Ein neues Leben? - Kapitel 2
„WAS?“
Er zuckte zusammen.
„Du bist schon komisch. Lass uns erstmal zum Heiler gehen und dann erzählst du mir alles.“
Er stand auf und ich löste meinen Blick von seinen Augen. Erst jetzt nahm ich meine Umwelt wahr. Ich lag auf einer Wiese vor einem Wald, nur das es kein Tannen, Buchen oder Eichenwald war, sondern ein Wald mit riesigen weißen Bäumen, die zwar kleine aber viele Blätter hatten. Wie zum Kontrast waren die Blätter rot und stachen einem sofort ins Auge. Ich versuchte aufzustehen, was sich aber als gar nicht so leicht herausstellte.
„Okay ich sehe schon, dass du deinen Körper nicht beherrschst. Ich bin wirklich schon gespannt was du zu erzählen hast.“
Er half mir auf und stützte mich. Ich versuchte normal zu laufen, aber das war nicht möglich. Wie soll ich denn sonst gehen? Ich schaute mir die Bewegungen des grünen Drachen an und versuchte sie nachzumachen. Also auf die Zehen sonst ganz normal.
„Geht doch. Wenn du hinfällst, dann fange ich dich auf.“
Ein kleines Schmunzeln konnte er nicht verkneifen. Ich versuchte irgendwie mit dem Schwanz auszubalancieren, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich den benutzen soll.
„Wie ich sehe hast du keine Flügel, kommst du vom Meer? Das ist wirklich eine schöne Region mit vielen Inseln.“
Mir ist das Fehlen der Flügel gar nicht aufgefallen. Allgemein weiß ich gar nicht, was ein Drache so normalerweise an sich hat.
„Ich komme nicht von hier, ich weiß nicht mal, ob das hier eine andere Welt ist.“
Wo bin ich eigentlich hier? Ja das war einer meiner ersten Fragen. Was ich bin hatte ich wohl geklärt und ich muss sagen, dass ich nach einigen Kilometern Laufstrecke wirklich gut zurechtkam.
„Sag mal warum lauft ihr auf zwei Beinen ist es eigentlich nicht normal, dass man auf allen vieren geht?“
„Du hast anscheinend noch viel zu lernen… Ja es gibt Drachen die feral sind. Diese haben hier das sagen und wollen eigentlich nichts mit uns zu tun haben. Es geht ihnen immer nur um Reinheit und Rangordnung. Ich habe noch nie ein Paar zwischen uns zwei Arten gesehen.“
Er wirkte nachdenklich und wollte etwas Fragen, hat sich dann aber lieber dagegen entschieden. Wahrscheinlich für nachher. Es gibt also zwei Drachenarten. Ich denke falls ich mal einem Feral begegnen sollte werde ich versuchen keine unpassenden Fragen zu stellen. Sind sie böse und machthungrig oder freundlich?
„Du sag mal… hattest du schon mal Kontakt zu einem Großen?“
Er lief rot an und man merkte sein Unbehagen.
„…Ich…war mal in einen verknallt.“
Ach so und dann hat die Reinheit ihrer Liebe ein Ende gesetzt. Aber eine Frage muss ich einfach nur stellen…
„In einen? nicht in eine?“
Sein Unbehagen stieg und ich hatte nicht geglaubt, dass er doch noch etwas sagt.
„…nein schon richtig…in einen.“
Sowas gibt's hier auch? Na ja kann man sich ja denken. Ich kann ihn so nicht ansehen, irgendwie muss ich ihm helfen.
„Das… muss dir doch nicht peinlich sein. Ich habe einen Kumpel und der ist auch Schwul. Da gibt es nichts was peinlich oder eklig sein soll.“
Das muss geholfen haben, denn er wirkte irgendwie erleichtert.
„Danke. Nur du musst jetzt irgendwie ein anderes Bild von mir haben.“
Habe ich wirklich nicht. André will ja auch nichts von mir.
