VERLIERER (1) - Ger
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TAGE IM JUNI
Verlierer
- 1 -
ARIK MAAS
»Arik!«
Er zog die Kühlschranktür auf und blinzelte im Licht.
Der muffige Geruch verriet ihm, dass die Schale mit grauem Fleisch nicht mehr ganz so frisch war. Den Joghurt in der hinteren Ecke hatte irgendwer geöffnet zurückgestellt. Er besaß jetzt einen flauschigen Teppich aus Schimmel. Zwei Flaschen, in denen nur noch einige Millimeter Bier waren. Eine Spritze im Gemüsefach. Ansonsten war der Kühlschrank leer.
Arik brummte und warf die Tür zu.
Vorgestern erst hatte er einige Dosen Bohnen besorgt. Die waren jetzt spurlos verschwunden. Und eine Tüte gefrorene Hühnerschenkel. Ebenfalls weg.
Unterm Küchenschrank schaute noch ein abgenagter Knochen hervor. In der Spüle lagen abgezupfte Haut und Knorpel. Das Spülbecken war jetzt verstopft und mit fettigem Wasser gefüllt. Zigarettenstummel schwammen darin herum.
Es blieb wieder an ihm hängen, die gefräßige, schmierige Sippschaft mit Fressbarem zu versorgen, das dann wer weiß wo verschwinden und in irgendwelchen Ecken schimmeln würde.
»Arik, Konserven sind alle.«
»Arik, Fleisch ist keins mehr da.«
»Arik, Bier fehlt.«
Schnauze! Sie sollten alle ihre Drecksmäuler halten! Er war nicht bescheuert. Sah selbst, was sie aufgefressen hatten. Und er war nicht ihr Butler. War nicht dafür da, ihnen Honig ins Maul zu wichsen.
Er hatte besseres zu tun. Eigene Sachen. Zum Beispiel irgendwann aus diesem Drecksloch wegzukommen. Daran verschwendeten sie aber keinen Gedanken, wenn sie wieder bekifft in einer Ecke hockten.
Geld war auch alle. Eigentlich konnte er sich das Besorgen von Essen sparen und ihnen gleich Scheine in den Rachen werfen. Das kam aufs Selbe raus.
Er kramte im Schrank und zog einige Dosen hervor. In einer fand er nur ein paar Cents. Und noch mehr Kippen. Er brummte.
Jann saß am Küchentisch und wischte apathisch auf seinem Smartphone herum.
Ein Aufruf per Mail.
»Weißhaar.«
Es war stockdunkel. Nur das Licht des Bildschirms erhellte Janns Gesicht. Selbiges war so ausdruckslos, dass man hätte glauben können, er schliefe mit offenen Augen. Das Zittern seiner Hände und das gelegentliche Zucken seines rechten Ohrs verrieten jedoch, dass er wach war.
Er tippte ungeschickt auf dem Bildschirm herum und verfehlte mehrmals einen Button.
»Hast du deine Medizin genommen?«, wollte Arik wissen.
Keine Reaktion. Janns Ohr zuckte.
»Sie ist schon wieder alle, richtig?«
Sein Unterkiefer zitterte. Die Nase glänzte schweißig.
Arik atmete genervt aus. Dann würde es wieder ein Shopping-Tag werden.
Er tapste in sein Zimmer und durchkramte einige Schubladen. Nichts.
Unterm Bett. Auch alle.
Im Nachtschrank fand er ein Heft, zwischen dessen Seiten einige Scheine steckten.
Ein alter Comic. Er erinnerte sich, dass die Seiten mal bunt gewesen waren.
Er betrachtete die Scheine. Vor langer Zeit hatten sie eine Aufgabe gehabt. Hatten etwas bedeutet. Sie waren nicht einfach nur grüne Papierlappen mit Ziffern darauf gewesen, sondern kleine Versprechen und Hoffnungen. Für etwas Besseres. Für etwas, das kommen würde. Es niemals getan hatte.
Er brummte und zählte sie.
Für Amitriptylin vierzig. Für Hormonpflaster dreißig. Damit war nur noch einer übrig.
Er brummte und seine Hand begann vor Wut zu zittern. Er würgte das Gefühl herunter, verdrängte die Erinnerung, stopfte den letzten Schein zurück ins Heft und warf es in den Schrank.
Im Dämmerlicht waren sie eh alle grau.
