ABENTEURER (2) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Abenteurer

- 2 -

NIKLAS SCHUPP

Niklas konnte das kleine Luchsherz schlagen hören. Schnell und nervös. Ein dumpfes Trommeln, wie das der Maus. Angst, Unsicherheit.

Aber in Janniks Gesicht war nichts dergleichen zu sehen. Es strahlte Entschlossenheit aus, als versuchte sich sein Kopf mit aller Kraft gegen sein aufbrausendes Herz zu wehren.

Es schien ihm zu gelingen, er schluckte und setzte beider Weg fort.

Der Tunnel vor ihnen offenbarte langsam, Meter für Meter, farblose, kahle Wände. Über den Boden verliefen Schienen, die stur geradeaus ins schwarze Nichts führten. Für einen Zug war der Tunnel jedoch zu schmal. Vielleicht wurde hier einst eine Lore umhergezogen, um irgendetwas aus oder in die Schächte zu transportieren, von dem heute jede Spur fehlte.

Keiner von beiden sprach. Niklas konnte sehen, wie Janniks Ohren wippten, beständig nach irgendwelchen Geräuschen suchend. Sie reckten sich in die Höhe und er hielt kurz inne. Vermutlich um irgendetwas zu lauschen, das gar nicht da war.

Er war schon ein seltsamer Luchs.

Niklas' Fuß verhakte sich in einer der Schienen. Er drohte einzuknicken, aber Jannik hielt ihn und hievte ihn zurück auf seine Schulter. Der Luchs beklagte sich nicht, sondern leuchtete über den Boden und wählte einen ungefährlicheren Weg näher an der Wand entlang.

Niklas' Kopf ruhte auf Janniks Schulter. Aus dem Luchsfell strömte ihm der schwache Geruch von Heide entgegen. Er versuchte sich auszumalen, wo er wohl wohnen mochte. Es schien kein Apartmenthaus zu sein, sondern eines mit Garten. Heide gab es nicht in Niklas' Revier. Auch nicht in der Innenstadt. Vielleicht lag das Luchshaus am Stadtrand.

Er ließ seine Nase durch das raue Fell fahren. Holzgeruch. Jedoch nicht aus dem Wald. Ein Haus mit Holzeinrichtung. Der leicht herbe Duft eines ausgewachsenen Luchses und der mildere einer Luchsin. Wohl Vater und Mutter. Dazwischen war überall Janniks eigener Geruch, der eine perfekte Mischung von beiden war. Schroff und warm. Er war so rein. Völlig anders als der Geruch seiner Cousins, der überdeckt war von Zigarettengestank, Straßenstaub und altem Blut.

Jannik fuhr plötzlich zusammen und blieb stehen, um wieder zu lauschen.

»Hier ist es total gruselig«, raunte er. »Ein Versteck für Monster.«

»Ich mag Monster«, gab Niklas zurück und erntete einen argwöhnischen Blick. »Monsterfilme sind superinteressant«, meinte der Waschbär.

»Supergruselig«, entgegnete Jannik.

»Ich frag' mich, wenn es Monster gäbe, ob sie dann wie Tiere oder wie Fellträger wären.«

Wieder sah ihn der Luchs an. An seinen Augen konnte Niklas erkennen, dass er sich diese Frage wohl noch nie gestellt hatte.

»Weder noch«, sprach Jannik knapp. »Sie sind halt Monster.«

»Warum? Nur weil sie anders aussehen?«

»Nein. Weil sie sich in dunklen Tunneln verstecken und Leute fressen.«

»Vielleicht müssen sie sich verstecken, weil sie sonst beschimpft werden und Leute sie hässlich oder böse nennen. Und wir fressen auch andere Lebewesen.«

»Aber keine anderen Fellträger.«

»Aber Wildtiere.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Was ist der Unterschied zwischen einer Kuhperson und einer Tierkuh? Die eine ist klug und sitzt am Computer und die andere ist dumm und steht auf der Wiese. Wir fressen die Dummen. Vielleicht sind wir die Dummen für die Monster und daher fressen sie uns.«

Auf Janniks Gesicht machte sich ein verdatterter Ausdruck breit.

