Drachenmenschen - 16. Vollständig
Ich lerne einen weiteren Heiler kennen, bade ein wenig im Meer und nach einigem Trubel gehe ich dann den letzten Schritt.
Teil 15 der Story um einen Menschen, der zum Drachen wird und sich jetzt entscheiden muss, ob er es auch sein will.
Drachenmenschen
- Vollständig
Eine Zunge, die mir sanft die Kehle leckt, weckt mich. Ich räkle mich ein wenig und brumme wohlig.
„mmmmh… was ist Tali?“
Ein leises Kichern antwortet mir… moment, das ist nicht die Stimme von Tali… auch nicht Ti… ich öffne die Augen und blicke in die orangefarbenen Augen von T'Rasszia, die mich grinsend ansieht.
„A… oh… verzeih…“ –
„Na Du Langschläfer? Steh auf, es gibt Frühstück und T'Rrih'An wartet schon auf Dich.“ –
Ich taste um mich… aber sie grinst noch mehr, als sie das bemerkt.
„Tali ist schon los und kümmert sich um eine Drachin, die ein Ei trägt und kurz vor dem Legen steht. Sie sagte schon, dass Du nicht wirklich wahrgenommen hast, wie sie aufgestanden ist.“ –
„Ja? – Oh hoffentlich ist sie mir nicht böse deswegen.“ –
„Ach Quatsch. Du bist die letzten Tage als Anthro eine recht lange Strecke geflogen, ohne das gewohnt zu sein und hast sicher dann nicht sehr lange geschlafen. Das ist völlig normal, mach Dir keine Gedanken. – Ach ja, Ti hat eine Nachricht bekommen und ist mit Trra zum Tor zu Deinem Wohnort geflogen, um sich darum zu kümmern – ich soll Dir sagen, dass nichts passiert ist, um was Du Dir Sorgen machen müsstest, nur etwas in der ‚Firma'. So nun hoch jetzt, leg Dich vor dem Frühstück noch mal ins Becken und komm dann bitte runter.“ –
Sie leckt mir noch einmal über die Nüstern und huscht dann lächelnd aus dem Raum. Tja… nun bin ich praktisch alleine hier – mit zwei reinrassigen Drachinnen in einem Haus… naja genau genommen sind es drei Drachinnen und ein Drache wenn alle da sind. – Und da draußen sind noch sehr viel mehr… -
Ich klettere aus dem Nest und tappe, meine Schwingen dabei wohlig reckend, zum Fenster, schiebe den Vorhang beiseite und blinzele ins blauviolette Licht. – Und sehe auch gleich mehrere Drachen, die da draußen umherfliegen und offensichtlich irgendwelchen Tätigkeiten nachgehen. Da bin also jetzt angekommen in der Welt der Drachen und soll schon bald selber einer sein, so richtig jedenfalls.
Na gut. Dann wollen wir mal, ich gehe hinaus auf den Gang und folge dem leisen Geräusch fließenden Wassers – denn so habe ich das verstanden, mich ins Becken zu legen – ich suche das Badezimmer. Und finde das auch sofort. Das Loch da in der Ecke interpretiere ich als Toilette, ja richtig, da unten läuft Wasser, das alles sofort wegspült. Spontan nutze ich die auch gleich, das habe ich drüben schon geübt, wie das als Drache geht. – Dann auf der anderen Seite die beiden Becken, beide groß genug, dass da jeweils mindestens zwei Anthro bequem drin liegen können – ich entscheide mich nach kurzer Handprobe dann doch lieber für das warme Becken, in das ich mich mit einem wohligen Stöhnen gleiten lasse.
Ohhh… das habe ich jetzt wirklich gebraucht. Ich spüre, wie sich meine Muskeln sofort entspannen und lasse mich einige Minuten einfach in der Wärme treiben. Aber ein Ruf von unten weckt mich sofort wieder. T'Rasszia hat meinen Namen – genauer die Kurzform ‚Tan' gerufen. Gut, lasse ich sie lieber nicht länger warten, also raus aus dem Becken, einen Moment noch in der Mulde stehengeblieben, dann bin ich schon wieder trocken und kann nach unten gehen.
Schnuppernd folge ich dem Geruch von Kaffee wieder in den Wohnraum… Kaffee hier? – Ich schnuppere nochmal… Es riecht zwar sehr ähnlich, aber scheint doch etwas Anderes zu sein, es ist etwas würziger. Den Vorhang beiseitegeschoben, sehe ich die Drei, T'Rasszia, T'Rrih'An und Trrá'Yrrh – die sich selber kurz nur Tras, Tri und Tra rufen – auf den Lagern um den großen Tischblock liegen. Talis Eltern liegen zusammen aneinander geschmiegt auf einem der größeren Lager, T'Rrih'An auf dem anderen – und sie winkt mich lächelnd zu sich…
„Komm, leg Dich zu mir. Lass uns auch ein wenig kuscheln…“ –
Ich schaue sie ein wenig zögernd an… soll ich mich wirklich zu ihr legen? Sie ist ja durchaus attraktiv – groß, schlank, kräftig, ihre dunkelbrauen Schuppen glänzen seidig und ihre dunkelgrünen Augen blicken mich auffordernd an. Sie ist eindeutig nur wenig älter als Tali, naja, ein paar hundert Jahre vielleicht, aber offenbar noch eher der jüngeren Generation zugehörend. Darf ich das? Mich einfach zu ihr legen?
Aber T'Rasszia lächelt und macht eine auffordernde Handbewegung.
„Na los, leg Dich zu Tri. Es ehrt Dich, dass Du zögerst. Aber jedes Männchen hier würde es als Ehre empfinden, von Tri so eingeladen zu werden. Heilerinnen sind hoch angesehen, aber auch sehr zurückhaltend mit ihren Beziehungen. – Du wirst auch bald lernen, dass ihr Männchen mehr oder weniger allen Weibchen gehört und was Du darfst und was besser nicht. Aber keine Sorge. Uns ist bewusst, dass Du das alles noch nicht weißt und vermutlich auch Fehler machen wirst. Tali wird Dir sehr viel verzeihen bis Du alles weißt, sie liebt Dich wirklich sehr.“ –
Ich lege mich zu T'Rrih'An - Tri - die mich sofort an sich zieht und mich sanft streichelt, besonders meine Flughäute, auf denen ich ja etwas spüre. Sehr angenehm… immerhin hätte ich Tri auch nicht abgewiesen, wenn ich sie als erste getroffen hätte. – Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, was jetzt von mir erwartet wird… - Das einfach genießen? Oder fluchend aufspringen?
Aber Tras beruhigt mich sofort, sie hat meine Unsicherheit auch sofort gespürt, wie Tri an meiner Seite natürlich auch.
„Genieße es. Du musst wissen, dass wir Drrá'Kin genetisch interessante oder wichtige Männchen teilen. Ein Weibchen darf es für sich wählen und Du wirst eine schöne, lange Partnerschaft mit T'Álirrah haben – so wie ich mit Tra. Aber wie er damals, hast Du wichtige Gene für unser Volk – Dein Geruch ist sehr erregend, was uns das deutlich sagt. Und so gehören Deine Gene vielen von uns. Du wirst viele Weibchen treffen und Dich mit dem Einverständnis von Tali mit ihnen paaren.“ –
Sie stellt mir während ihrer Worte einen großen Becher, der verführerisch nach dem hiesigen Kaffee duftet in Griffweite vor mich und legt sich wieder zu ihrem Partner. Ich greife nach dem Becher und blicke mit wirren Gedanken hinein.
„Und ihr vier organisiert das?“ -
Ich will mich nicht an den Gedanken gewöhnen, hier nur als Zuchtbulle gesehen zu werden… Aber T'Rrih'An bemerkt sofort, was mich bewegt. Sie legt beruhigend Ihre Hand auf meine Brust und legt sanft ihren Kopf an meinen.
„Ich weiß, was Du jetzt denkst. Aber wir haben Dich nicht zu uns geholt, nur weil wir Deinen Samen haben wollen. Du hast eine Aufgabe, die Du erfüllen sollst – die Dich erfüllen kann, wenn Du es zulässt. Und sehe es so. Du kannst Dich mit praktisch jedem Weibchen das Dich interessiert hier vergnügen und wir finden das sogar noch richtig und gut. – Aber Du musst es nicht. Wenn Du es nicht möchtest, dann bleibe bei Tali und Deinem Menschenweibchen. Die Weibchen hier werden es bedauern, aber niemand wird Dir einen Vorwurf machen oder Dich dazu zwingen.“ –
„Aber… was ist mit euren Männchen? Warum…?“ –
Tri seufzt.
