WASSERRATTEN (2) - Ger
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TAGE IM JUNI
Wasserratten
- 2 -
JANNIK ABERG
Jannik gefror das Blut in den Adern.
Er fauchte und sprang rücklings vom Bett, verfing sich in der Bettdecke und stürzte zu Boden. Er riss die Augen auf und hatte für eine Sekunde vergessen, wie man atmet.
Mit dem Rücken gegen ein Regal gedrückt, starrte er aus dem Fenster, wo der Kopf umherschwebte und seine Ohren wackeln ließ.
Besonders heftig konnten sie aber nicht wackeln unter der Kappe.
So ein —
Er suchte nach einem Gegenstand zum Werfen. Irgendetwas, das schön wehtat. Hatte er nicht noch irgendwo einen Baseballschläger rumliegen?
Jannik rappelte sich auf, während der Kopf wie ein Fisch im Aquarium umherwippte und zwei Hände gestikulierten, dass der Luchs das Fenster öffnen sollte.
Das würde er auch tun. Einen Spalt breit, damit er dem Kerl eins über die Rübe ziehen konnte.
»Bist du duchgeknallt?«, zischte der Junge, als er das Fenster aufzog.
»Womöglich«, kam die Antwort, während sich der Fuchs über das Fensterbrett hereinbeugte. »Meine Eltern haben immer gesagt, ich wäre was Besonderes.« Jake grinste breit. »Wusste nicht, dass schon Schlafenszeit für Kätzchen ist.«
Jannik brummte. »Wenn mein Vater erfährt, dass du den Balkon hochgeklettert bist, bringt er dich um.«
»Umbringen wird er mich ja eh irgendwann. Da kommt's auf den Grund nicht an.«
Es gab bestimmte Tage, an denen Jannik seinen Vater fast verstehen konnte. Da kam es ihm wie eine Wohltat vor, dem lachenden, kunterbunten Fuchs entgegenzugrinsen und ihm einen Tonfa zwischen die Zähne zu rammen.
Kunterbunt bedeutete heute eine Mischung aus Neongelb und Pink. Das modische Feingespür des Schlitzohres war nicht zu verkennen.
»Wir sind heute etwas kratzig«, meinte Jake und unternahm mit der Pfote eine angelnde Geste. »Miau.«
Der Luchs rollte mit den Augen. »Was willst du?«
Der Rotschopf warf einen Blick über Janniks Kopf hinweg, als wollte er sicherstellen, dass der Junge alleine war.
»Ich habe etwas bei Kaja vergessen.«
»Du warst schon wieder bei meiner Mutter?«
»Setz es auf die Liste der Dinge, wegen denen mir dein Vater den Hals umdrehen wird.« Wieder hob er den Kopf und sah sich um.
Dafür, dass es ihm scheinbar egal war, passte er ziemlich gut auf, dass Isak nicht plötzlich ins Zimmer stürmte.
»Sache ist, dass ich zwei Flaschen Lack in Kajas Atelier stehen gelassen hab. Die brauch ich.«
»Und dafür schleichst du abends auf dem Balkon rum?«
»Das ist Speziallack, den man super schwer bekommt. Und abends bin ich am produktivsten.«
Jannik brummte. »Was bekomme ich dafür?«
»Wofür?«
Der Luchs starrte ihn mit verkniffenen Augen an.
Jake hob die Augenbrauen in Erwiderung. »Ihr Blick lässt mich Unheilvolles erahnen, Mylord«, sprach er.
Auf Janniks Gesicht breitete sich ein finsteres, rachsüchtiges Grinsen aus, was der Fuchs zu Recht als schlechtes Omen zu werten wusste. Er machte erwartungsvoll die Augen auf.
»Ich hole dir den Lack«, bot der kleine Luchs an, »wenn ich morgen deinen Pool benutzen darf.«
Jake grummelte. »Ich hab dir doch gesagt —«
Jannik wandte sich zur Tür. »Vati!«, rief er.
Jake fuhr zusammen und sprang fast durch das Fenster, um dem Jungen hastig seine Pfote auf den Mund zu drücken.
