Unter Drachen - 24 Reise- und sonstige Planungen
Es wird immer voller, wir planen die Ansiedlung neuer Zugänge auf dem Darjeeling Bergrücken. Dazu erste Überlegungen einer Strafmine und nebenbei die Planung meiner ersten Revierbesichtigung.
Jedenfalls geht es am nächsten Morgen los.
Teil 24 der Story eines Menschen, der sich wieder als Drache zurechtfinden muss.
24
Reise- und sonstige Planungen
„Was ist jetzt denn wieder los?“ höre ich Tyria. –
Wir nähern uns unserer Wohnstätte, eigentlich hatten wir die Händler von der Wiese vor meiner Höhle ein Stück weiter runter verbannt, aber da ist jetzt wieder alles voll. Aber immerhin nicht mehr die Wiese vor meiner Höhle, die hat vermutlich Jaya sperren lassen.
Bevölkert ist der obere Teil der Wiese, der entlang der noch versiegelten Unterkünfte zu den weiter hinten und tiefer gelegenen Werkstätten hin langsam abfällt. Und zugegeben: Voll ist sehr relativ, insgesamt sind es ungefähr 60 Draccier und dazu noch vielleicht 20 Menschen – ich machen mir nicht die Mühe jetzt durchzuzählen. Dabei sind einige Krieger beider Völker aber deutlich mehr Zivilisten, die sich in verschiedenen Grüppchen über die Fläche neben der Gardeunterkunft verteilen. Etwas weiter unten und am Rand weiden etliche Reit- und Zugtiere. Dazu wirkt alles gelassen, kein wirres herumlaufen, gelegentlich kommt oder geht einer, oder auch mal eine kleine Gruppe, in die Unterkunft. Ein einzelner Draccier in den Farben meiner Garde scheint das zu regeln und die Wiese für uns frei zu halten.
„Ich weiß auch nicht… Draccier, ein paar Menschen. Einige Krieger, viele Zivilisten… Da haben sich anscheinend irgendwelche Gruppen unterwegs getroffen und sind gemeinsam angekommen. Mehr als ich gespürt hatte, aber in den Tälern sind Menschen und Draccier recht gut abgeschirmt vor meinen Sinnen.“ –
„Müssen die eigentlich immer direkt zu uns kommen? Verzeih mir, ich versuche ja sie zu akzeptieren, aber das sind mir zu viele zu nah an meiner Schlafstätte. Oder eigentlich ja Deiner.“ –
„Ich möchte das auch nicht. Nicht so jedenfalls. Wir werden eine Lösung finden. Aber Jaya und Aditi haben das ja schon recht ordentlich geregelt, wie es aussieht.“ –
Tyria nickt.
„Ja schon. Was machen wir jetzt?“ –
„Wenn Du die umgehen möchtest, können wir durch den Hintereingang der Anthrowohnung rein.“ –
„Mich vor denen verstecken? Nie! Eher ignorieren und hier vorne landen, als wäre niemand da.“ –
„Gut, machen wir das.“ Bestätige ich grinsend.
Wir sind hoch angeflogen, um uns das erst anzuschauen, jetzt beginnt Tyria einen steilen Abstieg direkt auf die Wiese zu. Ich folge etwas langsamer, um kurz nach ihr anzukommen und werde seitlich zur Wiese anfliegen.
Die Gruppen dort vor unserem Landeplatz haben uns, so halb zwischen den Wolken versteckt, anscheinend noch nicht bemerkt, erst als Tyria ihren steilen Anflug schon recht früh mit laut schmetternden Schwingenschlägen abfängt, schauen sie überrascht zu ihr und beobachten ihre elegant sanfte Punktlandung nur wenige Schritte vor dem Höhleneingang.
Dadurch habe ich den Vorteil, dass mich dort keiner bei meinem Anflug von der anderen Seite bemerkt, auch wegen meinem bewusst weiter ausgelegten und damit auch fast lautlosen Übergang in den Horizontalflug, den ich vor den unteren versiegelten Unterkünften beginne und dann höchstens 3 Meter über dem Boden die Hangwiese hinauf ein wenig Geschwindigkeit abbaue. Der eigentliche Effekt, den ich damit erreichen möchte, kommt dann, als ich fast in Griffweite über die Besucher hinweggleite, ihnen meine ganze Größe so noch eindrucksvoller präsentiere. Kurz vor Tyria richte ich mich dann auf, bremse mit zwei schnellen, kräftigen und jetzt auch jeweils von einem entsprechend lauten Knall begleiteten Schwingenschlägen meinen Schwung und setze dann sanft mit den Füßen auf, sinke in einer fließenden, Tyria an Eleganz hoffentlich nicht sehr nachstehenden Bewegung auf die Hände und falte dabei meine Schwingen zusammen. Schon stehe ich neben meiner Partnerin, die Besucher nicht weiter beachtend.
Ihre feurig leuchtenden Augen zeigen mir, dass ihr mein Auftritt gefallen hat.
„Ja, so gehört sich das. Du hättest ihre erschreckten Gesichter sehen sollen, als sie sich in den Schmutz warfen.“ –
Sie schreitet in die Höhle, ich folge ihr, hoffentlich wenigstens halb so elegant und werfe einen kurzen Blick auf die Gruppen. Die meisten liegen noch flach im Gras, ob noch aus Schreck oder aus Ehrfurcht, weiß ich nicht. Rohit, der hier in der blauen Tunika mit ebenfalls blauem Umhang, Schwert an der Seite und eine Lanze haltend ganz einen Draccier meiner Garde repräsentiert, grinst breit. Aditi im Wachraum aber auch. Ihnen hat die Show also auch gefallen.
Drinnen und außer Sicht von außen steht Tyria schon vor Jaya. Und hat zu meiner heimlichen Freude ihren draußen noch arrogant wirkenden Stolz abgelegt und ihre normale, lockere Haltung, die sich auch mir gegenüber zeigt, angenommen. Ich stelle mich neben meine Wolke und senke den Kopf, damit Jaya nicht so angestrengt hochschauen muss.
„Wo kommen die denn jetzt alle her?“ –
Jaya seufzt.
„Die sind alle mit einem Menschen, den sie „Prinz Govinda“ nennen gekommen.“ –
„Die Draccier auch?“ –
„Ja. Sie kommen anscheinend alle aus dem Reich von Bhagalpur. Sind alle vor der Unterdrückung durch den neuen Herrscher dort ins Drachenland geflohen. Dieser Prinz hat sie dann eingesammelt und mitgebracht. Ist das der, den Du am Leben gelassen hast?“ –
„Ich denke, ja. – Da hat er ja einige mitgebracht.“ –
„Noch etliche mehr. Die Draccier sind mit ihren Familien gekommen. Weiter unten sind mindestens doppelt so viele, die hier siedeln wollen. Aber der Prinz hat sie nicht mit hierher nehmen wollen, weil er schon jetzt findet, es sind zu viele mitgekommen.“ –
„Gut. Habt ihr das im Griff?“ –
Jaya holt nochmal Luft.
„Ja, aber verzeih Natha. Sie wollen unbedingt direkt von Dir die Erlaubnis zu siedeln. Oder Dir als Krieger dienen.“ –
Seufzend schaue ich Tyria an.
„Da muss ich dann wohl durch.“ –
Sie grinst.
„Musst Du?“ –
„Sicher nicht unbedingt. Aber zumindest die ersten Siedler der Draccier sollte ich noch selbst begrüßen und ihnen Land zuweisen. – Also nur schnell Willkommen sagen und den Rest macht bitte ihr, Jaya.“ –
Die nickt.
„Wir regeln das schon irgendwie. Wenn wir wissen, wo und was sie machen wollen oder auch sollen, klappt das schon. Siedlungen legen sie ja selber an.“ –
Tyria seufzt leise.
„Lass uns das schnell hinter uns bringen. Gleich hier oben, der Säulensaal ist viel zu groß für die paar Figuren und die Ecke hier ist schon repräsentativer als bei den meisten anderen von uns. Die meisten würden die sowieso schon vor der Höhle verspeisen… oder wie die Menschen sowas nennen.“ Sie grinst kurz. –
„Vermutlich würden manche die dann auch lieber verspeisen… aber die Menschen sagen abspeisen. Oder abfertigen. Nee, die werden mich noch schnell genug von der kumpelhaften Seite kennenlernen. Da sollen die erstmal etwas vom Stolz der Drachen erleben.“ Tyria grinst jetzt mit mir um die Wette.
„Gut. Lass sie bitte in 15 Minuten zur Audienz herein, Jaya. Und vorher alle dienstfreien Gardisten hier einheitlich gekleidet antreten. Wir wollen ihnen schließlich etwas bieten.“ –
Jaya nickt und beeilt sich die Garde zu alarmieren. – Tyria schreitet schon zum „Thron“ wie ich die etwas erhöhte Plattform mit den eindeutig auf Drachen bezogenen Verzierungen und dem Bling Bling drumherum nenne und setzt sich mit elegant um die Füße gelegtem Schwanz in Positur. Ich tappse hinterher, setze mich neben sie und versuche eine herrschaftliche Haltung einzunehmen, lasse aber meine Schwanzspitze mit aufgerichteten Finnen bewusst etwas vorne von der Plattform hängen. Tyria schaut kurz und nickt dann zufrieden.
„Gut. Lässig stolz. Sag bitte nie mehr, Du würdest immer nur tollpatschig aussehen. – Machst Du mit, Deine Macht ein wenig zu zeigen?“ –
„Meine Macht zeigen?“ –
Sie nickt und gleich darauf wabert eine Art dunkler, immer wieder rot aufglühender Wolke hinter ihr und verbirgt die Felswand. Ihre Augen glühen dunkelrot, dazu wirken ihre Brustschuppen, als würde hinter ihnen Magma rotglühend wabern. Ich nicke und nur wenig später verdeckt eine Gewitterwolke den Rest der Wand. Vereinzelnd zucken darin Blitze auf deren Donnergrollen mehr zu spüren, als zu hören ist.
Tyrias Augen leuchten noch zusätzlich auf, als sie mich betrachtet.
„Du siehst mit Deinem blauweiß leuchtenden Muster sehr beeindruckend aus. Meine Glut wirkt da wohl bedrohlicher, selbst auf viele Drachen. – Aber das mit dem Grollen werde ich zukünftig auch noch einbringen… ein dezentes Beben der Magma unter den Füßen…“ sagt sie mit einer deutlich tieferen Stimme, die wie aus einer tiefen Höhle schallt und den Raum ausfüllt. Ein leicht fieses Grinsen liegt bei ihren letzten Worten auf ihrem Gesicht, als sie zu den eintretenden Gardisten schaut.
Die schauen zwar etwas erstaunt, lassen sich aber nicht erschrecken. Sie kommen zu uns und stellen sich zu beiden Seiten vor dem Podest auf. Es sind zwar nur vier, dazu Aditi, aber das ist mir schon ausreichend. Sie sind mit den Tuniken und dem auf den Rücken geworfenen Umhang, das Schwert an der Seite und natürlich den Abzeichen, eine noch schlichte, aber doch auch repräsentative Gruppe, die gleichzeitig auch Vertrauen wecken sollen.
Alle betrachten uns noch kurz, ehe sie sich aufstellen und Aditi verneigt sich leicht.
„Ihr seht erhaben, dominant, auch bedrohlich, aber noch nicht gefährlich aus, Ishwari, Natha. Darf ich euch im Namen meiner Leute sagen, dass wir stolz sind, in Deinem Dienst stehen zu dürfen, Natha?“ –
Ich neige kurz den Kopf.
„Ich danke euch, dass ihr mir bei meinen Aufgaben helfen wollt.“ Durch meine aktivierten Kräfte klingt meine Stimme auch grollender und wuchtiger als normal. –
Die fünf stellen sich jetzt rechts und links vor uns auf und kurz darauf steht Rohit im Eingang. Er schaut uns an und kann sich ein anerkennendes Lächeln nicht verkneifen, wird auf mein kurzes Nicken aber schnell wieder ernst und macht ein einladendes Zeichen nach draußen.
Kurz darauf erscheint eine erste Gruppe Draccier die dem vorangehenden Rohan folgen, sichtlich beeindruckt von der Größe der Höhle und wohl auch von uns. Man merkt deutlich die kriegerische Ausbildung der Draccier und auch der Menschen, die ihnen folgen, denn sie halten eine fast militärische Ordnung – wohl um ihre Unsicherheit zu bekämpfen. Dahinter folgt dann der – größere – Rest der Ankömmlinge die offensichtlich eine weniger intensive Ausbildung als Krieger haben und sich deutlich verängstigter zeigen.
Es dauert ein wenig, schließlich ist die Höhle schon recht groß, dann macht Rohit seine Ehrenbezeugung und reiht sich neben die beiden Gardisten zur Linken mit ein. Jaya ist als letzte mit herein gekommen und geht jetzt nach vorne, während die Gruppe sich vor mir verneigt. Anscheinend hat Jaya alle instruiert, dass ich hinknien und auf den Boden werfen von niemanden erwarte. Sie wendet sich zu mir.
„Isha Rajesh, Edler Paladin Erces. Diese Draccier und Menschen haben sich in Euer Reich geflüchtet, um Sicherheit für ihre Familien zu finden.“ –
Muss sie so übertreiben…?
„Mein Reich erstreckt sich vom großen Bogen im Norden bis zu den Inseln weit im Süden. Warum also glauben sie hierher flüchten zu müssen?“ frage ich mit der grollenden Stimme. –
Jaya schaut einen älteren Draccier an, der jetzt offensichtlich ein wenig den Mut verloren hat. Dafür richtet sich ein Mensch auf, der ein wenig weiter hinten die Gruppe der Zivilisten angeführt hat und jetzt langsam nach vorne kommt. – Prinz Govinda, wie ich sofort erkenne.
„Verzeiht mir, Isha Rajesh. Ich habe ja die Ehre, Euch bereits kennengelernt zu haben. Heute wollte ich mich nicht in den Vordergrund drängen, doch erkenne ich, dass es wohl an mir ist, zu Euch zu sprechen.“ –
„Ja, ich erkenne Euch Prinz Govinda.“ –
„Nicht mehr Prinz, auch wenn viele der hier anwesenden mich noch als solchen sehen. Erlaubt mir für die Draccier und Menschen zu sprechen.“
Ich nicke.
„Ja Isha Rajesh, Euer Reich erstreckt sich über weite Länder. Länder, die von zumeist Menschen als ihre eigenen Reiche angesehen werden, auch wenn Ihr der wahre Herrscher seid. Wir alle hier lebten friedlich in einem dieser Menschenreiche, direkt an der Grenze zu dem, was alle als Drachenland bezeichnen. Wie ihr wisst, ist dieses Menschenreich unter die Herrschaft einer selbstsüchtigen Gruppe geraten, denen Rechte und Leben des Volkes und da vor allem auch der Draccier dort gleichgültig sind.
Die Menschen in dieser Gruppe sind zur Hälfte Krieger, die vom neuen Herrscher dazu gezwungen wurden, friedliche Siedler in Eurem Land zu überfallen, auszuplündern und leider auch zu töten. Sie sind desertiert, können nicht mehr in unser Land zurück, weil sie sofort getötet werden würden. Ich bitte für die Menschen, dass sie von Euch aufgenommen werden und hier leben und in ihren Handwerken arbeiten dürfen. Die Krieger sind auch bereit für Euch gegen die Krieger des neuen Herrschers zu kämpfen.
Die Draccier waren zum Teil Krieger, sind jetzt aber alle in ein ziviles Leben zurückgekehrt. Sie suchen für ihre Familien Schutz und Sicherheit und bieten Euch ihre Fähigkeiten als Handwerker, Händler und Bauern an. Und sie sind bereit, als Reserve eurer Krieger zu dienen. Sie mussten flüchten, da der neue Herrscher offenbar ihre Fähigkeiten als Krieger fürchtet und sie massiv bedroht und auch schon Familien getötet wurden. Noch sind es wenige, die bei Euch Schutz suchen, aber es sind sicher noch 500 weitere Familien bedroht.
Wir alle wollen mit Eurer Zustimmung hier in Eurem Land und unter Eurem Schutz siedeln und sind bereit dafür unseren Beitrag zu leisten.“ –
Zustimmendes Nicken hat seine Rede begleitet. Auch wenn außer Govinda fast niemand es wagt uns anzuschauen.
Tyria schaut mich an und beschränkt ihre Stimme nur auf mich.
„Das ist also dieser Mensch, der als einziger gegen Dich bestanden hat? Ein beeindruckendes Kerlchen für einen Menschen. So wie er sich verhält und spricht, verstehe ich langsam, warum Du ihm einen wichtigen Posten geben willst.“ –
„Ja, das ist er. Was meinst Du zu ihnen?“ antworte ich ebenso. –
„Wenn Du Menschen bei Deinen Kriegern haben willst, warum nicht. Sie haben offenbar dann einen Grund, Dir treu zu sein. Die Draccier als Handwerker wolltest Du ja ohnehin ansiedeln. Auch diese haben dann einen Grund, Dir zu helfen. Nur bitte nicht allzu nahe…“ –
„Ist in den Tälern rundherum oder nebenan auf dem Bergzug westlich weit genug weg?“ –
„Geht es nicht auch 2 Flugstunden weit? – Nein, wenn sie hauptsächlich dort ihren Dingen nachgehen, reicht mir das.“ –
Ich habe versucht, einen nachdenklichen Eindruck zu machen, unser Gespräch war ja recht schnell. Ich richte mich ein klein wenig weiter auf.
„Nun… Du hast gut gesprochen und logische Gründe genannt, Govinda. Ich gewähre euch allen Schutz und Raum zum Siedeln und zum Betreiben eurer Handwerke. Denkt daran, dass im Drachenland der Schutz der Lebenskraft einen höheren Rang hat als vielleicht da unten in der Ebene. Haltet ihr Euch daran, seid ihr willkommen.“ –
Govinda verneigt sich.
„Im Namen aller danke ich Euch, Isha Rajesh.“ –
Es entsteht ein wenig Unruhe, denn Jaya, Rohit und auch Govinda versuchen die Gruppe leise zum Gehen zu bewegen. Da haben offensichtlich noch nicht alle begriffen, dass sie bleiben und sich einen Platz suchen dürfen. Eine recht resolut wirkende Dracci, deren Narben auf den Armen beweisen, dass sie eine Kriegerin war, steht auf und verneigt sich dann doch sichtlich nervös vor mir.
„V…verzeih Natha… wir dürfen hier siedeln?“ –
„Ja.“ –
„A…aber wo?“ –
„Wo ihr wünscht. – Fast.“ –
„Wo nicht?“ –
„Vor meiner Höhle, direkt an Kraftknoten und ein paar weitere für die Lebenskraft wesentliche Orte. Und keine anderen Siedler vertreiben natürlich.“ –
„Oh… aber ich darf mit meiner Familie gleich drüben auf dem Bergrücken westlich von hier siedeln und dort Tee anbauen? Ich denke, das ist dort eine gute Gegend dafür.“ –
„Ja.“ –
Sie geht auf ihr Knie und verneigt sich.
„Ich danke Euch Natha.“ –
„Ich freue mich auf den Tee. – Ihr alle dürft euch euren Raum zu siedeln suchen. Auch in den Tälern und auf den Bergrücken hier um meine Wohnstätte herum. Wenn ihr die unmittelbare Kontrolle eines Drachen nicht scheut. Nur auf diesem Höhenzug nicht.“ –
Sie hat mich verwundert angeschaut, als ich sagte, dass ich mich auf ihren Tee freuen werde. Jetzt sind sie bereit und folgen Jaya und Rohit wieder vor die Höhle. Kaum sind sie draußen, nehme ich meine Kräfte wieder zurück und werde zum Anthro. Tyria grinst, sie weiß ja, warum ich mich ein wenig müde fühle und steht auch gleich darauf als Anthro neben mir.
„Aditi, Sag Jaya bitte noch, dass sie diejenigen, die hier in der Nähe siedeln wollen, anweist, sich bitte bis morgen zu gedulden. Ich möchte mit ihr – und auch mit Dir – heute Abend noch absprechen, wo und wie ich ihre Siedlungen haben möchte. Ihr seid zum Essen und anschließend einen Schluck ‚Wasauchimmer‘ eingeladen. - Und die Menschen… sie wollen ja offensichtlich als Krieger hier eintreten. Das überlasse ich euch, wen ihr nehmt und wo er eingesetzt wird. Gegen Menschen in der Garde habe ich aber nichts einzuwenden. Der Eindruck nach außen wird eher positiv sein.“ –
Aditi nickt.
„Ich kümmere mich darum, auch ums Essen und das Wasauchimmer. Rohit wäre frei und könnte uns zur Hand gehen.“ –
„Ja gut. Danke.“
Dass Aditi ihn dazu einteilen möchte, unsere Schalen und Gläser gefüllt zu halten ist entweder dazu gedacht, dass er sich zusammenreißen muss, oder – was ich eher vermute – dass er mal eine Nacht ohne Wachdienst verbringen soll. –
Sie nickt wieder, wartet aber noch ab, denn Govinda war zuerst mit hinausgegangen, ist aber wieder hereingekommen.
„Verzeiht Isha Rajesh, dass ich euch noch störe. Aber was ich eben ungewollt mithören durfte, hat meine Frage schon beantwortet. Und wenn ich das sagen darf, jetzt in dieser Erscheinung erkenne ich Euch sehr viel besser. Auch wenn ihr dort im Dorf so eine ähnliche Aura um Euch hattet.“ –
„Das kann ich mir lebhaft vorstellen, als Feral sind Drachen nun mal sehr viel beeindruckender, wenn man direkt vor ihnen steht.“ – die Bilder, wie Fjörgyn mich sozusagen plattgedrückt hatte und etwas später drei Ferals um den Menschen herumstanden und ihn umbrachten, damit er sich als Drache erheben konnte, zucken durch mein Gedächtnis.
„Ich würde Dich ebenfalls gerne einladen, heute Abend mit uns zu essen, Govinda. Ich habe einen Vorschlag, wie Du mir vielleicht helfen kannst.“ –
Er wirkt etwas verwirrt.
„Oh… ja gerne. Nur weiß ich nicht…“ –
In sein Stocken kichert Aditi leise.
„Keine Sorge. Drachen essen nur sehr selten Menschen zur Nacht. Die liegen zu schwer im Magen.“ –
Govinda muss auch grinsen.
„Nein, das war nicht meine Überlegung. Nur war ich noch nie bei Drachen eingeladen.“ –
„Ach, das ist problemlos. Kleidung ist Drachen zuwider, aber es macht Dir ja sicher nichts aus, nackt zu erscheinen. Falls notwendig spitzen wir Deine Zähne noch ein wenig an, damit Du Dich durch das servierte rohe Fleisch beißen kannst.“ –
Er kann seinen Schreck nur mühsam verbergen. Ich schüttele den Kopf.