„Dir ist doch sicher aufgefallen, dass Dich gestern hauptsächlich Weibchen begrüßt haben. Das liegt nicht daran, dass wir dominant sind, oder dass sich die Männchen nicht für Dich interessieren. Es liegt ganz einfach daran… nun wir Drachen haben zu wenig Männchen. Selbst unter den Drrékh sind sehr überwiegend Weibchen.“ –
„Aber… ihr habt doch Männchen, oder? Warum sind die dann nicht aktiver und paaren sich mit mehreren Weibchen?“ –
Sie legt mir ihren Kopf auf die Brust und seufzt.
„Sie würden es gerne machen. Aber nur wenige sind wirklich auch in der Lage dazu. Und sie zeugen dann überwiegend Weibchen. – Das Geschlecht hängt bei uns nicht von der Bruttemperatur ab, sondern wird wie bei euch genetisch festgelegt. Tra hat 16 Töchter und 5 Söhne gezeugt und gilt bei uns damit als potentes Männchen. Leider haben seine Söhne das nicht geerbt, wie es scheint. – Bei Deinem Vater ist es ähnlich. Die Nestlinge, die Drachen wurden… Du bist der einzige Sohn und die anderen vier waren nur Töchter. Leider ist eine sehr früh verstorben, noch bevor ich schlüpfte.“ –
Ich streichele ihr sanft den Nacken.
„Und woher nehmt ihr die Gewissheit, dass ich viele Nachkommen haben werde?“ –
Tri schnuppert sehr deutlich an meinen Bauchschuppen, ganz in der Nähe meines Genitalschlitzes… – Ja, Klar, natürlich…
„Ihr könnt es riechen… - hätte ich auch selber drauf kommen müssen.“ –
„Du wirst Dich bald dran gewöhnen und sehr schnell selber riechen, wie die Stimmung der Drachen um Dich ist. – Du müsstest mich eigentlich auch deutlich riechen…“ –
Oh ja… und wie… dieser süßlich, würzige Duft, der mich umwabert – aber diese erdige Komponente fehlt…
„Ja, sehr deutlich. Du bist erregt, Du möchtest mich – aber noch fehlt das sexuelle Verlangen. Oder Du unterdrückst es noch.“ –
Tri reibt ihren Kopf an meinem Hals und nickt.
„Ja. Ich möchte Dich, ich bin so weit, ein Ei zu tragen – aber ich möchte erst abwarten, bis Du Dich mit Deiner Partnerin vereint hast.“ –
Ich streichele sie sanft.
„Ja. Ich verstehe. Und ich... ich könnte mir schon vorstellen, mit Dir eine Partnerschaft einzugehen. Aber ich habe mich in Tali verliebt. – Naja, vielleicht… wenn ich mich wirklich mit anderen Weibchen paaren soll… können wir ja…“ –
Jetzt schaut T'Rasszia mich sehr ernst und prüfend an.
„Du willst T'Rrih'An als Partnerin haben?“ –
Ich lächele sanft und streichele Tri weiter den Nacken.
„Wäre Tri neulich dort am Tor erschienen, dann wäre ich vermutlich jetzt ihr Partner, ja. – Aber Tali wurde von der Lebenskraft dorthin geführt. Tali ist ohne zu zögern nach drüben gegangen und hat mich dort gesucht und eingefangen. Tali ist die, deren Duft mir noch ein wenig mehr verspricht, wirklich zu mir zu passen. T'Álirrah ist die Drachin, deren Partner ich bin. – Tri ist eine Drachin, der ich sehr gerne so nahe bin, wie jetzt gerade. Mit der ich mir sogar vorstellen könnte, mich mit ihr auch zu paaren. Aber meine Drachin ist nun mal Tali. – Verzeih Tri…“ –
Die allerdings lächelt nur und reibt sich wieder an mir.
„So habe ich es erwartet und es Tras auch so gesagt. Aber sie war noch nicht voll überzeugt.“ –
„Ihr habt mich also geprüft.“ –
„Ja. Verzeih. Aber Tras fürchtete, dass Du einem anderen attraktiven und Dir zugeneigtem Weibchen nicht widerstehen würdest. – Es ist von mir nicht gespielt, verstehe das bitte nicht falsch, ich hätte Dich, deine Instinkte und Deine Nüstern nicht überlisten können. Ich würde Dich wirklich gerne als Partner gewinnen – aber ich habe ihr schon gesagt, dass ich mich nicht bei Dir einschmeicheln kann. Du gehörst T'Álirrah und Tali Dir. Aber Du wirst mir sicherlich ein Ei befruchten, selbst wenn Du Dich sonst verweigerst – das spüre ich auch.“ –
Kopfschüttelnd trinke ich den Kaffee aus.
„Ist das wirklich so? Soll ich wirklich hier für Kinder sorgen, auch wenn die Weibchen nicht meine Partnerinnen sind?“ –
„Ja, so ist es.“ Antwortet diesmal Tras. Sie wirkt deutlich entspannter jetzt.
„Und ich kann das jetzt auch mit ruhigem Gewissen abwarten. Wenn Du sogar Tri ablehnst die praktisch ebenso gut zu Dir passt, wie meine Tochter.“ –
Noch während ich darüber nachdenke stürmt Tali, ganz offensichtlich zornig, herein, breitet ihre Schwingen halb aus und faucht ihre Eltern und auch Tri wütend an.
„Seid ihr verrückt geworden? Was macht ihr mit ihm? Vergesst ihr, dass er erst seit einigen Tagen überhaupt weiß, dass er ein Drache ist? Ich weiß nicht viel über Menschen, aber Ti hat mir einiges erklärt während wir Tan gesucht haben. Sie denken anders über Partnerschaften als wir…“ –
Ihr Vater blickt sichtlich betroffen und nickt leicht – aber Tras zuckt nur mit den Schultern.
„Was hast Du? – Wir wollten ihn doch nur ein wenig prüfen, man hört ja vieles über die Menschen. Aber er scheint ein Dir treues Männchen zu sein.“ –
Oha… jetzt wirkt meine weiße Drachin aber richtig wütend…
„Prüfen? – Er hätte sich gegen Dich gestellt, um unsere Partnerschaft auch gegen Dich zu verteidigen… Und Du prüfst ihn?“
Sie wirbelt herum und blitzt Tri zornig an.
„Und Du machst da mit?“ –
T'Rrih'An blickt schuldbewusst zu Boden.
„Verzeih… ja, Deine Mutter hat mich überredet… Und ich habe ja wirklich Interesse an Tan…“ –
„Rrraaah….“ Ein zorniges Grollen dringt aus Talis Kehle.
„Noch ein Mal… irgendein Zweifel gegen Tan… - und ich gehe mit ihm in seine Menschenwelt und lebe dort mit ihm – irgendwo in den Wäldern, wo ihr uns nie findet. – Ihr habt sie doch nicht mehr alle…“ –
Oha… meine Tali scheint wirklich wütend zu sein. Ihr Vater nickt einfach nur bestätigend, ihre Mutter dagegen wirkt jetzt richtig schuldbewusst – ich hätte jetzt einen massiven Streit erwartet, aber auch sie nickt mit gesenktem Kopf, steht auf und kommt zu mir. Sie hockt sich vor meinem Lager nieder und blickt mir jetzt sehr offen in die Augen.
„Tan… bitte verzeih mir. Das… das ist nicht üblich bei uns, dass wir einen Partner so auf Treue prüfen… Aber… nun ja, ich hätte auf meinen Partner hören sollen. Er sagte mir, dass Du Tali treu sein wirst, aber ich wollte etwas Anderes glauben. Daran, dass Du Dich sofort auf andere Weibchen stürzen würdest, wenn sich die Gelegenheit ergibt… - und Tri hat sich wirklich Mühe gegeben…“ –
Ich grinse etwas schief.
„Ja… das hat sie. Hätte ich Tali nicht zuerst getroffen, sondern Tri…“ –
„Dann hättest Du Dich so an Tri gebunden, wie jetzt an meine Tochter… ich verstehe. – Nun, Du hast Dich sogar mehr gewehrt, als ich von einem Drachen erwartet habe. Verzeih mir meine schlechte Meinung über die Treue von Menschen bitte.“
Dann steht sie auf und dreht sich zu ihrer Tochter. Jetzt klingt ihre Stimme aber wieder selbstbewusster.
„Auch Dich bitte ich um Verzeihung. Ich hätte ihm mehr vertrauen sollen. – Aber wenn Du noch einmal in diesem Ton zu mir sprichst, haben wir ein Problem miteinander, meine Tochter…“ –
Ich bemerke, dass Tali innerlich kocht – oh nein, bitte nicht wegen mir jetzt einen Familienstreit… - aber Tali hält sich mühsam im Zaum und blickt zu Boden.
„Ja. Ich verstehe. – Und was willst Du machen? Du weißt, dass ich stärker bin… und das notfalls auch einsetzen würde… - uns aus der Höhle werfen, die Vater mir – uns zugewiesen hat?“ –
T'Rasszia lässt ein dumpfes Knurren hören, dass irgendwie drohend klingt.
„Ja, das wäre eine Möglichkeit.“ –
Meine T'Álirrah duckt sich leicht angriffsbereit und faucht gefährlich leise.