Es sah ganz so aus, als müsste er wieder alleine losziehen. Joas war auf der Arbeit und brachte hoffentlich etwas Geld mit. Seine Entlohnung war jedoch lächerlich. Er war fast den ganzen Tag fort und Geld zum Einkaufen hatten sie trotzdem keines.
Jann war für nichts zu gebrauchen und Ayko war im Keller beschäftigt.
Stimmt. Arik könnte sich erkundigen, wie dort die Lage war.
Auf seinem Weg nach unten fiel ihm das Fenster zum Hof auf, dessen Scheibe zerbrochen war. Es hatte scheinbar am Morgen geregnet, denn der Teppich davor war nass.
Bei einem Blick nach draußen entdeckte er auch den Grund für die kaputte Scheibe. Dort unten lag nämlich ein Fernseher in allen Einzelteilen verstreut, den wohl irgendjemand sehr schnell hat loswerden wollen.
War das etwa — ja, das war der Fernseher aus dem Gemeinschaftsraum. Arik schniefte abfällig.
»Schön, dass Sie wieder eingeschaltet haben. Im Abendprogramm sprechen wir heute mit Frau Weißhaar über ihre Stiftung. Es ist wichtig, dass das Thema an die Öffentlichkeit getragen wird. Deswegen haben Sie einen Aufruf per Mail gestartet. Würden Sie uns mehr darüber erzählen?«
Einen neuen Fernseher würde er nicht besorgen. Dann gab es von nun an eben nichts mehr zu glotzen.
Aber das beschissene Fenster musste repariert werden, wollten sie keinen Schimmel im Flur haben.
Er zog einen Couchtisch aus einem der Nebenräume und stemmte die Tischplatte vor die Öffnung. Das musste vorerst genügen.
Im Treppenhaus warf er einen Blick hinauf. Dort zwängten sich einige Lichtstrahlen durch das beschädigte Oberlicht. Efeu bahnte sich seinen Weg durch die Löcher und ließ einige Ranken ins Treppenhaus herunterhängen.
Es war jetzt seit fast einem Jahr kaputt. Beim nächsten Sturm würde wieder Regenwasser die Wände herunterlaufen.
Karl machte keine Anstalten, es zu reparieren. Ihm war es scheißegal. Genauso egal waren ihm der demolierte Aufzug und die Treppe im dritten Stock, deren Geländer fehlte.
Im Westflügel funktionierte das Wasser nicht mehr. Die Decke in der alten Galerie war eingestürzt. Dort lief überraschenderweise noch immer etwas Wasser und sickerte aus den kaputten Rohren in die Holzvertäfelung. Es würde nicht lange dauern, bis die Wand anfing aufzuquellen und sich ebenfalls verabschiedete.
Das ganze beschissene Gebäude begann vor ihren Augen zu verrotten und auseinanderzufallen.
Karl hatte verdammt noch mal dafür zu sorgen, dass sich sein Haus in kein Drecksloch verwandelte. Fröhlich grunzend zog er jedem hier Miete ab. Seine Forderungen wurden immer dreister, während er sich um nichts scherte.
Wenn irgendwann mal eine Leiche im Flur lag, würde er wahrscheinlich einfach nur drübersteigen, sich wegen des Gestanks beschweren und als Strafe die doppelte Monatsmiete verlangen.
»Arik, das geht dich 'nen Scheiß an, was ich mit meinem Haus mache! Kannst ja in ein Erdloch ziehen, wenn's dir nicht passt. Oder du haust einfach ab. Das haben die anderen Versager auch gemacht.«
Arik ignorierte es.
Nur die Haustür konnte er nicht ignorieren, denn sie stand sperrangelweit offen.
Nein, sie war nicht länger vorhanden. Die Angeln waren ausgerissen und dort klaffte jetzt nur noch ein riesiges Loch zur Straße. Ein Loch, durch das nun jeder Penner einfach so ins Haus spazieren konnte.
Oder die Polizei.
»Entschuldigen Sie. Ihre Tür stand offen. Sagt Ihnen der Name Weißhaar etwas? Sebastian Weißhaar?«
Egal wohin er blickte, am Haus war immer irgendetwas kaputt. Fast so, als versuchte das Gebäude strategischen Selbstmord zu begehen. Das machte es ihm wiederum sympathisch, denn es schien von allem genauso die Schnauze voll zu haben wie er.
Er warf einen Blick nach draußen. Etwas weiter die Straße runter erspähte er die fehlende Tür und einige Fässer. Zu einer Art Rampe für Skater umfunktioniert. Jetzt aber verlassen.