„Schon gut Aditi. Er wird sich schnell dran gewöhnen. – Und tu jetzt nicht so, als ob Du gerne rohes Fleisch isst, trotz Deiner Fangzähne.“ Sie grinst breit und stupst Govinda an. –
„Komm… lassen wir den Drachen grummeln. Wir schauen uns solange Deine Menschen an, was sie wollen und können und wie wir sie einsetzen können.“ –
Auf mein „dann raus mit euch“ beeilt Govinda sich, Aditi zu folgen. Tyria atmet tief durch und zieht mich dann in den Nebengang zur Wohnung runter.
„Verstehst Du, warum ich das nicht mag?“ –
„Ja schon. Aber ich bin heute auch ein wenig müde.“ –
Sie stupst mir grinsend auf die Nüstern.
„Ja, verständlich. Wenn gerade nichts Wichtiges ist, lass uns noch etwas trinken und dann ein wenig schlafen.“ –
Grinsend nicke ich.
„Egal ob was Wichtiges ist, das machen wir jetzt genau so.“ –
Sie nickt und zieht mich direkt in die Küche. Wir nehmen uns ein paar Krüge mit gekühltem Fruchtsaft und einen großen mit Eiswasser – ein Vorteil, wenn eine Eisdrachin zu Besuch ist. NüShi wollte sich für unsere Gastfreundschaft erkenntlich zeigen und hat einen großen und ohnehin schon zum Frischhalten isolierten Vorratsraum in der Küche zu einer Eishöhle werden lassen.
Sie hat uns erklärt, dass sie eine bestimmte Gesteinsart mit ihrer Elemental-Energie aufladen kann, die so über längere Zeit ihren Eishauch erhält. Wenn ich, weil ich ja ebenfalls ein Elemental bin und da meine Energie sich zu ihrer neutral verhält, diesen Stein regelmäßig sozusagen nachlade, bleibt ihr Eishauch über lange Zeit erhalten. Tyria hat als Magmadrachin eine zu NüShi gegensätzliche Energie, das gibt zwar keine Explosion und auch keine negativen Effekte, aber sie kann diese Aufladung nicht auffrischen.
NüShi hat auf meine Andeutung hin zwar sofort auch einen Kühlraum für meine Garde eingefroren und mir noch zwei von den überraschend kleinen Steinkugeln übergeben, die ich nur mit meiner Energie aufladen muss und so jeweils einen weiteren Kühlraum erzeugen kann – oder in einigen Jahren unsere neu aktivieren. Meine Idee, zumindest teilweise in den heißeren Zonen in größeren Siedlungen so Kühlhäuser einzurichten, habe ich allerdings schnell wieder aufgegeben. Ich kann von NüShi unmöglich verlangen, dass sie alleine in meinem Revier vielleicht 50 oder 60 Kühlhäuser produzieren und immer wieder aufladen soll. Von den weiteren hunderten in den anderen Revieren gar nicht zu denken. Und leider sind Tyria und mir keine weiteren Eis-Elementals bekannt.
Tyria hat mir auch sofort bestätigt, dass NüShi mir sicher zumindest in meinem Reich ihre Kräfte dafür zur Verfügung stellen würde. Denn sie ist der Überzeugung, dass die Eisdrachen nur wenig den Völkern und dem Lebensstrom eine Hilfe sein können, obwohl die meisten da gerne mehr machen würden. Und solche Kühlhäuser wären zumindest in den warmen Gebieten dieser Welt eine deutliche Hilfe – Ich werde das alles noch mit NüShi gemeinsam durchdenken und Erce auf den Zahn fühlen, ob da etwas zu machen geht. Aber nicht vor unserem Besuch bei NüShi. –
Mit den Krügen und ein paar Bechern gehen wir ins Bad, stellen alles an den Rand des kleinen Beckens und ich lasse mich langsam ins warme Wasser gleiten. Tyria folgt mir, reicht mir einen großen Becher mit verdünntem eiskaltem Fruchtsaft, nimmt sich ebenfalls davon und dann lassen wir uns vom Wasser tragen und entspannen. Wir liegen so am Rand, dass wir sicher auch vom Wasser umspült einschlafen können – was mir auch kurz nachdem ich den Becher geleert habe, schnell passiert.
Von einer Bewegung werde ich wieder wach, Tyria füllt mir den Becher wieder – mit einem anderen Saft, von dem ich weiß, dass er tote Drachen weckt – jedenfalls soll das so behauptet werden. Auf jeden Fall wirkt er ähnlich wie ein starker Kaffee.
„Tut mir leid, Du hast fast 2 Stunden geschlafen. Du wolltest doch noch schauen, wo Du nach dem Rechten sehen willst.“ –
Ich gähne und lasse mir dann den leckeren Saft schmecken.
„Ja. Unsere Gäste werden ja auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.“
Langsam steige ich aus dem Becken und strecke mich ausgiebig. Bewusst umständlich falte ich langsam meine Schwingen zusammen und ruckele die gefalteten Bündel immer nochmal neu in die richtige Position.
Tyria schaut sich die Prozedur mit in die Hüfte gestemmten Fäusten kopfschüttelnd an.
„Ist jetzt mal gut…? Du tust ja gerade so, als wäre das vollkommen neu für Dich.“ –
„Hmm…“ ich tu so, als ob ich an den Fingern etwas abzähle.
„So vor ungefähr 3 Wochen wusste ich ja auch noch nicht, dass es Drachen gibt.“ –
Sie schüttelt wieder den Kopf.
„Menschen…“
Wir beide grinsen, sammeln die Krüge und Becher ein und gehen dann direkt in den Wohnraum an den Arbeitstisch. Tyria füllt die Becher wieder während ich das Regal nach Schriften von Valarinn durchsuche. Sie stellt sich anschließend neben mich und lehnt sich an.
„Oh, ich habe mir das noch gar nicht so genau angeschaut und das nur für einen wirren Haufen Schriftrollen gehalten. Du hast hier ja eine umfangreiche Sammlung von Wissen über diese Welt.“ –
„Ja. Valarinn hat anscheinend alles zusammengesammelt, was er irgendwo gefunden hat. Viel von den Menschen, auch einige schon sehr alte Schriften. Aber interessant für mich sind hauptsächlich seine persönlichen Manuskripte. Ich habe schon ein paar gelesen, die mehr allgemeines über diese Welt beschreiben. Jetzt suche ich etwas, was direkt sein Revier betrifft. Hauptsächlich wo weitere Wohnsitze sind.“ Ich nehme eine Schriftrolle heraus.
„Hier hat er die Wohnhöhlen hier im großen Bogen verzeichnet, das habe ich mir schon angeschaut. Nur leider liegt keine Niederschrift über die Höhlen südlich von hier in dem Fach. Entweder habe ich seine Sortierung noch nicht verstanden, oder er war unordentlich. Dass er nichts aufgeschrieben hat, glaube ich nicht, er hat sonst über alles und jedes etwas geschrieben.“ –
„Mal sehen… ich habe nur sehr wenige Schriftstücke und schreibe selber höchstens mal ein paar Worte zur Erinnerung auf. Aber vielleicht erkenne ich da ein System.“
Sie zieht verschiedene Schriftrollen aus den Fächern, wirft einen Blick drauf und steckt sie zurück.
„Die Rolle mit den Wohnstätten hier in den Bergen war auch da in dem Fach?“ –
Ich nicke.
„Ja, ich habe alles wieder da reingesteckt, wo es vorher war.“ –
„Gut. Ich denke, er hat es von der Mitte her danach geordnet, für wie wichtig er die jeweilige Region für sich angesehen hat. Leider hat er keine Markierungen angebracht, welchen Inhalt die Rolle hat.“ –
„Schade. Ich hatte auf eine Rolle gehofft, wo alle verzeichnet sind. Also müssen wir wohl alle Fächer durchsuchen.“ –
„Er hat sicher jeweils eine Niederschrift erstellt, wenn eine Wohnstätte gegründet wurde, die aber nie zusammengefasst.“ Überlegt Tyria. –
Ich schaue leicht verzweifelt auf die vielen Schriftrollen, versuche irgendwas zu erkennen, was sie unterscheidet, aber außer offensichtlich alten bis uralten Rollen, die deutlich gröber und einfacher hergestellt sind und anderen die immer besser und feiner und demnach jünger sein dürften, sehe ich nur im Material und der Farbe der Blätter Unterschiede. Ich überlege, warum er diese verschiedenen Blätter zu allen Zeiten und in allen Fächern benutzt hat. Auch jetzt liegen in einem Fach unbeschriebene Blätter der gleichen unterschiedlichen Fasern und Farben, wie die in den Fächern verteilten Schriften. Aber alle unbeschriebenen scheinen zur gleichen Zeit hergestellt worden zu sein.
Nachdenklich blättere ich die Stapel neuer Blätter durch und finde die gleichen, wie das auf dem die Wohnstätten hier in den Bergen verzeichnet sind, als Tyria mich anstößt.
„Das ist es. Er hat seine Schriften durch das Material und die Färbung einem Thema zugeordnet.“ –
Ich greife willkürlich in einem anderen Fach zu einer Rolle, die zu der in meiner Hand passt. Schon die ersten Worte bestätigen Tyrias Vermutung. Es ist eine Beschreibung, wo die Wohnstätte ganz im Osten zu finden ist. Woher auch immer weiß ich schnell, dass es – bezogen auf meine alte Welt – im Norden von Myanmar nahe der Grenze zu Indien in einem Gebirgszug liegt. Sogar in der Welt der Menschen eine recht dünn besiedelte Gegend.
Tyria zieht aus einem anderen Fach ebenfalls so eine Rolle und auch da ist eine Wohnstätte beschrieben. Offensichtlich hat er nur für das Himalaya Gebiet eine zusammengefasste Auflistung erstellt.
Zufrieden greife ich mir eine Rolle aus einem der oberen Fächer.
„Gut, damit können wir was anfangen. Jetzt noch die richtigen Regionen finden, aber das sind jetzt ja nicht mehr hunderte Rollen.“ –
Tyria fängt auf der anderen Seite ganz unten an.
„Schreib Dir eine Liste, welche Unterkunft Du besuchen willst. Ich gebe Dir die Rollen und stecke sie wieder zurück, damit wir die Sortierung jetzt nicht durcheinanderbringen. Leider wissen wir ja nicht, welche Region wie wichtig für ihn war. Ansonsten ist mir diese Art etwas zu ordnen durchaus vertraut. Du wirkst ja immer noch etwas verwirrt.“ Sie grinst. –
Ja. So einen Ordnungssinn habe ich erst als Mensch kennengelernt. Und die sortieren anders. Ich würde die Regionen von Norden nach Süden und jeweils von West nach Ost sortieren, weil die Menschen ihre Karten so angelegt haben.“ –
„Karten?“ –
„Abbildungen der Erdoberfläche, wo geographische Informationen sowie Siedlungen und Wege abzulesen sind. Teilweise gezeichnet und mehr oder weniger abstrakt, drüben mittlerweile auch weiterentwickelt als Abbildung, wie ein Drache die Welt sieht, mit zusätzlichen Informationen wie Siedlungsnamen, Flussnamen, Wegebezeichnungen und sowas.“ –
Sie überlegt kurz.
„Sowas, damit man weiß, wo man entlang muss, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Ich habe solche Bilder mit Linien und Flecken drauf mal bei Menschen gesehen, ehe… naja, ist schon einige Sommer her.“ –
Ich kann mir lebhaft vorstellen, was Tyria mit den Menschen gemacht hat und mir gerade nicht auf die Nüstern binden will.
„Ja dafür sind diese Art Karten gedacht.“ –
„Um damit Drachenschätze zu finden und dabei zu sterben?“ –
„Manchmal… aber hauptsächlich, um damit Wege zu Siedlungen zu finden, die einem nicht selber bekannt sind.“ –
Sie zuckt mit den Schultern.
„Na, die suchten definitiv einen Drachenschatz. Sie hatten nur Pech, dass sie dabei zuerst die Drachin gefunden hatten. Und sich dazu entschlossen, die Drachin mit ihren Zahnstochern zu pieksen. – Hmm… Diese Höhle ist recht klein und einfach nach der Beschreibung. Und auch nicht weit weg, nahe der Mündung des Ganga. Willst Du die trotzdem mit aufschreiben?“ –
Tyria sagte zwar nicht direkt „Zahnstocher“ aber das Drachenwort, das sie benutzte entspricht, dem etwa was mich grinsen lässt.
„Ich notiere sie mir, man kann nie wissen. Aber für diese Reise plane ich sie noch nicht, sonst brauche ich ja die nächsten 5 Sommer, um einmal rum zu kommen.“ –
Während ich mir die Orientierungspunkte schnell notiere, nimmt Tyria eine weitere aus dem nächsten Fach und schaut kurz hinein. Ich bin schnell fertig, da die Drachenglyphen zum einen schnell zu schreiben sind und wir zudem neben Silben- auch Wortglyphen nutzen. Tyria gibt mir die nächste und steckt die erste Rolle wieder ins Fach zurück.
„Dein Revier ist groß. Wähle dennoch nicht mehr als 10 Höhlen und nur wenig mehr Siedlungen, die Du besuchen möchtest. Diese klingt interessant. An der Westküste, hier steht 5 oder 6 Flugstunden bis zur großen Insel an der Spitze.“ –
„Ah. Ja klingt gut. Ich notiere alles, was interessant sein könnte und wir machen dann einen Plan.“ –
Tyria stimmt dem zu und wir machen weiter, bis wir alle Fächer nach den Wohnstätten durchsucht und uns für 18 entschieden haben. Die bringen wir jetzt erstmal in eine Reihenfolge nach Entfernung und nach Ost- oder Westküste. Später werden wir dann zusammen mit Tascha 10 auszusuchen, die wir zum Übernachten nutzen wollen, die anderen sind dann Ausweichquartiere falls irgendetwas einen anderen Weg oder Reihenfolge notwendig macht.
Ich schaue zu den Fenstern, langsam wird es dunkel – recht früh heute, aber dichte schwere Regenwolken haben uns eingehüllt. Tyria macht das Feuer im Kamin an, während ich die Öllampen entzünde. Dann sperre ich das Regenwetter aus, will sagen ich schließe die Fensterläden, wobei das mehr dazu dient, unser Licht nicht in die Nacht hinaus scheinen zu lassen. Zwar machen die Händler auf der anderen Seite sicher mehr Licht, als wir hier, aber das muss trotzdem keiner sehen, dass meine Höhle komplett durch den Berg reicht.
Tyria legt gerade etwas Holz nach, da ihrer Meinung nach die Wohnung ein wenig ausgekühlt ist – was mit der Fußbodenheizung eigentlich nicht möglich ist – während ich die Lampen nachregele. Wir hören wie die Eingangstür geöffnet wird, dann vorsichtige Schritte, Tatzen, also Draccier, wobei die einmal doch irgendwie anders klingen, wie vierbeinig… zuletzt wird die Tür geschlossen, die Schritte klingen nach einer deutlich selbstbewussteren Dracci. Ein zaghaftes Klopfen vom Flur her. Ich drehe mich um und sehe Shanti vor dem Wohnzimmer stehen und Ravi lugt hinter ihr noch vorsichtiger herein.
„Ah, Shanti. Was gibt es Neues?“ –
Sie schaut mich an, von ihrer sonst doch recht direkten Art ist im Moment nicht viel zu bemerkten.
„Ja. Verzeih Natha, ich wollte Dich nicht in Deiner Wohnung stören…“ –
Shakti erscheint jetzt auch im Eingang und geht mit lockeren Schritten und mit leise tickenden Krallen an den beiden vorbei, verteilt die Kissen vom Stapel auf dem Boden und hockt sich dann vor den Kamin.
„Ich habe die beiden mitgebracht. Du wolltest Ravi doch etwas fragen und ich denke, die Informationen vom Clan werden Dich interessieren – wobei ich nicht weiß, welche Informationen Shanti erhalten hat.“ –
„Ach ja. Danke Shakti. – Nein, ihr beiden stört mich jetzt nicht. Was will der Clan denn über die Drachen wissen?“ –
Ich mache eine einladende Geste zu den Kissen vor dem Kamin und setze mich selber auf eines. Tyria legt sich auf einige Kissen direkt neben dem Kamin gegenüber von Shakti schon gelegen haben. Langsam kommen Shanti und Ravi näher. Sie hockt sich ganz an die Kante von einem Kissen, Ravi steht vor einem anderen… schaut sich das an, dann mit schiefgelegtem Kopf zu mir. Auf mein leichtes Nicken ist er schnell auf dem Kissen und streckt sich der Länge nach aus.
„Kissssen weich. Rravi mag dasss. Sshanti auch hinlegen.“ Erklärt er erfreut. –
Shanti setzt sich auch weiter auf das Kissen und hockt sich ähnlich hin, wie ich. Ihr Blick schweift durch das Zimmer.
„Du hast eine schöne, vermutlich auch gemütliche Wohnung, Natha.“ –
„Ja, ich fühle mich wohl hier. Hoffentlich ist Deine Unterkunft nicht zu ungemütlich?“ –
Sie schüttelt heftig den Kopf.
„Nein, sie ist zwar schlicht, aber warm, ein weiches Bett, ein Bad. Alles für mich alleine und mehr als ich je hatte, und die anderen sind ja gleich nebenan.“ –
„Dürft ihr eure Stuben etwas gemütlicher dekorieren?“ –
„Verzeih… Stuben?“ –
„So wurden die Unterkunftsräume bei uns genannt, als ich zuletzt ein Krieger war.“ –
„Ah. Hmm… ich weiß nicht, ich habe nicht gefragt.“ –
Shakti grinst.
„Stuben… merkwürdiges Wort… - Aber ich denke, ein oder zwei bequeme Möbel und Wandbehänge werden erlaubt sein.“ –
„Gut, solange ihr keine eigenen Wohnstätten habt, sollt ihr euch in den Unterkünften wenigstens ein wenig zu Hause fühlen.“ –
Wieder grinst Shakti.
„Verzeih, ich bin jetzt ja ohnehin bevorzugt, aber auch die Räume für Deine Garde sind für uns jetzt schon mehr eine Heimat als bei allen vorherigen Dienstherren, die ich kennengelernt habe. Ein paar waren nur Ställe, oder schlechter. Aber wir waren dann immer mit 10 oder 50 oder noch mehr in einem Raum untergebracht, auch die angenehmeren. Selbst die Kenturio hatten nie einen Raum für sich alleine.“ –
„Gut zu hören. - Shanti, Ravi, möchtet ihr ein wenig trinken, während wir hier die Dinge besprechen?“ –
Shanti nickt, worauf Shakti aufsteht.
„Ich hole uns schnell etwas. Ravi? Du auch?“ –
Der druckst etwas rum.
„Darrf Rravi Frrüchte? Volk trrinken nicht offt. Essssen Frrüchte.“ –
„Na klar. Einen Moment.“ – Shakti huscht aus dem Zimmer.
Tyria füllt unsere Becher wieder, es ist auch noch Eiswasser übrig. Kurz darauf kommt Shakti und reicht Shanti einen großen Becher, Ravi bekommt eine Schale mit verschiedenen saftigen Früchten. Für sich hat sie auch einen Becher von dem Dampf aufsteigt. Ich schnuppere, Tee.
Das sanfte Lächeln von Tyria auf meinen Blick sagt mir, dass sie ein klein wenig stolz ist, dass sie mir, ähnlich wie NüShi, etwas für alle Nützliches voraus hat, denn ich kann zwar schneller Drachenlichtkristalle als eine Art Taschenlampe herstellen, aber das kann sie durchaus ebenfalls. Sie hat nach NüShi dann auch vergleichbare aufgeladene Steine verteilt, die man zwar in die Hand nehmen kann und die sich dann nur warm anfühlen, die aber in einem Krug oder Topf gelegt, das Wasser beständig kurz unter dem Siedepunkt halten. Ich hatte dann dazu noch angeregt, dass das auch zum Warmhalten von Speisen nutzen kann. Tyria hatte sich auch bei mir entschuldigt, nicht früher daran gedacht zu haben, wo wir hier doch viel Kaffee und Tee zu uns nehmen.
Ich nehme trotzdem jetzt lieber einen Schluck verdünnten Mangosaft.
„So, Shanti, was gibt es Neues vom Clan?“ –
„Nicht viel, was ich erfahren würde. Man freut sich offenbar, dass ich hier unbehelligt beobachten und berichten kann und versichert mir, dass Ravi als Bote gut behandelt und versorgt wird.“ Ravi nickt bestätigend dazu, während er genüsslich von einer Frucht abbeißt.
„Ich soll weiter beobachten und alles Interessante berichten. Sie wollen einen möglichst genauen Bericht, was Du mit den Menschenkriegern gemacht hast. – Offenbar geht die Kunde bereits durch die Menschenreiche. Dazu würde ich eigentlich eher wenig berichten wollen, sie wissen ja nicht, dass ich dabei war. Insbesondere nicht, wie Du dort gewü…kämpft hast.“ –
Ich grinse über ihre schnelle Berichtigung.
„Das überlege ich mir noch. Es kann vorteilhaft sein, aber auch nachteilig, wenn sie mehr darüber wissen. – Sonst noch Aufträge?“ –
„Nur dass ich aufmerksam und vorsichtig sein soll. Mich eingliedern und nicht auffallen. Und mit meinen Fähigkeiten als Nachtkriegerin möglichst viele Meinungen über Dich herausfinden.“ –
„Gut, ich überlege mir, was sie wissen sollen und sage Dir das morgen. Wann erwarten sie den nächsten Bericht?“ –
„In 5 bis 10 Tagen. Ich habe also noch Zeit.“ –
„Nur bin ich da noch unterwegs. Mein Revier mal etwas anschauen.“ –
„Oh, Du bist weg? Das wird sie sicher interessieren.“ –
„Glaubst Du, Du kannst es ihnen überzeugend mitteilen, dass Du es als nicht besonders wichtig angesehen hast, weil ich ja nur eine Reise in den Süden ins Warme mache, ohne ein besonderes Ziel zu haben?“ –
„Du hast doch von einer Reise ins Warme und ans Meer gesprochen… also nur zum Vergnügen – oder weil Dir als Drache der Trubel hier zu viel wurde und da mal rauszukommen. Also ohne besonderen Grund. Ja, das würde ich als unwichtig ansehen. – Was können sie mir schon anhaben.“ –
Ich grinse etwas schief.
