Die Flucht

Story by Guglehupf on SoFurry

, , , , , , , , , , , , , ,

Ich habe entschieden, dass ich einige Geschichten, welche fertig oder halbfertig auf meiner Festplatte liegen, mal drüberlese und gegebeenfalls weiterschreibe. Hier haben wir eine Geschichte, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, da es die Geschichte meiner beiden wichtigsten Charaktere ist, Renia und ihr Drache Askatrash. Ich hoffe sie gefällt euch.


„Ihm nach, er entkommt!“ Die Schreie wütender Männer flogen durch den nächtlichen Wald und ließen den Drachen ein letztes Mal stoppen. Das geschuppte Wesen drehte sich trotz zahlreicher Wunden um und blickte zornig in Richtung des Lagers während seine goldgelben Augen im Schein der brennenden Zelte und Unterkünfte funkelten. Wenige Augenblicke zuvor hatte er es in einem Überraschungsangriff gestürmt und sich das genommen, weswegen er die Banditen überhaupt tagelang gesucht und verfolgt hatte. Nun musste er seine Beute verteidigen, koste es was es wolle, zu viel stand für ihn auf dem Spiel. Pfeile zischten in seine Richtung und einer gesellte sich mit einem stechend-brennenden Schmerz im Oberschenkel zu den anderen, welche schon in seinem Körper steckten. Die einfachen Pfeile konnten ihn nicht ernsthaft verletzten, dazu waren seine Schuppen und die darunter liegenden Muskeln zu dick, doch sie schmerzten und in der Summe konnten sie ihn behindern. Der violette Drache mit den weinroten Kämmen auf Kopf und Schnauze fletschte die Zähne, woraufhin Blut über seine Lefzen auf den Waldboden tropfte. Ein tiefer Atemzug, bei welchem der Kopf nach hinten gezogen wurde und sich die Brust deutlich hub, ließ die Männer, welche ihn fast erreicht hatten, erzittern. Erschrocken blickten sie in das Blut überströmte Gesicht ihres Widersachers und so ließen sie schnell die Waffen fallen, doch es war zu spät. Der Drachenkopf schnellte nach vorne, das Maul öffnete sich und eine gewaltige Feuerlanze schoss heraus. Zwei der Schwertkämpfer schrien als das Feuer ihre Kleidung und den Boden unter ihnen entzündete. Gleichzeitig wichen andere zurück und starrten entsetzt auf die sterbenden Kameraden. Die Macht von Drachenfeuer wurde immer dann erst so richtig greifbar, wenn es aus nächster Nähe fühlbar wurde. Durch das Feuer, welches mehre Schritte trockenes Unterholz entzündet hatte und nun schon an einigen Stellen einen Schritt hoch brannte, mussten auch die Bogenschützen auf Distanz gehen und so konnten sie weder Askatrash, noch seiner Beute gefährlich werden. Trotz der Gefahr grinste er hämisch, ehe er sich schnell umdrehte und das Unterholz durchbrach.

Er kämpfte sich mit Klauen und Maul sowie seiner schieren Körpermasse durch den Wald, stets darauf bedacht möglichst viel Abstand zu seinen Verfolgern zu bekommen. Immer wieder stoppte er, blickte sich um und überprüfte, ob er seine wertvolle Fracht noch sicher hielt. Er klemmte sie mit seinen Flügeln ein, presste den Schatz an seinen Körper und schirmte ihn auch so ab. Dass die ledernen Schwingen dabei einige Kratzer und schrammen bekamen, das war nebensächlich. Lieber konnte er den Rest seines Lebens nicht mehr fliegen als dass er diese selbst gewählte Rettungsmission scheitern ließ. Er hatte beobachtet, wie die Männer mit ihm umgegangen waren, hatte gesehen, welche Schäden sie zugefügt haben. Auch wenn es mehr als einmal so war, dass er den Besitz dieses Schatzes verflucht hatte, so war er sich bewusst, dass diese Behandlung nicht in Ordnung war. Wenn er mit seinen Dingen so umging, war das eine Sache. Machte das jemand anderes, hatte es gleich eine ganz andere Bedeutung. Niemand legte sich ungestraft mit einem Drachen und seinen Besitztümern an. „Ich lasse nicht zu, dass sie dir so etwas jemals wieder antun, das verspreche ich.“ sprach Askatrash, war sich aber nicht sicher, ob diese Worte auch bei dem Objekt auf seinem Rücken ankam. So oder so, es war der Gedanke, der zählte.

So rannte er weiter, gerade aus, einen Hang hinunter, in der Hoffnung, einen Bach oder dergleichen zu finden, wo er schnell vorankommen konnte. //Halte durch! Du musst das jetzt schaffen, sonst ist alles verloren!// Immer wieder stauchelte er leicht, immer wieder befürchtete er, das Gleichgewicht zu verlieren und gegen einen der alten, mächtigen Bäume zu schlagen. Er würde dies wohl überleben, aber ob es auch für das zwischen seinen Flügeln galt, bezweifelte er. Immerhin war es deutlich kleiner und zierlicher gebaut als er und auch gar nicht dafür ausgelegt, diese Kräfte auszuhalten.

Er selber spürte aktuell weder Schmerz noch Erschöpfung, sondern lediglich den unbändigen Drang zu fliehen. Weit weg von den Banditen, weit weg von irgendjemandem, der dem Drachen schaden konnte. Noch nie hatte er in seinem Leben solch eine Furcht vor dem Versagen gehabt, noch nie war ein mögliches Scheitern so nah. Sein Herz raste, der Atem war schnell und die Schritte nicht immer sicher, doch der Wille zu überleben und zu retten, was zu retten ist, war ungebrochen. Der Blick klar nach vorne fokussiert, war das Männchen zu allem bereit. Allem, was dazu diente, sich in Sicherheit zu bringen. Und wenn es bedeuten würde, diesen ganzen Hang in Flammen zu setzen. Mit dieser Entschlossenheit, diesem Willen zu leben, setzte er seine Flucht durch den Wald fort.

