Eines Drachen Herz

Story by elpoyodiabolo on SoFurry

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Ein tapferer Ritter schlägt sich durch den finsteren Wald um Monster und Ungeheuer zu erschalgen, doch was er findet ist nicht ganz was er erwartet hat.


Der kleine Ort befand sich in einer fruchtbaren Ebene. Überall gab es Felder und die Bauern waren damit beschäftigt, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Nicht, dass die Stadt etwas Besonderes wäre oder in irgendeiner Weise wichtig, aber sie lag auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt und den Bergen, wo der Reichtum des Landes abgebaut wurde: Silber.

Viele Kaufleute kamen hier vorbei. Sie boten ihre Waren feil und brachten Nachrichten aus den fernen Städten und Ländern, in die sie gereist waren.

Am Markttag befand sich das ganze Dorf auf dem Marktplatz. Die Stände waren voll mit Waren, die zum Verkauf standen, und die Barden waren unterwegs, um zu singen. Heute versammelten sich die Kinder und auch einige Erwachsene um einen kleinen Wagen, dessen Plane aufgespannt war und auf dem ein Minnesänger in bunten Kleidern stand. Er trug eine Leier und die Schellen an seinen Armen und Beinen bimmelten bei jeder Bewegung.

„Habt ihr jemals einen Drachen gesehen?“

fragte er sein Publikum, während er große Gesten mit seinen Armen machte. Die Fransen an seinen Armen flatterten in der Luft, als ob er Flügel hätte und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

Die Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an. Seinesgleichen waren dafür bekannt, Nachrichten aus aller Welt zu verbreiten, aber sie waren auch Unterhaltungskünstler.

„Ich frage euch noch einmal. Habt ihr jemals einen Drachen gesehen?“

Diesmal „spuckte“ er Feuer, indem er rote und orangefarbene Luftschlangen über die Kinder in den vorderen Reihen pustete. Die Kinder begannen laut zu lachen und fingen die Luftschlangen auf. Einige der Anwesenden schüttelten den Kopf.

„Nein? Ihr habt noch nie einen Drachen gesehen?“

fragte er erneut. Aber die Menge schüttelte nur unwissend den Kopf. Der Spielmann klimperte ein wenig auf seiner Laute und lehnte sich über den Rand seines Wagens.

„Also dann ... lasst mich euch erzählen, wie sie aussehen, wie sie sind und was sie tun ... Denn ich ...“

Er machte eine dramatische Pause, während er seine rechte Hand auf die Brust legte, um zu betonen, dass er damit wirklich sich selbst meinte.

„... ich habe einen gesehen. Jaaaa... Ich habe sogar mit ihm gesprochen und ihn berührt.“

Er ging auf seinem Wagen hin und her und machte große Gesten, während er dies erzählte. Aber die meisten Erwachsenen schüttelten nur ungläubig den Kopf, winkten ab, und einige wandten sich sogar ab, um zu gehen. Märchen. Das war erfunden, um die Kinder zu unterhalten, und keine ernsthafte Nachricht. Als sie gingen, brach der Spielmann in lautes Gelächter aus und zeigte mit dem Finger auf sie.

„Hahahahahaaa... Ja, geht nur, ihr Ungläubigen. Denn ihr, ihr werdet sie sowieso nie zu Gesicht bekommen. Ihr glaubt mir nicht, weil eure Fantasie nicht einmal ausreicht, um einen Drachen zu sehen, selbst wenn er direkt vor euch stünde.“

Einige blieben stehen, sahen ihn noch einmal an, wie er mit einem breiten Grinsen auf seinem Wagen stand und mit dem nackten Finger auf sie zeigte. Einige schauten sehr ernst, bevor sie sich achselzuckend umdrehten und gingen.

„Sie verstecken sich gut und zeigen sich nur wenigen Menschen. Sie zeigen sich nur denen, denen sie vertrauen und von denen sie wissen, dass sie ihr Geheimnis bewahren werden.“

Er rief es laut über den Platz, so dass es wahrscheinlich jeder hören konnte. Als keine weitere Antwort kam, wandte er sich an die Kinder, die in der ersten Reihe standen und ihn mit großen Augen ansahen.

„Lasst sie gehen ... diese alten, griesgrämigen Bauern. Wir wissen, dass es wahr ist, nicht wahr?“

Die Kinder nickten und ihre Augen leuchteten.

„Ich war genauso alt wie ihr.“

Sagte er in einem verschwörerischen Ton.

„Ein kleiner Knirps, der nichts als Blödsinn im Kopf hatte. Habt ihr jemals einen Drachen gesehen?“

Mit offenem Mund schüttelten die Kinder ihre Köpfe. Der Minnesänger grinste und spielte wieder auf seiner Laute.

„Dann lasst mich euch von meinem Erlebnis erzählen.“

Die wenigen Erwachsenen, die noch da waren, blieben stehen. Sie wollten sich den „Quatsch“ wenigstens einmal anhören. Der Spielmann griff noch einmal zu seiner Laute und begann sein Märchen.

„Es war an einem sonnigen Frühlingstag. Um die Mittagszeit. In der Nähe des Waldrandes, wo die saftigen Felder an die erste Baumreihe grenzten. Alles war still und die Schmetterlinge tanzten im Wind. Das Einzige, was diese Ruhe stören konnte, war der epische Kampf zwischen zwei mächtigen Rittern.“

Wieder strich er mit den Fingern über seine Laute und dann über die Köpfe der Kinder.

„Es war der weiße Ritter Kunibert, der den schwarzen Ritter herausgefordert hatte. Sie bekämpften einander seit einer halben Ewigkeit, und jedes Mal, wenn ihre Schwerter aufeinander trafen, sprühten Funken.“

Der Minnesänger machte wilde Gesten und focht mit einem imaginären Schwert gegen einen unsichtbaren Gegner. Die Kinder lachten.

„Ihre wilden Kampfschreie waren weithin zu hören, während der Weiße Ritter langsam, aber sicher die Oberhand gewann...“

...

Verlassen wir nun den Geschichtenerzähler. Dieser Prahlhans hat noch nie einen Drachen gesehen. Wie sollte er auch. Das einzig Wahre an seiner Geschichte ist, dass sich Drachen nur denen zeigen, die sie für würdig erachten. Die ihre geheimen Verstecke für sich behalten und sie nicht verraten. Ich bin einmal einem begegnet. Ich werde euch erzählen, wie es wirklich war. Damals, im Wald...

...

„Hahaaaa, Schurke, endlich habe ich dich besiegt. Stirb einen grausamen Tod!“

ertönte eine Stimme am Rande des Waldes. Nur um Sekunden später von einer anderen, etwas tieferen Stimme abgelöst zu werden.

„Nein, nein! Bitte nicht! So habe ich es nicht gewollt!“

Wieder ertönte die erste Stimme.

„Schweig still Büttel, deine Zeit ist abgelaufen!“

Es war nun leicht zu erkennen, dass beide Stimmen ein und derselben Person gehören mussten. Vor allem, da der vermeintliche Bösewicht nun niedergeschlagen war.

„Und jetzt stell dich deinem Schöpfer! ZACK!“

Ein schneller Wechsel der Stimmlage.

„Aaaaargh! Ich muss sterben... uuurgh!“

Ein kurzer Moment der Stille folgte, dann war nur noch herzhaftes Gelächter zu hören. Ein ziemlich bizarres Bild bot sich nun dem Betrachter. Der kleine Junge, der eben noch den tapferen Helden gemimt und seinen Alterego, den selbstverständlich bösen schwarzen Ritter, niedergeschlagen hatte, hob sein leicht ramponiertes Holzschwert wieder auf. Er untersuchte es fachmännisch, fuhr mit den Fingern über die Schneide, grinste und steckte es wieder in seinen Gürtel.

„Auf zu neuen Abenteuern!“

rief der Junge und schaute sich nach seinem Gefolge um. Er war ganz allein, vollkommen auf sich gestellt.

„Ich bin der berühmte Ritter Kunibert der Tapfere. Ich brauche kein Gefolge!“

sagte er zu sich selbst, bevor er wieder sein Schwert zog und fröhlich in den Wald rannte. Und das, obwohl seine Mutter es ihm streng verboten hatte.

„Pass auf, dort gibt es schreckliche Ungeheuer...“

äffte er seine Mutter nach. Ha, diese gruseligen, riesigen prähistorischen Ungeheuer, die kleine Jungen wie ihn zum Frühstück verspeisten, sollten sich zeigen. Hatte er nicht gerade den größten Schurken aller Zeiten erschlagen? War er nicht der mutigste, der strahlendste Held, den es je gegeben hatte? Er würde ihnen zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war. Er würde sie alle erschlagen und ihre Köpfe und Herzen als Trophäen mit nach Hause nehmen, damit alle sie sehen konnten.

Na ja, vielleicht die Köpfe, die Herzen waren immer so eine Sauerei. Er hatte gesehen, wie seine Mutter ein Huhn ausgenommen hatte. Die Köpfe würden genügen müssen.

Er hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen, und außerdem war er bewaffnet.

Was sollte ihm schon passieren? Nur weil die anderen sich nicht in den Wald getraut haben? Sie waren alle Feiglinge und Taugenichtse.

Zumindest redete er sich das ein. Als er die ersten lichten Hecken durchquert hatte und sich das Licht langsam veränderte, wurde ihm schon ein wenig mulmig zumute. Seine Mutter hatte immer Recht gehabt mit dem, was sie sagte. Der Glanz und Glorie, sowie die Makellosigkeit seines eingebildeten Ichs schälten sich langsam von ihm ab, je tiefer er in den Wald vordrang. Er schluckte schwer.

„Aber ... ich muss das tun. Ich muss den Wald erforschen! Für den Ruhm des Königreichs! ... Aber ... was ist, wenn es dort wirklich Monster gibt? Schreckliche ... furchterregende ...“

sprach er zu sich selbst und wurde dabei immer leiser und leiser. Er blickte auf sein Schwert, das er in der Hand hielt.

