Unter Drachen Kap. 25 - Revierrundreise

Story by Lord_Eldingar on SoFurry

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Wir brechen auf um mein Revier ein wenig zu erkunden. Tyria und Tascha begleiten mich. Mal schauen, wie Indien hier in der Drachenwelt aussieht.

Natürlich schaffen wir in 2 Tagen keine komplette Rundreise. Erstmal über Agra bis kurz vor Mumbai. Später wird es dann weitergehen, bis ganz in den Süden.

Teil 25 der Story eines Menschen, der sich wieder als Drache zurechtfinden muss.


Unter Drachen

Kapitel 25

Kurze Revierrundreise

1

Unser eigentlich nur über den Daumen gepeilter Kurs zur ersten Übernachtungshöhle war trotz der Routenänderung ziemlich genau. Wobei ich zugeben muss, dass Tyria mir navigatorisch noch einiges voraus hat. Dafür habe ich ein besseres Gefühl für unsere Geschwindigkeit und kann so die zurückgelegte Strecke besser einschätzen. Aber gemeinsam haben wir so genau gepeilt, dass knapp zwei Stunden nach unserer kurzen Pause, genau vor uns die etwas höher gelegene Felsebene auftaucht, in der sich ein kleines, nicht sehr tiefes Tal am Übergang von härteren zu weicheren Gestein gebildet hat. Nach einigen Minuten sind wir über dem Tal mit dem dort nicht als Fluss oder Bach, sondern eher breit und in flachen ablaufenden Wasser, wo wir nach links schwenken und am Ende dann diesen kleinen Wasserfall finden, der die kleine Schlafstätte markiert.

Allerdings ist die Beschreibung in Valarinns Aufzeichnungen etwas ungenau, oder die Bedingungen haben sich etwas verändert. Die Höhle ist nicht im, bzw. hinter dem Wasserfall, sie liegt ein paar Meter seitlich davon, hat einen sehr schmalen Eingang und wird von Bäumen und Büschen recht gut getarnt. Davor liegt ein kleiner See, in den das Wasser fast direkt hineinstürzt. Anhand der Wasserpflanzen scheint es tatsächlich ein See zu sein, der also auch während der Trockenzeit noch Wasser führt. Trotzdem ist der auch jetzt zu flach für uns zum Schwimmen, aber zum Abkühlen reicht es.

Der Wasserfall ist dagegen nicht das, was man normalerweise erwartet, offensichtlich ist der periodisch und existiert wohl nur in der Regenzeit, wenn das Regenwasser, das oben auf dem Felsplateau nicht versickern kann, dann hier über die Kante abläuft. In dieser zwar recht feuchten Steppenlandschaft aber ohne von einem Fluss gespeist zu werden, ist das dann doch recht eindrucksvoll. So gesehen haben wir die richtige Zeit erwischt, in der Trockenzeit hätten wir wohl lange nach dem Wasserfall gesucht.

Wir landen im, oder eigentlich eher vor dem See auf einem vom abfließenden Wasser überspülten und schon glattgeschliffenen Felsboden und ich folge Tyria durch das flache Wasser des Sees zum Felsabbruch vor der Höhle. Vorsichtig um die Deckung nicht zu beschädigen schieben wir uns durch die hohen Büsche und schlängeln mit eng angelegten Schwingen durch den schmalen Eingang.

Nach wenigen Schritten wird der Boden schon komplett trocken und etwas weiter weitet sich die Höhle zu einer zwar flachen, aber sogar für uns drei noch ausreichend geräumigen Kammer. Allerdings eine stockdunkle Kammer. Kurz darauf steht Tascha auch schon hinter uns.

„Ah… ich dachte mir schon, dass ein paar Drachenlichtkristalle von Nutzen sein können.“ –

Mit meiner Infrarotsicht erkenne ich, wie sie die Riemen an der Tasche lockert, diese abnimmt und aus einer Vortasche drei kleine Kristalle holt, die hellgelb leuchten und den Raum in ein für uns auch ohne die Infrarotwahrnehmung ausreichendes Licht tauchen.

„Krieger…“ grinst Tyria. „Immer vorbereitet. Aber angenehmer als sich nur mit unserer Körperwärme zu orientieren.“ –

Ich verkneife mir die Erwähnung, dass sie ja ein Leuchtfeuer für uns wäre… - Aber Tascha nickt.

„Ja. Jetzt wo ich einfach drankomme. Als ich durch die Reviere nördlich des Hohen Bogens gewandert bin, hätte ich gerne einen kleinen Kristall gehabt.“ –

„Du hättest mich ja nach einem fragen können.“ Tyrias Grinsen wirkt in diesem Licht etwas sehr böse…

„Aber es liegt nicht an Sparsamkeit oder damit Wanderer nur dunkle Grotten finden. Die Kristalle verlieren über die Jahrhunderte in wenig genutzten Drachenschlupfen einfach ihre Energie. Und da wir die wenig genutzten Drachenschlupfe eben selten nutzen, sehen wir wenig Sinn darin, ständig neue Kristalle nur für einen Besuch in tausend Sommern mitzuschleppen.“ –

„Hätte ich denn einen bekommen?“ –

„Vielleicht. Aber nicht sehr wahrscheinlich. Allerdings mehr als angeknurrt und fortgejagt hätte ich Dich auch nicht. Wie ich schon sagte, wegen einer Übernachtung oder bei schlechtem Wetter habe ich mir nicht die Mühe gemacht jemanden zu bestrafen, der einen der weiter weg liegenden Drachenschlupfe kurz benutzt hat. Nicht mal Menschen, die oft nicht mal bemerken, dass sie in einem Drachenschlupf Schutz gesucht haben.“ –

„Sehen das alle so? Also auch bei Menschen oder Dracciern?“ frage ich. –

Tyria schaut mich mit einem entschuldigendem Schulterzucken an.

„Nein. Meine Mutter hätte jeden einzelnen von diesem Ungeziefer, wie sie es nannte, wohl eine halbe Sonne weit verfolgt und zu Asche verbrannt. – Das war sogar mir damals schon zu übertrieben. Ich habe dann, als NüShi das benachbarte Revier übernahm, mich ihrer Einstellung dazu angeschlossen. Wobei aber auch andere Drachen das oft unterschiedlich handhaben. Auch mein Vater akzeptiert das nicht immer.“ –

„Verstehe. Da ich vermute, dass es hier keine genießbaren Vorräte gibt, sollten wir schauen, ob wir etwas zwischen die Zähne bekommen.“ –

„Schau Du mal, ob Du irgendwelche Spuren von ungebetenen Gästen findest. Ich bin ohnehin die bessere Jägerin, auch wenn Deine Sinne weiter reichen, mein Sternenhimmel. Kommst Du mit, Tascha?“ –

Die nickt, legt die Tasche beiseite und dreht sich um.

„Die bessere Jägerin… ja klar. Ich schau und horche mich dann mal um. Gute Jagd, Wölkchen.“ –

Sie zieht ihre Nasenschuppen hoch und schnaubt augenzwinkernd. Kurz darauf bin ich alleine in der Höhle. – Bessere Jägerin… ich grunze leise, ja Jägerin sicher – aber besser als ich muss sie erst beweisen. Oder besser nicht, weil sie natürlich sehr viel längere Erfahrung als Drachin hat, muss ich grinsend zugeben.

Ich schaue mich noch kurz in der Höhle um, aber außer einem Lager aus aufgeschüttetem Sand im hinteren Bereich – den ich schnell noch einmal auflockere, damit ist es zwar nicht wirklich weich aber der Sand kann sich so besser an unsere Körpern schmiegen – ist diese Höhle sonst nur angenehm temperiert und trocken, sonst eben nur eine Höhle. Aber mehr brauchen wir auch nicht. Selbst wenn wir draußen irgendwo im Regen schlafen würden, wäre es kein Problem. Den Kopf unter eine Schwinge gesteckt und gut, wir sind ja wasserdicht.

Dann schlängele ich mich auch wieder nach draußen. Da zieht Regen auf, vielleicht eine halbe Stunde entfernt, aber selbst dann, hier ist es trotzdem viel wärmer als bei mir oben. Außer ein paar Vögeln ist es ruhig, auch meine Sinne orten neben dem Regen, einem fernen Gewitter, einigen Tieren und meinen beiden Jägerinnen keine Bewegung in der Umgebung. Agra, unser erstes Ziel ist zu weit entfernt, um die Menschen dort zu spüren und näher dran ist niemand unterwegs. Auch keine Draccier oder Drakarin.

Auch Fährten oder andere Spuren an Pflanzen kann ich nicht erkennen, ebenso keine Kratzer an den Felsen, demnach sind mindestens einige Tage keine Besucher oder Durchreisenden hier gewesen. – Wenn ich überlege, dass in der Welt drüben hier selbst bei strömenden Regen sicher ein paar Hundert Menschen herumlaufen, Tempel besuchen und sich das in dieser Gegend seltene Schauspiel eines Wasserfalls anschauen werden. Aber da ist mir diese Ruhe hier deutlich angenehmer.

Mittlerweile bin ich durch den See zum Wasserfall gewatet und klettere durch das Wasser die ungefähr 25 Meter nach oben. Es wäre nebendran einfacher, aber auch bei aller Vorsicht würden sicher Spuren meiner Krallen zu sehen sein. Im Wasserfall verschwinden die schnell wieder.

„Warum?“ –

„Hallo Schwester. Warum? Ehrlich, ich weiß es nicht.“ –

_Sie kichert.

„Du musst niemanden fürchten. Gerade Du nicht.“ –_

„Ich weiß. Aber nicht nur der Mensch ist vorsichtig. Es ist mein Revier, ich weiß und ich erwarte auch keine Gefahr, aber etwas treibt mich dazu.“ –

„Ich spüre da einen uralten Instinkt in Dir. Also ist es wohl doch logisch.“ –

Gut nach ihrer Frage war ich tatsächlich etwas verwirrt, warum ich das mache. Aber wenn gerade ein Instinkt aus meinem ersten Leben wach ist, hat es tatsächlich einen Sinn, wenn auch einen heute nicht mehr notwendigen.

Oben angekommen schaue ich mich wieder um. Das felsige Plateau ist von vielen kleineren und größeren, flachen Seen, oder eigentlich ja Tümpeln, übersät, die bei sich Regen vermutlich zu einer großen Wasserfläche verbinden und eben über den Wasserfall mit der Zeit abfließen.

Aber auch hier oben spüre ich neben den beiden Jägerinnen und etlichen Tieren nichts weiter in der Umgebung. Wir sind hier also alleine. Gut.

„Eldingar… willst Du wirklich den Fürsten in der anderen Siedlung töten, nur weil er seine Krieger Pfeile auf Dich schießen lässt? Sie können Dir doch gar nicht weh tun.“ –

„Oha… ‚Eldingar' so nennst Du mich sonst nie.“ –

„Ich möchte eben wissen, ob der Mensch es so will. Oder ob es vom Drachen kommt.“ –

„Du kannst es doch herausbekommen.“ –

„Och ja… kann ich, aber bei Dir mache ich es nicht gerne. – Du sollst mir ja vertrauen können.“ –

„Schon gut Schwester. Ich vertraue Dir. – und ja. Ich werde ihn töten, wenn er nicht einsichtig wird. Aber nicht, weil da ein paar übereifrige Krieger ein paar Zahnstocher nach mir werfen. Der Grund liegt tiefer und betrifft die Leben von Menschen und auch Dracciern.“-

„Gut. Was auch immer Zahnstocher sind.“ –

Sie kichert und natürlich hat sie schnell herausbekommen, was damit gemeint ist. Grundsätzlich kennen die Drachen auch einen ähnlichen Begriff, den Tyria ja schon benutzt hat. Aber so nur gedacht, statt gesprochen, ist das bei mir wohl doch immer noch mehr die menschliche Vorstellung davon, die da mitschwingt.

„Du warst die letzte Zeit so ruhig, war irgendwas, Schwesterherz?“ –

„Ich hab nur zugehört…, weil ich immer noch etwas Angst vor Þórr habe. Ich weiß, dass er es nicht machen wird, aber ich weiß auch, dass er mir weh tun kann.“ -

Ich weiß nicht, ob ich ihr als Þórr wirklich Schmerzen zufügen kann über unsere Verbindung, aber sie komplett blockieren kann ich, so blockieren, dass sie mich nicht einmal mehr spüren kann. Was für sie durchaus Schmerz bedeuten kann.

Aber dann kommt ein Schwall Emotionen rüber, so heftig, dass ich kurz erschreckt die Luft einsauge.

„Ich verstehe Schwesterchen. Es ist entschieden. Du musst fort von Deiner Mutter. Dir einen Platz in der Fremde suchen – und das eigentlich viel früher als üblich. Immerhin haben wir jetzt noch zwei oder drei Monde Zeit. Ich werde Eldflóð fragen, ob es möglich ist, dass Dich Jemand direkt hierher begleitet und dabei noch die Regeln gewahrt werden.“ –

„Kannst Du nicht einfach herkommen und mich abholen? Du machst Dir doch sonst auch nicht so viel aus den Regeln und tust was Du willst.“ –

„Das scheint Dir nur so. Ja, ich weiche von Regeln ab, die unsinnig sind und die auch kein anderer Drache unmittelbar mitbekommt. Naja… Tyria vielleicht, aber sie sagt mir ehrlich, wenn was ich richtig verbockt habe und toleriert das ansonsten, sie nimmt es einfach hin, dass ich manchmal anders reagiere. Dir scheint das so oft zu passieren, weil Du alles direkt mitbekommst, wenn ich oft erst anders denke, als ich dann meistens handele.“ –

„Hmmm…“ vernehme ich, sie ist nur halb überzeugt. –

„Und ich bin mir sicher, es ist besser für uns beide, wenn ich darauf achte, dass Du jetzt immer den Regeln folgst, wenn Du später als erwachsene Drachin anerkannt werden willst. – Und nicht als die unmögliche Halbstarke, die von einem Menschen verzogen wurde.“ –

„Hast Du mit Mama darüber gesprochen?“ –

„Nein. Nur halt mal, dass Du zu mir kommen kannst – innerhalb der Regeln.“ –

„Weil Du genau dasselbe sagst, was Mama auch schon gesagt hat.“ –

„Na…, wenn die Drachin, die mich getötet hat, genauso denkt wie ich, muss ja was dran sein.“ –

Das sehr deutliche Bild ihrer herausgestreckten Zunge zeigt mir genau ihre Meinung dazu. Natürlich weiß sie, dass ich das Getötet werden durch Fjörgyn nur in direktem Bezug auf mein Erwachen als Drache meine und es kein Vorwurf ist, eher das Gegenteil in diesem Fall.

Als Reaktion müsste sie jetzt ein breites Grinsen von mir spüren.

„Gemein… nicht mal eine andere Meinung von Dir kann ich vorbringen.“ –

„Mom lässt Dich sicher nicht gerne gehen. Aber sie weiß besser als ich, was das Einhalten, aber besonders auch das Umgehen der Regeln für Deine Zukunft unter uns Drachen bedeuten kann. Wir legen das ja schon aus, weil Eldflóð das Blut, das ich von Mom erhalten habe, als genetisch nicht relevant und mich daher als nicht mit Dir verwandt anerkannt hat. Was sicher auch richtig ist, da vertraue ich ihm. Nur deswegen kannst Du hier bei meinem Wohnsitz leben, ohne dass einer ernsthaft an der Einhaltung der Regeln zweifeln kann. Und mit Tyria, die ja ein eigenes Revier hat, ist dazu noch eine andere Drachin hier, die Dich ebenfalls ein Stück begleiten wird. Und vielleicht ist NüShi auch zu so einer Patenschaft bereit. Damit hast Du mindestens zwei Drachinnen, bei denen Du lernen kannst und die weit weg wohnen und dazu auch nicht mit Deiner Familie verwandt sind.“ –

„Ich will aber von Dir lernen…“ –

„Das wirst Du auch. Aber auch ich lerne von Tyria, NüShi und sogar von Fireheart noch dazu.“ –

„Von Fireheart?“ –

„Ja. Von ihm lerne ich beispielsweise, dass ein durch schlechtes Beispiel fehlgeleiteter Drache erkennen kann, welche Fehler er gemacht hat und bereit ist, neues zu lernen. Und dass er das Falsche, oder Böse, auch sehr schnell über Bord werfen kann.“ –

„Er kann doch nichts dafür, dass er das Falsche gelernt hat.“ –

„Richtig. Sein eigener Fehler dabei war, dass er sich verleiten lassen hat, die Regeln des Zusammenlebens zu verletzen. Aber gerade diesen Fehler scheint er jetzt schon erkannt und abgelegt zu haben. Jetzt noch seine bereits geänderte Einstellung weiter fördern und ausbilden und er wird schon bald als Drache in die Gemeinschaft zurückkehren können.“ –

Ich spüre ein wenig Besorgnis.

„Bist Du sicher?“ –

„Hast Du begründete Bedenken?“ –

„Verzeih, nein. Ich kann Drachen aus der Ferne nicht lesen. Nur Mama kann ich weit weg wenigstens spüren. Alle anderen nur aus der Nähe und vielleicht ein oder zwei Flugminuten weit noch spüren. Wenn ich bei Dir angekommen bin, kann ich seine Emotionen sicher erfühlen und Dir sagen, wohin er gehen wird. – Oder wenn Du mir jetzt hilfst.“ –

„Das reicht, wenn Du hier bist. Wenn ich dazwischen bin, muss ich ihm schon erklären, was wir vorhaben. Du kannst dann ja noch schauen, ob er aufrichtig ist, oder sich irgendwie sperrt.“ –

„Und ich habe verstanden großer Bruder, was Du mir mit seinem Beispiel sagen wolltest. Ich werde also abwarten und mich dann gehorsam gemäß den Regeln auf den Weg machen.“ –

„Tu das. Du wirst hier schon heil ankommen.“ –

Ich spüre noch ihr Unbehagen, aber sie wird es hinbekommen. Immerhin kann sie die Menschen schon soweit beeinflussen, dass diese ihr nicht gefährlich werden auf der langen Reise. Auch wenn gerade das wohl der Grund für ihre etwas vorzeitige Trennung von ihrer Familie ist. Nestlinge gelten als Jünglinge, sobald sie sich gegen Angriffe von Tieren und eben auch Menschen wehren oder sicher ausweichen können.

„Hallo? Spricht Erces Sohn noch mit uns normalen Drachen?“ –

Ich stehe ja noch am Rand des Wasserfalles, schaue jetzt runter und sehe meine beiden schwarzen Mädels unten stehen, mit drei erbeuteten Wildrindern zwischen sich. Beide schauen grinsend zu mir hoch. Zwar habe ich unterbewusst gespürt, dass sie zurück sind, aber da es keine Gefahr bedeutete ist mir das während meiner Verbindung zu meiner Schwester nicht bewusst geworden.

„Ja schon. Natürlich. Sálleiðtogi hat mir mitgeteilt, dass Eldflóð sie zur Szárr erklärt hat und ist etwas durcheinander.“ –

Tyria schaut überrascht.

„Oh jetzt schon? Soweit ich weiß ist sie doch erst nächsten Sommer soweit. Verständlich, dass sie jetzt unsicher ist.“ –

„Ja, kann ich auch verstehen. Aber ihre Fähigkeiten sind wohl schon so weit entwickelt, dass sie sich problemlos vor Feinden schützen kann. Und nachdem ich ihr den Trick gezeigt hatte, flog sie auch schon sehr gut.“ –

„Trick?“ schauen beide mich mit schiefgelegtem Kopf an. –

„Naja… ich hab nen Drachen steigen lassen. Genauer habe ich da auch noch geübt und bin im Hangaufwind auf der Stelle gesegelt. Sie war dabei in meinem Nacken und hat sich an mir festgehalten, bis sie das Gefühl für die Luft bekam.“ –

Tyria schaut plötzlich sehr nachdenklich.

„Das erinnert mich daran, wie Vater mir das Fliegen beigebracht hat, das war ziemlich ähnlich. Kein Wunder, dass sie so an Dir hängt.“ –

„Das war schon vorher so. Schon als wir uns drüben getroffen hatten, wollte sie mich am liebsten sofort als Kuscheltier mitnehmen. Jedenfalls kam es mir so vor.“ grinse ich bei der Erinnerung. –

„Sie hat Dich doch nicht wirklich als Tier gesehen, oder?“ –

Ich grinse bei dem Gedanken.

„Nein, natürlich nicht. Aber sie findet Menschen nun mal sehr interessant. Und ich war der erste Mensch, den sie in der fremden Welt getroffen hat, weil Fjörgyn da sehr vorsichtig war und sie sich eigentlich vor mir hätte verstecken sollen“.

Natürlich habe ich den beiden schon von meinem ersten Treffen erzählt. Aber die eine oder andere Begebenheit hatte ich bisher noch ausgelassen, weil es zu meinem Werdegang zum Drachen nicht direkt beigetragen hat.

„Also hätte sie Dich auch ohne den Unfall mitgenommen?“ fragt Tascha. –

„Ich denke nicht. Die Regeln waren eigentlich klar, auch wenn sie die recht großzügig ausgelegt hatte. Gefragt hätte sie ihre Mutter zwar sicher, aber ihr war klar, dass ich nicht in diese Welt gehöre und drüben bleiben musste. Eigentlich.“ –

„Verstehe. Du warst ein Mensch der anderen Welt. Dass Deine Seele ein Drache aus dieser Welt ist, wusste niemand. Logisch Dich dort zu lassen.“ Spinnt sie ihre Gedanken weiter. –

Tyria beginnt zu grinsen.

„… Und logisch, dass Erce Fjörgyn etwas aggressiver werden ließ, als sie es eigentlich ist. Nun ja, wäre das mit Fjörgyn schief gegangen und Du gestorben, wäre ich wohl in 20 oder 30 Sommern mal so auf die Idee gekommen, mich drüben nochmal umzuschauen, was sich alles geändert hat…“ –

Ich nicke.

„Ja. Du, Eldflóð, Kyrin, NüShi oder noch ein anderer Drache. Vielleicht auch mit dem direkten Auftrag mich zu entführen.“ –

Sie grinst jetzt etwas fiese.

„NüShi wäre mir nur recht gewesen. Wenn Du sie als Deine Mutter ansehen würdest…“ –

„Aber vielleicht hätte ich dann Fjörgyn früher getroffen als Dich…- und Du sagtest ja, dass Sie eine der wenigen ist, die mir von ihrem Blut geben konnte.“ –

„Ja, stimmt…“ seufzt sie.