»Okay. Chill, Alter«, zischte er. »Ja. Pool geht klar.«
Na also. Als Jake seine Pfote zurücknahm, kam darunter ein zufriedenes Grinsen zum Vorschein.
Süße Rache.
»Gut«, entgegnete der kleine Luchs. »Es sind zwei Dosen Lack, ja?«
Jake nickte.
»Das heißt, dass ich und ein Freund deinen Pool benutzen dürfen.«
Jakes Mund wurde spitz und seine Augen zu Schlitzen. »Es ist illegal, nach getätigter Einwilligung die Forderung zu erhöhen.«
»Kannst mich ja bei meinem Vater anzeigen.«
»In dir schlummert ein heimtückisches Monster, das ich nicht einmal meinen Feinden auf den Hals wünschen würde.«
Und gegen dieses Monster hatte der Fuchs keine Chance, wenn er vermeiden wollte, dass Isak von seinen heimlichen Besuchen erführe. Dann wäre der Fuchs Geschichte. Für die nächsten Wochen würde Isak dann jeden Morgen Fuchswurst zu seinem Haferbrei essen.
Jake wusste, dass Jannik Geheimnisse nicht einfach ausplapperte, sondern sorgsam verwahrte. Sie sammelte, wie kleine Bomben, um bei Gelegenheit den Weg freizusprengen. Und das machte den Luchs gefährlich. Füchse waren halt nicht die einzigen Schlitzohren.
Jannik holte die Lackdosen. Er und Jake starrten sich an — in stiller Übereinkunft zwischen dem großen Luchsklan und dem jetzt nicht mehr ganz so großmäuligen Fuchsklan.
»Mylord«, verabschiedete sich Jake und nahm brummend die Lackdosen.
Jannik ließ sich aufs Bett fallen. Plötzlich fühlte er sich viel besser.
Wenigstens eine Sache, die heute gut gelaufen war.
Und solange Jake draußen herumschlich, würde Hagars Geist auf sicherer Distanz bleiben. Das Böse vertrug sich sicher nicht gut mit wandelnden Regenbögen.
Triumphierend stellte er die Ohrpuschel auf und zog sein Handy hervor.
Er teilte Niklas die gute Nachricht mit.
Morgen war Freitag. Das hieß, Isak würde länger im Büro sein und die beiden Jungen hätten eine Weile ihre Ruhe.
Auf eine Antwort vom Waschbären wartete er vergebens. Natürlich.
Kühles Wasser. So schimmernd und duftend.
Leute meinen stets, Katzen mögen kein Wasser. Sie liegen falsch. Katzen sind bloß sehr wählerisch. Sie mögen es nur nicht, nass gemacht zu werden. Aber aus freien Stücken nehmen sie sich gerne eine Auszeit im kühlen Nass.
Er konnte es kaum erwarten.
Dann traf es ihn wie ein Schlag.
Badehose.
Er war ewig nicht baden gewesen und seine Badehosen uralt.
Das war nicht gut.
Er kramte im Schrank herum und fand ganz unten drei Exemplare. Eine in Grau, eine in Braun mit Grau und eine gestreifte, in fröhlichem Hell- und Dunkelgrau.
Gar nicht gut.
Er würde das Fuchshaus nicht mit Hosen betreten, die einen Regenbogen aus Erdfarben zeigen. Das verstieße sicher gegen die Fuchssitten.
Er wollte dort nicht wie ein Wildunfall aufschlagen, besonders nachdem er Jake eine Besuchserlaubnis aus den Rippen geleiert hatte.
Immerhin hatte Jannik einen Ruf zu verlieren.
Er überlegte kurz welchen und entschied sich für den des »Guten Nachbarn«. Jake war so ziemlich der Einzige, der dem kleinen Luchs Beachtung schenkte. Mit dem man reden konnte, ohne das Gefühl zu haben, er hörte heimlich weg. Der ihn aufsuchte, wenn er etwas brauchte. Und wenn es bloß zwei Dosen Lack waren.
Jannik wollte nicht wie ein totaler Langweiler rüberkommen, der jedem Spaß und jeder Blödelei abgeneigt war. Nicht wie sein Vater, vor dem man sich in Acht nehmen musste, weil er ein Spielverderber war.
