AUFKLAERER (3) - Ger
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TAGE IM JUNI
Aufklärer
- 3 -
JANNIK ABERG
Janniks Magen meldete sich. Und die Pause neigte sich rasch dem Ende entgegen. Wo sollte er jetzt etwas Essbares auftreiben?
Er würde den Rest des Tages auf seinem Stuhl gefesselt sein, genervt, kraftlos, mit knurrendem Magen, während irgendwelche Typen etwas über Penisse laberten.
Wenn das nicht die Hölle war, dann konnte er zumindest bereits Satans Stube in der Ferne sehen. Und seine Speisekammer. Die gut gefüllt war.
Er trottete betrübt den Flur entlang und rieb sich den Bauch.
Plötzlich hörte er ein leises Zischen, das aus einer Nische kam. Er hielt inne und sah sich fragend um, ob es ihm gegolten hatte.
Dann tauchte eine Hand auf und signalisierte ihm, näher zu treten. Sie hatte Hufe. Das machte den kleinen Luchs misstrauisch.
Der Huf verschwand wieder hinter der Ecke. Als der Fremde merkte, dass Jannik seinem Fingerzeig wohl nicht folgen wollte, tauchte kurze Zeit später die Hand wieder auf. Diesmal mit einer kleinen Tüte winkend.
Sie war bunt. Und enthielt Schokolade.
Das machte den Luchs nur noch argwöhnischer. Aber auch hungriger. Und leichtsinniger.
Die ausgehungerte Wildkatze in ihm übernahm das Kommando und lenkte ihn gegen seinen Willen auf die Nische in der Wand zu. Er kämpfte gegen das innere Tier und schaffte es, sich dazu zu zwingen, sicheren Abstand zu halten.
Mit langem Hals spähte er um die Ecke, bereit die Beine in die Pfote zu nehmen bei jeder finsteren Gestalt, jedem Halunken und jedem Untier, das dort im Halbschatten lauern mochte.
Er staunte nicht schlecht, als sich der große Unbekannte als Mike der Widder entpuppte. Im Hoodie, die Hufe in den Taschen und mit über den Kopf gezogener Kapuze stand er außerhalb des Flurlichtes, regungslos wie eine Schaufensterpuppe und starrte Jannik an. Zumindest glaubte der Luchs, dass Mike starrte. Das konnte man durch die Wolllocken, die ihm ins Gesicht hingen, nicht sehen.
Jannik musterte ihn verwundert. Was sollte die Heimlichtuerei?
»Ich hab was du suchst«, flüsterte Mike und öffnete langsam den Reißverschluss seines Hoodies. Aus der Öffnung quoll ein Urwald aus lockiger Wolle hervor. Eigentlich bräuchte der Bock keinen Kapuzenpullover, da seine üppige Wolle ihn sicher zu jeder Jahreszeit warm hielt. Mike wirkte durch sie ziemlich pummelig, aber Jannik fragte sich, ob er darunter nicht in Wirklichkeit nur Haut und Knochen war.
Aus dem lockigen Dickicht zog der Widder das Tütchen hervor und verdeckte es halb mit seinen Hufen.
Dunkle Schokolade. Hochprozentig.
»Aber —«, raunte Jannik und blickte sich nervös um, um sicherzustellen, dass sie nicht beobachtet wurden, »Schokolade ist in der Schule verboten.«
»Psst!«, raunte Mike und ließ das Tütchen wieder halb verschwinden. »Verboten ist's nur, wenn man's sehen kann.«
Recht hatte er. Wenn einer der Lehrer das sehen würde, gäbe es Riesenärger. Erst letzte Woche wurde eine Gruppe Wölfe hochgenommen und zur Zwangsarbeit im Schulgarten verdonnert. Nur weil sie hinter der Sporthalle mit Trinkschokolade gehandelt haben.
»Schokolade ist gefährlich«, flüsterte Jannik eindringlich.
Fast jeder liebte die süße Zuckermasse, aber kaum jemand konnte sie vertragen. Der Tiermagen war einfach nicht dafür geschaffen, Kakao zu verarbeiten und so resultierte der klebrige Spaß in Verdauungsproblemen. Vor nicht einmal einem Monat musste Kai wegen einer Vergiftungserscheinung ins Krankenhaus. Seitdem sind die Lehrer so wachsam wie Geier, die nach verendenden Tieren Ausschau halten.
»Yo, gefährlich wird's nur, wennde zuviel davon einwirfst. Ich hab da noch was, das nicht so reinhaut«, meinte Mike und ließ seine Hufe wieder in der Wolle verschwinden. Er suchte im Lockenwald und zog eine andere Tüte hervor.