War es das Feuer? Die Tatsache, dass er bewusst am Anfang schnell einen Feuerball in Richtung der Pferde geworfen hatte, um eine Flucht zu erschweren? Oder schlicht das Unterholz, welches auch durch die Beschädigungen durch einen Drachen nicht leicht zu durchqueren war? So oder so, Stimmen konnte er schon lange nicht mehr hören, nur noch sein eigener schwerer Atem war hörbar. Außer Atem blieb er stehen und blickte sich mit funkelnden Augen um. Das selbst gelegte Feuer war nicht mehr zu sehen, stattdessen stand er nachts, bei Neumond, im Unterholz eines ihm gänzlich unbekannten Bergwaldes. Vor ihm ging der steile Hügel weiter bergab, doch die Nacht und die Pflanzen machten es unmöglich, auch nur eine Schätzung abzugeben, wie lange er noch bis ins Tal benötigte. „Mach mir jetzt nicht schlapp, hörst du?“ sprach er leise in Richtung seines Rückens. Eine undefinierte Bewegung, verbunden mit einem Wimmern, folgte. Sein eh schon rasendes Herz überschlug sich schier, die Geräusche waren wie Nadelstiche mitten in die Gefühle eines Drachenmännchens, welches um das Wichtigste in seinem Leben kämpfte. „Ich such uns Hilfe, ich verspreche es. Aber wir müssen erstmal hier raus.“ Er klang verzweifelt, denn noch hatte er keine Ahnung, wo es denn überhaupt Hilfe gab. Geschweige denn, wo es so sicher war, dass weder er noch sein Schatz von irgendeinem Jäger gefunden werden konnte.

Kartenkunde war nie seine Stärke gewesen, obwohl er mehr als einmal dazu Gelegenheit hatte. Er war doch noch in den Wäldern, deren Karten vor ihm ausgebreitet waren? Verdammt, hätte er damals bei Renia besser aufgepasst. Ja, sie hatte ihn mies behandelt; ja, er war stink wütend auf sie; und ja, vielleicht hatte er sie auch am Ende ihrer Zwangsbeziehung auch fast eine ganze Nacht vergewaltigt und misshandelt. Aber sie hatte zumindest eine Ahnung, wie man in einer fremden, feindlichen Welt überlebte. Was man von ihm als Drache nicht unbedingt sagen konnte. „Verdammte Scheiße!“ Frust kam aus ihm heraus. Jetzt, wo die Verfolger anscheinend abgeschüttelt waren, hatten auch andere Gefühle und Empfindungen wieder Platz im Kopf des Drachens. Angst, Wut, ein bisschen Verzweiflung. Er versuchte, nach außen ruhig zu bleiben, doch wenn man ihn aus der Nähe sehen konnte, so sah man schnell, dass dies nicht funktionierte. Langsam kroch ein weiteres Gefühl auf. Es begann als Unbehagen, ein komisches Gefühl auf der Haut, dann wurde es zum Brennen und schlussendlich materialisierte es sich als unerträglicher Schmerz in der rechten Brust. Zum ersten Mal nach dem Kampf realisierte der Drache, wie verletzt er eigentlich war.

Während des Kampfes konnte ihm ein Feind eine Lanze in die rechte Seite rammen, zu Glück des Drachens wurde jedoch eine der sehr robusten Rippen getroffen. Dennoch wurde beim schnellen Entfernen die Wunde drastisch vergrößert und blutete immer noch. Vor allem aber schmerzte sie bei jedem Schritt, mittlerweile auch bei jedem Atemzug. Dazu kam der Hieb mit der Keule, welche die Haut über seinem linken Auge aufplatzen ließ und seine Sicht beeinträchtigte. Zahlreiche Schnittwunden, oft bis in das Muskelgewebe, brannten durch den Schutz und die Beanspruchung und lieferten sich zum Teil einen Kampf mit den Pfeilen, welche oft noch zum Teil im Köper steckten. Noch nie hatte er so hart kämpfen müssen, noch nie hatte er solch eine hohe Anzahl an Wunden erlitten müssen.

Doch das, was er erlebt hatte, das war nichts im Vergleich zu dem, was sein Schatz erleiden musste. Er hatte es selbst beobachtet, es war schrecklich, es mitanzusehen. Doch wenn ihn die Zeit bei Renia eins gelehrt hatte, dann dass man seine Beute nicht im erstbesten Moment schnappen sollte. Man konnte ja nie wissen, ob eine Falle lauerte. So musste er sich erst vergewissern, dass die Anzahl der Banditen überhaupt bekämpfbar war und wie ihre Ausrüstung gebaut war. //Es tut mir Leid, dass ich das so zugelassen habe. Ich verspreche, es kommt nie wieder vor.// Sein Haupt senkte sich kurz in Richtung Boden, als Schuldgefühle in ihm hochkamen. Da er nicht wusste, wie sie in die Hände dieser abscheulichen Menschen gekommen war, konnte er auch nicht sagen, ob er dies schon hätte verhindern können. Dieses Nichtwissen rettete zumindest einen Teil seines Mutes und seines Willens, den Schatz in Sicherheit zu bringen. //Ich hoffe, dass ich genug von den Arschlöchern erwischt habe, dass sie einige Tage mit sich und ihren Wunden beschäftigt sind. Wenn ich es schon nicht geschafft habe, alle zu beseitigen. Doch das schwöre ich, Askatrash, ich werde jeden einzelnen finden und zur Strecke bringen. Langsam und grausam, und wenn ich dabei sterben sollte, ist das so. Ein Leben gegen viele, das wäre ein fairer Tausch.//

Dann zuckte das Männchen zusammen. Hatte sich da etwas hinter ihm bewegt? Hatte er Rufe gehört? Pferde? Er wusste es nicht, doch sein Herz schlug wieder schneller und mit einem Schlag schienen alle Wunden weniger zu schmerzen. Die Krallen bohrten sich in den Waldboden und er schlug sich weiter durch den Wald.