„Also ist es so wie es ist, wohl doch besser. Auch wenn ich nicht weiß, ob NüShi als echte Elemental nicht auch Blut hat, das Menschen nicht sofort umbringt.“ –

„Du bist doch auch eine Elemental?“ –

„Genau genommen so halbwegs, ja. Ich kann mich nicht so weit aufladen, wie ihr Echten das könnt, nur meine Kräfte lange einsetzen und auch ohne einen Energieknoten wieder auffrischen, was aber einige Zeit braucht. Aber damit gelte ich auch als Elemental. Mein Blut ist allerdings für alle anderen Völker eher ungesund.“ –

„Ausprobiert?“ –

„Nicht absichtlich. Irgendein Spinner hat vor dreieinhalb tausend Sommern geglaubt, mich im Schlaf angreifen zu können, warum auch immer. Seine Obsidianklinge verletzte mich zwischen den Fingern und er bekam etwas von meinem Blut auf die Hand, das er dann noch verschmierte. Seine Arme sahen nicht sehr gut aus, nachdem er eine Stunde nach Wasser gesucht hatte. Aber er hat es überlebt.“ –

„Wasser? Zum Abwaschen?“ –

„Ja. Es kann abgewaschen werden, wie jedes Blut. Wenn es schnell von der Haut entfernt wird, passiert auch nicht viel, ich sah aber keinen Grund ihm eine Quelle zu zeigen. Nur sollte es nicht in eine offene Wunde kommen. – Heilerblut ist da wie jedes anderer Lebewesen.“

„Ich verstehe. Und mein Blut?“ –

„Wird sicher keine Menschen direkt umbringen, Du riechst jedenfalls eher nach dem Grundaroma der Heiler. Ein wenig liegt darüber der Geruch von Fjörgyn in Deinem… Aber den Tod abwenden...? ich weiß nicht, ob es reicht.“ –

Ich schüttele den Kopf.

„Ich denke nicht. Erce würde mir die Gewissheit gegeben haben, wenn es so wäre. Und ich habe sicher nicht die Fähigkeit zum Heilen, die ja auch noch gebraucht wird. – War das eigentlich der Grund, dass ich Deine Wunde nicht versorgen durfte?“ –

„Wunde? – Ach Du meinst den Kratzer am Fuß damals bei unserem ersten Treffen. Das war doch harmlos und hatte nicht mal richtig geblutet. Es war nicht notwendig, inzwischen weißt Du ja, dass unsere Wunden sehr schnell heilen, aber ein kleiner Tropfen hätte Dir als Mensch eben unangenehme Wunden zufügen können. Unsere Abwehrzellen sind im Blut noch lange aktiv und sehr aggressiv gegen fremdes Gewebe. Sie fressen sich durch die Schuppen und die Haut der Draccier und Menschen. Eure – also die von euch echten Elementals– sind zwar mindestens so abwehrstark, aber sind außerhalb eures Körpers nicht mehr aktiv. Fjörgyn kann ihre zudem noch beeinflussen.“ –

„Ah… Aber wie…“ –

Tyria grinst wieder.

„Ihr Blut hat Dir starke Abwehrkräfte gegeben und Deinen Blutverlust ein wenig ausgeglichen. Deine inneren Verletzungen haben daher nicht mehr geblutet. Dabei macht es sich zu Deinem Blut, es verändert Deinen Körper, Dein Erbgut. Menschen bekommen dabei Merkmale, die sie Drachenblut nennen, Schuppen und Krallen, andere Hautfarbe, manche auch kleine Hörner und seltener einen kurzen Schwanz. Bei weniger schweren Verletzungen reicht das meistens auch schon. Aber Du brauchtest noch die Heilkraft von Fjörgyn, Græðarinn und Eldflóð und da kann ihr Blut die Kräfte bündeln und machen es einem Heiler so einfacher, die Heilung zu leiten. Bei Dir kam dann noch die Kraft des Lebensstromes dazu, die Dich wieder zu dem Drachen gemacht hat. Das weißt Du ja selber alles am besten.“ –

„Verzeih, woher weißt Du das alles“ –

Sie grinst.

„Ich verstehe. – Das meiste wissen alle Drachen. Deine Heilung habe ich mir dazu aus einigen zusätzlichen Informationen so zusammengefasst.“ -

„Ah Ja. Weißt Du, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht Erces Drachen gewesen wäre? Das habe ich nicht erfahren, nur Andeutungen.“ –

Tyria schaut mich schulterzuckend an.

„Vermutlich ein Drachenblut oder ein Drachengeborener, wie die Menschen dazu sagen. Einem Draccier ähnlich, aber doch anders.“ –

Tascha hebt eine Augenbraue.

„Von Menschen verachtet, aber doch gefürchtet, mehr noch als die Draccier, weil ein Drachenblut eben das Blut eines Drachen hat und so mit ihnen irgendwie verbunden ist. In ihren Augen also ein Monster, ein Halbwesen. Von den Dracciern aber hoch geehrt, eben wegen dem Drachenblut. Dein Leben hätte sich vollkommen verändert, aber bei den Dracciern hättest Du ein recht angenehmes Leben gehabt. Wer weiß, vielleicht hättest Du auch bei Deiner Blutspenderin leben können.“ –

Mir kommt die ‚Fahrradkette' kurz in den Sinn, aber Tascha hat schon recht. Das alles war die Zukunft und das Leben für mich als Mensch hier, für das ich mich, den sonst sicheren Tod vor Augen, entschlossen hatte. – Und das mir durch Erce wegen meiner alten Drachenseele erspart blieb. Wobei dieses Leben von Eldflóð und Fjörgyn etwas geschönt beschrieben wurde, aber zumindest bei den Dracciern wohl auch nicht so schrecklich geworden wäre.

„Wie viele Drachenblütige oder wie die sich nennen, gibt es eigentlich?“ –

„Nicht viele“ antwortet Tyria.

„Zwei Heiler weigern sich, Menschen zu behandeln. Ein anderer macht sie sich immer wieder mal als so eine Art Spielzeug. Die meisten handeln, wie es ihnen die Ehre als Heiler gebietet. So wie Fjörgyn und Græðarinn. Es gibt vielleicht so 10 oder 15 insgesamt.“ –

„Nicht sehr viele. Aber als Spielzeug?“ –

„Vielleicht ist das nicht der richtige Begriff. Und er bringt sie auch nicht absichtlich um. Aber er rettet eben Krieger vor dem Verbluten und hat seinen Spaß daran, wie die später erleben müssen, von ihrem Volk abgelehnt zu werden und zu erkennen, dass sie bei den von ihnen oft verachteten Dracciern eine neue Zukunft finden. - Die anderen heilen normalerweise keine Krieger, die in einem Kampf schwer verletzt werden. Meist nur welche, die durch Drachen unbeabsichtigt zu Schaden kommen.“

Ehe ich antworten kann, zieht Tyria mit einem gespielten Frösteln die Schwingen enger an ihren Körper.

„Es zieht anscheinend Regen auf und wird auch kälter. Nicht dass mir das viel ausmachen würde…“ –

Breit grinsend ergänze ich.

„…aber zusammengekuschelt in der Höhle wäre Dir das Abendessen lieber.“

Sie nickt, ebenfalls grinsend und ich gleite mit ausgebreiteten Schwingen in einem Bogen die paar Meter herunter und neben die beiden. Kurz schnuppere ich an ihrer Beute.

„Riecht gut. Aber Du hast Recht, es wird wohl gleich anfangen zu regnen und ich glaube, ich möchte nicht auf nassem Fell herumkauen.“ –

„Dann nimm Dir einen und rein mit Dir. Du auch Tascha.“ Kommandiert Tyria und schnappt sich eins der Wildrinder.

Ich nehme mir das letzte – sie haben mir das Größte liegen lassen – zwischen die Zähne, wate durch den Tümpel und folge Tascha in die Höhle, Tyria folgt direkt hinter mir.

Drinnen wartet Tascha gleich am Anfang der Höhle und ihrer Kopfbewegung entnehme ich, dass ich mir einen Platz suchen soll. Ich ahne, was die beiden vorhaben und überlege, mich irgendwie ganz an die Felswand zu legen, aber verzichte darauf sie zu ärgern und nehme mir meinen Platz direkt in der Mitte, wo ich mich umdrehe, um in Richtung Eingang zu schauen und lege mich der Länge nach schon mal hin. Die Beute abgelegt und ein wenig hin und her geschubbert und schon ist es hinreichend bequem auf dem dann doch recht weichen Sandbett.

Tyria, inzwischen auch in der Höhle, deutet Tascha mit einem Blick an, dass die sich links neben mich legen soll, sie selber dreht sich an meiner rechten Seite auch um, dass wir alle zum Eingang blicken. Gleich darauf ‚kleben' beide fast an mir, so eng kuscheln sie sich an mich.

Tascha fühlt sich auch ein wenig kühl an, was ich von Tyria eigentlich nicht sagen kann, trotzdem spüre ich ein kurzes Zittern durch ihren Körper gehen.

„Eigenartig… es ist hier ja wärmer als bei uns oben, oder auch drüben bei mir. Und ich friere auch im Winter im Norden nicht. Trotzdem ist mir irgendwie kalt jetzt.“ –

„Mir auch…“ kommt von Tascha.

„Und ich komme doch aus dem Norden und bin viel Schnee gewohnt…“ –

Ich breite meine Schwingen aus und decke die beiden so gut es geht zu.

„Vielleicht irgendwas Hormonelles, eine Reaktion auf das Ei?“ –

Beide kuscheln sich mit wohligem Schnurren in meine Schwingenhäute.

„Wäre eine Erklärung.“ Meint Tyria.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich Dich mal als wohlig warm empfinden würde. Du bist sonst ja eher fast so unterkühlt wie NüShi.“ –

Sie grinst und leckt meinen Kiefer entlang. –

Tascha legt ihren Kopf schief.

„Aber warum erst jetzt? Ich habe das Ei doch schon etwas länger.“ –

„Die Anstrengung des Flugs könnte ein Grund sein, dass ihr das jetzt spürt. Ja, ist nicht zu anstrengend, aber doch mehr, als ihr mit dem Ei bisher gemacht habt. Vielleicht merkt ihr morgen Abend auch nichts mehr davon.“ –

„Du möchtest morgen also nicht mehr mit uns kuscheln?“ meint Tyria mit einem Augenzwinkern. –

„Naja, zwei Frostbeulen aufzuheizen fällt mir nicht ganz so leicht.“ Grinse ich zurück.

„Vor allem, wenn eine davon auch jetzt immer noch viel wärmer ist, als ich überhaupt sein kann.“ –

„Glaub mir, im Moment fühlt sich das für mich ganz anders an. Wobei mir scheint, dass Deine Schuppen viel Wärme reflektieren können. Was Dir sonst gegen uns Feuerdrachen bei Angriffen sehr hilft, gibt mir jetzt meine eigene Wärme direkt zurück, das macht es für mich sehr angenehm. Aber zusätzlich fühlst Du Dich jetzt auch nicht so kühl an, wie sonst.“ –

„Ich glaube, er heizt sich auch weiter auf, als sonst.“ Ergänzt Tascha und schmiegt sich noch enger an mich. –

„Kann schon sein. Eine unwillkürliche Reaktion darauf, dass ihr friert und euch bei mir aufwärmen wollt.“ Meine ich dazu. –

„Dann lasst uns endlich was essen, das hilft. – Vor allem Dir mein Sternenhimmel. Nicht dass wir mitten in der Nacht neben einem Eisberg aufwachen.“ –

2

Wir alle grinsen und ich beginne den Kopf der mir zugedachten Beute mit meinen Krallen vom Rumpf zu trennen.

„Wie kommst Du darauf, dass meine Schuppen Hitze reflektieren? Beziehungsweise, warum erst jetzt?“ frage ich währenddessen. –

„Oh, das hat mein Vater schon vermutet… Äh, er hat von Lord Eldflóð von eurem Kampf erfahren und mir das dann auch berichtet. Und mir die Empfehlung gegeben, Dich mir mal näher anzuschauen. Er meinte, wer das Feuer von Eldflóð ohne Schaden an seinen Schuppen übersteht, wird auch meiner manchmal hitzigen Art widerstehen können.“ Sie grinst breit.

„Und wahrscheinlich meinte er auch, dass ein Drache, der Eldflóð zur Aufgabe zwingen konnte, auch mich bezwingen könnte.“ –

Ich trenne mir ein Vorderbein vom Rind ab und schiebe es mir zwischen die Zähne.

„Musste ich Dich bezwingen? Und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich bei dir hitzereflektierende Schuppen gebraucht hätte.“ –

„Ich war anfangs versucht, das mal auszuprobieren. Aber nein, die hast Du nicht gebraucht. Nicht mal als ich wütend auf Dich war. Und bezwingen musstest Du mich nicht. Da haben andere Männchen mich schon ganz anders erlebt, in allen Belangen. Bei Dir habe ich mich sofort wohl und sicher gefühlt. Endlich mal ein Drache auf Augenhöhe. So dachte ich da noch über Männchen - wobei die meisten anderen…“ –

Ihr ziemlich fieses Lächeln vermittelt mir das Gefühl, dass ich lieber kein anderer Drache sein möchte, oder dann nicht versuchen sollte, mit ihr anzubandeln. Auch wenn ich von ihr weiß, dass sie natürlich schon Partner hatte. Nur hat sie in ihrer Grundhaltung einiges von den Weibchen aus meiner Jugend mitbekommen und die Partnerschaften eindeutig dominiert.

Daher sind alle so sehr darüber erstaunt, dass Sie mich als gleichberechtigten Partner akzeptiert hat und zumindest hier in meinem Revier bisher nur sehr dezent ihre immer noch sehr dominante Art aufblitzen lässt. Dabei nimmt sie sich mir gegenüber aber immer wieder zurück, manchmal mehr, als ich möchte. Ich werde ihre Dominanz aber sicher im sehr privaten Bereich jetzt wohl manchmal zu spüren bekommen. –

Andererseits reizt sie auch wieder die Macht meiner ursprünglichen Drachenseele, sie mir jederzeit gefügig zu machen. Wobei sie zum Glück nicht weiß, wie anstrengend das für mich ist. Es war ja nur zum kurzfristigen Schutz vor einer zu heftigen Abwehr eines Weibchen nach einer Paarung gedacht, um mit heilen Schuppen entkommen zu können. Eine Paarung damit zu erzwingen war uns nicht möglich, sie wären mittendrin aus der Trance erwacht und hätten uns ziemlich zerfetzt. Heute wirkt das anscheinend deutlich länger – zumindest war das bei Tyria ja so.

Wir mampfen so vor uns hin, die beiden schauen wieder mal interessiert, wie ich nach und nach aus den von mir aus dem Tier herausgesäbelten Stücke mit meinen scharfen Backenzähnen erst Stücke herausbeiße und mit ein paar Bissen zermalme, ähnlich wie eine Katze Trockenfutter zerbeißt. Drachen haben zwar sehr eng stehende Zähne, aber neben den langen Fangzähnen, dich ich auch habe, sind die bei den meisten echsenartig spitz und messerscharf gezähnt, geeignet, um Knochen zu brechen und Brocken herauszubeißen. Sie schlucken dann diese Brocken im Ganzen.

Tyria bemerkt dabei mit leichtem Lächeln, wie ich mich etwas zweifelnd durch das Fell beiße, das sich naturgemäß etwas widerspenstig schlucken lässt. Dann legt sie mir ein Vorderbein ihrer Beute hin und nimmt sich den Kopf von meinem, den ich noch immer da liegen hatte.

Auf meinen fragenden Blick grinst sie kurz.

„Ich weiß, wie die Menschen Fleisch essen, nur selten ein ganzes Tier und die Knochen nagen sie höchstens ab. Und ich weiß, dass Du vor wenigen Tagen noch ein Mensch warst und auch wenn Du jetzt als Drache so ein Rind notfalls in einem Stück runterschlingen kannst, ist da sicher noch die Essgewohnheit der Menschen tief in Dir. Und… ich weiß auch noch, wie ich bei den ersten Malen noch als Nestling vor einem Tier stand, dass ich mit allem drum und dran essen sollte…“ –

„Oh Danke.“ ich stupse sie sanft mit meiner Schnauzenspitze.

„Ich musste zwar auch gleich am ersten Tag als Drache einen kompletten Hirsch aufessen, sozusagen unter Kontrolle, ob ich mit dem neuen Leben zurechtkommen werde. Aber da hab ich auch mehr die Augen zu gemacht und irgendwie runtergeschluckt. Ja, die von den Dracciern schon ausgenommenen und zerteilten Mahlzeiten sind schon bequem. Auch wenn sie einige leckere Teile dabei für sich behalten.“ –

Tascha schüttelt den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass sie uns da viel vorenthalten. Du meinst sicher irgendwelche Innereien. Die mögen die meisten Draccier nicht so gerne.“ –

„Ja. Zumindest einige Organe haben ja einen eigenen Geschmack, den ich gelegentlich auch gerne mal mag.“ –

„Nieren?“ grinst Tascha frech. –

„Ja schon. Aber nur wenn die gut gewässert werden, damit der Urin ausgespült wird.“ Grinse ich zurück, als ihr Grinsen zu einem eher überraschten Ausdruck wechselt. –

„Sowas isst Du? – Gut jetzt als Feral geht das ja unter, wie auch die Därme. Aber so einzeln als Anthro?“ –

„Ja. Sogar als Mensch manchmal. Die Leber öfter mal. Nieren eben längere Zeit im Wasser liegen lassen, aber selten. Und die Därme ausgewaschen und mit zerkleinertem Fleisch gefüllt als Wursthülle. Der Magen wird als Hülle für ein paar Speisen genutzt aber nicht unbedingt mitgegessen. – Ich habe in den letzten Leben aber sowas wie Hoden oder Hirn eher vermieden. Aber es gibt einige Menschen, die wirklich alles essen. Augen sollen angeblich gut schmecken…“ –

Tascha schüttelt sich kurz bei den Gedanken, was mich noch breiter grinsen lässt. Auch Tyria grinst mit.

„Dann hast Du als Mensch ja schon fast alles gegessen, was Du als Drache auch isst.“ –

„Früher hab ich sicher auch noch mehr gegessen. Auch wenn vieles dann zusammengemischt und zerkleinert wurde. Und im Norden von dem Land, in dem ich jetzt zuletzt gelebt hatte, gab es früher auch mal Snuten un Poten. Und Schwattsuur mit Schwarten.“ Beide schauen mich mit schiefgelegtem Kopf an.

„So ist die Sprache da oben. Das erste sind „Schnauzen und Pfoten“, ein eher billiges Gericht, mit dem die Arbeitskräfte, die auf den Feldern und in den Ställen arbeiteten, dann mal ihre Pflanzendiät unterbrechen durften, wenn sie an Feiertagen mal was Besseres auf den Tisch bekamen. Das andere - „Schwarzsauer“ - ist ne Art angedickte Blutsuppe, leider mit Essig zum Gerinnen zubereitet. Das – und die Schwarten – haben mir als Kind nicht so geschmeckt. Andere Speisen mit Blut habe ich dagegen schon gerne mal gegessen.“ –

„Also kam da schon der Drache durch?“ –

„Ich denke nicht. Zwar habe ich ein paar Sachen gegessen, die andere nicht mochten, aber auch viele Sachen nicht, was andere wieder gerne gegessen haben. Und Blutwurst oder sowas ist eigentlich recht normal. Nee, da war ich ein normaler Mensch denke ich.“ –

„Aber den Kopf nicht?“ –

„Da nagen auch manche Menschen das wenige Fleisch ab. Zunge und Kaumuskeln habe ich manchmal noch gegessen. Aber sonst ist am Kopf für mich nichts dran. Hirn mochte ich nie so gerne und habe es zuletzt gar nicht gegessen. Jetzt war hauptsächlich der Grund, dass ich den nicht im ganzen schlucken wollte und wegen dem Zerbeißen war ich mir nicht sicher. Rinder haben ziemliche Dickschädel.“ –

Tyria nimmt sich den Kopf, bricht schnell die Hörner ab und schiebt sich den Schädel zwischen die Zähne. Zwei, drei schnell Bisse, bei denen jedes Mal die Knochen deutlich krachen und schon ist der Kopf weg, gleich darauf der andere genauso schnell.

„Und wenn es tausend Sommer dauert, irgendwann knabberst Du die Köpfe genauso weg. Nur dann bitte keine Menschenköpfe…“ –

„Keine Sorge, die schmecken zwar gut, aber ich habe es trotzdem nicht vor.“ –

„Du sagtest das nach der Strafaktion schon. Du hast keine Abneigung vor Menschenfleisch? – Ich frage mich, warum…?“ –

„Vermutlich hat Erce mir als Mensch nicht zugetraut, dass ich Menschen als Nahrung ansehen würde. Oder es einfach nur übersehen, dass sie in meinen Genen diese Sperre noch nicht verankert hatte, weil es ja noch keine Menschen in der Form gab.“ –

Tyria zuckt die Schultern und isst den Rest auf, wie wir anderen jetzt auch.

Nachdem wir fertig sind fragt sie augenzwinkernd.

„So jetzt ein Becher Wein?“ –

„Frisches Quellwasser wäre mehr als ausreichend.“ –

Sie schnuppert, steht auf und schaut in eine Felsspalte, die unauffällig in der rechten Wand zu sehen ist. Wieder hören wir sie schnuppern, dann eindeutige Trinkgeräusche.

„Hier ist ein Becken, dass von einer Quelle gespeist wird. Nicht dieses abgestandene, trübe Regenwasser. Ich denke, die Quelle hat auch noch frisches Wasser, wenn es lange nicht mehr geregnet hat.“ –

Ich nicke Tascha zu, die daraufhin gleich nach Tyria als nächste den Kopf in die Spalte steckt und mit vernehmlich langen Zügen trinkt.

„Schmeckt gut und frisch. Nicht so angenehm mineralisch wie bei Dir, aber auch lange nicht so fade wie Regenwasser.“ –

„Dann schau ich mal, ob ihr mir was übrig gelassen habt.“ –

Tascha schaut kurz nochmal in die Spalte.

„Naja… ein paar Tropfen kannst Du sicher noch herauslecken… - Nein, zumindest jetzt bringt die Quelle mehr als ausreichend Wasser.“ –

Sie macht mir Platz und ich schaue in die Spalte. Sie ist nicht tief und wird zur Hälfte von einem Felsbecken ausgefüllt, in dem die Quelle recht munter wallend den Wasserstand wieder auffüllt. Dadurch ist das Wasser im Becken immer frisch und läuft dann in eine Spalte über und vermutlich in den Teich vor der Höhle.

Ich schnuppere auch noch kurz und trinke dann auch in vollen Zügen. Endlich werde ich das haarige Gefühl im Rachen los, dass mir das Fell hinterlassen hat.

Dann lasse ich mich wieder zwischen meinen beiden nieder, schuppere mir den Sand wieder zurecht und schon kuscheln beide sich wieder eng an mich und unter meine Schwingen.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über die nächsten Ziele. Ich beschreibe den beiden, was ich über die Orte weiß – was nicht wirklich viel ist, da ich schon längere Zeit nicht in Indien unterwegs war und im letzten – oder genau genommen im jetzigen Leben, aber noch als Mensch – gar nicht hier war. Trotzdem schauen mich beide nachdenklich an als ich erzähle, was ich weiß.