Vollmilchschokolade. »Laktosefrei«, raunte er und ließ sie vor Jannik wackeln.
Der Luchs überwand das eigene Verlangen und winkte ab. Mikes Hufe zogen sich zurück und tauchten kurze Zeit später wieder auf. Diesmal hatte er weiße Schokolade aus dem Wollwald hervorgezaubert. Versteckte er in seinem Fell einen ganzen Schokoladenladen?
Jannik schüttelte den Kopf, aber sein Magen verriet sein heimliches Interesse. Wieder warf er einen Blick in den Gang. Bislang kein Lehrer in Sicht.
»Aber woher hast du die überhaupt?«, fragte der Luchs.
»Die Lehrer haben ein Geheimfach. Da bunkern sie all die Schokolade, die sie Schülern abnehmen. Ich geh sie regelmäßig zählen.«
»Zählen?«
»Schäfchenzählen. Heißt, die Schäfchen zählen, was alles in ihrer Wolle versteckt werden kann, bevor's wem auffällt.«
Er zog eine Packung Lackritzschnecken mit Schokoüberzug aus dem Brustfell. Und einen Schokoladenapfel aus dem vom Bauch. Der war neben Zuckerstreuseln nun auch mit Schafshaaren dekoriert. Er biss von ihm ab und kaute darauf herum, während er Jannik eindringlich anstarrte.
Wer hätte gedacht, dass Schafe solch schlitzohrige Schurken waren?
»Vielleicht nehme ich doch etwas«, sprach der Luchs zögerlich. Sein knurrender Magen stimmte hingegen für »Definitiv«.
Jannik stellte sicher, dass niemand in der Nähe war. »Was möchtest du für die Laktosefreie?«, fragte er und überlegte, wie viel er bereit wäre für Schokolade vom Schwarzschafmarkt auszugeben.
»Fünf«, raunte Mike.
»Fünf Scheine.«
»Kondome«
Jannik glotzte ihn perplex an.
»Fünf Kondome«, wiederholte der Bock. »Die extrastarken. Seltene Sammler-Edition in Schwarz.«
Arbeitete denn jeder an dieser Schule daran, den kleinen Luchs irre zu machen? Was für ein beknackter Tag war das heute? Sportschinderei, Pimmelpalaver, Geweihgezeter, Fleischverpönung und jetzt Gummigeschäfte. Dabei hatte Jannik diesmal nicht einmal einen Alptraum gehabt, der ihn hiervor hätte warnen können. Er hatte gut geschlafen. Aber vielleicht hätte ihn ein Traum hierüber so verstört, dass er sich heute lieber in seinem Zimmer unter der Bettdecke verkrochen hätte. Und genau das schien das Universum ja nicht zu wollen. Es wollte ihn hier sehen, umgeben von Geisteskranken. Um ihn zu prüfen und zu bestrafen. Für was, wusste er nicht.
Jannik sah auf die Uhr. Die Pause war praktisch vorüber. Er schnaufte entnervt und zog sein Handy hervor. Er rief Niklas' animali-Profil auf.
»hast du extrastarke, schwarze kondome gesammelt?«, schrieb er und hämmerte sich mit der Pfote gegen die Stirn, um endlich aufzuwachen.
Das ist nicht wahr. Das hier kann nicht wahr sein.
Sein Magen brummte und bestätigte die Richtigkeit der ganzen Unternehmung.
»ja«, kam die sparsame Antwort.
»komm sofort zum ostflur im erdgeschoss. pass auf, dass dich das verrückte soßenschwein und die gehörnlose kuh nicht sehen.«
Er wollte das Handy gerade wegstecken, als es erneut vibrierte. Auf dem Bildschirm sah er wieder ein einzelnes Wort: »tod.«
Was war plötzlich in den Waschbären gefahren?
Dann bemerkte er, dass die Nachricht gar nicht von Niklas kam, sondern von jemandem, dessen Profilbild zwei große Hauer und ein Paar grimmig blickende Augen zeigte.
Oh nein! Jannik hatte Niklas keine private Nachricht geschickt, sondern aus Unachtsamkeit direkt auf dessen Profil geschrieben. Nicht nur konnte das dort jeder lesen, die in seiner Nachricht genannten Personen wurden auch automatisch in Kenntnis gesetzt, dass jemand etwas über sie geschrieben hat. Und an der Schule dürfte es nicht allzu viele »soßenschweine« und »gehörnlose kühe« geben.
Das heißt, diese Antwort kam garantiert von —
»todesursache: ertrinken in bratensoße«, kam die nächste.
»der fehlt nur etwas salz. das ist aus«, meldete die Küchenfrau.