„Ach, ich bitte dich... die sollen doch nur kommen. Haaaa! Ich werde sie mit Links fertigmachen!“

Er stieß sein Schwert in den Himmel, während er versuchte, sich selbst davon zu überzeugen. Abgesehen davon, dass diese Aussage bei ihm sowieso nicht funktionierte. Er war Linkshänder. Mit grimmiger Miene ging der kleine Junge tiefer in den Wald hinein, der langsam immer dichter, dunkler und unheimlicher wurde. Der Wald schloss sich regelrecht um ihn, hüllte ihn ein und nahm ihm den Blick auf den Himmel und die Felder, die nun schon ein gutes Stück hinter ihm lagen.

Ein kleines, leises Geräusch ließ ihn herumwirbeln und sein Schwert vor sich halten. Sein Atem stockte, sein Puls setzte für einen Moment aus. Erst dann sah er es, das schreckliche Ungeheuer.

„Puhh... Ein Eichhörnchen.“

Er holte tief Luft.

„Mutter, soll das eines deiner Monster sein? Die Ungeheuer, die diesen Wald bewohnen?“

Die Anspannung fiel von ihm ab, während das kleine Nagetier im Unterholz verschwand. Grinsend steckte er sein Schwert zurück in den Gürtel und wandte sich wieder dem Wald zu. Er fühlte sich durch diese Begegnung gestärkt und seine Furchtlosigkeit war wiederhergestellt. Er peilte eine Richtung an und stapfte los. Als er tiefer in den Wald ging, murmelte er spöttisch vor sich hin, was für Feiglinge seine Eltern und die anderen Erwachsenen waren. Er sah sich um, es gab höchstens ein paar Eichhörnchen und schlimmstenfalls einen Fuchs. Erst als ihm ein großes, dichtes Gestrüpp den Weg versperrte, verstummte er wieder. Ehrfürchtig betrachtete er das dornige Hindernis. Wenn er tiefer in den Wald eindringen wollte, musste er es durchdringen oder willkürlich umgehen. Er schaute nach links und rechts. Das Gestrüpp sah riesig aus. Er traf eine Entscheidung. Umgehen kam nicht in Frage, er war ein tapferer Kämpfer, der tapferste von allen. Er zog sein Schwert und stellte sich dem dornigen Feind.

„Weiche, du Dickicht, der stolze Ritter Kunibert verlangt es. Du bist sowieso nur eine Barrikade, die von den ach so bösen Ungeheuern errichtet wurde, weil sie Angst vor mir, dem mächtigen Ritter Kunibert haben!“

Stolz und wahnsinnige Arroganz, wie sie den Rittern eigen waren, schwangen in seiner Stimme mit. Als der Busch nicht weichen wollte, was er ja nun buchstäblich nicht konnte, schlug Kunibert, der nicht so große und schon gar nicht kräftige Bursche, mit seinem Schwert auf ihn ein. Sein Holzschwert konnte das Dickicht nur langsam durchdringen und so ging es erst einmal nur wenig vorwärts.

In einer anderen Ecke des Waldes war es viel ruhiger und überhaupt nicht kämpferisch. Die Lichtung in der Mitte des Waldes war groß. Irgendwann vor Urzeiten war hier ein Stern vom Himmel gefallen, hatten die Alten erzählt. Deshalb wuchsen hier keine Bäume und das Wasser hatte sich im Laufe der Zeit in dem Loch gesammelt. Der See war kristallklar und glatt wie Glas. Sie war schon eine ganze Weile hier und genoss die Ruhe und Stille. Sie lag einfach nur da und sah zu, wie die Wolken still und gefühlvoll über den Himmel zogen und sog die Wärme der Sonne in sich auf. Das geschäftige Treiben der anderen Waldbewohner war ihr fremd. Es fiel ihr erst allmählich auf. Es war still geworden, fast unnatürlich still. Sie drehte sich um und sah sich die Lichtung genau an. Sie spitzte ihre eigentlich guten Ohren, aber es war geradezu totenstill.

Nicht einmal die sonst so gesprächigen Vögel zwitscherten. Für diesen Wald völlig untypisch. Es schien fast so, als würden sich alle Tiere des Waldes verstecken und den Atem anhalten. Aufmerksam lauschte sie in die Stille und versuchte, etwas zu erkennen, aber da war nichts.

Selbst der Wind schien den Atem anzuhalten, denn selbst das Rascheln der Blätter war verstummt und die Oberfläche des Sees, die sich sonst so fröhlich kräuselte, war glatt wie Glas. Sie wich ein wenig zurück. All dies bedeutete Gefahr.

Aber lassen wir diese Kreatur noch ein wenig in Ruhe und wenden wir uns wieder dem tapferen Kämpfer für Recht und Ordnung zu. Kunibert brach endlich durch das Dickicht. Triumphierend blickte er sich um. Hinter dem Gestrüpp sah der Wald plötzlich ganz anders aus. Er wirkte heller, freundlicher und weniger dicht bewachsen.

„Hahaaa! Schwächliches Dickicht. Endlich gibst du auf. Du versuchst, mich aufzuhalten, mich den strahlenden Ritter Kunibert, was für ein blasphemischer Versuch. Hier gibt es doch sowieso keine Ungeheuer.“

höhnte er und war sichtlich stolz auf sich. Er hatte diesen Feind besiegt, ganz allein. Dann musste er ja auch mit seinen anderen Überzeugungen Recht haben. Oder etwa nicht? Mit einem Anflug von Stolz ging er... nein, er schritt weiter in den Wald hinein. Vor seinem geistigen Auge war er bereits der stolze Ritter in der glänzenden Rüstung, der mit dem mächtigsten aller Schwerter alle Ungeheuer und Monstrositäten dieser Welt erschlagen hatte. Tiefer und tiefer drang er in den Wald ein. Und während er dies tat, bemerkte er langsam, dass es seltsam still im Wald war. Je länger er in dieser Stille unterwegs war, desto mehr Zweifel schlichen sich in seinen Kopf. Der Wald war nun merklich heller und er wirkte friedlich in seiner Stille, aber das völlige Fehlen aller Geräusche verursachte ihm ein mulmiges Gefühl. Vielleicht lag es auch daran, dass er dachte, der Wald würde innerlich immer dichter werden.

Trotzdem ging er weiter. Er konnte einfach nicht anders. Als ein vom königlichen Hof gesandter Ritter musste er diesen Wald zum Wohle des Königreichs erkunden. Seine Hand umklammerte den Griff seines Holzschwertes fester. Seine Versuche, sich selbst zu überzeugen, funktionierten fast, aber nur fast.

„Vielleicht gibt es ja doch keine Monster in diesem Wald?“

murmelte er, als das Sonnenlicht eine Lichtung vor ihm erhellte und sich in dem See in ihrer Mitte spiegelte. Er versuchte krampfhaft, die Zweifel an seiner Überzeugung abzuschütteln, aber sie hielten sich hartnäckig, und so begann er zum ersten Mal seit dem Dickicht, vorsichtiger zu gehen und verlangsamte seinen Schritt.

Langsam und vorsichtig näherte er sich der Lichtung. Jetzt stand nur noch ein einzelner, uralter Baum zwischen ihm und der Lichtung. Er drückte sich an seinen massiven Stamm und lauschte. Aber es war absolut nichts zu hören. Nicht einmal das Plätschern des Wassers im See war zu hören. Erst als er ganz sicher war, dass sich kein Ungeheuer auf der Lichtung befand, schlich er sich vorsichtig auf die andere Seite, an den Baumstamm gepresst. Sorgfältig beobachtete er die Umgebung, damit sich nichts an ihn heranschleichen konnte. Als er etwa halb um den Baum herum war, bemerkte er etwas unter seinem Fuß, aber es war bereits zu spät, um zu reagieren. Mit einem lauten Knacken zerbrach er den trockenen Ast, der am Fuß des Baumstamms gelegen hatte. Das Geräusch des brechenden Astes klang unnatürlich laut und seltsam hohl in der Stille, die ihn umgab. Doch so schnell und laut, wie sich das Geräusch ausgebreitet hatte, schien der Wald es ganz zu verschlucken. Erschrocken blieb er stehen und neigte den Kopf ein wenig. Er hielt den Atem an und sah sich vorsichtig um. Nichts rührte sich, kein Ungeheuer, keine Urbestie, kein Angriff, einfach nichts.

Aber er war gehört worden.

Auf der anderen Seite der Lichtung schreckte der Bewohner dieses Ufers auf und sah sich ebenfalls vorsichtig um.

*Da war ein Geräusch...ganz sicher...*

Es ging ihr durch den Kopf. Es hörte sich an, als wäre es ein Stück weit weg gewesen, aber sie hatte es deutlich gehört. Ein brechender Ast. Verwirrt sah sie sich wieder um.

*Ein Tier? Wahrscheinlich nicht...*

Da sie von ihrer Position aus nichts sehen konnte, duckte sie sich schließlich ein wenig tiefer hinter einen Busch und beschloss zu warten. Der Unruhestifter würde sich schon zeigen.

Auf der anderen Seite atmete der Unruhestifter wieder auf und schlich weiter um den Baum herum. Er versuchte, den Schreck hinunterzuschlucken. Bald hatte er den Baum umrundet und stand am Rande der Lichtung. Vor ihm lag ein schmaler Streifen saftigen Grüns und dahinter der See. Alles war still, nichts war zu sehen. Er sah sich um und ließ seinen Blick schweifen. Ein ganz besonders schönes Fleckchen Erde, das er da gefunden hatte. Langsam wich die Anspannung aus ihm und er ließ sein Schwert sinken. Er lehnte sich gegen den großen Baum und grinste triumphierend vor sich hin.

„Was habe ich gesagt?“

fragte er sich nun laut. Langsam ließ er sich den Stamm hinuntergleiten und setzte sich ins Gras am Fuße des großen alten Baumes.

„Hier gibt es keine Ungeheuer ...“

bekräftigte er seine Überzeugung, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass er Recht hatte. Er würde seiner Mutter etwas erzählen, wenn er wieder zu Hause war. So eine falsche Lügnerin. Wie konnte es hier Ungeheuer geben, wenn er, der stolze Kunibert, das Land verteidigte. In seinem naiven Größenwahn redete er sich ein, dass seine bloße Anwesenheit die Ungeheuer ohnehin vertrieben hätte. Sonst wären sie ja da. Oder wären sie es nicht?

