WASSERRATTEN (4) - Ger
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TAGE IM JUNI
Wasserratten
- 4 -
JANNIK ABERG
Jake hatte hinterm Haus keinen Pool, sondern einen ganzen See. Das Wasserbecken erstreckte sich über die gesamte Länge des Gartens und war eingebettet in hohe Gräser und Hecken, die es von den Nachbargrundstücken abtrennten.
Jannik hob die Pfote schützend vor die Augen, als sich die Nachmittagssonne im Wasser spiegelte und ihn blendete. Ihm stieg der Geruch des kühlen Nasses in die Nase wie auch der von Schilf und Wildkräutern.
Ein Riesenpool. Darin könnte man eine ganze Nilpferdherde unterbringen.
Der Luchs streckte sich und knetete seine Pfoten, als machte er sich bereit zum Marathonlauf.
Jake sah ihn erwartungsvoll an. Jannik blickte herausfordernd zurück.
Dann folgte eine kunstvolle Performance, in welche der Luchs binnen dreißig Sekunden seine Klamotten abgeworfen hatte und in leuchtender, neongrüner Badehose dastand. Breitbeinig thronte er am Poolrand, mit den Pfoten in die Hüfte gestemmt. Zugegeben, er strahlte nicht so farbenfroh wie Jake, aber das Leuchten würde allemal reichen, um graue Büroangestellte zurück in ihre Kellergrüfte zu jagen.
Jake applaudierte und Jannik verbeugte sich.
Dann machte er sich bereit zum großen Finale. Er warf die Arme in die Höhe, spreizte die Beine, zog den Stummelschweif an, holte tief Luft, setzte sich an den Poolrand und ließ seine Füße im Wasser baumeln.
»Nicht dein Ernst«, sprach Jake und brach in lautes Gelächter aus.
Was denn? Er hatte die ganze Zeit schon seine Füße ins kühle Wasser tauchen wollen.
»Das ist doch kein Baden«, meinte der Fuchs und plötzlich spürte Jannik Jakes Fuß an seinem Rücken.
Bevor er wusste was geschah, wurde er auch schon über den Rand des Pools geschoben und fiel mit lautem Platschen ins Wasser. Jannik strampelte und kämpfte sich wieder an die Oberfläche. Er krallte sich am Randstein fest und schüttelte sich. Er spürte wie das Wasser durch die Fellschichten bis auf seine Haut sickerte. Haare hingen ihm im Gesicht und seine buschigen Backen hatten sich in ein glitschiges Fellgewirr verwandelt. Er zitterte unbehaglich.
»Der große Fuchsklan schrieb einst: Baden heißt es erst, wenn die Muschi nass wird«, prustete Jake und krümmte sich.
Wie wortgewandt. Wie alt war er noch gleich?
Jake sah zu Niklas, der neben dem Pool stand.
»Was ist mit dir?«, fragte er.
Niklas blickte wortlos aufs Wasser. Er erweckte nicht den Anschein, als wollte er Bekanntschaft damit machen.
Jake hob ungläubig die Augenbrauen. »Sag mir nicht, du als Waschbär magst kein Wasser.«
»Doch«, gab Niklas zurück, ohne ihn anzublicken. Er spielte mit seinen Fingern.
»Okay, was ist los?«
»Ich —«, murmelte Niklas und sah in der Gegend herum, als fürchtete er sich vor jemandem, der dort irgendwo lauerte. Jannik befürchtete schon, er hätte wieder Chuma erspäht, der im Gras herumschlich.
»Ich —«, sprach er und knetete seine Hände, »habe keine Badehose.«
Jannik blies fassungslos Luft durch die Nase und erzeugte Bläschen im Wasser.
»Wir waren vorhin im Einkaufszentrum«, rief er. »Warum hast du da nichts gesagt?«
»Weil —«, er schien kurz zu überlegen. »ich da noch keine Badehose gebraucht habe.«
Noch mehr Bläschen.
»Okay«, sagte Jake. »Ich hab sicher irgendwo noch 'ne Badehose im Miniformat.«
Er verschwand im Haus und kehrte kurze Zeit später mit Badeshorts zurück. Scheinbar gute, denn sie waren rot und rosa kariert.
