WASSERRATTEN (5) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Wasserratten

- 5 -

JANNIK ABERG

Jannik sprang auf und wedelte mit den Pfoten.

»Mein Vater kommt rüber!«

Jake glotzte ihn ungläubig an und lachte bloß, als wäre das ein fieser Scherz, um ihn zu ärgern. Jannik beteiligte sich aber nicht am Gelächter und das schien dem Fuchs verdächtig vorzukommen.

Er sah den kleinen Luchs erwartungsvoll an und langsam dämmerte es ihm, dass großes Unheil im Anmarsch war. Von einer Sekunde zur nächsten verloren Jakes Ohren alle Farbe und er streckte den Kopf in die Höhe, als hielte er bereits Ausschau nach dem Sturmkommando.

Jannik hörte die Tür ihres Hauses ins Schloss fallen. Dann, wie sein Vater mit jemandem telefonierte. Irgendwas wegen einem »Waschbären« und einer »Duftprobe«.

Gar nicht gut. Sie wollten wieder wegen Niklas rumschnüffeln.

»Er bringt einen Schnüffler mit!«, rief der Luchs.

Jake sprang auf. Ihm fiel fast der Unterkiefer aus dem Gesicht. »What the Fuck!« Er rannte wie von der Tarantel gestochen ins Haus.

Jannik roch an Niklas' Fell, was der Waschbär mit einem verwunderten Blick quittierte. Er roch nach Chlor vom Pool. Das hieß, sie würden seinen Geruch nicht mit dem von irgendwelchen anderen Waschbären in Verbindung bringen können. Hoffentlich.

Janniks Blick fiel auf Niklas' Rucksack. Der musste auch nach Chlor riechen. Also warf er ihn in den Pool.

»Hey!«, protestierte der Waschbär. »Was soll das?«

Jannik fuhr sich durchs Fell. »Ähm — mein Vater ist auf dem Weg hierher — und er will mit dir sprechen.«

An Niklas' Augen konnte Jannik erkennen, dass der Waschbär die Problematik nicht ganz verstand.

»Es ist wegen der Sache mit Chucks —« Niklas' Blick wurde nur noch argwöhnischer. »Mein Vater ist Polizist und —«

»Polizist?!« Niklas' Ohren sprangen in die Höhe und sein Nasenrücken kräuselte sich. Er schnaufte grimmig.

»Warum?«, zischte er und biss die Zähne zusammen. »Was will der hier?«,

»Ich hab ihm von dir und Chucks erzählt und —«

»Bist du bescheuert?!«, grollte er.

Jannik befürchtete, der Waschbär würde ihn wütend anspringen. Der Luchs trat einen Schritt zurück.

»Tut mir leid«, beteuerte Jannik.

Das schien Niklas nicht zu interessieren. Hektisch angelte er seinen Rucksack aus dem Wasser und blickte sich unruhig um, sicher auf der Suche nach einem Fluchtweg.

Er stopfte seine Klamotten in den Rucksack und zog ihn auf den Rücken.

Jannik griff nach seinen Arm. Niklas schlug ihn weg.

»Du musst keine Angst haben«, versicherte der Luchs. Er erntete nur einen zornigen und ungläubigen Blick.

»Mein Vater ist nicht böse.«

»Er ist Polizist! Das hast du mir nicht erzählt!« Niklas peilte den Gartenzaun an.

»Er wird dir nichts tun.«

Keine Reaktion. Es half nichts. Niklas schien völlig aufgewühlt zu sein.

»Wenn du abhaust, wird er glauben, du hättest was Schlechtes getan.«

Wieder warf ihm Niklas einen grimmigen Blick zu. Seine schwarzen Augen funkelten zornig.

»Du hast aber nichts Schlechtes getan. Du bist unschuldig.«

Das schien etwas zu bewirken, denn Niklas schien zu grübeln.

»Und darum wird mein Vater nicht böse sein, wenn er weiß, dass du unschuldig bist. Wenn du wegrennst, wird er aber glauben, du hättest was getan.«

Niklas brummte und schnaufte. Er fuhr sich durchs Fell und schien mit sich zu ringen. Er sah zum Gartenzaun. Dann zurück zu Jannik.

Er zischte. Und nickte.

Das Läuten an der Haustür ließ beide aufschrecken. Jake tauchte wieder auf und deutete ins Haus. »Ihr geht besser zu ihm, bevor er noch auf die Idee kommt reinzuwollen!«

In einer Hand hielt er ein Raumspray, mit dem er großzügig die Einrichtung und sich selbst einnebelte. In der anderen ein Duftspray.

Jannik und Niklas mussten niesen.

»Stinkt wie toter Fuchs«, keuchte der Luchs.

»Fuchsspray«, erklärte Jake. »Dem Geruch der Analdrüsen nachempfunden. Hundert Prozent Fuchs. Null Prozent verdächtig.«

Sicher. Es war nicht verdächtig, dass sein ganzes Haus jetzt nach einer Fuchsorgie stank.