Er kam erstaunlicherweise gut voran, das Unterholz hatte sich gelichtet und generell wurde der Untergrund flacher. Zudem begann er leise, aber mit jedem Schritt lauter werdend, einen Bach zu hören. Erst ein Plätschern, dann schon fast ein Rauschen. Schnellen Schrittes folgte er dem Geräusch und fand das rettende Gewässer auch so gleich. Es war definitiv nicht nur ein kleines Rinnsal, sondern ein Bach von zwei bis drei Schritt Breite und mit ausreichend viel Wasser, dass ein Mensch Schwierigkeiten haben würde, ihm zu folgen. Am Ufer gab es immer wieder größere Felsen und Gebüsch, welches den Weg erschweren würde. „Wir sind gerettet.“ sprach er, mehr um sich selber zu beruhigen, denn er wusste nicht, ob seine unfreiwillige Begleitung überhaupt viel von dem mitbekam, was aktuell um sie herum vor sich ging. „Selbst wenn die Männer uns bis hier hin folgen, können sie uns nicht hinterherkommen. Ein Drache ist halt doch noch ein bisschen besser als so ein lausiger Mensch.“ //Außer Renia vielleicht…// Schnell stieg das Männchen in das Wasser und zuckte in Folge der Temperaturen zusammen. Es musste von einem der Gletscher viele hundert Schritte weiter oben stammen, denn trotz des Sommers war es immer noch eisig kalt. Auch wenn die Kälte ihm nicht viel ausmachte, hatte sie doch zumindest einen stimulierenden Effekt auf ihn und Teile der Kraft, welche ihn während der Flucht verlassen hatten, kamen zurück.

Seit Stunden hatte er nichts getrunken und erst jetzt spürte der Drache seinen Durst, sodass er schnell einige tiefe Züge nahm. Es tat gut, erst jetzt realisierte er überhaupt, wie ausgetrocknet er überhaupt war. Da die Männer immer noch nicht zu hören oder sehen war, gönnte er sich weitere Schlucke ehe er im Bach demselben stromabwärts folgte. Die großen, zum Teil spitzen und scharfen Steine störten ihn nicht, seine Drachenschuppen waren zu hart, als dass er Schaden nehmen konnte. Jedoch würden sie für jegliche Verfolger ein ernstes Hindernis darstellen. Obwohl der Bach nicht einmal bis zu seinem Bauch ging, achtete er dennoch genau darauf, dass er sich vorsichtig bewegte. Immerhin würde seinem Schatz eine Berührung mit dem kalten Wasser nicht gut tun, er hoffte jetzt schon, dass sein Körper ausreichend warm für ihn war.

Es mussten gut zwei Stunden gewesen sein, die er durch den Bach watete, immer mit dem Packet zwischen den Flügeln. Sein Rücken schmerzte, normalerweise waren Drachenflügel nicht dafür ausgelegt, etwas über diese lange Zeit zu tragen, doch es musste sein. In den Momenten, in denen sich sein Schatz nicht bewegte, kam Panik in ihm hoch. War der Kampf doch verloren? Konnte er ihn nicht retten? Doch immer wieder wimmerte oder schrie es leise aus seinen Flügeln und er wusste, dass der Kampf noch nicht verloren war. „Bald… bald sind wir in Sicherheit.“ Er senkte den Kopf. Dass es so weit kommen konnte, das war irgendwie seine Schuld und als er den Zustand seines Objektes des Begehrens gesehen hatte, schauderte es ihn. Nie wieder durfte es soweit kommen. „Ich verspreche…. Das wird nicht wieder passieren.“

Unter starken Schmerzen trieb sich der Drache weiter voran, bis ein weiterer Bach ähnlicher Größe in den Bach floss, in welchem er sich befand. Noch hatte er keine Anzeichen für Menschen oder Hilfe gefunden, die Berge hier waren rau und nur wenige bewirtschafteten sie. //Stromabwärts? Oder lieber dem neuen Bach folgen?// Unschlüssig stand er da. Folgte er stromabwärts, kam er bestimmt irgendwann zu einer Stadt. Doch wusste er, dass es auf ihn ein Kopfgeld gab. Zudem würden die verbleibenden Banditen dort am ehesten nach Informationen und neuer Verstärkung fragen. Nein, eine Stadt kam für ihn nicht in Frage. So blickte er in das Seitental und bemerkte, dass sich ein Lichtschein am Hang befand. Schwach, aber doch vorhanden, keine Einbildung wie er es im ersten Moment vermutete. Auch bewegte es sich nicht, sondern blieb statisch an einer Stelle. //Ein Hof!// Er hatte schon öfters diese einsamen Berghöfe gesehen, manchmal in kleine Gemeinden versammelt. Die Bewohner waren misstrauisch und verschlossen, aber kam man ihnen mit Arbeitskraft, konnte man als Drache einige Zeit ein Dach über dem Kopf haben, vielleicht sogar überwintern. Er musste es versuchen, viel Zeit blieb nicht mehr bis zum Sonnenaufgang, zu welchem er unbedingt Schutz gefunden haben wollte. Zudem hatte er das Gefühl, dass das Wimmern und Stöhnen von seinem Rücken immer schwächer wurden, ebenso die eigenen Kräfte.