Tyria schaut mich ernst an.

„Sei nicht enttäuscht, wenn Du von all den Menschenbauten, die Du beschreibst, hier nichts wiederfinden wirst. Ich hätte sicher etwas gehört, wenn Menschen solche unglaublichen Wohnhöhlen bauen würden. Der Bau von dem Häuptling da in der Siedlung heute Morgen, ist schon auffällig groß und beachtenswert. Für Menschen jedenfalls.“ –

Ich nicke. In einer Siedlung mit ein- und höchstens zweigeschossigen Lehmbauten mit Flachdächern erscheint selbst den Drachen ein Bauwerk bemerkenswert, wenn das den Platz von 20 oder 30 normalen Wohngebäuden einnimmt, zwei und drei-geschossige Gebäude ein paar Innenhöfe einrahmen, überragt von einer Art Wohnturm mit 4 und einer Art schlanken Wachturm, der ungefähr 5 Geschosse hat.

Das wäre auch drüben noch ein bemerkenswerter Adelssitz gewesen, wenn auch klein und unbedeutend im Vergleich der Paläste der Moguln und der Maha Rajas. Aber so etwas werde ich hier wohl nicht erwarten dürfen.

„Naja, vielleicht finden wir ja die eine oder andere interessante Siedlung, wenn auch nicht dort, wo drüben was Eindrucksvolles zu finden ist. – Und… bei mir haben die Menschen doch einiges geschaffen, oder nicht?“ –

„Unter Anleitung eines Drachen“ meint Tyria etwas arrogant. –

„Meinst Du nicht eher, dass der Drache bei sich zu Hause von den Menschen Dinge forderte, die er sonst in seinem Revier streng unter Kontrolle behielt?“ –

„Natürlich! Menschen dürfen doch nicht sich selbst überlassen werden.“ –

Ich schaue bewusst skeptisch.

„Ach so, ja.“ –

„Die…“ Tyria stockt und schaut mich prüfend an. Dann überlegt sie einige Zeit.

„Du meinst es ist unlogisch?“ –

„Ja und nein. Aus Sicht der Drachen kann es sehr logisch sein. Aber die Fähigkeiten der Menschen so ungenutzt zu lassen ist ziemlich unlogisch.“ –

„Er hat sie doch genutzt.“ –

„Nur für sich selber. Ich habe zumindest keine ähnlichen Bauten gesehen.“ Gebe ich zu bedenken. –

„Achso. Du meinst, dass er für sich in Anspruch genommen hat, was er bei ihnen unterbunden hat, damit sie keine Maschinen entwickeln. Das machen wir doch mehr oder weniger alle. Auch bei mir haben sie eine Quelle umgeleitet und ein wenig daran gearbeitet, dass ich es im Winter angenehm warm habe, ohne ständig meine Kräfte einzusetzen. Und NüShi lebt in einem großen Bau, der von Menschen errichtet wurde und an dem jedes Jahr Teile erneuert werden. Und wir verhindern doch auch, dass die Menschen Maschinen machen.“ –

Ich seufze.

„Ja Maschinen. Aber Bauwerke? Bei mir die Wohnungen für uns, die große Halle, die Unterkünfte für Gäste, warum auch immer in Menschengröße – und die Unterkünfte für Krieger. Alles mehr oder weniger ausgeschmückt und verziert mit Skulpturen, Reliefs, Fresken und Wandbehängen. Aber ich sehe in der ganzen Umgebung keine annähernd vergleichbaren Bauten. Keine Säulen, keine Relieffriese, keine Skulpturen. Nur einfache nackte Kästen.“ –

„Ich verstehe, was Du meinst. Das muss aber nicht bedeuten, dass Valarinn es verhindert hat. Vielleicht wollen sie es gar nicht.“ Versucht Tyria eine Erklärung –

Tascha grinst leicht.

„Nun, so einfach und kahl sind die Kästen der Menschen auch nicht immer. Von außen sind sie zwar meistens sehr schlicht. Aber die Reichen und die Fürsten haben schon einige Verzierungen wie bemalte und mit Figuren versehene Wände. Bei uns hier oben sind die meistens nur innen, weiter im Süden auch außen soweit ich gehört habe. Aber ansonsten haben sie geschnitzte Tische, Stühle und andere Möbel, um ihre Behausungen zu verzieren.“ –

„Hmm… Also in der Nähe der Drachen verstecken sie es, aber im Süden ist der Himmel hoch und der Drache weit…“ –

Beide überlegen, was ich damit gemeint habe bis Tyria nickt.

„Ah ja. Ich verstehe. Da im Süden fühlen sie sich sicher vor Beobachtung.“ –

Ich nicke, aber Tascha zweifelt etwas.

„Ja schon auch. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Valarinn sich um sowas gekümmert hat. Verzierungen an den Mauern sind ja keine Maschinen. Es hat sicher auch damit zu tun, dass die Menschen oben im Norden mehr Zeit brauchen, um ausreichend zum Essen zu haben. Ja, ich weiß, dass es hinter dem Wall noch schwieriger ist und die Winter kälter sind. Aber selbst am Ganga müssen sie Felder anlegen und pflegen. Im Süden können sie vermutlich viel mehr Früchte und nahrhafte Pflanzen ernten auch ohne Felder anlegen zu müssen.“ –

„Das ist durchaus logisch.“ Nicke ich dazu.

„Vielleicht sind die Menschen im Norden auch nur kriegerischer und nutzen ihre Fertigkeiten nicht für so etwas überflüssiges, wie Verzierungen an ihren Festungen. Und nur die Fürsten und Reichen leisten sich etwas. Drüben waren es früher die Kirchen, Tempel für ihren Gott oder je nach ihrem Glauben Götter, in und an denen besonders viel schmückendes Beiwerk war.“ –

„Also bei den Menschenstämmen, bei denen ich als Kriegerin in Diensten war, habe ich keine großen Tempel für ihre Götter gesehen. Für die ist der Glaube an höhere Wesen im wesentlichen Privatsache. Die meisten Feste und Riten zu Ehren der Götter und Geister oder um deren Beistand zu bitten, werden auf den Marktplätzen oder vor der Siedlung auf einem Feld abgehalten. Der Grund ist wohl, dass sie so viele Götter und Naturgeister haben, dass in einer Stadt, wie sie es nennen, mit 400 oder 500 Menschen schon mindestens 50 Tempel für die jeweiligen Götter wären. Selbst wenn man Götter und Geister mit ähnlichen Zuständigkeiten zusammensperrt, sind das immer noch 15 Tempel oder so… Zwar ist ihnen der Glaube wichtig, aber jeweils einen eigenen Tempel bauen und einen Priester da reinsetzen, der den instand hält, wenn dann vielleicht 15 Menschen da ihre Riten abhalten – so wichtig ist ihnen das nun auch nicht. Die Naturgeister werden ohnehin in der Natur um Hilfe gebeten, haben also keine Tempel. Ja und dann glauben fast alle ohnehin irgendwie auch an den Lebensstrom, der ja auch nur mit Felsen markierte Energieknoten hat und keine Tempel braucht.“ –

Etwas sagt mir, dass auch Tascha dem Glauben an Götter misstraut.

„Auch keine allumfassenden Tempel, die alle Götter unter ein Dach bringen?“ –

„Habe ich nicht gesehen. Soweit es mir gesagt wurde, hat jeder in seinem Haus, Raum, Loch, wo auch immer sie die Nacht verbringen, einen kleinen Schrein, an dem sie ihre Götter anheulen und die Nachbarn haben ja eh wieder andere Götter.“

Ich lege den Kopf schief, woraufhin Tascha schnell erwidert.

„Ja, verzeih. ‚Anheulen' ist sehr abwertend, aber bei einigen ihrer Riten klingt das so für mich. Und mir als Dracci-Kriegerin wurde natürlich nichts erklärt.“ –

Tyria legt ihren Kopf auf ihre Hände, hört aber interessiert zu, denn ihr sind diese Informationen über die Menschen bisher auch nur wenig bekannt.

„Wollten sie Dich nicht zu ihrem Glauben bekehren?“ frage ich nach. –

„Nein. Das ist machen sie insgesamt nur selten. Und bei uns – den Dracciern versuchen es auch nur die besonders vernagelten. Bei Drakarin habe ich noch nie davon gehört, dass Menschen versuchen uns ihren Gott aufzuschwatzen.“ –

„Und wir Drachen sind ja ohnehin hoffnungslose Fälle.“ Meine ich grinsend. –

„Ja. Ihr mit eurem sturen Beharren auf Erce. Und dazu eure gerne auch mal sehr endgültige Art, einen Widerspruch auf eure Entscheidung zu beenden… Da verzichten sie lieber gleich auf den Versuch euch zu bekehren.“ –

Ich schaue Tyria an, aber sie grinst einfach nur belustigt.

„Denke dran, dass Du jetzt auch zu den Großen gehörst“ versuche ich Tascha zu bremsen. –

„Dann kann ich ja auch drüber reden“ grinst sie zurück. Dann streicht sie durch ihre Mähne.

„Aber bin ich wirklich eine Große? Oder nur meine Kinder…“ –

„Erce hat Deine Gene soweit verändert, dass Du mit einem Großen Nachwuchs kriegen kannst, die vollkommen unseren Genen entsprechen, also Große Drachen sind. Deine Haare sind dabei nebensächlich, nur weiß Erce, dass ich Dich gerade auch wegen Deiner Mähne sehr attraktiv finde, also hat sie das nicht verändert.“ –

„Falls Du es nicht weißt…“ wirft Tyria ein.

„…wir Großen Drachen erkennen die Drakarin nicht nur an Haaren oder Federn, auch an einem nur ihnen eigenen Geruch, den irgendein Gen verursacht, das wir nicht haben oder anders ist. Nicht unangenehm, aber anders als bei uns. Aber Du hast inzwischen vollkommen unseren Geruch, den einer Großen. Wenn das bei irgendeinem uneinsichtigen Drachen nicht reicht, liefert unser Sternenhimmel hier, oder gerne auch ich, ein paar unmissverständliche Argumente.“ –

Mir ist das mit dem Geruch irgendwie entgangen, aber Tascha grinst.

„Ich kann mir ausmalen, was ihr dann macht. – Aber ja, auch die Drakarin erkennen die Großen neben eurer starken Aura auch an einem euch eigenen Geruch. Genaugenommen ist der sogar das Einzige, was wir… die Drakarin von euch riechen, wenn wir euch mal sehr nahe kommen. Ansonsten seid ihr ein Loch in der Landschaft, sozusagen.“ –

Ich hatte zwar schon bemerkt, dass Säugetiere mich kaum riechen können, aber selbst Drakarin?

Tyria schaut auch fragend.

„Wir sind von anderen Völkern kaum am Geruch zu erkennen, das weiß ich. Zumindest wenn wir es nicht wollen. Aber dass sogar Drakarin uns nicht erfassen können, war mir bisher nicht bekannt. Wir glauben, dass die Kleinen Drachen eben als Drachen uns so wahrnehmen, wie wir sie und eben uns selbst„ ergänzt sie mehr zu mir gewandt

„Wir haben irgendwann mal durchgesetzt, dass wir als Große Drachen angesehen werden und von den „Kleinen“ klar unterschieden werden. Eben schon durch die Haare, die nur die Drakarin haben, wir haben ausschließlich Schuppen und Finnen oder Dornen. Dazu sind wir tatsächlich ein wenig größer und haben von Erce sehr viel mehr Zugang zur Macht erhalten. Auch wenn ich nicht weiß, warum sie dies so entschieden hat.“ –

„Weil wir zwar auch an die Lebenskraft glauben, aber keinen Kontakt dazu haben?“ –

2.1

Tyria lächelt.

„Ich vermute eher, dass Erce ein paar Drachen ausgewählt hat, die von ihr die besonderen Kräfte bekommen haben und beauftragt wurden über diese Welt zu wachen. Vielleicht haben sie dadurch ihre Haare verloren und wurden größer, oder Erce hat nur solche Drachen ausgewählt, das weiß ich nicht. Ich denke, damals waren auch alle Wächter Elementals und erst durch Paarung mit anderen, die den Ansprüchen der ersten Wächter entsprochen haben, sind dann wir Großen entstanden, die größtenteils zwar auch die Macht der Wächter hatten, aber die Kraft immer wieder in den Energieknoten aufladen mussten. – Aber wenigstens die Anfänge müsste Þórr eigentlich wissen.“ –

Danke… ich nun wieder. Aber sie hat ja Recht. Ich versuche mich zu erinnern und spüre, wie Þórr mich sozusagen anstupst. Ich überlasse meiner alten Seele also die Handlung.

„So nach und nach gibt unsere Herrin mir meine Erinnerungen wieder frei.“

Etwas erschrecken die beiden doch, als sie so plötzlich meine alte Seele spüren.

„Na was denn, wenn ihr Geschichte aus der Urzeit hören wollt…“ –

Als erstes findet Tyria ihre Worte.

„Ja, natürlich. Verzeih Þórr. Es ist logisch, war nur etwas plötzlich.“ –

„Trotzdem braucht ihr nicht wegrücken. Wenn, sollte ich der sein, der Abstand zu euch sucht.“ –

Tyria grinst und auch Tascha kichert. Sie rückt wieder dichter an mich.

„Verzeih. Ich weiß immer noch nicht, wie ich mich Dir gegenüber verhalten soll.“ –

**„Friedlich?

Ihr wisst ja, wie wir vor unserem Erwachen von unseren Weibchen behandelt wurden. Eigentlich auch noch nach dem Erwachen. Und ich war nicht mehr lange genug hier, um alles selber zu erleben.“-**

„Aber doch lange genug, um die Anfänge mitzuerleben.“ Beharrt Tyria. –

**„Ja schon. Mir ist damals etwas an einer Lichtung am Rand meines Revieres mit einem großen Felsen mittendrin aufgefallen, das mich interessiert hat. Was eigentlich schon ungewöhnlich war, denn alles was für mich damals wichtig war, waren Essen, ein sicheres Nest und natürlich ein Weibchen in Hitze.

Und keine Rivalen in der Nähe. Die Rivalen hatten alle meine Reviergrenzen anerkannt oder gehörten zu meiner Familiengruppe, mein Nest war also sicher. Brunftzeit war noch nicht, also Weibchen zu umgehen war mehr als angebracht. Futter war auf der Lichtung auch nicht zu finden. Und trotzdem zog mich etwas dort hin. Dann, nachdem ich neugierig auf den Felsen geklettert war, fühlte ich ein sehr angenehmes, warmes Gefühl, das durch mich flutete.

Nach fünf oder sechs Mondläufen, an denen ich alle zwei oder drei Sonnen das wohlige Gefühl auf dem Fels genossen habe, erkannte ich, dass ich viel besser denken konnte. Genauer, dass meine Gedanken sich nicht mehr nur um ‚Jagen, Ficken, Schlafen' drehten, sondern auch um solche Dinge, wie das Nest verbessern, Vorräte anlegen, wieso geht die Sonne auf und wieder unter und was sonst noch alles.

Und ich fand andere, auch Weibchen, mit denen ich auf einmal sprechen konnte und Dinge planen.

Und ja, wir wurden deutlich größer als unsere nicht erwachten Nachbarn. Aber Schuppen hatten wir alle auch vorher.“ –**

„Und wann hat Erce zu euch gesprochen?“ –

**„Das war im nächsten Sommer. Wir hatten dank des Organs das Sprechen untereinander gelernt. Erce hatte wohl erkannt, dass wir so einfacher miteinander Kontakte knüpfen konnten als mit unserer noch sehr knurrigen und zischenden Stimme. Als ich dann wieder mal auf dem Felsen saß, sah ich das erste Mal Bilder. Eine Wiese mit Blumen, im warmen Wind rauschende Blätter an Bäumen und die Stimme, die zu mir sprach, mir einen Namen gab. Und mir die Aufgabe zuwies, diese Welt zu schützen, ihr Wächter zu sein. Nach mir dann auch weitere. Vielleicht auch vor mir schon andere.

Aber ihr wollt ja wissen, wie es weiterging. Nun, über diese Welt wachen war damals eher mit der Schwanzspitze erledigt. Es gab noch keine Menschen, auch hier waren es noch frühe Vorfahren, die alles andere als gefährlich waren. Aber wir wurden informiert, dass sie irgendwann in hunderttausenden von Sommern Dinge machen können, die der Lebenskraft viel von ihrer Macht nehmen würde.

Also schauten wir, was sie machen und kümmerten uns ansonsten um das Naheliegendste. Jagen und in sicheren Höhlen schlafen. Dazu viel über die Welt und wie sie funktioniert nachdenken. Das war natürlich noch sehr am Anfang von Wissen. Eher Vermutungen und auch viel Irrglaube, aber insgesamt schulte es unsere Intelligenz. Und nebenbei natürlich der Natur folgen und Nachkommen zeugen. Die meisten suchten sich unter den Erwachten ihre Partner, aber viele auch unter unseren wilden Verwandten. Ich nahm mir eine der erwachten zur Partnerin. Sie war noch sehr kratzbürstig – verzeiht den menschlichen Begriff, aber mir fehlt ein Drachenwort dafür – aber sie ließ mir wenigstens die Schuppen heil und ich durfte zum ersten Mal überhaupt meinen Nestling sehen. Eine niedliche kleine grüne Drachin, wobei mir jetzt erst auffällt, dass sie Sálleiðtogi und Fjörgyn ziemlich ähnlich sah…“ –**

„Du meinst, Fjörgyn ist eine Nachfahrin von Dir?“ denkt Tyria fragend laut. –

„Unwahrscheinlich, es gibt ja sicher noch andere grüne Drachen und mein Blau, das damals noch anders war, sollte ja auch noch irgendwo auftauchen. Aber auch nicht unmöglich. Erces Wege sind verschlungen.“ –

„Und die Drakarin?“ möchte Tascha jetzt wissen. –

**„Verzeiht. Ich war vermutlich der erste Drache, der den Aufstieg vollzog, dessen Seele sie voll erweckte und dem sie den vollen Zugang zur Lebenskraft gab, den Drachen damals haben konnten. Ich gehörte also zu den ersten, die ihr heute wohl die Ahnen der Großen Drachen nennen würdet. Erce hatte eine Information oder so etwas wie einen Verdacht, weswegen sie einen Drachen suchte, um diesen in eine andere Welt zu senden, in der es keine Drachen gab. Eine Welt, die unserer nahe war, aber eine Welt, in der die Menschen alleine aufsteigen würden. Nach ungefähr einem Sommer fiel ihre Wahl dann auf mich. Der Drache, den sie als stark genug erachtete, seine Seele zu bewahren und mit dem Wissen der Menschen zurück zu finden. – Auch wenn ich denke, dass nur kein besserer dazu bereit gewesen war.

Nochmal drei Monde gab Erce mir, aber meine Partnerin konnte sich nicht entscheiden, auch den Aufstieg zu vollziehen. Anders als ich war sie nicht so überzeugt, ihr reichte das Leben als Erwachte, als Wächterin. Dazu kam noch, dass ich bald gehen musste, sonst hätte sie den Aufstieg wohl unserer Partnerschaft zuliebe vollzogen. Ich durfte leider nicht erleben, wie meine Tochter zur erwachsenen Drachin wurde. Ob sie dann den Aufstieg machen durfte, oder wie ihre Mutter als Erwachte und Wächterin lebte. Und habe nicht erfahren, wie sich die Drachen weiter entwickelten. Sicher war das gerade in den ersten tausenden Sommern sehr dynamisch.

Ich weiß also leider nicht, woher die Drakarin kommen ich vermute nur anhand einiger Indizien, dass aus den Erwachten ehemaligen Wächtern die Drakarin ihre Herkunft herleiten könnten. Ich weiß aber auch nicht warum es viele Große Drachen gibt, die ihre Macht an den Kraftknoten immer wieder aufladen müssen. Und ich weiß auch nicht, ob noch weitere Drachen in andere Welten gesandt wurden.“ –**

„Schade. Aber nicht zu ändern. Vielleicht erfahren wir es ja direkt von Erce“ sagt Tyria bestimmt.

„Aber wir sollten jetzt schlafen. Hoffentlich regnet es morgen nicht mehr.“ –

„Ja, schlaft gut.“ Antworte ich – jetzt wieder mit meiner menschlichen Seele.

Tascha murmelt nur etwas wie „Gute Nacht“ und schnell sind wir dann alle eingeschlafen.

3

Die Nacht verbringe ich etwas unruhig. Hier in der Wildnis werde ich ein paar Mal wach, weil ich für mich ungewöhnliche Geräusche vernehme oder einer meiner Sinne sich meldet. Anfangs merke ich, dass auch Tyria kurz mit wach wird, sich aber dann auf meine Wachsamkeit verlässt und beruhigt durchschläft. Nur als das Gewitter über uns ist, und ich ruhig weiterschlafe, hebt sie etwas erschreckt ihren Kopf, was mich dann auch weckt. Mit einem entschuldigendem Gurren senkt sie dann aber schnell wieder den Kopf, weil ihr klar wird, dass an der Seite eines Blitzdrachen ein Gewitter nun kein Problem ist.

Den Rest der Nacht mache ich noch ein paarmal kurz ein Auge auf und horche, schlafe dann aber schnell wieder weiter. Mir ist natürlich klar, dass uns keine wirkliche Gefahr droht, aber ich habe mich doch schon zu sehr an die Ruhe bei mir zu Hause gewöhnt.

Am frühen Morgen wecken mich ein paar am See vor unserer Höhle trinkende Tiere durch ihre Präsenz auf. Da ich trotz der Störungen in der Nacht gut geschlafen habe, bin ich jetzt richtig wach und betrachte meine beiden Schlafmützen, die sich immer noch eng unter meine Schwingen kuscheln.

Tyria wird von meinen Bewegungen geweckt und blinzelt mich noch etwas verschlafen an. Ihr herzhaftes Gähnen würde jeden Menschen blass werden lassen. Tascha dagegen wird erst wach, als ich sie mit der Schulter ein wenig anschubse. Sie hat sich offensichtlich völlig sicher gefühlt in unserer Obhut.

Ich stehe langsam auf, falte meine Schwingen trotz steifer Muskeln sorgfältig zusammen und schiebe mich durch den engen Spalt nach draußen. Gerade geht die Sonne auf, es ist locker bewölkt und noch recht kühl nach der Nacht. Schnell durch den See und noch ein Stück durch das breit ablaufende Wasser weiter, dann recke und dehne ich meine Muskeln, wobei ich mich nebenbei noch schnell erleichtere. Das abfließende Wasser verteilt das schnell. Tyria und Tascha folgen mir nacheinander und machen es mir dann nach.

„Alles wieder eingesammelt und verpackt.“ Berichtet Tascha mir, während sie ihre Tasche wieder an ihrem Bein festzurrt. –

Tyria nickt.

„Dann können wir ja weiter. Du wolltest noch kurz zu der Siedlung da nördlich an der Flussbiegung, oder?“ –

Ich nicke ebenfalls.