So ein Mist! Jetzt wussten sie genau wo sich Jannik aufhielt.
Irgendwo schlugen Türen in der Ferne. Stampfende Schritte. Er glaubte die Vibrationen spüren zu können, wie die tollwütige Wildsau die Flure entlangraste.
Nervös kratzte er sich am Armfell. Mike winkte immer noch mit dem Schokotütchen. Katzen können einfach nicht widerstehen, wenn ihnen jemand etwas vor der Nase zappeln lässt.
Er musste essen. Und musste weg hier. Sofort! Er konnte nicht auf Niklas warten. Vorher hätten ihn sicher Wildschwein und Kuh in die Mangel genommen. Er musste sich etwas einfallen lassen, um an die Schokolade zu kommen.
»Dein —«, er überlegte, »Strohhalm schaut raus.«
Jannik hatte keine Ahnung, ob der Bock zusammenzuckte, weil er darauf hereingefallen war oder bloß aus Entsetzen über den völlig bescheuerten Spruch.
Aber das war auch egal, da sein Zucken für Jannik die perfekte Gelegenheit war, nach der Schokolade zu greifen. Er riss sie aus Mikes Hufen und wie auf Kommando tauchte das Schwein am anderen Ende des Flures auf.
Jannik stopfte das Tütchen unter sein Shirt, ließ den perplexen Widder links liegen und hechtete durch die Tür zum Hof.
Glück für ihn, dass seine katzenhafte Geschwindigkeit das Schwein wie eine Schnecke erscheinen ließ. Pech für ihn, dass er so schnell nicht mitbekam, wer auf der anderen Seite der Tür stand und die frische Sommerluft genoss. Ayo, der daran arbeitete, wieder elegant zu spät zu kommen.
Das Resultat war ein turbulenter Zusammenstoß, bei dem Jannik zu Boden gerissen wurde und Ayos Hemd zerknitterte.
Eine Augenbraue des Löwen begann zu zucken. Ein sicheres Zeichen, dass er außer sich vor Wut war.
»Es ist ein guter Tag für dich«, raunte er mit gekräuseltem Nasenrücken und zog ein kleines Fläschchen aus der Tasche, »dass ich Seidenglatt Deluxe dabei habe. Entfernt Knitterfalten aus empfindlichen Stoffen. Für nur Neunundfünfzig die Flasche. Sonst hätte ich dir die Kehle durchbeißen müssen.«
Jannik war sehr froh darüber, dass ihm Ayo nicht die Kehle durchbeißen musste. Rote Flecken auf dem Hemd zu haben hätte ihn sicher noch wütender gemacht.
»Schlächter!«, schrie das Schwein, als es auf den Hof stürmte.
Ayo hatte seinen Blick gerade leicht gereizt in Richtung der Lärmquelle lenken können, da wurde sein Gesicht von einem Schwall brauner Soße verziert. Und sein Hemd, was noch schlimmer war.
Jetzt begann auch seine andere Braue zu zucken.
Dann erbebte der Schulhof unter dem tosenden Gebrüll des Löwen und eine Szene folgte, die — handelte es sich hierbei um eine Fernsehdokumentation — aus Gründen des Jugendschutzes zensiert worden wäre.
Jannik machte sich leise aus dem Staub, während ausgerissene Schweineborsten, Fetzen von Kleidung und Morddrohungen um ihn flogen.
Er verzog sich in eine Ecke und kramte die Tüte Schokolade hervor.
Die Pause war längst vorbei. Egal. Er war hungrig. Das Schwein war erledigt.
Er riss die Tüte auf und seine Augen weiteten sich genüsslich, als das Aroma in seine Nase stieg.
Sein Schatz.
Er wollte gerade seine Zähne darin versenken, da wurde ihm die Tüte aus den Pfoten gerissen und er biss ins Leere. Grimmig blickte er auf, von wo ihm zwei große Kuhaugen entgegenglotzten.
»Milchprodukte — unterdrücken unsere Weidekameraden«, faselte sie und schnaufte abfällig.
Jannik spürte den unbändigen Wunsch, dieses bescheuerte Rindvieh zu unterdrücken. Er war hungrig, zu spät dran, entnervt, verstört. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Ein zorniges Kribbeln fuhr durch sein Fell, bis ihm selbst die Puschel von den Ohren abstanden.
Er hatte so was von genug. Von allem.
»Gib mir meine Schokolade zurück, du miese Milchschleuder!«, fauchte er.
Die Kuh hob hämisch ihre Augenbrauen. »Sonst was?«, grinste sie und lud das Soßengewehr nach.