So bog er ab und kletterte gegen den Strom den Bach entlang. Es kostete ihn deutlich mehr Kraft, welche eh nur noch kaum vorhanden war. Doch er musste weiter. Weiter um jeden Preis. Bald sah er das Licht nicht mehr, es war verdeckt durch die Bäume des Hanges, doch er wusste, dass es sich weit oberhalb am Berg zu seiner linken Seite befand. Dennoch befand sich eine nicht zu verachtende Höhendifferenz zwischen ihm und seinem angepeilten Ziel. „Ich schaff das! Ich schaff das für uns!“

Der Aufstieg war beschwerlich und das Männchen ging selber immer wieder in die Knie. Schwer schnaufend und in größter Pein schleppte er sich nach oben, in Richtung des vermeintlichen Ziels. Immer wieder rutsche er an glatten, steilen Stellen ab, trat in unbemerkte Löcher und kippte in Folge dessen bedrohlich zur Seite. Mit Schreien, zu gleichen Teilen aus Schmerz, Erschöpfung, Wut und Frust über sich selber und seine vermeintlich mangelnde Kraft, schaffte der Drache es dennoch immer wieder auf die Beine. Doch es zerrte beachtlich an ihm, würde jetzt einer der Verfolger kommen, er hätte vermutlich leichtes Spiel.

Mit letzter Kraft gelang der Drache tatsächlich auf einen Weg und blieb vor Erschöpfung, aber auch vor Erleichterung, endlich einen Weg zu diesem verdammten Hof gefunden zu haben, zitternd stehen. Ein leichtes, sehr erschöpftes Lächeln formte sich auf den blutigen Lippen, doch es hielt nur so lange an, bis sich sein eigener Zustand wieder bemerkbar machte. Seine Flügelmuskeln hatten sich verkrampft und waren hart wie Stein, gefühlt konnte er sie nicht bewegen, wirklich ausprobieren wollte der Drache es allerdings auch nicht, aus Angst, der empfindlichen Fracht könnte etwas passieren. Beschädigt genug war sie ja schon, da musste nicht auch noch ein unbeabsichtigter Sturz dazu kommen. Die tiefe Fleischwunde in seiner Brust brannte so bestialisch, dass die Schmerzen bis in das entsprechende Vorderbein strahlten und jedes Zucken, sei es nur mit der kleinen Kralle, wurde zumindest durch ein Stechen quittiert. Jeder Atemzug tat weh und er konnte die einzelnen Schnitt- und Stichwunden nicht mehr voneinander unterscheiden. Zu allem kam die Tatsache, dass er nun gar nichts mehr auf dem linken Auge sah.

Er wäre wohl an Ort und Stelle zusammengebrochen, wenn er nicht in wenigen dutzend Schritten Entfernung wieder das Licht sehen konnte. So wie dort wohl ein Feuer loderte, flammten in dem Männchen die letzten Reserven auf, die absoluten Notreserven, von denen selbst ein Drache nicht wusste, dass er sie hatte. „Ich… schaff… das…“ Schritt um Schritt schleppte er sich weiter vor, mit jedem Schritt stieg die Pein noch einmal an. Die Sicht wurde verschwommener, es begannen Doppelbilder sich zu bilden und das Gefühl kam auf, dass er trotz des Atmens ersticken würde. Als könne ihn die umgebende Luft nicht am Leben halten, ja förmlich von ihm weg weichen. Doch eine Sache wurde hingegen immer besser und deutlicher: Das Licht des Hauses wurde immer klarer, kräftiger und Askatrash hatte das Gefühl, dass er auch die Wärme der Lichtquelle spüren konnte. Gleichzeitig wirkte es so als würde dieses Licht ihn nicht nur anlocken, nein es zog ihn sogar zu sich, es hatte förmlich eine eigene Kraft.

Nach einem Gang, welcher gefühlt über rostige Nägel führte und sich wie eine Ewigkeit anfühlte, erreichte das erschöpfte Männchen die Tür des Bauernhauses, neben welcher sich ein Fenster befand, durch welches das Licht nach draußen drang. Dahinter ging eine Person auf und ab, schien irgendetwas an einem Herd zu zubereiten, hatte den Drachen vor ihrer Haustür in Folge ihres konzentrierten Arbeitens aber noch nicht bemerkt. Bis es einen lauten Schlag gab und die Tür vibrierte. Ein Schrei aus dem Haus folgte, aufgeregte Stimmen folgten; wer könnte das sein, hier war man um diese Uhrzeit doch total alleine. Dann öffnete eine mittelalte Frau, bewaffnet mit einer Mistgabel, vorsichtig die Tür und ein Drachenkopf fiel ihr entgegen. „Was…?!“ Sie wollte schon mit der Waffe zustechen, doch sie realisierte schnell die schweren Wunden am Kopf des Untiers, zudem tat er nichts außer sie mit einem goldgelben Auge verzweifelt anzustarren. Man hörte immer wieder von Banditenüberfällen und warum sollte es nicht auch Drachen passieren? Wer wusste schon, ob er eventuell ein Bote für etwas wichtiges war, das ihm nun abgenommen wurde? Schnell wurde die Mistgabel fallen gelassen und die Frau rief um Hilfe. „Schnell! Ich brauch hier Hilfe!“ Dann wand sie sich Askatrash zu. „Was ist mit dir passiert? Wo kommst du her? Wer bist du überhaupt?“ Drachen kamen hier nicht häufig vorbei und schon gar nicht nachts in einer Form, die näher dem Tod als dem Leben war. Die Frau wirkte etwas überfordert, doch sehr gewillt, dem unerwarteten Gast zu helfen, schließlich war man in den Bergen auch auf jede Hilfe angewiesen.

