Der Bürodämon

Story by Jack Marukay on SoFurry

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Magie und Dämonenbeschwörung im Büro eines mittelständischen Gewerbes kommen mit ihren eigenen Risiken. Adrian Zorn, Beschwörer und Bezirksleiter, lernt seinen Umgang mit dem Übernatürlichen neu einzuschätzen.


Mit der rechten, von schwarzem Fell bedeckten Pfote führt der Magier den Stab. Zentriert in der Mitte seines Kreises stehend, die Füße von rostig roter Lunte umschlungen, beschreibt er mit ihm eine Reihe komplexer Formen und Symbole in der Luft vor ihm. Seine Bewegungen sind anmutig und doch erfüllt von kühler Präzision. Hier, umgeben von seinen Foki, geschieht mehr als das bloße Auge erkennen vermag.

Bedenken zeichnen tiefe Falten in seine Stirn. Zuckende Lefzen entblößen spitze Fänge. Ein Schatten liegt über ihm und seiner Arbeit. Bedroht sein Geschäft, welches er in diese Stadt gebracht hat. Ist es ein Feind, der sich in seine Domäne geschlichen hat? Oder ist es der Zerfall, chaotische Kraft der Natur, der eine Säule seines Fundaments angefressen hat, wie der gedankenlose Holzwurm den stützenden Balken eines Hauses?

Er will in den Äther blicken, um einen Hinweis zu bekommen.

Leise spricht er seine Anrufungen. Auf seiner Schulter entzündet sich ein blassgelbes Irrlicht. Kurz spielt es um seinen Kopf, bekommt Beine und Pfoten, spitze Ohren, eine lange Schnauze. Als goldener Fennek setzt sich das Geschöpf auf den Kopf des Magiers, von wo aus es herab blickt und seine Anrufung geleitet.

Körper, Geist und Seele sollen im Gleichgewicht stehen. Der Geist ist wie Feuer, das Licht des Bewusstseins und der Erkenntnis, welches aus den Augen des Magiers hinaus in die materielle Welt strahlt, um zu betrachten, zu erkennen und zu verändern. Die Seele, ein Splitter der Unsterblichkeit, ist befreit von der Vergänglichkeit des Körpers und zugleich machtlos ohne den Körper, durch welchen der Geist den Willen manifestiert. Unsterbliche Machtlosigkeit und sterbliche Allmacht, verbunden im Geiste, sich gegenüber gestellt und zugleich vermählt zu einer kurzen, dafür individuellen Existenz.

Sein Drittes Auge geöffnet beginnt er nun seine Arbeit.

Mit dem Stab, dem Wort und dem Blick zeigt er auf Foki und Symbole vor sich. Sie repräsentieren Ordnung, welche er zu erreichen bestrebt ist, und zugleich das Chaos seiner Einzigartigkeit im Inneren, und der natürlichen Welt da draußen.

Hier der Kelch, Symbol der Firma, welche er zum Gefäß seiner Ambition gemacht hat. Dort Münzen, welche das Kapital und den Einfluss der Firma auf Stadt und Kunden repräsentieren. Kerzen brennen dort wo emsige Angestellte ihre Lebenskraft auf die Räder der Wirtschaft gießen. In ihrer Mitte liegt das Schwert, einst Zeichen seines Entschlusses die Firma zu Höherem zu erheben. Das einfachste und schwierigste Werkzeug, denn was geschnitten wurde kann nie wieder unberührt sein. Eingesetzt als Symbol der Strenge und Ordnung zieht es Verderb und Konflikt an sich, so wie die Ehefrau den Bräutigam.

Doch die Schneide ist auf den Magier gerichtet. Verwundert zieht der Magier seine Augenbrauen zusammen. Ordnung ist seine Pflicht, sein Schutz und der Sitz seiner Herrschaft über den Körper. Und doch ist das Messer, welches für diese Ordnung steht, ein primitives Werkzeug. Es braucht keine Erkenntnis, um es führen zu können. Ein Geist braucht nicht zu verändern, zu erkennen oder auch nur zu sehen, um zu ordnen, was er greifen kann.

"So ist es. So war es. So sei es immerdar." Ein jeder Geist kann so regieren, Ordnung erschaffen in blinder Allmacht.

Dies ist das Zeichen, nachdem der Magier gesucht hat. Blind oder allwissend, nur ein denkender Geist kann ordnen. Er hat einen Feind in seiner Mitte!

Frustriert stößt der Magier mit dem Stab auf den Boden. Im gleichen Moment lässt er seinen Zorn zur Erde fließen - Wut ist irdischer Natur und soll zurückkehren in ihre Wiege aus heißem Magma. Doch was ist Zorn noch? Kind des Feuers des weltlichen Schöpfers, dessen Triebe und Leidenschaften uns all die schönen und hässlichen Dinge geben, welche mit bloßer Hand zu greifen sind.

Ein weiteres Zeichen? Welche Triebe oder irdischen Kräfte sind involviert? Sind sie für oder gegen-

Das Telefon klingelt.

Mit markerschütternder Gewalt kracht der Geist zurück in seinen Körper. Im Nu ist dies höchste Bewusstsein entschwunden und hinterlässt nichts als eine irdische Identität: Adrian Zorn, Bezirksleiter einer durchschnittlichen Verwaltungsgesellschaft. Schon im nächsten Moment stürzt die Gegenwart, die Welt jenseits seines magischen Kreises, wie ein Tsunami auf ihn ein. Benommen und gereizt von der schockartigen Rückkehr aus seiner Trance, schwankt er in Richtung des Telefons.