„Warum habt ihr euch getrennt. War da jemals was?“
Er wirkte traurig. Ich weiß nicht wie ich so schnell Drachenmimik lesen kann…
„Es kam nie dazu… Ich habe mich ihm geöffnet und er wurde wütend. Was das soll, hat er gefragt und was die anderen über ihn denken, wenn ich das rumerzähle.“
Das ist ja wirklich traurig… Ich kam also irgendwie hierher und wurde gleich mit Problemen konfrontiert… Wobei ich sagen muss das ich mich noch nie so unbeschwert und sicher gefühlt habe. Vielleicht ist ein neues Leben hier gar nicht mal so schlecht. Aber was ist mit Laura… vermisst sie mich schon?
„Das ist ja echt traurig. Na ja vielleicht findest du ja jemanden.“
Es gab eine längere Pause. Inzwischen sind wir vor einer Lichtung angekommen. Er stoppte kurz und schaute weg.
„… Und du?“
„Was ich?“
Als er keine Antwort gab musste ich doch grübeln was er meint… Ach so!
„Nein ich bin nicht Schwul ich habe eine Freundin mit der ich zusammengezogen bin.“
Wird er jetzt enttäuscht sein, war ich seine Hoffnung oder was? Ganz im Gegenteil. Er fasste mich an der Schulter und sein Blick hatte sich nicht verändert.
„Schade, aber das wird nichts an meiner Neugier und Hilfsbereitschaft ändern. Das kannst du dir sicher sein.“
Wir betreteten die Lichtung. Durch unser Gespräch habe gar nicht bemerkt, wie das Aussehen des Waldes sich auf einmal geändert hatte Besonders die Lichtung sah fast magisch aus. Vögel, die es in meiner Welt bestimmt nicht gibt. Riesige Blumen, die trotzdem Elegant wirken, aber auch kleine Blumen mit unglaublicher Farbenpracht. Die Bäume sind merkwürdigerweise sehr beweglich und tragen schöne weiße Blätter. Der Boden ist mit Moos bedeckt und mit sehr merkwürdigen Pilzen…
Ich fasste den Pilz an und schaute ihn mir näher an. Er hatte so etwas wie ein Karomuster und hatte für mich einen leicht transparenten Eindruck…
„Nein. Nicht!“
Ich erschrak und fragte mich lieber wessen Stimme das war. Es war schon zu spät und ich musste erschrocken mitansehen wie meine Kralle wegätzte.
„Die Natur mag hier wunderbar aussehen, aber sie ist auch gefährlich. Dieses Wesen dort hinten hätte beinahe deinen Schwanz gefressen.“
Die Stimme, die eigentlich ein Drache auf einem Ast war, zeigte auf die elegante Riesenblume. Mir wurde ganz kalt.
„Wie ich sehe hast du einen Neuling mitgebracht, Vir. Wie heißt er und woher kommt er?“
Wir sahen uns beide peinlich berührt an. Keiner hatte nach den jeweils anderen Namen gefragt.
„Was ist los?“
Der Drache sprang von seinem Ast und man sah ihm sein Alter schon an. Er war hellgrau mit einer weißen Mähne. Ungewöhnlich… Anscheinend gibt es verschiedene Rassen, die sich ihren Umständen oder ihrer Begabung angepasst hatten. Der Grüne hatte dann schließlich die Stille gebrochen:
„Wir habe uns einander gar nicht vorgestellt. Ich bin Sylvir und man kann mich auch einfach Vir nennen. Ich bewahre den Wald und schützte ihn vor Gefahren. Eigentlich eine langweilige Aufgabe, aber Hauptsache ich habe was zu tun und ich kann jagen.“
Meine Einschätzung vorhin war also richtig. Wegen seiner letzten Worte musste ich grinsen. Der Alte schaute uns spöttisch an und man konnte ihm ansehen, dass er sich amüsierte. Aber wie heiße ich? Mein Menschenname wäre hier unangebracht. Doch er ist mir trotzdem beim lauten Denken rausgerutscht.