Zu schwach, um mehr als den Kopf zu heben, blickte er sie mit funkelnden, tränennassen Augen an, ohne wirklich auf die Fragen einzugehen. „Bitte… helft… ihr.“ Verzweifelt versuchte er, den Kopf zu heben oder irgendwie die Flügel zu bewegen um den Blick auf seinen Rücken und den dort versteckten Schatz zu geben. Es gelang ihm in Folge des Krampfes nur schlecht, doch es reichte, um die Frau auf seinen Rücken aufmerksam zu machen. Sie nickte ihm zu und wand sich schnell dem Rücken zu. Wenn ein Drache sich schon so um seinen Rücken kümmerte, musste dort etwas sein. Mit hohem Puls und nervös angesichts der sehr ungewöhnlichen Situation stieg die Frau über den Drachenhals nach draußen um sich den Rücken anzuschauen.

Sie versuchte, die Flügel zu bewegen, konnte auch schwach erkennen, dass noch etwas Menschliches da drunter verborgen war, doch die Muskulatur des Wesens war zu verhärtet, um an den Menschen zu gelangen. In diesem Moment trafen drei weitere Personen am Eingang der Stube ein. Ein Mann im Alter der Frau, ebenfalls mit einer improvisierten Waffe in den Händen, eine deutlich jüngere Frau, welche die Tochter der ersten Beiden sein konnte, und ein junger Mann. Sie wussten im ersten Moment nicht, was hier überhaupt los war, es dauerte einen Augenblick bis sie realisierten, dass da ein Drache im Eingang zur Stube lag. Verunsichert schauten sie sich gegenseitig an und wussten nicht, was sie jetzt machen sollten. Offenbar kannte sich niemand mit Drachen aus, doch die ältere Frau riss schnell die Kontrolle über die Situation an sich. „Wir müssen irgendwie die Flügel wegbekommen, da ist noch jemand drunter! Er hat hier jemanden hergeschleppt und ist dann wohl zusammengebrochen.“ Ein Nicken und Zustimmung folgten, die improvisierten Waffen wurden fallen gelassen und schnell am Kopf des Drachens vorbei mach draußen gegangen. Sie erkannten, dass die Flügel irgendwas zu beinhalten schiene, sie waren um eine Art Paket geschlungen. Sofort schoben und zogen die vier an den Flügeln, während Askatrash vor Schmerzen schrie.

Es brauchte seine Zeit, bis die vier medizinisch unerfahrenen Bauern die verspannten Flügel soweit bewegt und massiert hatten bis sie wenigstens ein bisschen zur Seite gehoben werden konnten. Obwohl die Krämpfe teuflisch schmerzten und er jeglicher Kraft beraubt war, versuchte der Drache doch, den Helfern soweit zu helfen wie er nur konnte. Immer wieder zuckte er mit den Flügeln, versuchte seine verspannten Schultern zu lockern, auch wenn jede Handbreite Raum mehr schmerzte. „Ich kann was erkennen!“ rief der junge Mann, als er nun deutlich erkennen konnte, was denn von den ledernen Schwingen geschützt werden sollte. „Es ist eine Frau, nackt…“ Ein Schlucken folgte, denn nun wusste er nicht so ganz, was zu tun war. Es gehörte sich für Männer nicht, unerlaubt den Frauen hinterher zu spionieren.

„Ja und? Wenn du das wärst, wäre es dir auch egal, wenn deine Schwester dich so finden würde, oder?“ rief die Ältere wütend, stieß dann aber ihren Mann und ihren Sohn zur Seite. „Wenn ihr schon Angst vor einer Frau habt, dann lasst mich mal ran.“ Die Männer wurden dazu verdonnert, die Schwingen soweit zu halten, dass sie die Frau herausziehen konnte. „Schatz, bereite ein Lager für sie vor!“ befiel sie ihrer Tochter, welche sich vom entsetzlichen Anblick der Frau erschrocken sofort ins Haus begab, um in einer Kammer ein geeignetes Bett vorzubereiten. „Und ihr beiden, ihr steht hier nicht so dumm rum, tragt sie schnell ins Haus. Erstmal auf den Tisch, ich muss mir ihre Wunden näher anschauen.“ Die Männer zuckten kurz zusammen, dann halfen sie, die junge Frau aus den Flügeln zu ziehen und anschließend schnell ins Haus zu bringen.

Das Geschirr, welches noch auf dem Tisch stand, wurde eilig von der älteren Frau zur Seite geschoben, während die Männer die bewusstlose Verletzte auf den Tisch hievten. „Du holst mir eine Schüssel mit heißem Wasser und ein sauberes Tuch!“ wurde der Sohn von seiner Mutter angeschnauzt, welche ihre anfängliche Unsicherheit überwunden hatte und nun die Situation mit der Erfahrung einer Mutter zu meistern versuchte. „Und du schaust nach dem Drachen und holst mir dann Elvira!“ Ihr Mann nickte fast schon soldatisch und ging dann zu Askatrash, welcher die Situation so gut es ging verfolgt hatte.

„Hey! Kannst du mich verstehen?“ fragte der Mann. Er kniete neben dem Drachenkopf und wusste nicht so ganz, was er machen sollte, Drachen waren einfach nicht sein Fachgebiet.