Niklas hielt sie vor sich. »Rosa?«, fragte er zögerlich.
Stimmt. Das war etwas völlig Anderes als Niklas' normale staubfarbene Klamotten mit erdfarbenen Mustern darauf.
»Ah, der Herr ist auch noch wählerisch«, erwiderte Jake. »Rot und Rosa sehen bei grauem Fell mit schwarzer Musterung ziemlich nice aus.«
Wieder sah ihn der kleine Waschbär ungläubig an.
»Keine Panik. Farbe wird dir stehen«, bekräftigte er.
Der Gott der Farben hatte gesprochen. Das musste stimmen. Und es schien auch Wirkung zu haben, denn Niklas zog sich ins Haus zurück, um wenig später wieder zu erscheinen. In besagten Shorts. Die ihm wirklich standen.
Jannik erzeugte noch mehr Blasen. Jake sollte dem Luchs auch mal eine Modeberatung geben.
Das farbliche Upgrade schien aber trotzdem nicht gegen Niklas' Nervosität zu helfen. Er machte einen großen Bogen um die Terrasse und schlich am Poolrand entlang, als wollte er sich vor Jannik und Jake verstecken.
Die beiden betrachteten das Schauspiel gleichermaßen verdutzt. Jannik bemerkte, wie sich der Ausdruck des Fuchses von belustigt zu verwundert änderte und dann zu etwas gänzlich anderem, das der Luchs nicht deuten konnte. Jakes Tasthaare zitterten vor Anspannung, als er über etwas nachdachte.
Untypisch unbeholfen kletterte Niklas ins Wasser, wo er nur seinen Kopf herausschauen ließ.
»O — kay«, raunte Jake und kratzte sich am Kinn. Er brummte irgendetwas und holte dann eine Luftmatratze, die er in den Pool warf.
Der Luchs begrüßte das aufblasbare Gummifloß und zog sich darauf. Baden war viel besser, wenn nur noch die Füße im Wasser hingen.
Für Niklas fand der Fuchs einen Wasserreifen, auf den der Waschbär jedoch nicht kletterte, sondern nur den Kopf durchs Loch steckte. Jetzt sah er aus wie ein Alien-Kampf-U-Boot aus einem Videospiel.
Für sich selbst zog Jake eine Holzliege über die Terrasse, die er zuvor mühsam von einigen Kübelpflanzen befreien musste. Nachdem er mehrere Minuten lang die perfekte Position ausfindig gemacht hatte, nahm er schließlich Platz, mit nach hinten gedrehter Kappe, übergroßer Sonnenbrille, einer Flasche Eistee in der linken und seinem Smartphone in der rechten Pfote.
Der pure Style, den er ausstrahlte, ließ auf der anderen Seite des Planeten bestimmt einige Modeberater ins Koma fallen.
»Jake sieht toll aus«, murmelte Jannik und beobachtete den Fuchs.
»Warum?«, fragte Niklas.
Der Luchs rollte die Augen. War es wieder Zeit für das Waschbären-Verhör?
»Weil er nicht so langweilig aussieht wie andere«, antwortete er. »Andere haben bloß Streifen oder Punkte. Er hat Tattoos.«
Niklas warf ebenfalls einen Blick auf den Fuchs.
»Glaubst du, dass Jake böse ist?«, fragte er plötzlich.
Jannik sah ihn verdutzt an. »Böse?«
Der Waschbär musterte den Fuchs argwöhnisch. Jannik folgte seinem Blick, konnte aber beim besten Willen nicht entdecken, was Niklas so beschäftigte.
Niklas' Arm tauchte aus dem Wasser auf wie das Kanonenrohr des Alien-U-Boots. Er nahm den Fuchs ins Visier. Genau genommen seine Brust.
»Dreiecke«, raunte er.
Jannik sah genauer hin.
Niklas hatte recht. Es war ihm zuvor nie aufgefallen. Das große Tattoo auf Jakes Brust stellte nicht bloß dornige Ranken dar, sondern bildete drei Dreiecke, die sich an den Spitzen berührten.
Dasselbe Symbol wie im Lazarett.
Aber warum zierte es Jakes Körper? — klar, weil er ein Fuchs war und Füchse gehören zu den Caniden. Aber — war das nicht bloß für Banden? Für Typen, die nichts anderes können, als Sachen kaputt zu schlagen?