„Ja, genau. Auch wenn ich mittlerweile denke, dass ich mir da Orte ausgesucht habe, die hier eher uninteressant sind.“ –

„Wenn es stimmt, dass drüben in Deiner alten Heimat Milliarden Menschen leben – und ich habe keinen Grund das zu bezweifeln, ich habe bei unserem ersten Treffen ja schon viel größere und mit Menschen vollgestopfte Siedlungen dort gesehen, als es mir hier je bekannt geworden wäre – dann solltest Du damit rechnen, hier nichts Vergleichbares zu finden.“ –

Warum ist mir dieser Unterschied nicht gleich klargewesen…

„Ja. Verzeiht, ich war unlogisch. Und selbst wenn es hier größere Siedlungen geben würde, wird es hier kaum eine Siedlung geben, die gleich aussieht.“ Ich seufze.

„Unlogisch… viel zu menschlich gedacht. Verzeiht bitte.“ –

Tascha schaut mich fragend an und Tyria schüttelt energisch den Kopf.

„Ja, es ist vielleicht unlogisch, aber verständlich, dass Du vergleichen wolltest, wie nah sich die beiden Welten sind.“ –

Tascha ergänzt:

„Und darum solltest Du die Orte auch anschauen, dann kennst Du die Unterschiede. Und Du überlegst nicht noch tausend Sommer, ob die sich nicht doch ähnlich sind.“ –

Tyria nickt, breitet ihre Schwingen aus und ist nach ein paar Schritten mit einem Sprung in der Luft. Ich lasse Tascha den Vortritt und folge den beiden dann mit einem Sprung aus dem Stand. Schnell sind wir in unserer Formation, Tyria fliegt mit ihrer besseren Orientierungsfähigkeit voran.

3.1

Nach ein paar Minuten sind wir die etwas mehr als 100 km geflogen und ich versuche, Agra – oder eine Siedlung, die dort ungefähr liegt – zu finden, aber das Einzige in einem weiten Umkreis sind ein paar Flussfischer, die ihre Hütten an einer Furt am Fluss gebaut haben. Etwas weiter finden wir auf einem Hügel einen kleinen Wach- oder Beobachtungsturm, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Ob das jetzt das hiesige Äquivalent zur Roten Festung in Agra ist, kann ich nicht sagen, da hier die Flüsse zwar geografisch ungefähr dort verlaufen, wie drüben auch, aber natürlich nicht die exakt gleichen Windungen zeigen.

Wir kreisen einige Male über die Umgebung, was die Menschen da unten offensichtlich unsicher werden lässt, woran wir uns aber nicht weiter stören.

„Das dort könnte die Stelle sein, an der drüben eine große Festung und Palastanlage gebaut wurde“ erkläre ich, als ich zu dem Türmchen deute. Wobei ich trotzdem etwas enttäuscht bin.

„Aber das Bauwerk, wegen dem diese Stadt besonders bekannt wurde, fehlt natürlich auch. Das habe ich auch nicht erwartet, denn da steckt eine Liebesgeschichte hinter. Und dazu sind beide Welten trotz allen Ähnlichkeiten nun doch viel zu lange in der Vergangenheit getrennt worden.“ –

„Festung, Palastanlage – was immer das auch genau ist, es macht mich neugierig, auch die Liebesgeschichte.“ Tyria schaut mich neugierig an. –

„Oh eine lange Geschichte…“ versuche ich abzuwehren

„Lasst uns weiterfliegen.“ –

Wir nehmen Kurs nach Westen, wo drüben Jaipur zu finden ist. Auch wenn ich nicht mehr erwarte, dort irgendetwas zu finden. Oktopussy's Wasserschloss jedenfalls nicht.

Die Dreiviertelstunde Flug für die knapp 220 km vertreiben wir uns, indem ich versuche zu beschreiben, was in meiner Menschenwelt hier für Bauwerke stehen und dazu die Hintergrundgeschichte von Shajahan und seiner Lieblingsfrau Muntas Mahal kurz erzähle.

„Warum haben die Menschen eigentlich mehrere Weibchen?“ will Tascha anschließend wissen.

„Hier ist das ja zum Teil auch so. Dabei gibt es doch gar nicht so viel weniger Männchen – jedenfalls da, wo es keine großen Kriege gibt.“ –

„Der Glaube dieser Menschen erlaubt, dass Männer sich mehrere Frauen nehmen dürfen, wenn sie diese auch versorgen können. Also gilt das vor allem für reiche Menschen. Aber der Grund? Naja, vielleicht eben wegen vieler Kriege damals, als der Glaube entstand. Oder weil Männer, die sich das leisten können, neben einer standesgemäßen Frau einfach gerne noch was Hübsches und Junges im Bett haben wollten.“ –

„Ja klar… so sind die Menschen nun mal.“ Wirft Tyria recht herablassend ein.

„Soweit jedenfalls habe ich die schon durchschaut.“ –

„Genau weiß ich es nicht, jedenfalls kann ich mir das aber gut vorstellen. Die längste Zeit gab es keine wirklich dauerhaften Beziehungen. Und später, als feste Partnerschaften normal wurden, bin ich die meiste Zeit bei Stämmen gewesen, in denen nur ein fester Partner normal war. Oft war Vielweiberei dort sogar unter Strafe. Allerdings sahen sich die Fürsten oft über dem Gesetz stehend und hatten dann eine offizielle und oft mehrere inoffizielle Partnerinnen, die aber nicht den gleichen Status in der Erbfolge hatten.“ –

„Status – Erbfolge?“ Tyria schaut mich fragend an.-

„Ja. Mit seiner Ehefrau, also seiner Hauptpartnerin waren die Nachkommen rechtmäßig und meistens wurde der älteste dann der nächste Fürst. Die anderen, also die Jüngeren und die Bastarde bekamen zwar bevorzugte Posten, aber wurden nur sehr selten der Nachfolger.“ –

Tyria schüttelt den Kopf.

„Menschen… ich verstehe sowieso nicht, warum die oft nicht den am besten Geeigneten auswählen, sondern sich mit dem Nachkommen zufriedengeben, selbst wenn der völlig unfähig ist.“ –

„Ja, die frühen Häuptlinge wurden noch von der Gemeinschaft eingesetzt, konnten aber auch abgesetzt oder sogar getötet werden, wenn sie die Götter nicht gnädig stimmen konnten. Aber mit der Zeit konnten sie das abschaffen – und da die eigenen Kinder weniger Konkurrenz bedeuteten, wenn diese sich sicher waren, die Nachfolger zu werden, haben die Häuptlinge dafür gesorgt, dass ihre Kinder auch ohne Nachweis der Eignung den Posten erben. So wurden Häuptlinge zu Fürsten.“ –

Tyria nickt.

„Ja, das kann ich auch hier bestätigen. Mir ist es eigentlich egal, was die Menschen so treiben, solange die Lebenskraft nicht davon betroffen ist. Aber mir ist nebenbei auch aufgefallen, dass die früher kleineren Stämme der Menschen einen Häuptling hatten, der von den meisten anerkannt wurde. Wenn sich das änderte, oder bei besonderen Situationen, kam ein anderer dran. Wenn die Stämme dann größer wurden, änderte sich das sehr oft und eine Sippe übernahm dann diese Posten, soweit ich das erkennen konnte.“ –

„Auch das war sicher ein Grund. Größere Stämme kommen oft schwerer zu einer Einigung über einen Anführer Und wenn dann immer neue, oder gleich mehrere für Krieg, Frieden, Ernte, wasweißich als Häuptlinge immer neu ausgewählt werden, kommt es leicht zu Differenzen. Da aber ein einzelner Anführer in vielen Situationen von Vorteil ist, haben fähige Häuptlinge das für sich genutzt und sich auf Dauer auf die Position wählen lassen.“ –

„Und haben sich dann einfach so viele Partnerinnen genommen, wie sie wollten?“ kommt Tascha auf das Ursprüngliche Thema zurück. –

„So nach und nach ja. Aber z.B. in Ägypten entwickelte sich das auch als ein Mittel der Herrschaft über das Volk. Es wurden so Bündnisse gefestigt, oder eroberte Gebiete eingegliedert. Bei Ramesse damals war es eine Geste an die verschiedenen Provinzen, dass der Herrscher durch seine Nebenfrau aus der jeweiligen Provinz auch ein Ohr für die Belange der Menschen dort hat. Er hätte sonst wohl nur die 2 Partnerinnen gehabt, die zur Großen königlichen Gemahlin ernannt wurden.“ –

„Die hatten auch mehrere Partnerinnen?“ –

„Ja, meistens. Das lag aber an der hohen Sterblichkeit der Weibchen und der jungen Nachkommen. Ein Pharao brauchte im Glauben der Ägypter dringend einen Nachfolger, damit die göttliche Ordnung erhalten blieb.“ –

„Götter…“ schnaubt Tyria verächtlich. –

Ich grinse.

„Auch wenn wir den Glauben an Götter und Geister ablehnen, unser sehr enger Bezug zum Strom des Lebens und dass wir Erce als Personifikation der Lebenskraft erleben, kann durchaus als etwas ähnliches gesehen werden. Daher bezweifelt Atum ja auch immer ein wenig, dass wir nicht an eine Göttin glauben.“ –

„Weil er sich selber so sieht…“ –

„Die Menschen haben das geglaubt und ihn daher so genannt. Aber ich weiß genau, dass er das nicht ist und das auch nie behauptet hat. Natürlich hat seine Kontrolle über das Wasser mich manchmal zweifeln lassen, aber ich war ihm zu lange zu nahe, um in ihm einen Gott zu sehen. Einen Fremden, der einem der Götter damals ähnlich sah, ja. Einer, dessen Denkweise mir damals manchmal fremd war. Aber viel zu ‚menschlich', um wirklich ein Gott zu sein. Gerade auch, weil er es mit viel Geduld schaffte, dass ich einen kleinen Zugang zur Lebenskraft fand, durch den ich nach sehr viel Übung ein paar Wellen und Spritzer in einer Schale verursachen konnte. Natürlich ohne diese zu berühren und auch noch, nachdem er gegangen war. Ich erlebte also, dass seine Fähigkeiten sogar von mir zu erlernen, also nicht göttlich waren.“ –

„Du bist ja auch ein Drache…“ –

„Hier, jetzt wieder, ja. Drüben fühlte ich mich am Anfang sehr alleine und verlassen. Erce hatte mich zwar darauf vorbereite, ohne die Lebenskraft zu sein. Dass ich keinen Zugang zum Lebensstrom der anderen Welt bekommen würde, da ich für ihn zu etwas Fremden geworden war. Etwas, das auch Atum mir zu erklären versuchte, da er ja wirklich fremd auf diesen Welten ist. Und was mir irgendwie logisch erschien.“ –

„Fremd? Du warst doch gerade noch Drache gewesen, als Du dort angekommen bist…“ –

„Das ja. Aber die Zeitlinien der beiden Welten hatten sich ja schon vor 63 Millionen Sommern getrennt. Da erkennt selbst die Lebenskraft Wesen, die nur auf einer Linie weiter existieren, nicht als etwas vertrautes an.“ –

Tyria überlegt kurz.

„Also, die Lebenskraft kennt keine Drachen mehr. Und die Menschen kennen die Lebenskraft nicht mehr?“ –

„Ja. So erging es mir dort.“ –

„Furchtbar. Ich will das nie erleben müssen.“ –

„Naja, so musste ich aber auch wirklich lernen, ein Mensch zu sein. – War das damals auch der Grund, warum Du unbedingt wieder hierher zurück wolltest?“ –

„Ja. Ich fühlte mich dort nicht wohl, weil mir die unbewusste Nähe zur Lebenskraft dort fehlte, wie ich inzwischen weiß. Und ich fühlte auch eine Art Bedrohung, die es ratsam erscheinen ließ, die Menschen dort weitgehend in Ruhe zu lassen.“ –

„Ah, die Bedrohung spürte ich nie. Sicher, weil ich zwar dort fremd war, aber eben nur eine Seele, die menschliche Körper bewohnte.“ –

3.2

Tyria – und auch Tascha – schwiegen nach meiner Erklärung. Tyria korrigierte ein wenig unseren Kurs und einige Minuten später wurde sie langsamer.

„Wir müssten da sein. Siehst Du etwas bekanntes?“ –

„Naja… eine kleine Siedlung an einer Kreuzung von Handelswegen. Das ist ähnlich. Und da drüben ist auch ein See, der jetzt durch die Regenzeit entstanden sein dürfte. Auch ähnlich. Drüben wurde der See gestaut, damit auch in der Trockenzeit genug Wasser vorhanden ist. Und die Siedlung wurde durch die Handelswege wohlhabender. Im See wurde ein Palast gebaut, ursprünglich um dort Wasservögel zu jagen, die hölzernen Plattformen da drüben könnten auch dazu dienen. Und es gibt drüben noch weitere Paläste in der Siedlung. Das was hier dann die großen Bauten im Zentrum sind, nur dort natürlich wesentlich prächtiger.“ –

„Also auch eine Enttäuschung…“ –

„Nein, weder Agra noch Jaipur sind eine Enttäuschung. Es gibt hier sehr viel weniger Menschen und wir wachen auch drüber, dass sie sich nicht zu weit entwickeln. Da ist es schon beachtlich, dass hier an den gleichen Orten Siedlungen zu finden sind, was eigentlich nicht logisch ist.“ –

„Ich bin hoffe, Du kannst uns später noch zeigen, wie es drüben aussieht.“ –

„Das wird sicher irgendwann klappen. Auch wenn es besser wäre, wenn ich eine Datenverbindung nach drüben hätte.“

So wie die beiden mich anschauen erwarten sie sicher, dass ich es erkläre.

„Lasst uns zum nächsten Punkt weiterfliegen. Hier haben sie lange genug Drachen bewundert. - Drüben ist es so, dass ich online die Daten… äh… also…“ –

„Jaaaaa?“ kommt von Tyria, während sie grinsend den neuen Kurs mehr süd-westlich setzt. –

„Also… stellt euch vor, ich hätte riesige tiefe Höhlen in den Bergen. Alle voll mit Lagerfächern in denen unzählige Schriftrollen liegen. Und wenn ich oben bei mir einen Archivar anstupse und sage, was ich haben möchte, sucht der in seiner Übersicht, wo diese Information eingelagert ist und ruft dann nach unten in Höhle 47 zum dort wartenden Kollegen und teilt dem mit, welche Rolle aus Fach 483 dieser herausnehmen soll. Der flitzt dann los, sucht das Fach und die richtige Rolle und gibt die einem schnellen Läufer, der diese dann zu mir bringt. Dann kann ich die euch zeigen.“ –

„Ah ja… und das dauert dann jedes Mal 3 Sonnenläufe, bis Du die hast. Und dann muss die anschließend ja wieder zurückgebracht werden…“ fasst Tyria das amüsiert zusammen. –

„Ja leider. Darum ist das ganze ja auch elektrisch, genauer elektronisch gelöst.“ –

„Ach so. Ja ein paar Blitze im Hintern machen die Jungs schon flott…“ –

„Ach Wölkchen…“ seufze ich. –

„Mir ist schon klar, dass dann hunderte Läufer und Archivare ständig unterwegs sein werden“ grinst sie.

„Und dass es insgesamt nur eine für diese Welt verständliche Beschreibung des ganzen sein soll. Aber selbst wenn das mit Miniblitzen arbeitet und keine Menschen oder Wyvern da rumflitzen… Wie kommt dann die Schriftrolle da rein, oder eben wieder raus?“ –

Ich verdrehe die Augen… aber ich musste ja damit anfangen. Also Computertechnik für Drachen…

„Erstmal… Blitze, also elektrische Ströme haben ja 2 Zustände, Strom an oder Strom aus…“ –

Beide hören mir aufmerksam zu und fragen auch immer wieder nach, während ich langsam versuche zu erklären, wie Dokumente in Computern gespeichert und auch wieder abgerufen werden können. Und dass auch Bilder auf diese Weise übertragen werden können. Zum Glück haben die beiden so viel Nachsicht mit mir und fragen nicht weiter nach wie so ein Computer überhaupt funktioniert… Auch wenn ich Tyria deutlich anmerke, dass sie entsprechende weiterführende Fragen hätte.

3.3

Gerade habe ich das mit der Datenübertragung halbwegs erläutert, kommt auch die blaue Stadt, Jodhpur in Sicht… genauer ein paar graue Ruinen. Eine Ansammlung von ausgebrannten Hütten um den Bergrücken, auf dem so etwas wie vielleicht eine kleine Festung war. Hier gab es wohl keinen wie auch immer gearteten Grund diese Siedlung nach ihrer offensichtlichen Zerstörung wieder aufzubauen oder die Sieger haben die Bewohner alle verschleppt.

Ohne weiter zu fragen nimmt Tyria jetzt Kurs Süd, Richtung Udaipur.

„Verzeih, hier ist ja nichts los. – Du sagtest, dass Du drüben die Daten von der ganzen Welt abrufen kannst. Nur hier ist nichts. Es gibt hier keine Archive, keine Maschinen, die das machen können…“ –

„Ja, lass uns weiterfliegen. – Und ja. Das ist leider das Problem dabei. Wenn es eine Möglichkeit geben würde, die Informationen durch die Tore aus der anderen Welt zu übermitteln… Nur leider haben die Menschen sowas noch nicht erfunden, da sie von den Toren ja nichts wissen. Und einfach eine Verbindung herstellen halte ich für unmöglich. Also muss ich auf große Speicher hoffen, auf denen so viele Informationen wie möglich abgelegt sind. Informationen über Maschinen und Produktionstechniken habe ich bei Eldflóð ja gezielt bestellt.“ –

„So wie ich ihn kenne, wird er sicher auch viel bringen, was die Menschen allgemein betrifft“ versucht Tyria mich zu beruhigen.

„Und sicher einiges, um Dein Heimweh zu verringern.“ –

„Das ist noch nicht so schlimm, immerhin bin ich hier ja zu Hause.“ –

„Aber Du warst länger drüben und hast sicher in fast jedem Leben selbst als Mensch länger gelebt als insgesamt als Drache hier bisher…“ –

„Ja, stimmt“ grinse ich etwas schief, weil Tyria den Nagel genau getroffen hat.

„Aber direkt kann ich mich nur an die wenigsten erinnern. Treffen wird mich vermutlich das letzte Leben dort, meine Familie, die dort noch lebt. Also die Menschen dort natürlich. Und das ist noch nicht so lange her, dass ich ernsthaft Heimweh haben könnte. Dazu gibt es hier immer noch zu viele neue Erlebnisse und Überraschungen.“ –

„Trotzdem… Ein frustrierter Drache, der mit sich unzufrieden ist und sich hier nicht zu Hause fühlt… Sag mir – uns - bitte, falls es Dich überkommt, damit wir zusammen Dich auffangen können. Wenigstens für die ersten 200 Sommer.“ –

Tascha nickt bestätigend, als Tyria sie mit dem ‚uns' auch sie einbezieht.

„Ja, danke. Mach ich. Auch wenn ich glaube, ihr beiden alleine werdet mich auch so schon ausreichend beschäftigen, dass ich höchstens mal ne Minute Heimweh pflegen kann. Von dem Restgewusel gar nicht zu reden.“ –

Tyria wiegt nachdenklich ihren Kopf.

„Das kann schneller passieren, als Du denkst. Schon weil Erce Dir noch ein letztes Treffen mit Deiner menschlichen Familie erlaubt hat.“ –

„Du weißt davon?“ –

„Natürlich. Glaubst Du, V…Fjörgyn und Eldflóð würden Deine Partnerin nicht informieren? Zudem kann ich Deine Tarnung deutlich verstärken, es den beiden also viel leichter machen.“ –

„Hmm, ja. Gut, ich denke dran, Danke. “ –

3.4

Wir nähern uns dem Ort, wo drüben Udaipur liegt. Und hier sehen wir tatsächlich eine Siedlung, die den Namen auch verdient. Zwar bei weitem nicht so groß und auch nicht genau am gleichen Platz wie Udaipur, aber für mich immerhin noch nahe genug dran und an einem See gelegen. Also nehme ich es als den gleichen Ort.

Hier scheint es auch wieder deutlich mehr Regen über das Jahr zu geben als in den anderen Gebieten, die wir heute überflogen haben. Insgesamt war es zwar relativ grün jetzt in der Regenzeit, aber es war auch deutlich, dass es hier auf der Westseite meines Revieres längere Trockenperioden gibt. So ganz unterschiedlich ist auch diese Welt nicht, auch wenn es insgesamt weniger Wüsten zu geben scheint.

Diese Siedlung hier wird von einem Schutzwall umgeben. So eine Art Stadtmauer, in der sich sicherlich um die 500 Häuser und Hütten drängen, also vermute ich ungefähr 2.000 Menschen, die hier leben. Mich überrascht die Größe zwar etwas, aber die Wege um die Siedlung und, jetzt allerdings leere, Lagerplätze sagen mir, dass sich hier Handelsstraßen kreuzen und Händler hier zumindest kurz Station machen. Das gibt durchaus vielen Menschen Arbeit. Und die fruchtbare Umgebung mit Äckern und Weiden bieten reichlich Versorgung.

Natürlich gibt es Aufregung in der Siedlung, als wir darüber kreisen. Aber mir erscheint die Menge der Menschen auf den Straßen und Plätzen deutlich zu gering zu sein im Verhältnis zu den Gebäuden. Auch sind nur wenige Krieger zu sehen. Für eine Siedlung mit einem so großen Verteidigungswall hätte ich jedenfalls deutlich mehr erwartet. Der nochmals mit einem Verteidigungsring umgebene Fürstensitz – das vermute ich zumindest – scheint sogar komplett verwaist zu sein, obwohl er bewohnt aussieht.

„Sieht so aus, dass sie im Krieg sind.“ Meint Tascha.

„Sie haben offenbar ihre Krieger zusammengerufen und sind in eine Schlacht gezogen. Dass keine Verwundeten zu sehen sind, lässt mich vermuten, dass die Schlacht noch nicht vorbei ist.“ –

Ich schaue sie etwas zweifelnd an.

„Krieg? Jetzt in der Regenzeit? Das wird doch eine Schlammschlacht.“ –

„Menschen…“ wirft Tyria kopfschüttelnd ein. –

„Ja, jetzt“ antwortet Tascha.

„Die Felder sind soweit bearbeitet und die Saat ausgebracht. Jetzt sind viele Arbeiter auf den Feldern entbehrlich, bis die Regenzeit zu Ende geht und Heu gemacht werden kann. Also sind genügend Krieger vorhanden.“ –

„Ich kenne das zwar auch, Kriege zu führen, wenn weniger Feldarbeit zu machen ist. Aber nicht während der Regenzeit einen Krieg anfangen. Die Krieger können sich kaum bewegen im Schlamm und Waffen werden unbrauchbar.“ Ich schüttele leicht den Kopf. –

Tascha grinst mich frech an.