Oh, sie waren da! Er hatte sie nur nicht gesehen. Am anderen Ende der Lichtung, in seinem Versteck, wartete das Monster auf ihn und hielt immer noch Ausschau nach dem Unruhestifter.

*Ich bin sicher, es war ein Mensch.... oh Gott, ich hoffe, es ist keiner...*

Instinktiv begann sie, die Lichtung mit ihren Augen gründlich abzusuchen.

*Ja, da ist er...wie klein er ist...so klein...*

Sie fixierte den Eindringling und betrachtete ihn genau, musterte ihn.

Der Eindringling jedoch bemerkte dies überhaupt nicht. Er nahm einen Stein, der neben ihm auf dem Boden lag, und betrachtete ihn. Er sah ein wenig seltsam aus, aber bevor er darüber nachdachte, nahm er ihn und warf ihn in den See. Er sah zu, wie sich die Wellen auf der vollkommen flachen Oberfläche ausbreiteten.

„Ich bin mir sicher, dass Mutter mich nur von dem Spaß abhalten wollte, den man hier im Wald haben kann.“

Er grummelte vor sich hin und stand wieder auf. Er suchte nach einem anderen Stein.

Sein Handeln blieb nicht unbeobachtet.

*Dieser unverschämte kleine Mensch hat die Dreistigkeit und bringt Unruhe in unseren See...und obendrein ist er bewaffnet...*

Sein Beobachter runzelte leicht die Stirn. Während die Person auf der anderen Seite des Sees sich bückte und einen weiteren Stein aufhob. Er hatte einen flachen und glatten Stein gefunden, den er nun in seinen Händen wog. Grinsend steckte er sein Schwert weg und ging mit ihm zum Ufer. Er warf ihn ganz flach mit einem Effet über das Wasser und sah begeistert zu, wie er über das Wasser sprang.

1...2...3...4...5...mal schaffte er es. Der Stein hüpfte weit draußen über den See und so wanderte der Blick des kleinen Jungen zum anderen Ufer und blieb dort hängen.

*Aber er ist geschickt mit den kleinen Steinen.... schön wie sie springen...*

Sie hatte den Kopf hinter dem Gebüsch hervorgehoben, um besser sehen zu können, und dabei völlig vergessen, dass sie ohnehin nur halb von dem kleinen Dickicht verdeckt war. So versperrte nur ein kleines Gestrüpp die komplette Sicht auf sie. Dem Jungen blieb dies allem Anschein nach nicht unbemerkt. Er erstarrte vor Schreck. Dort am anderen Ufer, hinter diesem Gestrüpp, sah er etwas, das er, wie so viele andere Menschen auch, noch nie gesehen hatte. Es kam dem sehr nahe, was er sich unter einem Urzeitmonster, wie seine Mutter es nannte, vorstellte. Dieser Anblick war für ihn so furchterregend, dass er völlig sprachlos war, und obwohl er in diesem Moment eigentlich schreiend weglaufen wollte, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte auf dieses Ding. Schließlich fiel er, unfähig zu flüchten, einfach rückwärts um. Ein stummer Schrei entrang sich seiner Kehle, während er verzweifelt versuchte, rückwärts wegzukriechen. Für seinen Beobachter sah das alles sehr seltsam aus.

*Es sieht so aus, als ob er nicht atmen kann...aber warum?*

dachte sie und beobachtete ihn genau. Kunibert hingegen krabbelte weiter rückwärts von diesem Ding weg. In seiner Panik war es ihm egal, ob es ihm folgte oder nicht, Hauptsache weg, weg von hier, weg von diesem Monster. Schließlich schaffte er es, seinen Blick von dieser Kreatur loszureißen und sich umzudrehen. Hektisch kroch er auf allen Vieren zu dem großen Baum, den er eben noch umrundet hatte, um zu dieser Lichtung zu gelangen.

Auf der anderen Seite des Sees bemerkte sein monströses Ebenbild, dass er sie gesehen hatte. Sie war gut sichtbar und damit in Gefahr. Schnell duckte sie sich hinter das Gebüsch und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen.

Einer der Ältesten hatte ihr einmal erzählt, dass die Menschen gefährlich seien und dass sie die Drachen und alle anderen Tiere töteten, sobald sie sie entdeckten. Deshalb wurde sie von Panik ergriffen. Panik, dass dieser Mensch, auch wenn er noch so klein war, ihr etwas antun könnte. Vor allem ausgerechnet jetzt...

Aber der Mensch dachte im Moment nicht daran, diesem Tier irgendetwas anzutun. Er wollte nur sein eigenes kleines Leben retten. Als er den Baum erreichte, zog er sich verzweifelt an der Rinde hoch und drehte sich um. Das Tier, das er vor einem Moment noch so deutlich gesehen hatte, war verschwunden. Wo genau war es gewesen. In seiner Panik konnte er den Drachen nicht sehen, der noch halb sichtbar war. Unsicher zog er sein Holzschwert und hielt es schützend vor sich. Dies war seine einzige Waffe. Die Waffe, die schon so viele Schurken niedergestreckt hatte. Es musste ihn einfach beschützen.

„A...also gibt es sie doch...“

stammelte er und wagte keinen einzigen Schritt zu machen, ohne genau zu wissen, wo die Bestie war. Die Bestie selbst war auch nicht in bester Laune. Sie selbst hatte Angst um ihr Leben, Angst, dass dieser Mensch ihr etwas antun könnte. Aber in dem Gebüsch, in dem sie sich befand, saß sie in der Falle. An ihrem jetzigen Standort würde sie weder abheben können, noch würde sie direkt fliehen können. Es blieb nur eine Möglichkeit: Die Flucht nach vorne. Direkt auf den Störenfried zu, hinüber zum See und dort auf offener Fläche, würde sie wahrscheinlich abheben können. Oder es zumindest versuchen. Kunibert hingegen hatte keinen großen Plan für seine Flucht. Er wollte nur wissen, wo diese Bestie war, damit er auf dem schnellsten Weg vor ihr fliehen konnte. Was ihn viel mehr verwunderte, war, warum die Bestie nicht angriff oder zumindest einen Versuch dazu unternahm. Ängstlich suchte er weiter die Umgebung ab. Die Bestie trat nun aus dem Gebüsch heraus und hoffte, die offene Fläche zu erreichen. Dazu nahm es all seinen Mut zusammen und stand dem vermeintlichen Todfeind zum ersten Mal in voller Größe gegenüber. Nun sah auch Kunibert die Bestie wieder. Es war riesig. Viel größer, als er es erwartet hätte. Es mochte etwa 15-18 Schritt lang sein und es war weiß. Weiß wie ein Engel, der Todesengel, den man an den Kirchenfenstern in seinem Dorf sehen konnte. Er hob sein Schwert schützend vor sich. Sein ganzer Körper zitterte. Es gab keinen Gedanken an Flucht. Vor so etwas konnte man nicht fliehen.

„K... Ko... Komm nicht n... nä... näher!“

stotterte er. Als Antwort bekam er ein unheimliches Grollen zu hören, das die Bestie vor ihm ihn hören ließ. Dieses Geräusch, das die Bestie ihn hören ließ, brachte Kunibert nun endgültig zu Fall. Sein Schwert fiel ins Gras und blieb dort nutzlos liegen, und er selbst fiel auf die Knie und hielt sich die Ohren zu. Die Bestie auf der anderen Seite des Sees konnte mit dieser Geste nichts anfangen, bzw. sie verstand nicht, warum dieser Mensch, diese blutrünstige Kreatur, solche Angst vor ihr hatte. Sollte der Mensch nicht auf sie zustürmen und sie mit allem, was er hatte, angreifen? Kunibert war der Verzweiflung nahe:

*Ich hätte auf Mutter hören sollen...*

ging es ihm durch den Kopf, während er im Gras kniete und sich nicht zu bewegen wagte. Er bemerkte die Bewegung seines Gegenübers nicht. Die Bestie hatte die Spannung in ihrem Körper fast vollständig verloren. Dieser Mensch war keine Gefahr. Zu fliehen wäre reine Energieverschwendung, zumal sie immer noch mit einer Verletzung an ihrem Flügel zu kämpfen hatte. Da der Mensch nun die Waffe fallen gelassen hatte und sich in völliger Angst auf den Boden kauerte, ging von ihm keine Gefahr mehr aus.