»Okay«, sprach er. »Dann hoffe ich, dass du mich nicht irgendwann versuchst zu fressen.«

»Ich wette du schmeckst nicht.«

Die Augen des Luchses wurden groß vor Entsetzen. Niklas steckte ihm die Zunge raus und kicherte.

Keinen Sinn für Humor, die Kleinkatze.

Jannik schien das Gespräch ignorieren zu wollen und widmete sich wieder dem Weg vor ihnen. Er leuchtete die Wände ab, als erwartete er, dass irgendwo eine schwarze Gestalt im Schatten stand und sie anspringen wollte.

Niklas rollte die Augen. Sie waren bislang niemandem im Gemäuer begegnet und würden es auch nicht. Im Dunkeln verbarg sich nichts. Bloß leere Gänge und Wände. Jannik hätte sicher keine Angst vor ihnen, wenn sie in Tageslicht gehüllt wären. Oder vielleicht doch? Er schien viel Angst zu haben, vor Dingen die er nicht kannte.

Vielleicht malte er sich gerade aus, dass ihnen im Tunnel ein Verrückter, Verbrecher oder Mörder auflauern könnte. Ein schwarzer Wolf mit schiefen Zähnen und langen Krallen, der ihnen die Bäuche aufreißen wollte. Einen, den man weder hören noch riechen konnte.

Oder anders gesagt: Einen, den man sich bloß einbildete.

»Der Ausgang ist gleich dort drüben«, sprach der Waschbär in der Hoffnung, den Luchs etwas beruhigen zu können.

Jannik atmete erleichtert auf, als vor ihnen eine weitere Öffnung erschien.

Seine Ohren senkten sich jedoch, als er feststellte, dass dahinter nicht blauer Himmel war, sondern bloß die graue Decke irgendeines weiteren Raumes. Weit oben zwängte sich etwas Tageslicht durch winzige Fenster, die nicht mehr als Schlitze im dicken Stein waren.

Der Raum befand sich noch immer unter der Erdoberfläche, aber das Licht schien Jannik etwas Mut zu machen, denn er betrat ihn mit schnelleren Schritten als zuvor.

Das Sonderbare an diesem Raum waren die unzähligen Regale, die man beim Ausräumen des Hauses scheinbar vergessen oder ignoriert hatte. Sie waren gefüllt, teils überworfen mit Kisten, rostigen Werkzeugen und diversen Instrumenten, die wohl nur Ärzte kannten.

Die Bücher in einem anderen Regal waren durch die Feuchtigkeit völlig verfärbt und aufgequollen. Unmöglich zu sagen, wovon sie handelten.

Vor langer Zeit musste irgendwer durch die Reihen gewandert sein, um sie zu inspizieren. Desinteressiert und achtlos, denn ein Großteil der Gegenstände war auf den Boden geworfen worden und hatte sich seither mit Staub und Moder in einem hügeligen Belag verwandelt.

»Dort hinten ist eine Tür«, wies Niklas an und deutete zwischen eine der Regalreihen.

Der Luchs nickte. Doch plötzlich stolperte er. Niklas fiel fast zu Boden, aber Jannik hielt sich an einem der Regale fest. Grimmig trat er eine leere Bierflasche weg, von denen mehrere wie Stolperfallen über dem Boden verteilt waren. Sie rollte klirrend davon. Der Klang hallte gespenstisch von den Wänden wider.

Jannik deutete auf einige Zigarettenkippen. Wie ein Brotkrumenpfad führten sie zum dazugehörigen Aschenbecher, der eigentlich mal ein Schälchen für Desinfektionsmittel gewesen war. Daneben verteilten sich ausgeblichene Verpackungen von Salamichips und Mettkaugummi. In einer Wandnische warteten mehrere verstaubte Sitzkissen auf irgendwen, der nie zurückgekehrt war.

