Der Morgen danach

Story by Guglehupf on SoFurry

, , , , , , ,

Imported from SF2 with no description.


„Grrr… Hmmpf…“ Grummeln war aus dem Maul des Untiers zu hören während es langsam von der sommerlichen Morgensonne geweckt wurde. Die Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg über die Gipfel der umliegenden Berge und wärmten den Körper des Drachens auf, wodurch dieser allmählich zum Leben erwachte. Er lag auf der Seite, mitten auf dem schmutzigen und matschigen Hof eines Bauernhauses irgendwo in den Bergen. //Wo bin ich denn hier?// Es brauchte einen Moment, bis seine Erinnerungen zurück in sein Bewusstsein kamen. Seine schmerzenden Muskeln und die Wunden taten ihr Übriges um ihm die Ereignisse der letzten Nacht bewusst zu werden. Die Flucht, der Kampf den Berg hoch zu diesem Hof, die Hilfe für Renia, das schmerzhafte Entfernen der Pfeile. Ob dieser Gedanken wurde er plötzlich wieder hellwach und er hob den Kopf eilig an. Ein Fehler, den prompt flammte ein Schmerz im Nacken und Kopf auf und er ließ einen Schmerzensschrei los. „Uargh!“ Doch wenigstens war der Kopf jetzt in der Luft und er konnte sich etwas umschauen.

Jetzt am Morgen sah das Tal wie jedes andere Tal hier in den Bergen aus. Wiesen, Weiden und Wälder wechselten sich bis zu einer gewissen Höhe ab, nach der die Berge kahl waren. In der Ferne konnte er Vieh erkennen und einige weitere Höfe und Dörfer auf der anderen Seite des Tals. Das kleine Dorf, nach den paar Hütten, die er hier in der Nähe sehen konnte, musste es wohl wirklich klein sein, befand sich weder am Anfang noch am Ende eines Tals sondern irgendwo in der Mitte. Wenige Schritte von seiner Liegeposition ging es eine Wiese wohl steil bergab, die Talsohle konnte der Drache aktuell allerdings nicht sehen.

//Renia! Wie geht es Renia?// Seine Augen wurden größer und der Herzschlag schneller als er realisierte, dass er ja gar keine Ahnung davon hatte, wie es der Frau ging, wegen welcher er überhaupt hier war. Schnell drehte er sich auf den Bauch und wollte sich schon aufrichten, da kam ein energisches „Liegen bleiben!“ aus der Richtung des Hauses und die Bestie drehte den Kopf erstaunt in die Richtung.

Natürlich war es Elvira, die das Grollen und Stöhnen, spätestens aber den Schmerzensschrei von Askatrash nicht überhört hatte. Sie kam aus dem Haus gestürzt und baute sich vor ihm auf, dass selbst er ein wenig Respekt vor ihr hatte, jedenfalls für einen kurzen Moment. Dennoch blickte er sie gleich darauf auch schon wieder grimmig an. „Mir geht es gut, du brauchst dich nicht um mich zu kümmern.“ Er mochte es partout nicht, wenn ihm Leute vorschrieben, was er zu tun und lassen hatte.

„Und genau deswegen hast du auch gerade vor Schmerzen geschrien und bist mit Wunden übersäht!“ Sie hatte schon zu viel im Leben gesehen als dass sie sich jetzt von einem Drachen in ihr Handwerk reinreden lassen wollte. „Die Sonne wird hier fast den ganzen Tag scheinen, du wirst hier liegen bleiben und dich ausruhen.“ Zum ersten Mal konnte sie ihn bei Sonnenlicht sehen, den dunkelvioletten Drachen mit den etwas helleren Brustschuppen. Auf dem Kopf und der Schnauze trug er jeweils einen Kamm, der wie seine Finnen und die Flügel ein kräftiges Weinrot aufwiesen. Barteln entsprangen seinem Gesicht in der Nähe der Nüstern, jeweils eine auf jeder Seite. Das verletzte Auge war noch geschwollen, allerdings konnte man auch hier die goldgelbe Iris sehen.