Es läutete erneut.

Jake warf die Dosen weg und spurtete zur Tür. »Komme!«

Jannik und Niklas folgten mit Sicherheitsabstand.

Jake grüßte Isak, der ihn brummig musterte. Dann huschte ein Schauer über das Gesicht des großen Luchses — wohl als ihm das Fuchsaroma in die Nase stieg.

Er räusperte sich, ignorierte es höflich und fragte nach seinem Sohn.

Jannik tauchte hinter Jake auf und bemerkte den kurzen aber eindringlichen Blick seines Vaters. Ein Blick, der ihm klar machte, dass er die Familienehre besudelt hatte beim Betreten der blasphemischen Fuchshöhle.

Der Blick schien so durchdringend gewesen zu sein, dass selbst Jake ihn bemerkte. »Ich habe die beiden eingeladen«, log er. »Weil es heute so scheiße heiß ist für langes Fell. Da dachte ich, dass ihnen eine Erfrischung gut tun würde.«

Isak fixierte den Rotschopf, als glaubte er, so den fuchsigen Unsinn im Zaum halten zu können.

»Verstehe«, entgegnete der große Luchs und fuhr ohne weiter darauf einzugehen fort: »Jannik, stellst du mich deinem Freund vor?«

Der kleine Luchs nickte.

»Das ist mein Vater«, Isak musterte den Waschbären, der sich so gründlich in seinem Handtuch eingewickelt hatte, das nur noch seine Nasenspitze daraus hervorschaute, »und das ist Niklas.«

Niklas' Augen waren zu Schlitzen verkniffen.

Vielleicht wäre es besser, wenn er nicht so deutlich zeigen würde, wie sehr er Isak misstraute. Oder glaubte er, sein finsterer Blick könnte den großen Luchs dazu bringen, den Stummelschweif einzuklemmen und sich ängstlich aus dem Staub zu machen? Niklas' Blick konnte glatt als Mordwaffe durchgehen.

Isak brummte und nickte. »Du gehst mit Jannik in eine Klasse?« Er lächelte, aber das zeigte bei Niklas keine Wirkung. Isak hatte allerdings auch nicht gerade das freundlichste Lächeln der Welt.

Der Waschbär nickte wortlos.

»Ich habe dich hier noch nie gesehen. Wohnst du in der Nähe?«

Schweigen und Kopfschütteln.

»Du kennst doch sicher Chucks. Der geht auch in deine Klasse, stimmt's?«

Zögerliches Nicken.

»Kennst du ihn gut?«

Kopfschütteln.

»Und andere Schüler, die oft mit Chucks unterwegs sind? Seine Freunde? Oder jemanden, der Chucks nicht mag und ihn vielleicht geärgert hat?«

Kurze Pause.

»Ayo, Subira und Keyon sind immer bei ihm«, antwortete er.

Isaks Ohren zuckten kurz.

Jannik stimmte zu. »Sie sind immer zusammen unterwegs.«

»Gehen sie auch zusammen nach Hause?«

»Bestimmt.«

Isak schien kurz über etwas nachzudenken. Er wurde unterbrochen als ein Polizeiwagen vorm Haus anhielt. Jannik hörte Niklas leise zischen und mit den Füßen scharren. Noch mehr Polizei gefiel ihm sicher kein bisschen.

Der Luchs sah ihn an und nickte, um ihm zu versichern, dass alles in Ordnung war. Zumindest hoffte er das. Isak würde sicher nicht einfach ein Kind abführen. Das war gegen das Gesetzt, nicht wahr?

Aus dem Auto stieg der Dobermann aus.

»Das ist Stegarin Eisenmann«, stellte Isak sie vor.

Stegarin — das hieß, sie war besonders gut im Gebrauch ihrer Nase und professionelle Schnüfflerin.

Sie grüßte die Anwesenden kurz und ihre Bernsteinaugen sprangen prompt auf den kleinen Waschbären. Ihre Nasenflügel bewegten sich.

Jannik hörte Niklas missmutig brummen. Wer weiß, welche Gerüche sie gerade aufsog.

Zumindest musste der Fuchsgeruch dabei gewesen sein, denn ihre Augen wechselten zu Jake, der an der Tür lehnte und zurückgrinste.

»Das ist Niklas«, sprach Isak.

Der Dobermann nickte stumm und ließ ihren Blick wandern. In ihren Augen lag eine seltsame Konzentration, als dachte sie über die Lösung eines Kreuzworträtsels nach. Dabei wippten ihre Nasenflügel.

Ob der Chlor-Fuchs-Geruch sie ablenken konnte? Ob sie Chucks noch immer roch? Oder etwas anderes, das Niklas in Schwierigkeiten brachte?

Jannik konnte es nicht sagen. Er konnte ihren ruhigen aber nachdenklichen Blick nicht deuten.

Es war unbehaglich. Als flüsterte ihr ein Unsichtbarer Geheimnisse zu, die niemand anderes hören konnte.