„Versuchs… - vergiss nicht, dass Tan an meiner Seite stehen wird… er ist kein Männchen wie die anderen.“ –
Jetzt bin ich wohl gefragt. Ich schiebe sanft aber bestimmt die Hände von Tri beiseite, gleite mit einer fließenden Bewegung von der Liege und stelle mich noch vor Tali auf. Noch ruhig, aber anscheinend doch deutlich genug bereit, mich in den Kampf zu werfen blicke ich ihre Mutter an. – Ich hätte jetzt alles erwartet, aber dass sie sich lächelnd entspannt und mir direkt anerkennend zunickt… das nicht.
Dann spüre ich wie Tali mich zärtlich umarmt.
„Danke mein Drache. Du hast uns gerade beweisen, dass Du wirklich bereit bist, mich zu verteidigen. Das ist so mutig aber auch verrückt von Dir.“
Sie umarmt mich von hinten und lehnt ihren Kopf gegen meinen Hals.
„Kannst Du mir diesen dummen Streit verzeihen? – Ich hätte nicht so heftig reagieren sollen… nicht gegenüber meiner Mutter… –
„… denn ich bin ja eigentlich doch nur ein Mensch…“ –
Sie drängt sich eng an mich.
„Nein…“ sie seufzt. „…doch, auch. Wie soll ich es erklären… Du bist ein Drache. Mehr als viele andere, aber Du denkst und handelst noch anders. Du hast den Mut einer Drachin, die verrückte Unlogik eines Menschen – Du bist ein Drache, wie viele Weibchen es sich wünschen würden. Unsere Männchen sind oft viel zu zurückhaltend und wohl von uns Weibchen verschüchtert.“ –
Von ihrer Mutter oder von Tri ist das wohl zu erwarten gewesen, dass sie mich prüfen - aber dass Tali mich auch irgendwie als fremd empfindet … Verzweifelt blicke ich Trrá'Yrrh an, der leicht mit den Schultern zuckt.
„Sie hat nicht ganz unrecht damit, dass Du so anders bist als wir. Ich hätte es wohl nicht gewagt, mich zwei sich anfauchenden Weibchen in den Weg zu stellen, wie Du eben. – Vielleicht weißt Du nur nicht, wie Weibchen kämpfen, vielleicht ist es der Mut des Menschenmännchens – aber Du bist auch kräftig genug und riechst so sehr nach Kampfbereitschaft, dass Du jedes Weibchen damit beeindruckst. Männchen ohnehin – wir sind nicht sehr kampflustig, auch wenn wir das können und einige das in jungen Jahren auch üben.“ –
Ich schüttele leicht den Kopf und versuche meine Enttäuschung zu verbergen.
„Na gut. Dann ist es so – habt ihr noch weitere Prüfungen oder Spielchen mit dem Drachenmenschen vor? Dann los, sonst ziehe ich mich zurück und suche mir eine einsame Höhle oder gehe gleich jetzt nach drüben um dort den Job zu tun, den ich für euch tun soll und bleibe bei meinem Menschenweibchen…“ –
Tali fiepst leise und klammert sich noch enger an mich.
„Ich habe Dich verärgert… bitte verzeih mir und bleibe.“ –
„Damit Du weiter mit dem Drachenmenschen spielen kannst?“ seufze ich, meine Verzweiflung nicht länger verbergend.
Sofort lässt Tali mich etwas los, wirbelt um mich herum und schmiegt sich dann Brust an Brust an mich, sie umfasst meinen Kopf und zieht mich herunter, meine Nüstern in ihren Nacken, was mir ihren Geruch praktisch in die Lungen treibt. Und das was ich da in ihrem Duft wahrnehme, ist nicht nur Lust… das muss… nein, irgendetwas sagt mir, es ist Liebe, was ich da rieche. Und dieser Geruch ist so stark, so mitreißend, dass meine ohnehin nur halbherzigen Zweifel an unserer Partnerschaft sofort weggespült werden. – Ich umarme sie und beginne leise zu schnurren, was sie sofort ebenso beantwortet.
„Nein, damit ich meinen Drachen lieben kann.“ –
Oh verdammt… ich will sie jetzt spüren… richtig spüren… ich muss. Natürlich ist mir klar, dass ihr Duft mich manipuliert, aber das ist mir jetzt egal.
„T'Rrih'An… ich bin bereit.“ –
Tri steht schon neben mir und legt mir eine Hand auf den Rücken, die andere auf den Kopf zwischen meinen Hörnern.
„Ja… jetzt bist Du bereit T'Áan'Aáh. – Aber ich kann es nicht hier machen, ich brauche Kontakt zur Natur, zum Leben – hier in der Siedlung sind zu viele fremde Einflüsse. Ich habe schon überlegt, für Dich wird der Kraftpunkt unten am Meer am besten geeignet sein, er ist sehr stark. – Und wenn wir Glück haben, hilft Rah'An uns, dann würde es sehr viel leichter für Dich werden.“ –
Ich genieße dieses sanfte Gefühl einer seltsamen Kraft, die ihren Händen entströmt und stehe ruhig mit geschlossenen Augen da, immer noch von Tali umklammert.
„Wer ist Rah'An? Der Name klingt nach einem Heiler.“ –
„Richtig. Ein Meeresdrache. Sie haben nur selten Kontakt zu uns, leben überwiegend ein eigenes Leben. Aber Rah'An ist ein Freund, der ein starkes Interesse an uns anderen Drachen hat.“ –
„Gut, lass uns losfliegen. Ich will Tali endlich richtig spüren können als Drache. Ich will auch nicht mehr dieser komische Drache sein, der sich immer noch als Mensch fühlt…“ –
Tali lässt mich los, greift meine Hand und zieht mich Richtung Eingangshalle.
„Dann warten wir keinen Moment länger als nötig.“ –
Ich lass mich mitziehen, T'Rrih'An geht lächelnd hinter uns her. Und auch Talis Eltern folgen uns. – In der Eingangshalle nickt Tali mir zu und wir beide wandeln uns in unsere große Form. Tri macht natürlich mit, aber etwas verwundert bemerke ich, dass auch T'Rasszia und Trrá'Yrrh zum Feral werden.
Tali blickt mich aufmunternd an und ich gehe ihr hinterher nach draußen, um ihr direkt in die Luft zu folgen. Sie winkt mir, mit ihr noch eine Warteschleife zu fliegen, damit die anderen nachkommen können, denn tatsächlich folgen ihre Eltern uns auch jetzt. – Es scheint so, dass die Aktion so eine Art Familienevent wird.
Wir schließen nach unserer Kurve zu den anderen auf und fliegen jetzt in einem – mir schon fast unbehaglich – engen Verband mit T'Rrih'An an der Spitze das Tal hinunter. Dabei bemerke ich, dass wir von allen Drachen, denen wir begegnen, respektvoll durch das Senken des Kopfes gegrüßt werden, sicherlich aus Respekt gegenüber Trrá'Yrrh und vermutlich besonders gegenüber T'Rrih'An, die als Heilerin ja einen besonderen Status zu haben scheint. Aber alle beobachten uns auch neugierig. Denn mit Sicherheit wissen inzwischen alle davon, dass ein neuer Drache aufgetaucht ist und T'Álirrah mich zum Partner gewählt hat.
Auch weiter das Tal hinunter, wo jetzt keine Drachen mehr zu sehen sind, behalten sie die enge Formation bei. Ich habe mich zwar schon ein wenig daran gewöhnt und fliege schon entspannter zwischen ihnen, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob das einfach normal für eine Familie hier ist, oder ob sie mich schon wieder prüfen wollen, wie ich mich dabei verhalte. Allerdings sind die Blicke, die Tali – aber auch ihre Mutter mir immer wieder zuwerfen nicht prüfend, sondern zeigen ehe eine Art zufriedener Normalität. Ich passe anscheinend in ihren Verband, in die Familie…
Vor uns taucht im leichten Dunst das Meer auf. Noch zwei Minuten geradeaus, dann schwenkt Tri vor uns nach rechts, in Richtung der Klippe in der die Wohnstätte liegt, die Tali mit mir beziehen will. Schließlich geht sie in den Landeanflug in der Bucht, in der nur ein kurzes Stück weiter, schon in Sichtweite, unser Nest liegt.
Auf einen Wink von Tali setze ich als nächster zur Landung an… ist es weil es um mich geht, oder wollen sie nur sehen, wie ich das Fliegen beherrsche…? – Verd… ich muss diese Zweifel wieder aus dem Kopf bekommen – aber das ist nicht so einfach nach dem, was vorhin alles passiert ist. Egal, ich konzentriere mich auf die Landung. Abtauchen, über dem Boden abfangen und dicht über dem Sand noch ein Stück weiter auf Tri zugleiten… Die Schwingenfinger nach unten… abbremsen, fast stehe ich schon, schnell die Beine runter, ich berühre mit Händen und Füßen den Sand, zwei Schritte, Schwingen zusammenfalten und ich stehe vor T'Rrih'An, die mich lächelnd ansieht.