Wollte kein wortkarger Grummelluchs sein.
Aber du bist ein wortkarger Grummelluchs, teilte ihm sein Bewusstsein mit.
Ich arbeite dran, gab er zurück. Ich gebe mir Mühe, offener zu werden. Mühe mit Niklas.
Das hat ja toll geklappt im Gespräch mit Isak.
Sei still!
Seine Bemühungen um den Waschbären waren ein Beweis seiner Besserung. Niklas war die erste Person, die nicht wegrannte, wenn Jannik etwas mit ihr unternehmen wollte.
Das rieb er seinem Gewissen unter die Stirnlappen.
Er würde hart daran arbeiten, dass die beiden Spaß hatten. Und es war harte Arbeit. Die Auseinandersetzung mit Chuma, der Besuch im Lazarett, Hagar.
Ja, Jannik gab sich Mühe kein zaghafter Neinsager zu sein. Und er würde sich ein Vorbild an Jake nehmen, der auch nicht Rumgrummelte. Der nicht »vielleicht« sagte, sondern das, was er wollte. Und wenn er etwas wollte, dann kletterte er abends am Nachbarhaus herum. Ohne sich zu schämen.
Und darum waren Grau und Braun auch völlig inakzeptabel!
Zum Glück war nach der Schule noch etwas Zeit, das Einkaufszentrum nach Badehosen zu durchsuchen, die dem Betrachter die Augen ausbrennen konnten.
Er hatte sogar Niklas überzeugen können, mit ihm zu kommen, da es auf dem Weg von der Schule in die Vorstadt lag.
Jannik hatte die Wuseligkeit des Waschbären jedoch eindeutig unterschätzt. Wenn der Luchs nur einmal woandershin schaute, stand Niklas schon nicht mehr neben ihm, sondern tapste irgendwo auf der anderen Seite der Halle herum. Völlig unbedarft, als würde er schlafwandeln.
Es war wie das Hüten einer Herde Schafe. Allerdings bestand die Herde nur aus einer Person, die ständig in alle möglichen Richtungen davonwanderte. Und es war nicht leicht, eine kleine graue Gestalt zwischen den ganzen farbenfrohen Fellträgern wiederzufinden.
Jannik konnte so unmöglich die Shops durchstöbern. Außer er besuchte zuvor einen Laden für Haustierbedarf und kaufte eine Leine, mit der er Niklas im Zaum halten konnte.
Aber das würde dem Waschbären sicher nicht gefallen.
Er schmiedete einen Plan.
»Hast du Hunger?«, fragte er.
Niklas blickte auf und die Gefräßigkeit einer ganzen Schafherde stand ihm ins flaumige Gesicht geschrieben. Redete sich Jannik zumindest ein.
Redete er sich zumindest ein.
»Ich gebe Hackfleisch-Fritten aus«, verkündete er und schob Niklas zum Fastfood-Stand im Zentrum der Halle.
»Die große Portion.« Die konnte man nämlich nicht zum Mitnehmen bestellen, sondern musste sich an einen der Tische setzen.
Als der Waschbär mit einem Berg Fritten eingedeckt war, entschuldigte sich Jannik, um auf einen Sprung im Klamottenladen vorbeizusehen.
Nach seiner Einschätzung dürfte er knapp fünf bis zehn Minuten haben, bevor Niklas mit den Fritten fertig sein und wieder vom Erkundungstrieb gepackt werden würde.
Jannik betrat den Laden und bemerkte, dass die Belegschaft aus einem Rudel Wölfe bestand, die durch das Dickicht der Kleiderständer schlichen, auf der Suche nach Kunden.
Der kleine Luchs hatte schon oft am eigenen Leib erfahren, wie gerne Wölfe ihren Jagdtrieb an ihrer Kundschaft ausließen. Wenn ein Gast auch nur den Anschein erweckte, etwas Bestimmtes zu suchen, klebten sie ihm an den Fersen wie Haie, die Blut geleckt haben.
Aber Jannik brauchte heute keine Hilfe bei der Klamottenwahl. Er brauchte keine Gratisberatung und nein, er benötigte auch keinen passenden Schal zu seiner Badehose.