„Mir geht es gut! Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich zu tun und lassen habe, Weib!“ fauchte er zornig zurück. Ja, sie hatte ihm die Pfeile aus dem Körper entfernt, ja sie hatte seine Wunden versorgt, aber hatte er sie danach gefragt? Oder hätte er es wirklich gebraucht? Eher nicht. Also sollte sie ruhig sein und ihn machen lassen, er wusste schon, was für ihn gut war. Außerdem musste er sich ja darum kümmern, dass es seinem Schatz gut ging, den er hier diesen Menschen skeptisch überlassen hatte.

„Und ob ich das kann! Ihr Kerle seid doch alle gleich… Anstatt mich machen zu lassen, wisst ihr natürlich alles besser. Und morgen sind deine Wunden wieder aufgerissen und bluten.“ Er war nicht der erste Mann, der mit beginnender Genesung meinte, sie als Frau in ihre Schranken weisen zu müssen. Jede kleine Besserung wurde gerne als absolute Heilung verkauft, da konnten die Wunden noch so Blut verlieren. „Wenn deine Wunden sich infizieren oder du sonst wie wirklich ausfällst, kannst du Renia auch nicht mehr helfen. Es geht ihr schon schlecht genug, da brauch sie jetzt kein überhebliches Männchen.“

Das Argument saß wie ein Volltreffer in die Magengrube und Askatrash wurde ruhiger. Sorgenvoll wand er den Kopf ab und musste sich eingestehen, dass die Frau Recht hatte. „Sie ist stark, sie wird das schon schaffen. Da mach ich mir keine Sorgen.“ Überzeugend klang er mit diesen Worten aber nicht.

„Sich um die zu sorgen, die einem etwas bedeuten, ist kein Zeichen für Schwäche, auch nicht bei Drachen.“ Vorsichtig streckte sie ihre Hand aus und wollte sie Askatrash auf die Wange legen, wobei sie die nassen Augen bemerkte. Doch er zog den Kopf zurück. „Dass du Angst um sie hast ist doch wohl das Natürlichste in solch einer Situation.“

Er schluckte, seine Kehle war zugeschnürt und er schloss die Augen. „Ich. Mache. Mir. Keine. Sorgen!“ Die Worte wurden wütend hervorgepresst und der Kopf schnellte wieder in ihre Richtung. „Und Angst habe ich auch keine… Du kennst sie nicht, sie stark. Stärker als alle die ich kenne, sie wird durchkommen.“ Es klang fast mantraartig, als wollte er verzweifelt an seine Worte glauben, konnte es jedoch nicht. Der durchdringende, verzweifelte Blick des Drachens hatte den ihrigen wieder getroffen.

Leise seufzte sie. Wie sollte sie ihn in dieser Situation jetzt aufbauen können? Das letzte Mal, als sie die junge Frau mit den schrecklichen Verletzungen gesehen hatte, schlief sie noch und wirkte wie ein Haufen Elend. Sie könnte zwar jetzt schon wach sein, sie könnte aber auch gar nicht mehr aufwachen. Und dann war da immer noch diese eine Sache, vor der sich jeder Heiler fürchtete. Die Angst vor dem Fieber bemannte auch ihren Geist. Schweigend ging sie zwischen seine Beine, fragte kurz „Darf ich?“ und setzte sich dann vor seinem Bauch auf den Boden. Der Schmutz war ihr in diesem Moment egal, Kleidung konnte man reinigen. Dort blieb sie einige Momente schweigend sitzen und starrte in die Ferne, von Askatrash argwöhnisch beobachtet. Dann legte sie ihre Hand auf eine seiner Vorderklaue. Zu ihrer Verwunderung wurde diese nicht zurückgezogen.

Nach einer langen Pause fragte sie: „Wie heißt du überhaupt?“ Sie versuchte mit ihm Blickkontakt aufzubauen, doch er wich ihr aus und starrte nur in Richtung des Hauses.