„Einen Nachtkrieger schicken…“ –
„Und die beste Informationslieferantin, die dicht am Drachen ist, beseitigen, ohne zu wissen, ob sie einen anderen so vorteilhaft positionieren können? Ja. Möglich, aber nicht sehr logisch. Selbst für die Clanältesten. – Aber Du könntest trotzdem recht haben. Es sind gerade wieder viele neue gekommen. Ich werde Padmini auch nochmal darauf aufmerksam machen, dass auch unter den Dracciersiedlern Clanspione sein können, damit auch sie darauf achtet. Auch wenn sie sicher selber bereits wachsam ist.“ –
„Gut, mache das. Wegen dem Bericht über die Menschenkrieger… seid ihr sicher, dass kein anderer Informant unter den Dracciern ist?“ –
„Ja. Ich werde zwar akzeptiert, habe aber immer noch damit zu kämpfen, dass ich Nachtkriegerin bin. Meine Kameraden mögen den Clan so wenig, sie würden es schnell bemerken, wenn einer heimlich berichtet. Zum Glück wissen sie, dass ich es in Deinem Auftrag mache. Dazu Padmini und ich, die im Ausspähen gut ausgebildet wurden – ich bin mir da sehr sicher, da ist im Moment sonst niemand, mindestens eine von uns würde das merken. Aber das wird nicht immer so bleiben.“ –
„Das denke ich auch.“ Nicke ich.
„Dann berichte über die Bestrafung, dass Du mitkommen durftest, aber nur das Lager der Menschenkrieger überwachen oder meinetwegen auch einnehmen musstest. Im Dorf warst Du nicht und weißt auch nicht genauer, was dort passiert ist. Vielleicht warst Du auch genug damit beschäftigt, die paar Krieger im Lager zu bekämpfen und zu vertreiben oder sowas.“ –
„Die Sklaven?“ –
„Du kannst gerne berichten, dass ihr die befreit habt.“ –
Sie nickt.
„Ich werde das so in einigen Tagen berichten und dabei vergessen, dass Du gerade unterwegs bist. Hmm… ich deute an, dass ich gerade in einem intensiven Training bin, weil sich dabei gezeigt hat, dass mir einige Fähigkeiten der Krieger noch fehlen die ich als Nachtkriegerin nicht voll ausgleichen kann. Ich bin also Tag und Nacht mit den anderen zusammen und finde kaum Zeit einen Bericht heimlich zu verfassen.“ –
„Ja, Klingt logisch. Und ist zumindest schwer anzuzweifeln ohne andere Informationen“ –
Sie hat sich das nebenbei notiert.
„Darf ich fragen, was Du von Ravi willst?“ fragt sie dann mit einem vorsichtig zweifelnden Ausdruck.
„Natürlich, Es ist nichts Gefährliches und es wird seinen Status hier auch nicht wesentlich verändern.“
Ich schaue Ravi an, der mich neugierig betrachtet.
„Ich möchte, dass Du verstehst, dass Du nicht tun musst, worum ich Dich jetzt bitte. Und dass Du weiter hier bleiben kannst und Deine Familie hier gründen, so wie wir es gesagt haben. – Ich möchte nur wissen, ob Dein Volk mir vielleicht ein wenig helfen möchte und ob Du Dein Volk fragst ob sie helfen wollen.“ –
Man sieht ihm deutlich an, wie er nachdenkt.
„Vollk kann Herrr hellfen? Vollk nicht bautt, Vollk nicht kämmpfft. Vollk schwwach.“ –
„Aber Dein Volk kann fliegen. Schnell fliegen und heimlich fliegen. Und sie können beobachten. Feinde entdecken und schnell meinen Draccierkriegern oder mir sagen, wo die Feinde sind. Und ganz so schwach ist Dein Volk sicher auch nicht, aber ihr könnt das heimlich machen und braucht nicht kämpfen.“ –
Man sieht richtig, wie er bemüht ist, das für sich zu verstehen. Dabei futtert er 3 große Früchte weg, so eine Art Kompensationsaktion. Dann hellt sich seine Mine auf.
„Vollk soll nur Nachrrichten trranssporrtierren, wie Rravi fürr Shantti?“ –
„Ja. Damit hilft Dein Volk mir sehr gut.“ –
„Jaa… und Dirr böösses anderres Vollk ssagen, wenn kommt.“ –
„Genau. Das ist dann noch viel besser.“ –
„Aaberr… wennn doch Kammpff?“ –
„Nein, ihr müsst nicht kämpfen. Nur den Feind sehen, mir oder Draccier von mir sagen, dass der Feind kommt. Mehr nicht.“ –
„Nicht Kammpff. Gutt. – Rravi soll machen? Was mit Shanti?“ –
Ich schüttele den Kopf.
„ Ravi bleibt bei Shanti und hier bei mir. Aber Du kannst mit Deinem Volk reden und sie fragen, ob einige mir so helfen wollen. Keiner muss mir helfen, aber es wäre schön, wenn einige mir helfen wollen. Dein Volk bekommt dann auch von mir Hilfe, wenn sie die brauchen, können jagen ohne Furcht vor Drachen, ihre Nester ohne Furcht bauen…“ –
Er legt seinen Kopf schief.
„Herrr nicht jagen Vollk… wenn Vollk nicht hellfen, auch nicht jagen, denkt Rravi.“ –
„Du hast recht, ich werde die Wyvern auch nicht jagen, wenn sie mir nicht helfen. Du weißt das, aber Dein Volk weiß das nicht.“ –
Er beginnt zu kichern, jedenfalls hört es sich so an.
„Herrr schllau. Rravi wirrd Vollk sagen, dass vonn Herrr sschutz, wenn hellfen. Aberr Herrr nicht Vollk hellfen, wenn Vollk nicht hellfen. Rravi denkt, vielle hellfen. Drrache hellfen isst gutt.“ –
Es wird schwieriger ihn zu verstehen, vermutlich ist er etwas aufgeregt, weil ich sie um Unterstützung bitte. Aber es klingt gut, was er sagt.
„Gut. Danke, dass Du Dein Volk fragen willst. Du musst nicht sofort fliegen und jeden fragen, aber vielleicht, wenn Du einen triffst.“ –
„Rravi verrssteht. Hat Zzeit biss trreffen anderre vonn Vollk. Rravi frragen, brringen werr ja sagen. – Herrr sagen, Vollk soll Feind sehen. Dann Vollk am grosssen Flusss kann auch hellfen?“ –
„Gut. Und ja Du kannst das Volk unten am Fluss auch fragen. Alle können helfen. Auch die noch an anderen Orten leben.“ -
„Rravi verrssteht. Darrf Rravi gehen und ssprrechen zu Sshanti wie machen?“ –
„Ja, denkt drüber nach. Shanti wird mit Dir wieder nach oben gehen und ihr könnt da drüber reden.“ –
Die nickt und legt ihre Hand auf Ravis Schulter.
„Natürlich. Ich bin für ihn da, wir reden da noch mal in Ruhe drüber. Danke Natha, dass Du seinem Volk eine Aufgabe geben möchtest.“ –
„Sie sind schnelle Flieger. Und haben fast überall ihre Reviere. Vorsichtige Beobachter von allem Fremden sowieso. Damit können sie mir sehr gut helfen.“ –
Shanti verneigt sich fast schon wie die Krieger der Garde. Sogar Ravi richtet sich etwas auf und bekommt so etwas wie eine Verneigung hin. Dann wuselt er schnell hinter Shanti aus der Wohnung.
Tyria schüttelt grinsend den Kopf.
„Komischer Drache. Aber ich hätte nie gedacht, dass die großen Wyvern so schlau sind. Glaubst Du das wird was?“ –
„Ich weiß nicht, vielleicht. Wenn Ravi erstmal zwei oder drei findet, die den Mut haben, uns zu helfen und die anderen sehen, dass wir die nicht zum Frühstück verspeisen, könnte es etwas werden.“ –
„Wir werden sehen. Hoffentlich kommen die anderen bald.“ –
„Oh, so eilig meine Wolke?“ –
„Verzeih meine Ungeduld, aber ich bekomme Hunger…“ –
Ich grinse.
„Und hungrig bist Du ziemlich unausstehlich, wenn ich mich recht an unser erstes Treffen erinnere.“ –
Sie schaut mich fragend, aber auch ein wenig ungehalten an.
„Da war ich doch nicht hungrig… und unausstehlich? Warum sagst Du… Oh… das erste Treffen meinst Du.“ Sie beginnt zu grinsen.
„Doch Du hast Recht, damals war ich sehr hungrig, zu Deinem Glück warst Du ja Jagdaufseher und hattest gerade ein paar Hasen oder sowas gefangen. Für eine ausgewachsene Drachin zwar nur ein Häppchen, aber genug, um den schlimmsten Hunger zu stillen. Und die Hirschkuh am nächsten Tag war dann sehr willkommen. Ich habe Dich nie gefragt, wie Du darauf gekommen bist…“ –
„Dein Magenknurren war schon sehr deutlich… und ehe Du mich als Vorspeise angesehen hättest…“ –
Sie grinst breiter.
„Da war keine Gefahr. Menschen galten auch damals nicht als Nahrung. Und außerdem konnte ich mit Dir interessante Gespräche führen, das habe ich nach kurzer Zeit erkannt. Ich esse nichts, mit dem ich mich unterhalten kann. Glück für den Löwen.“ –
Ich grinse breit wegen der Anspielung auf Atum.
„Du hast Dich auch früher schon mit Menschen und Dracciern unterhalten?“ –
„Du wirst Dich wundern: Ja habe ich. Auch wenn man deren ängstliches Gestammel nicht immer als Unterhaltung werten konnte. Aber Du hast auch Recht. Wirklich unterhalten eigentlich nicht. Du warst damals der erste, dem ich nicht nur harsche Kommandos gab.“ –
„Stimmt, das waren am Ende schon fast freundschaftliche Gespräche.“ –
„Gemessen an meiner sonstigen Einstellung gegenüber euch Menschen damals waren das richtig freundschaftliche Gespräche von meiner Seite. Leider konnte ich Dich nicht überreden, mitzukommen.“ –
Jetzt grinse ich.
„Ja. Ich hatte meine Familie, glaubte noch, dass mir keiner etwas antun würde, wenn ich beweisen konnte, dass ich den gefürchteten Drachen in seine dunklen Gefilde zurückgeschickt habe und vor allem, hatte ich gewisse Bedenken, in eine Welt voller Drachen zu gehen. Ich wusste da ja nicht, dass es hier auch Menschen gibt.“ –
Sie denkt kurz nach.
„Stimmt, ich hatte Dir über meine Welt nichts weiter gesagt, Du hattest mich nicht danach gefragt… Da war ich die überhebliche Drachin, der solche Gedanken gleichgültig waren. Aber das Argument der Familie hat mich abgehalten, Dich auch gegen Deinen Willen mitzunehmen. Dein Vertrauen in die Menschen hatte ich nicht geteilt. Und hätte ich gewusst, was sie mit Dir machen, hätte ich Dich nicht zurückgelassen. Du hattest mir geholfen, ohne Dich dafür zu interessieren, dass ich dort als Deine schrecklichste Feindin gegolten hatte – und auch hier nicht Deine Freundin gewesen wäre, jedenfalls bevor ich Dich dann etwas kennengelernt hatte. Also hätte ich auch Dir geholfen. Du hättest Dein Leben hier in Ruhe zu Ende leben können. Als ein Mensch, dem Lady Tyria zugehört hätte.“ –
Ich grinse etwas schief.
„Was Erce allerdings vermutlich verhindert hätte. Aber etwas später hatte ich mir schon gewünscht, ich wäre mit Dir gegangen. Mein Vertrauen auf die Gerechtigkeit der Fürsten hat mich betrogen. Mir ist erst während der Foltern später klar geworden, dass die nicht an der Wahrheit interessiert waren, sondern nur das, was ihnen nutzte zur Wahrheit erklärten. Und sich dazu mit den Pfaffen, also Priestern, verbündet hatten, die auch nur Macht über die Menschen wollten.“ –
Natürlich hatten wir das schon besprochen, aber Shakti weiß da ja noch gar nichts drüber. Sie schaut uns schon die ganze Zeit fragend an.
„Verzeiht, ihr kennt euch schon als Menschen?“ –
Tyria lacht leise.
„Teilweise. Ich war immer nur die Drachin, die Du kennst. Aber der große blaue Nachthimmel hier beseelte lange, sehr lange die Körper von Menschen, von Erce in eine Welt der Menschen gesandt, um dort ihr Wissen und ihre Art zu erlernen.“ –
„Und vor allem beseelte ich sehr, sehr lange schon Menschen noch bevor sie die Menschen wurden, die wir auch hier kennen, um zu verlernen ein Drache zu sein. – Hab Geduld, Du wirst auch noch alles erfahren. – Zu Deiner Frage: Tyria besuchte vor ein paar hundert Jahren die Welt, in die Erce mich gesandt hatte. Sie wurde entdeckt und gejagt, aber aus unerklärlichem Grund hat sie nicht die halbe Grafschaft in Magma versinken lassen, sondern wollte möglichst schnell wieder in diese Welt zurück. Ich war Jagdaufseher des Grafen und stolperte bei einer Suche nach Wilderern in ihr Versteck.“ –
Shakti legt ihren Kopf schief, eigentlich keine Geste unter den Dracciern, aber sie bemüht sich anscheinend unsere Gesten zu übernehmen.
„Und wie ich eurem Gespräch entnehme hast Du unerwarteterweise das überlebt.“ –
Tyria kichert.
„Ja. Ich hatte ihn natürlich bemerkt, aber wie er so plötzlich mir vor die Schnauze purzelte, hab ich den lustigen, wenn auch fast zu Tode erschreckten Menschen erstmal leben lassen. Die Nahrung, die er mir bereitwillig angeboten hatte, waren aber auch hilfreich.“ –
Ich hebe leicht ironisch die Augenbraue.
„Hmm… war das so bereitwillig…?“ –
Sie stuppst mich an.
„Ja, das war bereitwillig um zu helfen. Nicht nur Angst um Dein Leben. Die war kaum noch zu riechen, als Du meinen Hunger bemerktest. Da Du dann ja schon wusstest, dass wir miteinander sprechen konnten, spürte ich nur noch Hilfsbereitschaft.“ –
„Und der Wunsch, dieses schreckliche, menschenmordende und die Länder verheerende Ungetüm schnell aus meinem Gebiet wieder los zu werden.“ –
„Haben sie Dir das damals so erzählt? Dass wir Drachen nur in eure Welt kommen um euch zu töten und alles zu verbrennen?“ –
„Ja, so ungefähr. Wir glaubten aber, dass die Drachen aus der Hölle kriechen um im Auftrag des Teufels die Menschen zu vernichten und ihre Seelen dem Teufel zuzuführen. Dass ihr aus einer anderen Welt kommt, habe ich erst von Dir erfahren.“ –
Shakti schaut uns wieder mit schiefgelegtem Kopf an.
„Darüber habt ihr damals nicht gesprochen?“ –
„Würdest Du einen Drachen fragen, warum er gekommen ist um euch zu töten und eure Länder zu verbrennen? Oder warum er oder sie es nicht macht, weil es doch bekannt ist, dass Drachen immer sowas machen?“ stelle ich grinsend die Gegenfrage. –
„Oh… ja nein, ziemlich sicher nicht.“ –
„Dazu noch, dass in der Welt drüben, zwar alle fest an Drachen glaubten, weil die Priester ja immer vor ihnen warnten und Schauergeschichten zu berichten wussten. – Aber niemand den man kannte, hatte je wirklich selber einen Drachen gesehen, schon gar nicht mit einem gesprochen. Auch nicht jemanden, der jemand anderen kannte, “ –
„Ah ja. Dann unterhält man sich lieber über das Wetter und wie die Jagd war, oder die Ernte werden wird…“ –
Tyria nickt.
„Nicht ganz, aber er bemühte sich wirklich mit solchen Themen das Gespräch am Laufen zu halten, wenn ich wusste, was ich eigentlich wissen wollte. Oft bin ich auch darauf eingegangen, da mir schien, dass ihn das beruhigte.“ –
Ich nicke, denn es war wirklich so, dass ihre leisen knappen Antworten und vor allem die Nachfragen mich damals sehr beruhigten. Sie war gesprächsbereit und interessiert, wie mir damals schien. Etwas das mir ein wenig Sicherheit gab.
„Hast Du noch andere Drachen getroffen?“ fragt Shakti wieder neugierig. –
„Nein. Nicht bevor Sálleiðtogi es und Fjörgyn dann von Erce in ein viel späteres Leben gesandt wurden. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an weitere Treffen.“ –
„Du wurdest also nicht überwacht? Oder über Dich gewacht?“ –
„Oh, beobachtet wurde ich sicher. Ob nun Drachen dazu gesandt wurden, oder Erce andere Wege hatte, weiß ich aber nicht.“ –
Bevor Shakti mich weiter löchern kann, tönt eine kleine Glocke. Ich horche überrascht, denn das kam aus Richtung des Eingangs. Aber Shakti hat schon ihre Krallen in die Dielen getrieben und ist Richtung Eingang gesprintet.
Grinsend schüttelt Tyria leicht ihren Kopf.
„Da reden alle von einer alten Kriegerin. Was für ein Wirbelwind. Ich beneide Dich nicht…“ –
„So wuselig war die Nacht nun auch wieder nicht. Aber sehr interessant. Sie weiß, was sie wo machen muss um einen Drachen vor Lust heulen zu lassen. Hast Du von ihr da etwas…“ –
Wieder Kopfschütteln.
„Nein, aber ich werde sie mal danach fragen. – Nein das heute habe ich mit dem Löwen alles vorbereitet. Seine Vermutung, dass Du darauf anspringen wirst, war richtig.“ –
„Atum? Woher… ach ja… er hat mir damals, als ich dann im heiratsfähigem Alter war, vieles gezeigt und erklärt wie eine Ehe als Paar erfüllt und liebevoll geführt werden kann. Nicht nur theoretisch. Dabei hat er manchmal seine dominante Seite ein wenig ausgelebt. Was für mich damals die Möglichkeit eröffnete ihm zu zeigen, dass ich ihm bedingungslos vertraute. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass er einen Menschen problemlos töten kann, wenn er will.“ –
„Dass ihr euch gepaart hattet, weiß ich. War das damals normal?“ –
„Gleichgeschlechtlich? Offen nicht. Aber es wurde auch nicht drüber geredet, wenn es nicht auffällig war. Und ein Partner eines Gottes zu sein, steht über allen Zweifeln. Ich bin mir sicher, er hat mir die Bissmarke auf der Schulter und die langen Kratzwunden auf dem Rücken bewusst verpasst, damit mir die Narben auch nach seinem Weggang diesen besondere Nimbus eines von einem Gott geliebten Menschen gaben. Das hat mir auch wirklich bis zu meinem Tod geholfen. Nicht zuletzt war auch dadurch die Freundschaft zu Ramesse sozusagen doppelt gesichert.“ –
„Narben seiner Krallen? Bissmarke? Hat er Dich damit nicht als seinen Untergeordneten gekennzeichnet?“ –
„Er hatte drauf geachtet, sie mir so zuzufügen, dass es nach einem Gerangel oder einem Übungskampf ausgesehen hatte und ich nur einem Gott unterlegen war.“ –
„Du hältst ihn für einen Gott?“ –
„Nein. Auch damals nicht, dafür kannte ich ihn zu gut. Und er hat es auch nie von sich behauptet. Aber er – und ich auch - hatten auch nie widersprochen, wenn andere ihn als Gott ansehen wollten. Für mich war er ein Löwenmensch, der vielleicht von Sekhmet und Atum abstammte, aber selber trotz ungewöhnlicher Fähigkeiten kein Gott war. Nur der beste Freund, den ich damals hatte. Vielleicht der beste überhaupt. Die Drachin war ja ein etwas anderer Fall.“
Sie grinst.
„Ja, etwas anders. – Aber er hat Dir beigebracht, wie Du mit einer Menschenfrau umgehen musst. Klingt eigenartig.“ –
„Weil er schwul ist, wie man das drüben nennt. Er hat mir die Grundsätze einer guten Partnerschaft beigebracht und naja, auch ein oder zwei ungewöhnliche Sexpraktiken. Aber Atum hatte auch eine Sklavin, die seinen Haushalt führte. Sie hatte Sex mit mir und mich so angeleitet, mit einer Frau zu schlafen und mir auch vieles beigebracht, was eine Frau von Geblüt sonst nie erfährt. Ein Mann in meiner hohen Position natürlich auch nicht. Atum hatte sie darum gebeten, ich hätte sie sonst nicht angefasst, sie gehörte ja ihm.
Nach seinem Verschwinden habe ich sie in meinen Haushalt aufgenommen und schnell zur Herrin der Diener ernannt – er hatte mich gebeten, mich um sie zu kümmern. Nun, sie wurde dadurch eine Freie und hatte einen gehobenen Stand. Dazu noch im besten Heiratsalter und hübsch, womit sie einen gutsituierten Ehemann fand, der wiederum damit an meinen Hof kam. Ich war schließlich ein hoher Beamter, Verwalter eines königlichen Kornlagers und später dann Gouverneur und Unterkönig des Pharao. – Du siehst, für Menschen sind Beziehungen alles.“ –
„Aber haben Menschen nicht eine sehr starke Beziehung zu ihren Kindern? Wie kommt es, dass der Löwe Dich großgezogen hat?“ –
„Meine Eltern starben an der Malaria. Eine von Mücken übertragene, damals oft tödliche Krankheit. Oder Sumpffieber, das wurde mir damals nicht genau gesagt, ich war ja sehr jung, noch vor der Ausbildungszeit. Mein Vater war ein hoher Beamter und Freund von Sethos, dem Vater von Ramesse. Und der suchte für mich eine Familie, in der ich aufwachsen und ausgebildet werden sollte, denn ich sollte später das für Ramesse sein, was mein Vater für ihn war. Ramesse hätte mich zwar gerne als Bruder und mit im Palast gehabt, aber das lehnte Sethos ab. Was ich später auch verstanden habe.
Leider wollten die Amunpriester mich für ihren Tempel haben, wohl, um über mich Einfluss auf den zukünftigen Pharao zu gewinnen. Nun… Sethos hatte Atum wohl einen Boten gesandt und weil er an seinem kleinen Menschenwelpen Gefallen gefunden hatte – er war oft zu Besuch bei meinen Eltern und ich hatte ihm ja schon seit ich krabbeln konnte, das Fell zerzaust – kam er in den Palast, streckte nur seine Hand aus und schon klammerte ich mich an sein Fell weil alle anderen mich da verängstigten. Da gab es keine Fragen mehr, wer mich erziehen würde. Denn nicht nur für Sethos, auch für die Amunpriester war Atum ein Gott, dem sie nicht zu widersprechen wagten. – Naja und Ramesse fand, dass es die zweitbeste Lösung war.“ –
Shakti kommt mit einer großen Schüssel mit Fleisch ins Wohnzimmer, gefolgt von Atum, der einen Korb mit Krügen trägt. Ihm folgen Jaya, Aditi, Govinda, Rohit und zuletzt Tascha, die ebenfalls alle einiges aus der Küche mitbringen.