Brrrring! Streift seine Robe über die Schultern, während er seinen Stab an die Wand lehnt.

Brrrring! Huscht mit langen Schritten an der Trennwand vorbei, auf seinen großen Schreibtisch zu.

Brrrring! Tief atmet er ein. Dann wieder aus.

Brrr- Er nimmt ab.

"Adrian Zorn, Sci-Lend Inc. Mit wem spreche ich?"

Es ist Boris Borsnik, der Keiler vom Rechnungswesen. Adrian verzieht das Gesicht. Schon bevor Borsnik zum Abteilungsleiter befördert worden war, hatte er ein schlechtes Gefühl bei dem Kerl. Aber selbst als Bezirksleiter konnte Adrian sich nicht alles erlauben. Borsniks Qualifizierungen waren gut, er kannte die Prozesse, war ehrgeizig und resilient.

Aber er versteht seine Leute nicht. Schlimmer noch, er versteht Adrian nicht. Seit seiner Beförderung sogar noch weniger als davor.

Adrian hört sich Borsniks Anliegen geduldig an. Freundlich verweist er ihn an die Prozessorganisation und die fachliche Beratung bei Frau Freckel, die Sekretärin vom Vertrieb. Eines seiner spitzen Ohren zuckt irritiert als ihm klar wird, dass Borsnik immer noch nicht fertig ist.

"Danke, Herr Zorn," wiederholt der Keiler zum dutzenden Mal. "Ähm," fährt er fort. Ein lautes Rauschen, Borsniks langer Atem in der Sprechmuschel. Gereizt bleckt Adrian die Fangzähne. Innerlich scheltet er sich für diesen Faux Pas, auch wenn ihn im Moment keiner sieht. Als Führungsperson hatte er Respekt und Vertrauen in seine Mitarbeiter auszustrahlen.

"Es geht um Frau Schneider," kommt Borsnik zur Sache. Die Elster, ergänzt Adrian für sich, eine Buchhalterin in seinem Team. "Sie, ähm..." Kurz überlegt Borsnik, ob er das wirklich sagen sollte. Dann wird ihm klar, dass er schon damit angefangen hat und jetzt nicht mehr zurück kann. "Ich habe Grund zur Annahme, dass sie Gelder abzweigt."

Adrian ächzt innerlich. Wie hatte der Kerl das raus gekriegt?

Adrian antwortet nicht sofort. Borsnik ist sich der prekären Qualität seiner Behauptung bewusst. Er erwartet geradezu, dass Adrian diese skandalöse Aussage über die sonst so tadellos engagierte Frau Schneider erst mal absorbieren muss. Genug Zeit also, sich zu sammeln und seine Situation zu überdenken.

Von den über fünfzig Personen im Verwaltungsapparat seines Standorts ist Frau Schneider eine von drei Kandidaten, denen er im legalen Graubereich gewisse Möglichkeiten einräumt, um ihre persönliche Entfaltung zu fördern. Adrian ist überzeugt, dass jeder zu Größerem im Stande ist. In der Sprache der Laien fördert er so das Gute Karma seiner Firma. Frau Schneider zu bevorzugen ist eine Investition mit viel Potential.

Zugegeben, dabei ist auch ihr Profit durch nicht ganz regelkonforme, grenzwertig illegale Transaktionen gewachsen. Adrian müsste die genauen Zahlen noch einmal sehen, aber soweit er ihre Strategie durchschaut - und, seien wir ehrlich, ihr in den Schnabel gelegt hat- würde demnächst das gesamte Finanzwesen und mittelfristig bereits der gesamte Standort von ihrer Innovation profitieren.

Wie also hatte dieser Keiler, dieser schwerst melancholische, tierfremde, formularliebende Boris Borsnik, gelernt, den Ist-Prozess zu hinterfragen, der ihm seine sauberst gepflegte und perfekt strukturierte Bilanz liefert?

"Ich verstehe," erwidert Adrian nach einer angemessenen Atempause. "Haben Sie Frau Schneider schon darauf angesprochen?"

"Nein!" Entfährt es Borsnik mit schlecht kaschiertem Entsetzen. Sie darauf ansprechen? Hätte er gesollt?

Adrian brummt nachdenklich, und ist heimlich erleichtert über Borsniks Unsicherheit. "Haben Sie konkrete Fakten, welche ihre Behauptung untermauern?"

"Eigentlich schon." Sagt Borsnik wenig überzeugend. Das wird ja immer besser, denkt sich Adrian sarkastisch. Dass Borsnik konkrete Beweise haben könnte ist schon unglaublich, aber dass der Keiler die verschachtelten Reaktionsketten innerhalb des Buchwesens zwischen Frau Schneiders erhöhtem Gewinn und Abweichungen in ihrer Buchführen erkennen könnte, ist unvorstellbar.

"Also?" Fragt Adrian scharf in die entstandene Stille hinein.

"Ähm." Borsnik schluckt. "Es gibt deutliche Veränderungen in Frau Schneiders Buchführung im Gegensatz zu ihrer bisherigen Arbeitsweise. Nichts zu außergewöhnliches. Und dann ist da der Anstieg in ihrer Prämie."

Adrian traute seinen Ohren nicht. Aber gut, das kann er noch anfechten.

"Sie haben also keinen stichhaltigen Zusammenhang zwischen den Abweichungen und Frau Schneiders erhöhter Prämie gefunden?"

"Ähm," konkretisiert Borsnik. "Noch nicht, nein."

Adrian lässt sich seine Erleichterung nicht anmerken. "Sprechen Sie vielleicht erst mal mit Frau Schneider über ihre getätigten Transaktionen, hm?" Schlägt er sachlich vor. Bevor Borsnik darauf antworten kann fährt er fort. "Parallel werde ich eine Überprüfung der Finanzabteilung einleiten."