„Wüsste nicht, was dich das angeht.“ antwortete er wortkarg.

„Willst du denn gar nicht wissen, wie es Renia geht? Du machst dir Sorgen, aber frägst nicht nach ihr.“ Es war kein Vorwurf in der Stimme, kannte sie diese Situation doch schon zu genüge. Langsam wurde seine Klaue gestreichelt. „Es ist lange her, dass ich zuletzt einen Drachen aus dieser Nähe gesehen habe. Renia muss bestimmt stolz auf dich sein.“

„Es geht ihr gut. Ich weiß es.“ //Ich… Ich hoffe es…// Kurz überlegte er, ob er die Klaue wegziehen sollte, doch es fühlte sich auch für ihn gut an. Lange wurde er nicht mehr so angefasst, selbst Renia hatte ihm noch nie diese Zärtlichkeiten zuteil kommen lassen. //Warum kümmere ich mich überhaupt um sie? Sie hat sich doch auch einen Scheiß um mich gescherrt, mich zu einem Sklaven machen wollen. Sie hat mich in diesem Drecksloch wohnen lassen, mir Ketten angelegt, mich geschlagen… Und doch… Ich bekomme sie nicht aus dem Kopf… Als ich sie da in diesem Käfig gesehen habe…// Er kniff die Augen ob dieses entsetzlichen Gedankens zusammen, die Erinnerung an das Erlebte von vor fünf Tagen brach auch jetzt noch fast sein Drachenherz. Jetzt nur stark sein, keine Schwäche zeigen. Die Gedanken daran, wie sie ihn geprügelt hatte, wie sie ihn gefesselt, malträtiert hatte. Alles das in der drei oder vierfachen Ausführung würde er jetzt lieber haben als sie da in dem Haus zu wissen, aber nicht zu wissen, ob sie da jemals selbstständig rauskommen würde. Ein leises Schluchzen folgte. //Was ist denn nur los mit mir?//

„Du hast sie sehr gerne, stimmts? Ihr kennt euch bestimmt schon seit langem, oder?“ Ruhig redete Elvira weiter, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Während sie mit der einen Hand ihn streichelte, die kräftigen Klauen und die dicke Schuppenhaut bewunderte, spielte sie mit der anderen Hand mit ihren Haaren. Ihre Frisur war wild und ungepflegt geworden und mit den tiefen Augenringen zeigte es, dass sie wohl nicht viel Schlaf bekommen hatte. Wenn sie denn überhaupt zum Schlafen gekommen war.

„Geht so, ein paar Wochen vielleicht.“ Askatrash hatte jetzt echt keinen Nerv dafür, über dieses Thema zu reden. Ihre Fragen gingen ihm auf den Sack, was interessierte sich die Alte dafür, woher er denn Renia kannte? Das ging schließlich nur Renia und ihn etwas an. Außerdem wollte er jetzt nicht an die Zeit davor erinnert werden, die Zeit wo sie noch gesund war und er eher mit der Gesundheit gewisser anderer Körperteile beschäftigt war. Vor einem Monat, bevor er wusste, was aus ihr geworden ist nachdem er sie da auf diesem Plateau zurückgelassen hatte, hätte er sich niemals vorstellen können, diese besonderen Worte zu denken. //Hätte sie mir damals doch lieber die Eier abgeschnitten, dann wäre das Ganze hier gar nicht passiert.// Aber von den Gedanken sollte die Frau hier nichts mitbekommen. Es war nicht für sie bestimmt. „Hast du nicht noch andere Dinge zu tun? Anderen Leuten auf die Nerven zu gehen indem du blöde, belanglose Fragen stellst, Weib?“