„Na, so schnell rosten Schwerter ja nicht.“ –

„Schwerter nicht, aber Bogen und vor allem die Armbrust verlieren dann Leistung oder gehen sogar kaputt.“ –

„Ach so, die… Ja kann schon sein, die nutzen die Draccier aber nur wenig.“ –

Ich grinse zurück.

„Solange die Menschen ihre Kriege nicht nur von Dracciern führen lassen…“ –

„Ja… stimmt schon“ gibt sie zu.

„Aber hier werden viele Kämpfe auch in der Regenzeit geführt.“ –

Wieder schüttele ich den Kopf.

„Also da muss ich Tyria aber Recht geben. Das ist ziemlich unlogisch von den Menschen. Der Vorteil, dass keine Feldarbeit gemacht wird, wiegt in meinen Augen die Nachteile von aufgeweichten Schlachtfeldern und weniger brauchbaren Waffen nicht auf. Oder machen die dann Schlammringen?“ –

Tascha stellt sich das wohl gerade vor und kichert.

„Nee, aber das ist den Dracciern eigentlich auch egal, wann sie kämpfen, solange der Sold gezahlt wird. Wenn der Boden aufgeweicht ist, dann eben alles etwas langsamer.“ –

Wir haben die Siedlung jetzt ein paar Mal umkreist. Nicht uninteressant, aber unter diesen Bedingungen finde ich es hier auch nicht gerade aufregend. Wenn die Siedlung voll mit Händlern ist, sollte ich mir das nochmal anschauen.

Jetzt sind die deutlichen Spuren der Krieger, die von hier ausgezogen sind, schon interessanter. Die Spur ist von gestern, der Regen über Nacht hat sie schlammig werden lassen, aber noch nicht viel verwischt. Vielleicht kann ich so eine Schlacht sehen, wie es hier dabei zugeht.

„Lasst uns den Spuren folgen, die gehen ja fast in unsere Richtung. Will doch mal schauen, ob es dort interessanter ist.“ –

Die beiden nicken und wir ändern unseren Kurs, wobei wir die Windungen der Spur natürlich nicht exakt folgen.

Tyria schaut mich an.

„Willst Du die Kämpfe verhindern?“ –

Ich schüttele den Kopf.

„Nicht unbedingt. Wenn da zwei Kriegerhaufen gegeneinander kämpfen, ist mir das ziemlich egal. Die müssen selber wissen, was sie tun.“ –

„Gut“ meint sie, sichtlich zufrieden. –

„Nicht alle Krieger kämpfen freiwillig…“ gibt Tascha dagegen zu bedenken. –

„Ich weiß. Auch, dass sie sich oft nicht aussuchen können, Krieger werden zu müssen. Nicht wie die Draccier, die sich frei entscheiden können, ob und für wen sie kämpfen. Ich kann sie nicht wirklich daran hindern, Kriege zu führen. Sie müssen eben selber dafür sorgen, dass ihre Herrscher Frieden halten oder sie davonjagen. Oder wie soll ich die Kämpfe wirklich dauerhaft verhindern? Sie töten, alles andere wäre nur kurzfristig.“ –

„Aber Du handelst gegen die Krieger aus Bh?galpur…“ –

„Richtig. Weil sie harmlose Siedler überfallen und sogar töten. Darum verhindere ich das zuerst mal in meinem Gebiet. Würden sie gegen die Kriegerscharen eines anderen Provinzfürsten kämpfen, warum auch immer, und harmlose Siedler in Ruhe lassen, wäre es mir vollkommen gleichgültig, was sie machen.“ –

Tyria grinst irgendwie zufrieden.

„So langsam wirst Du ein Drache, der über sein Revier wacht.“ –

„Ich habe nicht vor, Menschen, Draccier oder sonst wen unmittelbar zu beherrschen, jeden einzelnen zu überwachen, wegen Kleinigkeiten zu bestrafen oder gleich zu töten. Nur über die Siedler, die friedlich und im Einklang mit der Lebenskraft im Drachenland leben wollen, werde ich auch direkt wachen. Aber insgesamt interessiert mich nur, dass die Völker nach den Regeln der Lebenskraft handeln. Sonst werden sie von mir ermahnt oder notfalls bestraft. Darüber hinaus müssen sie für sich selbst sorgen. Ich kann und will nicht jeden kleinen Konflikt verhindern. Sollen sie sich gegenseitig umbringen, wenn sie es so wollen. Nur wenn mich eine Siedlung, ein Stamm oder ein Volk um Hilfe bittet, werde ich mir anschauen, was dort passiert und entsprechend auch handeln. Ob die Abwehr eines schweren Sturmes oder das Vertreiben eines kriegerischen Feldherrn. Vielleicht mal einem übermotivierten Drachen, der sich verlaufen hat, überzeugen dass es bei mir anders läuft. Aber meine Hilfe muss dann für die Bittsteller nicht unbedingt positiv ausgehen.“ –

„Na… Dein Wortschwall ist aber noch nicht so der Drache…“ neckt mich Tyria. –

„Willst Du ´ne Antwort oder nur ein Ja oder Nein und Dir selbst überlegen, was ich damit sagen will…“ –

Sie lacht kurz.

„Schon gut. Mir ist der Mensch da irgendwo in dem dunkelblauen Drachen, der hier herumgrummelt, dann doch zu lieb geworden.“ –

Tascha grinst nur dazu und ich grunze kurz, aber doch zufrieden, dass sogar Tyria meine menschlichen Gedanken und Handlungen dem grummelnden und eher streng logischen Drachen vorzieht. Und selber vermutlich gerne ein paar unlogische und emotionale Denkweisen bei sich zulässt. – Tascha ist ohnehin anders sozialisiert, Draccier denken oft stur geradeaus, sind aber auch emotional und Tascha hat zusätzlich auch viel vom menschlichen Denken übernommen. Sie wird aber langsam mehr zur Drakari, logisch, aber auch emotional und anderen Völkern gegenüber offener als wir Großen Drachen.

Tja… und ich? Bin ich noch der Mensch in dem Drachen, der sein Prädatorenhirn zwingen will, menschlich zu denken? Ja, auch – noch. Ich spüre aber, dass es mir leichter fällt, wenn ich emotionslos und logisch denke, ich dann schneller und besser reagiere. Immerhin beherrscht mich das Denken des nicht erwachten Drachen nicht mehr. Jagen, fressen, schlafen, fi… Nachwuchs zeugen und nur wenig darüber hinaus – nur noch alte Urinstinkte mehr nicht. Þórr dagegen kann ich akzeptieren. Und der den Menschen auch.

Ich werde von Tascha aus meinen Gedanken gerissen.

„Da vorne ist ein Feldlager. Aber kaum Krieger, also ist das Kampfgebiet nicht weit.“ –

Wir waren den deutlichen Spuren eher langsam gefolgt, aber der Weg von der Siedlung war auch nicht sehr weit. Weniger als 4 Marschstunden einer Truppe zu Fuß im Gelände.

„Wozu dann ein Lager?“ fragt Tyria interessiert. –

„Menschen und Draccier bevorzugen es, sich vor einem Kampf auszuruhen. Schlafen, aufwärmen oder abkühlen, vor Regen oder Sonne schützen und natürlich essen.“ –

„Ah. Etwas was wir Drachen nicht brauchen. Erscheint aber logisch.“ –

Ich nicke.

„Ja. Ich habe auch aus der Bewegung heraus Gefechte führen müssen. Gerade nach einem schnellen Anmarsch sehr anstrengend und oft nicht sehr erfolgreich. Nur wenn unsere Ankunft den Gegner überraschte und wir damit unsere Seite deutlich verstärkten, war das von Vorteil. Sonst war eine Nacht Ruhe in der Nähe des Kampfplatzes sehr willkommen.“ –

Wir kreisen kurz über dem Lagerplatz, sehen aber zwischen den leeren Zelten nur wenige Menschen, die mit erschreckten Blicken zu uns hochschauen. Es sind offensichtlich keine Krieger, also vermutlich gehören sie zum Tross und warten darauf, dass die Krieger nach den Kämpfen ins Lager zurückkehren.

„Da geht die Spur weiter. Und die ist frisch“ meint Tascha. –

Wir folgen der Spur, die einen leichten Höhenkamm erklimmt – und auf der anderen Seite in eine Senke herabführt, die etwas tiefer liegt als das Feldlager.

„Was soll das denn?“ wundere ich mich.

„Der Höhenzug ist doch eine gute Stellung. Da müsste der Gegner erst hinauf und nach oben kämpfen.“ –

„Meinst Du?“ Tascha schaut mich nachdenklich an. –

„Ja. Drüben ist eine Stellung, die an so einer Hanglage oben ist, immer im Vorteil. Gegen Infanterie und gerade auch Kavallerie. Ich meine Krieger zu Fuß und welche auf Pferden.“ Ich hatte wieder mal fragende Blicke erhalten. –

„Hier kämpfen alle lieber in flachem Gelände. Die Krieger sind beweglicher.“ –

„Eine weite Ebene hat auch ihre Vorteile, keine Frage. Nur ist hier die Aufgabe des Vorteils von oben kämpfen zu können und sich in die nasse und schlammige Ebene zu begeben, nicht sehr klug. Gerade, wenn man sich verteidigen will.“ –

„Aber die Reiterkrieger…“ –

„…können auch zu Fuß kämpfen.“ –

„Aber…“ –

„Hey, Du brauchst sie nicht verteidigen. Da sind offensichtlich Unterschiede in der Art zu kämpfen, oder der Wahl des Kampfplatzes zwischen den Welten. Oder zumindest hier in meinem Revier. Es ist jedenfalls sogar aus meiner menschlichen Erfahrung ziemlich unlogisch, einen Vorteil so einfach aus der Hand zu geben. – Lasst uns noch höher steigen, ich möchte mir einen Überblick verschaffen.“ –

Beide nicken und wir gewinnen schnell weiter Höhe, soweit die Wolken uns noch Sicht gewähren zumindest. – ‚Unsere' Krieger sind noch ungefähr einen Kilometer weiter gezogen und haben sich am Rande einer größeren - und deutlich auch nassen - Ebene aufgestellt. Auf der anderen Seite dieser Ebene nehmen gerade andere Krieger, gut erkennbar an den grün-blauen Fahnen, ihre Positionen ein.

Die grün-blauen haben etwas weiter hinten in einer weiten Ebene gelagert, immerhin etwas trockener als hier in der Talsenke. Sie sind den Gelben aus der Siedlung allerdings deutlich an Anzahl überlegen. Allerdings dürfte die starke grünblaue Reiterei hier auf dem weichen Boden kaum einzusetzen sein, was die Übermacht weitgehend wettmacht.

„Das andere Lager dürfte schon 1 oder 2 Tage dort aufgebaut sein. Vermutlich wollten die erst die Siedlung auskundschaften“ meint Tascha zur Lage. –

„Und wurden wohl vom Gegenangriff etwas überrascht“ grinse ich.

Auch wenn der Angriff erst noch stattfinden wird, ist die Aufstellung der grünblauen etwas durcheinander, wie mir scheint.

„Wollen wir uns das anschauen, oder willst Du weiter?“ Tyria deutet nach unten. „Da vorne wäre eine höher gelegene Stufe, von der aus wir das Schauspiel gut betrachten können.“ –

„Gut, es ist noch lange genug hell, ich würde mir so ein Gefecht gerne mal anschauen.“ –

„Und versuchen zu vermitteln, wie ich vermute“ höre ich noch von ihr, als sie schon in engen Kreisen nach unten rauscht. –

„Wenn beide Seiten das wünschen. Aber einfach so einmischen werde ich mich nicht.“ –

Tascha ist ihr schon gefolgt, ich warte noch ein wenig, bis beide unten angekommen sind und machen dann einen Sturzflug direkt zu dem Absatz dort am Hügel, wo die beiden gerade landen. Dann drehe ich meine Schwingen in die Luftströmung, fange den Sturz ab und gleite ein Stück über sie hinweg, ehe ich mit einer engen Kurve wende. Kurz über den beiden, richte ich mich hoch auf und lasse mich mit kurzen Schwingenschlägen in einer möglichst fließenden Bewegung zwischen den beiden erst auf die Füße und dann weiter zu Boden gleiten, bis ich direkt dort aufgerichtet sitze.

„Warum musst Du so etwas immer machen…?“ kommt von Tyria.

„Lässt uns andere immer schlecht aussehen…“ –

„Na komm. Ihr Weibchen habt da eine natürliche Eleganz, bei euch würde noch ein Bauchklatscher großartig aussehen. Da muss ich doch irgendwie gegenanstinken.“ –

Tascha schnuppert.

„Stinken? Du riechst nicht…“ –

Tyria verdreht die Augen bei meiner Antwort.

„Auch Du würdest mit einer Landung wie wir anderen gut aussehen. Du hast einen natürlichen Stolz in Deiner Haltung. Du hast sowas nicht nötig, um im Vergleich zu uns gut auszusehen.“ –

„Ah“, kommt von Tascha, die jetzt verstanden hat, was ich meinte. –

„Ja… aber es macht auch einfach Spaß…“ erwidere ich grinsend. –

„Du Mensch…“ Tyria grinst auch breit, was vermutlich in den Kriegern da etwas tiefer vor uns, gerade so einige Befürchtungen wachsen lässt, ist schon bedrohlich genug, dass da drei Drachen hocken…

Ein prächtig gerüsteter Mensch von den Gelben treibt sein Pferd an und kommt mit 2 Anderen, die ihm eher zögerlich folgen, auf uns zu. Er steigt unten von seinem Pferd und kommt die nicht sehr steile Böschung zu uns hoch, während die anderen sich lieber unten in vermeintlicher Sicherheit wähnen. Oben angekommen wirft er sich vor uns in den Staub… oder eher ins nasse Gras, immerhin kein Matsch.

„Edle Lords Drachen, ich hoffe wir haben mit unserem Krieg nicht Euer Missfallen erregt.“ –

In dem Moment kommt auch einer der Grünblauen mit silberglänzendem Harnisch in schwarzen Gewändern an – und macht sicherheitshalber auch seinen Kotau vor uns.

„Meine Lords. Wir wollen euch nicht in Eurem Tun stören. Aber diese da…“ er zeigt unbestimmt in die Richtung der Gelben „…diese Räuber zwingen uns dazu, Krieg gegen sie zu führen.“ –

„Tss…“ Tyria stößt sogar eine kleine Flamme aus, um ihre Verachtung zu zeigen.

„Diese Würmer benehmen sich wie kleine Nestlinge und nennen das ‚Krieg'…“ –

Sie war auch von den Menschen sehr deutlich zu verstehen.

Der Gelbe kriecht fast noch tiefer in den Boden.

„Oh… verzeiht edle Lady, ich wollte Euch nicht beleidigen.“ –

Solange Tyria noch etwas grollt, versuche ich Antworten zu bekommen.

„Warum führt ihr Krieg?“

Sofort beginnt ein heftiges Durcheinandergeschreie der beiden. Jeder macht dem anderen Vorwürfe, jede Seite ist überzeugt als einzige Recht zu haben und hat dabei wohl schon seit langem vergessen, worum es ursprünglich mal ging. Jedenfalls sind die Argumente, soweit ich was in dem Redeschwall verstehe, völlig belanglos.

Nach ein paar Minuten merke ich wie Tyria zunehmend zorniger wird, ihre und sogar Taschas Augen leuchten gefährlich. Also beende ich die gegenseitigen Vorhaltungen kurz.

„Schluss damit.“ In Ermangelung eines Feueratems lasse ich einige Lichtbögen zwischen meinen Hörner tanzen. Was auch eine deutliche Wirkung hat.

„Alles was ich höre, beweist mir, dass nur ihr beiden euch die Schwerter um die Ohren hauen, aber eure Stämme dabei herauslassen solltet. Meine Partnerin hat Recht, ihr benehmt euch wie Nestlinge, die sich ein Spielzeug neiden. Ich rate euch, euren Streit unter euch alleine auszutragen. Wenn ihr aber eure Krieger lieber sich gegenseitig töten wollt – wir werden euch nicht hindern, aber auch keine Seite unterstützen. Ihr Menschen seit so erbärmlich.“ –

Röhrend fauche ich die beiden an, springe dann aus dem Sitzen in die Luft und steige mit kräftigen Schwingenschlägen hoch in die Wolken. Nur wenig später startet auch Tascha mit einem Vorwärtssprung und steigt ebenfalls schnell. Tyria vertreibt mit einer noch harmlosen, aber beeindruckenden Flamme die Menschen und folgt uns dann geradezu gemächlich, bis auch sie dann schnell in die Wolken steigt – jetzt macht sie ihre Show, wie ich – wieder etwas ruhiger – grinsend feststelle.

Ich warte kreisend auf die beiden wobei Tascha schnell bei mir ist.

„Ich glaub es nicht… wegen solchen Idioten müssen Menschen und auch Draccier immer wieder ihr Leben opfern. Und das sind nicht die einzigen Menschenfürsten, die als Nestling mit dem Bad ausgeschüttet wurden.“ –

Ich grinse noch breiter.

„Ah, den Spruch kennt man hier auch. Aber ja. Du hast Recht.“ –

Tyria schließt sich uns an.

„Ich hoffe Du verstehst, warum ich Menschen nicht als intelligent ansehen kann? Und Tascha, Du warst ja kurz davor die beiden mit Blitzen zu vernichten.“ –

Die nickt.

„Ja verzeiht. Aber ich habe leider selber einige Typen erleben müssen, die wegen solchem Unsinn ihre Krieger sterben ließen. Natürlich werden die beiden nicht Deinem Vorschlag, sich direkt zu duellieren folgen, mein Gebieter.“ –

„Natürlich nicht, habe ich auch nicht erwartet. Aber ich mag mir das jetzt auch nicht mehr anschauen, lasst uns zur nächsten Übernachtung fliegen und unterwegs etwas zu essen suchen.“ –

„Gute Idee.“ Tyria orientiert sich kurz, wo wir hin müssen, vielleicht 30 km westlich von hier ziehen sich einige bewaldete Höhenzüge in südliche Richtung und wo wir eine kleine Höhle finden, aber da wir heute noch keine vier Stunden unterwegs und erst etwas über 800 km geflogen sind, schlage ich vor noch die anderthalb Stunden und damit 400 km weiter nach Süden zu fliegen, wo uns eine nach der Beschreibung deutlich größere Höhle wieder in der Nähe eines größeren Wasserfalls erwartet.

„Hättest Du mir vor einem Mondlauf gesagt, dass ich gestern so eine Strecke fliege und heute nach nochmal 2/3 wie gestern Dir locker antworte: Ja, lass uns die 1.200 km noch voll machen – ich hätte Dich für verrückt erklärt“ grinst Tascha sichtlich stolz.

„Also ja, lass uns weiterfliegen.“ –

Tyria grinst breit als sie mich anschaut und den Kurs ändert.

„Frag den Nachthimmel doch mal, was er vor einem Mondlauf noch gesagt hätte.“ –

„Alle amtlich für verrückt erklären lassen, die sowas behauptet hätten. Auf eigener Schwinge fliegen… können Menschen nun mal nicht“ grinse ich ebenso breit mit. –

„Und hast doch schon nach kurzer Zeit mehr als die 5-fache Strecke in nur zwei Sonnenläufen zurückgelegt.“ –

„Naja. Die ersten 4.500 bin ich ja als Blitzbündel unterwegs gewesen. Dann noch so 250 mit Kyrin gebummelt bis zur westlichen Wohnstätte. Den Rest dann normal immer entlang der Berge geflogen. Also so gesehen nichts Besonderes“ versuche ich abzuwiegeln. Wobei ich mit Kyrin nicht wirklich gebummelt habe, Er ist ein sehr guter Flieger. –

„Nichts Besonderes? Am Großen Wall entlang eine Strecke, für die ein Drache 7 Stunden braucht, ich mit heraushängender Zunge vielleicht 6 und ein bisschen, die bist Du nochmal 2 Stunden schneller als ich geflogen…“ und für Tascha ergänzt sie „Fühl Dich jetzt nicht herabgesetzt. Erce war mir wohlgesonnen und hat mir sehr kräftige Flugmuskeln gewährt, daher kann ich noch etwas schneller fliegen als die meisten Drachen. Du bist gut genug, nicht nur NüShi hinter Dir zu lassen.“ –

„Ja Tascha, Du fliegst jetzt mindestens so ausdauernd wie jeder andere Große. Aber jetzt wissen wir, warum Tyrias Formen noch etwas deutlicher ausgeprägt sind.“ Ich greife mir an die Brust, was beide verstehen. –

„Männchen…“ kommt von Tyria und Tascha kichert.

„Ja, ich fühle mich auch besser und sicherer in der Luft als früher, bevor ich Dich getroffen habe.“ –

„Ich frage mich nur, woher Du das alles so genau weißt, Wölkchen… wir haben darüber noch nie so genau gesprochen.“ –

Tyria grinst fiese.

„Ich mag die Anrede sogar… Aber solltest Du mich je so in Gegenwart anderer nennen… - Und ich habe da so meine Informanten…“ –

„Kyrin…“ –

„Ja, den auch. Und Deine Wächter der Wohnstätten. Ich habe ja ein wenig auf das Revier aufgepasst, nachdem Valarinn fort war. Und die Drakarin waren ja nicht in meinem Dienst, ich habe sie neutral behandelt und sie haben mich über alles interessante informiert.“ –

„Oh, Lady Tyria war mal freundlich zu den Drakarin“ stichelt Tascha, grinst dann aber verlegen. –

„Nicht mal freundlich. Nur eben nicht so ablehnend wie bei mir zu Hause. Sie dienten ja Valarinn, daher sagte ich ihnen, dass sie mir und dem nächsten Revierbesitzer helfen, wenn sie ihre Aufgaben weiter erfüllen.“ –

„Das war dann für Lady Tyria schon freundlich.“ –

„Ja vermutlich. Ich denke sogar darüber nach, auch in meinem Revier ein paar Drakarin einige Wohnstätten zu überlassen, wenn sie mich etwas unterstützen. Ich bin jetzt vermutlich ja oft bei dem Nachtfalter hier…“ –

Über den ‚Nachtfalter' schmunzelnd frage ich nach.

„Du sagst ‚Wohnstätten'?“ –

„Wenn sie mir helfen und aufpassen sollen, muss ich wohl die eine oder andere geräumige Höhle dafür abgeben… Selbst ich sehe ein, dass für ein Notlager wohl kein Drakarin sich mit einer ungnädigen Magmadrachin herumärgert“ sie lacht kurz grollend.

„Da ist in Sichtweite zu meiner hauptsächlichen Wohnstätte eine recht geräumige Höhle mit Nebenkammern, gutem Wasser und auch einer heißen Quelle. Ich habe die nicht genutzt, weil ich dort nicht zwei brauche. Die kann ein Drakarin für sich einrichten. Und mit dem Recht zu jagen kann er da sicher eine Familie gründen. Und bei ein oder zwei anderen Höhlen lässt es sich einrichten, dass ich da übernachten kann, ohne eine Drakarinfamilie besonders zu stören.“ –

Tascha schüttelt ungläubig den Kopf.