Atum verneigt sich vor Tyria.
„Bitte glaubt Rahotep kein Wort. Er hat sich alles selber erarbeitet. Ich habe ihm nur den Weg gewiesen.“ –
„Aber ein Löwenbiss, mit den Krallen die Haut aufgerissen… für einen Menschen alles nicht ungefährliche Verletzungen. Was das wirklich notwendig?“ Tyria sieht ihn fragend an. –
„Vielleicht nicht. Aber ich weiß, was ein Mensch aushält und kenne die Heilkräuter und -erden. Gefährlich war es für ihn nicht. Aber hilfreich, wie ich vermutete und jetzt sicher weiß.“ –
Sicherheitshalber mische ich mich ein.
„Lassen wir es dabei. Das war vor 3.300 Jahren, ein paar mehr oder weniger. Und damit sogar für Drachen schon einige Zeit her. Und ich bin mir sicher, dass Tyria damals den ‚Löwen‘ wie sie ja gerne sagt, eher noch angefeuert hätte doch gleich richtig zuzubeißen, war ja nur ein Mensch, dem er da einige Narben hinterlassen hatte.“ –
Der verwirrte Blick, mit dem Tyria mich anschaut, lässt Atum in sein leises kehliges Kichern ausbrechen. Woraufhin sie ihn noch verwirrter anschaut. Ich erkenne, dass sie anfängt zu rechnen…
„Oh… ja das ist dann ja noch über zweieinhalbtausend Sommer vor unserer ersten Begegnung gewesen?“ –
Ich nicke.
„Richtig. Und zudem hätte es dann zwar dieses eine Leben beendet, aber ich wäre dann in einem anderen wiedergeboren worden. Vielleicht nicht so angenehm wie das, dass ich dann mit den Narben noch leben durfte.“ –
Tyria senkt den Blick und seufzt kurz.
„Stimmt… verzeih Atum, den Übereifer einer liebenden Drachin, ihren Partner vor lange vergangenen Gefahren retten zu wollen.“ –
Der verneigt sich.
„Ich verstehe Euch Lady Tyria. Seid gewiss, hätte ich ihn damals versehentlich umgebracht, ich wäre heute nicht hier, denn ich hätte weder ihm noch mir jemals wieder in die Augen schauen können.“ –
„Genug damit, sonst stehen wir hier noch morgen und entschuldigen uns für irgendwelche Dinge, die schon lange zu Staub zerfallen sind. Setzt euch, macht es euch bequem, wo immer es euch gefällt.“ –
Aber schon läutet wieder die kleine Glocke, ich schaue Shakti fragend an.
„Sofort, Natha.“ –
sie huscht zur Tür und kommt gleich darauf mit Padmini zurück, die einen Korb mit süßem Gebäck mitgebracht hat. Furchtbar lecker und macht fast süchtig, wie ich schon erfahren habe.
„Ganz frisch und noch warm von den Händlern, die haben doch tatsächlich einen kleinen transportablen Backofen dabei. Deshalb bin ich etwas zu spät, verzeih Natha.“ Erklärt Padmini schnell. –
„Die Glocke… wir dachten, es wäre höflicher, wenn wir nicht immer einfach so bei Dir durchs Tor brechen, wie eine Kriegerhorde. Und Deine Tür ist so dick, dass wir einen Rammbock bräuchten, um zu klopfen… Da haben wir eine Glocke angebracht, die wir von außen betätigen können… Sowas machen die Menschen ja gerne.“ Erklärt Shakti jetzt auf meinen Blick vorhin. –
„Wir?“ –
„Deine Besucher. Ich…“ –
„Du lebst hier ja mit in der Wohnung.“ –
„Ich danke Dir, Natha.“ Shakti lächelt - irgendwie erleichtert. So ganz mag sie wohl immer noch nicht daran glauben. –
„Naja… Kriegerhorden, Rammbock…“ grinse ich über ihre Art, meine Neigung zum Dramatisieren zu übernehmen.
„Aber die Idee ist gut. Ich brauche keine Zeremonienmeister, die Gäste anmelden. Aber sich ein wenig Anmelden, wenn man zu mir möchte, ist nicht verkehrt.“ –
Die meisten haben sich einen Platz gesucht, Rohit steht noch am Tisch neben der Tür bei den Speisen. Und Govinda kniet sich jetzt vor mich und verbeugt sich tief… viel tiefer, als ich es mag. Er murmelt einige Dankesworte, bei denen ich nur mit halben Ohr zuhöre, während ich ihn mit leichtem Grinsen betrachte.
Er hat Aditi ernst genommen und ist nackt gekommen, nur einen kleinen, knappen Wickelschurz und eine schlichte Halskette mit einem kleinen, dunkelroten Edelstein, mehr trägt er nicht. Aditi bemerkt meine Blicke und zuckt die Schultern, sie hatte ihn also nicht weiter gedrängt. Sein schlanker, gut trainierter Körper zeigt zwei, drei Narben, schon lange verheilt. Er hat sich also auch als Prinz nicht immer nur zurückgehalten, wenn es zur Sache ging. Und Aditis Blick auf das Spiel seiner Muskeln unter der glatten, braunen und samtig glänzenden Haut, während sie unbewusst über ihre Brustschuppen streichelt, ist offensichtlich nicht nur der professionellen Kriegerin geschuldet.
Dabei bemerke ich, dass Tascha es sich neben Tyria bequem machen will, diese aber plötzlich überrascht anschaut und sich vor sie kniet. Tyria kann sie gerade noch aufhalten und auf das Kissen zwischen sich und mir ziehen, dass es keinem weiter auffällt. Das folgende kurze Flüstern, auch für mich kaum wahrnehmbar, die aufblitzende Freude und das alles sagen mir, dass Tascha erkannt hat, dass jetzt auch Tyria ein Ei trägt. Was Tyria – warum auch immer – noch geheim halten will. Alle anderen haben aber nicht weiter darauf geachtet, weil sie auf Govinda geschaut haben.
Ich finde, dieser hat mir jetzt lange genug gedankt, also unterbreche ich ihn.
„Danke Govinda. Auch Dir sage ich jetzt, dass diese unterwürfige Haltung mir gegenüber nur notwendig sein wird, wenn Du um Dein Leben betteln musst. Mir ist Loyalität wichtiger. Du und die Menschen sind mir hier willkommen, solange sie ehrlich mir gegenüber sind.“ –
„Ich werde Euch gegenüber immer ehrlich sein aber auch meine Meinung vertreten, wenn ich es für notwendig erachte.“ Er liegt immer noch mit dem Gesicht fast auf dem Boden.“ –
„Geht das nicht besser, wenn Du mich dabei anschaust?“ –
Ihm ist das Grinsen deutlich anzusehen.
„Ja mein Lord.“
Dann richtet er sich langsam auf bleibt aber vor mir auf den Fersen sitzen. Offensichtich achtet er doch darauf, nicht größer als ich zu erscheinen. Dennoch hat er eine natürliche, freundliche vornehme Haltung. –
„Besser. Viel besser. Und ja, mir ist eine andere Meinung durchaus wichtig, auch wenn jemand davon überzeugt ist, dass ich etwas vollkommen falsch mache. Und auch, wenn Du mich schon anders erlebt hast, bin ich nicht der Drache, der jeden in seinem Feuer verbrennt, nur weil der mir nicht geschmeichelt hat. – Aber je nach Stellung zu mir erwarte ich am Ende doch Loyalität oder Gehorsam.“ –
Er senkt leicht den Kopf.
„Ich werde mich daran halten, mein Lord.“ –
„Und Dir das abgewöhnen, wenn Du in meinen Dienst treten willst, was nach Deiner Aussage eben aber wohl bereits Dein Wunsch zu sein scheint. Aber – auch wenn der Boden warm ist, willst Du Dir nicht lieber einen Platz auf einem weichen Kissen suchen?“ –
Er neigt wieder den Kopf, schaut sich dann um und ich bemerke eine kurzes leichtes Erröten bei ihm, als Aditi andeutet beiseite zu rücken und ihre Hand auf die Kissen legt, auf denen sie auch mehr liegt, als sitzt. Das Interesse beruht also auf Gegenseitigkeit. Ein kurzer Blick wieder zu mir, eine nochmalige Andeutung einer Verneigung, dann steht er auf und geht langsam zu Aditi, versucht etwas wie eine formvollendete Bitte, dort Platz nehmen zu dürfen und wird von Aditi kurzum am Arm gefasst und neben sich gezogen.
Ich lasse das noch zarte Pflänzchen Zuneigung sich entwickeln – sicher hat Govinda sich heute Mittag noch nicht träumen lassen, jetzt am späten Nachmittag mit einer Dracci-Kriegerin auf Schuppenfühlung zu gehen.
Jetzt noch einer…
„Rohit, Du stehst ja noch immer da an der Tür. Haben Jaya oder Aditi Dir nicht gesagt, welches Deine Aufgabe heute hier ist? Oder Padmini vielleicht?“ Ich möchte ihn schon jetzt mit in die Runde hier aufnehmen. Selbst wenn sein offizieller Status noch der eines einfachen Kriegers ist. –
„Doch Natha. Padmini hat mir erklärt, dass ich dafür zu sorgen habe, dass jeder der etwas benötigt, dieses von mir bekommt.“ –
Ich muss grinsen.
„hmm… was möchte ich dann mal… einen Whiskey on the Rocks mit Eis aus der Antarktis.“ –
„Natha…?“ ich ernte einen verständnislosen Blick von ihm. –
„Nein, nur ein Scherz. Aditi meinte damit, dass Du die Schalen und Krüge herumgehen lässt, damit wir uns nehmen können, was wir mögen. Du musst uns nicht einzeln bedienen. Nur dass Du darauf achtest, wenn jemand noch etwas möchte, dass er es bekommt, damit nicht jeder ständig herumläuft damit keine ständige Unruhe entsteht. Vergiss dabei aber nicht, Dir auch zu nehmen, was Du magst. Und Du musst nicht die ganze Zeit neben der Tür stehen. Such Dir auch einen Platz.“ –
„Oh… Ja Natha, verzeih Natha. Danke Natha.“ –
„Aditi, für jedes weitere überflüssige ‚Natha‘ macht er einen Strafdienst. Nachts.“ –
„Ja Natha.“ Antwortet sie – allgemeines Grinsen. Nur Rohit schaut niedergeschlagen zu Boden. –
Ich seufze.
„Rohit. Denke daran, dass ich ein anderes Leben gelebt habe als die anderen Drachen, die Du kennst. Meine Bemerkungen hier sind meistens nicht ganz so ernst gemeint, wie sie sich anhören. Wir treffen uns hier, um in Ruhe wichtige und auch unwichtige Dinge offen zu besprechen. Aber auch nur zusammen sitzen, etwas Essen und Trinken und unterhalten. Entspanne Dich, lass die Drachen jetzt Drachen sein und versuche Dich so zu verhalten, wie Deine Kameraden hier. Sei einfach Rohit – oder sei Fireheart – Mir ist klar, dass Deine Lebenserfahrung bisher eine völlig andere war. Und auch, dass Du die nicht so einfach über Bord kippen kannst. Wenn wir uns hier gemeinsam treffen, ist hier auch für Dich dann neutraler Boden. Wir anderen Drachen sind nicht hier, um Dich zu kontrollieren, zu beurteilen und zu maßregeln.“ Ich schaue Tyria und Tascha an, die beide zustimmend nicken.
„Und sei Abend hier einfach mal Du selber. Nicht Draccier, nicht Drache, nur Du selbst.“ –
„Verzeih… nur ich selbst?“ –
„Ja. Schau Dir Aditi an, schau Shakti an, die mich nicht aus den Augen lässt, Tyria und Tascha, die irgendein Geheimnis zu haben scheinen, oder was auch immer. Jaya, die heute nicht so abgeneigt scheint, Fell zu zerzausen.“ –
Tascha schaut fragend zu Tyria, als ich von einem Geheimnis spreche, die nickt nur beruhigend. – Ja, ich weiß von ihrem Ei.
Und Atum schaut verwundert zu Jaya neben sich, die ihn spitzbübisch angrinst und ihre Hand auf seinen Oberschenkel legt. Ich weiß, dass es ihr Spaß machen würde, mit seiner tiefen Furcht vor Drachen ein wenig zu spielen und gerade scheint sie auch in der Laune zu sein. Andererseits weiß ich auch, dass Atum sich auch von einer Frau gerne mal flauschen lässt, auch wenn er mehr den Männern zugeneigt ist.
„Aber… wie soll ich Rohit sein, ohne ein Draccier zu sein… - oder Fireheart, ohne ein Drache zu sein…“ fügt er leise hinzu. –
„Indem Du einfach Rohit der Drache oder Fireheart der Draccier bist oder alles zusammen. Kurz, spiele hier keine Rolle, sei einfach der, der Du bist. Auch Fireheart muss nicht der sein, zu dem Tyria und vor allem Alissia ihn machen wollten.“ –
„Aber wenn er - ich es doch bin…?“ –
„Dann ist es so. Aber wir können dann auch daran arbeiten. Auch darum möchte ich, dass Du uns hier keine Rolle vorspielst. Und machen Dir keine Gedanken, was Tyria darüber denken mag. Ich weiß, sie würde Dir heute ein anderes Vorbild sein.“ –
„Bist Du Dir da so sicher?“ fragt sie mich mit fragendem Blick. –
„Ja. Selbst wenn Du insgesamt die harte, kompromisslose Drachin bleibst, Du wirst jetzt anders über die anderen Völker denken.“ –
„Ja, das ist richtig. Und ja, ich würde ihm heute alles etwas anders erklären.“ –
Rohit nickt.
„Ich werde es versuchen.“ –
„Gut. Aber verteile trotzdem bitte schon mal Becher und Schalen, ich habe langsam etwas Hunger. – Verzeiht, wir möchten sicher alle etwas in den Magen bekommen.“ –
Zustimmung, sich ausstreckende Hände – schnell ist alles weitergereicht und verteilt und wir beginnen mit unserem gemütlichen Essen. Shakti hat die Gelegenheit genutzt und sitzt jetzt auch an meiner Seite, ihre Beine über meines gelegt und stibitzt sich das eine oder andere Stück rohes Fleisch, auch wenn sie mehr daran herumkauen muss als beim gebratenen.
Rohit hat sich – fast etwas schüchtern – zum Essen neben Padmini gehockt, deren Körpersprache deutlich zeigt, dass es ihr nicht unangenehm ist.
Erst nach etwas Zeit, als der größte Hunger gestillt ist und alle nur noch etwas herumknabbern, komme ich auf meine Pläne mit Govinda zurück.
„Govinda, verzeih, dass ich ein wenig Deiner Aufmerksamkeit in Anspruch nehme.“ –
Er richtet sich auf.
„Verzeih mein Lord – Natha.“ berichtigt er sich, als Aditi ihm etwas zuflüstert.
„Ich… es ist...“ –
„Ich habe schon bemerkt, dass Aditi Dich attraktiv findet… Keine Sorge, alles bleibt in diesen Räumen, wenn ihr es so wünscht.“ –
„Äh ja… ich habe mich schon oft gefragt, wie sich eine kampferprobte Kriegerin anfühlen mag. Und natürlich wie es mit einer zusammen zu sein. Sie wirkten auf mich immer irgendwie hart, kratzig, ja fast stachelig…“ –
Aditi kichert.
„Ja, so geben die meisten sich ja auch. Immer in Rüstung, damit interessierte Menschen nie ein Weibchen darunter sehen. Wobei ich mich immer gefragt habe, wie es wohl sein mag einen gebildeten, hochstehenden Krieger der Menschen auf meinen Schuppen zu spüren. Die einfachen Krieger waren mir immer zu ruppig. Draccierkrieger sind zärtlicher – auch zu Menschenweibchen.“ –
Govinda beeilt sich um Aufklärung.
„Wir waren immer bemüht, die angeworbenen Krieger anständig zu behandeln. Aber von mir als Prinz wäre es nie akzeptiert worden, wenn ich mit einer Kriegerin gesehen worden wäre. Erst recht keine Dracci. So bekam ich immer nur die zierlichen, dummen, hochgestellten… Weibchen, wie ihr Draccier sagt, die meist zu ungebildeten Puppen erzogen werden, damit sie jedem Mann von Adel ein gehorsames Eheweib sind. – Verzeiht mir bitte, Aditi und auch Ihr Natha, wenn ich diese Gelegenheit vielleicht zu sehr ausnutze. Auch wenn es mir gefallen würde, habe ich nicht vor, Dich unbedingt in mein Bett zu bekommen, Aditi.“ –
Sie grinst.
„Aber ich habe vor, Dich hier auf die Kissen zu bekommen…“ –
An seinem Erschauern bemerke ich, dass sie ihre Krallen sanft über seinen Rücken gleiten lässt. Shakti aber seufzt laut.
„Aditi. Wir alle werden nicht nachfragen, was Du heute Nacht mit ihm machst. Aber sei bitte jetzt die erfahrene Anführerin, der wir gerne folgen.“ –
Das hat gesessen… auch wenn Shakti als Kriegerin im Rang unter Aditi steht, ihr Alter und Erfahrung hat unter den Dracciern Gewicht. Schnell kniet Aditi auf dem Boden und verneigt sich vor mir.
„Natha, ich bin beschämt, dass eine alte Freundin mich über meine Pflichten belehren muss. Bitte entbinde mich von den Pflichten, die ich vergessen habe und vertraue Shakti das Kommando über Deine Krieger an.“ –
Shakti schüttelt energisch ihren Kopf.
„Nein. Mein Herr hat mir bereits mehr Vertrauen geschenkt als mir zusteht. Mein Ziel war nur, Dich an Deine Pflichten zu erinnern, nicht Dich herabstufen zu lassen und Deine Pflichten zu übernehmen. Du bist eine viel bessere Anführerin als ich. – Verzeih mein Gebieter. Govinda wird jetzt seine volle Aufmerksamkeit auf Dich richten können.“ –
„Ich danke meiner Partnerin für ihren Weckruf. Und ich stimme Shakti zu. Es gibt keinen Grund für irgendwelche Strafen. Wie ich schon sagte, was hier passiert bleibt auch hier. Entscheidungen gelten natürlich.“
Aditi verneigt sich noch einmal und setzt sich dann wieder auf die Kissen. Sie hält ihren Kopf jetzt zwar gesenkt, aber hält wieder den Körperkontakt zu Govinda.
„Nun Govinda, ich möchte Dich fragen, ob Du Interesse hast, mich ein wenig darin zu unterstützen, dieses Revier zu kontrollieren. Vielleicht sollte ich sagen es zu regieren.“
innerlich seufze ich über meine umständliche Art mich auszudrücken. –
„Natürlich mein Lord. Ihr gebt meinen Kameraden und mir Schutz und eine Heimat. Ich habe nicht vor, hier zu sitzen und mich durchfüttern zu lassen. Ich bin zwar ein Prinz, oder ich war es, aber mein Vater hat mir immer vorgelebt, dass es eine Aufgabe ist, die ich zu erfüllen habe. Und unser Volk mir nicht mit ihrer Arbeit ein angenehmes Leben ermöglicht, nur wegen meiner schönen braunen Augen.“ –
„Gut. Deine Kenntnisse ein Volk zu führen, werden mir auch hilfreich sein. Allerdings suche ich jemanden für eine andere Aufgabe, die ein Mensch vermutlich am besten geeignet sein könnte.“ –
„Ich werde Euch gerne unterstützen.“ –
„Abwarten. Bitte verstehe, dass es ein Vorschlag ist, kein Befehl.“ –
„Mein Lord…?“ –
„Es geht um das was hier Drachenland genannt wird. Du weißt sicher was gemeint ist. Genauer geht es mir darum, es überwachen und schützen zu können, aber da versuche ich gerade die großen Wyvern mit einzubinden, die ja überall siedeln.
Allerdings will ich auch eine Grundlage schaffen, wie ich diejenigen bestrafe, die wie Deine Gruppe, hier Siedlungen überfallen oder versuchen, das Land für sich zu beanspruchen. Wobei ich Siedler noch akzeptiere, solange deren Siedlungen nicht zu groß werden und die Siedler sich an die Lebensgesetze Erces halten. Aber Fürsten oder Stammesführer von außen, ob Menschen oder Draccier, sollen nicht versuchen Herren über die Siedlungen hier zu werden.
Aktuell ist es leider Dein Stamm, Govinda, der versucht sich hier auszubreiten und Gewinn zu erzielen in meinem Land. Dass Du keinen Einfluss darauf hast, ist glaubhaft.“ –
„Mein Lord, solltet Ihr Zweifel an mir haben, erlaubt mir bitte, mir irgendwo weit im Osten eine neue Heimat zu suchen.“ –
„Oh, nicht die Bitte, dass ich mir Dein Leben nehme, wie sonst alle?“ Ich bin etwas ungewollt ironisch. –
Er schaut mich erschreckt an und senkt den Kopf.
„Verzeiht mein Lord. Natürlich habt Ihr die Macht mein Leben zu nehmen. Nur… nur würde ich gerne noch leben und lieber so weit weg gehen, dass hier nie wieder etwas von mir gehört wird.“ –
Ich erinnere mich an die vielen glaubhaften Bekundungen von Siedlern und Kriegern, die für ihn sprachen. Und an die komische Figur da in Bhagalpur, die in Panik geriet, als ich mal kurz vorbeigeflogen kam. Nein, ich denke, er ist ehrlich zu mir.
„Verständlich. Und ich habe keinen Grund an Dir zu zweifeln. Und ich weiß, es war nicht in dem Sinne ‚Deine‘ Gruppe, Du wurdest der nur zugeteilt. Du kannst also hier bleiben. – Aber mal für alle hier, bitte. Eure Leben gehören nicht mir, unsere Leben wurden uns von Erce gegeben und am Ende gehen die Leben wieder an Erce zurück. Ihr gehört dem Strom des Lebens, wie ich auch. Ich kann euch zwar früher wieder zu Erce geleiten, als euch als Lebensspanne eigentlich gewährt wurde. Aber sollte ich das machen, dann auch nur wenn ich mich im Einklang mit Erce weiß. Verzeiht, ich schweife ab.“ –
Tyria nickt nachdenklich.