Jannik grollte: »Bratensoße schmeckt ziemlich gut zu Rindfleisch!«
Und dann entschieden seine Zähne, statt sich in Schokolade im Nächstbesten zu vergraben. Das war eine Kuhschulter. Überraschend zart. Und wohltuend.
Dem Rinderwahnsinn auf zwei Beinen entglitten alle Gesichtszüge, als die Wildkatze an ihr hing und ihr armseliges Gezeter verwandelte sich in kopfloses Kreischen. Sie versuchte den Luchs abzuschütteln, schien aber nicht damit gerechnet zu haben, wie hartnäckig sich Unterdrückung halten konnte.
Die beiden taumelten auf dem Schulhof umher, bis sie von Herrn Bluhms Räuspern unterbrochen wurden. Das Faultier kratzte sich am Kinn und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, den es immer noch nicht geschafft hatte auszutrinken.
Oh nein. Wie lange stand Herr Bluhm schon da? Wahrscheinlich sehr lange, denn er war langsam.
Das Faultier hob den Arm und sein Finger wanderte auf Jannik. »In der Schulordnung steht«, sprach er und nahm einen weiteren Schluck kalten Kaffee, an dem er vorher aber trotzdem pustete, da er immerhin erst in der letzten halben Stunde kalt geworden sein konnte, »dass das Beißen von Personen nicht gestattet ist.«
Und dann wurde dem kleinen Luchs das Todesurteil ausgesprochen. Das Ende aller Tage. Sein Untergang. Niemals hätte er damit gerechnet. Nie gewollt. Es war alles aus.
»Ab mit dir ins Büro des Direktors und dann in den Raum für Nachsitzer!«
Er war eine gebrochene Katze.
Den Rest des Tages und wöchentlich zwei Strafstunden verbrachte er in sich versunken wie ein Häufchen Elend im besagten Raum, den man aber gemeinhin als Schulkerker bezeichnete. Nie zuvor hatte er sich so mies gefühlt. Wie sollte er sich je wieder im Spiegel anblicken können?
Er hatte jemanden gebissen — der es im Übrigen völlig verdient hatte. Im Nachhinein wünschte er sich fast, er hätte noch etwas fester zugebissen, da es nun ja ohnehin egal war. Aber was sollten jetzt die anderen von ihm denken?
Niemand beißt Leute. Nicht einmal Wildhunde machen so etwas.
Er kniff sich selbst in den Arm für dieses erneute stereotype Vorurteil und legte die Pfoten vors Gesicht.
Das würde in seiner Schulakte stehen. Das war der Untergang seiner Schullaufbahn. Unter »Besonderheiten« würde der Vermerk »Beißt Person« auftauchen.
Das Ende seiner Karriere. Wer stellt schon einen Beißer ein?
Das ständige Kichern vom Nachbarstuhl machte die Sache nicht besser.
Dort saß Caspar und spielte an seinem Handy herum, das ihm eigentlich vorhin abgenommen worden war. Er beugte sich zu Jannik hinüber, hielt den Bildschirm hoch und gluckste.
»Das hab ich hinterm alten Bahnhof gefunden.«
Nachsitzen war noch schlimmer, als Jannik befürchtet hatte. Und die Schmach war noch lange nicht vorbei, nachdem er die Schule verlassen hatte.
Mit hängendem Kopf saß er am Küchentisch, während Isak den Schulbericht las. Am liebsten wäre der kleine Luchs direkt unter den Stuhl gekrochen. Er sah, wie die Stirnfalten seines Vaters immer tiefer wurden.
Der Sohn eines Polizisten. Ein Unruhestifter.
»›Beißen einer Person‹«, las Isak vor und rieb sich ungläubig die Schläfe. »Und ›Schwänzen des Unterrichts‹. ›Anzetteln einer Schlägerei zwischen Schwein und Löwe‹. ›Dealen mit illegaler Schokolade‹. Die du dem Dealer dann auch noch gestohlen hast.«
Er legte den Zettel auf den Tisch, der auch hätte Janniks Grabinschrift beinhalten können. »Ich hätte nie geglaubt, das einmal sagen zu müssen«, sprach er. »Jannik, geh auf dein Zimmer. Du hast Hausarrest und dein Handy bleibt im Küchenschrank.«
Der kleine Luchs stand mit hängenden Ohren auf. Selbst sein winziger Schweif zeigte heute deutlich südwärts.
»Und noch was«, meinte Isak, als Jannik die Küche fast verlassen hatte. »Zum Abendessen hat deine Mutter heute Schinken auf Jutebasis gekauft.«
Der kleine Luchs schnaufte.
Warum nahm Isak nicht sie fest? Kaja war der größere Verbrecher hier.
End of chapter
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Update 2020-04-10