Ihre Augen fixierten Jannik. Für nicht mehr als zwei Sekunden. Dann zurück zu Niklas.

Sie hob den Kopf, sah zu Isak und lächelte.

Jannik hatte keine Ahnung, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war.

Dann waren ihre Augen auch schon wieder beim Waschbären. Das Lächeln wurde breiter.

»Du bist so super niedlich«, sprach sie. »Oh, ich habe süße Teigtaschen mitgebracht«, verkündete sie plötzlich, spurtete zum Auto und kehrte mit einer kleinen Schachtel Gebäck zurück.

Jannik und Niklas beäugten die Backwaren argwöhnisch.

Jake sog Luft zwischen seine Zähne. »Wer was Süßes im Teigmantel mitbringt, ist gern gesehen im Chalet Renard.« Er lächelte sie an.

Flirtete er hier etwa mit der Polizistin, die Niklas ausschnüffeln wollte?

»Die sind mit Fleischcreme gefüllt«, verkündete sie.

»Ich fülle auch gern Dinge mit Creme«, raunte Jake.

Isak räusperte sich und warf ihm einen kurzen Todesblick zu.

Niklas beäugte das Stückchen Teig in seiner Hand, als vermutete er, es wäre vergiftet.

Jannik kannte das Gebäck. Isak brachte es manchmal nach der Arbeit mit. Die Hauptwache musste im Keller ihre eigene Backstube haben. Wie sonst konnte man den Heißhunger der Polizisten auf Süßes stillen?

Der kleine Luchs biss ein Stück davon ab und lächelte Niklas an, um zu zeigen, dass es einem weder im Hals stecken blieb noch die Kehle verätzte.

Isak und Frau Eisenmann wechselten kurz einige Worte. Dann verabschiedete sich der Dobermann und stieg zurück in den Wagen. Isak zupfte seine Weste zurecht und sah zu Jannik und Niklas.

»Ich hoffe, ihr habt gut gebadet.«

Sie nickten.

Dann warf er einen Blick auf Jake. »Übrigens, dem Geruch aus deinem Haus nach zu urteilen, liegt darin irgendwo eine Fuchsleiche. Vielleicht sollte ich mal nachsehen?«

Jakes Lächeln wurde leicht nervös. »Cool — dann kann ich dir gleich meine neuen Illustrationen zeigen: ›Nackte Nebelparder im Nachtclub‹.«

Isak schien nicht in der Stimmung für bildende Kunst zu sein. Oder es war einfach die unkünstlerische Luchstradition, die ihn veranlasste, dem Fuchs stattdessen einen schönen Tag zu wünschen und den Rückzug anzutreten.

An seinem Blick konnte Jannik erkennen, dass die Sache mit dem Badespaß noch eine Diskussion nach sich ziehen würde.

Der kleine Luchs schnaufte und leckte die Fleischcreme aus dem Teigstück.

Jake zog sich seinerseits in sein Haus zurück. »Gentlemen«, verabschiedete er sich.

Jannik atmete erleichtert aus. »Das ist soweit gut gegangen. Glaub ich.«

»Klar«, zischte Niklas grimmig. »Warum hast du nicht den Mund gehalten?!«

»Ich wollte dir und Chucks helfen.«

Niklas schüttelte abfällig den Kopf. »Darum hat dich niemand gebeten! Chucks will nichts mehr damit zu tun haben und ich auch nicht. Nur du musstest da deine Nase reinstecken. Aber ist ja klar, wenn dein Vater Polizist ist. Ihr glaubt, alles beschnüffeln zu müssen! Was hast du noch ausgeplappert? Hagar? Das Lazarett?«

Jannik schüttelte energisch den Kopf und schnaufte. Blödsinn. Er war bestimmt nicht wie sein Vater und er schnüffelte nicht. Er wollte helfen.

»Ich wollte das Richtige tun, statt mich zu drücken — wie ein Feigling.«

Das Wort schien Niklas gar nicht zu gefallen. Er brummte wütend und boxte Jannik in die Brust. »Du solltest dich um deinen eigenen Kram kümmern! Wenn du weiter den Blödmann raushängen lässt, passiert mit dir dasselbe wie mit Chucks!«

Jannik sah ihn perplex an. »Was?«

War das eine Drohung. Oder eine Warnung?

»Halte dich raus und halte die Klappe!«, befahl Niklas mit einem Blick, der so grimmig war, dass Jannik ihn kaum wiedererkannte. Er sah aus wie ein völlig anderer Waschbär. Seine kleinen Murmelaugen waren kalt und zornig.

»Chucks hat Glück gehabt. Weil er ein harmloser Trottel ist. Aber dir könnte es nicht so gut gehen! Also halt die Schnauze und halte dich von Waschbären fern!«

Er zog den Rucksack zurecht. »Ich geh nach Hause.«

Jannik stand verwirrt da und sah ihm nach.

War das gerade wirklich Niklas gewesen oder jemand anderes?

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Update 2020-04-11