Kunibert stellte wirklich keine Gefahr mehr dar. Er war völlig aufgelöst. Doch als er eine Weile nichts mehr hörte, öffnete er seine zusammengekniffenen Augen und schaute auf den Boden vor ihm. Sein Schwert lag ein oder zwei Schritte vor ihm auf dem Boden. Er würde es nicht direkt erreichen können, aber er wagte es nicht, sich zu bewegen, geschweige denn, nach vorne zu schauen, um die Bestie wiederzusehen. Als die Bestie bemerkte, dass etwas geschah, knurrte sie erneut, diesmal aber sehr leise, und wich einen Schritt zurück. Kunibert nahm die Hände von den Ohren, zuckte aber wieder zusammen, als er das Grollen der Bestie hörte. Aber dieses Knurren klang anders. Es war weniger laut und klang irgendwie weicher. Er hob den Kopf ein wenig und schaute in die Richtung des Monsters. Es war ein wenig zurückgewichen. Vielleicht hatte er es irgendwie eingeschüchtert. Immerhin war er ein großer und stolzer Krieger. ... Nun ... zumindest manchmal. Er blieb für den Moment so sitzen und betrachtete sein Gegenüber. Wenn man sich die Zeit nahm und genauer hinsah, war es ein sehr schön aussehendes Biest. Wenn man sich die Zeit nahm, es in Ruhe zu betrachten, weil man eingesehen hatte, dass eine Flucht wahrscheinlich sowieso sinnlos war, stellte man nach und nach fest, dass es kaum harte Kanten gab und dass alles sehr wohlgeformt und fließend aussah. Das musste so sein, aus Gründen der Aerodynamik, aber das wusste Kunibert damals noch nicht. Er fand es einfach von Minute zu Minute faszinierender und wollte mehr sehen, wollte es anfassen. Ruhig stand das Tier da und betrachtete den Jungen auf der anderen Seite des Sees. Er sah jetzt ganz anders aus, als er sich langsam wieder aufrichtete. Sein Blick und seine ganze Ausstrahlung hatten sich grundlegend verändert. Langsam stand der Mensch auf, ohne seinen Blick von der Bestie abzuwenden. Er wirkte sehr neugierig, wissbegierig. Darin war er ihr sehr ähnlich. Sie trat noch einen Schritt zurück. Auch Kunibert blieb vorsichtig, trotz der Faszination, die von dieser Kreatur ausging, war sie durchaus gefährlich, dessen war er sich noch bewusst. Immer wieder schielte er auf sein Holzschwert. Das lag nur wenige Schritte von ihm entfernt. Es war eine unheimliche Situation, und er hatte große Angst, aber gleichzeitig fühlte er sich magisch zu dieser Bestie hingezogen. Die Bestie am anderen Ende der Lichtung war sich ihrer Gefühle gegenüber dem Menschen nicht mehr ganz so sicher. Sie hoffte, dass der Mensch nicht die Absicht hatte, sie anzugreifen. Wer wusste schon, wozu diese Menschen am Ende fähig waren. Nach dem Versuch, den verletzten Flügel zu bewegen, war das Fliegen unmöglich geworden. Der Flügel tat einfach zu sehr weh. Der Mensch hingegen schien endlich seiner Neugier nachzugeben und schluckte seine Angst hinunter. Er setzte sich ganz langsam in Bewegung und ging unsicher auf den See zu. Er ließ sein Schwert beiseite und richtete seinen Blick auf die Bestie. Als sich der Mensch nun langsam näherte, stieß das Tier ein weiteres Knurren aus. Wieder sehr leise, aber sehr eindringlich. Sie hoffte inständig, dass dies nicht einer der Menschen war, die ihre Art lieber tot sehen wollten. Doch der Mensch schien ihre gespielte Warnung völlig zu ignorieren. Genau und mit großer Sorge beobachtete sie jede seiner Bewegungen, als er sich Schritt für Schritt näherte. In ihr wuchs nun langsam die Angst weiter und weiter an, aber sie wollte nicht, dass der Mensch ihre Angst bemerkte. Man sollte einem Feind nie zeigen, dass man Angst hatte. Das hatte sie schon früh gelernt. Um größer und bedrohlicher zu wirken, versuchte sie, ihre Flügel ein wenig auszubreiten, aber das funktionierte nicht, denn ein Flügel tat einfach zu sehr weh. Also faltete sie die Flügel wieder an ihrem Rumpf zusammen und schaute weiter zu dem Menschen hinüber, der seinem Entdeckerdrang völlig verfallen war und wie in Trance weiter in ihre Richtung lief. Am See angekommen, begann Kunibert, um ihn herumzugehen. Ganz langsam und in Richtung des längeren Weges ging er am Ufer entlang. So hatte er mehr Zeit, die Bestie aus der Ferne zu betrachten und sich ein Bild von ihr zu machen. Das Tier verfolgte mit seinen großen Augen akribisch jede seiner Bewegungen. Mit jedem Schritt, den er tat, wuchs Kuniberts Begeisterung für dieses seltsame Wesen. Jede Angst, jede Warnung, jede Vorsicht und jeder Zweifel war von ihm abgefallen. Nur mit größter Zurückhaltung gelang es ihm, sich davor zu hüten, einfach loszurennen, um schneller zu diesem Tier zu gelangen. Je näher er kam, desto größer und schneller wurden seine Schritte. Er bemerkte nicht einmal die Bewegung, die in dem Tier vor sich ging.

Auf der anderen Seite des Sees entging der Bestie nicht, dass sich der kleine Mensch immer schneller auf sie zubewegte. Da sie das Verhalten der Menschen nicht recht deuten konnte, deutete sie diesen Umstand als einen möglichen Angriff, war sich aber nicht sicher. Dennoch wäre es fatal, einem Angreifer die Flanke zuzuwenden, also wandte sie sich ganz dem kleinen Menschen zu. Im Notfall konnte sie immer noch im Wasser Schutz suchen. Der Mensch würde ihr sicher nicht dorthin folgen.

Dieser hatte den See etwa zur Hälfte umrundet und konnte seinen Blick nicht mehr von dem Ungeheuer abwenden, als ihn etwas am Fuß erwischte. Bevor Kunibert reagieren konnte, hatte die Wurzel, unter der er seinen Fuß eingeklemmt hatte, ihn zu Fall gebracht. Er fiel der Länge nach um wie ein Baumstamm. Mit einem lauten „Uff!" landete er bäuchlings auf dem Gras. Mehr aus Wut als aus Schmerz fluchte Kunibert und versuchte, sich wieder aufzurappeln. Aber er konnte seinen Fuß nicht von der Wurzel befreien. Er saß unweigerlich fest. Während der Junge weiter versuchte, sich aus dem Griff der Wurzel zu befreien, wunderte sich das Ungeheuer über diese seltsamen Gesten. Der Mensch stürzte sofort ins Gras, um einen Moment später mit wildem Geschrei wieder aufzutauchen. Danach beugte sich der Mensch wieder ins Gras und tat etwas, das das Monster nicht sehen konnte. Sein Interesse war geweckt. Es war neugierig darauf, was dieser Mensch jetzt tat und warum er so außer sich zu sein schien. Die Bestie ging näher heran, um besser sehen zu können. Aber behutsam. Wer wusste schon, ob dieser Mensch nicht nur eine Finte versuchte, um sie aus der Reserve zu locken.

Aber der Mensch war mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Er wurde sich erst jetzt bewusst, wo er war und was er tat. Er schien aus einem Traum zu erwachen, als er mit großen Augen zu dem Monster aufblickte, das nun nicht mehr allzu weit entfernt war. Eine Angst, die er nie zuvor gekannt hatte, ergriff Besitz von ihm. Jetzt, da er dem Ungeheuer so viel näher war, erschien es ihm noch größer, noch gewaltiger, und obwohl es noch einige Schritte von ihm entfernt war, hatte er das Gefühl, dass es ihn auf der Stelle fressen könnte. So als Happen für zwischendurch, mehr war er, verglichen zu der Größere der Bestie sowieso nicht. Er geriet in Panik. Wie hatte er nur so dumm sein können? Was hatte er sich dabei gedacht, als er so kopflos auf dieses Ding zugelaufen war. Und jetzt? Jetzt saß er hier fest und konnte nicht einmal weglaufen. Hektisch versuchte er, seinen Fuß aus dem Griff zu befreien, aber je mehr er daran zerrte, desto enger wurde die Schlinge um seinen Fuß. Sein Puls raste, sein Herz hämmerte so stark, dass er es in seinen Ohren spüren konnte. Als er wieder von seinem Fuß aufblickte, stellte er zu allem Übel fest, dass dieses Monster nun auch auf ihn zukam. In seiner Panik zerrte er noch fester an seinem Fuß, aber das Ergebnis blieb das gleiche. Jetzt war alles vorbei. Furcht, unmenschliche, primitive Furcht stieg in ihm auf. Da er seinen Fuß nicht mehr bewegen konnte, war er auch nicht in der Lage zu fliehen. Unbewaffnet wie er war, würde auch ein Kampf keinen Sinn machen. Alles schien vorbei zu sein. Er war erledigt. Er hörte nichts mehr außer dem rasenden Herzschlag von sich selbst, er sah nichts mehr außer dem verschwommenen Bild der Wurzel, die sich um seinen Fuß gewickelt hatte, Tränen liefen ihm über die Wangen. Er fühlte auch nichts mehr außer der reinen Angst, die ihm alle Sinne raubte. Teilnahmslos zerrte er weiter an seinem Fuß.

Die Bestie legte den Kopf leicht schief. Der Mensch schien in purer Panik zu sein, zerrte an seinem Hinterbein und gab seltsame Geräusche von sich. Er schien sie auch nicht mehr zu beachten. Leise grummelnd kam sie näher, um zu sehen, was den Menschen beunruhigte. Sie war neugierig. Aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung war sie immer noch neugierig genug, um die Zweifel wegzuwischen und sich diesem Menschen wider besseres Wissen zu nähern. Jetzt wurde ihr klar, was geschehen war. Das Hinterbein des Menschen hatte sich in einer einfachen Wurzel verfangen. Das war ihr schon öfter passiert, aber sie war immer stark genug gewesen, sich daraus zu befreien. Für diesen Menschen schien dieses einfache Problem schwerwiegende Folgen zu haben, wenn er so in Panik war. Allem Anschein nach konnte er sich nicht allein befreien. Langsam begann das Bild des blutrünstigen, gefährlichen Menschen in ihrem Kopf zu zerbröckeln. Wenn sie sich nicht einmal aus einer so einfachen Falle befreien konnten, wie sollten sie dann für sie gefährlich werden? Wie schwach sie doch waren. Nun, zumindest dieser hier war es. Diese Situation hatte auch ihre guten Seiten. Der kleine Mensch konnte ihr jetzt nichts mehr anhaben, aber er konnte ihr auch nicht mehr entkommen. Sie hatte also alle Zeit der Welt, sich diesen so genannten Todfeind ihrer Art genauer anzusehen. Er war klein, nicht einmal annähernd so groß wie eines ihrer Beine. Er wirkte schlaksig und seine Muskeln konnten nicht viel Kraft entwickeln, wie man an der Wurzel sehen konnte. Auch sein Aussehen war sehr merkwürdig. Er hatte ein kleines Stück Fell auf dem Kopf, ansonsten schien er überhaupt kein Fell zu tragen, ähnlich wie sie selbst, aber seine Haut war auch nicht geschuppt, wie die ihre. Er selbst hatte eine langweilige Farbe, während die seltsamen Dinge, die er anstelle von Fell trug, schöne Farben hatten. Er hatte auch solche Dinger um seine Hinterbeine, aber die sahen anders aus und waren braun wie die Erde. Sie war schon ein wenig amüsiert. Sie konnte sich den Zweck dieser Dinger nicht erklären. Diese Dinger mussten doch störend sein!