Stille. Nervöses Hüsteln. "Eine Überprüfung, Herr Zorn?"

"Ja, Herr Borsnik." Der Fuchs erlaubt sich ein kleines Grinsen. "Als Bezirksleiter kann ich Ihre Bedenken nicht ignorieren. Eine Überprüfung durch unparteiische Fachkräfte zeigt unser Bewusstsein für Qualität und Prozesssicherung. Sollte es in Ihrer Abteilung tatsächlich rechtswidriges Verhalten geben, wird es so ans Tageslicht kommen."

Außerdem hätte so die gesamte Abteilung Buchwesen viel zusätzliche Arbeit zu bewältigen. Borsnik würde für die nächsten Wochen keine freie Zeit mehr haben, um wirklich auf Frau Schneider zu achten. Schon jetzt zeigt der Keiler sich sehr interessiert daran höflich und dankbar das Gespräch zu beenden. Zufrieden mit seinem kurzfristigen Sieg verabschiedet sich Adrian und legt den Hörer auf die Gabel. Fragt sich nur noch, wie er die gewonnene Zeit am besten nutzen sollte?

Sich in seinem komfortablem Bürosessel zurück lehnend und mit der linken Hand über die langen Schnurrhaare seiner spitzen Fuchsschnauze streifend, lässt Adrian den Blick durch sein Büro wandern. Instinktiv schaut er zu der papiernen Trennwand in japanischem Stil, vor der er sogar einen flachen Teetisch mit für Europäer unverständlich niedrigen Sitzen platziert hat.

Hinter jener Trennwand befindet sich sein magisches Refugium. Es schmeichelt seinem Sinn für Ästhetik und Mystik, dass etwas derartig fragiles wie Papier sein Geheimnis genauso gut behüten konnte, wie eine turmhohe steinerne Mauer. Ein Gast müsste schon hinter seinen großen Schreibtisch treten, um einen Blick hinter die Trennwand zu erhaschen. Aber das war der Schreibtisch des Bezirksleiters, gehüllt in einen Mantel der Autorität, welcher ebenso mächtig vor Eindringlingen schützt wie der Raumtrenner.

Adrian jedoch kann direkt zu seinem magischen Kreis blicken. Brennende Kerzen, ein halbvoller Kelch, ein verziertes Messer. Sein Stab, der an der Wand lehnt. Zwischen diesen Dingen und zugleich darüber im Raum schwebend, unsichtbar und dennoch strahlend hell, die Warnung. Der Feind in seiner Mitte, und die noch ungeklärte Rolle des Feuers, der Leidenschaft dabei. Seine Pläne für die Firma wurden bedroht.

Seit Urzeiten der zivilisierten Tiere investiert jeder einen Teil von sich in seine Arbeit. So pflegten glückliche Bauern gesunde Farmen mit nahrhaften Produkten, und die zufriedenen, gewissenhaften Handwerker lieferten solide Arbeit. Ebenso verdarben die geizigen und zynischen sich, ihr Geschäft und oft sogar das Leben und den Profit der eigenen Familie. Noch immer gilt diese Gesetzmäßigkeit.

Der Unterschied zu damals besteht heute darin, dass mehr und mehr Tiere in die Produkte anderer investieren. Vor Adrians Intervention war Frau Schneider ein Paradebeispiel dafür. Fleißig und bescheiden leistete sie ihren Beitrag zum Fortbestand der Firma. Je mehr sie und ihre Kollegen hinter ihrer Arbeit standen, desto stärker wurde die Firma als juristische Person und als Wettbewerber am Markt. Sie selbst bekamen jedoch ein kaum veränderliches Gehalt, ohne tatsächlichen Gegenwert für den Gewinn und den Wachstum der Firma.

Was interessiert mich das, fragt er sich provokant? Ich bin Magier. An den Gesetzmäßigkeiten der Welt vorbei zu arbeiten gehört zur Stellenbeschreibung.

Die ernüchternde Antwort, die er sich nicht zum ersten Mal geben muss, ist, dass er sich keine plötzlich herbeigezauberten Gewinne erlauben kann. Natürlich könnte er mit einem großen Ritual den Gewinn vervielfachen. Das war so einfach wie die Zahlen auf den Konten überschreiben. Oder Politiker per Gehirnwäsche dazu bringen, der Firma viel zu spenden. Sein persönlicher Geschmack jedoch waren Geister und Dämonen, Büroteufel und Münzkobolde, Schulddrachen und Abrechnungsschrecken.

Aber das würde heutzutage zu viele Fragen aufwerfen. Ob er die Konten nun durch einen Hacker oder seine Zauber verdreht, er hätte ruckzuck sämtliche Behörden und Neider am Hals, die ihm alle in die Suppe spucken wollten. Jeder Profit wäre in Windeseile dahin. Die moderne Welt mochte keine Wunder. Selbst wenn er sich an allen weltlichen Kontrollen vorbei mogeln könnte, seine Mitarbeiter würden sich zu Tode arbeiten, um den Konsequenzen des plötzlichen Erfolgs stand zu halten, bis die Firma ihre Gewinne in wachsenden Ausgaben verlor, in Form von Abfindungen und neu rekrutiertem Personal.

