten sich ihre Nasenflügel als sie den Jungen musterte.

Sie konnte Niklas riechen. Ganz bestimmt.

»Ich — muss noch Hausaufgaben machen«, log Jannik, kratzte sich nervös am Arm, zog seinen Rucksack gerade und navigierte sich an Isak vorbei ins Haus.

Es war ihm egal, ob sie und sein Vater das seltsam fanden, aber es war besser, als dort herumzustehen und sich Fragen zu stellen, für die er keine guten Antworten hatte.

Er hielt an der Treppe an und lehnte sich an die Wand, um die beiden belauschen zu können.

»Er will nichts gesehen haben.«

»Halte ich für unwahrscheinlich, wenn man von vorne angegriffen wird. Da war ein Waschbär. Ich hab es an seinem Shirt gerochen. Er wurde vor dem Angriff von einem angefasst.«

»Meinst du, das steht mit dem Angriff in Verbindung?«

»Kann ich noch nicht sagen. Da gibt es noch ein paar Fälle von Einbruch und Sachbeschädigung, verübt von Waschbären. Wenn dazu nun noch schwere Körperverletzung kommt, wird uns der Hauptkommissar mehr Mittel zur Verfügung stellen.«

Würden sie etwa Niklas verdächtigen? Nur weil dessen »Psycho-Brüder« Mist gebaut haben?

Das hatte zumindest Chucks geplappert. Aber woher wollte Chucks Niklas' Brüder kennen, wenn der Waschbär den Mund kaum aufmachte und nichts über seine Familie erzählte? Er schien alles auszusitzen oder sich zu drücken. Irgendwie typisch. Einfach ausweichen und verschwinden, als wäre er gar nicht da.

Jannik schnaufte missmutig.

Das war schlecht. Er konnte nicht einfach jedes Problem totschweigen und hoffen, dass es von alleine verschwinden würde.

Es war dasselbe mit Hagar. Niklas tat einfach so, als wäre nichts und verlangte das auch von Jannik.

Der Luchs grübelte darüber nach, ob es gut wäre, mit Isak über Niklas und Chucks zu sprechen, auch wenn beide, ihrer Unterhaltung im Krankenhaus nach zu urteilen, das Thema lieber meiden wollten.

Wenn Isak davon wusste, könnte er dafür sorgen, dass Niklas nicht in die Mangel genommen würde. Das wäre besser, als die Polizei herumschleichen zu lassen, bis sie dem kleinen Waschbären irgendwann im Nacken saßen.

Also wäre das gut für Niklas, nicht wahr? Gut für die Aufklärung des Falls.

Jannik lehnte für eine Weile an der Wand.

Irgendwann hörte er die Haustür zuschlagen und das Motorengeräusch eines Autos, das sich entfernte.

Sein Vater tapste in die Küche.

Niklas war unschuldig.

Das redete sich Jannik zumindest ein. Der Knoten in seinem Kopf würde sonst nur noch größer werden, müsste er sich auch noch wundern, was Niklas angestellt hatte.

Und wenn man unschuldig ist, muss man sich vor nichts fürchten. Das sagte Isak immer. Und man hat die Pflicht zu helfen, damit auch den Opfern geholfen werden kann. Richtig?

Durch Schweigen würde es Chucks nicht besser gehen. Die Täter würden nicht gestellt werden. Und Niklas würde nur noch mehr Probleme bekommen. Zu Unrecht. Oder zu Recht? Weil er seinen Mund nicht aufmachte?

Schnaufen.

Der kleine Luchs atmete tief ein und tapste die Treppe hinab in die Küche. Dort stand sein Vater am Schrank mit einer Packung Coco-Crunch-Keksen, von denen er sich gerade ein paar in den Mund schob.

Aha! Darum waren die Packungen immer so schnell leer. Dann war es auch nicht die Schuld von Isaks »dickem Fell«, dass ihm einige Hemden nicht mehr passten.

Isaks Augen sprangen auf, als er Jannik sah. Er schob die Packung schnell zurück in den Schrank und verschlang den letzten Keks.

Er verschluckte sich und hustete. »Ich dachte, du musst Hausaufgaben machen«, würgte er hervor.

Jannik brummte nur, was Isak interpretieren konnte, wie er mochte.