„Nein, es passt irgendwie schon. Denn Du hast ja gerade erst einige Leben vorzeitig zu Erce geführt. Und Dein Anliegen jetzt dreht sich im Grunde auch darum.
Mir hat es meistens geschmeichelt, wenn mir unterwürfig angeboten wurde, ich könne ihr Leben nehmen, die Menschen natürlich in der Hoffnung, ich würde sie vielleicht deswegen doch noch etwas weiterleben lassen, die Draccier dagegen meinten es meist sehr ernst. Ich habe allen dann sehr oft ihre jeweiligen Hoffnungen zerstört.“ –
„Also das Gegenteil gemacht als ihre Hoffnungen waren? Wie oft ist so etwas geschehen?“ –
„Ja richtig. Es war nur selten. Mir war meistens gleichgültig, aus welchem Grund etwas gemacht wurde, von Interesse war für mich nur dass es geschehen ist und ich es strafen werde – und die Strafe war eindeutig. – Erst hier bei Dir habe ich verstanden, dass manche Handlungen einen Grund haben können, der die Strafe für diese Handlung auch anderen zuschlägt. Und die übliche Unterwerfung ‚dass ihr Leben mir gehört‘, auch bedeuten kann, dass sie es mir anvertrauen, um nach einer Überprüfung der Tatsachen, dann richtig zu entscheiden.“ –
Ich seufze.
„Aber auch eine manchmal schwierige Entscheidung. Ich kann schon verstehen, dass einige von uns das lieber einfacher entscheiden wollen.
Doch zurück zu meinem Anliegen an Govinda. – Ich habe nach meiner Strafaktion darüber nachgedacht, wie ich bei weiteren Fällen handeln soll. Als Drache habe ich bisher ja nur die Wahl zwischen Laufenlassen und Plattmachen.“ –
Govinda nickt nachdenklich.
„Ja, stimmt. Darüber hat wohl auch noch nie ein Mensch wirklich nachgedacht. Als Drache habt Ihr keine Gefängnisse, wo Schuldige ihre Strafe verbüßen könnten. Ihr könntet vielleicht weniger schwere Vergehen durch Abreißen eines Armes oder von einem Fuß bestrafen. Oder die Schuldigen in eine tiefe Grube in Eurer Höhle werfen und sie dort ihre Schuld absitzen lassen. Aber ihr müsstet die Verstümmelten pflegen, bis ihre Wunden verheilt sind, oder die in einer Grube hockenden füttern… sonst wäre das – wie sagtet Ihr – platttreten ja noch die angenehmste Strafe.“ –
„Ja richtig. Wobei plattmachen nicht zwingend bildlich zu nehmen ist und auch nicht unbedingt zum Tod führt. Es bedeutet einfach vollkommen besiegt zu werden. – Allerdings würde es bei mir in diesen Fällen schon gleichbedeutend mit dem Tod sein. Wie Du erkannt hast, habe ich keine Möglichkeiten Eindringlinge oder auch hier Lebende, die weniger gegen die Regeln verstoßen, anders und weniger hart zu bestrafen. Bisher geht nur ganz oder gar nicht.
Aber darum geht es mir. Für den Lebensstrom ist es wichtiger, dass ein Leben fortbesteht, als dass es frühzeitig in den Strom zurückkehrt. Also warum soll ich nicht genau das auch nutzen?“ –
Die anderen genießen noch etwas frisches Obst und Rohit sorgt dafür, dass alle Becher gefüllt sind, er hört aber dabei unserem Gespräch aufmerksam zu und versucht sichtlich vor allem meine Intension auch zu verstehen. Govinda nippt an seinem Becher und versucht zu verstehen, was seine Aufgabe dabei sein könnte.
„Ihr wollt also weitere Angreifer bekämpfen, aber am Leben lassen, weil das im Sinne Eurer Herrin ist, mein Lord. Und Ihr wollt das für Euch nutzen. Nun, in meinem… ehemaligen Reich wurde es zwar nur für besonders schwere Verbrechen eingesetzt, die gerade noch an der Todesstrafe vorbeigekommen waren, aber da fällt mir am ehesten ein Strafarbeitslager ein. Wie ist Euer Plan für mich dabei? Dachtet Ihr an mich als euren Kerkermeister?“ er grinst breit. –
„Lach nicht so laut. So was ähnliches war mein Gedanke.“ –
„Was zahlt Ihr mein Lord?“ noch breiteres Grinsen. Die lockere Stimmung hier hat ihre Wirkung.
„Aber ernsthaft. Eine nicht unbedingt erstrebenswert erscheinende Position für einen Prinzen. Aber wäre ich noch Prinz, wäre ich ein toter Prinz. Da ist lebender Gefangenenwärter doch deutlich besser.“ –
Ich nicke.
„Das stimmt. Es muss auch nicht die Position für den Rest Deines Lebens sein. Aber Du könntest mir sehr helfen da etwas aufzubauen. Und dabei für die Menschen dort dann auch eine Art Anker der Sicherheit sein.“ –
„Ah. Ich verstehe. Gerade jetzt am Anfang hätten die gefangenen Krieger aus Bhagalpur ein bekanntes Gesicht als Anführer der Wachen dort und keinen Draccier oder sogar einen Drachen. Jemand, der als besonnen und korrekt bekannt ist – und einer der ihren. Es ist eine Überlegung wert. Darf ich erfahren, was Ihr für ein Straflager plant?“ –
„Natürlich. Es sollen verschiedene Produkte dort hergestellt werden, ja nach Fähigkeiten der gefangenen Krieger. Allerdings wird eine Erzmine den wesentlichen Anteil bilden.“ –
„Oh… eines der härtesten Straflager, die ich mir vorstellen kann…“ er schaut etwas besorgt. –
„Ja das ist mir klar. Und ja, wer Siedlungen plündert, die Siedler versklavt oder tötet, wird in den Minen arbeiten müssen, auch dafür, dass ich andere wie ihn ebenso zur Rechenschaft ziehen kann. Aber er wird leben. Die Arbeit wird schwer sein, aber es ist nicht das Ziel sie dabei sterben zu lassen. Er wird hart arbeiten müssen, aber auch jeden Tag freie Zeit für sich haben. Vielleicht sogar alle paar Tage einen festen Tag ohne Arbeit. Alle werden ihre Unterkünfte an der Oberfläche haben mit Fenstern und jeden Tag die Sonne sehen. Keiner wird seine Strafe in ewiger Dunkelheit für den Rest seines Lebens tief in der Mine zubringen müssen. Und sie werden gut ernährt und bei Krankheiten oder Verletzung versorgt werden. So ungefähr stelle ich mir das vor. – Gut… ob vielleicht doch jemand den Rest seines unwerten Lebens unten in der Mine verbringen muss, wird dann zukünftig ein Rat, der über die Härte und Dauer der Strafe beraten wird, bestimmen. Und wegen der Sonne… da kommt es natürlich auch auf das Wetter an.“ – ergänze ich drachisch logisch.
Govindas Miene hellte sich immer mehr auf.
„Das klingt am Ende ja fast wie ein Erholungsheim.“ –
„Das sicher nicht. Auch wenn die reine Arbeit überschaubar bleibt, ist die Arbeit schwer und eintönig – wobei man das durch Rotation der Tätigkeiten auch relativieren kann. Aber vor allem sind sie eingesperrt, auf eine kleine Strafsiedlung beschränkt, können nicht kommen und gehen, wie sie wollen. Sie sehen die Wälder rundherum aber werden nie, oder sehr lange nicht, dort hinkommen können. Und wenn sie aufmucken, gibt’s weitere Einschränkungen. Glaub mir, das ist keine Erholung, kein Spaß.“ –
„Verzeiht mein Lord, Ihr habt Recht. Dennoch werden sie leben – und manch einer vermutlich sicherer als vorher als einfacher Krieger. Und es soll einen Richter geben? Entscheidet nicht Ihr darüber?“ –
„Jetzt direkt bestimme schon direkt ich. Wobei ich den Rat von jemanden aus dem Volk des Gefangenen sicher nicht verweigern werde. Später dann einige Älteste aus den betroffenen Völkern, die über die Taten beraten und die Strafe festlegen. Die Regeln werde ich anfangs grundsätzlich festlegen, später kann dann ein Rat aller Völker hier im Drachenland die Regeln erweitern. – Aber ich werde mir das Recht der letzten Entscheidung immer vorbehalten.“
„Das klingt fair, insbesondere gegenüber den Menschen. Darf ich ein paar Nächte darüber nachdenken?“ –
„Natürlich.- Wir werden ohnehin einige Tage mein Revier bereisen. Achja sehr weit wird die Mine nicht von hier weg sein. Falls das wichtig werden sollte…“ –
Aditi seufzt tief.
„Natha… bitte… Ich habe es verstanden.“ –
Ich grinse.
„Verzeih mir die kleine Spitze. Dann nur noch unsere Reiseplanung. Hat jemand Vorschläge, was vielleicht wichtig sein könnte, es zu sehen? Interessante Orte, großartige Landschaften oder verrückte Menschen?“ –
Atum kichert leise.
„Verrückt sind die Menschen alle hier. Aber interessant könnten für euch vielleicht einige Fischersiedlungen sein. Verrückter sind die Menschen, die sich mit winzigen Booten über die Meere zu fahren wagen, um zu handeln. Und da gibt es eine interessante Siedlung, die ich Dir eigentlich nicht verraten sollte.“ –
„Du musst mir nichts verraten, wenn Du ein Versprechen gegeben hast oder so. Ich werde ohnehin irgendwann alles selber finden, ich hab da ja etwas Zeit.“ –
Er nickt.
„Ja. Aber die Siedlung der Maschinen solltest Du vielleicht doch gleich anschauen. Ich habe ihnen nur versprochen, Valarinn nichts zu verraten. Von seinem Nachfolger war nie die Rede. Außerdem habe ich nichts gesehen, was eindeutig gegen euren Lebensstrom sein würde. Ich vertraue Dir da soweit, dass alles aus einer besonneneren Sicht zu beurteilen als der Drache, den ich mal dabei beobachtet hatte, wegen ein paar Windmühlen mehrere Siedlungen zu zerstören. Immerhin hatte er die Menschen vorher weitgehend vertrieben.“ –
Tyria zeigt ein ziemlich fieses Grinsen.
„Klingt nicht nach mir, Menschen erst zu vertreiben, ehe ich ihre Siedlungen vernichte. Aber Du meinst diese Dinger mit Flügeln, die von Wind gedreht werden? – Ich habe mir die irgendwann mal angeschaut, also ohne, dass die Menschen das wirklich gemerkt hatten, sie dabei beobachtet. Aber da ich nichts gesehen hatte, das gefährlicher war als Wasser auf ihre Pflanzen zu schöpfen oder Pflanzen zu zerkleinern, damit sie so leckere Dinger wie die da auf dem Tisch machen können, habe ich darauf verzichtet, mich deswegen anzustrengen.“ Ihr Grinsen wird freundlicher.
„Da gibt es ja auch so Dinger, wo Wasser über ein Rad fließt, oder auch manchmal ein Rad sich in einem Fluss dreht. Die machen anscheinend auch sowas, obwohl das da manchmal wummert.“ –
Ich nicke.
„Ja, die Dinger – Mühlen, auch wenn die nicht alle zum Mahlen von Getreide genutzt werden – sind unschädlich für den Lebensstrom. Das Wummern wird wohl eine Hammermühle gewesen sein, in der vielleicht Lehm für Ziegel fein gestampft wird, Eisenerz zerkleinert oder Pflanzen für Schriftrollen zu Brei gestampft wird. Also alles, was Menschen auch mit ihrer eigenen Kraft machen und nicht dafür bestraft werden. – Die Siedlung schauen wir uns dann auch mit an. Vielleicht haben die ja interessante Erfindungen gemacht, die wir für diese Welt nutzen können.“ –
Tascha überlegt laut.
„Wenn wir in dieser Maschinensiedlung überhaupt etwas richtig sehen wollen, sollten wir da aber als Anthro auftauchen. Weil Drachen das ja nicht können, müssen wir also Drakarin sein und tragen wir noch irgendwas an Kleidung dazu, ist logisch, dass wir nur Draccier sein können. Die Menschen sind sicher misstrauisch, wenn sie sich unsicher sind, ob sie gegen die Regeln verstoßen und dort dann Schuppenträger sehen, aber wenn wir so untypisch für Drachen dort erscheinen, bekommen wir sicher einiges zu sehen.“ –
„Du willst uns doch nur wieder in menschlicher Kleidung sehen…“ grinse ich sie an.
„Aber Deine Überlegung ist gut und logisch. – Nur bitte dann etwas Leichtes, wir müssen das ja mitnehmen. – Aber… warum sagst Du, dass wir Drachen nicht zum Anthro werden können…?“ –
„Weil nie jemand einen Drachen so gesehen hat. Alle Großen zeigen sich nur als Feral, riesig, beeindruckend, furchterregend. – Ich habe Dich am Anfang, nachdem klar war, dass Du kein Draccier bist, ja auch für einen Drakarin gehalten. Bei den Drakarin weiß man, dass sie auch Anthros sein können. Drachen sind nie Anthros. Nie. Niemand hat sie je als Anthro gesehen und das überlebt. Also gibt es den Glauben, Drachen können diese Wandlung nicht vollziehen.“ –
„Ah, so hast Du das gemeint. Wir lassen sie so lange wie möglich im Zweifel darüber, ob wir Drachen sind und damit vielleicht ihre Richter, oder nur Besucher, denen gleichgültig ist, was sie machen. Gut. – Allerdings stellt sich mir dann die Frage, warum die Händler hier uns so selbstverständlich auch in der Anthroform als Drachen ansehen. Da unten in der Siedlung hatte das sicher auch mit dem Eindruck des Überfalls und meiner Bestrafung zu tun.“ –
Auch wenn ich ihn nicht gezielt angeschaut habe, fühlt Govinda sich angesprochen, wohl weil es um Menschen geht und um den Überfall.
„Als ich Euch dort erlebt habe, war mir noch während des Kampfes klar, dass Ihr kein Draccier sein könnt. Auch wenn ich nicht gleich an den Herrn des Drachenreiches gedacht habe, aber schon wie mein Schwert an euch abprallte, war mehr als deutlich.“ –
„Du hattest aber auch die Rüstung getroffen…“ –
„Ja richtig. Aber es hätte einen Draccierkrieger schon mehr beeindruckt als Euch. Auch fühlten sich Eure Schuppen sehr viel glatter an und trotz Eures harten Griffes und der scharfen Krallen irgendwie angenehmer als die von einem kämpfenden Draccier. Aber das alles war da zusammen ein Grund, es einfach zu akzeptieren und da war die Erklärung, dass Ihr der Drache seid, irgendwie logisch. –
Was die Händler betrifft… sie reisen viel, sehen also auch vieles und hören noch viel mehr. Dazu sind sie dadurch wohl auch in der Lage, sich neuen Situationen schneller anzupassen. Und irgendwie scheint es doch logisch, dass Drachen, wenn sie doch mal die Form eines Anthro wählen, dann doch dort, wo sie zu Hause sind und sich sicher fühlen… Äh, ich meine wohl fühlen.“ –
Aditi stuppst ihn grinsend an.
„Du willst doch nicht sagen, dass meine Hände rau sind und Du Dich lieber von Natha kraulen lässt…?“ –
Govinda schüttelt fast erschreckt den Kopf.
„Nein, natürlich nicht. Deine Schuppen sind ja auch glatt und fühlen sich angenehm auf der Haut an. Aber selbst, wenn nicht, wäre es mir lieber Du kratzt mir die Haut auf als unser Lord.“ –
Sie grinst breiter und seinem Gesicht nach zu urteilen, krault sie mit ihren Krallen seinen Rücken.
„Braves Männchen…- Nein, Du hast schon recht damit. In Kampfstimmung stellen sich die Schuppen unserer Handflächen und Fußsohlen ein wenig auf, was sich für euch sehr kratzig anfühlen muss. Uns hilft das, eine Waffe besser festhalten zu können und sicherer zu stehen und laufen.“ -
Ich gehe da jetzt nicht weiter auf diese durchaus sinnvolle physische Anpassung ein.
„Das mit den Händlern klingt logisch. Und als Händler müssen sie sich schnell auf alles einstellen können, wenn sie erfolgreich handeln wollen.“ –
Govinda nickt.
„Nicht lange nachdenken, einfach akzeptieren und verkaufen. So gesehen sind sie die besseren Krieger.“ Er grinst. –
„Bessere Krieger?“ –
„Wenn Ihr schon erlebt hättet, wie zögerlich Krieger der Menschen sich auf neue Gegebenheiten vorbereiten. Ob es ein unbekannter Gegner ist oder nur eine neue Art einer Schlachtaufstellung oder eine andere Kampfweise.“ –
„Ach so… ‚Es war doch schon immer so, also warum ändern…‘ - ja drüben sagt man, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist.“ –
Tyria nickt.
„Drachen aber auch. – Also willst Du als Anthro diese Stadt der Maschinen besuchen.“ –
„Ich auf jeden Fall. Ihr müsst aber nicht.“ –
„Du glaubst doch nicht, dass ich es mir entgehen lasse, diese Maschinen aus der Nähe zu sehen? Das mit der Anthro, kann ich da schon noch akzeptieren.“ Spielt sie die Empörte. –
„Freut mich, Dich dabei zu haben. Tascha, Du ja sicher auch. Schaust Du bitte im Fundus nach passender Kleidung? Ein paar Silberstücke werden auch nicht schaden.“ –
Tascha nickt bestätigend, blickt mich dann aber fragend an
„Im Was?“ –
„Oh… verzeih. Kaum kommt das Thema auf Menschen, kommen mir wieder die Begriffe von Drüben dazwischen. Ich meine mein Lager hier.“ –
„Ach so. Ja ich suche etwas leichtes heraus.“ –
In der Zwischenzeit hat Tyria sich durch das Fach gearbeitet, das die Unterlagen für den entsprechenden Bereich enthält.
„Ah hier steht was von einer Menschensiedlung, die Valarinn genauer beobachten wollte, weil die Menschen da merkwürdige Dinge machen.“ –
„Wenn die auf einer Insel in einem langen See liegt und gleichzeitig direkten Zugang zum Meer hat?“ fragt Atum nach. –
Sie liest kurz die Infos.
„Ja. Insel, See, hinter einem schmalen Streifen Land an der Meeresküste. Für Menschen schwierig zu erreichen.“ –
„Klingt danach, ja.“ –
Ich setze mich wieder an den Arbeitstisch und notiere die Positionsangaben. Gemeinsam kommen noch ein paar weitere dazu, die südlichen Orte dann aber fast nur noch von Atum, der als einziger hier so weit gewandert ist. Mir fällt dabei aber auf, dass er sehr vorsichtig mit seinen Vorschlägen ist.
„Sag mal alter Freund, verstoßen die da im Süden alle so sehr gegen Erces Regeln?“ –
Er sieht mich fast erschreckt an.
„Warum denkst Du das?“ –
„Weil Du so vorsichtig bist, die richtigen Orte auszuwählen. Als ob wir nichts Falsches sehen sollen.“ –
Er schüttelt heftig den Kopf.
„Nein… nein wirklich nicht. Dort werden zwar schon mehr Dinge eingesetzt, die ihr vielleicht als Maschinen bezeichnen würdet. Meistens Mühlen wie Du schon gesagt hast. Auch viele Boote und kleine Schiffe gibt es an der Küste. Aber alles nur von Wind, Wasser, Tieren und auch Menschen angetrieben. Und wenn ich Dich richtig verstanden habe, hältst Du das für ungefährlich.“ –
„Das ist richtig. Aber selbst, wenn sie zu sehr gegen den Lebensstrom handeln, werde ich sie erstmal nur darauf hinweisen und warnen. Ich hoffe darauf, dass sie verstehen, worum es geht. Wiederholtes Zerstören ihrer Maschinen und am Ende die Uneinsichtigen dann doch zu töten ist nicht mein Ziel.“ –
„Sind das die Befehle, die Du befolgst?“ –
Ich schaue ihn verdutzt an.
„Denkst Du, Erce sagt uns direkt, was wir zu tun haben? Dass sie uns steuert?“ –
Er zuckt die Schultern.
„Nicht wie Marionetten, aber bekommt ihr den Auftrag Städte zu zerstören und Menschen zu töten, wenn sie nicht gehorsam sind? –
Er wirkt nicht aggressiv, eher neugierig. Also halte ich mich zurück, auch weil Tyria mich beobachtet und wohl nur ruhig bleibt, weil ich mich noch entspannt gebe.
„Nein. Wir bekommen keine Aufträge oder Befehle eine bestimmte Stadt anzugreifen. Die Drachen haben den Auftrag bekommen, das Leben in dieser Welt zu bewahren. Alles Leben, auch die Menschen. - Aber wie sie das machen, entscheiden die Drachen selber.“ –
Tyria nickt.
„Richtig. Genau genommen haben wir Drachen schon sehr lange keinen direkten Kontakt zu Erce. Du wirst keinen lebenden Drachen finden, der je von Erce selbst etwas gehört oder gespürt hat. Wir lernen von den Älteren, was unsere Aufgabe in dieser Welt ist. Manche haben indirekt einen Kontakt, wenn sie sterbende Lebewesen in den Lebensstrom geleiten. Aber das machen auch nicht alle. Aber alle wissen nur von den Alten, was wir zu tun haben und wie wir es zu tun haben. Und je nachdem, wer uns darin unterrichtet und nach dem Charakter, reagieren wir auch unterschiedlich. Die einen ruhig und eher friedlich, andere – wie ich auch – eher aggressiv und kurz entschlossen. Aber immer aus eigener Entscheidung, die wir nach unserer Erfahrung treffen.“ –
„Hmm…“ –
Sie lächelt kurz.
„Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, dass wir Drachen irgendwelchen uralten Geschichten folgen. Aber wir alle spüren die Lebensenergie, unsere Kräfte entstehen daraus. Wir haben also handfeste Gründe, den Ältesten zu glauben.“ –
„Erce sagte mir, dass sie sehr lange keinen Kontakt zu den Drachen hatte.“ Ergänze ich.
„Und ich kann mich noch dran erinnern, dass wir damals schon die Aufgabe bekamen, die Lebenskraft zu fördern und zu schützen. Noch sehr unbestimmt, da gab es ja noch keine Menschen, nur sehr frühe Vorfahren. Das Verhalten der Drachen entspricht eher ihrer Stellung in der Nahrungskette und geschieht nicht auf Anweisung.“ –
„Und Du?“ –
Ich grinse breit.