„So leise und sanft landen nur wenige. Du wirst bald ein hervorragender Flieger sein, Tan. Eigentlich schade…“ sie seufzt leise. –
„Was? Was ist schade?“ –
„Du wärst ein wunderbarer Heiler, so souverän und sanft. Leider spüre ich diese Kraft nicht in Dir.“ –
„Spürst Du denn eine Kraft in mir?“ –
Sie nickt.
„Ja. Eine starke Kraft. Sehr stark – und mächtig. Aber auch, dass Du diese Kraft beherrschen wirst. Sonst hättest Du bereits Zerstörung und Tod gebracht. Dein Zorn war tief genug, dass ich ihn immer noch spüren kann, obwohl er bereits verflogen ist. Trotzdem hast Du diese Kraft nicht eingesetzt, ein gutes Zeichen.“ –
„Ich weiß nicht…“ antworte ich seufzend.
„Gespürt von so einer Kraft in mir habe ich nichts. Wer weiß, was ich gemacht hätte, wäre sie mir bewusst gewesen.“ –
„Nichts.“ Sie lächelt.
„Denn würdest nicht Du die Kraft kontrollieren, sondern sie Dich, wäre sie dann auch ausgebrochen. – Ich habe Trrá'Yrrh schon davon in Kenntnis gesetzt, dass Du Deine Kraft beherrschen wirst. Verzeih mir bitte, dass ich Dir das nicht schon gesagt hatte.“ –
„Schon gut.“ Ich blicke mich um zu den jetzt auch mit etwas Abstand landenden drei Drachen meiner neuen Familie.
„Es geschah ja auch alles sehr schnell. – Aber… bin ich so, wie der T'Ánh'Aáh aus eurer Geschichte?“ –
„Du kennst die Sage noch nicht?“
Ich schüttele den Kopf und Tri nickt.
„Ach so, ich dachte, man hätte sie Dir drüben schon erzählt. – Nun kurz gesagt: T'Ánh'Aáh war ein friedlicher, freundlicher Drache. Allerdings konnte er eine gewaltige Macht erwecken und einsetzen. – Wir Drachen haben alle die Fähigkeit des Feueratems. Und alle haben auch Kontakt zur Lebenskraft. Die meisten können die Lebenskraft auch ein wenig einsetzen um damit ihre Umgebung etwas zu beeinflussen. Einen Wind rufen, Wasser hervorquellen lassen, Pflanzen wachsen lassen, gefährliche Tiere friedlich werden lassen… sowas alles – natürlich auch jeweils das Gegenteil davon.“
Sie deutet mit einer kurzen Kopfbewegung zu den anderen.
„Einige von uns haben die Fähigkeit, die Lebenskraft weitergehend und stärker einzusetzen. Sie können Wüsten grün werden lassen, heiße Gegenden zu Eis gefrieren lassen, Stürme bezwingen oder entfachen. Also eigentlich die gleichen Fähigkeiten nur sehr viel stärker. Tali beispielsweise beherrscht das Eis. Genau genommen die Temperatur in einem weiten Umkreis. Sie kann diesen Ort in sengender Hitze verdorren lassen, oder unter einem Eispanzer begraben – aber auch unwirtliche Orte zu einem angenehmen Platz werden lassen. Das sind dann die Edlen unter uns.“ –
Ich nicke nachdenklich.
„Verstehe. Und die Heiler mit ihrer besonderen Fähigkeit gehören natürlich auch zu den Edlen.“ –
Tri grinst verschmitzt.
„Ja, richtig. Die meisten achten uns aber deutlich höher, als die anderen Edlen. Und im Rat sind ja auch nicht nur Edle, die Berufung erfolgt nach der persönlichen Eignung, nicht nach der zufälligen Intensität, in der sie die Lebenskraft, einsetzen können.“ –
„Ja, ich verstehe. Aber…“ –
„Es gibt nur sehr selten Drachen, die neben dem Feueratem, das Feuer allgemein beeinflussen können. Und man kennt keine Edlen unter ihnen. - Nur T'Ánh'Aáh hatte die Kraft, Feuer aus dem Himmel fallen zu lassen, wie die Sage über ihn behauptet und galt auch als Edler. Man glaubt nach den Beschreibungen allerdings heute, dass es eigentlich eher die Beeinflussung des Vulkanismus war, die er beherrschte. Lavafontänen und Glutwolken können allerdings ja so ähnlich erscheinen als würde Feuer vom Himmel herabfallen. – Eigentlich noch nichts Gefährliches, wenn man diese Kraft unter Kontrolle hat. Allerdings war es so, dass er leider mit der Zeit von der Kraft in ihm beherrscht wurde und diese daher unkontrolliert eingesetzt hatte. Er wurde darum von einer Gruppe Edler überwältigt und mehrere Heiler haben seinen Zugang zur Lebenskraft blockiert. Er wurde anschließend auf eine kleine Insel verbannt, die er den Rest seines Lebens nicht mehr verlassen durfte.“ –
„Hmmm… was ist dann mit ihm passiert?“ –
„Das sagt die Sage nicht, aber es gibt verschiedenen uralte Aufzeichnungen, aus denen wir schließen, dass er eigentlich selbst begriffen hat, sich freiwillig stellte und der Blockade unterzog - und noch ein friedliches, angenehmes Leben auf einer gar nicht so kleinen Insel verbrachte auf die er sich dann zurückzog.“ –
Ich blicke aufs Meer hinaus, wo ich etwas zu sehen glaube.
„Und wie würden die heutigen Drachen reagieren?“ –
„Keine Sorge, auch Du würdest ein ruhiges Leben führen dürfen. Siehst Du etwas?“ –
„Ja… da ist etwas… oder jemand…“ –
Tri schaut auch in die Richtung, die ich ihr zeige.
„Oh ja. Hast Du ihn gespürt?“ –
Ich mache eine Geste, die meine Unsicherheit ausdrückt.
„Vielleicht, irgendetwas hat mich dorthin blicken lassen.“ –
„Du hast ein feines Gespür“ sagt Tri mit einem anerkennenden Blick zu mir.
„Ich habe nicht bemerkt, dass Rah'An schon so nahe ist, dabei spüren wir Heiler uns auf große Entfernungen. – Er ist also neugierig geworden, sonst hätte er sich nicht so deutlich gezeigt. Wollen wir ein wenig schwimmen gehen?“ –
„Schwimmen? Gehört das zur Heilung?“ –
„Nein…“ antwortet sie mir lachend.
„…jedenfalls nicht direkt. Aber wenn er mitmacht, wird es sehr viel einfacher – und angenehmer für Dich. Er ist ein sehr starker Heiler, aber wie alle Meeresdrachen sehr zurückhaltend gegenüber uns. Nur ist er immer neugierig, was wir so machen. Und am besten bekommen wir Kontakt zu ihm, wenn wir zu ihm ins Wasser gehen. – Wir Drachen mögen zwar durchaus Wasser und baden gerne – aber wir meiden das Meer, denn wir schwimmen nicht sehr gut. – Wobei wir es schon können würden, aber wir lernen es nicht und geraten schnell in Panik.“ –
Ich schaue sie zweifelnd an.
„Drachen können nicht schwimmen? Und Panik? Schwer zu glauben – Und Du?“ –
„Ja. Ich weiß nicht warum, aber wir haben eine eigenartige Furcht vor tiefem Wasser. – Sobald wir Drachen den Bodenkontakt verlieren, geraten wir in Panik und gehen dann einfach unter… - Ja, ich weiß, wir fliegen und auch da haben wir keinen Boden unter den Füßen… ich weiß es wirklich nicht, warum das im Wasser so anders ist. – Ich habe gelernt, diese Furcht zu unterdrücken und nicht in Panik zu geraten, daher habe ich schwimmen lernen können. Wenn Du hier gelegentlich mal Landdrachen im Meer siehst, sind das immer Drrékh, die haben das als Menschen gelernt und die Angst davor verloren. Von ihnen habe ich das dann auch gelernt.“ –
„Merkwürdig.“ Ich schüttele leicht den Kopf und beobachte weiter den Punkt da draußen.
„Allerdings müssen die Menschen auch erst lernen die Angst zu überwinden und die notwendigen Bewegungen lernen – aber dann können sie schon einigermaßen schwimmen. Nun gut, dann lass uns schwimmen gehen.“ –
T'Rrih'Án schaut mich prüfend an.
„Du hast keine Furcht vor dem Meer?“ –
„Nein, ich habe als Mensch schwimmen gelernt, warum sollte ich als Drache dann Furcht haben? Ich blicke wieder hinaus und habe das Gefühl Rah'An in die Augen zu sehen.