Er hatte keine Zeit für diesen Schwachsinn.
Gerade bog Lars um die Ecke. Besoffen, aber immer noch gut genug, um etwas Dampf abzulassen. Arik packte ihn am Shirt und zeigte auf die Tür. »Reparier das!«
Lars brummte. Arik brummte lauter. Der graue Waschbär zitterte erschrocken und folgte Ariks Anweisung ohne Widerworte.
Niemand tat hier irgendetwas, ohne dass man ihn zuerst in den Arsch treten musste. Alle schliefen, fraßen und pissten, wo immer sie standen, als residierten sie auf einer Müllkippe.
Kein Wunder, dass sie jeder für zu groß geratene Ratten hielt. Der Gedanke machte Arik wütend. Sie waren etwas Besseres — oder konnten es zumindest sein, scherten sich aber nicht drum und lebten stattdessen in den Tag hinein, ohne Motivation, ohne Interesse, ohne Ziele.
Und das machte sie noch mehr zu Ratten als der Unrat, auf dem sie wanderten.
Der Keller musste der älteste Teil des Hauses sein. Ein Steingewölbe mit wer weiß wie vielen Kammern.
Dort war ein einstiger Kohlenraum, heute vollgestopft mit Kisten, die Elektroschrott beinhalteten, den irgendwer für wertvoll genug erachtet hatte, um ihn herzuschleppen und jetzt verrosten zu lassen.
An ein ehemaliges Weinlager erinnerte nur noch ein einsames Holzfass, aus dem der würzige Duft von Moder drang. Daneben standen Käfige, die wohl für unartige Haustiere gedacht gewesen waren.
Sicher konnte man hier unten auch irgendwo eine Gruft finden, wenn man nur lange genug suchte.
Hinter einigen Biegungen tauchte eine Holztür auf, durch deren Ritze blasses Licht quoll. Er schob sie auf und wurde von einer Wolke aus Zigarettenqualm in Empfang genommen.
Dahinter befand sich eine Werkstatt oder ein Basar oder Nachtclub. Das konnte man nicht so genau sagen, wegen der dröhnenden Trancemusik, zu der sich Neonlicht und besagter Qualm gesellten, der sich im Rhythmus der Musik zu bewegen schien. Die Werkbänke und Regale wurden von ihm eingehüllt und erinnerten an fremdartige Gebirgslandschaften.
Arik benötigte einen Moment, um sich an die Kulisse zu gewöhnen.
Fast stolperte er über einen zerlegten Computer. Was der dort zu suchen hatte, konnte er sich denken. Der zerlegte Zwölfzylindermotor daneben gab ihm mehr Rätsel auf. Vor allem, wie der hier runter gekommen war.
Ein Regal voller Flaschen mit Chemikalien. Gleich daneben welche mit Alkohol. Unterscheiden ließen sie sich nur an den Etiketten.
Und ein Ohrensessel vor einem Bücherregal. Wie Großvaters Lesestube, komplett mit Wandbehängen voller Mandalamuster.
Der Hausherr selbst saß an einem Schreibtisch, der gleichzeitig Kochzeile und Chemielabor war. Im Ofen wurde etwas gebacken, allerdings nichts Essbares. Im Kaffeekocher war augenscheinlich auch kein Kaffee.
Ayko war mit dem Rücken zu Arik gedreht. Die Musik war ohrenbetäubend laut. Trotzdem hob er den Kopf, als hätte er den Eindringling bemerkt. Er warf einen Blick über die Schulter, obwohl Arik bezweifelte, dass Ayko durch die Dreadlocks, die ihm ins Gesicht hingen, überhaupt etwas sehen konnte. Aber wer hier unten lebte, brauchte seine Augen ohnehin nicht.
Arik machte keine Anstalten, ihn zu grüßen oder irgendetwas zu sagen. Dafür brüllte ihm der Sänger zu sehr in die Ohren.
»Tonight we light the fires. Smoke will wrap the sun.«
Ayko schien trotzdem zu verstehen und nickte wortlos. Er drückte sich vom Tisch weg und schlitterte mit dem Drehstuhl zu einem Regal, in dem er herumkramte.
»Enter the land of ashes. And tomorrow we'll be gone.«
Er zog ein Gläschen hervor und hielt es hoch. Viel zu sehen war darin aber nicht. Etwas Flüssigkeit auf dem Boden.