Er zog einige Shorts aus einem Regal. Irgendetwas grelles, das von seinem graubraunem Fell und diesen dämlichen Punkten ablenken konnte. Neongrün sah gut aus.
Er spähte durch das Fenster auf den Fastfood-Stand. Dieser wies eine beunruhigend geringe Anzahl von Waschbärenkunden auf.
Das konnte nicht sein. Niklas' Hunger musste größer gewesen sein, als Jannik vermutet hatte.
Der Luchs knirschte grimmig mit den Zähnen.
Vielleicht nahm er einfach die blutrote Hose.
Er erschrak, als neben ihm etwas zwischen den Hemden auftauchte.
»Ich brauche keine —«, rief er und stoppte, als er bemerkte, dass es ein Waschbärenkopf war, der in beäugte.
»Bist du bald fertig?«, fragte Niklas leicht genervt. »Ich mag Kaufhäuser nicht. Zu viele Leute.«
Hinter ihnen raschelten T-Shirts und zwei spitze Ohren tauchten aus dem Klamottenurwald auf.
»Ich wittere Kunden, Jonny«, rief einer der Wölfe, »und Hackfleisch-Fritten.«
Die beiden Jungen gingen in Deckung, während die Angestellten an ihnen vorbeischlichen.
Der Ringelschweif musterte die bunten Shorts in Janniks Pfoten. »Rosa?«, fragte er argwöhnisch.
»Nein. Farbenfroh«, korrigierte der Luchs.
»Warum?«
Jannik sah sich prüfend nach weiteren Raubtieren um. »Weil der Typ mit dem Pool auch farbenfroh ist und ich nicht möchte, dass er mich für eine graue Maus hält«, flüsterte er.
»Wenn ihn das nervt, kann er kein so toller Typ sein.«
Jannik warf ihm einen scharfen Blick zu. Blasphemie.
Niklas hatte ja keine Ahnung, wie wichtig solche Details waren. Aber der Luchs hatte jetzt keine Zeit für derartige Diskussionen.
Er warf einen Blick um die Ecke und inspizierte den Kassenschalter am Ende des Gangs.
Die Luft schien rein zu sein.
Er schielte auf Niklas. »Du bist schnell und wendig, nicht?«, fragte er. »Wenn du die Shorts bis zur Kasse bringst, können wir nach Hause gehen.«
Niklas schien einen Moment darüber nachzudenken.
Mehr Rascheln hinter ihnen.
»Dann sind wir wieder alleine«, fügte der Luchs an.
Niklas nickte wortlos, griff die Shorts und rannte los.
Sofort schossen drei weitere Wölfe aus der Unterwäscheabteilung.
»Halt!«, rief einer. »Du hast bestimmt die falsche Größe. Ich hole dir eine andere!«
Niklas duckte sich und huschte zwischen seinen Beinen hindurch.
»Schuheinlagen sind heute dreißig Prozent reduziert!«, grunzte das Spitzohr und schnappte nach ihm. Daneben.
Jannik hatte recht gehabt. Schnell und wendig.
Aber die Wölfe waren in der Überzahl. Das Angestelltenrudel versuchte den Waschbären einzukreisen.
Das verlangte nach einem taktischen Manöver.
Der kleine Luchs erhob sich. »Ich brauche Hilfe beim Aussuchen von Turnschuhen!«, rief er und sofort drehten sich fünf Köpfe in seine Richtung.
Er schluckte, als sie auf ihn zustürmten.
Hastig zog er einen Schuh aus dem Regal. »Den brauche ich in 37,5«, und warf ihn in die andere Richtung.
Die Wölfe stürzten sich auf den Schuh und Jannik schlich an ihnen vorbei.
Niklas hatte den Tresen bereits erreicht. Die Kassiererin blickte auf, die Kasse piepste und die Wölfe drehten verwundert ihre Köpfe, um dann enttäuscht die Ohren hängen zu lassen und sich schnaufend ins Dickicht zurückzuziehen.
Jannik grinste Niklas an.
Sieh an, man musste nur herausfinden, wie man die geringelte Flinkheit richtig einsetzen konnte.
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Update 2020-04-10