Darum zaubert Adrian weit subtiler. Er hatte lange geforscht, in welchen Konten unter wessen Aufsicht er ein künstliches Minus erzeugen sollte. Die fleißige, bescheidene, gewissenhafte Frau Schneider war die beste Kandidatin. Immer wieder gleicht sie kleine Defizite aus, die gar nicht da sind. Über dutzende Konten und hunderte Transaktionen verteilt drehen Adrians schleichende Zauber an den Zahlen, damit bei Frau Schneider der Eindruck wächst, dass sie die Firma mehr im Griff hat als irgend jemand sonst.

Darüber hinaus angereichert von kleinen Ehrgeistern, die ihre Gier und Selbstwertgefühle anfeuern. Während er immer wieder seine Geister in den Konten spielen schickt, motiviert er Frau Schneider dazu, sich als die Herrin der Gelder zu erleben. Der entscheidende Unterschied zur gewöhnlichen Ausbeutung ist: Sie erhält ein stetig wachsendes Plus auf ihrer Gehaltsabrechnung.

Das sind die bescheidenen Anfänge seines großen Plans. Mehr und mehr Konten würde er auf diese Weise magisch manipulieren, mehr und mehr Mitarbeiter zu heimlichen Geschäftsführern erheben. Er kann es schon sehen, sich selbst als Dirigent dieser Symphonie aus Großgeistern.

Oder zumindest war das der Plan, bis das Wildschwein Borsnik den Braten gerochen hat. Adrian seufzt. Was würde er für ein Stückchen der alten Zeit geben, als ein talentierter Magier noch frei wirken konnte, ohne sich im Dickicht der Vernetzung und Globalisierung der modernen Welt zu verstricken?

Es knallt, mit Funken und violett-rotem Qualm, wie ein Tischfeuerwerk an Silvester. Rauch steigt auf, dem Adrians besorgter Blick trotz Jahren der Erfahrung mit solchen Erscheinungen zum Rauchmelder folgt, der natürlich nichts von diesem Rauch registriert. Dann schaut er hinein in die dichte Wolke, aus der sich ein flaches, knallrotes Gesicht erhebt, gesäumt von krausem schwarzen Haar, einem Spitzbart und gekrönt von Widderhörnern.

Dies ist Belzi, ein niederer Bürodämon in Form eines Satyrs.

"Ich habe dich nicht beschworen," stellt Adrian trocken fest. Der Satyr kichert nur vergnügt und hebt die Schultern. "Hoppla! Dann verflüchtige ich mich mal wieder. Ciaoi!" Und plop ist er fort.

"Warte!" Herrscht Adrian ihn an, und plop ist Belzi zurück, unschuldig grinsend. "Ja, oh Herr?"

Seufzend lehnt Adrian sich in seinem Bürostuhl zurück, die Ohren schräg gestellt, wobei er die Augen zusammen kneift und sich den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger massiert. Bürodämonen sind ein weiteres Nebenprodukt der modernen Welt, und fast so lästig wie die Globalisierung an sich. Unterdrückte Gefühle und zu Waffen geschliffene Ambitionen sickern ins Mauerwerk der Gebäude, werden zu energetischen Zentren, die irgendwann Bewusstsein erlangen und ihre eigenen Wege gehen. Es hilft nichts diesen lokalen Geistern zu enge Fesseln anzulegen, aber Teufel wie Belzi verstehen es auch einfach zu gut, ihre Freiheiten auszubeuten. Ein Charakterzug, für den Adrian diesen Dämon besonders schätzten würde, wenn dieser damit nicht gerade die Grenzen seiner Geduld auf die Probe zu stellen sucht. Zumal jetzt, wo er ihn unbefangen und dienlich braucht.

"Geh zu Borsnik," befielt er knapp. "Finde heraus, was in ihm und seinen Mitarbeitern für Gefühle herrschen." Mit gehobenem Zeigefinger mahnt er den niederen Dämonen, als dieser sich bereits davon machen will. "Kein Schabernack. Keine Spielchen. Ist das klar?"

Der Dämon macht ein Schmollgesicht und tritt missmutig auf der Stelle. "Aber, och Herr, ich habe Frau und Kinder, wovon sollen sie leben?" Adrian rollt mit den Augen und verzieht die Lefzen aber unterdrückt den Impuls zu knurren. "Was du als Partner hast kann sich selbst versorgen und deine Kinder sind Parasiten und Quälgeister eigener Art." Die Hand erhoben fügt er an. "Borsnik ist mir ein Dorn im Auge. Schau was du an ihm findest, dass du schüren kannst, dass er mir nicht länger in die Quere kommt."

Erneut teilt ein breites Grinsen das Gesicht des Dämonen. Sich verbeugend spricht er, "Danke, oh Herr!" Und verschwindet spurlos.

Adrian seufzt noch einmal. Trotz seiner Erfahrung ist es immer noch schwer für ihn, in der Gegenwart eines Dämonen klaren Kopf zu behalten. Jetzt stellt er infrage, wie klug es war, Belzi auf Borsnik zu hetzen. Würde er dann noch energischer versuchen, die verdächtige Buchführung von Frau Schneider zu ergründen, wenn Ehrgeiz oder Machtgefühle von dem kleinen Teufel geschürt würden? Adrian schüttelt den Kopf und wendet sich seinem Computer zu. Der Dämon und er stehen schon lange in einem guten Geschäftsverhältnis. Viel mehr als ein paar erregte Gemüter wird es schon nicht geben.

Hofft er.


Boris Borsnik steht im Flur, direkt neben dem Büro in dem auch Frau Schneider sitzt. Er war mit der Absicht hergekommen, sie zu sich ins Büro einzuladen und vernünftig mit ihr über die Auffälligkeiten in ihrer Buchführung zu sprechen.