Es schien so, als hatte man den Raum einst für spontane Versammlungen zweckentfremdet. Ein heimliches Versteck für Leute, die die Ruhe des Lazaretts genauso geschätzt hatten, wie Niklas es tat.

Der Waschbär fragte sich, über was sie sich hier unterhalten haben mochten. Die Geheimnisse von Nachtschwärmern oder die Sehnsüchte Ausgestoßener?

Aus einer angeschimmelten Matratze drang modrig-süßer Geruch. Sie war mit Flecken übersät. Niklas schnäuzte die Luft aus seiner Nase, um den Gestank loszuwerden.

Ein klirrendes Geräusch ließ ihn herumfahren. Jannik hatte versehentlich ein Glas umgestoßen, in das mehrere Kondome gestopft waren. Der Luchs trat es angeekelt beiseite und verzog das Gesicht.

»Ich glaube, die haben hier Liebe gemacht«, meinte er zögerlich.

»Ich glaub, die haben einfach nur gefickt«, berichtigte Niklas.

Jannik blickte ihn entgeistert an. Die Luchsohren senkten sich vor Verlegenheit.

Es war irgendwie lustig zu beobachten, wie seine Puschelohren ständig verrieten, was er dachte.

Niklas musste irgendetwas sagen, sonst würde Jannik vielleicht noch vor Scham ohnmächtig werden.

»Meine Cousins treffen sich auch oft mit Weibchen, aber sie müssen sich dafür nicht extra lieben. Sie ficken halt nur.«

Das hatte scheinbar nichts gebracht. Die Augen des Luchses wurden immer größer, während er sich verlegen durch das Nackenfell wuschelte.

»Mit Liebe machen hab ich ja gemeint — «, stammelte Jannik, »dass sie — «

»Ficken?«

»Das ist so ein schlechtes Wort!«

Niklas hob die Augenbrauen. »O — kay.« Dann würde er dem Luchs eben seine »netten« Wörter lassen.

Jannik schüttelte sich, als versuchte er das Gespräch loszuwerden.

»Hier waren jedenfalls seltsame Leute«, meinte er abschließend.

»Warum?«, fragte Niklas überrascht. Er erntete einen genervten Blick.

»Normale Typen sitzen nicht hier unten herum und essen Chips. Das ist ein Ort für Schurken und Mistkerle.«

»Oder für Leute, die ihre Ruhe haben möchten.«

»Dafür können sie sich auch woanders treffen.«

»Und wenn nicht? Vielleicht haben sie Geheimnisse.«

»An so einem Ort müssen es böse Geheimnisse sein.«

Jannik ließ den Lichtschein wandern und erspähte einige weitere Graffitis. Lautstark sog er Luft ein.

Dort war mit dicken, schwarzen Strichen ein großes Symbol an eine der Wände geschmiert. Es erinnerte an ein überdimensionales Warnzeichen: drei Dreiecke, die sich an den Spitzen berührten.

Niklas sah, wie sich beim Anblick Janniks Nasenrücken in Falten legte und er leise zischte.

»Böse Geheimnisse«, wiederholte er. »Wo ist der Ausgang?«, wollte er wissen und zerrte an Niklas.

Der Waschbär weigerte sich. »Warum böse?«, fragte er.

»Weil böse Leute dieses Zeichen verwenden.«

Niklas sagte nichts, sondern blickte den Luchs einfach fragend an. Jannik schnaufte missmutig und deutete auf das Graffiti.

»Hunde benutzen es.«

»Es ist das Zeichen der Caniden«, entgegnete der Waschbär trocken. »Klar nutzen sie es, wenn sie signalisieren wollen, dass sie zusammengehören. Willst du sagen, dass Hunde böse sind?«

Jannik riss überrascht die Augen auf. Mit der Frage hatte er scheinbar nicht gerechnet.

»Natürlich nicht«, erwiderte er prompt. »Aber — die Katzen haben es verboten.«

»Wird es dadurch böse?«

Wieder stoppte der Luchs und schien einen Moment lang nachdenken zu müssen.