„Außerdem… wenn es hilfreich ist.“
Ich gehe einfach los, ins Wasser. Schließlich hat Tri ja gesagt, dass Drachen eigentlich schwimmen können. Sie folgt mir, auch wenn sie irgendwie vorsichtig dabei wirkt. Aber Tali kommt hinter mir her galoppiert und bleibt im nur bauchhohen Wasser neben mir stehen.
„Tan… Du willst doch nicht da raus…“ ihr steht das Entsetzen geradezu ins Gesicht geschrieben. –
Ich grinse zuversichtlich.
„Keine Sorge, ich habe Schwimmen gelernt und werde schon nicht untergehen. Und wenn Tri meint, dass uns das helfen wird, wenn wir Rah'Ans Unterstützung gewinnen, mache ich das gerne.“ –
Sie blickt nachdenklich aufs Wasser.
„Dann komme ich mit.“ –
„Kannst Du schwimmen?“ –
„Ist doch nichts anderes als Fliegen.“ –
„Oh… Beim Tauchen ist das tatsächlich ähnlich, braucht nur viel mehr Kraft, wenn du Deine Schwingen dabei einsetzt. Aber Du sollst Deine süßen Nüstern ja auch ab und zu mal über die Wasseroberfläche strecken, damit Du Luft holen kannst. Und schwimmen ist dann schon was Anderes.“ –
„Ja… aber wenn Du…“ –
„Tali, ich habe es als Mensch gelernt – ich habe kein Problem damit, den Boden nicht mehr unter meinen Tatzen zu spüren.“
Ich strecke mich lang aus, spüre auch den Auftrieb und hebe dann meine Hände und Füße kurz so hoch, dass Finger und Zehen aus dem Wasser ragen. Dann blicke ich sie so neben ihr treibend an.
„Kannst Du das? Dann kannst Du mit rausschwimmen.“ –
„Natürlich!“
Auch sie macht sich lang, aber kaum hat sie die Hände vom Boden gehoben verliert sie die Balance und sinkt ein wenig ab, was noch völlig ungefährlich ist, aber sie sofort in Panik versetzt. Blitzschnell hat sie die Tatzen wieder auf Grund, steht wieder auf und blickt mich verlegen an.
„Tut mir leid… wohl doch nicht…“ –
Auch ich stehe wieder auf und reibe meinen Kopf an ihrem Hals.
„Macht nichts. Wir üben das in aller Ruhe, Du musst nur die Angst vor dem Untergehen verlieren und das Gleichgewicht finden. – Aber jetzt bitte ich Dich, lieber hier auf uns zu warten, ja Liebes?“ –
Ihre Augen funkeln bei meinen Worten freudig auf.
„Ja mein Drache, ich warte hier. Sei vorsichtig, die Meeresdrachen… naja, man sagt ihnen so einiges nach…“ –
„Was… dass sie Jungfrauen entführen und ertränken und kleine Nestlinge fressen?“ ich grinse breit. –
„Nein, quatsch.“ Tali schüttelt den Kopf.
„Nein, alles nur dummes Gerede. Du hast ja Recht.“
Sie züngelt mir kurz über die Nüstern.
„Bring ihn heil zurück Tri, ja?“ –
T'Rrih'An nickt grinsend und tappt jetzt langsam voraus, ich folge ihr noch ein Stück. Dann lege ich mich wieder ins Wasser und ziehe Arme und Beine an – mal sehen, mein Schwanz ist ja seitlich etwas abgeflacht und ein paar Finnen habe ich zum Steuern ja auch. Wenn ich die jetzt aufspreizen kann… ja, sieht doch gut aus. Und jetzt wie ein Krokodil in langen Zügen schlängeln… Oha… tatsächlich, ich komme überraschend gut voran, schnell habe ich Tri überholt. Die blickt mich ungläubig an.
„W…was ist das denn? Bist Du ein Meeresdrache? Woher kennst Du das?“ –
„Abgeschaut. Macht es Dir etwas aus, wenn ich vorausschwimme? – Und nur die Ruhe, wenn ich mal von der Oberfläche verschwinde, ich tauche nämlich ganz gerne.“ –
„Tauchen… Du… Ach mach was Du für richtig hältst. Aber das dürfte Rah'An dann wirklich neugierig machen. Ein tauchender Landdrache… Du bist verrückt…“ –
Sie legt sich jetzt auch ins Wasser und beginnt mit einer Art Hundepaddeln. Damit kommt sie zwar auch ganz gut voran, braucht aber deutlich mehr Kraft als ich. Grinsend beginne ich wieder mit meinem Krokodilstil und schlängele mich durch die – zum Glück recht kleinen – Wellen. Je länger ich das mache, desto fließender werden meine Bewegungen und umso schneller werde ich dabei. Obwohl ich mich nicht anstrenge habe ich bald einige Körperlängen Vorsprung vor Tri.
Ich blicke mich kurz um.
„Ich tauche mal ab. Bin gleich wieder oben.“ –
Ein paar Mal schnell durchatmen, dann halb einatmen, Luft anhalten und Kopf unter Wasser. Instinktiv schließe ich dabei meine Nickhäute – und kann so scharf sehen, wie über Wasser. Schon mal gut. Anscheinend verschließen sich auch meine Atemöffnungen, ohne dass ich das bewusst machen muss. – Jetzt ein wenig mehr Kraft einsetzen um meinen Auftrieb zu überwinden und schon geht es sanft abwärts, dem hier auch sandigen Grund entgegen. – Gut, das ist also auch kein Problem.
Ich strebe wieder zur Oberfläche und schaue kurz nach Tri, die offensichtlich erleichtert ist, mich heil wieder zu sehen. Wieder atme ich ein paar Mal schnell durch, nicke ihr zu und tauche wieder ab. Wollen doch mal sehen, ob so ein Meeresdrache nicht neugierig auf einen so merkwürdigen Landdrachen ist, der in seinem Reich umher taucht. – Ich nehme Kurs auf einige dunkle Schatten, die sich als Felsengrund herausstellen, hier wird es auch schnell bunter, Fische in allen möglichen Farben und Formen schwirren hier herum. – Kurz wieder auftauchen und durchatmen – auch damit Tri weiß, dass es mir gut geht, dann wieder runter.
Eine wirklich interessante Gegend hier. Die Fische sind auf den ersten Blick gar nicht so anders als die auf der Erde, aber bei näheren Hinsehen sind doch deutliche Unterschiede zu bemerken. Die meisten haben mehr als zwei Augen, auch scheint mir die Flossenanzahl doppelt so hoch zu sein, wie bei den mir bekannten. Sieht so aus, als wären hier 8-beinige Tiere das Ziel der Evolution. Und mir fällt auf, dass es hier unter Wasser sehr viel heller, das Licht aber auch blauer ist. Vermutlich leuchtet es hier geradezu im UV-Bereich, was ich durch meine Nickhäute aber nur sehr schwach sehe.
Dann nähert sich ein großer Schatten… Rah'An? – nein… ein Rochen… oder ein Fisch, der einem Mantarochen ähnlich sieht. Kurz entschlossen breite ich meine Schwingen aus und … oh… das ist schwer… sehr schwer… Ich nehme Kraft und Schwung raus und bewege meine Schwingen wie der Rochen langsam auf und ab, stelle dabei meine Finger entsprechend stark an – und komme damit überraschend schnell vorwärts – die Rochen jedenfalls schwimmen mir nicht weg. – Aber sauanstrengend ist das… Ich will schon auftauchen, da bemerke ich wieder einen Schatten… - schlank, langgestreckt, schnell – sehr schnell… er umkreist mich, ich lege meine Schwingen wieder an und halte mich an einem Felsen fest, beobachte den Schatten…
Dann schießt der Schatten auf mich zu, jagt an mir vorbei – erleichtert erkenne ich, dass es ein Drache ist. Zwar sieht er schon ein wenig anders aus als wir, aber eindeutig ein Drache. Ob das Rah'An ist? Er nähert sich jetzt langsamer, beobachtet mich, wie ich ihn beobachte. Ja, ein Drache, aber deutlich schlanker und langgestreckter als selbst wir Flieger. Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen und die großen Finnen, die wie Flossen wirken zeigen deutlich die Anpassung an das Wasser als seine natürliche Umgebung. Auch er hat Schwingen, die er aber nicht so zusammenfaltet, wie wir. Er trägt sie langgestreckt und eng am Körper anliegend. Alles gemeinsam sehr stromlinienförmig.
Schließlich stoppt er nur wenige Meter vor mir, treibt im Wasser, dann sieht er mir direkt in die Augen und zeigt dann nach oben. Ich nicke und gemeinsam steigen wir zur Oberfläche auf. Aufmerksam betrachtet er meinen schlängelnden Schwimmstil und mir scheint fast, als ob er mir zunickt. Gemeinsam durchstoßen wie die Oberfläche und der graublaue Drache nickt mir jetzt freundlich zu.
„Ein Landdrache, der so sicher taucht… Du musst einer dieser Drachen sein, die in der anderen Welt aufgewachsen sind.“ –
Auch ich nicke, ihn so grüßend.