Arik zuckte mit den Schultern.
Ayko ließ sich zur Stereoanlage schlittern und drehte sie leiser.
»Scopolamin, Hyoscyamin, Camadevin und 'n paar andere Stoffe«, faselte er.
Arik zuckte erneut.
»Die Dornenfeigen, die du mitgebracht hast.«
Arik warf einen zweiten Blick auf das Gläschen.
Wollte er etwa sagen, dass das bisschen Pisse darin die gesamte Ausbeute aus den Dornenfeigen war?
Ayko rutschte zur Werkbank. »Hab die Samenkapseln getrocknet und gepresst. Das Öl mit Methanol und Essigsäure gelöst und eingedampft —«
Das interessierte Arik nicht.
Er starrte grimmig auf das Gläschen. Er hatte sich denken können, dass man aus den Kapseln nicht viel gewinnen konnte, aber das Tröpfchen Spucke reichte nicht einmal um einer Ratte einen Trip zu geben.
»Wirkt es?«, wollte er wissen.
»Würd ich nur schlucken, wennde Spaß dran hast 'nen Herzstillstand zu kriegen. Den giftigen Dreck muss ich rausziehen. Hab aber kein Chlorophorm mehr. Essigsäure is' auch alle.«
Toll. Er würde es auf die Einkaufsliste setzen. Er hatte ja immerhin einen vergoldeten Arsch.
Ayko deutete auf einige Glasschalen auf der Werkbank. Darin befanden sich winzige, schwarze Kügelchen, die an Pfeffer erinnerten.
»Aus den restlichen Samen kann ich neue Dornenfeigen ziehen. Die mögens kühl und dürften unter Kunstlicht schnell wachsen.«
»Wie lange dauert das?«
»Für die erste Generation 'n paar Wochen.«
Arik brummte.
»Dann kann ich die Exemplare vermehren, die die höchste Konzentration aufweisen. Wär gut, wenn ich dafür 'n paar Aufzuchtstationen hätte.«
Arik brummte erneut.
»Problem is', dass die Zusammensetzung der Alkaloide in den Pflanzen stark schwankt. Kann also kaum abschätzen, wie giftig der Stoff sein wird. Wird etwas dauern, bis ich 'ne Muttergeneration hab, die gleichmäßige Camadevin-Werte bringt.«
»Camadevin?«
»'n Alkaloid. Führt zu 'nem Rausch mit starken, erotischen Halluzinationen. Wurde früher von den Katzen verwendet, um Caniden zu behandeln. Hochdosiert führt's zu Nervenschäden. Das Hirn brennt durch und der Sextrieb wird gestört. Ist 'n bisschen wie 'ne chemische Kastration, um die Caniden ruhigzustellen.«
»Er wird zeugungsunfähig sein. Er wird sein Leben lang Medikamente nehmen müssen.«
Arik schnaufte und spürte, wie sich Kopfschmerzen anbahnten.
Er verbannte die Erinnerung in seinen Hinterkopf, wo sie als stechendes Gefühl zurückblieb.
»Wenn's nicht rein ist, kackt dir aber der Kreislauf ab«, fügte Ayko an.
Arik rieb die Zähne aufeinander.
»Kannst du nicht einfach machen, dass der Scheiß funktioniert und dir erst danach ein Labor einrichten?«
Ayko lehnte sich im Stuhl zurück. Er angelte sich eine Zigarette, zog daran und lächelte.
»Chill«, entgegnete er. »Immer so ungeduldig, die Knirpse.«
Knirps. Arik hasste dieses Wort. Er spürte, wie sein Kiefer zu schmerzen begann.
Ayko sollte gefälligst aufpassen, was er faselte.
»Hör mal, ich spiele gern mit dir«, meinte Ayko. »Wennde was willst, mach ich's für dich. Solange du rankarrst, was ich dafür brauche.« Er wischte eine Strähne aus dem Gesicht, aber wenig später hing sie ihm wieder vor den Augen.
Er zog an der Zigarette und starrte in den Qualm. »Ungeduld ist eine Zutat für Niederlagen. Vater war ungeduldig. Sieh wo's ihn hingebracht hat. Karl ist ungeduldig. Er ist auf demselben Weg. Werd du's nicht auch noch.«
Arik brummte. Um die Lehrstunde hatte er nicht gebeten.
Für wen hielt er sich? Was fiel ihm ein, ihn mit Karl zu vergleichen?