»Wenn es verboten ist, muss es böse sein.«

»Ich glaube nicht, dass es böse ist«, entgegnete Niklas und erntete einen seltsamen Blick. Ein Blick, der wortlos fragte, was für ein Sonderling der Waschbär sein musste.

Der Blick ekelte ihn an. Zu viele Leute warfen ihm diesen zu.

Jannik schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Pfote über das Gesicht. Er sah sich um. »Wo geht es hier raus?«

Niklas brummte leise und überlegte für einen Moment. Er hob die Hand und deutete zwischen einige Regale.

»Das ist eine andere Richtung als vorhin«, meinte Jannik.

»Da geht es aber raus.«

Der Luchs atmete ein und zog Niklas wieder über seine Schulter.

Auf den Regalen befanden sich gefüllte Gläser, deren Flüssigkeiten im blassen Licht golden glänzten.

Jannik runzelte die Stirn. Durch die dicke Staubschicht konnte er sicher nur schwer erkennen, was sich in ihnen befand.

Niklas wusste was es war. Ihm waren die Gläser aber egal. Sein Blick lag auf dem kleinen Tisch am anderen Ende der Regalreihe, dem sie sich langsam näherten.

»Sind das Wildtiere?«, fragte der Luchs plötzlich und schluckte. Er hatte in einem der Gläser einen Marder erspäht.

Angewidert musterte er ein anderes, schien aber nicht enträtseln zu können, was dieses enthielt.

»Teile von ihnen«, antwortete Niklas.

Er hörte Jannik angespannt schnaufen, als er einen grauen Klumpen entdeckte, der sich als konservierter Welpe entpuppte. Haarlos und glänzend, wie eine absurde Plastikpuppe, schwamm er in goldenem Saft.

»Warum haben die Wildtiere eingelegt?«, fragte er.

Der kleine Tisch kam immer näher. Niklas konnte die Reflexion seines Gesichtes im großen Glaskolben darauf erkennen, wie ein kleiner Geist, der sich aus dem Dunkeln schälte.

Einen Moment später erblickte auch Jannik das Glas und für einige Sekunden betrachteten beide die Spiegelung ihrer Gesichter.

Der Luchs hob das Handy und im Lichtschein tauchte plötzlich ein drittes Gesicht auf. Zwei aufgerissene, weiße Augen starrten ihnen entgegen.

Jannik fauchte. Seine Ohren legten sich an und sein Nackenfell stellte sich auf. Er wollte zurückspringen, konnte Niklas aber nicht so schnell mit sich ziehen und riss beide zu Boden.

Sie stießen gegen eines der Regale, das protestierend einige Gläser und Kartons auf sie warf. Beide zogen die Köpfe ein als neben ihnen Glas zerplatzte und Scherben tanzten.

Niklas schüttelte sich beim Gedanken die gelbe Brühe auf den Kopf zu bekommen. Oder irgendein totes Tier im Nacken sitzen zu haben. Zum Glück waren die gefallenen Gläser leer gewesen.

Nach einer Weile kehrte wieder Ruhe ein und Niklas hörte Jannik neben sich schnaufen. Wieder konnte er das rasende Luchsherz hören.

»Das ist ein Kopf«, schnaufte Jannik und fixierte das große Glas auf dem Tisch. Er schüttelte hastig seine Pfoten als versuchte er den Ekel loszuwerden und fauchte, spuckte etwas Schleim aus. Niklas hoffte, er würde sich nicht neben ihn übergeben.

Ganz vorsichtig hob er das Handy und das Licht brachte erneut den Inhalt des großen Glases zum Vorschein.

Darin schwamm ein abgetrennter Kopf. Ein Canide. Dessen weiße Augen starrten ins Leere, als hätte er einen Geist gesehen und nun war sein aufgequollenes Gesicht zu einer verzerrten Grimasse erstarrt.

»Ein Kopf«, wiederholte der Luchs. »Der ist — das ist eine Person.«

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Update 2020-04-10