Geduldig beobachtet er sie durch den Spalt in der leicht offen stehenden Tür. Ihr Schnabel ist gerade auf den Bildschirm ausgerichtet. Erst dreht sie noch den Kopf in der vogeltypischen Bewegung, wenn sie mit dem rechten Auge eine Zelle genauer betrachten will. Inzwischen ist ihre Körperhaltung wesentlich steifer geworden, und Boris nervöses Unbehagen wurde mehr und mehr von anderen Gefühlen verdrängt. Was zunächst ein Versehen war, wurde Vorsatz.

Er hört Gekicher, meckernd, wie das eines Ziegenbocks. Unsinn, das bildet er sich nur ein. Während er die Elster so anstarrt, ist er für sie wenig mehr als ein Schatten im Flur hinter dem Türspalt. Sie kann nicht unterdrücken, wie sich ihr Gefieder aufstellt. Minuten sind vergangen. Auch das Mausklicken kommt erst seltener, nun gar nicht mehr.

Für einen kurzen Moment sieht sie Borsnik direkt in die Augen. Er hält ihren Blick, bis es für beide kaum noch auszuhalten. Dann bricht er den Blickkontakt ab und geht, als wäre nichts gewesen.

Tief im inneren schämt sich ein Teil für dieses kleinliche Machtgehabe, den er aber im Moment nicht hören kann. Er ist viel zu beschäftigt damit sich in dem Gefühl zu suhlen, seine Autorität auszuleben.

Birgit Schneider erlaubt sich so langsam aufzuatmen, doch erst als sie Borsniks Bürotür ins Schloss fallen hört, kann sie sich wirklich entspannen. Der Kerl hatte vielleicht Nerven! Denkt sie sich und streicht mit den Klauen ihr Hauptgefieder glatt. Dabei bemerkt sie den besorgten Blick der beiden anderen Kollegen am Tisch in der anderen Bürohälfte. Mit klimpernden Wimpern setzt sie ihr bestes Lächeln auf, welches aufgrund des Schnabels natürlich nur durch ihre Augen und subtiles Plustern der Federn um ihre Wangen ausgedrückt werden kann.

Im nächsten Augenblick klapperten ihre Klauen schon wieder über die Tastatur. Mir geht es gut, zeigt sie ihren Kollegen und vor allem sich selbst. Die kleine goldgelbe Fuchsfigur unter ihrem Bildschirm wackelt verständnisvoll mit dem Kopf. Natürlich nicht, denkt sich die Elster, es ist nur eine Figur. Und doch ist da etwas, das ihr Mut zuflüstert. Mit dem Gefühl fließt auch Selbstvertrauen in ihre Glieder.

Nicht umsonst hatte sie Überstunden damit verbracht, die Prozesse und Auflagen exakt zu prüfen und auswendig zu lernen. Alles, was sie seit dem getan hat, entspricht exakt den Regeln.

Kurz huscht ihr Blick zu dem leeren Platz ihr gegenüber, direkt an ihrem Tisch. Berta ist heute im Home Office. Zu schade. Es hätte ihr gut getan ein wenig mit dem Reptil über den Chef zu lästern. Berta ist mindestens so begabt wie sie selbst, versteht die Prozesse, die Schlupfwinkel im System. Heute würde sie allein zurecht kommen müssen, denkt sie noch, als sie schon ganz zurück in den Fluss ihrer Arbeit eintaucht.

Am anderen Ende des Viererbüros sehen Florian und Marta sich vielsagend in die Augen. Dann arbeiten auch sie still weiter. Fürs erste.

Nach einigen Minuten richtet Florian, der Nerz, sich auf und fragt freundlich in die Runde: "Will sonst noch jemand einen Kaffee?" Die Damen verneinen, aber Marta die Füchsin steht trotzdem auf und folgt dem Nerz in die schmale Teeküche im Flur. Dort angekommen sieht Marta betont an Florian vorbei zu Borsniks Bürotür am Ende des Ganges. Sie schaltet den Wasserkocher ein, während Florian den Kaffeeautomaten in Betrieb nimmt. Selbst dann, gehüllt in das Rauschen und Rappeln der beiden Geräte, sprechen sie nur leise miteinander.

"Er scheint in keiner guten Stimmung zu sein." Beginnt Marta. Beiden ist klar wer gemeint ist. Florian schmunzelt. "Er ist nie in einer guten Stimmung." Die Füchsin rollt mit den Augen. Zugleich hält sie sich an der Schulter, kann ihre Nervosität nicht verbergen. "Was hat er nur gegen Birgit?"

Florian hebt die Schultern, nimmt die Brille von der Schnauze und poliert die Gläser mit einem Hemdärmel, während er auf seinen Kaffee wartet. Das Lächeln bleibt auf seine Lippen fixiert. "Vielleicht, dass sie eine Elster ist?"

"Flo!" Fassungslos sieht Marta ihn an, kann sich nun aber selber ein Schmunzeln kaum verkneifen. Der Nerz hebt die Hände, eine hält noch seine Brille. "Brisante Bemerkung, ich weiß. Aber unter uns? Hältst du ihn für frei von Vorurteilen?"

Einen Moment schaut sie ihm noch ernst in die Augen. Der Automat hustet den letzten Rest Milchpulverschaum in Florians Tasse. Der Wasserkocher brodelt. Marta schaut wieder zur Tür des Chefs, kaut auf ihrer Unterlefze. "Na toll." Verneint sie die Frage.