Elvira atmete tief ein und dann langsam durch die Nase wieder aus. Es war eine schwierige Zeit für ihn, und sie konnte verstehen, dass er gerade komplett andere Gedanken hatte, aber sie deswegen so anzumachen, das musste er dann doch nicht. „Ich dachte, ich leiste dir Gesellschaft, damit du dich etwas beruhigst. Aber ja, ich habe noch andere Dinge zu tun, die auch wichtig sind.“ So stand sie auf, schaute ihm noch einmal in die Augen. „Entweder siehst du mich hier rumlaufen oder du fragst jemanden nach mir, wenn was sein sollte. Du kannst davon ausgehen, dass ich dir schon sage, wenn sich etwas mit Renia getan hat. Ich bin aber auch für dich da, falls du doch reden willst.“ In jeder Kreatur steckte eine gute Seite, auch in Drachen, die sich wie Arschlöcher verhielten, und wer wusste schon, was hinter diesem Verhalten stand. Ihr stand es daher nicht zu, ihn deswegen abzuurteilen. Solang er sie nicht körperlich angriff oder aufs Schärfste beleidigte würde sie ihm zuhören. Dann drehte sie sich um und ging in Richtung des Hauses. Sie bemerkte nicht, mit welchem traurig-sorgenvollen Blick ihr der Drache hinterher blickte.

Im Haus selber war die Mutter gerade damit beschäftigt, eine kleine Portion Brei zu machen, während die Tochter offenbar alte Kleidungsstücke flickte, welche wohl für die junge Frau in der Kammer gedacht waren. „Wie geht es ihm?“ fragte Kylatrin ruhig. Auch sie sah mehr als müde aus, hatte sie doch die ganze Nacht sich um die junge Frau gekümmert, welche nun in der Kammer lag und mit den Folgen ihrer Verletzungen kämpfte. Noch konnte der Sensenmann jederzeit seinen knochigen Fuß auf die Türschwelle setzen.

Eine lange Pause folgte, die so lang war, dass Mutter und Tochter erschöpft aufschauten. „Er macht sich große Sorgen. Sehr große Sorgen. Und er ist nicht unbedingt der freundlichste Drache, den man sich vorstellen kann, also überlegt es euch zweimal, ob ihr mehr als nötig mit ihm redet.“ Sie konnte es ab, von ihm dumm angemacht zu werden. Aber wie stand es um die Tochter der Familie? Sie war gerade einmal erst 16 Winter alt, da konnte man nicht erwarten, dass man mit einem Drachen umgehen konnte.

„Nach dem, was ich da gesehen habe, wundert es mich nicht. Wer weiß, was da passiert ist. Ein Überfall? Auf den Straßen der Gegend wimmelt es doch nur von Gesöcks und Wesen, die sich die Güter unschuldiger Menschen aneignen wollen. Vielleicht sind sie aber auch Banditen, die so nur ihrer gerechten Strafe entgehen. Wer sollte denn sonst hier als Fremder herkommen wollen?“ Die Mutter sprach aus, was alle sich schon lange dachten. Wer waren diese Fremden, die sie nun verköstigen mussten und deren Leben in ihren Händen lag? Doch dann legte sie den Kochlöffel beiseite und entschuldigte sich: „Es… Es tut mir leid, ich hätte sowas nicht sagen dürfen. Es ist nicht gerecht. Es… Ich bin einfach nur fertig.“

Elvira ging zu ihr und legte die Hand auf die Schultern. „Alles in Ordnung, wir sind hier alle wahnsinnig angespannt.“ Sie blickte nach draußen zu Askatrash, der sich gegen ihren Rat erhoben hatte und nun mit angezogenem Arm etwas auf dem Hof rumhumpelte. „Besonders er. Er hat mir nichts gesagt, aber ich glaube nicht daran, dass sie Banditen sind. Banditen werden nicht halb zu Tode geprügelt, die werden aufgeknüpft.“

„Außerdem hast du ja gesagt, dass sie eine Gefesselte war.“ warf die Tochter ein, die ihr Nähzeug beiseite gelegt hatte und sich nun zu den beiden anderen Frauen begab. Durch einen ihr unklaren Gedankenfetzen und die trotz der Verletzungen imposante Erscheinung des Drachens kam ein komplett anderer Gedanke in ihren Sinn. „Elvira… Was hats du mit ihm heute Nacht gemacht? Papa hat gesagt, du hast ihn berührt und dann ist er wie ein Sack Kartoffeln zusammen gesackt.“