„Ich hoffe doch, ich stehe ganz oben. – Aber ernsthaft, ich werde nach meinem Wissen urteilen und entscheiden. Wie schon gesagt, werde ich versuchen zu erklären und zu überzeugen. Nur wenn sie sich als unbelehrbar erweisen und die Handlungen die Lebenskraft zu sehr schädigen…“
Ich lasse das offen, aber er versteht.
„Gut. Ich erkenne da immer noch den jungen Rahotep, er immer erst verhandeln wollte, aber auch entschlossen handelte. Was die Siedlungen betrifft: ich versuche nur abzuschätzen in welchen Siedlungen die Menschen am besten mit dem Besuch von Drachen zurechtkommen. Hier im Norden sehen sie öfter einen Drachen am Himmel, im Süden ist das eher selten. Sie erkennen einen Drachen, aber deswegen kann es auch passieren, dass sie in Panik geraten, wenn sie euch sehen. Meistens grundlos, aber einfach die nicht ganz unbegründete Furcht vor einem Drachen, wenn einer vor einem steht, reicht schon.“ –
„Menschen machen nun mal vieles falsch. Und viele wissen das auch unbewusst. – Auch wir Drachen machen nicht alles immer richtig. Aber wir haben nun mal die Aufgabe zugewiesen bekommen, über die Welt Erces zu wachen. Und das machen wir. – Sicher nicht so, wie die Menschen es sich wünschen würden, aber wir sind nun mal Drachen und denken etwas anders. Eben auch, wie wir ihre Handlungen bewerten und darauf reagieren. Aber zugegeben, unsere Reaktionen enden für die Menschen oft sehr unangenehm.“ –
Atum grinst breit.
„Unangenehm ist eine nette Umschreibung für tödlich.“ –
„Ja, schon richtig. – So denken nun mal die Drachen. Menschen sind grundsätzlich Beutetiere. Gut, sehr schlaue Beutetiere, die mit uns diskutieren können und viele interessante Dinge machen, manchmal auch falsche Dinge. Aber es gibt so viele von ihnen, dass es auf eine Siedlung mehr oder weniger nicht ankommt.“ –
„Die Drachen ja. Du auch?“ –
„Ich bin wieder der Drache, der ich früher war. Menschen sind mir gleichgültig – oder genauer: nicht gleichgültig, aber doch nur wenig wichtiger als die Hirsche oder Bants auf den Wiesen oder die Vögel in den Wäldern. Nur meine Erfahrungen als Mensch in der Welt, in der wir uns zuerst getroffen haben, lassen mich etwas anders darüber denken. Ich bin geneigt, die Menschen bevorzugt zu behandeln. Aber mein Wesen als Drache lässt ihnen auch nicht alles durchgehen.“ –
„Also ist dies die Welt der Drachen?“ –
„Ja“ –
„Dann sollten die Menschen hier besser in die Menschenwelt umsiedeln? Oder sogar flüchten?“ –
„Du weißt, wie Menschen ihre eigene Art behandeln können, wenn sie Unterschiede zu erkennen glauben. Weißt Du, wie viele Kriege es seit unserer gemeinsamen Zeit drüben gegeben hat? Wie viele Menschen sich dabei gegenseitig getötet haben?“ –
„Soweit ich das mitbekommen habe, mehr als hier überhaupt leben…“ –
„Ja. Und da die Menschen von hier als Fremde kommen und Siedlungsgebiete beanspruchen würden, die schon lange besetzt sind… da leben sie hier mit uns Drachen sehr viel sicherer.“ –
Tyria nickt nachdenklich.
„Dass sie hier sicherer sind, meinte mein Vater auch. Das war so vor 300 Jahren, also nachdem wir uns drüben getroffen hatten. Er versuchte mal wieder mich von seiner Meinung zu überzeugen und ich hatte vorgeschlagen, die Menschen in die andere Welt zu vertreiben damit sie unter sich sind und wir hier Ruhe haben. So richtig habe ich ihn damals nicht verstanden.“ –
„Jedenfalls habe ich nicht vor, sie zu vertreiben oder sie wegen Kleinigkeiten zu töten. Ich möchte jetzt erstmal sehen, was sie erfunden haben und benutzen.“ –
„Gut…“ nickt Atum.
„Dann solltest Du auf jeden Fall die Stadt im See besuchen. Ich weiß, dass sie sich eine Strategie überlegt haben, für den ja nicht unwahrscheinlichen Fall, dass ein Drache sich für sie interessiert. – Also selbst wenn Sie euch nicht für Drachen halten, jedenfalls nicht für Große, werden sie sicher versuchen, euch abzulenken. Ihr könntet ja im Auftrag des Drachen Informationen sammeln.“ –
„Dann lassen wir uns also nicht an der Nase herumführen.“ –
Ich schaue wieder mal in fragende Gesichter, nur Atum scheint zu ahnen, was ich damit meine.
„Du trägst doch gar keinen Nasenring.“ Grinst er.
Da ich mitgrinse, erklärt er den anderen kurz, was wir damit meinen. Ich überlege währenddessen, ob diese Redewendung sinngemäß schon zu Ramses Zeiten genutzt wurde. Ich kann mich daran zwar nicht erinnern, aber Ochsen wurden damals auf den Dörfern teilweise Pflöcke durch die Nüstern getrieben, um sie leichter führen zu können. Also gut möglich, dass es im einfachen Volk einen ähnlichen Spruch gab. Als Gaufürst und späterer Wesir von Piramesse und dem Delta kamen mir aber solche profanen Äußerungen sicher auch nicht zu Ohren.
Tyria schaut mich anschließend mit ihrem fiesesten Grinsen prüfend an und lässt die Kralle ihres Zeigefingers über meine Nüstern gleiten.
„Klingt irgendwie interessant…“ –
„Untersteh Dich…“ antworte ich grinsend, aber der mitschwingende Unterton macht ihr offensichtlich deutlich, diesen Gedanken auf mich bezogen nicht weiter zu verfolgen. –
„Nur ein Gedanke. Damit Du weißt, wo Du in der Nahrungkette stehst…“ der Begriff hat ihr anscheinend nicht so gut gefallen. Aber sie winkt ab.
„Nur vielleicht für Deine Gefangenen, das härteste Metall, von mir oder mit Deinen Blitzen zu einem unlösbaren Ring in ihre Nasen geschmiedet. Ein ewiges Zeichen, dass sie Dir gehören…“ –
„Da hast Du anscheinend ja Freude dran.“ Ich blicke sie fragend an.
„Aber so ewig ist ein Nasenring ja auch nicht. Klar ist ein Ausreißen oder Herausschneiden schmerzhaft und hinterlässt ziemlich sicher auch Spuren, aber es wäre nicht unmöglich oder tödlich.“ –
„Würdest Du sowas denn wollen?“
Ich schüttele den Kopf, worauf Tyria nickt.
„Muss es ja auch nicht. Aber behandelt werden, wie sie es mit ihren Zugtiere machen, würde die sie sicher ziemlich erniedrigen.“ –
„Verzeiht Natha, darf ich dazu etwas bemerken?“
Govinda wartet mein Nicken ab.
„Ja, es würde sie demütigen. Und ehrlich gesagt, wäre ich auch nicht dagegen, sie auf solche Art zu kennzeichnen. Ich weiß von einem Stamm, der seinen Sklaven einen Ring möglichst tief in die Nase einsetzt. Lässt sich kaum herausreißen oder nur sehr schmerzhaft herausschneiden. Also nicht unmöglich, aber äußerst unangenehm im Vergleich zum schnellen Stich beim Einsetzen. Jedenfalls wenn man den Ring nicht öffnen kann. – Aber würdet Ihr nur einzelne zur Demütigung dazu verurteilen, oder alle generell?“ –
„Ich weiß es noch nicht. Eigentlich gar nicht. Aber ich möchte vor allem keinen Bezug auf Sklaverei damit schaffen. Sie sollen bestraft werden und arbeiten müssen, aber werden dennoch keine Sklaven sein. Auch wenn der Unterschied, zumindest für die mit sehr langer Haftstrafe, ihrem Gefühl nach vermutlich recht gering sein dürfte.“ –
Er schüttelt den Kopf.
„Hier sind Ringe in der Nase als Schmuck weit verbreitet. Sklaven werden mit massiven eisernen Ringen um den Hals oder Hand- und Fußgelenken als solche gekennzeichnet. Wenn ich darüber nachdenke, wäre mir ein Ring in der Nase lieber als angeschmiedete Fußeisen tragen zu müssen. Und der Nasenring würde mich ja auch eindeutig von den Wachen unterscheiden.“ –
„Du würdest es zur Unterscheidung von Bestraften und Bewachern nutzen wollen? – Und wenn ich entscheide, dass meine Wachen den Ring tragen müssen?“ –
„Das hätte den Nachteil, dass dann jeder Besucher als Gefangener, der arbeiten muss, erkannt werden könnte. Aber ich denke, es würden sich auch dann genug Wachen finden.“ –
Der Gedanke lässt mich grinsen.
„Nachteil? Wir hätten dann doch immer genügend Nachschub an Arbeitern… - Nein, natürlich nicht. Aber mal sehen. Sowas muss ich mir noch überlegen.“ –
„Und ich müsste dann wohl irgendein hartes Metall besorgen, nur sind die eher selten…“ meint Tyria noch dazu.
„Aber da bin ich ja selber dran schuld. Ich hab das ja vorgeschlagen.“ –
„Selten, also wertvoll?“ Frage ich grinsend.
„Sowas teures Mördern in die Nasen stanzen…“–
„Wenn für die Menschen selten auch wertvoll bedeutet, dann ja.“
Ich schiebe meine Notizen in eine kleine Rolle, um sie morgen mitzunehmen lege den Stift und die restlichen Bögen beiseite und recke mich. Am Schreibtisch hocken ist definitiv nichts für einen Drachen.
„Vielleicht kann Eldflóð mir ein Rezept für Panzerstahl besorgen. Das braucht neben Eisen zwar auch seltene Metalle, aber sehr viel weniger. Aber gut, da wir ohnehin schon vom Thema abgekommen sind, beenden wir die Reiseplanung. Ich denke auch, dass wir genügend Ziele für eine erste Rundreise haben. Soweit bedanke ich mich für die Unterstützung. Dann können wir ja zum gemütlichen Teil kommen.“
Ich mache das recht helle Licht am Schreibtisch aus, damit der gemütliche Teil auch gemütlich wird und ziehe Tyria mit zu den Kissen, wo wir es uns bequem machen. Ich beobachte Govinda, der sich etwas verwirrt umschaut, er hatte wohl gedacht, dass die Versammlung jetzt aufgelöst wird. Oder ich ihn rauswerfe – als einzigen Menschen hier.
„Mach es Dir bequem Govinda. Gemütlich heißt auch gemütlich. Also bequem sitzen oder liegen, Bier und Wein, Aditi die Schuppen kraulen oder Dich von ihr kraulen lassen. Und über alles und jeden unterhalten, klatschen und tratschen.“ –
Er nickt.
„Ich verstehe. Fehlen nur noch die Musiker und ein paar hübsche Tänzerinnen und wir haben eine kleine Orgie. – Hey…“ –
Aditi hat ihn überraschend zu sich runtergezogen.
„Hübsche Tänzerinnen willst Du? Reichen Dir 4 Dracci etwa nicht?“
Sie umklammert ihn und knabbert sanft an seinem Ohr.
„Du bist mir mehr als genug… Gnade.“ Versucht er sich zu verteidigen. –
Ich blicke zu Rohit, der immer noch, oder wieder, etwas verlegen am Rand neben Padmini hockt und zuschaut, wie Jaya sich in Atums Fell kuschelt.
„Das gilt auch für Dich, Rohit.“ –
„Ja… ich… ja Natha.“ –
Er greift sich einen Becher Bier und nimmt einen großen Schluck. Padmini schaut ihn an, hockt sich dann vor ihn und legt ihre Hände in seinen Nacken.
„Wenn es Dich nicht stört… ich würde gerne ein wenig mit Dir kuscheln.“ –
Er schaut kurz verwirrt, dann hellt seine Miene sich auf.
„Ja… ich meine nein, es stört mich nicht. Im Gegenteil.“ –
Padmini drückt ihn gegen ein großes Kissen und lehnt sich dann mit ihrem Rücken gegen seine Brust. Ich kann ihm ansehen, dass er das wirklich genießt. Tyria grinst zufrieden.
„Ich glaube, da haben sich zwei gefunden.“ Flüstert sie mir zu. –
Ich nicke und lehne mich auch so gegen ein großes Kissen zurück, halb liegend. Tyria legt sich in meinen linken Arm an meine Seite, sie hat heute meine Herzseite. Tascha rechts neben mir, lässt meinen Arm frei, hat dafür ihre Beine auf meine gelegt. Shakti liegt halb über unseren Beinen oder sitzt zwischen meinen und kümmert sich nebenbei um unsere Becher. Mir haben die drei, trotz meiner Proteste, Wein verordnet, dazu habe ich Eiswasser. Tyria und Tascha nehmen Säfte und Wasser und Shakti kippt ein paar Biere.
Ich probiere etwas von dem Bier nachdem Shakti mir versichert hat, dass es nach einer anderen Rezeptur gebraut wurde. Es ist nicht so süß, wie das bei der Feier, es schmeckt dem ägyptischen Brotgebräu noch ähnlicher, soweit ich mich daran erinnere. Das ist ja auch schon ungefähr 100 Leben her, dass ich es gelegentlich – und nicht wirklich gerne - getrunken hatte. In meiner Position damals konnte ich mir eben Wein leisten und hatte den mehr gemocht. Und da ich als Mensch zuletzt Norddeutsche Biere gewöhnt war, ist mir dieses inzwischen auch etwas zu fade. Immerhin hat es etwas natürliche Kohlensäure.
„Weiß jemand, ob es hier Hopfen gibt? Oder ob man es einhandeln kann?“
Alle schauen mich fragend an.
„Ach ja…“ Ich versuche Hopfen kurz, aber so gut wie möglich zu beschreiben. –
Atum schüttelt sich.
„Ach das bittere Zeug meinst Du… Einige Händler haben das als Heilmittel. Was bitter schmeckt muss gesund sein. – Aber bei Menschen hat das auch eine beruhigende Wirkung und hilft bei manchen Magenproblemen.“ –
„Ah, ich kenne das als Dracheneierkraut.“ Meint Govinda dazu.
„Das wird bei uns als Tee getrunken, um besser schlafen zu können. Ist nicht so stark wie ganja der geraucht oder als Tee vor einem Kampf genommen wird, wenn die Krieger zu erregt sind. Die Dracheneier verwirren die Gedanken nicht, sie beruhigen diese nur etwas.“ –
„Ja, das klingt nach Hopfen.“ Nicke ich. Und Dracheneier kommt der Form von Hopfendolden ja auch nahe.
„Dann müssten wir den ja auch von einem Händler bekommen können. Also nur noch eine gute Hefe und nach Möglichkeit Gerste, dann können wir ein moderneres Bier brauen.“ –
Wobei ich verschweige, dass mein Wissen über das Bierbrauen nicht ganz so modern ist. Das letzte Mal war ich vor ungefähr 150 Jahren als Brauer tätig. Ich hatte gerade in Milwaukee das Brauhandwerk erlernt als der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach. Ich wurde Soldat und in den langen Gefechtspausen gerade am Anfang bekam ich die offizielle Erlaubnis für die Kameraden zu brauen, um sie bei Laune zu halten. Leider lief ich bei Appomattox dann doch noch der konföderierten Kugel in die Flugbahn, die mich vier Jahre vorher in der ersten Schlacht am Bulls Run knapp verfehlte.
„Warum sollten wir das Bier anders brauen, wir mögen das was wir haben.“ Wagt Aditi sich vor und spricht aus, was mir die verhaltenen Reaktionen der anderen schon sagt. –
„Weil ich versuchen möchte, ein Bier zu brauen, das dem entspricht, was ich in den letzten paar hundert Sommern gewohnt war. Es schmeckt mir einfach besser. Das bedeutet ja nicht, dass ich euch das Brotbier verbieten will. Schauen wir erstmal ob wir die Dinge bekommen können.“ –
Atum winkt ab.
„Ich frage die Händler, ob sie das haben oder besorgen können. Dann kannst Du damit rumexperimentieren.“ –
„Frag auch bitte nach Kupfer. Und ob wir einen Kesselschmied bei den Neuen haben.“ –
Atum nickt und Govinda hebt kurz die Hand.
„Sollte es notwendig sein, kann ich sicher den Kupferschmied anwerben, der bei meinem Vater alle Küchengeräte, Platten und Töpfe für den Palast hergestellt und repariert hat. Er ist von meinem Onkel aus allen Funktionen entlassen worden, nur weil er meinem Vater gedient hatte und ernährt jetzt mit einer kleinen Feinschmiede an der Mauer notdürftig seine Familie. Mit meiner Zusicherung, dass er und seine Familie hier sicher sind und niemand Hunger leiden wird, siedelt er sich sicher gerne hier in der neuen Stadt an.“ –
„Ich brauche aber keine Silberschüsseln und goldene Teller. Jetzt zuerst spezielle Kessel und Behälter aus Kupfer oder Edelstahl. Auf längere Sicht aber sicher auch Nachschub für Geschirr und Kochutensilien für die Garde. Je nachdem wieviel auf Lager ist.“ –
Jaya räuspert sich.
„Fürs erste wird das noch reichen. Es sind zwar Unterkünfte für 5 Kenturen angelegt, aber nur 3 Kenturen haben eine vollständige Wohnanlage und Ausrüstung. Für die restlichen beiden nur Waffen und einfache Uniformen. Die beiden Unterkünfte sind angelegt, aber leer. Da ist Dein Vorgänger wohl nicht fertig geworden. Also für die Garde und die Gardekrieger – Du hast doch von der Garde und einer kleinen Kampftruppe hier gesprochen – für die zusammen 150 Krieger ist erstmal mehr als genug da, auch an Geschirr und Kochgerät. Erfahrungsgemäß muss die Küchenausrüstung aber recht häufig ersetzt werden. Nicht weil die Krieger die absichtlich beschädigen, eher weil das fast immer billig eingekauft wird. Und wenn Kessel sich verbiegen, wenn man die vom Feuer nimmt, oder gefüllte Teller mit beiden Händen getragen werden müssen, damit die nicht wegknicken…“ –
Wie mir mittlerweile bekannt ist, haben die Bezeichnungen der Kriegerverbände teilweise Ähnlichkeiten zu denen – mir auch noch selber bekannten – der römischen Arme. Und haben sogar eine ähnliche Mannschaftsstärke. Eine Kentur – römisch Centurie – besteht hier regulär aus 80 bis 100, selten bis 120 Kriegern. Sowohl bei den Dracciern wie bei den Menschen. Ich hatte zwar insgesamt an deutlich weniger als 100 Krieger gedacht, vielleicht sogar höchstens 50 für Garde und Kampftruppe zusammen, als ich das gesagt hatte, aber nicht exakt benannt. Aber wenn die Zuwanderung so weiter geht und die Händlersiedlung wächst, dann sind mehr Gardisten, die auch als Ordnungskräfte die Händlersiedlungen überwachen durchaus sinnvoll. Und die Gardekrieger, wie Jaya die Eingreiftruppe genannt hatte kann die fertigen Unterkünfte unten am Zugang beziehen und stören mich da auch nicht mehr, als wenn sie unten in den noch sehr unfertigen Unterkünften am Übergang zu Darjeeling einziehen müssten. Aber das neulich gebrachte Argument, dass sie sich hier oben innerhalb der äußeren Grenzen meine Wohnstätte sehr viel mehr als Gardekrieger fühlen und mir enger verbunden wären, kann ich auch nicht einfach wegschieben. Dass sie mir jetzt aber schon statt den 30 von mir angedachten, nun 100 Gardekrieger sozusagen vorsetzen… Sie haben sicher ihre Gründe, die sie mir noch erläutern werden müssen.
Aber erstmal beim Thema bleiben.
„Oh… ich verstehe. Und den Kriegern wird das dann vom Sold abgezogen, weil sie nicht auf ihre Ausrüstung aufgepasst haben…
Wie beurteilt ihr die Ausrüstung hier so allgemein?“ –
Aditi grinst.
„Hast Du das mit dem Soldabzug erfunden und überall eingeführt? Ja. Zinnteller dünn wie Pergament und sollen einen ordentlichen Schlag Stew aushalten… - Aber Deine Ausrüstung hier ist schon sehr ordentlich. Rüstungen, Waffen und Kleidung ist sehr gut. Die Möbel bequem und stabil. Die Küchenausstattung und das Geschirr brauchbar, aber ist eher einfache Qualität. Das muss ja alles schnell gehen dann, also wird es schnell Beulen bekommen und ist verbogen.“ –
„Nein, nicht erfunden – aber ich könnte es gerne hier einführen…“ alle verziehen das Gesicht. „Ich verstehe. Also wäre ein Kesselschmied, der auch Geschirr herstellen kann und alles auch reparieren, durchaus nützlich. – Da ich zudem etwas haben möchte, dass hier anscheinend ungewöhnlich ist, wäre einer mit viel Erfahrung und etwas Mut zum Neuen sinnvoll. Schaut mal, ob jemand bei den Ankömmlingen dabei ist, sonst gerne der Schmied, den Du vorgeschlagen hast, Govinda. Das muss auch nicht gleich morgen alles erledigt werden.“ -
Govinda nickt.
„Ich frage mich morgen mal durch. Meine Begleiter haben alle möglichen Fähigkeiten, aber außer einem nicht sehr erfahrenen Hufschmied nichts, was Du gerade suchst. Vielleicht ist bei den anderen jemand dabei, sonst sende ich einen Boten in die Stadt, wenn Du erlaubst Natha.“ –
„Mach das so.“ ich fühle innerlich verwirrt den Drang, mir eine Jacke glatt zu ziehen. Bis mir einfällt, dass Jean Luc Picard das in der deutschen Übersetzung immer so gesagt hat – an Stelle des originalen ‚Engage‘
Ich werde von Tyria tiefer in die Kissen gedrückt, dann liegen sie und Tascha auch schon jeweils halb auf mir. Shakti liegt auf meinen Beinen und Schwanz und beteiligt sich an den leisen Gesprächen der anderen, die sich jetzt um die Rekrutierungen unter den Neuankömmlingen heute und der Ansiedelung der übrigen drehen, dazu kurze Erlebnisse geteilt und kleine Witzchen untereinander gemacht werden.
Aber auch wenn noch ein paar Zärtlichkeiten untereinander getauscht werden, ist das heute mehr wie der gemütliche Ausklang einer Dienstbesprechung. Nach etwas mehr als einer Stunde in entspannter Atmosphäre, bitten die ersten aber schon darum, sich zurückziehen zu dürfen, was ich natürlich erlaube. Nebenher sucht Tascha ein paar leichte Kleidungsstücke für uns zusammen und packt die zusammen mit einem Beutel Silberstücken und noch anderen kleinen Beuteln in eine Tasche, die sie sich als Feral an ihrem Arm oder einem Bein festmachen kann.