„Richtig. Dennoch bezeichnen mich die Edlen dieser Welt als Drrá'Kin, auch wenn mir noch etwas fehlt, um … wie soll ich sagen… um vollständig zu sein.“ –
„Oh, dann bist Du also T'Ánh'Aáh von dem T'Rrih'Án heute Morgen sprach. Verzeih, ich bin Rah'An, Heiler der Meeresdrachen entlang der Küste hier.“ –
„Ich freue mich, Dich kennen zu lernen. Man sagte mir, ihr Drachen des Meeres haltet euch fern von uns landlebenden?“ –
Grinsend wiegt er den Kopf.
„Na, sagen wir mal: unsere Lebensräume sind zu verschieden. Ihr fürchtet das Meer und wir gehen nicht gerne an Land. Und sogar in der Luft trennen sich unsere Wege – wir fliegen dicht über den Wellen, ihr haltet weiten Abstand. – Hmm… Du bist ein Flieger?“ –
„Nun, Tali sagt, ich sei einer, ja.“ –
„Hmm… ich habe T'Álirrah schon gesehen… - und bemerkt, dass sie sich sehr um Deine Nähe bemüht - darf ich fragen…?“ –
„Du kennst Sie?“ ich lege meinen Kopf schief, offensichtlich ist sie auch bei den Meeresdrachen bekannt.
„Und… um Deine Frage zu beantworten, Sie hat mich zu ihrem Partner gewählt.“ –
Kurz senkt Rah'An seinen Blick, dann lächelt er mich an.
„Ich beglückwünsche Dich. Ein sehr begehrenswertes Weibchen hat sich für Dich entschieden. Würden wir nicht so unterschiedlich leben, wer weiß… - lass uns zum Ufer schwimmen. Ich würde mich zwar gerne hier, oder auch da unten mit Dir unterhalten, aber Tri ist es sicher lieber, wenn sie ihre Krallen wieder in den trockenen Sand bohren kann – und Tali möchte Dich bestimmt wieder in ihrer Nähe haben. – Mir macht es nicht so viel aus, mal eine Zeitlang an Land zu sein.“ –
Ich nicke und wir beide schwimmen in Richtung Tri, die deutlich sichtbar aufatmet und sofort wieder Kurs Richtung Ufer nimmt.
„Sehr offensichtlich unterscheiden sich die Lebensweisen der Land- und der Meeresdrachen… - Tali hat dort oben in den Klippen eine kleine Wohnung für uns erhalten, wo wir sicher oft sein werden. Vielleicht kann ich so ja auch mal ein paar von euch kennen lernen.“ –
Rah'An blickt mich grinsend an.
„Ah, so dicht am Meer? – Aber das ist gut, ich werde euch sicher öfter mal besuchen – wenn es Dir nichts ausmacht. Und auch wenn es euch nicht so scheint, haben viele von uns Interesse, mal Landdrachen kennen zu lernen. – Hallo Tri.“
Wir haben sie eingeholt.
„Hallo Ran… entschuldige, das Wasser ist mir heute zu unruhig…“ –
Er nickt ihr beruhigend zu.
„Keine Sorge, Dir kann nichts passieren. Dein Freund schwimmt sicher, ich kann mich notfalls ganz um Dich kümmern. Aber gleich hast Du wieder Grund unter den Füßen. – Bleib ganz ruhig, ruhig weiter paddeln, gleich sind wir da.“ –
Rah'An hat sehr deutlich die aufsteigende Panik von Tri erkannt und seine ruhige Nähe lässt sie wieder ruhiger werden. Mit neuem Mut paddelt sie in Richtung Ufer und nur wenig später spürt sie auch wieder Grund. Erleichtert atmet sie auf, watet zum Ufer, und blickt mich dann verlegen an.
„Verzeih… jetzt im Vergleich zu Dir merke ich, wie schnell mich immer noch diese Furcht überfällt, weil ich nicht so sicher schwimme…“ –
Ich gehe zu ihr und reibe sanft meinen Hals an ihrem.
„Mach Dir darüber keine Gedanken, wenn Du uns besuchen kommst, können wir gerne ein wenig schwimmen gehen, dann wirst Du mit der Zeit auch sicherer.“ –
Sie wirft mir einen Blick zu, den ich irgendwie als sehr zweifelnd, gleichzeitig aber auch freundlich liebevoll interpretiere.
„Ich hoffe nur, Du willst mich hinterher überhaupt noch sehen…“ –
„Warum nicht?“ –
„Weil ich Dir etwas nehme, das Dir sehr viel bedeutet.“ –
„Ja, schon…“ nicke ich.
„Aber dafür wirst Du mir auch etwas Anderes geben, das mir jetzt sehr wichtig geworden ist. Ich könnte nie wirklich bei euch leben… nie mit Tali zusammenleben, wenn ich nicht ein richtiger Drache werde.“ –
Tri schmiegt sich sanft an mich und ich kann regelrecht ihre Zuneigung zu mir riechen – Und doch bin ich meiner weißen Drachin treu, ihr hoffnungslos verfallen… und weiß, dass auch Tri das genau weiß.
Rah'An, der zwischenzeitlich Tali und ihre Eltern kurz begrüßt hat, wartet den Moment ab, ehe er sich räuspert.
„Entschuldigt, aber ich glaube, es hat einen Grund, dass Du mich hierhergebeten hast, Tri? – Ich vermute, es geht um unseren jungen Freund hier, oder?“
„Ja…“ nickt Tri. „T'Ánh'Aáh ist leider nicht vollkommen mit seinem Körper verbunden – seine Seele bindet sich immer noch an die menschliche Form. – Und er möchte das ändern, auch um den Preis…“ –
Rah'An schaut mich ernst an.
„Du bist bereit, vollkommen ein Drache zu werden…? Ohne den Weg zurück – niemals wieder?“ –
Ich blicke aufs Meer hinaus, überlege kurz… - soll ich? Das klang von ihm jetzt so absolut… so endgültig… Drache oder Mensch, beides ist mir nicht erlaubt. Dann schaue ich mich um, sehe die drei da stehen… nein vier… Tali, ihre Eltern und auch Tri – alle schauen mich gespannt aber auch freundlich an… nein, liebevoll… sie wollen mich alle in ihrer Mitte haben. Auch wenn ich das nicht wirklich verstehe warum mich, einen Menschen, es lässt mich meinen Entschluss leichter fassen. – Und es gibt ohnehin nicht mehr viele Menschen, an denen ich mich wirklich gebunden fühle. Die Liebe aber, die mir meine Drachin dagegen entgegenbringt…
„Ja. Ich bin bereit.“
Das erleichtert freudige Leuchten in den Augen der anderen verwirrt mich ein wenig.
„Was… - ist das eine Art Sport? Eine erfolgreiche Jagd? Habt ihr eure Beute erlegt?“ –
Tali kommt zur mir und reibt ihre Halsschuppen an meinen.
„Ja, für mich ist es so etwas. Ich war zwar nicht auf der Jagd, aber Drachen verlieben sich nun mal sehr schnell… und ich habe Dich erfolgreich für mich eingefangen.“ Sie grinst. „Genauer gesagt, Du mich... und das ohne es zu wollen.“ –
„Entschuldigt…“ wirft Rah'An grinsend ein. „Lasst uns bitte anfangen, ich spüre, dass die Energie gerade stärker wird hier – Der Lebensstrom ist auf Deiner Seite Tan, das wird es einfacher machen. – Würdest Du bitte Deine kleine Form annehmen, wir müssen unsere Energie ganz auf Dich konzentrieren und dann die Lebenskraft auf Dich bündeln. Das geht naturgemäß besser, wenn Du als Anthro zwischen uns stehst.“ –
Tali schaut die beiden besorgt an, was mich etwas unsicher macht, aber Tri züngelt beruhigend über meine Nüstern. – Ich hole tief Luft und leite die Wandlung zum Anthro ein… wenig später schaue ich zu den beiden Heilern hoch und warte, was geschehen wird.
Tali ist nur einen Schritt zurückgewichen und lässt mich nicht aus den Augen. Ihr freundlicher Ausdruck ist einer Anspannung gewichen und der fast schon grimmige Blick, mit dem sie die beiden immer wieder mustert, lässt nichts Gutes ahnen, falls hier irgendetwas schiefgehen sollte.
Rah'An legt vorsichtig seine Hand um mich und ich spüre ein eigenartiges, aber nicht unangenehmes Kribbeln im ganzen Körper. Ähnlich dem gestern Abend bei Tri, nur viel intensiver – offensichtlich ist sind die Fähigkeiten von Rah'An stärker als die von T'Rrih'Án, was erklärt, warum sie ihn offensichtlich um Unterstützung gebeten hat.
Er nimmt seine Hand wieder weg, blickt kurz Tri an und nickt dann offensichtlich zufrieden.