Ein Nicken folgte. „Mir geht es gut…“ sprach der Drache langsam und erschöpft. „Kümmert euch um die Frau.“

Die Stirn des Mannes lag in Zweifelsfalten, selbst er wusste, dass es einem zusammen-gebrochenen Drachen nicht wirklich gut ging. Aber er hatte weder das Wissen, noch das Material, um ihm auch nur irgendwelche Hilfe zu geben. Außerdem hatte er mal gehört, dass die Schuppenwesen extrem widerstandsfähig waren und selbst schwierige Situationen überleben konnten. „Okay… Ich hole euch beiden Hilfe!“ Dann ging er eilig ins Haus, holte sich eine Laterne und verschwand dann in der Nacht.

Derweil beugte sich die Mutter über die junge Frau und begutachtete sie. Sie lag halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, nachdem man im Licht der Stube ihren schwer geschundenen Rücken gesehen hatte. Die Verletzte war mager, hatte wohl einige Zeit schon nichts ordentliches mehr zum Essen gehabt. Schürfwunden an Handgelenk und Fußknöcheln deuteten darauf hin, dass sie gefesselt wurde und versucht hatte, sich daraus zu befreien. Aber was viel mehr erschrak, war dass der ganze Körper, insbesondere aber der Rücken, von kräftigen Striemen und Wunden übersäht war, zum Teil waren diese Wunden frisch und bluteten noch ein wenig. Ganz offensichtlich wurde sie irgendwann vor nicht all zu langer Zeit regelmäßig ausgepeitscht und die Folterknechte hatten ihre Arbeit gut gemacht. Selbst die Intimzonen wurden nicht ausgelassen; ihre Brüste wurden ebenfalls von Striemen geziert und ihre Schamlippen waren deutlich geschwollen. Allerdings wirkten diese Wunden im Vergleich zum Rücken harmlos, auf den ersten Blick war sich die improvisierte Krankenschwester sicher, dass diese gut heilen würden. Zudem wurde das Opfer von ihren Peinigern wohl gedemütigt, wie die unprofessionelle Rasur des Haupthaares es vermuten ließ. „Armes Ding. Wer auch immer sich an dir ausgetobt hat, er wusste was er tat…“

Mittlerweile war der Sohn mit dem heißen Wasser in einer Schale wiedergekommen und stellte selbige auf den Tisch. „Hol mir schnell einige Tücher, sie muss frieren… Ich säubere solang ihren Körper und die Wunden…“ Der junge Mann tat, wie ihm befohlen war und ging zügigen Schrittes zu einer Kommode, um dort einfache Leinentücher zu entnehmen.

„Wer ihr das auch immer angetan hat, er wollte, dass sie leidet. Das ist keine gewöhnliche Händlerin, welche von Banditen um ihr Hab und Gut gebracht wurde. Ich bete zu den Göttern, dass die, die ihr das angetan haben, sie hier nicht finden.“

Das frische Tuch wurde in das Wasser getaucht und die Mutter begann am Gesicht damit, den Schmutz und das Blut zu entfernen. „Dir muss schrecklich kalt sein, aber gleich bekommst du wenigstens ein paar Tücher…“ Bei jeder Berührung zuckte die schwer Verletzte und stöhnte. „Du bist hier in Sicherheit. Dein Drache hat dich hierhergebracht.“ Ein kurzer Blick zu Askatrash, welcher immer noch in der Tür lag, mittlerweile aber nicht mehr so stark schnaufte. Es schien, als würde er langsam wieder Kräfte bekommen. //Ich wünschte, er könnte ein wenig seiner Stärke ihr abgeben, sonst hat er sich wohlmöglich die ganze Mühe umsonst gemacht.//

„Kann ich euch irgendwie helfen, Mutter?“ fragte der junge Mann und hielt ihr die Tücher hin. Viele junge Frauen hatte er noch nicht nackt gesehen und auch wenn er ihren Körper musterte, hatte diese Situation doch nichts Erotisches oder Anzügliches. Ihn schienen die Wunden und Verletzungen weit mehr als seine Mutter zu schocken. „Sie sieht aus als wäre sie eine Sklavin gewesen…“

Die Bäuerin mit dem vollen, nach hinten gebundenem schwarzem Haar blickte ihren Sohn ein wenig traurig und ob des Zustandes ihres unerwarteten Gastes erschüttert an. „Ja, lass uns ein paar der Tücher unter sie legen. Bis zumindest Elvira und dein Vater da sind, dann legen wir sie ins Bett.“ Der Sohn nickte und half seiner Mutter dabei, die Laken unter die Verwundete zu bekommen. „Einige der Wunden sehen tief aus, ich hoffe, dass sie sich nicht entzünden und sie kein Fieber bekommt.“ Sie atmete tief ein und wieder aus. „Ich weiß nicht, wer sie ist. Ich weiß nicht mal, wer dieser Drache ist, der da vor dem Haus liegt und mit seinen eigenen Wunden kämpft, aber ich weiß, dass uns einige schwere Tage bevorstehen.“ Dann blickte sie wieder zu ihrem Sohn. „Schau nochmal nach dem Drachen. Schau, ob du irgendwelche Verletzungen oder sowas erkennen kannst.“

Ein Nicken folgte und der Mann schnappte sich eine Laterne, zündete diese an und ging nach draußen, den Drachen genauer betrachten. „Hey… Mutter will wissen, wie es dir geht.“ Seine Unsicherheit konnte der junge Mann nicht leugnen.