Wir Drachen – und natürlich Shakti – liegen noch etwas länger und schauen in das Kaminfeuer, wobei ich den Gedanken nachhänge, was ich wohl sehen werde in meinem Revier. Schließlich reißt Tyria mich aus meinen Gedanken.
„Lass uns schlafen. Dann sind wir gut ausgeruht morgen.“ –
Ich stimme zu und wir gehen in meinen Schlafraum, in dem das größte Bett hier ist und das für uns vier ausreicht. Shakti will zwar in ihr Zimmer verschwinden, aber Tascha hält sie an den Schwingen fest und schiebt sie mit in mein Zimmer. Ich werde regelrecht aufs Lager geschubst und bin schnell auf der einen Seite von Tyria, auf der anderen Seite von Shakti und Tascha umgeben, die sich an mich schmiegen. Ich genieße ihre Wärme und ihre Schuppen auf meinen und bin schnell eingeschlafen.
Mit dem ersten Licht, das durchs Fenster in den Raum dringt, bin ich schon wieder wach. Ich habe zwar gut geschlafen, aber muss mich doch erstmal dran gewöhnen, mit drei Weibchen zusammengekuschelt zu schlafen.
Ich spüre eine sanfte Berührung einer Zungenspitze an meinen Lippen und blicke dann direkt in die rotglühenden Augen von Tyria, die mir unmissverständlich ihre Zunge in den Mund schiebt – natürlich mache ich da mit.
Dann spüre ich viele Hände, die meinen Rücken, Bauch und Brust kraulen… Shakti blinzelt noch etwas verschlafen unter meiner Schwinge hervor – nur Erce weiß, wie sie sich da reingekuschelt hat, ohne mich zu wecken – und Tascha legt ihren Kopf auf meinen Arm.
„Viel zu früh…“ gähnt sie und krault meinen Nacken, grinst aber dabei. –
„Wir sollten trotzdem aufstehen, sonst kommt ihr noch auf dumme Gedanken…“ antworte ich ebenfalls grinsend. –
Tyria reckt sich und rollt dann in einer fließenden Bewegung vom Lager.
„Für solche Gedanken hast du momentan nur eine Partnerin, Tascha und ich sind vorerst nicht im Spiel.“
Sie zwinkert Shakti zu, die als Mensch jetzt sicher knallrot geworden wäre, ihrer Reaktion nach zu urteilen. Aber ihr Blick dann ist fast mehr als lustvoll… Ihr ist wohl eben erst klar geworden, dass sie mich für einige Mondläufe sozusagen ganz für sich alleine hat. Zumindest, wenn wir in einigen Tagen wieder zurück sind. –
Nachdem Tascha über uns auch aus dem Bett geklettert ist, pellt auch Shakti sich aus meiner Schwingenhaut. Kurz zieht sie fröstelnd ihre Schultern hoch und schüttelt sich, ist dann aber auch schnell aus dem Bett und huscht aus dem Raum. Und wie wir hören können, auch aus der Wohnung. Deutlich hören wir noch kurz ihre Schwingen, als sie offensichtlich nach oben fliegt.
„Was ist nun passiert?“ –
Tyria und Tascha zucken nur die Schultern.
„Keine Ahnung. Lass uns noch schnell ins Bad gehen, bevor wir etwas essen. Wenn wir einige Stunden fliegen, sollten wir besser etwas im Magen haben, wer weiß, wann wir wieder etwas zwischen die Zähne bekommen und was.“ Meint Tyria und geht schon mal voran. –Tascha folgt und ich stehe schulterzuckend ebenfalls jetzt auf.
Wir nutzen alle nochmal die Annehmlichkeiten, die uns das Bad bietet. Wer weiß, ob wir unterwegs warmes Wasser finden und ob wir nicht während der Zeit die Wälder düngen müssen, woran ich grinsend denken muss. Auf meine entsprechende Bemerkung schaut besonders Tyria mich etwas verständnislos an.
„Über sowas denkst Du nach? Ist doch normal. Die wenigsten Drachenhöhlen haben so einen überflüssigen Luxus wie diese. – Zugegeben ist das heiße Wasser schon sehr angenehm.“ –
Okay… also war meine menschliche Seite mal wieder etwas auf dem Holzpfad unterwegs, ehe ich als Drache das realisiert habe. Ich sollte wohl nicht so überheblich sein und immer denken, dass ich als einer der ersten Drachen ja noch viel primitiver und naturverbundener gelebt hatte als die Drachen heute. Ich muss wohl die Wohnstätte von Fjörgyn als normal für die Großen Drachen ansehen. Nicht die vermenschlichten Höhlen von Eldflóð und Valarinn oder den Menschenpalast in den NüShi, eingezogen ist, wie sie ja erzählt hat.
Während ich mich jetzt im Wasserspiegel nachdenklich betrachte, schlingt Tyria ihre Arme von hinten um mich.
„Mach Dir jetzt keine Gedanken darüber. Du bist als Mensch ein anderes Leben gewohnt, nachdem was Du bisher angedeutet hast, sogar noch sehr viel anders als die Menschen von hier. Und Du bist gerade erst angekommen. Dann diese Wohnstätte, die vermutlich besser ist als das, worin viele der Menschenfürsten leben. Du wirst noch sehen, dass Drachenhöhlen und das Umfeld alles Notwendige bieten und immer sauber gehalten werden.“ –
„Ich bezweifele keinesfalls, dass Drachenhöhlen sauber und ordentlich sind. Das mit den Wäldern gehörte nur zu den ersten Informationen, die ich als Drache über das Leben hier bekam. Meine Erinnerungen an das letzte Leben als Mensch entsprechen ja eher dem, was diese Wohnstätte bietet mit dem Bad und der Küche und sowas. Eher sogar noch weiter von der Natur entfremdet. Und als Vorfahre von euch Drachen heute, da gefalle ich mir andererseits mehr in der Rolle als ‚primitiver Urahn‘…“ –
Sie grinst.
„Der harte olle Drache also, der sich immer hungrig durch die Urwelt kämpfen musste, während wir heute bequem im weichen Nest liegen können…“ –
„Ja, so ungefähr, wobei hungrig oft tatsächlich so war. Und dazu immer auf der Hut vor Weibchen, die mir die Schuppen zerfetzen wollen – Aua…“ –
Tyria hat mit ihren Krallen eine empfindliche Stelle unter meinen Armen erwischt.
„Das kannst Du heute auch gerne haben…“ ihr Grinsen entkräftet ihre Worte aber gleich wieder. –
Tascha betrachtet uns ebenfalls grinsend.
„Wollen wir dann hoch und die Küche überfallen?“ –
„Wenn ihr euch euer Näschen schon gepudert habt, können wir gerne.“ –
Die Blicke der beiden sagen mir, dass sie wieder mal an meinem Verstand zweifeln, aber ich gehe einfach los. Ich muss ja auch nicht immer alles erklären. Tyria nimmt das auch einfach so hin und ist gleich an meiner Seite. Tascha dagegen grübelt noch vor sich hin, während sie uns auch folgt.
Draußen im Gang der großen Wohnung schaut Tyria mich an, ich ahne was sie möchte und nicke kurz, worauf sie zur Seite geht und stehen bleibt. Das gibt mir nach ein paar Schritten den Raum, um mich in meine Feralgestalt zu wandeln. Ich genieße den Energieschub, der durch mich strömt und bemerke wie die jetzt hell strahlenden Drachenlichtkristalle an der Decke langsam wieder dunkler werden – bis sie kurz vor Tyrias Wandlung wieder hell aufleuchten und das bei Tascha beibehalten, bis auch sie als Feral im Gang steht.
Wir gehen weiter durch die große Halle und den Gang zur Eingangshöhle hinauf. Ich bewundere dabei wieder mal, wie elegant gleitend die Bewegungen der beiden auch als Ferals sind. Während ich dagegen wieder mal das Gefühl habe, plump rumzustapfen.
Tyria kennt meinen Blick schon zu genau. Lächelnd schüttelt sie leise den Kopf, was mir sagen soll, dass ich mir deswegen keine Gedanken machen soll. Na gut, dann fang ich lieber gar nicht erst an, mich in irgendeiner Form ‚elegant‘ bewegen zu wollen.
Oben angekommen, erstirbt bei meinem Erscheinen sofort der ‚Lärm‘ und das gesamte Gewusel oben am Eingang, das wir schon auf dem Gang die ganze Zeit hören konnten. Alles dreht sich zu uns und verneigt sich mehr oder weniger tief. Meine Draccier eher mit einem knappen senken des Kopfes, andere – meist von den neuangekommenen Draccierkriegern – verneigen sich tief, bis zu den meist Menschen, die auf den Knien liegen und die Stirn auf den Boden drücken.
Ich seufze leise. Aber ich habe das Gefühl kurz etwas sagen zu sollen.
„Ich danke euch. Macht ruhig weiter.“ –
Das Gewusel beginnt wieder, nur leiser. Schnell ist zu erkennen, dass die Neuankömmlinge zu einen neuen Zelt direkt am Eingang wollen und andere wieder hinausgehen. Außer Bhima, der etwas überflüssig den Gang nach unten bewacht, sind meine Gardisten insgesamt mehr ordnend tätig.
Aus dem großen Zelt kommt Shakti mit schnellen Schritten auf uns zu und faucht dabei im Vorübergehen Nala an, der sich zwar formvollendet vor ihr verneigt, als sie vorbeigeht, sich auf ihr Fauchen das Grinsen aber nur schwer verkneifen kann.
„Oh, ihr seid schon hier, wir wollten euch die Rinder eigentlich nach unten bringen, damit ihr nicht hier im Trubel vor den Neuen essen müsst.“ Entschuldigt Shakti sich, als sie vor uns steht. –
Mit einem – etwas überheblichen – Blick auf die zumeist wartenden Neuankömmlinge schüttelt Tyria leicht den Kopf.
„So etwas stört einen Drachen nicht wirklich. Und sollten sie doch stören, bereichern sie unser Frühstück nur.“ –
Shakti schaut etwas zweifelnd, aber da ich weiß, dass die großen Drachen Menschenfleisch verabscheuen, grinse ich nur breit dazu. Dass ich Mensch lecker finde, lasse ich mal außen vor, ich habe genug andere Gründe sie nicht als Nahrung anzunehmen.
„Aber wo wollen wir dann essen? Hier auf dem Boden wäre zwar möglich, aber…“ ehe ich aussprechen kann, hat Shakti schon zur Ecke gezeigt, wo wir gestern die Neuankömmlinge empfangen haben und die von den Dracciern zum ‚kleinen Audienzsaal‘ ernannt wurde.
Tyria nickt.
„Ja, dort.“ –
Ich nicke auch dazu und während Tyria und Tascha schon dorthin gehen, schaue ich Nala an, der sich recht tief vor mir verneigt hat.
„Ja? Ein Problem?“ –
„Ja… nein… Verzeih Natha, mein Grinsen eben gegenüber Sathi Shakti…“ – die faucht wieder als sie sich gerade auf den Weg zum Zelt machen wollte, geht dann aber schnell weiter.
„Ihr sollt das sein lassen…“ lässt sie noch fauchend hören. –
Ich nicke lächelnd.
„Ich verstehe. Frotzeleien unter Kameraden. – Verzeih, das bedeutet freundliches Ärgern unter euch Kriegern. Jetzt wo Shakti meine Partnerin ist…“ –
Er atmet sichtlich auf.
„Ja Natha. Bitte verzeih. Wir achten ihre jetzige Stellung und freuen uns auch für sie. Aber… sie war zwar immer gehorsam gegenüber Vorgesetzten, auch wenn diese vor ihr befördert wurden, aber ich habe sie dabei immer als etwas zu direkt und naja… frech erlebt außerhalb von Einsätzen. Und sie wollte nie wie eine Kenturia behandelt werden, auch wenn sie oft eine Kentur befehligte. Und so ärgern wir sie jetzt ein wenig mit ihrem neuen Rang.“ –
„Oh, sie hat nicht davon gesprochen, dass sie einen höheren Offiziersrang hatte.“ –
„Sicher weil wir Draccier untereinander geeignete Anführer als solche achten, aber nicht viel auf Ränge geben. Die werden von den Menschen als wichtiger erachtet. Und die lassen uns Kenturio sein, solange wir eine Hundertschaft Draccier anführen und gebraucht werden. Danach sind wir oft kaum mehr als der Dreck unter ihren Stiefeln. – Nicht alle Menschen natürlich. Aber die Anführer und Fürsten der Menschen denken oft so.“ –
„Wir versuchen das zu ändern. Hatte Shakti zuletzt eine Kentur?“ –
Er schüttelt den Kopf.
„Nein. Ich weiß nicht warum, aber die Menschen wollten ihre Erfahrung nicht nutzen. Vielleicht weil sie denken, dass eine Dracci mit hundert Jahren nicht mehr kräftig und flink genug für den Kampf ist und vergessen, dass wir leicht viermal so alt werden können wie Menschen.“ –
„Ich verstehe. Gut, ich nehme es euch nicht übel, wenn ihr sie ein wenig damit ärgert. Mit ihrer Reaktion müsst ihr dann aber selber zurechtkommen.“ –
Er grinst, neigt den Kopf und verschwindet auch in Richtung Zelt. Ich dagegen begebe mich zu meinen Drachinnen und mache es mir auf dem Platz, den sie zwischen sich freigelassen haben, bequem.
„Etwas wichtiges?“ fragt Tyria, die mir den Hals zu lecken beginnt. –
„Nein. Nur sicherstellen, dass ich etwas nicht falsch verstehe.“ –
„Dass sie Shakti gerade etwas übertrieben behandeln?“ –
„Ja. Etwas harmloses unter Kriegern.“ –
Tascha nickt.
„Damit musste sie rechnen, dass die anderen sie jetzt etwas freundschaftlich sticheln.“ –
Tyria schaut uns deutlich neugierig an.
„Soll heißen? Verzeiht, aber ich kenne die Gewohnheiten der Draccier noch nicht.“ –
Ehe ich antworten kann, erklärt Tascha ihr ein wenig. Und auch wenn sie Shakti auch nicht so gut kennt, trifft sie den Kern recht gut. Also nicke ich nur bestätigend.
„Ah so.“ Tyria nickt zufrieden und schaut zu, wie gerade drei Karren, beladen mit jeweils einer ordentlichen Menge offenbar sehr frischem Fleisch zu uns gezogen werden.
„Also wollte der Draccier nur sichergehen, dass unser Sternenhimmel nicht wütend wird. Was normal wäre, wenn er nicht er wäre.“
Wieder leckt sie mir die Kehle. Und der Drache in mir muss ihr Recht geben.
Das leise Kichern in meinen Gedanken, das von Sálleiðtogi zu mir durchdringt, ist seit der Strafaktion die erste Reaktion von ihr die ich empfange, auch wenn ich spüre, dass sie immer den Kontakt zu mir hält. Aber ich merke, dass sie im Moment zu Müde ist, mit mir zu sprechen. Naja, alles zusammengerechnet – auch die Höhe über dem Meer – bin ich ihr fast 4 Stunden mit dem Sonnenaufgang voraus den wir hier gerade hatten.
Die Karren werden so vor uns gestellt, dass wir sie leicht erreichen können. Shakti nimmt sich eine Schale mit etwas gebratenem Fleisch und setzt sich vor mich auf die Kante des Podestes, auf dem wir anderen liegen.
„Greift zu. Ich hoffe es ist ausreichend. Keiner wusste, wieviel ihr Großen braucht, wenn ihr lange fliegen wollt.“ Sie schaut uns fragend an. –
Tyria schnuppert.
„Das reicht schon. Auch als Ferals brauchen wir weniger, als die meisten glauben. Was ist das für Fleisch? Riecht etwas nach den Tieren, von denen sich die Menschen Milch nehmen. Aber die zotteligen bei mir drüben sind das nicht.“ –
„Und woher habt ihr das heute so schnell besorgt?“ ergänze ich. –
Shakti nickt.
„Ja, das ist eine andere Art Rinder, wie die Yaks, die manchmal mit Karawanen herkommen. Das ist Wasserbüffel. – Nicht gut?“ sie schaut Tyria besorgt an. –
Die grinst und schüttelt den Kopf.
„Doch, alles gut. Ich hatte die bisher nur aus der Luft manchmal kurz gesehen und kannte den Geruch noch nicht. Aber es riecht gut.“ –
Shakti ist sichtlich erleichtert.
„Ah. Ja wir mögen das auch gerne, aber es ist nicht oft zu bekommen. Und wir haben das schon Nachmittag unten irgendwo gekauft, Natha. Genauer die Neuen haben sich in den Siedlungen unten Nahrung eingekauft und wir haben sie gebeten uns einige Rinder mitzubringen. Sie kamen abends dann mit den Wasserbüffeln, die wir natürlich bezahlt haben. Bei den Neuen sind auch zwei, die viel Erfahrung mit dem Schlachten von Rindern haben. Die haben heute schon früh angefangen, weil wir gerne die Haut nutzen möchten.“ –
„Ah, deswegen die Stücke. Aber wozu braucht ihr die Haut?“ Tyria nimmt sich ein kleineres Stück Fleisch bei ihrer Frage. –
„Die Menschen und wir machen daraus Leder.“ –
„Dieses zähe Zeug? Aus der Haut von Tieren? Interessant.“
Shakti erklärt ihr kurz, wie Leder hergestellt wird.
„Wirklich interessant. Ich dachte immer, die Menschen machen ihre Kleidung aus Pflanzen…“ –
„Auch…“ –
Während wir essen zählt Shakti auf, aus welchen Stoffen die Menschen Kleidung, Schuhe und sowas alles herstellen.
Nachdem wir fertig sind und etwas Wasser getrunken haben schaut Tyria zu Tascha.
„Also habt ihr mich zum Fest neulich in Spinnweben eingewickelt… Verrückt.“ –
Wir grinsen alle vier und schieben dabei die jetzt leeren Karren vorsichtig zur Seite. Dann senke ich den Kopf und schlinge vorsichtig meine – trockene – Zunge um Shakti.
„Dann halte mal die Stellung hier als Drachenoberhaupt und lass Dir die Zeit nicht lang werden.“ –
Sie versucht meine Schnauzenspitze zu umarmen.
„Stellung halten? Das können Aditi und Jaya machen. Ich leg mich auf den Schwanz und lass mich bedienen. Wie es sich gehört für die Partnerin eines Drachen.“ kichert Shakti.
Wobei ich ihr das faule Herumliegen nicht ganz glauben mag.
Ich lasse sie los, Tyria stupst sie auch noch kurz mit der Zunge an, Tascha schnallt sich noch die Tasche mit der Kleidung ums Bein und verabschiedet sich dann auch von Shakti. Dann erheben wir uns und gehen langsam zum Eingang, wo die beiden mich antippen, dass ich als erster rausgehen soll. Ich würde die beiden zwar auch vorlassen, aber ich bin nun mal der Revierinhaber und die Umgangsformen unter den Drachen haben sich so entwickelt. Zudem lässt Tyria mir meistens den Vortritt – vermutlich ein Ausdruck ihrer normal dominanten Art, auch wenn sie die mir gegenüber stark zurücknimmt.
Dabei sind die Drachen den Menschen gar nicht so unähnlich. Wirklich dominante Persönlichkeiten haben Machtspielchen und das Herausstellen ihrer Dominanz nicht nötig. Es stärkt ihre Position eher noch, wenn sie anderen den Vortritt lassen und sich bewusst auch im Hintergrund halten. Nur dumme Personen, die irgendwie ein wenig Macht bekommen haben, schieben oft andere beiseite, um ganz vorne zu stehen. Das wirkt allerdings meistens nicht dominant, sondern nur arrogant.
Intelligente brauchen das nicht. Und Tyria ist sehr intelligent. Ich hoffe, ich wenigstens auch ein wenig.
Draußen gehe ich einige Schritte auf die Wiese, damit die beiden auch genug Platz haben und vollführe meinen üblichen Ritus. Mich mal richtig dehnen und strecken, die Schwingenmuskeln dehnen und dabei die Nüstern in den Wind halten und schnuppern, was so los ist. Nebenbei bemerke ich zwei Hunde, die schleunigst Reißaus nehmen, als uns bemerken. Während ich hauptsächlich wahrnehme, dass vom Händlerlager so gut wie nichts hier oben zu bemerken ist, nicht mal Rauch, seufzt Tyria leise.
„Schade. Sehr viel Draccier und vor allem Menschen in der Luft. Und Scheiße…?“ –
Ich schnuppere und entdecke einen Hundehaufen an einem Busch ein paar Meter die Hangwiese herunter.
Ein Stück weiter Richtung Eingang bemerke ich Shanti, die anscheinend hier draußen für Ordnung sorgen soll, aber gerade auf nichts reagieren müsste.
„Shanti, kannst Du bitte bei Gelegenheit Jaya den Hinweis geben, dass ich hier nicht gerne Hunde frei herumlaufen haben möchte. Ich habe nichts gegen Hunde, vielleicht können euch ein paar Wachhunde sogar helfen. Aber bitte nicht hier vor der Höhle frei rumstöbern lassen. Ihre Tretminen sind auch für Drachen nicht sehr angenehm.“ –
Shanti schaut sich um und dann mich fragend an.
„Tretminen? Wie sollen Hunde diese Wurfdorne verteilen? Oder Punji eingraben? Verzeih meine Zweifel.“ –
Oha, sie kennen den Begriff sogar. Wobei die Wurfdorne den Krähenfüßen sehr ähnlich sind und Punji eingegrabene Fußangeln mit angespitzten Pflöcken oder Ästen sind.
„Nein, natürlich nicht solche. Aber wo viele Hunde gehalten werden, kacken die eben auch überall hin und man tritt leicht in ihre Haufen, was drüben manchmal eben Tretmine genannt wird, weil man die im Gras auch nicht leicht erkennt.“ -
Ich deute zu dem Haufen neben dem Busch.
„Ah, die Hundescheiße meinst Du.“ Sie grinst. „Muss ich mir merken. Und ja, ist nicht wirklich angenehm, weil das echt übel stinkt. Ein Grund, warum wir Draccier nur sehr selten Hunde halten. – Ja ich werde Jaya informieren und auch selber schon darauf achten, dass sich hier keine rumtreiben. Hm, grundsätzlich keine Hunde oder nur keine freilaufenden?“ –
„Wenn sie auf ihre Hunde aufpassen und das geregelt ist, habe ich erstmal nichts dagegen. Aber so freilaufend wie die beiden eben, möchte ich nicht. Die Menschen sollen darauf achten, dann habe ich kein Problem damit.“ –
„Ich verstehe. Ich sorge auch dafür, dass der Haufen wegkommt oder vergraben wird. – Eine gute Reise, sanfte Winde und erfolgreiche Jagd wünsche ich euch. - Natha.“
Sie senkt als Verneigung ihren Kopf und geht zurück auf ihren Posten. Ich nicke ebenfalls und drehe mich wieder zu meinen Partnerinnen um.