„Nick…äh…“
Was mache ich jetzt? Hänge ich was am Namen dran? Ah! Da leuchtete mir ein, ich hatte früher auf einer Internetseite einen Charakter, ein Persona.
„Drayum und im Gegensatz zu dir weiß ich nicht zu was ich es bringe.
Nachdem ich einen Namen gefunden hatte ging es mir schon viel besser. Der Alte wendete sich ein.
„Ungewöhnlicher Name, deine Eltern sind wohl experimentierfreudig gewesen…“
Jetzt wurde ich anscheinend übermütig.
„Und was ist dein Name? Jetzt muss ja der beste kommen…“
Der Alte blockte ab!
„Den darf ich nicht aussprechen, das ist mir zu gefährlich, da ich mich vor Zaubern fürchte!“
Sylvir lachte auf und flüstere mir zu.
„Ich kenne ihn schon länger und habe mir seinen Namen „verdient“. Er ist ihm einfach peinlich! Zieh ihn doch einfach mit einem Spitznamen auf.“
Ja ich könnte ihn der Alte nennen, aber ich glaube, dass würde unser Verhältnis nicht gerade bessern…
„Was ist jetzt? Du wolltest mich doch mit Fragen durchlöchern.“
„Ach genau! Du wirst mir alles erzählen und der Namenlose…“ Er grinste „wird mal nach deiner Verletzung sehen.“
Sylvir setzte sich gemütlich hin und erwartete einen langen Roman… Ich erzählte ihm alles, da ich ihm vertraue. Mein Leben in der anderen Welt und das ich nicht weiß was das hier soll.“
Der Alte tastete meinen Kopf ab.
„Wow. Ich habe sowas noch nie gehört.“ Er richtete sich dem Alten zu. „Hast du schon mal was von Menschen gehört?“
„Nein, noch nie.“
Jetzt war der Alte anscheinend neugierig geworden und ich erzählte ihm von den Menschen und er musste mich kurz unterbrechen.
„Deinem Kopf fehlt nichts und sonst hast du keine Wunden. Die Kralle wird nachwachsen.“
Sylvir wirkte erleichtert und hatte jetzt wohl begriffen, dass ich keinen Mist erzählte. Mittlerweile ist es dunkel geworden und zu meinem Erstaunen hatten die meisten Blumen angefangen zu leuchten. Ob die hier als Lampen verwendet werden?
„Es ist schon spät und morgen könnt ihr mir bei ein paar Sachen helfen. Wir sollten aufbrechen, damit wir noch schnell genug das Lager erreichen.“
Er schnippte mit den Krallen, was ja nicht möglich war, also tat er was Anderes… Ein leuchtendes Insekt kam angeflogen und leuchtete uns den Weg aus.
„Es ist wirklich wunderschön hier. Ich glaube nicht, dass es in meiner Welt sowas gibt.“
Wir erreichten sein Lager, was nicht mehr als ein paar Riesenpilze und eine Hütte war.
„Ihr werdet auf den Pilzen schlafen, das ist sicherer und ich muss euch morgen nicht als Hackfleisch auffinden, weil ein Tier euch zu nahekam.“
Wenn das so ist, dann liebend gern…
„Danke und gute Nacht!“
„Hoffen wir mal.“
Er zwinkerte und ging in seine Hütte. Ich hievte mich auf den Pilz und merkte, das Sylvir gar nicht daran dachte auf dem anderen zu schlafen. Er legte sich neben mich und deckte mich mit einem Flügel zu. Instinktiv musste ich schnurren. Oh mein Gott ist das gemütlich! Geiler als eine weiche Matratze, wirklich!
„Gute Nacht Drayum.“
„Dir auch“
Ich sagte noch leise zu mir:
„Und diesmal hoffe ich das der Pilz harmlos ist.“
Und schlief schnell ein…