Florian nimmt seine Tasse und pustet den heißen Dampf herunter. Marta kümmert sich um ihren Früchtetee. Spielt mit den Süßstofftabletten, bildet sich ein wie von roter Hand die Kiste mit Zuckerwürfeln ein winziges Stück in ihre Richtung geschoben wird. Flink und heimlich fällt ihr doch einer davon in die Tasse. Gießt heißes Wasser darüber, somit alle Beweise vernichtend. "Vielleicht nicht heute." Sagt sie dann wie jemand, der ein wohl bekanntes Thema kommentiert.

"Du hast es dir versprochen." Erwidert Florian und schlürft an seinem Kaffee. Das Gebräu erscheint ihm ungewöhnlich heiß, aber irgendwie tut es gut und breitet sich wie ein Feuer in seinem Körper aus.

Zu seiner Rechten steht Marta. Selbst nervös und mit zerknirschtem Gesicht sieht sie noch hinreißend aus. Zur Linken, das Büro von diesem Platzhirsch Borsnik. Normalerweise würde er Marta selbst entscheiden lassen, aber etwas flüsterte ihm zu, dass sie unbedingt heute ihr Anliegen durchsetzen sollte. Und wäre es nicht zu schön, an der Autorität dieses Keilers zu sägen?

"Schieb es nicht länger auf." Sagt er freundlich, aber entschlossen. Einen Moment überlegt er, doch die Formulierung fliegt ihm einfach so zu. "Borsnik ist auch nur ein Schwein, gib ihm eine Chance dich zu überraschen."

Den Kopf schüttelnd seufzt Marta, entspannt sich aber ein wenig und lacht leise. Beide merken wie sie den Impuls unterdrückt sich an ihn zu lehnen. Woher kam der denn jetzt? Seit ihr Mann sie und die Kinder allein gelassen hat, fühlte sie sich oft allein, aber nie zu einem anderen hingezogen. Macht sie sich das nur vor? Florian ist ein netter Kerl und ein bisschen verschlagen, glaubt sie. Wieso will sie jetzt seine Nähe? Lieber das als die Konfrontation mit Borsnik?

In einer ungewöhnlich intimen Geste greift Florian sanft drückend ihren Arm. Seine Augen zeigen Verständnis, Sorge, Zuspruch. Wortlos löst er seinen Griff, bekommt Herzklopfen, ist erschrocken von seinem Verhalten. Marta bemerkt seine kurze Verwirrung nicht.

"Danke," sagt sie leise. Gemeinsam und etwas steif gehen sie zurück ins Büro.

Marta wartet noch bis fünfzehn Uhr dreißig, indessen sie routiniert weiterarbeitet. Ab da hat Bornsik immer eine freie halbe Stunde für Internes, eine Art offene Sprechstunde. Als die Zeit gekommen ist, atmet sie tief durch, nimmt ihren Mut zusammen und attackiert das Büro vom Chef.

Boris Borsnik hatte einige Unterlagen zusammen tragen müssen, um die Untersuchung seiner Abteilung vorzubereiten. Dazu noch die Video-Calls zu seinen Mitarbeitern im Home Office und zuletzt ein Meeting über die KPIs des laufenden Quartals, gefolgt von einer längeren Debatte über die notwendigen Steps im Folgemonat. Herr Kleptenau vom HR hatte eine Metapher zum Golfspiel aufgestellt, woraufhin er und Boris einige Minuten damit verbrachten die Faktoren Rasen, Schläger, Wetter und so weiter und sofort als Stellvertreter für die Variablen im Unternehmen zu arrangieren, ungeachtet der Tatsache, dass außer ihnen beiden niemand sonst im Call Golf spielt. Dennoch war Boris zum Ende des Calls von der illustrativen Wirkung der Metapher überzeugt, sodass allen klar sein musste, was bis zum nächsten Weekly zu tun ist.

Allmählich entsinnt er sich jetzt jedoch der Sache mit Frau Schneider. Zunächst hatte ihn der Vorschlag zu der Untersuchung überrumpelt, aber mittlerweile begrüßte er diese kühle, konkrete Entscheidung von Herrn Zorn. Dies ist der ideale Vorwand, um auch die Konten unter der Aufsicht von Frau Schneider genau gegenzurechnen und so ihren Betrug aufzuzeigen.

Da klopft es an der Tür. Boris sieht auf, die Stirn runzelnd. "Herein!" Forder er auf.

Frau Marta Schubert öffnet die Tür und fragt lächelnd, "darf ich Sie kurz stören, Herr Borsnik?" Der Chef grunzt abwägend, lehnt sich zurück. Sich das borstige Kinn kratzend nickt er schließlich. "Natürlich, Frau Schubert. Kommen Sie rein."

Marta huscht geschmeidig in sein Büro und schließt die Tür. Aufrecht und selbstbewusst tritt sie an seinen Schreibtisch. Boris Blick wird von den schlangenhaften Bewegungen ihrer flauschigen Lunte eingefangen. Ungebeten steigt in ihm das Verlangen ihr Fell zwischen seinen Finger zu spüren. In Gedanken hört er Herrn Kleptenau wieder sprechen, seine Stimme ungewöhnlich meckernd, den Schläger nehmen und dann einlochen. Der Moment hält einen Herzschlag, dann sieht er Marta in die Augen, ernst und trocken. Doch die fremdartigen Gefühlsregungen halten sich.

"Herr Borsnik, ich muss mit Ihnen über mein Gehalt sprechen." Stellt Marta klar. Ihr Herz rast. Sie zwingt sich zur Ruhe, auch wenn Borsnik das nervöse Zucken ihrer Lunte bemerkt zu haben scheint. Für meine Kinder, sagt sie sich.