Aber Kunibert beschäftigte sich im Moment mit ganz anderen Dingen. Er war so in Panik, dass er die weitere Annäherung des Tieres gar nicht bemerkte. Er wollte nur noch weg, egal wie, nur schnell und weit weg. Sogar nach Hause und den Ärger für seinen Ungehorsam würde er in Kauf nehmen. Die Hauptsache war, wegzukommen. Er würde auch nie wieder einem Befehl seiner Mutter nicht gehorchen. Nie wieder ... na ja ... zumindest eine Zeit lang. Die Bestie hatte nun angehalten. Es war noch in einiger Entfernung, aber es war nahe genug herangekommen, um ihn mit einer seiner Vorderpfoten erreichen zu können. Das bedeutete, dass es immer noch weit genug entfernt war, dass der Mensch sie nicht erreichen konnte. Schließlich bemerkte auch Kunibert, dass das Ungeheuer näher gekommen war. Durch einen Schleier aus Tränen der Verzweiflung sah er den weißen Schatten, der weit über ihm aufragte. Er konnte nichts genau erkennen, aber da kein anderes Tier in der Nähe war, konnte es nur dieses Ungeheuer sein. Er erstarrte und ließ seinen Fuß los. Sogar sein Atem stockte und sein Gehirn schaltete für einen Moment ab. Er war zu nichts mehr fähig. Er konnte nicht einmal schreien. Teilnahmslos und in völliger Panik blickte er starr in das große, weiße Gesicht vor ihm. So bemerkte er nicht, wie das Ungeheuer leise knurrend seine Pfote vorsichtig über den Boden zu ihm schob und sich nicht weit von seinem Fuß in die Erde grub. Eigentlich wollte das Ungeheuer nur sehen, was passieren würde, wenn es die Wurzel abreißen und damit den Menschen befreien würde. Es grub sehr vorsichtig und fand die Wurzel schnell. Die Riesenklaue umklammerte die Wurzel fest und begann vorsichtig daran zu ziehen. Sie wollte den Menschen nicht verletzen. Einerseits, da er seine Waffen nicht mitgenommen hatte und somit eigentlich keine Gefahr darstellte, andererseits wusste sie nicht, wie ein verletzter Mensch reagieren würde. Sie kannte es von Tieren, dass sie zu wahren Berserkern werden konnten, wenn sie verletzt waren. Sie ruckte einmal kräftig in eine Richtung und das dumpfe Knacken unter der Erde zeigte an, dass die Wurzel nun vollends abgerissen war. Der Mensch fiel rücklings um und schüttelte leicht den Kopf. Fassungslos blickte er auf seinen Fuß, der nun wieder frei war. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass die Wurzel ihn nicht mehr festhielt, aber dann begann er, hektisch zurück zu kriechen. Das Biest schüttelte leicht den Kopf, es wollte ihm doch nicht wehtun. Zumindest nicht in erster Linie. Sie versuchte nun, mit ihm zu reden. So wie sie immer mit den Tieren und mit ihren Artgenossen sprach:

„Ich werde dir nicht wehtun. Warum läufst du weg?“

Sie konnte nicht wissen, dass die Menschen eine ganz andere Sprache sprachen und dass der kleine Junge, der gerade in Panik vor ihr floh und sich an einen Baum lehnte, sie überhaupt nicht verstehen konnte. Für ihn waren das nur knurrende und zischende Laute, die ihn im Grunde nur noch mehr Angst machten. Er blieb an dem Baum sitzen und klammerte sich an dessen Rinde. Es waren nun wieder ein paar Schritte zwischen ihnen. Sein Gesicht war so weiß wie ihre Schuppen. Sie legte den Kopf ein wenig schief und versuchte es erneut in einem etwas anderen Dialekt:

„Ich werde dir nicht wehtun ...“

Es klang sehr fremd in ihren Ohren, aber der Mensch schien sie immer noch nicht zu verstehen. Sie versuchte, sich an die Sprache zu erinnern, an die Sprache, die die Menschen sprachen und die sie vor so langer Zeit einmal von einem Artgenossen gelernt hatte. Kunibert hingegen klammerte sich an den Baum und fürchtete um sein Leben. Immer wieder grummelte das Ungeheuer vor sich hin. Ganz langsam beruhigte er sich wieder, denn das Ungeheuer bewegte sich nicht und machte auch keine Anstalten, sich zu bewegen. Sein Blick fiel auf die Klaue des Ungeheuers, die noch halb im Boden steckte und die Reste der Wurzel hielt, die es offenbar durchgerissen hatte. Er betrachtete diese Klaue und erkannte langsam, dass dieses Monster ihn befreit haben musste. Eigentlich eine nette Geste, aber auch Katzen spielten mit ihren Opfern, bevor sie sie schließlich fraßen. Sein Blick wanderte wieder zum Kopf des Monsters, das gerade wieder anfing, seltsame Laute von sich zu geben. Es klang seltsam, sogar lustig. Es hörte sich fast so an, wie wenn sein Vater abends von der Taverne nach Hause kam und sich völlig betrunken in sein Bett legte. Während ein weiteres leises Knurren ertönte, versuchte Kunibert langsam aufzustehen. Er zog sich am Stamm des Baumes hoch, seine Beine waren wackelig und er fühlte sich irgendwie müde. Die ganze Zeit über behielt er die Augen auf das Tier gerichtet, wagte es nicht, auch nur für einen Moment wegzusehen. Als er langsam sicherer stand, zog die Bestie ihre Klaue unter seinen Körper zurück. Kunibert nahm all seinen Mut zusammen und sprach es an:

„W...w...was bi...bi...bist du?"

stotterte er und seine Stimme war gebrochen, aber wenigstens sollte sie verständlich sein. Doch ganz so einfach war es nicht. Die Bestie vor ihm erkannte seine Worte nicht. Nur das Wort „du“ und den Tonfall, von dem sie annahm, dass es eine Frage war, konnte sie erkennen. Der Gesichtsausdruck des Menschen entspannte sich langsam wieder, und die natürliche Farbe kehrte schließlich zurück. Der Blick in seinen Augen verriet ihr, dass er wahrscheinlich wieder neugierig wurde. Sie fragte sich erneut, was dieses 'Du' zu bedeuten hatte. Als sie endlich zu einem Schluss kam, versuchte sie wieder zu sprechen:

„Hobsyllwin.“

So nannte man sie in der Menschensprache, hatte ihr einmal einer ihrer Artgenossen gesagt. Der Mensch reagierte nur ein wenig, aber sie war sich nicht sicher, ob er sie verstehen würde.

„Verstehst du mich?“

versuchte sie es erneut. Ganz leise und vorsichtig. Der Mensch ihr gegenüber verstand nicht genau, es klang rau, kratzig und ungeübt. Wie wenn man eine lange und heftige Erkältung hinter sich hatte und die Heiserkeit langsam wieder abklang. Aber dieses Tier versuchte, von sich aus zu sprechen. Kuniberts Interesse war neu geweckt. Während die Bestie vor ihm wieder anfing:

„Du ...“

Es ahmte seine Stimme und seinen Tonfall nach. Kunibert konnte seinen Ohren nicht trauen:

„D-Du kannst sprechen...“

murmelte er, während der kleine Entdecker in seinem Kopf aufschrie:

*Es kann sprechen, also ist es ein Freund. Mach schon, mach schon... komm jetzt!

Während Kunibert noch mit seinem Entdeckerinstinkt kämpfte, der ihn -gegen jede Vernunft- dazu trieb, wieder zu diesem Ungeheuer zu gehen. Dieses formte wieder Worte, oder zumindest versuchte es das:

„ Sprechen ...“

Es klang immer noch recht seltsam, aber es ähnelte schon mehr der Sprache des Jungen. Noch einmal versuchte es, sich vorzustellen:

„I ... bin ... Hobsyllwin.“

Dieses Mal verstand der Junge. Es klang zwar immer noch ein wenig seltsam, aber es war endlich verständlich. Kuniberts ganzes Gesicht begann zu strahlen. Es hatte mit ihm gesprochen. Dieses Tier konnte tatsächlich sprechen. Es ahmte ihn nicht nur nach, nein, es konnte sprechen.

„Ich bin Kunibert.“

antwortete er schnell, nervös vor Aufregung. Seine Neugierde gewann langsam wieder die Oberhand über seine Vernunft. Hobsyllwin legte den Kopf leicht schief.

„Hallo.“

Kunibert grinste; sie hatte ihn gegrüßt.

„Hallo.“

Erwiderte er und schob sich langsam von dem Stamm weg. Seine Neugierde hatte wieder gesiegt. Er schritt langsam auf Hobsyllwin zu. Diese zog die Lippen ein wenig zurück. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es hörte sich für sie einfach zu lustig an, wenn sie sich in der menschlichen Sprache verständigte. Kunibert sah das Grinsen des Tieres vor ihm und schluckte. Ihm war nicht ganz wohl dabei, aber er schob seine Bedenken beiseite. Etwas, das mit ihm sprach, ihn von der Wurzel befreite und nun auch noch grinste, so etwas konnte nicht böse sein. Er wollte mehr über dieses Tier wissen, mehr sehen, mehr hören. Er erinnerte sich, dass der Müller ihm einmal gesagt hatte, damit sein Hund ihn nicht beißt, müsse er sich ihm ganz langsam nähern und die Hände immer sichtbar lassen. Das tat er jetzt auch. Er streckte die Hände leicht vom Körper weg und ging ganz langsam auf das riesige Tier zu. Er begann zu murmeln:

„Wenn du mir nicht weh tust, tue ich dir auch nicht weh...“

Obwohl er sich sicher war, dass er diesem Tier ohnehin nichts anhaben konnte. Hobsyllwin selbst versuchte, ruhig zu bleiben, auch wenn die Angst, die immer noch herrschte, sie dazu drängte, aufzustehen und zu fliehen. Der Mensch näherte sich langsam. Sie versuchte es erneut in der Menschensprache:

„Wer bist du?“

Wie zuvor klang es ein wenig seltsam, wenn Hobsyllwin sprach, aber Kunibert antwortete ruhig:

„Ich bin Kunibert.“

Hobsyllwin verfolgte seinen Weg mit dem Kopf. Endlich wurde die Verständigung besser. Langsam gewöhnte sie sich an die Sprache, die so anders war als die ihre.