Jannik brummte. »Glaubst du, die Tattoos haben eine Bedeutung?«
Niklas wippte ahnungslos mit den Ohren. »Frag ihn doch.«
Der Luchs schob Wasser zwischen seinen Pfoten hin und her. Es kam ihm blöd vor, Jake einfach so darauf anzusprechen. Aufdringlich. Wahrscheinlich taten das schon genug Leute. Da würde es ihn sicher nerven, nun auch noch vom Luchs von nebenan gelöchert zu werden.
Jannik bemerkte, wie Niklas ihn ansah. Der Waschbär wollte wieder irgendetwas sagen. Jannik konnte es sehen, aber sein Gegenüber tat nichts dergleichen.
Stattdessen rief Niklas plötzlich Jakes Namen. Der Fuchs blickte auf.
»Jannik findet deine Tattoos geil«, rief der Waschbär.
»Okay«, gab Jake Antwort.
»Jannik findet dich auch geil«, legte er nach.
»Oookay«, kam die Rückmeldung, diesmal in geänderter Tonlage.
Jannik klappte die Kinnlade runter und er spürte, wie seine Ohren heiß wurden.
Niklas sah ihn an. Und steckte die Zunge raus.
Geringelte Wasserratte!
Der Waschbär hatte es heute tatsächlich auf den kleinen Luchs abgesehen.
Das war genug. Allerhöchste Zeit, das U-Boot zu versenken. Jannik versetzte sein Kampffloß in Bewegung und hielt auf Kollisionskurs. Er streckte sich nach dem Waschbären, der seinen Pfoten entglitt und auf Tauchstation ging.
So leicht würde er nicht entkommen. Nicht nachdem er dem Luchs schon den ganzen Tag auf der Nase herumgetanzt war. Jannik angelte herum, ließ seine Pfoten durchs Wasser fahren, aber immer wieder entglitt ihm der Ringelschweif.
Er geriet aus dem Gleichgewicht und obwohl er sich gegen die Luftmatratze stemmte, als wäre sie ein störrischer Gaul, beschloss er notgedrungen den Gummidonut zu entern. Das Manöver glückte und er war nun stolzer Kommandant eines Kriegsschiffes.
Er scannte das Wasser im Loch und wartete auf einen dunklen Schatten, bereit ihn zu ergreifen, wollte er wieder auftauchen. Aber dort war kein Schatten.
Er blickte sich um. Kein Waschbär weit und breit. Er hatte dessen Tarntechnologie unterschätzt. Die Wasseroberfläche beruhigte sich wieder. Es war still.
Wie zwei Suchscheinwerfer ließ Jannik seine Augen von links nach rechts wandern. Feind nicht in Sicht. Unmöglich.
Er legte den Kopf in den Nacken, so weit, bis er hinter sich blicken konnte. Dort schwamm eine Boje in Form eines Waschbärenkopfes und glotzte ihn schweigend an.
Feind gesichtet. Vernichtung initiiert.
Sein Kriegsschiff verweigerte den Befehl und entschied sich für eine Meuterei. Es bäumte sich auf, der Luchs verlor das Gleichgewicht und landete mit klatschender Rückwärtsrolle im Wasser.
Alarm! Zu nass! Zu viel Wasser! Evakuierung!
Er strampelte und kämpfte gegen die wütende See an, bis er endlich das rettende Ufer erreichte. Schwerfällig zog er sich aus dem Pool, der ihn nicht gehen lassen wollte. Wie ein an Land gespültes Tiefseeungeheuer stand er am Rand, während sich aus seinem Fell eine Sintflut über die Terrasse ergoss.
Er hörte Jake lachen, konnte ihn aber nicht sehen, da das nasse Fell seine Augen bedeckte.
»Hättest mir doch sagen können, dass du den Pool mit nach Hause nehmen willst«, scherzte der Fuchs.
Jannik schüttelte das Wasser aus seinem Gesicht und warf einen Blick zurück auf den Pool, wo Niklas' Kopf bereits wieder im Wasserreif ruhte und ihn immer noch anglotzte.
Angriff fehlgeschlagen. Feind im Spottmodus.