Askatrash hatte mittlerweile etwas Kraft gefunden, sich wenigstens ein paar Schritte bis an die Hauswand unterhalb des Fensters zu schleppen und lag dort nun. Er hatte sich so hingelegt, dass die Wunde in der Brust nicht belastet wurde und er dennoch eine gute Sicht auf den Platz und den Weg vor dem Hof hatte. Trotz seiner Wunden betrachtete er den jungen Mann sehr skeptisch und seine Augen fokussierten ihn streng während seine Schwanzspitze kräftig hin und her schlug. „Mir geht es gut… Aber wenn ihr mit ihr Scheiße baut, töte ich euch… und brenne diesen Hof ab…“

Erschrocken zuckte der junge Mann zurück und wusste nicht so ganz, was jetzt zu machen war. Drachen kannte er fast nur aus Geschichten, man sah sie manchmal am Himmel, doch kaum einer interessierte sich für diesen Hof. Vor einigen Wintern war ein Drachenreiter mit seinem Drachen im Dorf, aber bevor er ihn näher betrachten konnte, waren Beide auch schon wieder weg. „Meine Mutter kümmert sich um sie. Sie… Sie säubert sie und mein Vater… er holt die Heilerin.“ Trotz der Unbehaglichkeit in Folge der Drohung des Drachens trat er vorsichtig näher, um wenigstens ein bisschen zu erkennen. Das feuchte, frisch aus der Wunde rinnende Blut der Brustwunde war nicht zu übersehen, hatte es doch den ganzen Brustkorb des Wesens benetzt. „Ich bin mir sicher, dass Elvira sich auch darum kümmern kann…“

„Ich bin es nicht, der Hilfe braucht.“ erwiderte Askatrash. Er mochte den jungen Mann immer noch nicht, auch deswegen, da er Angst hatte, er könne sich an der Verletzten vergehen. „Wage es ja nicht, sie anzufassen. Ich reiße dir die Gedärme bei lebendigem Leibe raus, wenn ich auch nur Gerüchte davon höre.“ Das Maul öffnete sich und Flammen loderten hervor, wodurch der Rachen und der Schlund deutlich besser zu erkennen waren.

Im ersten Moment wusste der Angesprochene nichts auf diese Drohung zu erwidern, er hatte nicht daran gedacht, die Verletzte auch nur anzufassen, wenn es ihm nicht befohlen wurde. Zwar lag das vermutlich eher daran, dass er Angst hatte, ihn weiteren Schaden zuzufügen, aber auch sich an ihr zu befriedigen oder andere Bedürfnisse zu stillen lag ihm fern. „Nein, Herr Drache… Auf solch eine Idee würde ich niemals kommen…“ Wie ging man mit den geschuppten Wesen um, die ein ganzes Dorf im Alleingang dem Erdboden gleich machen konnte? Der Mann hatte ja nicht einmal Ahnung, wie man auf Menschen aus der Stadt zuging, hier in den Bergen blieben die Dörfer meist unter sich. So oder so, da er es nicht wagte, den Blick vom Kopf des Drachens zu wenden, konnte er wenigstens das zugeschwollene Auge erkennen. „Dürfte… Dürfte ich vielleicht kurz einen Blick auf euren Körper werfen?“

Ein Zischen kam zurück. „Warum willst du das tun?“

„Meine Mutter will wissen, welche Verletzungen ihr habt, Herr Drache. Vielleicht kann sie euch ja auch helfen.“ Die Laterne in der linken Hand, versuchte er mit der Rechten, das Ungetüm zu besänftigen. Er hasste diese Situation jetzt schon und fluchte innerlich, dass seine Mutter ihn zu dem Männchen geschickt hatte, aber nun hatte er diese Aufgabe und es gab keine Möglichkeit, auszuweichen oder zu fliehen. „Natürlich erst wenn eure Begleitung versorgt ist… Das versteht sich von selber.“

Schnauben folgte. Doch Askatrash senkte etwas den Kopf und wandte den Blick ab. „Nun gut. Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber fasst mich ja nicht an. Und erwartet nicht, dass sich etwas anderes auf der anderen Körperseite befindet.“ Obwohl die Kraft in ihm langsam zurückkam, wollte er sich jetzt nicht bewegen, auch wenn er vorsichtig den Flügel hob. Der Krampf hatte sich gelöst, auch wenn die Muskulatur in Folge der Verspannung immer noch schmerzte.

„Verstanden.“ Mit rasendem Herz schritt der junge Mann an den Drachen heran und hielt die Laterne nahe an dessen Körper. Die Brustwunde war nun in ihrer vollen Pracht zu sehen, es wirkte, als wäre ein Stück Fleisch herausgerissen worden, und bei dem Gedanken daran wurde ihm mulmig. Wie das wohl geschmerzt haben musste? Selbst für ein so großes Wesen war dies keine kleine Wunde. Wenigstens schien sie nicht mehr stark zu bluten, offenbar wurde sie lediglich durch die Bewegungen während der Flucht offengehalten. „Das muss sehr weh getan haben…“ bemerkte er, anhand der Reaktion realisierte er jedoch schnell, dass Askatrash nicht wirklich an einem Gespräch über seine Wunden interessiert war. Dennoch ergänzte er nach einem Blick über den restlichen Köper, insbesondere die Flanken und den Schwanzansatz: „In euch stecken noch Pfeile, die müssen bald entfernt werden, sonst bekommt ihr noch Fieber.“ Zwar waren Drachen gegen Wundbrand immun, doch das galt nur dann sicher, wenn keine Fremdkörper in den Wunden steckten. Zudem wusste der junge Mann nichts über Drachenanatomie, sodass er etwas beschämt auf den großen Hodensack und die Hauttasche blickte.

„Fertig mit Starren?“ grummelte das Männchen, machte jedoch keine Anstalten, diesen Teil seiner Anatomie vor den Blicken zu schützen, ein bisschen stolz auf seine Ausstattung konnte man ja auch in dieser Situation sein. Dennoch peitschte nun nicht nur die Schwanzspitze, sondern der halbe Schwanz schwang bedrohlich hin und her, sodass der Mann eilig einige Schritte nach hinten machte.