*Kunibert sagte er...*

Sie wiederholte den Namen ein paar Mal in ihrem Kopf und versuchte dann, ihn auszusprechen:

„Kunibert...“

sagte sie leise. Kunibert nickte, als Hobsyllwin seinen Namen richtig aussprach. Er blieb etwa fünf Schritte von dem Ungetüm entfernt stehen und blickte zu seinem Kopf hinauf, der ihn nun ein gutes Stück überragte. Kindliche Neugier und Ehrfurcht vor dem riesigen Ungetüm spiegelten sich in seinem Gesicht wider. Hobsyllwin blickte auf Kunibert herab. Er schien so viel kleiner zu sein als sie selbst. Eigentlich eine sehr angenehme Situation, wenn da nicht etwas an ihrer Klaue jucken würde. Als der Juckreiz schließlich unerträglich wurde, schob sie die Kralle vorsichtig unter ihrem Körper hervor, um sie zu betrachten. Sie tat es langsam, um den Menschen nicht zu erschrecken. Sie blickte auf die Kralle hinunter und sah das lästige Stück Wurzel, das daran klebte. Ein wirklich lästiges Gewächs. Aber sie konnte es jetzt nicht entfernen, dazu hätte sie aufstehen und die zweite Klaue oder ihre Zähne benutzen müssen, und das wollte sie nicht. Und so hielt sie die Kralle einfach so, wie sie war, und sah den Menschen an. Kunibert blickte unsicher auf die Klaue hinunter, die nun zwei Schritte vor ihm in der Luft schwebte. Er wusste nicht, was Hobsyllwin damit vorhatte, er war sicher nah genug dran, dass sie ihn mit einem Happs verspeisen konnte. Dann erkannte er den Rest der Wurzel, der noch an der Klaue hing. Es war sicherlich an der Zeit, den Gefallen zu erwidern. Kunibert blickte auf die Klaue und dann zu Hobsyllwins Kopf hinauf. Er schluckte und machte einen weiteren Schritt auf die Kralle zu, um mit zitternden Händen nach dem Wurzelrest zu greifen. Er kannte diese Wurzeln. Wenn sie frisch waren, klebten sie wie die Hölle. Das Harz, das aus ihnen sickerte, war einfach teuflisch klebrig. Er entfernte das Stück Wurzel und warf es weg. Der Kontakt mit der Bestie ihm gegenüber war seltsam gewesen. Ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Er betrachtete seine Hand und wischte die andere, an der noch immer Harz klebte, an seiner Hose ab.

„Ich danke dir.“

sagte Hobsyllwin leise. Damit bewegte sie die Klaue vorsichtig, bis der Juckreiz endlich verschwand, und schob sie dann wieder unter ihren Körper. Sie hätte nie gedacht, dass ausgerechnet sie jemals einem Menschen begegnen würde, der mehr als nur den Tod ihrer Art im Sinn hatte. Sie drehte ihren Kopf ein wenig zur Seite, damit ihr Mund nicht immer ganz nah bei ihm war. Kunibert war inzwischen ziemlich angetan. Es hatte sich bei ihm bedankt. Das Tier hatte sich bei ihm bedankt, weil es ihm geholfen hatte. Seine Neugierde explodierte förmlich, als der kleine Entdecker in seinem Kopf aufschrie:

*Nun? Habe ich es dir nicht gesagt? Es ist völlig harmlos!*

Na ja, ganz richtig lag er nicht, aber Kunibert wollte nicht mehr darüber nachdenken. Hobsyllwin schaute wohlwollend auf ihn herab. Sie war auch neugierig. Wahnsinnig neugierig. Obwohl sie nach menschlichen Maßstäben uralt war, war sie für ihre Art noch recht jung.

„Hast du Angst vor mir?“

fragte sie, und Kunibert nickte. Er war aufrichtig, denn er war sich sicher, dass dieses Tier es sowieso schon wusste, und schließlich war es unübersehbar gewesen. Er war ein tapferer Krieger, aber auch stolze Ritter durften Angst haben, schließlich rettete das manchmal Leben. Zumindest versuchte er, sich so seine Scham auszureden. Doch bevor Hobsyllwin fragen konnte, warum er Angst hatte, unterbrach er sie bereits.

„Was bist du? Warum kannst du sprechen?“

Es sprudelte nur so aus ihm heraus, während das Leuchten in seinen Augen größer und größer wurde. Er stellte seine Fragen so schnell, dass sie die Worte erst einmal sortieren musste, bevor sie antworten konnte.

„Die Menschen nennen unsere Art Drachen. Wir sind älter als die Zeit. Die Sprache der Menschen ist uns bekannt, schon seit einer Ewigkeit. Einer unserer Ältesten hat sie mir einst beigebracht.“

sagte sie leise, während sie langsam aber sicher mehr Übung in der Sprache bekam. Es fühlte sich gar nicht mehr so seltsam an, so zu sprechen. Kunibert schaute neugierig zu ihr auf.

„Es ist schon lange her.“

*Das ist also ein Drache.... Ich dachte, die gibt es nur im Märchen.

Kuniberts Gedanken spielten verrückt. Er erinnerte sich jetzt an eine Zeichnung in einem alten Buch, das in der Kirche gelegen hatte. Sie sah ähnlich aus wie Hobsyllwin. Er war ein wenig verwirrt. Seine Eltern und alle anderen hatten Drachen immer als blutrünstige, gewalttätige und gnadenlose Ungeheuer beschrieben, die kleine Kinder fraßen und hübsche Prinzessinnen gefangen hielten. Ohne es zu merken, vermischte er jetzt Volksglauben und Märchen.

„Du bist ein Mensch, nicht wahr?“

Kunibert bejahte die Frage; er war ein Mensch, aber noch ein sehr kleiner. Hobsyllwin hatte sich die Menschen auch anders vorgestellt. Schließlich hatte man sie ihr als rachsüchtige, kriegslüsterne und verkommene Kreaturen beschrieben, die immer und ausschließlich ihren Tod wollten. Aber dieser Mensch passte so gar nicht in dieses Schema, was sie neugierig machte. Außerdem wollte sie mehr wissen.

„Was machst du hier? Du hast hier nichts zu suchen!“

„Ich habe gespielt. Mutter sagt immer, ich solle nicht in den Wald gehen, dort gäbe es Ungeheuer. Bist du ein Ungeheuer?“

versuchte Kunibert zu erklären. Hobsyllwin hob den Kopf ein wenig.

„Ungeheuer?“

„Mutter und Vater sagen, dass es hier Monster gibt. Ich weiß es nicht...“

Der Drache legte den Kopf schief.

„Wir sind keine Ungeheuer. Zumindest nicht, dass ich wüsste.“

Sie war sich sicher, dass Kunibert mit Monstern die Drachen meinte. Sie waren keine Ungeheuer, jedenfalls nicht mehr als die Menschen. Kunibert lächelte, sah sich um und flüsterte dann leise hinter seiner Hand:

„Mutter und Vater haben immerhin auch gesagt, dass Drachen böse sind..... Aber das ist nicht wahr.“

Und wieder schaute er sich um. Er hatte ein bisschen Angst, dass seine Mutter jetzt mit einem Kochlöffel hinter ihm auftauchen würde. Während er dies sagte, plapperte der Drache munter weiter:

„Ich bin kein Ungeheuer, und meine Freunde sind auch keine Ungeheuer...“

Hobsyllwin schien ihn gar nicht gehört zu haben. Kunibert hakte nach.

„Oder bist du böse?“

Er schaute sie mit großen Augen an. Hobsyllwin musste stark dem Drang widerstehen, ihm über den Kopf zu streichen, das hätte er wahrscheinlich nicht überlebt.

„Nein, ich bin nicht böse. Ganz und gar nicht. Na ja, vielleicht wenn ich angegriffen werde. Aber nur ein bisschen.“

Sie schüttelte langsam den Kopf. Das Leuchten in Kuniberts Augen wurde größer. Dieser Drache war nicht böse. Also hatte seine Mutter wahrscheinlich gelogen. Dann würde es hier im Wald wohl auch keine Monster geben. Hobsyllwin erinnerte sich daran, dass der Junge vorhin mit dem Fuß unter einer Wurzel hängen geblieben war.

„Ist mit deinem Hinterfuß alles in Ordnung?“

Kunibert schaute auf seinen Fuß hinunter. Er tat immer noch weh, aber im Grunde hatte er schon Schlimmeres erlebt. Aber es war ihm schon peinlich, dass er vorhin so sehr in Panik geraten war. Das gehörte sich nicht für einen Ritter.

„Ja, er ist noch in einem Stück.“

Der Drache schien erleichtert zu sein.

„Das ist gut. Ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan, denn das wollte ich nicht.“

Er verneinte. Sie hatte ihm nicht wehgetan. Aber der innere Aufruhr, der ihn in Schach hielt, war deutlich zu sehen. Hobsyllwin wusste nicht, was den kleinen Menschen so beunruhigte.

„Was ist denn los? Was hast du auf dem Herzen?“

Fragte sie frei heraus und Kunibert antwortete schnell:

„N..Nichts...“

Obwohl dies wahrscheinlich schnell und einfach als Lüge zu erkennen war.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will dir nicht wehtun!“

versicherte Hobsyllwin, doch Kunibert schüttelte schnell den Kopf. Er wollte sich nichts anmerken lassen.

„Wovor hast du Angst?“

Er schüttelte den Kopf. Der Drache machte sich langsam Sorgen, denn was immer ihm Angst machte, konnte auch für sie gefährlich sein.

„Verfolgt dich jemand?“

Kunibert verneinte.

„Vor gar nichts...“

sagte er fest, fügte aber murmelnd hinzu:

„...naja vielleicht vor Papa.“

Hobsyllwin verstand dies nicht.

„Hmm? Was ist ein Papa?“

Sie kannte dieses Wort nicht und wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Kunibert zeichnete verlegen mit dem Fuß in die lockere Erde.