„Lady Tyria, brodelnder Vulkan und Schrecken der Völker, ist bereit Drakarin in ihren Wohnstätten zu dulden und sogar bei ihnen zu übernachten? Hat Erce ein Wunder vollbracht?“ –

Tyria seufzt.

„Ich verstehe, warum das so wundersam scheint. Noch vor tausend Sommern hätte ich jeden in einem Lavasee versinken lassen, der so etwas auszusprechen wagte. Aber seither hat mich der Einfluss von Vater nachdenklich gemacht. Dann den blauen hier mit seiner menschlichen Seele, der mir gezeigt hat, dass es auch anders geht. Ja und der jetzt hier eindeutig als Drache, der mir täglich beweist, dass er mit allen freundlich zusammenleben kann – und doch auch ein Drache bleibt oder ist, wird, was auch immer. Der Verwalter der Wohnstätte im Westen sprach begeistert von dem neuen Herren dieses Reviers und der von unserem Wohnsitz, war auch von der Hilfsbereitschaft überrascht. – Du hast schon Menschen bestraft und Drachen vernichtet und doch begegnet man Dir, ohne Dich zu fürchten.“ –

„Oh… ob man auch auf mich hört, muss sich noch zeigen. Und mich nicht fürchten… Das erlebe ich noch etwas anders.“ –

„Frag mal die anderen Drachen“ meint Tyria augenzwinkernd.

„Ich jedenfalls finde es sehr angenehm, nicht immer als die grausame Vernichterin ganzer Ländereien gesehen zu werden.“ –

„Warst Du das denn?“ –

„Ich habe ein paar Siedlungen vollständig in Lava versinken lassen, zwei mit den Bewohnern. Und glaub mir, die hatten es auch nicht anders verdient. Die meisten, die mir nachgesagt werden, sind durch natürliche Vulkanausbrüche untergegangen, ohne dass ich nachgeholfen habe. Das hat mich aber nicht gestört, verstärkt den Ruf ja nur.“ –

„Vulkane?“ –

„Ich hatte ein Revier weiter im Osten am Ozean und angrenzend an das von NüShi. Da sind ja mehrere Vulkane aktiv. Das jetzt habe ich seit 500 Sommern. Wieder neben NüShi – was unsere Freundschaft erhielt.“ –

„Aber in Deinem jetzigen Revier sind auch in der Glut geschmolzene Siedlungen…?“ fragt Tascha vorsichtig. –

„Richtig. Die sind von mir“ bestätigt Tyria ruhig.

„Aber das waren keine normalen Siedlungen. Wie nanntest Du es damals drüben, Eldingar… ich glaube Burg. Also hauptsächlich von Kriegern besiedelte Orte. Auch sonst nur gezielt, Siedlungen allgemein habe ich fast immer verschont. Dass die dann manchmal nach einer Ermahnung von mir, verlassen wurden, war nicht mein Ziel.“ -

Das ist wohl alles aus der jeweiligen Perspektive zu sehen. In den Augen der Menschen oder Draccier war sie sicher eine schreckliche Strafe aus dem Himmel. Drachen haben sie wohl eher als selektiv wirkende, doch auch schnell handelnde, Bestraferin betrachtet. Auch wenn ihr das heute in der Form etwas unangenehm ist, zumindest mir gegenüber. Aber das wird sie den anderen eher nicht so zeigen. Ich bin gespannt, wie sie anderen, fremden Drachen gegenüber agiert.

Die beiden sprechen noch miteinander, lassen mich aber aus Höflichkeit halb mithören. Ein paar Entschuldigungen wegen der ironischen Bemerkungen und von Tyria die dann auch an mich gerichteten Bekundungen, dass sie diese kaum versteckte Kritik durchaus verstehen kann, dann wird es zunehmend undeutlicher und ich verfolge das nicht weiter

4.

Die Landschaft unter uns wird wieder bewaldeter, denn auch in dieser Welt gehört das Land hinter uns zu einer verhältnismäßig trockenen Zone, wenn es hier auch noch mehr eine Feuchtsavanne ist, was drüben eher als Steppe erscheint. Und hier in den bergigen Gebieten nahe dem Meer, gibt es keine richtige Trockenzeit und es regnet immer genug für ausgedehnte Wälder.

Wir sind seit einiger Zeit auch aus der dichten Wolkendecke herausgekommen und fliegen durch lockere Kumuluswolken. So erkennen wir in dem dunstig blauen Streifen rechts von uns am Horizont schließlich das Meer, das nur noch 100 km weit weg ist. Wir sind hoch genug bis dahin sehen zu können, denn wir sind beim Abflug in den Wolken auf mehr als 800 Meter Höhe aufgestiegen, um nicht versehentlich den Bergen dort zu nahe zu kommen. Und da unterwegs auch noch einige Berge auf 600 bis 700 m auf unserem Kurs liegen – bzw. lagen und Tyria einen direkten Weg einschlagen wollte, sind wir einfach da oben geblieben, auch weil ich dort ruhige und günstige Winde für uns erspüren konnte.

Ungefähr 50 km vor dem Ziel gehen wir in den Gleitflug und langsam wieder tiefer. Noch ein Höhenzug mit 400 m dann noch ein paar Km etwas niedriger. Wir beginnen zu kreisen, denn die kaum 100 m breite Schlucht, die von dem etwa 30 m hohen Wasserfall in die Hochebene eingeschnitten wurde, ist nicht so leicht zu finden, da die auch einen Haken direkt vor dem Fall schlägt. Wir schauen also in alle Täler, finden auch Wasserfälle – allerdings weniger hohe – bis wir doch einen finden, der den Beschreibungen zu entsprechen scheint.

Der Eingang soll flussauf rechts in der Felswand sein, ich finde eine konkave Ausbuchtung, die an der linken Seite eine Art senkrecht verlaufene Falte hat, die im Schatten liegt und gerade breit genug für uns wäre.

„Ich schau mal“

sage ich und fliege die Spalte auch schon seitlich an. Etwa auf halber Höhe scheint mir das auch tiefer rein zu gehen, ich korrigiere meine Höhe, nehme eine leicht vorspringende Stelle kurz vor der Spalte zum Ziel – dann Schwingen hoch, die Felsen sind sehr nahe, Viertelrolle links, Krallen ausfahren… und pralle etwas heftiger als gewünscht gegen die Felsen, an denen ich mich aber gut festkrallen kann. – Wäre das nichts geworden, hatte ich mich schon auf eine Art Absprung von der Wand und die Landung auf allen vieren eingestellt. Die 10m sind ja kein Problem für uns.

Aber nun hänge ich Riesengecko da an der Felswand und schaue in die Falte, richtig – da geht ein Gang weiter, macht einen Bogen nach rechts tiefer in den Felsen hinein. Und gerade groß genug für uns.

„Hier geht's rein. Ich mach mal Platz.“ –

Der Fels ist hier zwar senkrecht, hat aber genug Poren und kleine Spalten, dass ich recht leicht daran entlang klettern und in die Spalte kriechen kann, wo ich im Gang schnell wieder ebenen Boden unter den Tatzen habe.

Ich bekomme noch mit, dass Tyria im Tal landet und sich lieber durch die Büsche schlägt. Sie braucht sich ja nur aufzurichten, dann erreicht sie den Gang ja schon. Und Tascha fliegt die Felswand lieber frontal an und krallt sich am oberen Rand daran fest um dann runterzuklettern. Beides deutlich sicherere Methoden ohne die Gefahr, abzustürzen.

Der Gang macht einen sanften Bogen nach rechts und steigt dabei minimal an. Wohl damit kein Wasser weiter eindringen kann. Gleich nach dem Bogen weitet sich der Gang zur geräumigen Höhle. Meine Sinne zeigen mir, dass es zudem noch drei Nebenhöhlen gibt, aus der ganz rechts vernehme ich ein leises Gurgeln, da fließt also Wasser. Die beiden anderen sind recht dick mit Stroh – oder etwas ähnliches – ausgelegt. Anscheinend also Schlafräume. Die mittlere ist etwas größer, gerade ausreichend für uns drei, eng zusammengekuschelt. Ich denke mal, dass diese von den beiden bevorzugt wird. Die anderen reichen kaum für zwei und getrennt von mir werden die beiden sicher nicht schlafen wollen. Ja und ansonsten ist hier in der Haupthöhle in einer Ecke eine Menge Stroh, Heu und Felle aufgehäuft, weiche Felle, wie ich fühlen kann - ein bequemes Lager also. In der Mitte der Höhle sind einige größere Steinbrocken in einer flachen, schalenförmigen Vertiefung im Boden, zu einem Haufen zusammengepackt. Scheint so eine Art Ofen zu sein. Laut meinen Sinnen enthalten sie viel Metall, hauptsächlich Eisen - Ein oder zwei kräftige Blitze machen daraus einen Lichtbogenofen und die dann aufgeheizten enggepackten Brocken halten für einige Zeit die Wärme. Ein Blitzdrachen Lagerfeuer, dass aber auch Drachen mit Feueratem in Betrieb setzen können.

Das Rascheln im Eingang verrät mir, dass Tascha hereinkommt. Noch im Eingang holt sie den Drachenlichtkristall heraus, denn sie kann ihre Umgebung ohne etwas Licht oder deutliche Wärmeunterschiede nur schwer erkennen. Sie sieht dann noch weniger als ich, hier in der Höhle erkenne oder besser spüre ich wenigstens noch die Umrisse von Hindernissen, Wänden oder so etwas. Wohingegen Tyria keine Schwierigkeiten hat, selbst in völliger Finsternis ihre Umgebung noch deutlich zu erkennen. Lebendiges allerdings erkennen wir beiden Blitzdrachen auch ohne Licht oder Wärmeausstrahlung anhand der winzigen elektrischen Impulse sehr gut. Also selbst Pflanzen oder Pilze, von denen es hier aber kaum welche gibt. Weshalb Tascha eben das Drachenlicht nimmt.

„Du kannst ja so was sehen, aber ich erkenne sonst nur Dich.“ Sagt sie mit einem Schulterzucken. –

„Wirklich sehen kann ich auch nicht. Das ist mehr eine Art Schattenbild – Umrisse und so. Vermutlich vermischen sich akustische Echos von meinen Schritten und Störungen, die Hindernisse in meinem Energiefeld erzeugen, zu einer ziemlich geisterhaften Wahrnehmung meiner näheren Umgebung.“ –

Tascha schließt die Augen.

„Hmm… ja, wenn ich mich darauf konzentriere, spüre ich so eine Art Energiewolke in Drachenform von Dir.“ –

„So ähnlich, ja. Deine Lebensenergie spüre ich deutlich als fast massive Form. Der Raum ist eher so eine Art Nebel mit wabernden Formen. Dicht dran wird es deutlicher, aber insgesamt verändert sich alles etwas, wenn ich mich bewege.“ –

„Also auch nicht richtig hilfreich?“ –

„Reicht immerhin, dass ich mir nicht die Nüstern stoße.“ –

Zwar erkenne ich in einer Höhle durch den begrenzten Raum schon etwas mehr, als nur nicht wo gegen zu rennen, aber dass das ‚Drachenlagerfeuer' doch lockerer gestapelt mit Hohlräumen ist, sehe ich erst jetzt mit Licht. Das wirkte vorhin sehr kompakt auf mich.

Tyria betritt jetzt, fast ohne ihre Schuppen über die Wände zu schleifen, die Höhle.

„So wenig seht ihr im Dunklen? Oh… wenn mir die Wärmesicht nicht ausreicht, mache ich mit meiner Wärme sozusagen das Licht an.“ –

„Leider mit einer Wellenlänge, die wir – ich zumindest – nicht mehr sehen können. Deine Körperwärme erkenne ich, wie die von allen warmblütigen Wesen, aber dass Du etwas beleuchten kannst, habe ich nie bemerkt.“ –

„Und ich kann halt keine Blitze spüren, solange die mich nicht treffen…“ erwidert Tyria mit einem ironischen Grinsen.

„Geht ihr beiden heute jagen?“ –

4.1

Ich nicke.

„Wenn Tascha mit mir fliegen mag.“ –

„Klar. Ich bin schon gespannt, wie Du jagst.“ –

„Das wird eher langweilig. Mit Blitzen jagen wirkt auf andere als würde ich gelangweilt nebenbei mal nen Blitz abfeuern und anschließend ein paar tote Tiere einsammeln… wirklich Jagdfieber habe ich jedenfalls nicht dabei.“ –

„Für mich nicht, ich bin doch auch Blitzdrachin und würde das von Dir gerne lernen. Ich habe ja immer nach Art der Draccier gejagt… mit dem Bogen oder Fallen.“ –

„Nicht aus der Luft angeflogen und zugegriffen? Oder als Anthro eine Beute angesprungen und niedergerungen?“ –

Tascha schüttelt den Kopf.

„Nein. Das als Drache aus dem Flug ein Beutetier greifen… das hat Tyria mir gestern erst gezeigt. Da habe ich mich wohl auch ziemlich dumm angestellt. Und als Anthro anspringen und niederringen…? Macht ihr sowas?“ –

Nun schüttelt Tyria grinsend den Kopf.

„Gestern warst Du noch unsicher. Aber Du hast beim ersten Versuch ein Rind gegriffen. Die Krallen dabei noch konsequenter einsetzen und Du bist eine gute Jägerin. Nach Art der Drachen meine ich. – Aber als Anthro habe ich auch noch keine Beute gemacht. Schon weil ich nur selten und eher heimlich den anderen Körper genutzt habe. Ich war noch nie ganze Sonnenläufe durchgehend im Anthrokörper, erst die letzten Tage bei unserem Nachthimmel. Lohnt sich das, so zu jagen?“ –

„Was die Menge an Beute betrifft, lohnt das eher nicht. Da können wir so jetzt deutlich mehr erwischen. Gerade als Blitzdrache. Und es ist natürlich anstrengender, so ein Wildrind oder auch die großen Hirsche des Nordens sind ja doch recht kräftig. Aber es ist auch befriedigender, seine Beute so im Zweikampf niederzuringen. – Auch wenn die dann eigentlich keine Chance mehr hat.“ –

„Haben die überhaupt eine?“ –

„Wenn sie uns früh genug bemerken, können sie weglaufen. Sie können beim Versuch sie zu packen noch ausweichen… Solange wir auf das Fliegen und unsere Kräfte bewusst verzichten, haben sie schon eine Chance.“ –

„Aber warum sollten wir?“ –

„Ich habe es gerne gemacht, mein erstes Mal war zwar auch erschreckend, weil ich als Drache meine Beute fast als Teil von mir spürte, aber auch ein tolles Erlebnis – spannend, erregend, mächtig. Sehr viel intensiver als einen Hirsch aus der Luft blitzdingsen.“ –

Tyria hebt überrascht eine Augenbraue… also die Schuppenlinie über den Augen.

„Ja… wenn Du so jagst. Wir mit Feueratem vermeiden das ja, weil wir die so angebrannte Beute einen unangenehmen Geschmack bekommt. Deine – eure Blitze sind ja anders. – Ja gut, dann kann ich verstehen, dass Du eine mehr körperliche Jagdmethode bevorzugst. Wir greifen uns die Beute ja aus der Luft. Und je nach Beutetier klappt das nicht immer auf Anhieb.“ –

Tascha schaut mich zweifelnd an.

„Und Du willst jetzt als Anthro mit Krallen und Zähnen…?“ –

„Nein. Heute mit Blitz und Donner. Als Anthro können wir das dann irgendwann mal bei uns oben machen, wenn Zeit ist.“ –

„Gut. Also ich möchte es schon mal probieren, aber wer weiß, ob wir hier genügend Beute so schnell finden.“ –

Ich nicke und Tyria ergänzt noch.

„Es machen auch nur sehr wenige. Beute wie ein Tiger zu jagen wird als urtümlich und viel zu emotionsgeladen angesehen. Es wird akzeptiert, weil es die ursprüngliche Jagdmethode ist aber ein paar halten es auch für grausam. Wir können Beute schnell töten ohne langen Todeskampf.“ –

„Da könnte ich jetzt…“ meine ich grinsend. –

„Ja ich weiß. Und du hast ja Recht“ grinst Tyria zurück.

„Mit Deinen Blitzen ist Deine Beute schon tot, ehe sie überhaupt weiß, dass sie gejagt wird. So schnell sind auch wir nicht. Ich werde Dir auch nicht ausreden, als Raubtier zu jagen, Du bist ja eigentlich auch noch eines.“ –

„Grawwll“ –

„Du betonst ja oft genug, dass Du ein halbwilder Urdrache bist“ sagt Tyria grinsend.

„Und nun los ihr beiden, sonst ist es dunkel, ehe ihr loskommt.“ –

Grinsend krabbele ich durch den engen Eingang, so ganz ohne abgeschabten Sand bekomme ich es nicht hin. Ich bin zwar insgesamt schlank und drahtig, aber doch noch etwas kräftiger gebaut als Tyria und Tascha. Direkt aus dem Eingang klettere ich die knapp 20m Felswand hoch, um von dort dann über dem Tal leichter starten zu können. Tascha folgt mir, denn besonders für sie ist es mit etwas Luft unter den Schwingen sehr viel einfacher.

Kurz darauf sind wir in der Luft und da hier wohl schon länger die Sonne scheint, finde ich auch schnell Thermik, die uns nach oben trägt. Tascha bemüht sich, mir genau zu folgen, um den Aufwind ebenfalls nutzen zu können und steigt mit wenigen Schwingenschlägen ebenfalls kräftesparend höher.

In weiten Kreisen suchen wir geeignetes Wild, hier gibt es vor allem eine etwas größere Hirschart als bei uns oben, die als Beute ideal wäre. Aber die trauen sich nicht aus der Deckung, die ihnen die Bäume geben. Und im Flug durchs Geäst zu brechen ist besonders für Tascha nicht empfehlenswert. Andererseits sind sie auch mit Blitzen nicht so leicht zu treffen. Seufzend ziehe ich die Kreise weiter, irgendwas wird sich schon finden.

4.2

Eine Empfindung wird in mir deutlicher. Eine Bitte. Eine Bitte an den Großen Hüter der Wiesen und Wälder. Tief unter mir humpelt langsam ein Hirsch auf eine kleine Lichtung heraus. Offensichtlich ist er verletzt und bittet mich um einen schnellen Übergang in den Lebensstrom. – Ich überlege nicht mal, es war die wichtigste Aufgabe, mit der Erce mich damals betraut hatte. Wir sollten das Leben schützen und bewahren, aber auch langes Leiden verhindern und ein Leben, dass zu Ende geht, in den Lebensstrom führen. Damals habe ich geschworen, diese Aufgaben über alles andere zu stellen – heißt vorrangig zu behandeln – und das gilt für mich auch heute noch.

Ich breche über die linke Schwinge ab und gehe in engen Kreisen schnell tiefer, fast trudele ich schon. Daher rufe ich Tascha zu, dass sie es langsamer angehen soll und nicht unbedingt landen muss. Kurz über der Lichtung fange ich mich ab und setze sanft auf, direkt vor dem Hirsch. Ein alter Bulle, ungewöhnlich groß und sicher schon lange der Herr über sein Rudel und Vater vieler Kinder. Aber jetzt ist ein Vorderlauf verletzt und er wirkt müde. Nach einem kurzen Blick dreht er um und humpelt langsam unter die Bäume, ich weiß, er möchte, dass ich mitkomme.

Nach ein paar Schritten stehe ich vor einem anderen Hirschbullen am Fuß einer Felsklippe. Auch dieser sehr groß, aber sehr viel jünger. Und schwer verletzt. Mit wenigen Blicken sehe ich, was passiert ist. Die beiden haben um die Alpha-Position gekämpft. Der junge eigentlich deutlich im Vorteil, aber der alte erfahren und listig. Der junge Kämpfer ist vom Felsen abgerutscht und hat sich dabei einen Hinterlauf, einen Vorderlauf und etliche Rippen gebrochen. Die Lunge ist verletzt, wie ich an dem schlürfenden Röcheln bei seiner Atmung höre.

Als ich vor ihm stehe, hebt der Hirsch seinen Kopf, seine Augen werden noch einmal klar, aber sehr deutlich steht in ihnen die Bitte um Erlösung. Er muss heftige Schmerzen haben. Ich lege meine Hand so vor ihn, dass er seinen Kopf auf meine Handfläche sinken lassen kann. Meine Lebenskraft umfängt ihn, er entspannt sich sichtlich, ich kann ihm die Schmerzen nehmen – Nehme seine Lebenskraft an und leite sie durch mich an Erce.

„Gehe ins Licht. Gehe auf die ewigen Weiden und lasse den Schmerz und das Leid hinter Dir. Erce erwartet Dich.“

Seine Augen leuchten noch einmal, dann strömt das Leben aus ihm und er sinkt zusammen. Er ist angekommen.

Ich lasse seinen Kopf sanft auf den Boden gleiten und wende mich an den alten Bullen, der das alles betrachtet hat.

„Du bist nicht so schwer verletzt, Dein Bein wird heilen.“

Doch sein Blick ist unendlich müde. Deutlich spüre ich seine Bitte, auch gehen zu dürfen. Nun… er hat vermutlich schon länger gelebt, als es seiner Art normal gewährt ist. Alle Gelenke schmerzen und sein Gebiss erlaubt ihm vermutlich kaum noch genug Nahrung aufzunehmen.

Ich halte ihm ebenfalls meine Hand hin, er legt seinen Kopf darauf. Meine Lebenskraft umhüllt seine Seele, auch er entspannt sich, auch seine Augen leuchten noch einmal jugendlich auf, als er das Licht und die grünen Weiden erblickt.

„Gehe auch Du ins Licht. Auf die ewigen Weiden und sei für immer der Leithirsch. Auch Du wirst von Erce erwartet.“ –

Auch seine Lebenskraft strömt durch meine und geht in den ewigen Strom des Lebens ein. Sein Körper fällt zu Boden, nachdem das Leben ihn verlassen hat.

Ich hocke noch eine Weile da, schaue auf die beiden leeren Körper und zu dem imaginären Punkt, in den ich ihre Seelen, ihre Lebenskraft geleitet habe. Tascha hatte das Ganze mit ein paar Schritt Abstand angeschaut und kommt jetzt langsam zu mir, setzt sich zu mich und schmiegt sich an.