Der kleine Luchs spielte nervös an seinen Pfotenballen.

»Es ist doch richtig, dass man nichts Schlimmes befürchten muss, wenn man nichts Schlimmes gemacht hat, oder?«

»Natürlich«, gab Isak zurück und sah Jannik argwöhnisch an. »Hast du etwas ›nicht Schlimmes‹ gemacht?«

Der kleine Luchs schüttelte energisch den Kopf. »Und was ist, wenn es jemanden gibt, der nichts Schlimmes gemacht hat, aber vielleicht von etwas weiß, das schlimm ist?«

»Nun, wenn man von etwas weiß, ist es immer gut, ehrlich damit zu sein. Manchmal ist nichts zu sagen auch etwas Schlimmes.«

Jannik kratzte sich am Nackenfell. »Hm, ich kenne einen Waschbären, der nichts Schlechtes gemacht hat und der mit Chucks zusammen war.«

Isaks Kopf hob sich und sein Blick wurde streng. »Dann werden wir diesen Waschbären danach fragen und sehen, was er weiß.«

Das war nicht, was Jannik gemeint hatte.

»Nein, der Waschbär hat nichts damit zu tun«, protestierte er. »Die Polizei soll ihn nicht verhören. Das wäre unfair.«

»Jannik«, sprach Isak eindringlich. »Die Polizei ist dafür da herauszufinden, wer in der Sache mit drin steckt und entsprechend Maßnahmen zu ergreifen. Wenn er nichts damit zu tun hat, braucht er keine Angst zu haben.«

»Aber er wird Angst haben, wenn ihr ihn ausfragt, als ob er ein Verbrecher wäre! Das ist er nicht!«

»Das werden wir dann sehen. Wie heißt dieser Waschbär?«

Jannik schnaufte.

Unfassbar. Das war etwas völlig Anderes, als was er hatte bezwecken wollen.

»Ich kenne seinen Namen nicht«, brummte er.

»Du hast gerade gesagt, dass du ihn kennst.«

»Nur — vom Sehen. Aber ich weiß nicht, wie er heißt.«

»Jannik. Was mit Chucks passiert ist, ist kein Spaß«, sprach Isak eindringlich. »Es hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Chucks hätte seine Augen verlieren oder im Koma liegen können. Jeder, der etwas darüber weiß, hat die Pflicht, ihm zu helfen. Es zu verschweigen wäre eine Behinderung der Polizeiarbeit.«

Der kleine Luchs blickte auf den Boden. »Ich weiß seinen Namen nicht«, bekräftigte er, hatte aber keine Ahnung, ob Isak ihm glaubte. Isak starrte ihn ernst an.

»Dann kannst du es sicher herausfinden.«

Toll. Statt dafür zu sorgen, dass Niklas nicht verdächtigt wurde, würde ihm die Polizei jetzt erst recht auflauern.

Echt, ganz toll gemacht.

Der kleine Luchs nickte wortlos. Isak nickte ebenfalls.


Jannik hatte genug für heute.

Das Lazarett, Hagar, die sinnfreie Unterhaltung mit seinem Vater.

Er ließ seinen Kopf ins Kissen fallen und versuchte das ganze Durcheinander zu ordnen.

Warum musste sein Vater nur so ein Dickkopf sein? Weil er Leuten helfen wollte.

Weil es seine Pflicht war. Trotzdem! Er glaubte seinem eigenen Sohn nicht, wenn Jannik sagte, dass jemand unschuldig war?

Weil er es erst selbst prüfen musste, mit seinen Schnüfflern, und dann in eine Akte schreiben würde: »Der kleine Kerl, dem wir hinterher geschlichen sind und gelöchert haben, ja, der war's nicht. Gut, dass wir ihn in die Mangel genommen haben«.

Er brummte und wälzte sich im Bett umher.

Er konnte nicht schlafen. Immer wieder wanderten seine Gedanken zum finsteren Gemäuer und den schwarzen Schächten.

Was ihnen dort unten alles hätte passieren können. Ganz alleine. Niemand da, um ihnen zu helfen. Nur Hagar.

Sie hatten Glück gehabt. Niklas hatte sich nur den Fuß verstaucht. Es hätte viel schlimmer sein können. Sein Magen wurde flau, wenn er darüber nachdachte.