„Berührungen können manchmal mehr nutzen als Magie oder irgendwelche Tränke.“ Ihr Gesicht entspannte sich, denn es war eine Sache, auf die sie zurecht wahnsinnig stolz war. „Eine Berührung kann jedem Wesen eine Erdung geben, auch einem großen Drachen.“ Vorsichtig streichelte sie die Schulter der erschöpften Mutter. „Er hatte Angst, ja sogar Panik. Er hätte mich angreifen können, hat es aber nicht. Warum, das weiß ich nicht. Vielleicht hat er auch gespürt, dass ich ihm und seiner Freundin nur helfen will. Drachen haben auch Gefühle, Drachen sind nicht die Monster, die sie manchmal vorgeben zu sein.“ Dann schaute sie nach draußen. Askatrash schlich herum, als würde er etwas suchen und in jedem Moment, in dem er das Gesicht einer der Personen sah, wand er sich sofort ab. „Und dann hat das bisschen Berührung genügt, um mir zu Vertrauen, damit war dann auch die letzte Kraft verflossen. Er hatte alle Kraft darauf aufgewendet, sie hierher zu bringen…“

„Ich frage mich ja, woher sich die Beiden kennen… Er wirkt etwas verliebt…“ bemerkte die Tochter, woraufhin die beiden älteren Frauen etwas verlegen drein blickten. Auch wenn er ein Drache war, er musste für Renia doch eine Art Held sein. Die Art Held, die einen in größter Not rettete und dann am Ende einen aus all dem Schlamassel befreien würde. Vielleicht führte er sie dann später zu seinem Hort, wo er wie in den Märchen dann sehr viel Gold, Edelsteine und andere wertvolle Gegenstände hatte. Es war ein blöder Gedanke, aber er erzeugte auf den Lippen der jungen Frau ein Lächeln und brachte zumindest für sie etwas gute Stimmung in diese sonst angespannte Lage.

„Das wollte er nicht sagen… Aber ist ja eigentlich auch egal, wie geht es ihr?“ fragte Elvira und wollte so ganz bewusst das Thema wechseln. Die Zusammenkunft oder die Liebe zwischen einem Menschen und einem Drachen, einem halben Tier, wollte sich die Heilerin, die schon viel in ihrem Leben gesehen hatte, dann doch nicht vorstellen. Vor allem stellte sie sich auch die Frage, wie denn eher körperliche Dinge funktionieren sollten.

„Tatsächlich besser. Die Wunden am Rücken sehen wohl schlimmer aus als sie es sind. Kaum hatte ich vorhin die Salbe neu aufgetragen, ging die Rötung sichtbar zurück. Und sie ist immer wieder kurz wach, schläft aber noch viel. Ich versuche, so oft es geht, nach ihr zu schauen. Wenn sie wach ist, redet sie aber nicht viel. Meistens starrt sie einen nur an oder schaut in die Leere.“ erklärte die Mutter. //Armes Ding, was sie wohl durchgemacht hat, um diese Bestrafung zu bekommen? Ich hoffe, sie wird eines Tages wieder lachen können.// „Wenn du magst, kannst du ihr vorsichtig einen Besuch abstatten, ich habe leider immer noch genug andere Dinge zu tun. Aber versprich dir nicht zu viel.“