„Was war das, mein Gebieter?“ –

„Du weißt, dass die großen Drachen sich auch als Hüter bezeichnen?“ –

„Ja. Aber ich weiß nicht genau, was sie behüten. Ich habe es immer auf den Schutz dieser Welt bezogen.“ –

„Nun, als wir damals zu den Drachen Erces wurden, war unsere wesentliche Aufgabe das Leben dieser Welt zu behüten. Und dazu gehörte auch, vergehendes Leben in den Lebensstrom zu leiten. Dabei Schmerz und Leid zu nehmen und die Seelen mit positiven Gefühlen auf ihren Weg zu leiten.“ –

„Und das hast Du eben gemacht?“ –

„Ja. Als ich gejagt habe, hatte ich vergessen, wie ich es eigentlich machen sollte. Und auch später habe ich ein verletztes Tier mit einem schnellen Blitz gehen lassen. Aber ich weiß jetzt wieder, dass wir damals unsere Verbindung zur Lebenskraft dazu nutzen konnten, die anderen sanft und ohne Angst oder Schmerz gehen zu lassen. Das habe ich nun wieder so gemacht.“ –

Sie schaut mich irgendwie besorgt an.

„Aber Du kannst ja nicht überall in Deinem Revier die kranken und verletzten Tiere begleiten…“ –

„Das ist mir bewusst. Alle finden auch ohne meine Hilfe den Weg in den Strom des Lebens zurück. Mit meiner Hilfe müssen sie nur nicht länger leiden bis dahin. Der jüngere Hirsch hätte sonst vielleicht noch einen Sonnenlauf zu leben gehabt, der alte wäre vielleicht in einem Mondlauf verhungert. Aber ich kann nicht alle begleiten, das ist richtig. – Übrigens gilt meine Begleitung auch für Draccier und Menschen. Wenn sie es wollen.“ –

„Wollten die Krieger neulich das denn?“ –

„Nein. Sie haben auch deutlich Schmerzen gespürt. Aber unbewusst habe ich sie dann doch begleitet.“ –

„Du kannst also jeden, jederzeit…“ –

Ich schüttele den Kopf.

„Nein. Also eigentlich ja, schon. Aber wenn ich spüre, dass mein Gegenüber noch ein längeres Leben vor sich hat, wird es für mich schon schwer, ihn einfach hinüber zu geleiten. Ein schwer verletzter Krieger, der aber noch einen längeren Lebensfaden hat, wird mich vergebens bitten, ihn gehen zu lassen. – Aber natürlich kann ich ihn auch aufschlitzen oder verblitzen, dann ist der Faden eben abgeschnitten.“ Ich grinse kurz. –

Sie verzieht das Gesicht kurz.

„Ja, klar. Hmm, wie rufen Dich die Sterbenden denn? Ich habe nichts gespürt oder gehört.“ –

„Wenn sie einen Drachen sehen – oder in der Nähe spüren, das weiß ich nicht – und den Wunsch haben zu gehen, spüre ich das in der Lebenskraft. Da gibt es so eine Art Rückkopplung. Ich spüre, dass ihre Seele bereit ist zu gehen und ihr Leben auch bald endet - und sie spüren dann, dass ein Drache bereit ist, sie gehen zu lassen. Draccier und Menschen sind aber sehr oft nicht bereit dazu oder erst sehr spät.“ –

„Aber warum spüre ich nichts?“ –

„Mache Dir keine Gedanken darüber. Ich weiß ja nicht mal, ob die anderen Großen das noch spüren oder dem Folgen. Vielleicht bin ich der Einzige, der diesem uralten Verhalten heute noch oder wieder folgt. Erce hat zwar die Drachen weiter mit ihren besonderen Kräften versehen, aber ewig keinen Kontakt aufgenommen. Da können solche Verhaltensweisen verloren gehen. Die Drakarin sind von Erce nicht weiter in diese Aufgaben eingebunden worden. Vielleicht hat Erce das auch bewusst aufgegeben, weil das Überwachen der Menschen nicht so stimmig ist mit dem Hütergedanken.“ ­–

Sie schaut mich nachdenklich an.

„Dass die Drakarin keinen Kontakt zu Erce hatten, stimmt schon. Ja, vielleicht erfüllen wir deshalb nicht diese Aufgabe.“ –

„Denken wir nicht weiter darüber nach. Ich handele, wie es für mich normal war. Über die anderen habe ich nicht zu richten, da ist auch viel Zuviel Zeit vergangen. – Aber Zeit… zwei Beutetiere haben wir ja schon, also nur noch eines dazu.“ –

„Du willst sie essen?“ –

„Natürlich. Wir sind Drachen und wir müssen auch essen, um zu leben. Und auch, wenn ich ihre Seelen in den Strom geleitet habe, muss ich mit ihren Körpern ja nicht die Würmer füttern.“ –

4.3

„Stimmt. Darf ich dann noch einen – wie sagtest Du – blitzdingsen? Tyria hat mir gestern das Jagen mit den Krallen gezeigt, heute dann mit Blitzen.“ –

„Na klar. Ich nehme dann die beiden mit.“ –

Ich schnappe mir die beiden und um nicht mit einer belegten Hand dreibeinig zu humpeln, gehe ich mit Hilfe meiner Schwingenarme aus dem Wald heraus. Tascha kichert zwar laut, wie sie mich so auf Art eines Wyvern gehen sieht – es schaut sicher auch komisch staksig aus – aber probiert es auch gleich mal aus. Auf der Lichtung richte ich mich auf, stütze mich dabei mit dem Schwanz ab dann springe ich aus der Hocke und steige mit ein paar kräftigen Schlägen auf Flughöhe. Tascha startet normal und erreicht mich kurz darauf, worauf wir unsere Suche nach Beute wieder aufnehmen.

Auf dem Weg gebe ich ihr ein paar Hinweise, wann, wie und wo sie am besten hinzielt, was sie an ein paar Felsen kurz übt. Tascha ist etwas überrascht, dass unsere Blitze nicht nur diese weit verästelten ‚normalen' Blitze sein können, die zwar sehr beeindruckend sind und z.B. ganze Kriegergruppen zappeln lassen – oder auch platt machen können, aber für die Jagd einfach zu viel Energie brauchen.

Wir können zusätzlich in unserem Rachen auch eine Art Kugelblitze erzeugen, was ich spielerisch mit sehr wenig Energie ja schon gemacht habe und was Tascha auch schnell beherrscht. Stärker aufgeladen und mit reichlich Kinetischer Energie versehen nutze ich die gerne als Jagdblitze, wie ich sie nenne. Denn diese konzentrierten Energiebündel lassen sich sehr genau zielen.

Tascha ist ja eine sehr gute Bogenschützin, aber die dabei eingeübten Dinge, wie Vorhalten, Flugbahn und Wind einkalkulieren sind mit den Jagdblitzen nicht notwendig, sie haben keine Masse und sind eben ‚blitzschnell'. Wir brauchen zumindest auf Jagddistanz daher nicht auf Wind, Schwerkraft oder die relative Geschwindigkeit des Zieles achten. Das schlägt schnurgerade und praktisch sofort im Ziel ein, was ich Tascha auch noch mit auf den Weg gebe. Am Ende noch die notwendige Blitzintensität üben, damit es für einen Jagdblitz reicht, aber möglichst kein Fleisch dabei verschmoren kann.

Wir kreisen weiter, bis wir dann ein kleines Rudel Hirsche entdecken, Tascha wählt ein älteres, etwas zerzaust wirkendes Tier aus und ‚pirscht' sich, mit der Sonne von vorne und recht hoch heran, ich bleibe etwas zurück, damit das Rudel mich nicht am Himmel bemerkt. Schließlich geht Tascha in einen schnellen Sinkflug und feuert einen schon sehr guten Jagdblitz ab. Mit einem fast wie ein Raubtiersprung wirkenden Anflug landet sie, worauf ich mich nähere.

Noch in der Luft erkenne ich, dass ihr ‚Sprung' nicht notwendig war, sie hat das Tier sehr genau in der Herzgegend getroffen und an der schwachen Restenergie kann ich spüren, dass der Tod auch sofort eingetreten ist. Interessiert bemerke ich, dass sie eine Art Ritual, eine Geste vornimmt, die ich als Dank für das Opfer interpretiere, so eine Art letzte Äsung. Also zumindest ein wenig Bezug zum Lebensstrom hat sie auch aus ihrer Zeit als Kriegerin.

Sie schaut zu mir hoch.

„Bleib oben, ich schnapp mir meine Beute und komme hoch.“

Ich nicke und kreise ein wenig, bis Tascha wieder auf Flughöhe ist.

„Du hast aber recht…“ meint sie.

„So als Blitzdrache zu jagen ist sehr effizient. Ich hätte sicher noch 3 oder 4 weitere Tiere erwischen können. Aber alles irgendwie distanziert und ohne … Gefühl… Wobei, doch schon aber…“ –

„Ich weiß schon, was Du meinst. Wir sind dabei irgendwie abgekoppelt. Du weißt, dass Du ein Leben beendest, was eine Jagd ja schließlich bedeutet, aber Du riechst, hörst oder fühlst es nicht, oder fast nicht – auch mir geht es so. Draccier oder Menschen dagegen haben diese Empfindungen auch mit dem Bogen oder der Lanze noch. Oder Drachen, die den Feueratem nicht einsetzen wollen, spüren die Beute noch zwischen ihren Krallen.“ –

„Deswegen jagst Du lieber als Anthro ohne Hilfsmittel?“ –

„Ja. Aber wenn es sinnvoller ist, wie heute, jage ich dann auch mit Blitzen. Ist schneller, vor allem wenn man mehr Beute braucht.“ –

Sie schaut mich kurz fragend an, hat dann aber verstanden, was ich mit ‚heute' meine.

„Ach so, ja. Wenn Dir nicht die beiden über den Weg gelaufen wären, hättest Du auch mit Blitzen gejagt. – Willst Du die mir gleich an der Höhle hochreichen? Mit Beute in der Hand ist das Klettern ja umständlich…“ –

„Lass uns die erstmal unten ablegen, ich habe so eine Ahnung, dass Tyria heute draußen essen möchte, es ist ja trocken und relativ warm.“ –

Wir sind jetzt auf dem direkten Weg zur Höhle geflogen und auch fast da – und richtig, wie vermutet liegt da eine, mir nicht ganz unbekannte, schwarze Drachin auf der Ebene oberhalb der Höhle in der Abendsonne und schaut zu uns hoch. Im direkten Anflug sind wir auch schnell da und landen ein wenig hinter Tyria, die interessiert auf unsere Beute blickt. Ich lege die in Griffweite ab und lege mich neben sie, Tascha liegt schnell auf meiner anderen Seite und drängelt sich eng an mich.

„Ah, Hirsche“ meint Tyria. „Das sind etwas andere als da oben bei Dir, vor allem etwas größer. Und was hast Du mit dem einen da gemacht? Über eine Klippe geschubst?“ Sie grinst und hat sofort erkannt, dass der jüngere meiner beiden einige Verletzungen hat. –

„Nein, das hat der schon selber vorher erledigt“. –

„Also leichte Beute…“ –

Tascha wiegt ihren Kopf leicht.

„Ja, aber irgendwie auch nicht. Eldingar hat seine Beiden in die Lebenskraft geleitet.“ –

Tyria zuckt die Schultern.

„So kann man es auch nennen… oder… meinst Du…“ sie schaut mich überrascht an. „Du meinst, Du machst noch das Uralte Ritual? Du vernimmst noch die Bitten von denen, die gehen wollen?“ –

Nun bin ich der, der überrascht schaut.

„Ja. Ihr nicht mehr?“ –

Sie senkt ihren Blick.

„Das… das ist… Es sind wohl nur noch sehr wenige, sehr alte, die das noch machen. Verzeih.“ –

Sie dreht den Kopf zur Seite, ich stupse ihren Hals mit meinen Nüstern an.

„Ich verstehe, dass heute nach so langer Zeit ohne Kontakt zu Erce manche Dinge verdrängt werden oder unwichtig erscheinen. Und die wir nicht hinüberbegleiten, finden auch so den Weg. Keine Drachen der Welt können alle begleiten, das war uns damals auch bewusst. Auch wenn das für uns damals eine sehr wichtige Aufgabe war, von der ich heute aber denke, es war damit wir überhaupt eine Aufgabe hatten und uns daran gewöhnten, über das Leben zu wachen und es zu schützen, soweit wir es konnten.“ –

„Es stört Dich nicht, wenn wir das nicht mehr machen?“ –

Sie dreht ihren Kopf wieder zu mir und ich lecke ihre Kehle.

„Nein. Ich finde es zwar schade, dass viele von uns es anscheinend nicht mehr machen, aber ihr habt auch neue Aufgaben erhalten. Und da ihr lange keinen direkten Kontakt zu Erce mehr hattet, ist diese alte Aufgabe sicher in den Hintergrund getreten. Es ist ja auch nichts wirklich Wichtiges für diese Welt.“ –

„Aber für Dich…“ –

„Eine uralte Verbindung mit der Lebenskraft, ein Dienst an Erce und den Sterbenden, aber kein Muss. Ich habe das noch von Erce direkt als Aufgabe erhalten, darum ist es mir wichtig. Ich weiß von Erce, dass die Drachen nach meiner Zeit hier auch die Aufgabe hatten, die Menschen davon abhalten der Lebenskraft zu schaden und das sehr strikt, also das was für Dich immer noch wichtig ist. Diese erste Aufgabe war also nie so konsequent einzuhalten. Meine Neigung, den Menschen zu helfen kommt aber nicht nur daher, dass ich lange als Mensch gelebt habe.“ –

„Ja. Mir wurde beigebracht, dass ich unsere Aufgaben genau und in aller Strenge zu erfüllen habe, da wir sonst von der Lebenskraft verstoßen werden, unsere Fähigkeiten verlieren oder einfach aussterben. Dass Erce nicht mehr mit uns gesprochen hat, wurde unseren Vorfahren zugeschrieben, da die sich nicht daran gehalten hatten. Das Geleiten in den Lebensstrom gehört allerdings nicht mehr zu den unmittelbaren Pflichten.“ –

„Das war es auch nie.“ –

Tascha, die mit dem Kopf auf den Händen liegend uns zugehört hat, lässt ein Brummen hören.

„Ich glaube ich habe Hunger.“ –

Tyria schaut sie grinsend an.

„Ich glaube nicht nur, ich weiß, dass ich Hunger habe.“ –

Grinsend schnappen wir uns je einen Hirsch. Wir haben darauf verzichtet sie ausbluten zu lassen, sie sind ja höchstens eine Viertelstunde tot, fast noch wie ein frischer Riss. Während Tascha ein wenig zögerlich wirkt, verschlingt Tyria geradezu ihren Anteil. Ich esse langsamer aber auch mit Genuss.

Bei den letzten Happen schaut Tyria uns etwas verlegen an.

„Verzeiht meine Gier. Aber die letzten Tage immer nur das ausgeblutete Fleisch… Deine Draccier sind ja sehr bemüht und es ist auch so sehr lecker, aber mal wieder so richtig in blutiges Fleisch beißen ist doch ein Genuss. Und gut für das Ei.“ Sie leckt sich die Mundwinkel sauber vom Blut. –

„Jetzt noch die Spannung einer Jagd dazu, die Beute anzuspringen, niederreißen und sich in der Kehle verbeißen…“ –

„Schon gut. Ich mach ja mit, wenn Du als Anthro jagen willst.“ –

5

Grinsend zernage ich die letzten Stücke zwischen meinen Backenzähnen, was Tyria wieder mal belustigt grinsen lässt. Aber auch Tascha kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, während auch sie den Rest ihrer Beute verputzt.

„Hast Du eigentlich schon früher alles zerkaut oder ist das vom Menschen?“ fragt sie mich dann. –

„So ein Gebiss hatte ich früher auch schon. Auch ein paar andere hatten ähnliche Beißerchen, nur hat sich das anscheinend nicht so weitervererbt. – Aber sicher hat auch der Mensch was damit zu tun, dass ich alles lieber zerkaue.“ –

„Dein Magen?“ fragt Tyria. –

„Der ist nicht anders als bei anderen Drachen, soweit ich das beurteilen kann. Ich kann auch grob zerbissene Knochen und große Stücke schlucken, ohne dass ich Probleme damit bekomme. Außer einem vielleicht intensiveren Geschmack, weil ich es beim Kauen länger im Mund habe, weiß ich keinen Vorteil.“ –

„Vielleicht dass Du schneller verdaust und so kaum unnötiges Gewicht mit Dir rumschleppst?“ –

„Genau überlegt, waren damals alle mit diesen Katzengebiss kleiner – genauer schlanker und leichter gebaut als die anderen, also könnte so sein…“ –

Tyria verdreht ihren Hals und betrachtet sich eingehend.

„Ich wusste es… Du findest, dass mein Arsch fett ist…“ –

„Neiiin! Das ist alles vollkommen richtig so. Und ich muss mich doch irgendwo festhalten können.“ –

„Du hältst Dich aber an meinen Schultern fest… nicht am Hintern…“ sie beginnt breit zu grinsen als sie meine beginnende Verzweiflung bemerkt.

„Genial… NüShi hat mir dazu geraten. Sie macht das immer, wenn sie einen unerwünschten Verehrer loswerden möchte. Also eigentlich bei jedem Männchen… außer Dir…“ –

„Ach ja… ausgerechnet sie muss dieses Spiel treiben.“ –

„Ja. Dabei würde sie leicht als Männchen durchgehen, so zierlich wie sie ist.“ –

Tyria spielt darauf an, dass Drachinnen insgesamt schlank sind, aber auch als Feral gewisse Rundungen im Körperbau haben, mit denen sie auf uns Drachen eben sehr verführerisch wirken. Wir Drachenmännchen sind dagegen als Feral bis auf die Brustmuskulatur fast schon dürr, wenn auch sehr drahtig gebaut. Als Anthro gleichen wir uns aber einander sehr an. Die Weibchen mit mehr oder weniger deutlichen Brustdrüsen und ein wenig schmalerer Taille als die Männchen. Das Becken unterscheidet sich kaum, das Ei wird ja als Feral gelegt und ist klein im Vergleich zu unserer Größe. – Ich mit meinen glatten Schuppen und noch etwas schlanker gebaut als die meisten Männchen hier, wäre für einen Menschen von drüben vermutlich fälschlich für ein Weibchen gehalten worden.

Tyria schaut mich an, als wüsste sie, was ich gerade denke.

„Und Du… Du hageres Drachengestell… Du bist so sehr ein Flieger, dass Dich vermutlich sogar Kyrin beneidet.“ –

„Flieger?“ –

„Ja. Es gab Drachen, die so gut fliegen konnten, dass sie fast immer in der Luft blieben. Sie haben aber zu wenige Nachkommen gehabt und die letzten sind vor ungefähr 20.000 Jahren gegangen. Du hast sehr ähnliche Flugfähigkeiten, wie ich sie bei den letzten gesehen habe. Möglicherweise waren die Flieger Nachkommen der Drachen, die so ein Gebiss hatten, wie Du. Und Du demnach ein Vorfahre der Flieger.“ –

Ich schüttele den Kopf.

„Eher nicht. – Also ja schon, es ist gut möglich, dass die vier anderen zu den Vorfahren der Flieger wurden. Aber ich definitiv nicht. Ich hatte noch vor unserem Erwachen mit zwei Weibchen Nestlinge, aber die gehörten leider nicht zu den Erwachten. Und meine Kleine nach meinem Aufstieg hatte nicht meine Zähne. Und weil meine Partnerin den Aufstieg nicht wollte, bin ich also ziemlich sicher kein Vorfahre von einem heutigen Drachen. Höchstens von einem Drakarin.“ –

„Aber jetzt hast Du gleich zwei. Und wenn ich nicht aufpasse, kommen NüShi und sicher noch ein paar andere dazu…“ meint Tyria mit hochgezogener Braue.

„Und was ist mit Dir, Tascha? Du kannst Dich gerne einmischen und musst nicht still da liegen.“ –

Die grinst breit.

„Nee, alles Gut. Ich hab unseren Drachen heute schon genug genervt. Und ich höre gerne einfach zu, wenn ihr über Dinge und Zeiten redet, die weit vor meiner Zeit liegen. Mich würde aber immer noch interessieren, wie das mit den Drakarin und den Dracciern war, wie die in diese Welt der Drachen und Menschen passen. Vielleicht hat Erce ja noch weitere Erinnerungen zugelassen“ –

Ich mache die Geste, die dem menschlichen Schulterzucken entspricht.

„Das weiß ich leider nicht genauer. Vielleicht haben sie sich irgendwann aus den wilden Drachen entwickelt, die nicht von Erce erweckt wurden, vielleicht haben sich erweckte oder aufgestiegene Drachen mit ihren Vorfahren gepaart, es sind ja nicht alle Erweckten Erces Weg gefolgt. Oder Erce hat noch eine weitere Gruppe erweckt, ihnen aber nicht unsere Möglichkeiten, die Quellen zu nutzen, in gleichem Maße gegeben. Aber wahrscheinlich irgendwas dazwischen.“ –

Beide reagieren jetzt nicht besonders auf Þórr, sie haben wohl damit gerechnet, dass meine alte Seele jetzt wieder im Vordergrund ist.

„Die erste Variante wäre mir irgendwie sympathischer… so ohne Erce…“ überlegt Tascha. –

„Aus den verschiedenen Möglichkeiten vermute ich eine von Erce geförderte, aber natürliche Evolution der Erwachten Drachen zu den Drakarin. Sie können die Quellen durchaus nutzen – wenn auch nicht die vollen Kräfte daraus –. Das erinnert mich an die Zeit als Erwachter. Wir Drachen wurden beim Aufstieg ja nochmal in kurzer Zeit fast schon brutal verändert. Ich erinnere mich an Bilder aus der Zeit vorher, dann eine unbestimmbare Zeit der Verwirrung, Schmerzen und Angst, bis ich dann morgens aufwachte, mich irgendwie anders fühlte und Dinge wusste und konnte, an die ich früher nicht mal gedacht hatte.“ –

„Schmerzen?“ fragt Tyria. –

„Ja. Beim Erwachen ging das ja alles über Monate eher langsam. Aber beim Aufstieg war das anders. Wir wurden nochmal größer, die Anatomie änderte sich noch weiter, nicht so umfassend wie bei meiner Rückkehr vom Menschen zum Drachen, aber doch einige Veränderungen von einem Kletterer zu einem Bodenbewohner, der gleichzeitig von einem sehr guten Gleiter zu einem aktiven Flieger wurde. Der Schädel musste sich auch dem größeren Gehirn anpassen. Was die weiter steigende Intelligenz und die vollkommende Nutzung der Lebenskraft erforderte. Da ist schon einiges in kurzer Zeit passiert. Und in meiner Erinnerung waren das Empfindungen, die etwas unangenehm waren und die ich als Schmerzen interpretierte.“

„Hattest Du bei Deiner Rückkehr jetzt auch Schmerzen bei der Transformation?“ –

**„Müsste ich eigentlich gehabt haben, ja. Aber das verschwimmt in meiner Erinnerung mit den Schmerzen, die noch vom Zerquetschen durch Fjörgyn herrührten und dem für mich eigentlich tödlichen Stich mit ihrer Kralle ins Herz, um die geplante Heilung einzuleiten.