„Ja, es ist möglich, sogar recht einfach. Aber… die Quelle ist sehr kräftig heute – vielleicht können wir noch etwas mehr machen.“ –
„Was heißt das?“ will ich wissen. –
„Verzeih… ich will Dir keine falschen Hoffnungen machen – Du wirst kein Mensch bleiben können, das ändert sich nicht. Aber Du hast bereits eine enge Bindung zur Lebenskraft, möglicherweise können wir Dir diese Bindung bewusst machen und sogar noch verstärken.“ –
Ich spüre die Blicke aller auf mir ruhen. Tali wandelt sich spontan auch zur Anthro, kommt zu mir und umarmt mich mit allen vier Armen.
„Das ist ja wunderbar Tan… Wir Drachen haben ja einen Zugang zur Kraft – auch Du, obwohl es Dir noch nicht bewusst ist. Und wenn dieser Zugang bei Dir stärker, intensiver ist… - viele von uns würden sich das wünschen…“ –
Ich schaue sie verwirrt an.
„Äh, ja… was… verzeiht, ihr wisst offensichtlich alle, wovon die Rede ist… ich begreife leider nichts davon.“ –
„Ja verzeih. Einige wenige von uns Drrá'Kin haben eine enge Bindung zur Kraft, wir spüren sie immer und an jedem Ort. Die meisten davon sind Heiler, aber ein paar haben auch andere, oft ungewöhnliche Fähigkeiten dadurch.“ –
„Ungewöhnlich?“ –
Rah'An nickt zögernd.
„Ja… Ungewöhnlich… für Dich vermutlich nicht mal, aber für uns Drachen eben. Und ich würde gerne wissen, was in Dir steckt.“ –
Ich frage mich wirklich, was das jetzt heißen soll. Da soll ich auf einmal eine Fähigkeit bekommen, die ‚ungewöhnlich' ist. Und ein Heiler hofft offensichtlich darauf, dabei etwas Neues zu entdecken…
Als ich hochblicke, schaue ich direkt in die Augen von Rah'An, der mich aufmerksam beobachtet.
„Willst Du meine Entwicklung in einer medizinischen Abhandlung dokumentieren…?“ beginne ich leicht genervt, aber er legt mir beruhigend seine Hand auf meine Brustschuppen – wobei wohl nur ein Drache es als beruhigende Geste auffassen kann, wenn ein Feraldrache seine Tatze auf Dich legt und somit auf den Boden presst. –
„Nein. Obwohl es schon interessant ist für uns Heiler, wenn sich solche, bei uns sehr seltenen Fähigkeiten entwickeln. Aber das ist nicht mal das eigentlich faszinierende bei dieser engen Bindung zur Lebenskraft. Wir Verbundenen, wie wir uns selber nennen, spüren die Lebenskraft immer in uns, wir haben so eine Art Kontakt zu einander darüber, manche spüren auch jeden anderen Drachen selbst über größere Entfernung. Wir erhalten Wissen auf diesem Weg, wenn wir dieses brauchen und es verfügbar ist. – Verzeih, leider müssen wir uns dafür beeilen, denn jetzt wächst gerade noch die Energie der Kraftquelle, die wir dafür benötigen – aber das ist nicht mehr lange, dann versiegt diese besondere Energie wieder und ich werde Dich dann nur noch zu einem normalen Drachen machen können. – Wobei, so normal sind Deine Kräfte ja jetzt schon nicht…“ –
Grinsend hebt er seine Hand wieder und zeigt auf mich, während die anderen mich doch recht verwundert anschauen. Auch ich blicke an mir herab und bemerke, dass meine Schuppen die Farbe des Sandes angenommen haben – wohl eine instinktive Schutzreaktion, als er Seine Hand auf mich gelegt hat.
Tali kniet schon die ganze Zeit neben mir im Sand und streicht sanft über meine Schuppen.
„Wie… wie machst Du das?“ –
Ich zucke mit den Schultern.
„Das war jetzt nicht bewusst. Aber ich kann mir etwas vorstellen, wie ich aussehen will und dann ändere ich meine Farben entsprechend – oder zumindest wird es so ähnlich.“ –
Während T'Rrih'Án einen eher zufriedenen Ausdruck zeigt, ist T'Rasszia wie ihre Tochter einfach nur erstaunt. Trrá'Yrrh dagegen denkt schon weiter.
„Könnte er auch eine andere Form annehmen?“ –
Rah'An schüttelt den Kopf.
„Nein – ich ahne, woran Du denkst, aber das wäre dann doch zu viel. Dennoch, so wie es sich anfühlt, ist seine Fähigkeit die Kraft für sich einzusetzen sehr stark. Wer weiß, ob er das auf seine Tarnfähigkeit anwenden kann.“ –
„Ah, nun, warten wir ab was mit ihm geschieht…“ Tra hört mein Seufzen und erschrickt geradezu.
„Oh verzeih Tan, dass ich schon wieder überlege, Dich für unser Volk einzusetzen. – Wir haben Verbindungen zu anderen Welten neben Deiner, aber keine davon trägt eine auch nur annähernd so hochentwickelte Zivilisation. – Es ist nur, wenn wir auf so eine Welt stoßen sollten, Du weißt ja, wie die Menschen auf uns Drachen reagieren… - verzeih, ich sollte wohl nicht weiter…“ –
Er verstummt und ich seufze nochmal leise und nicke ihm dann zu.
„Ja ich verstehe. Wenn ich mich wirklich so anpassen könnte, wäre ich ein idealer Botschafter für die ersten Kontakte.“ –
„Ja. Daran habe ich eben denken müssen. Wenn ich daran denke, welchen Eindruck wir auf die Menschen gemacht haben, als wir auf sie trafen. Noch heute gelten Drachen bei vielen von ihnen als gefährliche feuerspeiende Ungeheuer. – Aber verzeih, das ist unlogisches Wunschdenken.“ –
Rah'An blickt sich um und legt mir dann vorsichtig einen Finger auf die Brust.
„Verzeih, wenn ich zur Eile dränge, aber noch steigt die Energie leicht an, sie kann aber sehr schnell wieder sinken und dann wäre es alles wirklich sinnloses Gerede gewesen. – Wie lautet Deine Entscheidung. – Ich möchte Dich nicht drängen und ohne reifliche Überlegung in etwas hineintreiben, aber ich sehe sonst die Gelegenheit für immer dahingehen.“ –
„Warum für immer?“ –
„So schnell kommt diese Gelegenheit nicht wieder. So viel Energie hat eine Kraftquelle nur sehr selten. – Und wenn Du erstmal ganz ein Drache bist, dann werde ich diese Fähigkeit sicher nicht mehr in Dir wecken können.“ –
Schon wieder eine Entscheidung… obwohl das jetzt ja recht positiv klingt.
„Es wird mich aber wieder etwas kosten…“ –
Er grinst.
„Ja schon – aber nicht das, was Du jetzt denkst. Du wirst dafür Deinem Volk dienen müssen, das ist es, was wir Verbundene dafür zu geben haben.“ –
„Das ist doch jetzt schon meine Aufgabe. Wenn ich bei euch bleiben will - egal ob jetzt etwas mit mir geschieht, oder alles so bleibt, wie es ist - dann habe ich meine Aufgabe zu erfüllen. – Ich kann jetzt schon nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren – Ich weiß, dass Josef offiziell in meinem Auftrag Job, Wohnung und alles andere in meinem alten Leben gekündigt hat – ohne das mit mir abzusprechen… – Und da ich als Mensch in meinem Alter mir nicht mehr so einfach ein neues Leben aufbauen kann und wohl kaum einen neuen Job bekommen werde, bin ich doch auf euch angewiesen…“ –
Jetzt schüttelt Trrá'Yrrh seinen Kopf.
„Nein. Wenn Du es nur deswegen machst… Sag mir, wo und wie Du leben möchtest, als Drache oder als Mensch. Wir werden dafür sorgen, dass es Dir an nichts fehlen wird. Du musst nicht für uns arbeiten. Verzeih, wir wollten Dich nicht aus Deinem Leben reißen.“ –
„Habt ihr das denn? Wart ihr für das Erwachen meiner Drachenseite verantwortlich?“ –
„Nein, wir wollten Dich eigentlich lieber ruhen lassen. Wir wussten von Dir, aber da Du nicht von alleine erwacht bist, wollten wir auch nicht eingreifen – Du weißt warum. Aber dann sprach T'Rrih'Án von einer Schwingung in der Kraft, die das Erwachen eines Schläfers ankündigte. Und wir haben sofort an Dich gedacht und Dich beobachten lassen.“ –
„Was wäre passiert, wenn ihr nicht da gewesen wärt…?“ –
Trrá'Yrrh senkt den Blick.