»Kannst du dich nicht gleich zu den Blumen stellen?«, fragte Jake. »Hab heute keinen Bock zu gießen.« Wieder kicherte er und nahm einen Schluck Eistee.
»Darum halte dein Fell stets kurz. Zweite Weisheit des Fuchsklans.« Er strich sich über das kurz geschorene Brustfell und rückte die Sonnenbrille zurecht.
Dabei hatte langes Fell durchaus seine Vorteile. Zum Beispiel die weltberühmte Felldusche, mit der Jake im Pfotenumdrehen Teil des Badevergnügens war. Und seine Terrasse. Und sein Wintergarten.
Er ging hinter seiner Flasche Eistee in Deckung, als ihn die Sturmflut ergriff. »Erbarmen!«, flehte er. Und dann war er mindestens genauso nass wie Jannik.
»Mein glorreicher Schweif«, protestierte er theatralisch und wiegte seinen triefenden Schweif im Arm wie ein ertrunkenes Kind. »Warum? Warum nur?«
Er warf Jannik einen stechenden Blick zu. »Monster. Sag ich ja.« Dann verschwand er hurtig im Haus und kehrte mit einem Handtuch zurück, mit dem er sein Fell übervorsichtig abtupfte, als könnte es schmelzen.
»Du hast keine Ahnung, wie lange ich mich fürs Nichtstun stylen muss. Der Schweif muss mindestens eine Stunde lang gekämmt werden. Da habt ihr Luchse es gut mit eurem Stummel.«
Kein gutes Thema.
Jannik beobachtete Jake, wie er seinen Schweif vorsichtig abtupfte. Er konnte verstehen, warum Isak so neidisch auf füchsische Hinterteile war. Wer mochte schon mickrige Stummelschweife, wenn andere mit überdimensionierten Staubwedeln aufwarten konnten? Jakes Schweif war größer als Janniks Oberkörper. Und bestimmt flauschig wie eine Wolke.
Gab es da nicht ein Lied über die Fluffigkeit von Fuchsschweifen?
»On a lonely Friday I’m wishing for a fox tail to hug it tightly.« Oder so.
Der kleine Luchs betrachtete die Tattoos auf Jakes Oberkörper. Jeder Quadratzentimeter war von ihnen bedeckt.
Ob Janniks Flecken weniger auffielen, wenn er sein Fell genauso kurz schnitt wie Jake seins? Er schnaufte missmutig.
»Hey«, sprach der Fuchs als er Janniks Blick bemerkte. »Mach doch nur Spaß.«
»Weiß ich ja«, murmelte der Luchs. Das half aber trotzdem nichts gegen seinen Unmut.
»Was bedeutet das Zeichen?«, fragte er zaghaft und deutete auf die Dreiecke auf Jakes Brust.
Der Fuchs blickte auf. Bestimmt nervte ihn so eine Frage. »Tut mir leid«, fügte er schnell an.
»Wofür?«, Jake lächelte. »Das Zeichen nennt man ›Dreizahn‹. Noch nie was davon gehört?«
Jannik schüttelte den Kopf.
»Im alten Wolfsklan galt es als Ehrensymbol für Mut und Stärke.« Er tupfte es trocken. »Bei Volksfesten malte man es aufs Fell oder rasierte es hinein. Manche sagen, es sei der Ursprung der Tätowierung. Gibt's im Luchsklan Tattoos?«
Jannik verneinte.
Die Luchskultur war nicht gerade bekannt für ihre ausgefallenen künstlerischen Ergüsse. Wahrscheinlich war man traditionell zu sehr damit beschäftigt gewesen, die Holzhütten im Schneesturm dicht zu halten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sein Fell abzuscheren, um sich tätowieren zu lassen.
»Du musst schon Glück haben, um ein paar Holzschnitzereien zu finden«, meinte er, »aber Tattoos gibt's bei uns nicht.«
»Verstehe. Darum ist Kaja so gut im Schnitzen.«
Sie war ja auch die Ausnahme. Der eine künstlerische Luchs unter den ganzen kratzbürstigen Raunasen. Selbst Isak schien Kajas Begeisterung für Kunst nicht ganz nachvollziehen zu können. Er fragte oft, was eine Skulptur bedeutete, aber an seinem Gesicht konnte man erkennen, dass er mit der Erklärung nicht viel anzufangen wusste.