„Lass das einfach mein Problem sein.“ Die Heilerin nickte und ging müde in die Kammer. Sie hatte viele Geburten unterstützt, vielen Menschen im Fieber geholfen und doch strengte sie die Tatsache, dass man durchaus Tage lang kaum mehr zum Schlafen kam, immer stärker an. Dennoch gab sie für die Menschen in ihrer Umgebung alles, was sie konnte. Sie war die stumme Heldin des Dorfs, manchmal sogar des Tals. Und nun kämpfte sie den Kampf um ein junges Ding, welches auf sehr merkwürdige Art und Weise hier zu ihr gekommen ist. „Hallo Renia, bist du wach?“ fragte sie, nachdem sie langsam in das Zimmer getreten ist. Sie schloss vorsichtig die Tür hinter sich und setzte sich dann auf einen Hocker, welcher neben dem Bett stand. Die Kammer war klein, sehr klein, aber es reichte zumindest, dass man dem unerwarteten Gast ein Bett richten konnte. Durch ein kleines Fenster drang die Morgensonne und brachte etwas Licht in den ansonsten dunklen Raum.

Renia lag auf der rechten Seite, mit dem Gesicht zur Wand und starrte diese an. „Ja… Bin ich…“ antwortete sie langsam. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht drehte sie sich über den Rücken und konnte so die ältere Frau besser anschauen. „Und wer seid ihr?“

„Elvira, die Heilerin.“ Vorsichtig legte sie die Hand auf die Stirn der Verletzten und war froh, dass sie kein Fieber spüren konnte. „Du siehst viel besser aus als ich befürchtet habe. Ich hätte jetzt nicht damit gerechnet, so eine Antwort zu bekommen.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht. „Naja, jetzt bin ich auch selbstständig wach… Und den Geschmack von dem Zeug, was ihr mir gegeben habt, habe ich jetzt noch im Mund.“ Selbstständig versuchte sie, langsam sich im Bett aufzusetzen. Elvira half ihr dabei und war sichtlich erstaunt, wie gut es der jungen Frau für die Verhältnisse wieder ging. Was eine Nacht in einem Bett und eine Stärkungsmedizin nicht alles bewirken konnten.

„Das Bett darfst du in den nächsten Tagen allerdings dennoch nicht verlassen.“ sprach sie mit einer mütterlichen Strenge. „Und gut möglich, dass du dich bald wieder müder fühlen wirst, jede Medizin hat irgendwann keine Wirkung mehr. Aber lass es zu, Schlaf ist auch in deinem Fall die beste Medizin.“

Renias Oberkörper war komplett in Bandagen eingewickelt, sodass es fast als Kleidungsstück zählen konnte. Zwar war sie nackt hier angekommen, die Familie hatte ihr dennoch eine einfache Leinenhose angezogen, welche sie nun zusätzlich trug. Sie war dünn, aber nicht sonderlich mager, es sah in der Hektik und der Nacht dramatischer aus als jetzt am Morgen. Offenbar hatte sie noch nicht sonderlich lange nichts mehr zum Essen gehabt. Ihre Arme und Beine wirkten trotz der Verletzungen und der Bandagen leicht muskulös und manch eine Narbe musste Monate, wenn nicht sogar Jahre alt sein. „Dachte ich mir schon…“

„Wie fühlst du dich? Willst du etwas trinken?“ Solange die junge Frau so fit wirkte, sollte wenigstens etwas Flüssigkeit in sie kommen. Die Heilerin griff nach einem Becher und schenkte etwas Wasser in ihn. „Hier in den Bergen haben wir so viele Quellen, man kann das Wasser hier bedenkenlos trinken. Ein kleiner Vorteil hier in der rauen Bergwelt…“

„Danke.“ Nach dem Becher wurde mit zitternden Händen gegriffen, doch schnell merkte Elvira, dass Renias Hände nicht so ganz wollten, wie sollten. So wurde das Wasser vorsichtig angereicht. „Scheiße. Ich habe Schmerzen, ich fühle mich schwach, brauche für alles Hilfe…“ Ihre Augen schauten mit einer Mischung aus Wut und Trauer in die der Heilerin. „Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr nichts mehr alleine machen könnt?“ Sie drückte den Becher zur Seite und legte sich dann wieder auf die linke Seite. Dieses kurze Abenteuer im Sitzen hatte genügt, um sie zu erschöpfen. //Ich bring die Bastarde um, die mir das angetan haben, vor allem diesen Namenrios…// Ihr Geist war nicht gebrochen und Rachegefühle brannten in ihr auf. Nun musste sie allerdings erst einmal gesund werden, was ihr allerdings nicht schnell genug gehen konnte. //Aber erst einmal muss ich mein Zeug wiederbekommen, vor allem mein Schwert…//