»Arik, wenn du nicht so dämlich und nutzlos wärst, hättest du ein Leben. Aber du hast keins. Kommst zu mir wie eine kleine Schlampe. Nur weil dein Daddy nicht mehr da ist und dich nicht länger in den Arsch fingern kann. Glaub nicht, du könntest deine Miete prellen. Du lebst seit neunzehn Jahren hier. Und das Geld dafür schuldest du mir immer noch.«
Fick dich, Karl! Du hast hier nichts zu melden! Dir gehört nichts! Du bist nichts!
Die Kopfschmerzen wurden schlimmer. Alles um ihn begann sich zu drehen.
Alte Bilder spukten durch seinen Kopf. Sie wollten einfach nicht sterben.
Arik starrte stumm auf den Boden, als sein Vater den Zettel las und die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Er blickte auf. »Nein«, und knüllte ihn zusammen.
»Arik, sowas brauchst du nicht. Verschwendest deine Zeit. Hast wichtigeres zu tun.«
Arik hatte es geahnt. »Aber — jeder wird da sein.«
»Du bist aber nicht jeder«, wurde sein Einwurf abgewürgt. »Du hast Aufgaben, während die anderen herumspielen, wie Versager. Hast du geprüft, ob alle Fenster dicht sind?«
Er nickte.
»Hast du ein Auge auf die Alte im zweiten Stock?«
Nickte.
Sein Vater blickte ins Leere und kratzte sich am Kinn. Sein Gesicht wirkte grau im Dämmerlicht. »Ich wette die Schlampe macht lange Finger.« Er angelte nach einer zweiten Zigarette. »Find ich schon noch raus. Wenn ich's weiß, fliegt sie hier raus. Ich dulde keine Diebe in meinem Haus.«
Er blickte zurück auf Arik. »Und denk an deine Mutter. Wer soll ihr tagsüber helfen, wenn du in irgendeinem Ferienlager rumfurzt? Geld für so was verschwenden. Kommt nicht in Frage. Hab euch nicht erzogen, um mit irgendwelchen Vollidioten rumzuhängen und nichts zu tun. Du hast hier zu sein und dich ums Haus zu kümmern. Die da draußen sind bloß dreckige Nichtsnutze. Fallen dir in den Rücken, wenn sie können und lachen drüber. Haben sie schon immer mit uns gemacht.«
Er nahm einen Zug. »Hast du Karl gesagt, er soll den Aufzug reparieren? Wenn du's tust, sag ihm, ich trete ihn in den Arsch, wenn er's noch mal vergisst. Hat Glück, dass er ein Waschbär ist. Hätte ihn sonst längst in die Gosse geprügelt.«
Der Qualm seiner Zigarette sammelte sich an der Zimmerdecke, wie ein schwereloser Ozean.
Arik beobachtete die grauen Wellen. Sie glänzten im Licht der untergehenden Sonne. Der Geruch von Salz und Algen umspielte seine Nase und Möwen kreischten auf der alten Seebrücke. Ihre Holzpfeiler erhoben sich gegen die Abendsonne, wie ein dunkler Wald.
Der Wind hatte aufgefrischt. Arik breitete die Arme aus und ließ ihn durch sein Fell fahren. Eine Böe trug fremde Düfte vom Meer heran. Düfte ferner Welten, die am Ende des silbrigen Wassers verborgen waren.
»Arik.«
Er blickte auf. Jann hatte einen Krebs gefangen. Jann war ein guter Jäger und stark.
Vier Waschbärenköpfe musterten neugierig das Krustentier.
»Ob man es essen kann?«
»Man kann alles essen, du Dösel. Man muss es nur kochen.«
»Ich kann aber nicht kochen.«
»Joas wird kochen.«
»Nö, ich werd euch doch nicht bekochen!«
»Das heißt, wir haben Nahrung«, meinte Arik und erhob sich.
Er stemmte die Hände in die Hüfte. Die anderen sahen ihn an. »Und wir haben einen Unterschlupf.«
Sein Blick wanderte die Pfeiler der Seebrücke hinauf. Die anderen Augen folgten seinen.
Wo die Brücke die Hafenwand berührte, befand sich ein hölzernes Podest, das zwischen den Pfeilern hing, mit einem Bretterverschlag drauf, wie ein Vogelnest. Die Leiter hinauf war entfernt worden, aber an der Hafenwand gab es einen Spalt und einige Steine ragten hervor, an denen sich gute Kletterer hinaufarbeiten konnten.