Luchse waren eben auf die grundlegenden Dinge bedacht: Nahrung zu beschaffen, einen Unterschlupf zu bauen und Feuerholz aufzutreiben. Sie lebten nicht in Rudeln, in denen man die Arbeit teilen konnte und die Muße hatte, sich musischen Dingen hinzugeben.
»Ihr Luchse braucht ja auch keine Tattoos«, meinte Jake. Jannik sah ihn verwirrt an.
»Ihr habt eure Flecken.«
Jannik schnaufte. Ja, sicher. Flecken waren ganz toll. Jake konnte von historischen Zeichen der Wölfe erzählen. Jannik von dem Fleck auf seiner Stirn.
»Ja, der auf der Stirn ist ein traditionelles Zeichen und steht für Langeweile. Jeder im Luchsklan hat einen. Manche auf dem Po.«
»Das ist doch nicht dasselbe«, protestierte Jannik. »Du hast überall Muster und ich nur diese grauen Punkte.«
»Ach komm schon«, entgegnete der Fuchs bestürzt. »Du magst deine Flecken nicht? Weißt du, warum ich Tattoos hab?«
Jannik musterte ihn für eine Weile. Er schüttelte den Kopf.
»Weil ich ein beschissener Fuchs bin. Und Füchse haben weder Flecken noch Streifen. Sie sind einfach nur einfarbig. Als ich klein war, hab ich die anderen Kinder gesehen mit ihren Mustern. Sie waren schön und ich hab mich gefragt, warum ich hässlich bin. Warum ich ein Fuchs sein muss. Warum die Natur entschieden hat, mir so ein blödes Fell zu geben, das nichts hat. Ich habe mir immer mein eigenes Muster gewünscht und mir fünfzehn Jahre lang Tattoos stechen lassen.«
Er ging in die Hocke, hob seinen rechten Arm und deutete auf die Innenseite des Bizepses. »Das hier war mein erstes. Mein Vater hätte mich erschlagen, wenn er es gesehen hätte.«
Jannik betrachtete es und versuchte zu entziffern, was es darstellen sollte.
Jake schien seinen Blick zu bemerken. »Ja, es ist ziemlich mies«, sprach er und kicherte. »Ich hab damals nicht drüber nachgedacht, was ich überhaupt wollte. Ich wollte einfach ein Tattoo und hab gedacht, dann würd ich mich besser fühlen. Oder zumindest anders. War aber nicht so. Am nächsten Tag ist keine Fee gekommen, um mich in einen Prinzen zu verwandeln. Ich musste selber herausfinden, wer ich überhaupt sein will. Ist ziemlich sinnlos drüber nachzudenken, was man nicht ist, weil man sich nur mit Scheiße beschäftigt, die nicht funktioniert oder nicht passt, statt mit dem, was für einen selbst richtig ist. Nicht richtig für andere. Und erst nachdem ich das wusste, kamen die anderen Tattoos.«
Er strich sich über die Schulter. »Und die sehen schon besser aus. Weil ich weiß, wie sie aussehen müssen für mich.«
Er sah zurück zu Jannik. »Und du hast deine Flecken. Die nur dir gehören und die kein anderer auf der Welt hat. Du bist einer der schönen Fellträger, die ich als Kind beneidet habe. Und für eine Sache beneide ich dich immer noch: Dein Muster ändert sich. Im Sommer und im Winter. Wenn du größer wirst. Du musst nicht daran arbeiten. Es bleibt einzigartig. Meine Tattoos bleiben immer gleich.«
Er zuckte mit den Schultern. »Tja, gegen die Natur hab ich halt keine Chance.«
Jannik grübelte und massierte seine Stirn.
»Und der Fleck auf deiner Stirn — im Wolfsklan galten Flecken im Gesicht als etwas Besonderes. Man dachte, sie seien magische Augen, mit denen man den wahren Charakter einer Person sehen kann.«
Er drückte Jannik einen Finger auf die Stirn. »Jeder sieht diesen Fleck. Und dadurch sehen sie dir immer ins Gesicht. In deine Augen. Der Fleck hat etwas Magisches.«
Jannik wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Sein Magen tat es für ihn und knurrte.