„Nicht gut… Es freut mich aber, dass du schon mit mir reden kannst. Du wirst bald sehen, dass auch andere Dinge wieder zurückkommen werden.“ Da Renia wenig bis gar nicht das Gesicht verzog, während sie diesen klaren, kurzen Moment für Rachepläne nutzte, konnte Elvira auch nicht erkennen, wie aktiv ihre junge Patientin bereits war.

„Wenn es dann nicht schon zu spät ist…“ murmelte Renia, allerdings so laut, dass die Heilerin es dennoch verstehen konnte. Diese entschied sich jedoch aus Gründen des Respekts und der Zurückhaltung, nicht darauf einzugehen. „Wo bin ich hier eigentlich? Und wie bin ich hier hin gekommen?“

„Wir nennen das Tal hier Eubachtal, aber das wird dir wohl nicht viel sagen, es ist kaum in Karten eingezeichnet. Baronenfels ist die nächste größere Siedlung, ansonsten gibt es hier nur ein paar winzige Dörfer. Wir sind recht abgeschieden und für uns. Ihr seid die erste richtige Fremde seit dem Winter…“ Wie erklärte man jemandem, wo man sich befand, wenn man nicht wusste, was die Person alles kannte? „Der Zesarenpass ist zwei Tagesreisen entfernt.“

Renia legte die Hand vor das Gesicht. „Oh Scheiße…“ entfloh es ihr. „Ich muss hier so schnell wie möglich weg.“ Trotz der Erschöpfung und des Kraftmangels versuchte sie, aufzustehen, auch wenn schon der Versuch, nur ein Bein aus dem Bett zu bekommen, an starken Schmerzen im Rücken und einem starken Schwindelanfall scheiterte.

„Du gehst nirgendswo hin, deine Verletzungen müssen erst heilen.“ Elvira sprach sehr streng und drückte sie zurück ins Bett. „Es weiß eh keiner, wo du bist.“ //Den Drachen wird man aber nicht lange geheim halten können.//

„Und wie bin ich dann hier her gekommen? Alles vor gerade eben ist so dunkeln, verschwommen.“ Die Augen wurden geschlossen, in der Hoffnung, dass sich der mittlerweile pochende und sich drehende Kopf an irgendwelche Einzelheiten der vergangenen Nacht erinnern konnte. „Alles was ich weiß sind Schmerzen und ein Geruch von Feuer… Viel Feuer…“

„Beruhig dich, dein Drachenfreund hat dich hier her gebracht. Es geht ihm gut und er bewacht das Haus strenger als einen Goldschatz.“

Die Augen der Verletzten wurden wieder größer. „Drache? Freund? Ich habe keine Drachen als Freunde…“ //Was zum Teufel geht denn hier ab?// Ihr wurde immer schwindeliger, auch weil sie merkte, dass sie absolut keine Kontrolle über die Situation hatte. Sie war in einem kleinen Dorf mitten im Nichts in der Nähe eines Passes, den sie wie die Pest meiden wollte und nun stand da offenbar auch noch ein Drache vor der Tür. Stärker konnte man ja wohl kaum rufen „Hier bin ich, kommt mich holen.“