„Mein Vater ... wenn er betrunken ist, ist er ...“

Er murmelte noch etwas, aber es war nicht zu verstehen. Er schaute auf den Boden und wurde still.

„Vater? Betrunken?“

Hobsyllwin verstand die menschlichen Sitten nicht. Es schien sehr seltsam. So etwas gab es unter Drachen nicht. Doch bevor sie etwas sagen konnte, schaute Kunibert sie wieder mit großen Augen an:

„Sag mal... Drachen können doch fliegen... Kannst du fliegen?“

Sie nickte, aber nur, um gleich darauf den Kopf zu schütteln.

„Ja... nein... vielleicht...“

Sie brach in der Mitte des Satzes ab. Kunibert sah sie weiterhin fragend und fordernd an. Hobsyllwin war in einer Zwickmühle. Es wäre nicht klug, ihm zu sagen oder zu zeigen, dass sie verletzt war. Er könnte es seinem Vater erzählen, und das könnte dann sehr unangenehm werden. Als sie zögerte, sprang Kunibert auf sie auf:

„Du kannst nicht fliegen?“

Sein Tonfall war misstrauisch.

„Doch, natürlich kann ich fliegen. Aber ich will jetzt nicht.“

Es war eine glatte Lüge, aber sie konnte nicht wissen, ob er es merken würde oder nicht. Kunibert bemerkte es nicht, zumindest nicht direkt. Stattdessen bettelte er:

„Bitte. Zeig es mir. Bitte, bitte.“

Er wollte es sehen, er wollte schließlich mehr wissen. Mit großen runden Augen schaute er sie an. Aber sie war eisern.

„Nein. Ich kann jetzt nicht!“

Sie blickte beschämt auf den Boden und begann ihrerseits, Kreise in den sandigen Boden zu zeichnen.

„Warum?“

Kunibert ließ nicht locker. Er war neugierig und unnachgiebig. Er wollte, musste es jetzt sehen.

„Oder kannst du etwa doch nicht fliegen?“

Damit war Hobsyllwins Ehre als Drache doch angegriffen. Wider besseres Wissen versuchte sie nun, ihren Flügel leicht zu strecken, aber es tat sehr weh. Sie schnitt eine Grimasse.

„Ich habe ja Flügel, wie du siehst. Und ein Drache mit Flügeln kann auch fliegen!“

Als sie dies aussprach, überkam sie erneut der Schmerz und ein tiefes Grollen drang aus ihrer Kehle. Es war unmöglich, mit diesem Flügel zu fliegen. Kunibert blieb dies nicht verborgen. Er beobachtete, wie Hobsyllwin versuchte, die Flügel zu bewegen. Sie waren riesig. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Nein ... du kannst nicht fliegen!“

stellte er fest, während sein Blick langsam über den Flügel zurück zu ihrem Gesicht wanderte.

„Nicht so!“

Als Hobsyllwin aufgab und den Flügel sinken ließ, verschränkte Kunibert die Arme vor der Brust.

„Schließlich kann ein Adler mit einem gebrochenen Flügel auch nicht fliegen.“

Der Drache knirschte mit den Zähnen, als er den Flügel ganz langsam wieder einklappte.

„Nein, gebrochen ist er nicht. Dem Mächtigen sei Dank. Aber er ist geprellt, und das tut höllisch weh.“

Kunibert neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah Hobsyllwin scharf an.

„Du wolltest mich anschwindeln.“

Die Antwort darauf ließ nicht lange auf sich warten.

„Nur so sehr, wie du versucht hast, mich zu belügen, als du sagtest, dein Hinterbein sei in Ordnung.“

Wieder verzog der Drache das Gesicht, diesmal zu einem Grinsen, während Kunibert sich hart getroffen fühlte. Das hatte ihn getroffen. Er war noch nie ein guter Schauspieler gewesen. Das hatte ihm seine Mutter immer vorgeworfen. Er versuchte, es zu überspielen und deutete auf den Flügel.

„Lass mich deinen Flügel sehen.“

Er versuchte, das Thema zu wechseln. Er hatte seiner Mutter schon oft geholfen, wenn die Kühe oder Kälber sich verletzt hatten. Bei einem Drachen konnte es nicht viel anders sein. Der Drache schien skeptisch zu sein.

„Glaubst du wirklich, dass du etwas dagegen tun kannst?“

Hobsyllwin blickte ungläubig auf den kleinen Menschen herab, der nun leicht grinste.

„Nun gib ihn mir schon, ich werde ihn nicht kaputt machen. Zumindest nicht mehr, als es sowieso schon ist.“

Sie blieb weiterhin skeptisch:

„Wir sind nicht wie andere Tiere. Unsere Flügel sind wie eine Haut. Bitte sei vorsichtig.“

Kunibert nickte. Er würde vorsichtig sein. Langsam senkte der Drache seinen Flügel, während er wartete. Es tat sehr weh und Hobsyllwin konnte ein weiteres Knurren nicht unterdrücken.

„Tut mir leid, es tut einfach zu sehr weh...“

Sie stöhnte. Kunibert unterdessen betrachtete den Flügel genau. Er war in der Tat sehr anmutig gebaut, wenn man den Rest des massigen Körpers im Vergleich dazu sah. Aber die Anatomie des Flügels selbst war trotz allem relativ einfach. Ein paar Knochen, ein paar Gelenke, Muskeln und Sehnen. Zwischen ihnen spannte sich eine dicke Haut, die als Flügel diente. Sie erinnerte entfernt an die Flügel einer Fledermaus, wie man sie zu Tausenden in der Scheune hatte. Er wunderte sich ein wenig, dass ein solcher Flügel in der Lage war, ein Tier von dieser Größe zu tragen. Er betrachtete die gleichmäßige Form und blieb schließlich an einem Punkt hängen. Der Flügel war dort unnatürlich geschwollen. Es sah nicht so aus, als ob es so sein sollte. Er berührte ihn nicht, sondern deutete nur mit dem Finger auf die Stelle.

„Ist das da die Stelle?“

Sie schaute auf die Stelle und nickte dann.

„Ja, ich glaube, da ist es.“

Er sah sie gebannt an und konzentrierte sich.

„Gibt es dort noch etwas, das dich so fasziniert?“

fragte Hobsyllwin, weil Kunibert einen Moment lang nicht antwortete. Kunibert blickte nicht auf, sondern fuhr mit der Hand über den Flügel.

„Er ist wunderschön, aber diese Prellung muss behandelt werden. Du solltest sie unbedingt kühlen, damit die Schwellung zurückgeht. Vielleicht kannst du auch einen Kräuterwickel machen, damit sich die Entzündung nicht ausbreitet.“

Sagte er leise, während er den Bereich um die Schwellung vorsichtig abtastete. Hobsyllwin bewegte ihre Flügel nur leicht, aber das reichte, um ihr Tränen in die Augen zu treiben. Heute würde sie den Flügel wahrscheinlich nur einmal bewegen, wobei sie ihn zusammenfaltete und dann stillhielt. Aber die Kühlung hörte sich gut an, darauf hätte sie eigentlich selbst kommen können.

„Kühlung?“

Kunibert nickte und deutete auf den See.

„Ja, am einfachsten ist es, wenn du ihn einfach hier ins Wasser hältst.“

Der Drache nickte.

„Es ist am besten, wenn du ein bisschen zur Seite gehst.“

Kunibert tat wie ihm geheißen, während Hobsyllwin sich umdrehte und auf den See zuging. Mit viel Mühe versuchte sie, den Flügel nicht über den Boden schleifen zu lassen. Kunibert beobachtete das Spektakel. Der Drache war für seine Größe erstaunlich wendig und leichtfüßig. Währenddessen ließ sich Hobsyllwin einfach ins Wasser gleiten, was ihr einfacher erschien, als den Flügel einfach festzuhalten.

„Ah ... das fühlt sich wirklich gut an ...“

Kunibert beobachtete amüsiert, wie sich ein Ausdruck der Entspannung und Erleichterung auf dem Gesicht des Drachens ausbreitete.

„Woher weißt du kleiner Mensch solche Dinge?“

„Meine Mutter hat es mir gezeigt. Wenn eine unserer Kühe verletzt wird, machen wir dasselbe.“

Hobsyllwin nickte nachdenklich. Nur ihr Kopf ragte noch aus dem Wasser, den sie nun entspannt auf das Gras am Ufer legte. Während der Aktion war der Pegel des Sees bestimmt um ein paar Zentimeter gestiegen. Kunibert grinste. Was jetzt noch aus dem Wasser ragte, war nicht viel größer als er selbst.

„Danke. Ich werde mich hier ein wenig ausruhen. Nur einen Moment...“

murmelte Hobsyllwin und schloss kurz die Augen. Kunibert nickte.

„Ja, das kannst du tun. Ich werde derweil ein paar Kräuter sammeln gehen.“

sagte er und drehte sich leise um. Während er zum Rand der Lichtung ging, oder besser gesagt humpelte, versuchte er sich zwanghaft an die Kräuter zu erinnern, die seine Mutter immer für ihre Kräuterpackungen verwendete. Nicht so sehr an die Namen, sondern an die Formen. Der Drache lag so lange still im Wasser. Es schien fast so, als würde sich ein weißer Algenteppich langsam unter der Wasseroberfläche ausbreiten. Der Junge kam am Rande der Lichtung an und begann, das Unterholz und die Bäume nach den Kräutern und Zutaten zu durchsuchen, die er brauchte. Einige der Kräuter fand er direkt. Andere erst nach einigem Suchen. Der Drache öffnete von Zeit zu Zeit seine Augen und sah dem Jungen nach, der langsam aber sicher im nahen Wald verschwand. Er wollte Kräuter sammeln. Hoffentlich schmeckten sie auch, sie war eher für eiweißreiche Nahrung. Es ging doch nichts über ein gutes Stück frisches Fleisch.

Kunibert kam bald zurückgelaufen. Auf einem Rhabarberblatt hatte er alle Zutaten zusammengetragen, die er bei seiner Suche gefunden hatte. Darunter waren: Kamille, Salbei, Mistel, Kampfer und ein paar weitere Kräuter. Obwohl er sich nicht sicher war, hoffte er, dass er alles gefunden hatte. Am Rande der Lichtung hob er einen weiteren großen, flachen Stein auf und kehrte freudestrahlend zurück.