Boris grunzt unverbindlich. "Was gibt es an ihrem Gehalt zu bereden?" Ihre Brust hebt sich, sie steht stramm, ihr Fell ist kaum merklich aufgestellt. Er riecht ihr Parfüm. Ist das ihr Puls, den er da schon unter seinen Finger zu spüren meint? Unabsichtlich sieht er sie, die allein erziehende Mutter, ihren reifen Körper, ihre Not. Sie beißt sich auf die Unterlefze. Irgendwo sagt ihm seine Ausbildung, dass sie nervös ist, aber er sieht deutlich eine ganz andere Botschaft. Eine ganz besondere Art von Angebot.

"Meine Leistung und Erfahrung sind tadellos. Ich erwarte eine Erhöhung und möchte die Höhe mit Ihnen vereinbaren." Zu forsch, fragt sie sich? Im Finanzwesen sind Exaktheit und Durchsetzungsvermögen gefragt. Sie darf sich nicht zu klein machen, aber es ist auch riskant die Autorität eines Wildschweins zu untergraben. Warum schnauft der Kerl so?

"Frau Schubert," setzt Borsnik kühl ein, "ihr Gehalt ist ihren Leistungen angemessen. Ich sehe keinen Anlass dazu ihre Bewertung im System hochzustufen." Eine eklatante Lüge, findet Boris selbstkritisch, aber er muss sich Zeit verschaffen. Frau Schubert ist eine respektable Frau. Ihre Gehaltserhöhung ist überfällig, er hat nur auf ihre Initiative gewartet. Warum also ist er jetzt so fasziniert, ja, besessen von ihrem Anblick? Woher kommt diese innere Stimme, die jedes Wort von Frau Schubert als eindeutige Anspielung auslegt, obwohl er nichts derartiges finden kann, wenn er versucht darüber nachzudenken? Und das Nachdenken wurde immer schwieriger. Sein Hals ist staubtrocken.

Als wolle er mein Anliegen einfach abschieben, interpretiert Marta die Körpersprache ihres Chefs, der gerade zur Wasserflasche greift, ihr die kalte Schulter zeigt und abfällig schnaubt. Das geht ihr zu weit. Sie beugt sich vor, legt die Hand flach auf den Tisch, sieht Borsnik direkt in die Augen.

"Herr Borsnik, meine Leistungen sind ausgezeichnet. Davon können Sie sich selbst überzeugen."

Schnaufend stiert Borsnik in ihren Ausschnitt, das Wasser in seiner Hand vergessen. "Davon überzeuge ich mich gern. Direkt bei mir im Apartment, Frau Schubert?"

Marta entgleisten die Gesichtszüge, doch Borsnik nimmt kaum noch etwas von ihrem Ausbruch wahr. Ihm ist heiß. Er kann nicht klar danken. Belzi. Je mehr die Füchsin in Rage kommt, desto größer sein Verlangen. _ Belzi! _ Schmerzhafte Klarheit durchschneidet den roten Nebel in seinem Gehirn. Was ist nur in ihn gefahren, fragt er sich panisch? Woher kam diese wilde Lust auf-


"_ Rubelzimael! _ Himmelkreuzdonnerwetter, ich beschwöre dich!" Faucht Adrian Zorn hinter der Trennwand in seinem Büro, und endlich ploppt der Dämon in seinen magischen Kreis. "Och Herr, wo es gerade so spannend wurde." Mault Belzi, sehr zum Verdruss des Magiers.

Adrian rollt mit den Augen. Aber egal, er hat keine Geduld mehr zu erübrigen. In Belzis Abwesenheit hat er sich beruhigt, meditiert, Konten und Personalakten durchforstet, die Geister befragt; kurzum, er ist sich nahezu sicher, dass Boris Borsnik nicht sein Feind ist. Es würde einfach keinen Sinn ergeben, so unsympathisch das Schwein auch sein mag.

Natürlich hatte er auch noch einige Meetings und Calls absolviert, aber nicht zuletzt braucht er jetzt eine klare Vorstellung von den Zuständen in seiner Finanzabteilung. Welche Triebe lauerten dort unter der Haut seiner Mitarbeiter, die sein fragiles Kartenhaus zum Einsturz bringen konnten?

"Belzi. Berichte mir, was du im Team von Boris Borsnik vorgefunden hast. Fange bei Frau Schneider an." Befielt er dem Satyr, ohne seine Sorge um seine Lieblingselster durchscheinen zu lassen.

"Sofort, oh Herr!" Erwidert Belzi mit einer überzogenen Verneigung. Schelmisch grinsend überbringt er seinen Bericht. "Die gute Birgit Schneider ist sehr unruhig und fühlt sich vom Wildschwein bedroht, aber ahnt nichts von der Untersuchung und ist sich keiner Schuld bewusst."

Adrian nickt und macht ungeduldige Handgesten. "Das ist klar! Behält sie die Nerven? Oder kriegt sie kalte Füße?"

"Sogleich, oh Herr!" Erwidert der kleine Teufel mit eifrigem Nicken. Erste Irritation nistet sich in Adrians Gemüt ein, doch in seiner Ungeduld lässt er den Satyr gewähren, hungrig mehr zu erfahren. "Noch hält sie an ihrem Erfolg fest, doch sie sehnt sich nach Mitstreitern, die ebenbürtig in ihrer Expertise sind."

Der Fuchs überdenkt dies. Das klang nicht sonderlich bedrohlich, eher nach einem zu erwartendem Bestreben für jemanden, der im Begriff ist, über sich und die Qualifizierung seines Teams hinauszuwachsen. Wenn Frau Schneider nach Mitstreitern sucht, ist dann nicht die Zeit für ihn gekommen einem weiteren Mitglied zu ähnlichem Wachstum zu verhelfen? Den Standard des Teams zu erhöhen?