„Nicht? Der Drache da draußen hat dann aber ziemlich einen Narren gefressen, wenn er sich so in Lebensgefahr begibt, um dich hier her zu bringen.“ Die Heilerin war erstaunt darüber, dass Renia offenbar nichts von diesem geschuppten Lebensretter kannte. „Ein violetter Drache, weinrote Flügel, goldgelbe Augen. Schroff, aber er hat zumindest was dich angeht, das Herz am rechten Fleck.“ Renias Blick wurde immer sonderbarer und unfokussierter. Mit den Reflexen einer Heilerin und Geburtshelferin, wusste sie was kommen würde. Schnell schnappte sie sich die Schüssel, die für Waschwasser gedacht war und hielt es der jungen Frau hin. Gerade rechtzeitig bevor sich diese erbrach, auch wenn nicht viel mehr als Flüssigkeit aus ihr kam. Elvira blieb ganz ruhig, sie hatte schon schlimmeres erlebt. „Lass alles raus, das ist nichts unnormales oder etwas, wobei du dich schämen musst.“

Es dauerte seinen Moment, bis Renias Magen nicht mehr Purzelbäume machte. Das Gefühl, wenn sich ein leerer Magen auswrang um auch die letzten Reste herauszupressen war gerade in ihrem geschwächten Zustand schon eine einzige Tortur. Zu wissen, dass ein lilafarbener Drache mit diesen charakteristischen Merkmalen einen gerettet hatte, machte es nicht besser. „Askatrash?! Heißt er Askatrash?“ Sie wusch sich den Mund mit einem gereichten Tuch ab und setzte sich mit Unterstützung auf, um vorsichtig einige Schlucke Wasser zu trinken und den fürchterlichen Geschmack aus dem Mund zu bekommen. //Dieser verdammte Drecksack…//

„Ich muss sagen, ich weiß es nicht. Er hat seinen Namen nicht gesagt. Er redet generell nicht sehr viel und ist… naja, freundlich ist er nicht gerade. Aber er hat alles getan, was er konnte, um zu garantieren, dass du hier her kommst. Er hat seine letzte Kraft gebraucht und er ließ mich erst an sich ran, als er wusste, dass es dir gut geht. Beziehungsweise dass du versorgt bist. Ich habe schon Männer gesehen, die sich weniger für die Geburt ihres ersten Kindes interessiert haben.“ Die Heilerin wusste nichts von der sehr wechselvollen Geschichte der Beiden und der daraus resultierenden Hassliebe, sodass sie munter drauf los plauderte.

„Geht jetzt. Bitte.“ Abrupt beendete Renia das Gespräch und drehte sich unter Qualen auf die rechte Seite. „Ich werde auch nicht weglaufen.“ Elvira sollte nicht sehen, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten, gerade weil es keine Tränen des Schmerzes waren. //Ich würde in meinem Zustand eh nicht weit kommen…//

„Oh… Okay.“ Sie wusste nicht warum, aber sie merkte, dass es besser war zu gehen. Hatte die junge Frau gedacht, ihr Freund sei längst tot? Oder war der Drache ein Kopfgeldjäger, der es auf sie abgesehen hatte? //Nein Elvira, das kann nicht sein. Das ist deine Übernächtigung. Du hast seine Augen gelesen, seine Angst, da waren Gefühle dahinter. Fast nur Gefühle…// „Wenn noch etwas ist, lass mich einfach rufen, ich komme dann so schnell wie möglich.“

Schwaches Nicken folgte. Dann hörte die Verletzte mit dem geschorenen Kopf, dass die Tür geschlossen wurde und sie war alleine im Raum. Endlich Ruhe. Der Kopf pochte, drehte sich immer noch, so ganz hatte sich der Magen nicht stabilisiert. //Er… Er… Warum in allen Namen er? Er hat doch gar keinen Grund dazu, zu mir so freundlich zu sein… nach all dem, was ich ihm angetan habe. Er war ja nicht mal richtig hart zu mir da oben auf dem Plateau, es war doch nur eine Art Spielen… Er hätte viel gemeiner sein können. Und er hat mir alles gelassen. Warum… Was soll das? Was will er? Was wird hier gespielt?// Sie drückte die Augen zusammen, zog sich die Decke fast über den Kopf und verkroch sich unter dieser. Tränen flossen. Es gab alles keinen Sinn, alles drehte sich um sie, sie fühlte sich hilflos. Und doch fühlte sie sich im selben Moment auch dankbar für die Rettung…