*Das ging schnell...*

Hobsyllwin war froh, dass der Mensch so schnell zurück war. Obwohl sie ein wenig überrascht war, dass sie sich auf seine Rückkehr freute. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, war Kunibert schon wieder bei ihr und präsentierte seine Errungenschaften.

„So, ich hoffe, ich habe alles gefunden, was wir brauchen werden.“

Etwas verblüfft sah sie sich die Zutaten an und bemerkte den Stein.

*Ich frage mich, ob ich den auch essen muss? Ich frage mich, wie das alles schmeckt?*

Währenddessen ging Kunibert das Rezept noch einmal durch. Der Drache konnte es sich nicht verkneifen, ein wenig daran herumzumäkeln:

„Muss ich das essen? Ich mag keine Steine. Die liegen mir so schwer im Magen!“

Der Junge schaute Hobsyllwin etwas entsetzt an.

„Nein, nein. Iss das nicht. Das ist alles hochgiftig! Das darfst du nur äußerlich anwenden!“

Er nahm den Stein und legte ihn mit der flachen Seite nach oben auf den Boden.

„Schau her, ich zeige es dir.“

Während er sich noch vorbereitete, hob sie den Kopf, weg vom Ufer.

„Willst du mich vergiften? Warum?“

Kunibert begann zu lachen, während er einen weiteren Stein nahm und begann, die Kräuter zwischen den Steinen zu zerreiben.

„Nein, ich will dich doch nicht vergiften. Aber du darfst diese Kräuter nur äußerlich anwenden. Sonst wäre die Dosis zu hoch und du würdest dich vergiften.“

Hobsyllwin blieb skeptisch. Er hatte giftige Pflanzen gesammelt, und nun sollten sie ihr helfen. Wie er das anstellen wollte, war ihr ein Rätsel. Aufmerksam beobachtete sie den Jungen. Langsam verwandelten sich die Kräuter in einen Brei, der so ekelhaft grün war, dass er unmöglich helfen konnte. Aber Kunibert blieb dran. Das war die Rettung für den Drachenflügel. Als er fertig war, schob er alles zusammen auf das Rhabarberblatt und zeigte es Hobsyllwin.

„So, und jetzt legen wir das auf die Schwellung.“

Sie blieb skeptisch. Er grinste nur und roch an dem Gebräu.

„Das wird die Schwellung abschwellen lassen und die Entzündung bekämpfen. Eigentlich müssten wir noch einen Verband anlegen. Aber wenn du den Flügel schonst und eine Weile still hältst, sollte es gut gehen.“

Hobsyllwin roch an den Kräutern und schüttelte sich ein wenig.

„Auf dem Flügel? Bist du sicher?“

„Ja, das bin ich. Vertrau mir. So machen wir das immer mit unseren Haustieren. Es hat immer geholfen.“

Davon war er sichtlich überzeugt. Der Drache seufzte. Er würde schon wissen, was er tat. Immerhin hatte er mit dem Wasser recht gehabt. Langsam stieg sie aus dem Wasser und drehte ihren Flügel zu ihm. Dann beging sie eine große Dummheit, indem sie versuchte, den Flügel mit ihrem heißen Atem zu trocknen. Jetzt tat es wieder mehr weh. Kunibert hingegen lächelte. Hobsyllwin schien ihm zu vertrauen, das war ein gutes Gefühl. Vorsichtig ging er zu dem verletzten Flügel und betrachtete ihn erneut. Die Schwellung war schon ein wenig zurückgegangen, aber sie hob sich immer noch deutlich von der Geometrie des Flügels ab. Also nahm er den Kräutersud und legte ihn ganz vorsichtig darauf. Er hielt es noch einen Moment und sah sich nach etwas um, womit er es befestigen konnte. Währenddessen zuckte Hobsyllwin mit dem Flügel. Es hatte noch mehr weh getan, als er das Mittel aufgetragen hatte.

„Jetzt tut es noch mehr weh. Warum?“

Sie murrte, aber Kunibert beruhigte sie schnell.

„Das liegt daran, dass ich jetzt dagegen gekommen bin, es sollte gleich wieder besser werden.“

Tatsächlich ließ der Schmerz schon wieder nach und ein angenehmes Kühlempfinden stellte sich ein.

„Es ist okay, es ist schon besser.... Was suchst du denn?“

Kunibert schüttelte den Kopf. Er konnte nichts finden, woran er es festmachen konnte. Es musste einfach so bleiben. Wenn sie sich nicht zu viel bewegte, würde es wohl halten.

„Nichts, nichts. Ich dachte nur, dass wir es vielleicht besser festbinden sollten, aber wenn du den Flügel ruhig hältst, sollte es gehen!“

„In Ordnung.“

Lächelte Hobsyllwin und faltete ihren Flügel sehr vorsichtig zusammen. Es tat immer noch weh, aber es war erträglich. Ein viel größeres Problem war in ihren Augen die giftgrüne Farbe auf ihrem Flügel. Misstrauisch betrachtete sie das Kräuterpad.

„Geht das wieder ab?“

„Es muss jetzt ein bisschen einwirken, damit es seine volle Wirkung entfalten kann. Morgen kannst du es abwaschen.“

gab Kunibert zu verstehen. Hobsyllwin grinste.

„Ich meinte die Farbe.“

Der Junge brach in Gelächter aus.

„Aber ja, natürlich geht sie wieder ab. Mit etwas Wasser sollte das kein Problem sein.“

Dann schaute er zum Himmel hinauf. Die Sonne war schon sehr weit fortgeschritten auf ihrem Weg. Es war schon spät, und es würde eine Weile dauern, bis er wieder aus dem Wald herauskam. Es würde eine Menge Ärger geben. Unruhe überkam ihn. Sie blieb an Hobsyllwin nicht unbemerkt.

„Was ist denn los? Du siehst besorgt aus ...“

Kunibert verzog leicht das Gesicht.

„Ich muss nach Hause gehen. Es ist schon spät. Meine Eltern werden wütend sein.“

sagte er leise und schaute sich nach dem Baum um, unter dem er die Lichtung betreten hatte.

„Zeig mir den Weg, ich kann dich ein Stück des Weges tragen, dann geht es sicher schneller.“

Kunibert verneinte.

„Nein, du musst hier bleiben. Wenn dich jemand sieht, ist hier die Hölle los. Außerdem braucht dein Flügel Ruhe. Ich komme schon zurecht. Ist ja nicht das erste Mal.“

wehrte er sich und suchte mit seinen Augen nach seinem Schwert. Der Drache kam auf ihn zu und sah ihn ernst an.

„Du darfst niemandem sagen, dass ich hier bin, hörst du?“

„Keiner wird wissen, dass du hier bist.“

sagte er leise und ging in die Richtung, in der sein Schwert lag. Hobsyllwin ging hinter ihm her.

„Die meisten Leute jagen uns, sobald sie wissen, wo wir sind. Ich bitte dich, sag niemandem etwas.“

„Keine Sorge, ich werde nichts verraten.“

Sie stupste ihn wieder an und schaute ihm tief in die Augen. Sie sah, dass er nicht log.

„Hab Dank Kunibert.“

Kunibert legte seine Hand auf die Schnauze des Drachens und lächelte.

„Gern geschehen.“

Dann verschwand er im Dickicht und ließ Hobsyllwin wieder mit sich allein. Sie sah ihm eine Weile nach und überlegte, ob er ehrlich war in seinem Verhalten. Sie betrachtete ihren Flügel und den großen grünen Fleck, den er aufgetragen hatte. Es fühlte sich schon besser an. Er schien ehrlich zu sein. Er hatte ihr wirklich geholfen. Aber konnte sie ihm wirklich vertrauen? Oder würde seine Familie die Information über ihren Aufenthaltsort aus ihm herauskitzeln?

Kunibert hingegen eilte durch den Wald. Er musste schnell zurückkommen. Wenn seine Mutter nach ihm suchen musste, würde er die nächsten Tage nicht sitzen können. Geschweige denn, wenn sein Vater bereits nach ihm suchte.

Die Angst ließ ihn schneller rennen. Schon war er wieder in dem Dickicht, durch das er auf dem Hinweg eingedrungen war. Der Weg hinaus war einfacher, aber nicht weniger beschwerlich.

Als er endlich aus dem Wald herauskam, ging die Sonne bereits unter und er hörte, wie seine Mutter ihn rief.

Er eilte nach Hause...

Junge, Junge, das würde eine Menge Ärger geben. Aber das war es wert gewesen.

...

Als ich am nächsten Tag zu dieser Stelle zurückkehrte, war sie nicht mehr da. Es war, als ob sie nie da gewesen wäre. Einen Moment lang glaubte ich, dass ich das alles nur geträumt hatte. Aber die Überreste der Kräuter und die großen Fußabdrücke waren noch da. Es war also Wirklichkeit gewesen. Als ich später dem Priester von meiner Begegnung erzählte, sagte er, ich hätte Glück gehabt. Nur wenige würden in ihrem Leben überhaupt einen Drachen zu Gesicht bekommen. Es wären sehr weise, aber auch sehr scheue Tiere. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ich sie verraten haben könnte. Ich ging viele Male zu dieser Lichtung zurück. Nie habe ich verraten, wo diese Lichtung war oder wie der Drache aussah. Aber sie kam nie zurück. Seitdem sind viele Jahre vergangen, und ich habe mir oft gewünscht, ihre Gestalt wiederzusehen. Auf meiner Suche nach ihr habe ich die gesamte bekannte Welt durchquert und bin unzähligen Hinweisen gefolgt... Aber seither habe ich nie wieder einen von ihnen gesehen. Es heißt, sie hätten sich in den hohen Norden zurückgezogen. Auf eine Insel, wo kein Mensch jemals hinkommen wird.

Meine Suche geht weiter...

Konzept und Idee von

Leoparda

El Poyo Diabolo

Geschrieben von

El Poyo Diabolo

Charaktere von

Hobsyllwin © Leoparda

Kunibert © El Poyo Diabolo

Editiert von

El Poyo Diabolo

Publiziert von

El Poyo Diabolo