»Die Natur hat gesprochen«, verkündete Jake und trommelte mit den Pfoten auf seinen Oberschenkeln.
Er erhob sich und warf einen Blick auf Niklas. »Und was ist mit dir? Nicht, dass du dich im Wasser auflöst.«
Dafür, dass Niklas zuvor so zögerlich gewesen ist, schien er das Wasser jetzt nicht verlassen zu wollen.
Es benötigte einige Überzeugungsarbeit und ein zweites Handtuch, bis der Waschbär endlich aus dem Pool kam. Er hatte das Handtuch um sich geschlungen und sah jetzt aus wie ein Raccoon-Wrap.
Wieder knurrte Janniks Magen. Niklas zog seinen Rucksack heran, kramte darin herum und holte die Packung Hackfleischfritten hervor. Er schob sie zu Jannik, der ihn perplex anstarrte.
»Warum hast du die mitgeschleppt?«
»Weil du noch nichts davon gegessen hast.«
Pragmatische Waschbären.
Er bediente sich an den Fritten. Sie waren nun zwar kalt, aber immer noch fleischig. Und besaßen eine interessante Note von würzigem Rucksackgummi und Plastik.
Gedankenversunken starrte er auf das sich wiegende Wasser des Pools. In den sachten Wellen tauchte sein Gesicht auf.
Vielleicht hatte Jake recht. Vielleicht waren die Flecken doch gar nicht so schlimm. Sie waren einzigartig. Sicher. War das etwas Gutes? Er wusste es nicht.
Nur der auf der Stirn war immer noch dämlich. Wenn er nur etwas kleiner wäre. Oder nicht so dunkel. Dann vielleicht.
Eine Autotür wurde zugeschlagen. Jannik spitzte die Ohren. Er konnte diese Tür aus hunderten wiedererkennen.
Er reckte den Kopf in die Höhe. Isak war bereits von der Arbeit zurück?
Mist. Jannik hatte ihm nichts vom Besuch bei Jake erzählt. Das wäre auch eine ziemliche Katastrophe gewesen. Isak wurde bereits grimmig, wenn sich Jannik zu nah am Zaun zum Nachbargrundstück aufhielt. Noch schlimmer würde es werden, wenn er den kleinen Luchs zusammen mit Niklas auf Jakes Terrasse sitzen sah. Dann hielt ihn praktisch nichts davon ab, die Handschellen hervorzuziehen und den Waschbären auf die Wache zu schleifen für ein Freitagnachmittag-Verhör. Während er den Fuchs in eine Zelle verfrachtete. Im Keller.
Bloß keine Panik. Sie mussten sich nur ruhig verhalten. Dann würde Isak nichts mitbekommen. Ist ja nicht so, als würde er einfach bei Jake vorbeischneien. Zumindest nicht ohne Haftbefehl für den Fuchs.
Also war alles im grünen Bereich.
So grün wie die Hecke um den Garten, die neugierige Blicke abhielt, aber ein paar Lücken hatte, durch die man gelegentlich etwas zu Gesicht bekommen konnte, das nicht geplant war.
Durch eines der Löcher konnte man zum Beispiel das Küchenfenster sehen, das Isak gerade zum Lüften aufgezogen hatte und in den Garten starrte.
Jannik starrte zurück. Jake ebenso. Und winkte.
Jannik wurde stocksteif. Isaks Gesicht blieb ausdruckslos, als müsste er für einen Moment verarbeiten, welches Verbrechen gerade vor seinen Augen verübt worden war.
Wortlos verschwand sein Kopf wieder in die Wohnung.
Nicht gut.
Kurze Zeit später surrte Janniks Handy. Widerwillig nahm er den Anruf entgegen.
»Jannik«, meldete sich Isaks Stimme, »komm bitte rüber. Und bring deinen gestreiften Freund mit.«
»Ähm«, murmelte er zögerlich, »ich muss noch Hausaufgaben machen.«
»Die kannst du auch hier machen.«
»Jake hilft mir dabei.«
Kurze Pause.
»Dann komme ich rüber.«
Janniks Augen weiteten sich und seine Ohren sanken herab, während er auflegte.
Roter Alarm! Alle Mann von Bord! Evakuiert das Schiff!
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Update 2020-04-11