Der Verschlag hatte alles, was sie brauchten: einen alten Schreibtisch, einen Stuhl und sogar einen Schrank, zwar ohne Türen, aber ein Schrank brauchte ja nicht unbedingt welche.
Es war der perfekte Unterschlupf. Versteckt, regengeschützt und unerreichbar für alle Fellträger, die nicht klettern konnten. Er musste nur ein wenig verbessert werden, einige Löcher gestopft, Bretter getauscht.
Keine Herausforderung für Waschbären. Ersatzteile gab es überall. Container und Hinterhöfe boten alles, was dafür notwendig war. Und es gab nichts, das Waschbärenhände nicht reparieren konnten. Sie waren besser im Basteln als die Pfoten anderer Fellträger.
In ihrem Unterschlupf wären sie die Bestimmer. Sie könnten sich darum kümmern und sich gegenseitig helfen, wenn die anderen draußen gemein zu ihnen waren.
Ein guter Unterschlupf. Vielleicht sah er von außen grau und unscheinbar aus, aber innen wäre er ein Nest. Für die Nacht und den Winter.
Arik müsste nur endlich groß sein. Selbst entscheiden können. Seinem Vater endlich sagen können, dass er nun machen würde, was er wollte und nicht, was ihm ständig befohlen wurde.
Und sein Vater würde bemerken, dass Arik auch alleine auf seine Familie aufpassen konnte. Selbstständig war. Dinge schaffen konnte. Etwas erreichen konnte. Sein Vater würde endlich sehen, dass er sich auf seinen Sohn verlassen konnte, ohne ihm ständig alles sagen zu müssen. Ohne ihn ständig kontrollieren zu müssen.
Und er könnte Arik sagen: »Ich bin stolz auf dich.«
Das würde gut klingen.
Und den blöden Karl würde er nicht reinlassen.
»Arik.«
Jemand kicherte. Drei Gestalten beugten sich über das Geländer der Brücke und starrten zu den Jungen hinab.
Arik brummte, als er sie sah.
»Typisch Waschbären«, rief die mittlere herunter. »Spielen wieder da, wo’s dunkel und dreckig ist.«
Blöde Katzen.
Arik starrte sie grimmig an und wünschte, sein Blick könnte sie vertreiben. Oder so sehr erschrecken, dass sie freiwillig von der Brücke sprangen.
Aber sie schienen das nur noch witziger zu finden und lachten lauter.
»Aber vielleicht ist das auch gut so«, meinte der Kater in der Mitte und rückte seinen Schal zurecht. Er wehte im Wind, wie eine rote Fahne. »Dann muss man ihr dreckiges Fell nicht im Sonnenlicht sehen. Wäre ja Umweltverschmutzung.« Die anderen beiden kicherten. »Darum sind die Waschbärenhäuser auch hinter den Bahnschienen. Damit die normalen Leute den ganzen Dreck nicht sehen müssen.«
Arik grollte und starrte. Seine Krallen drückten sich in seine Handballen. Es tat weh.
Der Kater wischte sich mit einer überzogenen Geste durchs Fell. »Also schön weitermachen dort unten im Dunkeln!«
Er winkte den Waschbären zu und grinste breit. Kein nettes Grinsen. Eines, das Arik noch wütender machte.
Die Katzen lachten wieder und verschwanden winkend auf der Brücke. Sie gaben sich Mühe, dass ihr dummes Getuschel noch eine Weile lang zu hören war.
Arik wandte sich ab.
Sie waren blöd und gemein. Weiter nichts.
Sie würden nie etwas selbst bauen. Keinen eigenen Unterschlupf. Keine Verantwortung haben. Sie wohnten in ihren ach so sauberen Häuschen am Park und ihre Eltern beschafften ihnen Essen und Klamotten und einfach alles was sie benötigten.
Was konnten sie schon? Was wussten sie schon? Oberflächliche Lachsäcke. Sie nervten ihn. Sie ekelten ihn an. Sie konnten nur auf anderen rumhacken, weil sie keine anderen Hobbys hatten und keine Probleme und weil sich ihre Eltern nicht genug um sie scherten, um ihnen den Hintern zu versohlen und zu sagen, dass sie nicht so dumm und gemein sein sollten.
Wahrscheinlich weil ihre Eltern genauso wie sie waren. Ihre Kinder genauso hassten, wie sie andere Leute hassten.
Und sich selbst.
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Update 2020-04-11