Er sah auf den Bildschirm seines Handys und scrollte durch Niklas’ animali-Profil, das so spärlich befüllt war wie eh und je. Er fragte sich, ob es dem Waschbären ähnlich ging oder ob ihm das kleine Abenteuer im Lazarett überhaupt nichts ausmachte. Er schien keine Angst vor der Dunkelheit oder vor Hagar gehabt zu haben. Eher davor, dass jemand seine Existenz verrät.

Tock.

Der Gedanke verflüchtigte sich, als er etwas gegen das Fenster schlagen hörte.

Seine Pfoten verkrampften sich und seine Ohren stellten sich nervös auf. Hastig legte er das Handy beiseite.

Er wagte nicht, sich umzudrehen und nachzusehen. Er hielt die Luft an und lauschte.

Nichts mehr zu hören.

Es war nur ein einzelnes, leises Klopfen gewesen. Jannik war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt da gewesen war oder ob er es sich bloß eingebildet hatte.

Das wäre nicht verwunderlich gewesen bei all dem Durcheinander, das ihm im Kopf herumspukte.

Einige Minuten vergingen.

Das gerade noch so deutliche Geräusch war verblasst, wie ein Gespenst.

Er atmete erleichtert aus.

Tock. Tock.

Seine Krallen bohrten sich in den Stoff der Bettdecke. Sein Rückgrat versteifte und sein Stummelschwanz drückte sich an seinen Körper.

Es war doch etwas am Fenster. Schlug gegen das Glas.

Er lag regungslos da. Mit dem Rücken zur Lärmquelle. Die Augen aufgerissen und starrte gegen die Wand auf der anderen Seite.

Er suchte nach Ausreden, was es sein könnte.

Ein Ast. Nur waren vor seinem Fenster keine Bäume.

Eine fette Hummel, die gegen das Glas fliegt. Nur hatten Hummeln nicht die Angewohnheit, mehrmals gegen dieselbe Stelle zu knallen.

Ein Vogel, der mit dem Schnabel gegen das Fenster pickt. Das ergab Sinn, nicht? Wenn Vögel sich im Glas sehen, picken sie manchmal nach ihrem Spiegelbild.

Tock. Tock. Tock.

Was immer es war, sicher konnte es den kleinen Luchs in seinem Bett liegen sehen.

Er verspürte den Drang, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, als wäre sie ein Schutzschild gegen etwas Böses.

Aber er wagte es nicht. Lieber stellte er sich tot. Damit das Etwas nicht wusste, dass er wusste, dass es da war.

Mit lautem Getöse meldete sich sein Handy.

Der Bildschirm leuchtete auf und tauchte das Zimmer in blaues Licht.

Er wäre vor Schreck fast aus dem Bett gesprungen. Er blieb stocksteif. Versuchte es zu ignorieren.

Das Surren schien ohrenbetäubend laut zu sein. Sicher würde das fremde Etwas es hören. Der Lärm schien eine Ewigkeit anzudauern.

Endlich erstarb er und das Licht verschwand. Dunkelheit kehrte zurück.

Das Klopfen war ebenfalls verschwunden.

Was immer es gewesen sein mochte, das Handy hatte es scheinbar verscheucht.

Er nahm allen Mut zusammen und wagte es, die Decke zu sich zu ziehen.

Es blieb still.

Wenn er sich jetzt schnell umdrehte und zum Fenster starrte, was würde er dort vorfinden? Eine schwarze Gestalt hinterm Glas? Einen schwebenden Kopf?

Aber das war Blödsinn, nicht? Es war extrem unwahrscheinlich, dass dort überhaupt irgendetwas zu sehen war.

Ja. Solche Sachen sind immer Missverständnisse. Überreaktionen. Bestimmt.

Er atmete ein und mit einem Ruck drehte er den Kopf.

Er starrte gegen die dunkelblaue Öffnung.

Dort war nichts. Nur der Abendhimmel. Natürlich.

Und ein Kopf in der rechten unteren Ecke.

Spitze Nase und spitze Ohren. Zwei weiße Augen.

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© 2018, Kranich im Exil

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Update 2020-04-10