„Immer wieder etwas zu regeln… Vielleicht sollte ich doch alle einfach davonjagen, um hier Ruhe zu haben.“ –
Tyria schüttelt den Kopf.
„Du würdest dabei wahrscheinlich nicht glücklich werden. Wenn es Dir hier Zuviel wird, leg Dich irgendwo da oben auf einen Felsvorsprung und genieße die Ruhe. Oder bleibe ein oder zwei Tage in einer der Gästehöhlen in der Umgebung.“ –
„Und Du?“ –
„Ich mache es ebenso. Oder sorge in meinem Revier dafür, dass die Menschen dort weiter vor mir zittern.“ –
„Ernsthaft?“ –
„Natürlich. Du machst das doch auch – mindestens bei denen, die Du bestraft hast.“ –
Upps, richtig. Und auch wenn sie es sicher früher ernster gemeint hat, heißt es ja nicht, dass sie dafür jetzt auch Menschen töten muss.
„Ja, richtig. Da fällt mir ein, dass wir nochmal eine Runde über der Siedlung machen sollten, damit sie sich von uns beobachtet fühlen. Dazu gleich 3 Drachen am Himmel – das sollte sie eine Zeitlang vorsichtig sein lassen.“ –
„Ich hätte es Dir ohnehin noch geraten etwas Druck aufzubauen. Wir sind ja ein paar Sonnenläufe nicht in der Nähe. Gut, dass Du ebenfalls so denkst.“ –
Tascha hat sich ihr Gepäck noch zurechtgerückt und nickt mir zu, Tyria ist sowieso schon lange bereit, also breite ich meine Schwingen aus und merke gleich, dass der leichte Wind nicht ausreicht und auch aus der falschen Richtung kommt um mich ohne Anlauf oder Schwingenschlag tragen zu können. Also falte ich meine Schwingen nochmal halb zusammen und gehe die paar Schritte zum Rand der Wiese, die ja rundherum steil abfällt. Genau genommen, mache ich am Rand einen kleinen Sprung vorwärts und falte dann die Schwingen gleich wieder auf, spüre sofort wie mich nach wenigen Metern Fall die Luft zu tragen beginnt und gleite über die Täler hinaus.
Tyria hat mir dabei kopfschüttelnd, aber grinsend zugeschaut, springt dann mit einem Schwingenschlag ebenfalls von der Kante und folgt mir mit ruhigen, kurzen Schlägen. Tascha startet zwar auch mit einem Schwingenschlag, kommt aber dann sofort auch ins Gleiten. Da kaum Aufwind hier zu spüren ist, müssen wir alle natürlich nachhelfen, um die Höhe zu halten.
Ich merke schnell, dass Tascha sich schon an ihre veränderten Schwingen gewöhnt hat und auch nachdem wir das Tempe erhöht haben gut und locker mithält – und ich sehe ihr an, dass es ihr auch sehr gefällt jetzt kräftesparender fliegen zu können. – Und Tyria zeigt mir jetzt, dass sie auch eine sehr gute Gleitfliegerin ist. Wir sind bisher ja immer relativ kurze Strecken gemeinsam unterwegs gewesen und das auch auf Strecken, die wenig Gleitflug zugelassen haben, oder nur geradeaus von den Bergen herab gingen.
Nach und nach positionieren die beiden sich rechts und links immer näher neben mir, bis wir in einer recht engen Formation unterwegs sind. Ich in der Mitte eine Schwingenbreite voraus, die beiden mit höchstens einen Meter Abstand von meinen Schwingenspitzen zu ihrem Hals neben mir. – Meine Schwingen sind eben anders geformt und daher noch etwas länger als ihre, wenn auch nicht viel, aber damit das Maß für unseren Abstand zueinander. Dazu fliegen die beiden aber auch ein wenig nach oben versetzt, damit wir gegenseitig unsere Luftverwirbelungen vermeiden.
So kommen wir schnell voran und erreichen schon bald die Ebene. Da dort momentan eine hohe, aber dichte Wolkendecke die Sicht versperrt, gehen wir tiefer, um unter den Wolken zu bleiben. Trotzdem sehen wir bald die Stadt vor uns auftauchen, um die wir einige Mal kreisen, wobei wir immer tiefer gehen, bis wir bei den abschließenden Überflügen die höheren Häuser mit unseren Schwingen beim Abschwung fast berühren. Wieder werden wir aufmerksam ängstlich beobachtet, deutlich ängstlicher als schon bei meinem letzten Besuch – aber jetzt fliegen da ja auch 3 Drachen in immer noch enger Formation über der Stadt.
Beim dritten und von mir geplanten letzten Überflug höre ich, kaum wieder über der Stadt, Tyria knurren.
„So geht das aber nicht, ihr Selbstmordkandidaten…“ –
Sie macht, fast auf der Stelle, eine enge Wende und bläst noch im Anflug auf einen wuchtigen Steinbau direkt an der Stadtmauer eine kräftige Flamme gegen das Gebäude. Während sie den Bau jetzt eng umkreist und noch 2 oder 3 weitere Flammenstöße herabbläst, mache ich ebenfalls eine schnelle Wende, bei der Tascha ausschert, sich anschließend an meine Schwanzspitze hängt um dann mit mir zusammen ebenfalls um das Gebäude und damit auch um Tyria in einem weiteren Bogen zu kreisen.
Um den Eindruck der Bedrohung zu erhöhen, lade ich mich auf und lasse der Kraft ein wenig Spiel, was vom Boden aus so aussehen muss, dass zwei Drachen in einer dunklen, heftig blitzdurchzuckten Gewitterwolke über der Stadt fliegen. Auch Tascha lässt ein wenig die Funken fliegen.
Tyria ‚legt‘ zum Abschluss noch einen Feuerball vor das Gebäude, der einige Zeit lodert und denen da drinnen sicher heiß werden lässt. Dann schließt sie schnell zu uns auf, denn ich habe Kurs auf den Palast genommen. Ein Blitz von mir schlägt in die Mauer der Aussichtsterrasse, fällt dabei zwei Fahnenmasten und lässt den vermutlich hochgestellten Beobachtern dort die Haare zu Berge stehen – nicht nur aus Angst.
Anschließend nehme ich Kurs in die Richtung auf meine Wohnstätte, nehme meine Kraft wieder zurück und gewinne mit den Beiden im „Kielwasser“ schnell an Höhe bis wir in den Wolken verschwinden. Erst dann ändere ich den Kurs auf unser eigentliches Ziel. Über den Wolken in der Sonne und auf unserem eigentlichen Kurs, kommen sie in die Formation zurück.
Immer noch etwas knurrig berichtet Tyria, warum sie so reagiert hat.
„Diese Menschen haben offensichtlich den Wunsch zu sterben. Die haben doch tatsächlich einige Pfeile auf uns abgeschossen.“ –
„Gefährlich? Ich habe ehrlich gesagt nichts bemerkt.“ –
„Ach was. Nur diese kleinen Pieksstäbchen. Aber allein es zu wagen, auf friedliche Drachen zu schießen erfordert eine entsprechende Antwort. Sei bitte nicht böse deswegen.“ –
„Dafür hast Du aber noch gelassen reagiert. Ich hätte jetzt eigentlich erwartet, dass der Bau zu glühender Lava geschmolzen wäre. Und ich hatte ja auch einen Wehrturm abgedeckt, weil da zwei auf mich gezielt hatten neulich.“ –
„Zu unwichtig für mehr Einsatz meiner Kräfte. Sie konnten uns nicht gefährden und auch so haben einige heftige Verbrennungen bekommen. Oder hättest Du es so gemacht?“ –
„Nein, eine deutliche Drohung reicht. Noch sind wir nicht soweit.“ –
Sie nickt.
„Gut. Ihr habt aber mit der hübsch flackernden Gewitterwolke auch schön gezeigt, was sie erwartet, wenn Du Ernst machst. Der Blitz war lustig so mit den Flatterdingern und die hüpfenden Menschen.“ –
„Meinst Du die Leuchtreklame hat gereicht? Aber hätte ich den Anführer da auf der Terrasse gesehen, wäre der nicht nur gehüpft. Langsam nervt der mich, hoffentlich reicht die Drohung nun, dass man nicht auf uns schießt.“ –
„Also nächstes Mal zusammenschmelzen?“ –
„Die Krieger noch nicht, aber jedes Mal einen der Bunten da im Palast. Da erwischt es hoffentlich auch mal den Richtigen dann.“ –
„Ich verstehe. Da sind die, die es den anderen auftragen. – Aber sag, hattest Du vergessen, wo wir hin wollten?“ –
Ich schaue sie etwas verwirrt an, wieso jetzt vergessen…? Aber schon kommt eine Antwort von Tascha.
„Kriegslist.“ –
„Eine List…?“ grübelt Tyria. –
Ich verstehe, dass es für sie unverständlich ist, warum ich sowas gemacht habe, denn wir Drachen kennen eigentlich nur den direkten Weg in unseren Handlungen. Gut mal einen Überraschungsangriff, aber listenreich sind nur die Menschen und ein wenig die Draccier. – Und Atum, der sie sicher genau beraten hat, wie sie mich in die Höhle bekommt…
„Ja, eine List der Menschen gegen sie verwenden.“ Versucht Tascha sich an die Erklärung.
„Menschen versuchen in Kriegen oft zu verschleiern, in welche Richtung sie wirklich weiterziehen, damit ein Feind verwirrt werden kann. Aber Menschen wissen auch, dass Drachen sowas nie machen, also werden sie sich sicher sein, dass wir zur Wohnstätte zurückfliegen. Und nicht so schnell darauf kommen, dass sie eine Zeitlang nicht von uns überwacht werden.“ –
Tyria schüttelt den Kopf.
„Geht es auch noch komplizierter?“ –
Kichernd nicke ich.
„Natürlich geht es auch noch umständlicher. Und Tascha hat Recht, das war mein Gedanke, dass sie uns nicht zutrauen, selbst eine noch so einfache List einzusetzen.“ –
Tyria beginnt wieder zu knurren.
„Ich dreh gleich wieder um und schmelze die Siedlung zusammen… wie Du das sagst klingt das ja so, als ob die uns für Dumm halten.“ –
„Was zumindest die Anführer da hinter uns vermutlich auch so glauben. Sie sind uns im Kampf hoffnungslos unterlegen. Aber wir bauen uns keine Häuser, wir suchen uns Höhlen. Wir gründen keine Siedlungen, wir leben meistens alleine. Wir züchten keine Tiere was uns das Jagen ersparen könnte. Wir haben keine Karren, keine Mühlen, keine Boote, wir handeln nicht und uns sind Gold und Edelsteine ziemlich unwichtig. Aus ihrer Sicht leben wir wie die wilden Tiere in den Wäldern. Und wir vermeiden jeglichen Kontakt zu ihnen, wenn wir sie nicht umbringen. Also scheint es doch logisch, dass wir doch mehr Tiere sind und weniger als die Menschen über Intelligenz und Wissen verfügen.“ –
„Du meinst hoffentlich, dass es den Menschen so erscheint.“ –
Grinsend versuche ich ihren Zorn zu dämpfen.
„Hier fliegt ein Drache. Natürlich erscheint es nur den Menschen so. Wenn einer das weiß, dann vermutlich wohl ich. Dennoch ist es nun mal bekannt, dass Drachen sehr direkt denken und keine Listen einsetzen. Ich hoffe aber sie haben jetzt kapiert, dass wir nicht die tumben Tiere sind, wie sie sich das eingeredet haben. – Wobei ich nicht verstehe, dass wohl doch viele hier das noch nicht begriffen haben. Die Menschen von drüben kennen keine Drachen und da wäre es klar, dass die erst lernen müssen, was Drachen sind. Aber hier…“ –
Tascha nickt.
„Ich habe das immer als so eine Art Selbstschutz gesehen. Draccier, Drakarin und zuletzt die Drachen. Alle in irgendeiner Art zumindest teilweise den Menschen überlegen. Nur deren irgendwie besonders veranlagte Intelligenz und Erfindungsgabe lässt sie sich gerade mal so eben gleichwertig fühlen. Und so sind sie geneigt, gerade euch Große als eigentlich weniger schlau zu erklären. Wobei was ich so über die üblichen Angriffstaktiken der Großen weiß, ist das auch ein wenig verständlich.“ –
„Ach was…“ grummelt Tyria.
„Die haben uns nichts entgegenzusetzen, warum sollten wir uns da komplizierte Angriffspläne ausdenken.“ –
„Die Menschen hier, ja.“ Ich seufze.
„Aber wenn jetzt die von drüben kommen würden – Du hast die ja noch erlebt, als die nur wenig weiter waren, wie die hier – aber die haben jetzt wirklich Waffen entwickelt, die selbst uns gefährlich werden können.“ –
„Sagtest Du schon mal, schwer zu glauben. Und Du meinst, sie würden hierherkommen wollen?“ –
„Die aus der Welt, in der ich war, haben keine Ahnung, dass es diese Welt gibt. Nein, die werden nicht so schnell hier einfallen. Aber vielleicht noch andere aus einer völlig anderen Welt, die von unserer Welt wissen und die auch solche Waffen haben. Jedenfalls wären die Metalle und das Öl – das Erdpech – hier sehr interessant für eine Welt der Maschinen. Und zumindest auf meine Welt drüben bezogen, wären wir hier so ziemlich die einzigen, die genug Macht haben, sie daran zu hindern, wenn wir geschlossen und organisiert handeln.“ –
„Bist Du deswegen wieder hier?“ –
„Fragst Du das bitte Erce? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass ich eine vorsichtige Entwicklung der Maschinen einleiten soll, auch wenn es schwer wird, das gleiche zu erreichen wie drüben, dabei aber den Lebensstrom nicht zu schaden. Aber vielleicht sollten wir nebenbei auch anfangen unsere Kampftaktiken weiterzuentwickeln.“ –
Eine Zeitlang bleibt es still. Dann seufzt Tyria wieder.
„Ja, ich verstehe. Aber warum sollten die Menschen einer anderen Welt hierher kommen, um uns zu bekriegen? Wenn ich das richtig verstanden habe, sind das doch eigentlich alles dieselbe Erde, nur mit jeweils unterschiedlich weit entwickelten Menschen darauf.“ –
„Und mal mit Drachen, mal ohne, ja. Das scheint grundsätzlich so zu stimmen. Die Entwicklungen laufen nach der Aufspaltung der Zeitlinien wohl recht unterschiedlich. Aber das ist eine sehr komplizierte Theorie, die drüben noch nicht als gesichert gilt aber, wenn ich das hier so sehe, irgendwie zu stimmen scheint. – Und wenn sich Menschen schon auf ihrer eigenen Erde untereinander wegen Land und Schätzen bekriegen, dann Fremde auf einer fremden Erde doch erst recht.“
Wir kommen während unseres Gesprächs auf unserer Strecke gut voran. Zumal dieses Gespräch sich Drachentypisch immer wieder mit längeren Pausen dazwischen weiterentwickelt. Anders als bei Unterhaltungen, Besprechungen oder schnell zu treffenden Entscheidungen, die nicht wesentlich anders ablaufen als bei den Menschen, lassen wir uns bei solchen wissenschaftlichen Diskussionen und Überlegungen, aber auch bei nicht sofort zu treffenden Entscheidungen in der Regel mehr Zeit. Es sind ja Überlegungen, die keine unmittelbaren Reaktionen erfordern und wir haben jetzt auch viel Zeit.
Tyria bestätigt mir auch, dass es bei mir zu Hause bisher anders war, eher untypisch für die Großen Drachen, aber da stand auch der Wunsch nach Informationen über mich im Gegensatz zur Kürze der Besuche gemäß der sozialen Regeln unter uns Drachen. Ich bin ja ohnehin noch die Gesprächskultur von Menschen gewohnt und auch die Draccier sind aus Drachensicht hektische Gesprächspartner.
Bei den Drachen sind die Gespräche anfangs mit den aktuellen Neuigkeiten oder dem Grund der Begegnung schon auch immer eine Unterhaltung vergleichbar wie bei Menschen oder Dracciern. Aber wenn dann später das Thema auf eine Naturerscheinung gelenkt wird, die es zu erörtern gilt oder wenigstens interessant ist, oder eine Diskussion entsteht ob etwas was bei den Menschen beobachtet wird, zu einem Problem werden kann und wie darauf reagiert werden sollte, oder was auch immer genauere Überlegungen bedarf – dann kann das gemeinsame Analysieren und das Bilden von Meinungen dazu schon sehr lange dauern. Nicht weil Drachen langsam denken würden oder es ihnen nicht wichtig wäre, im Gegenteil, aber sie sind bestrebt für ein emotionsloses und logisches Ergebnis die Argumente lieber einmal mehr zu durchdenken und sich logisch zu erklären.
Nachdem das jetzt so ein zu bedenkendes Thema ist, und es mir jetzt so aufgefallen war und ich es angesprochen habe, meinte Tyria dazu, dass vor hunderttausenden Jahren auch solche gemeinsamen Entscheidungen zu oft emotional getroffen wurden – erst schießen, dann fragen und zu spät erkennen, dass es eigentlich ganz anders war… - aber dazu kommt auch, dass Drachen nun mal eine sehr lange Lebenszeit haben, es kommt also nicht auf ein paar Stunden an.
Tyria hat bei einer Überlegung ob sie eine Menschensiedlung bestrafen soll und wie, schon mal 15 Jahre mit anderen Drachen darüber diskutiert. Auch wenn Drachen oft direkt und hart reagieren – ist der Sachverhalt nicht so eindeutig bemühen sie sich auch um einen Konsens und machen es sich nicht immer einfach dabei. – Am Ende wurde die Siedlung dann doch zu einem Lavasee, weil die Menschen immer deutlicher gegen die Gesetze Erces verstießen.
„Aber die meisten waren bis dahin schon fortgegangen, weil sie erkannten, dass ihr Weg in die Zerstörung führte.“ Ergänzte sie dazu. –
So zieht sich unser Gespräch über mehrere Stunden, weil auch ich meine Antworten erst gebe, wenn ich überlegt habe, wie ich es am verständlichsten äußere. Es ist ja ein ungewöhnliches Thema – Bei mir zu Hause ist das anders, da geht es ja auch um Themen, die eine direkte Entscheidung brauchen, zu der wir ja auch kommen wollen – oder lockere Unterhaltungen, daher rutschen mir dann auch oft Begriffe von drüben mit rein oder ich rede sehr menschlich.
Nebenbei nutzt Tyria unsere Denkpausen zu einer Art Flugschule für Tascha und gibt ihr immer wieder kleine Hinweise. Sie korrigiert nichts direkt, aber erläutert Tascha und so nebenbei auch mir, was sie im Laufe ihres Lebens hinsichtlich des Fliegens erfahren und sich erarbeitet hat. Also beispielsweise wieviel oder eher wie wenig Kraft sie für diese oder jene Aktion einsetzt um das gewünschte Ergebnis zu erreichen oder deutet auf die Auf- und Abwinde oder auch Scherwinde und Turbulenzen auf unserem Kurs hin und wie man die, als Drache zumindest, leicht erkennt – was auch für mich interessant ist, denn ich kenne die Flugschule ja nur von drüben und versuche, die auf Drache zu adaptieren.
Und mit doch auch ein klein wenig neidischen Blicken auf meine Steuerfinnen am Schwanz erklärt sie uns auch, wie sie solche extrem engen Kehrtwendungen hinbekommt, selbst so dicht über dem Boden wie über der Stadt vorhin.
Wir nutzen das auch sofort bei einer kleinen Pause und Tascha schaut sich das genau an, wie Tyria sich dann windet und probiert es dann gleich. Ganz so eng klappt das noch nicht, weil sie noch zu sehr damit abgelenkt ist, dabei auch die Höhe zu halten. Zum Schluss, ich habe sie währenddessen langsam umkreist, wollen sie mich auch noch sehen, wie ich so meine Kampfwenden mache. Bei mir ist das bei langsamen Tempo aber mehr so was wie ein einfacher Purzelbaum mit schnellem Rollen oder sogar eine Art Herumwerfen sozusagen platt auf dem Bauch und dann mit viel Kraft wieder Fahrt aufnehmen – was wohl recht komisch aussieht nach ihrem Kichern zu urteilen. Aber auch – wohl durch die überraschende schnelle Bewegung – recht effektiv wie ich neulich gegen Fireheart bemerkte.
Wenn ich schneller unterwegs bin und genug Platz habe, kippe ich einfach mit voll gestreckten Tragflächen bis zu 90° auf die Seite und setze dann voll Höhenruder, um eng rumzukommen. Durch die Fliehkraft halte ich dabei auch die Höhe und verliere dabei kaum Geschwindigkeit. Ersatzweise auch mal einen sehr eng gesteuerten Immelmann, ein halber Looping mit anschließender halber Rolle. Diese Kurven finden dann auch Anerkennung bei den beiden. Natürlich habe ich noch weitere Manöver auf Lager, die sind dann nur nicht so eng geflogen und richten sich teilweise auch mehr gegen Bodenziele.
Anschließend landen wir kurz auf einer Sandbank im Gomti, der durchs Drachenland aus dem Himalaya kommt und demnach kaum durch Siedlungen verschmutzt wird. Wir erfrischen uns und löschen unseren Durst. Kurz orientiert… über Agra sind es noch 600 km zur ausgewählten Höhle, direkt ungefähr 400 km.
„Lass uns direkt zur Höhle fliegen. Da können wir uns noch ein wenig in die Sonne legen. Die Menschensiedlung verschwindet schon nicht in der Erde, wenn ich nicht nachhelfe.“ Meint Tyria grinsend.
Ich stimme ihr zu und registriere, dass Tascha insgeheim aufatmet. Das sind immerhin zusammen mit der „Stadtbesichtigung“ mindestens 2 Stunden, die wir uns heute einsparen. Und möglicherweise die Zeit, die zwischen einem Jagderfolg und einer Nacht mit knurrendem Magen entscheidet.
Wir starten, um Kraft zu sparen, flach entlang des Flusses bis wir genug Höhe erreicht haben und nehmen dann direkten Kurs auf die Hügelkette, wo eine kleine Wohnstätte hinter einem kleinen Wasserfall auf uns wartet.