„Alles gut… Alles gut…“ Es war ihm sichtlich peinlich, dass er dabei erwischt wurde, wie er sich den Körper des Drachens genauer angeschaut hatte, auch wenn es definitiv nicht beabsichtigt war. Aber wie erklärte man einer gereizten Echse, dass es keine Absicht war, wenn man auf seine Genitalien starrte? Vor allem, wenn man einen Drachen noch nie aus der Nähe gesehen hatte? „Gut, ich gehe dann mal rein, und schaue, ob Mutter noch was braucht… Ich bin mir sicher, dass mein Vater auch bald wiederkommt. Dann wird euch beiden bestimmt geholfen…“ Askatrash nicht aus den Augen lassend ging er an diesem vorbei ins Haus, um seiner Mutter Bescheid zu geben.

Diese nickte ernst, als sie von den Wunden des Drachens erfuhr. Früher oder später musste wohl jemand ihm die Pfeile aus dem Körper entfernen, was bei der Laune des Tieres definitiv kein leichtes Unterfangen werden würde. Aber aktuell war er bei Bewusstsein und anders als die junge Frau hier auf dem Küchentisch, mittlerweile gereinigt und mit leichten, sauberen Leintüchern abgedeckt bis Elvira kommen würde, sah es bei ihm auch nicht so ernst aus. „Wie geht es ihr?“ fragte der Sohn und schaute der Verwundeten ins Gesicht. Die Augen waren nicht ganz geschlossen, sie schien zu bemerken, dass etwas geredet wurde, aber ob sie auch verstand, was gesagt wurde, stand auf einem anderen Blatt.

„Nicht gut. Gar nicht gut.“ Antwortete die Mutter und streichelte ihr sanft die Wange. „Dem armen Ding hat man schier das Fleisch vom Rücken gepeitscht und andere schlimme Dinge getan.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wer auch immer das getan hat, ist ein Monster.“ Das Laken unter ihr hatte sich mittlerweile durch das Waschwasser und die frischen Wunden rot gefärbt. „Ich weiß noch nicht mal, ob sie durchkommen wird.“

„Mutter, das Bett ist fertig.“ Mittlerweile kam die Tochter aus der Kammer zurück, welche eigentlich für einen Knecht oder eine Magd vorgesehen war, jetzt aber als notdürftiges Krankenlager herhalten musste. Sie trat an den Küchentisch und blieb dort mindestens genau so fassungslos stehen wie es auch der Rest ihrer Familie tat.

„Gut, dann setz schonmal Tee auf. Und dein Bruder schaut, was wir noch zu Essen dahaben. Ich befürchte, dass wir heute nicht mehr wirklich zum Schlafen kommen werden.“ Die Geschwister nickten und entfernten sich vom Tisch, während die Mutter nach draußen starrte. Sie hoffte, dass ihr Mann und die Heilerin bald kommen würden, konnte aber bis auf den Umriss eines Drachenkörpers vor dem Fenster nicht wirklich viel erkennen. Durch das Warten merkte sie erst jetzt, wie ihr Rücken schmerzte. Durch die harte Arbeit hier in den Bergen schon besonders belastet, war das Ereignis der letzten Stunde eine zusätzliche Belastung. Sie griff nach einem Stuhl in ihrer Nähe und setzte sich so neben die Verletzte, dass sie ihr gut ins Gesicht schauen und so den Augenkontakt halten konnte. Gleichzeitig griff sie nach einer der Hände und streichelte ihr sanft über den Handrücken. „Alles gut, du bist in Sicherheit, Kleines. Hier wird dir niemand etwas Böses tun…“

Die braunen Augen schauten die Bäuerin direkt an, der Blick fokussierter als in den letzten Momenten. Dazu bewegte sich der Mund, als wolle er was sagen, doch es schien ihr sehr schwer zu fallen. „Aska… Aska…?“ War es eine Frage? Was waren das überhaupt für Worte? Sie versuchte, wieder zu sprechen, doch ihre Lippen versagten den Dienst.

„Hmm?“ Die Mutter war etwas verwundert, sie hatte nicht damit gerechnet, etwas außer Stöhnen und andere Laute des Schmerzes von ihr zu hören. „Aska… Ist das dein Name?“ //Der klingt aber nicht besonders weiblich.// „Oh, ich vergaß… Mein Name ist Kylatrin.“ Es war ihr ein bisschen peinlich, dass sie sich nicht gleich vorgestellt hatte.

Eine schwache Kopfbewegung, welche man als Nein interpretieren könnte, folgte. „Ren… i… a…“ Sie hatte größte Mühe, das Wort auszusprechen und ihre Augen begannen zu tränen. Offensichtlich kam die Verletzte langsam wieder zu Bewusstsein, realisierte nun allerdings den Schmerz und die Verletzungen, welche ihr angetan wurden.

Kaum hatten sich die ersten Tränen gebildet, schon streichelte Kylatrin über die Wange der jungen Frau. „Renia… Schöner Name, hört man hier nicht häufig.“ Sie hatte das Gefühl, dass der Kopf förmlich in die Hand gepresst wurde und entschied sich, solange sie diese nicht anders brauchte, diese am Kopf zu lassen. //Das arme Ding ist mit den Nerven total am Ende. Ich hoffe, dass sie sich wieder fängt.// „Gleich kommt Elvira, die wird sich dann um deine Wunden kümmern, dann bringen wir dich in dein Bett und dann ruhst du dich erstmal aus.“ Mit einem freundschaftlichen, fast mütterlichen Lächeln auf den Lippen schaute sie genau in Renias Gesicht. Sie war der Meinung, ein Lächeln als Antwort erhalten zu haben, aber sicher war sie sich nicht.