Und dass mein Körper jetzt so umgebaut worden ist… Knochen länger und leichter, aber wesentlich fester und elastischer, Muskeln wo ich vorher keine hatte, menschliche Füße zu Tatzen, die Flugarme, Schuppen, die meine Haut durchbrechen, Krallen, Kopf, Zähne, Hörner… die DNA in jeder einzelnen Zelle umbauen zu der eines Drachen… Das ist mit Sicherheit extrem schmerzhaft, so schnell wie das passierte. Und doch war Schmerz nur leicht zu spüren neben den ganzen anderen gleichzeitig ablaufenden Eindrücken der Veränderungen. Vermutlich weil mein Gehirn sich auch veränderte und die Nerven danach erst wieder funktionierten.“** –

„Wie war es bei Dir, Tascha?“ –

„Nur ein merkwürdiges, ziehendes Gefühl in den Flugarmen. Schmerzen will ich es nicht nennen. Es ist aber auch sehr schnell gegangen.“ –

„Erce hat mittlerweile wohl Übung darin…“ Tyria klingt überraschend bissig. –

Ich kümmere mich nicht weiter darum und strecke mich lang aus, um die letzten Sonnenstrahlen noch zu genießen.

Tyria schaut mich an, dann seufzt sie leise.

„Verzeih Eldingar. Ich wollte nicht so abweisend wirken.“ –

„Schon gut. Rückblickend hat Erce ja auch mit der Wandlung zwischen unserer wahren Gestalt und dem Anthrokörper uns einen angenehmeren Weg gegeben. Das hängt sicher alles zusammen.“ –

„Ja vermutlich“ seufzt sie leise. –

5.1

„Oder…?“ Sie blickt verlegen zur Seite, ehe ich meine Vermutung ausgesprochen habe.

„Du warst doch noch ein paar Mal nach unserer Bindung am Knoten, öfter als ich. War da irgendetwas ungewöhnliches? Eine Berührung, ein Hauch?“ –

Sie überlegt.

„Hm… jetzt wo Du es so sagst… Gleich bei meinem nächsten Besuch am Knoten hab ich einen kurzen Stich im Bauch gefühlt. Nichts Besonderes und manchmal rumort es ja im Bauch, da habe ich nicht weiter drauf geachtet. Meinst Du…?“ –

Ich nicke bestimmt.

„Ja. Meine Vermutung, dass Deine Unfruchtbarkeit unbewusst von Deiner Seele gesteuert wurde, weil Du an einen Fluch geglaubt hast, scheint demnach falsch gewesen zu sein. Da war dann doch etwas, das Erce für Dich, oder uns, geheilt hat.“ –

„Also hat Erce mich bestraft…“ –

„Nein glaube ich nicht. Du hast lange keine Nestlinge gewollt, daher ist es nicht aufgefallen. Und Erce hat sich noch länger nicht mehr wirklich mit den Drachen befasst, warum sollte Sie Dich für was auch immer bestrafen? Wenn, wäre es direkter geschehen und Deinen Nachwuchs hätte sie höchstens unter einen sanfteren Einfluss gestellt.“ –

„So, wie bei mir? Meine Mutter wegen ihrer extremen Abneigung gegen die anderen Völker vom Himmel gefegt und mich dann in der anderen Welt einen mutigen Menschen treffen lassen…?“ –

„Sei bitte nicht abergläubisch. Auch wenn es so scheinen mag, bin ich mir sicher, dass Erce höchstens unser Treffen ein wenig forciert hat – wenn sie sich zu der Zeit überhaupt für uns interessierte und vor allem dort Einfluss nehmen konnte, was mir nie so erschien.“ –

„Und der Absturz meiner Mutter?“ –

„Du hast selber gesagt, ihr habt ewig nichts von Erce gehört. Hätte sie Deine Mutter bestraft, hätte sie es euch auch gesagt. Vor allem Dir, damit Du einen anderen Weg einschlägst.“ –

„Das klingt logisch. Ich war die erste Zeit danach allen auch besonders feindlich gesinnt. Sogar meinen Vater hatte ich einige hundert Sommer lang vorgeworfen, dass er meine Mutter nicht von diesem Flug im Sturm abgehalten hatte… Unlogisch, weil die beiden schon vier- oder fünftausend Sommer nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Genauer, meine Mutter nicht mehr mit ihm. – Verzeih bitte mein gefühlsbetontes Denken, mein Sternenhimmel.“ –

Ich reibe meine Schnauze sanft an ihrem Hals.

„Schon längst verziehen. Ich bin froh, dass die Drachen auch nicht immer so streng logisch denken.“ –

Sie gurrt und schaut zu Tascha, die geflissentlich so tut, als würde sie gar nichts mitbekommen.

„Tascha, danke für Deine Zurückhaltung. Du siehst, auch wir Großen sind tief in unserer Seele manchmal unlogisch und emotional.“ –

Tascha grinst.

„Ja, gut zu wissen. Solange Du mich jetzt nicht töten musst, weil ich das Geheimnis erfahren habe…“ –

„Nein, ich muss das nicht, auch früher nicht. Meine Mutter allerdings hätte mindestens ernsthaft darüber nachgedacht…“ –

Ich schaue sie zweifelnd an.

„Auch bei Menschen?“ –

„Die wären meiner Mutter nie so nahe gekommen. Und bei mir haben Menschen oder Draccier aus anderen Gründen schon ein erhebliches Akzeptanzproblem gehabt. Dieses ‚Geheimnis' wäre für mich nicht weiter wichtig gewesen.“ –

„Also hättest Du sie getötet…“ –

„Ja. Aber bewerte das jetzt bitte nicht zu negativ. Aus diesen Gründen waren es insgesamt 5 Kriegergruppen, die mehr abgebissen hatten, als sie schlucken konnten. Sehr viel mehr waren eher zufällig auf eine zornige Drachin getroffen und haben das überlebt, wenn manchmal auch etwas angesengt. Und noch mehr haben nicht mal bemerkt, dass sie mir eigentlich zu nahe gekommen waren.“ –

„Also doch nicht alle getötet.“ –

„Doch, eigentlich schon… aber meistens war ich dabei doch sehr nachlässig. Das werdet ihr mir hoffentlich nachsehen…“ –

„Ausnahmsweise“ antworte ich leise kichernd. –

„Danke“ grinst sie. Wird aber schnell wieder ernst.

„Ich habe in meinem Leben aber auch sehr viele von Ihnen in Lava versinken lassen. Meistens Stämme, die auch von ihren Völkern selber gefürchtet und gehasst wurden. Oft weil sie gegen die Lebenskraft handelten, oder ich das zumindest so erkannte. Manchmal aber auch einfach aus Zorn. Meinen Ruf hat das aber alles zusammen begründet. Worüber ich nicht einmal böse war. Als gnadenlos strafende Drachin hat man meist Ruhe vor ihnen. – Du siehst die andere Seite ja bei Dir… ständiges Gewusel und alles wollen ständig was von Dir. Mich fürchten sie ja noch, vor allem die Menschen, was es für mich einfacher macht, das Ganze zu ignorieren. Bei Dir verlieren sie schnell viel von ihrer Furcht.“ -

Jetzt grinse ich.

„Hoffentlich bleibt das auch noch eine Zeitlang so, dass Du die ignorieren kannst.“ –

5.2

„So ganz verstehe ich das auch nicht, dass Du das alles so hinnimmst. Tascha ist ja bei Dracciern sozusagen aufgewachsen und hat sich sicher dran gewöhnt. Aber Du bist ein Drache aus alten Zeiten.“ –

„Ich war lange ein Mensch. Oder genauer viele nacheinander. Da gewöhnt man sich dran.“ –

„Ja, aber Þórr? Der ist doch noch mehr Drache.“ –

„Zugegeben, für mich alleine ist das auch nicht immer erträglich. Aber normal bin ich ja eins mit meiner menschlichen Seele, die macht mir das weitgehend erträglich. Aber ich war als wilder Drache auch in einem Familienverband. Wir waren recht verbunden als Sippe, mehr als heute, wo auch die Drakarin kaum mehr als Eltern und Kindern verbunden sind. Vielleicht noch Geschwistern ein wenig.“

Tascha mischt sich ein.

„Ihr habt als Familie zusammengelebt?“ –

„Nicht so wie die Draccier und Menschen. Normal schon jeder für sich, aber nah beieinander und unsere Reviere überlappten sich. Gemeinsam jagen, Reviere verteidigen, auch so mal zusammenkommen. In der Sippe eingebunden waren die Weibchen auch umgänglicher. Aber junge Männchen, wie ich, waren immer im Randbereich der Sippe, damit wir unseren Weibchen aus dem Weg gehen und fremde Weibchen finden konnten.“ –

„Und fremde Weibchen blieben fremd?“ –

„Wenn sie ihre Reviere nach einer Paarung wechselten und weiterzogen, dann ja. Blieben sie länger und paarten sich einige Sommer, vielleicht auch noch mit meinen Brüdern und Neffen, nahmen sie unseren Sippengeruch an und gaben ihre Kinder in die Sippe, dann wurden sie ein Teil von uns. – Damals waren die Weibchen auf der Suche nach einer Sippe, weil diese den Nestlingen Sicherheit bot und wanderten daher oft lange. Wir Männchen hatten feste Reviere und versuchten uns die wandernden Weibchen einzufangen.“ –

„Das klingt kompliziert“ zweifelt Tascha ein wenig. –

„Ach, eigentlich nicht. Die Weibchen in der Sippe stritten sich zwar meistens, wenn sie zusammen trafen. Aber wir Männchen hatten so immer einige Weibchen zur Verfügung, wenn keine Fremden zu uns gekommen sind. Zudem waren die in unserer Sippe auch etwas umgänglicher. Da ja immer wieder andere dazukamen und auch unsere Weibchen irgendwann mal weiterzogen, gab es keine genetischen Engpässe. Ich habe aber lieber die fremden Weibchen genommen, auch wenn es mir mehr Wunden einbrachte.“ –

„Das klingt jetzt aber nicht sehr partnerschaftlich…“ wirft Tyria mit recht grimmigen Grinsen ein. –

„Richtig. Du kannst es aber nicht mit heute vergleichen. Wir waren nur wenig intelligent, vermutlich weniger als Ravi. Und ich war jung, ich wollte mich beweisen, dazu den Reiz, ein Weibchen zu bezwingen. Versteh das nicht falsch, wenn sie nicht wollte, hätte sie mich ziemlich zerfetzt, wenn ich es trotzdem versucht hätte. Aber der Kampf vorher gehörte bei uns jungen Drachen dazu. Erst damit konnte ich ihr beweisen, dass ich es Wert bin, dass sie sich mit mir paart. Ein Ei und ein Nestling war ja eine Belastung für sie. – Aber mit so 40 oder 50 Sommer mehr auf den Schwingen wäre ich sicher auch ruhiger gewesen und hätte mir aus der Sippe ein gleichaltriges Weibchen gesucht, mit der ich dann die restlichen Winter zusammen verbracht hätte.“ –

„Nach 40 oder 50 Sommern? Nicht erst nach 40- oder 50 tausend?“ –

Ich muss lachen.

„Oh nein. Wir wurden damals nicht so alt. Nicht mal so alt wie die Drakarin heute. Wir waren erst mit 20 Sommern geschlechtsreif und älter als hundert wurden nur sehr wenige. Erst nachdem wir Erces Drachen wurden, also als Erwachte, durften wir hoffen älter als tausend Sommer zu werden. Was dann auch das Verhältnis zwischen Weibchen und Männchen änderte.“ –

Tyria schaut mich mit großen Pupillen fast entsetzt an. Auch Tascha wirkt erschreckt.

„Hundert Sommer…“ –

„Älter als die meisten Beutetiere je werden“ antworte ich grinsend. –

„Wie können wir dann bis 100.000 Sommer alt werden…“ fragt Tyria deutlich verwirrt.

„Das ist doch unlogisch.“ –

„Da hat Erce noch einiges mit meinen Kameraden gemacht, vermutlich auch mit mir beim Aufstieg…“ meine ich grinsend. –

„Aber… warum?“ –

„Nun ja. In den folgenden 50 Sommern, die vor unserem Aufstieg vergingen, haben sich viele zwar miteinander vergnügt. Aber die Weibchen konnten schon damals die Befruchtung des Eies steuern… in der ganzen Zeit schlüpfte nur ein Nestling. Vielleicht hat das Erce später dazu veranlasst die Lebenszeit der anderen zu verlängern. Ich war dann aber in den schon damals für mich recht kurzen Lebensspannen der Menschen gefangen.“ –

„Moment“ kommt von Tascha.

„Wenn ihr vorher für viele Nestlinge gesorgt hattet, warum dann so plötzlich nicht mehr?“ –

„Die plötzlich gefühlt unendlich lange Lebenszeit. Dazu keinem der alten Feinde mehr zum Opfer fallen können. Und die plötzliche hohe Intelligenz. Wir realisierten, dass wir vor unserem natürlichen Tod weit in der Zukunft nicht mehr frühzeitig sterben werden, denn auch Krankheiten konnten uns kaum etwas mehr anhaben. Also warum sollten wir uns weiter so viele Nachkommen haben wollen, die ja auch nicht mehr so leicht starben. Das haben wir damals wohl übertrieben. Erce wollte ja mehr als uns 25 Drachen haben. Also wird sie die Lebensspanne der anderen deutlich weiter angehoben haben. Ging zuerst ja auch gut.“

„Und schickt einen Zuchtbullen auch noch weg…“ ich schau Tascha etwas verwirrt an… Zuchtbulle…-

„War nicht viel mit Zuchtbulle damals. Die Weibchen, die sie für den Aufstieg ausgesucht hatte, waren nicht so mein Ding… die meisten sehr eingebildet, weil sie ausgewählt wurden. Und weil ich mich nicht so wichtig nahm und bei einem nicht erwählten Weibchen und unserer Tochter blieb, war ich schnell aus ihrer Wahrnehmung verschwunden. Auch ein Grund rüber zu gehen, um die Schnattertanten nicht mehr sehen zu müssen.“

Nach kurzer Überlegung grinsen die beiden. Langsam kommen sie hinter meine Ausdrücke. Oder ich drücke mich immer drachiger aus, obwohl das nicht gerade aus der Sprache der Drachen stammt…

5.3

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und der Mond, fast voll, leuchtet hell. Es ist immer noch recht warm also entschließe ich mich einfach hier liegen zu bleiben und unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Tyria schließt sich, ohne zu zögern an, nur Tascha zögert etwas.

„So kalt wird es schon nicht werden. Und Du kannst ja jederzeit in die Höhle gehen.“ Versuche ich sie zu überzeugen. –

„Kälte ist nicht das Problem, aber so ungeschützt… ich meine, wenn ein fremder Drache kommt.“ –

Tyria schüttelt nachsichtig den Kopf.

„Drachen brauchst Du nicht fürchten. Wir führen keine Kriege, sind mitten in Eldingars Revier und vor seinen Blitzen haben alle Respekt. Nebenbei bist Du auch mit Blitzen bewaffnet.“ –

„Ja… ihr beiden. Aber meine Schuppen sind nicht so stark wie eure. Auch meine Krallen, meine Zähne… ich überhaupt…“ –

„Tascha…“ seufzt Tyria.

„Zugegeben, Du bist nicht so stark wie manche von uns Drachen. Aber Du hast den Blitz. Würden wir gegeneinander kämpfen, musst Du nur meinem Feuer und der Magma ausweichen, was Dir sicher nicht zu schwerfallen wird. Dann würden mir Deine Blitze so zusetzen, dass ich mich schnell zurückziehen würde. Das meine ich ehrlich, ich bin lange nicht so blitztolerant wie m… Eldflóð, den Eldingar ja bezwungen hat, kaum dass er seine Kraft gefunden hatte. Valarinn hätte ich nie angegriffen, ich hätte verloren. Und der war auch kein Elemental.“ –

„Ja. Eldflóð und sicher auch Fjörgyn spürten, dass ich ein Elemental war, noch bevor ich diese Kraft in mir richtig nutzen konnte. Er hat sich sozusagen geopfert, damit ich diesen Zugang fand und nutzen konnte. Er hat dabei lange ausgehalten, aber auch ausgeteilt. Immerhin die Kratzer und ein paar angesengte Schuppen.“ –

„Naja… ‚Kratzer'…“ relativiert Tyria sofort.

„So wie die aussehen, war das schon deutlich mehr. Und dass Deine Schuppen in seinem Feuer angeschmolzen sind, beweist mir, dass er seine Elementarkräfte schon sehr weit eingesetzt hat. Immerhin könntest Du mit mir in Lava baden. – Oh, verzeih Tascha, das war jetzt nicht gerade logisch als aufbauende Argumente für Dich.“ -

Tascha grinst kurz, sucht aber noch nach weiteren Argumenten, warum auch immer. Sie hatte als Draccikriegerin sicher schon oft unter freiem Himmel geschlafen, mir ist also nicht ganz klar, was sie jetzt befürchtet.

Schließlich seufzt sie.

„Ich weiß ja auch nicht, was ich befürchte. Aber als Kriegerin ist es mir einfach zu unsicher, ohne Schwert, Schild und Wache nachts irgendwo auf einem offenen Feld zu schlafen. Wobei mir eigentlich klar ist, dass mir schon damals kein Krieger etwas anhaben konnte und jetzt erst recht nichts und niemand uns wirklich gefährlich werden kann. Selbst tausende feindliche Krieger werden eher leise um uns herumschleichen, als zu versuchen uns anzugreifen.“ –

„Die Krieger in dem Fürstensitz waren immerhin so dreist, Pfeile auf uns abzuschießen“ erwidert Tyria mit bösen Grinsen. –

„Von ihrem steinernen Wachturm aus, weil sie sich in falscher Sicherheit wähnten. Unten auf dem Boden mit einem vor ihnen liegenden, schnarchenden Drachen sieht das schon anders aus, weil sie sich dann sehr deutlich sehr klein fühlen“ grinst Tascha. –

Ich schaue mich um.

„Wie, was… schnarche ich?“ –

Beide lachen.

„Nur selten mal etwas knurren“ beruhigt Tyria mich.

„Tascha, wir können Dich aber auch gerne zwischen uns nehmen.“ –

Die überlegt nur kurz.

„Danke, das ist lieb von euch, aber ihr habt Recht. Außer Drachen muss ich wohl nichts in dieser Welt wirklich fürchten.“ –

„Richtig. Aber Drachen musst Du auch nicht fürchten. Ich muss zwar zugeben, dass einzelne Drakarin schon von uns getötet wurden, aber dann haben die vorher auch lange gegen die Lebenskraft gehandelt. Ich habe die Drakarin zwar als minderwertig angesehen, schon weil einige sich auch mit Menschen angefreundet haben, aber sie zu töten ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich weiß aber, dass mir nachgesagt wird, ich würde einfach so aus Lust Drakarin jagen. Das habe ich nie gemacht. Draccier und Menschen habe ich getötet, aber nie nur aus Lust am Töten. Drakarin habe ich nur verscheucht, wenn sie mich störten.“ Tyria seufzt leise.

„Verzeiht die emotional lange Rechtfertigung, aber ich möchte nicht, dass ihr etwas über mich denkt, das nicht wahr ist.“ –

Ich züngele kurz über ihre Nüstern.

„Vieles, was über Dich gesagt wird, weiß ich noch gar nicht. Eigentlich nur so was wie ‚die schreckliche Tyria' oder ‚der schwarze Tod aus den Wolken' – aber ich habe Dich bisher ganz anders kennengelernt – klar bin ich ein Drache – wenn auch mit menschlicher Herkunft, was sicher manche nur schwer akzeptieren werden – aber auch anderen gegenüber. Und so unterscheidet sich mein Eindruck von Dir sehr von dem, den andere anscheinend von Dir haben.“ –

Sie grinst.

„Kanntest Du meinen Ruf, als wir uns getroffen haben?“ - ich schüttele den Kopf. -

„Also bist Du auch unbefangen auf mich eingegangen. Wäre das auch so, wenn Du vorher von den Gerüchten über mich gehört hättest?“ –

„Sicher nicht. Zumindest wäre ich …vorsichtiger gewesen, immerhin war ich ja noch ein Mensch. Dachte ich jedenfalls immer noch. Deine Aufforderung zur Paarung hätte ich sicher trotzdem angenommen – wann kann sich ein Mensch schon mit einer Drachin paaren…“ –

„Lustdrache…“ kommt grinsend von beiden praktisch gleichzeitig. –

Beide rücken jetzt eng an mich worauf ich meine Schwingen locker ausgebreitet beiden auf den Rücken lege. Tascha quittiert diesen eher symbolischen Schutz mit einem sanften Gurren, aber auch Tyria räkelt sich noch etwas zurecht.

„Was hast Du morgen vor?“ –

„Ich würde gerne an der Küste entlang fliegen. Ich vermute, da finden wir einige kleinere Siedlungen, die Fischerei betreiben. Vielleicht auch Seehandel. Ich möchte mir da nur einen kleinen Überblick verschaffen. Die nächste Höhle ist im küstennahen Gebirge, da bietet es sich an bis zum Abend noch die Zeit am Strand zu verbringen. Ein wenig schwimmen und Fische fangen.“ –

„Ich bin doch kein Wasserdrache…“ grummelt Tyria grinsend.

„Klingt aber gut. Auch wenn ich nicht so gut schwimme… Du weißt schon, Feuer und Wasser…“ –

„Gibt Dampf. Was für die Menschen einen großen Technikfortschritt bedeuten würde.“ –

„Hmm?“ Tyria schaut mich fragend an. –

„Verzeih, ich erkläre das ein anderes Mal genauer. Und wir sollten das ohne Drachen machen, auch wenn es hinsichtlich der Lebenskraft einfacher wäre. Wobei…“ –

„Doch Drachen?“

„Nur zum Vorbereiten. Es braucht nun mal Wärme um Wasser zu Dampf werden zu lassen.“ –

„Ich verstehe. Lava. Heiße Quellen. Kein großes Problem. Ich bin gespannt was Du mit Dampf machen willst“ nickt Tyria.

Tascha hat es sich unter meiner Schwinge bequem gemacht und an ihren ruhigen Atemzügen erkenne ich, dass sie trotz aller Bedenken vorher, schon eingeschlafen ist.

„Das ist normal. Sie hält sehr gut mit, auch weil sie gewohnt ist, als Anthro mit Rüstung zu fliegen, aber die langen Flüge kosten sie etwas mehr Kraft als uns.“ Tyria hat meine Gedanken erraten. –

„Ich spüre es aber auch ein wenig. Daher lasse ich meine Schwingen gerne locker hängen, verzeih.“ –

„Sind ja schon ein paar Sommer her, dass Du längere Strecken geflogen bist. Und ich mag es gerne, wenn Du mich zudeckst.“ –

Ich schaue noch etwas in den Sternenhimmel, der in dieser Welt praktisch überall perfekt dunkel ist. Und bin noch vor Tyria eingeschlafen.