„Junge Drrékh ruhen nach dem ersten Erwachen oft für einige Jahre bis wir sie finden. Aber einige von ihnen, und besonders die älteren… Manche werden verrückt und beginnen Tod und Zerstörung zu verbreiten, andere ziehen sich zurück und gehen in die Wildnis – aber die meisten suchen den Tod… entweder aktiv, indem sie sich offen den Menschen stellen und töten lassen wie früher manchmal, oder sehr oft einfach, indem sie jeden Lebensmut verlieren und jede Nahrung und Wasser verweigern. Sie verhungern und verdursten einfach… Das ist bei den Jüngeren selten, passiert aber auch - Wir haben leider schon öfter in einsam gelegenen Höhlen die Überreste von Drachen finden müssen.“ –
„Ihr findet nicht alle…? Da drüben leben Drrékh, die noch nicht entdeckt wurden, aber bereits erwacht sind?“ –
Er nickt zögernd.
„Es sind zum Glück nur wenige. Vielleicht alle 20 oder 30 Sommer verlieren wir einen Erwachten – und jetzt schon seit längerem keiner mehr – aber wir brauchen dringend einen Drrá'Kin drüben. Einen, der jedes Erwachen spürt und jeden findet. - Wir vermuten noch ein paar unentdeckte, die sich auch als Drrékh mit ihrem Leben arrangiert haben. – Auch darum würden wir Dich… verzeih…“ –
Ich sehe ihn verwundert an.
„Und ich soll die finden? – Wie das denn… ich spüre ja nicht mal euch.“ –
Etwas überrascht schaue ich zu T'Rrih'Án hoch, die gerade ihre Zunge um mich schlingt.
„Warte ab mein kleiner Drache… Du wirst uns schon bald spüren – und noch viel mehr.“ –
Tali kichert… offensichtlich hat sie bezüglich des ‚spüren' gerade den gleichen Gedanken wie ich… - aber ich verdränge das schnell wieder und atme tief durch.
„Es ist doch schon längst entschieden. Ich will ganz ein Drache werden. Ich werde für euch… nein, für uns drüben arbeiten – und ich nehme die Gelegenheit wahr, die mir anscheinend gerade von der Lebenskraft angeboten wird. Wenn ich also ein … Verbundener… was auch immer sein kann und so den Drachen noch besser helfen kann – und vielleicht nebenbei auch den Menschen – dann bin ich bereit dazu.“ –
Rah'An hat es plötzlich eilig.
„Dann los, gleich ist die höchste Flut, dann wird auch die Kraftquelle am stärksten sein – schnell – dort zwischen den Felsen, da konzentriert sich alle Energie.“ –
Noch ehe ich reagieren kann fühle ich die Zähne von Tri, die sich um mich schließen, sanft halten und hochheben. Mit schnellen Schritten ist sie bei den Felsen, wo sie mich vorsichtig wieder absetzt.
„Entschuldige, aber so ging es am schnellsten. Rah'An hat Recht, wir sollten uns beeilen, denn wenn er Dich noch weitergehend in den Lebensstrom einbinden will, wird das Zeit brauchen.“ –
„In den Lebensstrom einbinden?“ –
„Ja“ nickt Rah'An, der gerade neben mich tritt und seinen Kopf zu mir herabsenkt.
„Du wirst eine Erfahrung machen, die den meisten von uns erst am Ende ihres Lebens gewährt wird. Du wirst in den unmittelbaren Kontakt zum Lebensstrom kommen. Außer uns Heilern gelingt das nur sehr wenigen – Aber wie schon gesagt, Du stehst jetzt bereits mit der Kraft in Verbindung, was ist Dir nur noch nicht bewusst ist.“ –
„Ist das normal?“ –
„Nicht so. Eine Berührung des Lebensstromes erfahren bei intensiveren Heilungen alle – aber bei Dir wird es viel intensiver, weil wir Dir etwas geben, das eine tiefe Verankerung in der Kraft erfordert. – Aber ich spüre gerade wieder, dass es so sein soll. Wir führen also nur aus, was Dir bestimmt wurde.“ –
Auch Tri nickt nur zustimmend bei den Worten. Ich zeige also zum Boden und lege mich auf das Nicken der beiden in den Sand hier zwischen den Felsen. Beide legen die Krallen ihrer linken Hand sanft auf meine Brust und ich beginne wieder dieses Kribbeln in mir zu spüren. Doppelt, intensiver, immer stärker werdend…
Plötzlich durchzuckt mich ein heftiger Schmerz… mir ist sofort klar, dass es kein körperlicher Schmerz ist, kein wirklicher, es ist ein Schmerz, der nur in mir existiert, nur in meinem Geist… und der jetzt beginnt, mich zu überfluten, zu überrollen… ich will schreien, weiß aber, dass ich still weiter da liege… mich nicht bemerkbar machen kann… - hört auf… bitte… es ist so… so…
Ich falle in eine schwarze Leere… nichts… schwarz, still, nichts zu spüren. Alleine falle… oder schwebe ich eine Ewigkeit da, oder es fühlt sich nur so an… ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines – es muss schiefgegangen sein. Ich muss tot sein. Für mich ganz alleine, bis meine Seele im Nichts verweht…
Doch dann bemerke ich ein Licht um mich. Ich bewege mich nicht darauf zu, es ist schon um mich herum, aber jetzt erst beginne ich langsam es auch zu bemerken. Es wird immer heller um mich, Wärme, das Gefühl eines sanften Windhauchs, der über meine Seele streicht. Immer mehr sehe ich ein Bild vor mir – um mich – ich scheine auf einer warmen lichtüberfluteten Sommerwiese zu stehen, um mich herum Drachen, aber auch andere Lebewesen, die sich mit irgendetwas beschäftigen, herumtollen, spielen, oder einfach nur da liegen… Dazu ein ständiges Kommen und Gehen – die Wiese ist so groß, so unendlich, dass ich außer einigen kleinen Wäldchen und Baumgruppen, die Schatten spenden, kein Ende sehen kann – und doch spüre ich deutlich, wie die Seelen diese Wiese verlassen und in einen anderen Teil wechseln und andere wieder hinzukommen… - und ich spüre die Energie, die in allem steckt. Jede Seele gibt ihren Teil dazu, auch meine… das ist also die Lebenskraft?
Ich winke den Drachen um mich herum zu, aber niemand reagiert auf mich, als ob ich nicht da wäre… - wobei… vielleicht bin ich das ja auch gar nicht. Doch mitten in diesen Gedanken sehe ich plötzlich einen uralt wirkenden Drachen vor mir, der mir freundlich zunickt.
„Ja, Du bist hier im Lebensstrom. Aber Du bist noch kein Teil von ihm – und was Du zu sehen glaubst, ist auch nur ein Abbild, das Dein Geist davon erzeugt. Die meisten Seelen, die Du hier siehst, sind keine Individuen mehr, sie sind im Lebensstrom aufgegangen und existieren jetzt als Erinnerung aller an die, die sie einmal waren.“ –
„Darf ich wissen, wer Du bist? – Offensichtlich ja eine Seele, die noch weiter hier existiert.“ –
„Natürlich. Ich bin aber keine individuelle Seele – auch ich bin nur ein Abbild Deines Geistes, damit Du ein Bild hast, dass Du verstehen kannst. Ich bin das gemeinschaftliche Bewusstsein aller Seelen im Lebensstrom. Das entspricht jedenfalls dem, was Du vielleicht am besten verstehst. – Ich bin nicht wirklich, ich spreche eigentlich auch nicht zu Dir, Du weißt einfach, was Du wissen musst, um zu verstehen, das ist alles.“ –
„Und was muss ich wissen?“ –
„Du wirst es wissen, wenn Du es brauchst. Jetzt nur, dass Du ab jetzt immer mit dem Lebensstrom verbunden sein wirst. Immer diese Energie tief in dir spüren wirst. Und sie jederzeit nutzen kannst. – Nutze sie weise, denn sie ist stark und Dir wurde ein mächtiger Zugang gewährt, der gerade in Dir erwacht. Aber Du musst jetzt wieder gehen.“ –
„Was passiert, wenn ich diese Energie nicht weise nutze, sie missbrauche?“ –
„Du würdest in den Lebensstrom eingehen, bevor Deine Zeit eigentlich gekommen wäre. – Wir werden uns wieder treffen und Du wirst wissen, was Du benötigst – geh jetzt.“ –
Schlagartig ist es wieder schwarz um mich und ich habe wieder das Gefühl im Nichts zu fallen… aber irgendwann spüre ich wieder diesen eigenartigen Schmerz, der zuerst immer stärker wird, aber bald einen Höhepunkt erreicht. Sofort merke ich, dass es jetzt weniger intensiv ist und auch immer weiter nachlässt. – Und endlich bin ich wieder in meinem Körper. Noch sehe ich nichts, aber erleichtert spüre ich meine Glieder, den Sand, in dem ich liege, ein Steinchen in meinem Rücken, der etwas drückt. Wind streicht über meine Schuppen und ich spüre die feinen Schuppen einer Drachenhand auf meiner Brust liegen.