Längst ist er sich der professionellen Freundschaft zwischen Frau Schneider und Frau Rebert bewusst. Wäre sie nicht die beste Kandidatin?

Gute Aussichten, aber mit dumpfen Grollen schüttelt er den Kopf. Wieder eine Sackgasse! Wo war dieser Feind, der ihm im Nacken sitzt?

Eins nach dem anderen. Trocken wendet er sich wieder an Belzi. "Erzähl mir von ihrer Freundin, dem Reptil. War sie heute überhaupt am Platz?" Belzi verneint. Als Bürodämon ist er an die räumliche Begrenzung des Gebäudes gebunden. Eigentlich. Allein dem akzeptierten Konzept des vernetzten Büros ist es zu verdanken, dass seine Art inzwischen auch in die Ferne blicken, wie durch ein Teleskop Eindrücke von jenen sammeln kann, die zuhause "im Büro" sitzen.

"Frau Rebert hat heute die meiste Zeit mit privaten Telefonaten und Serien auf WebFlix verbracht. In ihr schlummert ein Sinn von Überlegenheit. Ihre Tabellen und Transaktionen sind exakt. Trotz Hang zum Perfektionismus ist sie die schnellste im Team, jedoch ist sie vollends zufrieden mit ihrem Gehalt und ihrer Position."

Adrian brummt, gelassen und genervt zugleich. Frau Rebert ist perfektes Material für seine Zauber und eignet sich hervorragend, um den Kern seines neu ersonnenen Finanzteams um Frau Schneider zu stärken. Doch je sicherer er sich in seiner Sache fühlt, desto mehr wachsen seine Zweifel.

Er hört ziegenhaftes Kichern, doch es ist nur Belzi, der sich im magischen Kreis zu seinen Füßen feixt.

Es hilft nichts. Nächster Kandidat.

"Berichte mir von Florian Krast."

Der kleine Dämon windet sich und schmatzt die Lippen mit nahezu erotischem Genuss. "Der Nerz! Oh Herr! Er versucht sich wirklich mit allen gut zu stellen und seine Kollegen gegen das Wildschwein aufzubringen!"

"Aha!" Entfährt es Adrian, dessen Suche nach Widersachern schleichend an Paranoia heranreicht. Die Hand noch triumphal erhoben blinzelt er, schaut sie verdutzt an. Ist er nicht schon den halben Tag so hastig? Mit einer Geste und einem knappen Mantra klärt er seinen Verstand.

Herr Krast hat etwas gegen den Chef. So. Mehr hat der Teufel doch noch gar nicht gesagt. "Warum bringt er seine Kollegen gegen das Wildschwe- ich meine, gegen Herrn Borsnik auf?"

"Ach, oh Herr!" Belzi bebt die Stimme, so als würde er von wahrer Liebe sprechen. "Er ist neidisch auf dessen Posten, und als einziger Hahn im Hühnerstall versessen darauf über den Frauen zu stehen."

Unerhört! Adrian schüttelt den Kopf, schämte sich stellvertretend für das Verhalten dieses Vertreters seines Geschlechts. Am liebsten würde er umgehend Zucht und Ordnung walten lassen und-

Stopp. Adrian ist es gewohnt mit Dämonen zu sprechen. Sie sehen alles durch eine flammend rote Brille, die dann überzeichnet und überproportioniert darstellt, was in den Herzen der Tiere vor sich geht.

Erst vorhin hatte Adrian die Personalakte von Herrn Krast studiert. Der Nerz ist durchaus begabt in sozialen Fähigkeiten und geeignet für Aufgaben in der Verwaltung. Aber derartiges Dominanzverhalten gegenüber seinen weiblichen Kollegen? Adrian ist überzeugt vom Guten in den Tieren, und es ist diese instinktive Ablehnung von Belzis Unterstellungen, die den Magier seine Sicherheitsvorkehrungen streng in Augenschein nehmen lässt.

Da ist es. Der Teufel hat sich tatsächlich in seine Seele geschlichen, seine Sorgen befeuert, erst zu Ungeduld und mittlerweile zur Paranoia angestachelt, der er jetzt mit Anflügen von Kontrollzwang begegnen wollte.

Belzi grinst verschlagen, während Adrian reinigende Formeln spricht und mit Worten wie Pinzetten die giftigen Stacheln des dämonischen Einflusses aus seiner Seele pflückt. Wut steigt in ihm auf, doch auch die würde den Büroteufel nur stärken.

Und dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich. Ein Wesen das denkt und sich irdischen Feuers, niederster Triebe bedient. Die ganze Zeit über, die er mit Suchen verbrachte, tanzte ihm der Satyr schon auf der Nase herum.

"Was hast du angestellt?" Fordert er jetzt, und legte so viel Macht in seine Stimme und seinen magischen Kreis, wie er mit zerrütteten Nerven aufbringen kann.

Belzi zeigt die Zähne, sodass jede gehässige Mimik durch die Fratze eines Raubtiers verdrängt wird. "Ich? Nein, Herr, das hat Florian ganz gut allein gemacht. Der Marta zugesprochen, hat er. Damit sie endlich das Wildschwein konfrontiert. Ich habe nur beim Chef ein bisschen Feuer gelegt."

Steif und entsetzt starrt Adrian auf Belzi herab. "Wovon redest du? Sprich Klartext!"

Und dann spricht der Satyr, klar und farbenfroh. Erzählt er von Martas Not daheim, ihrer Aussicht auf erhöhtes Gehalt und Boris tief vergrabenen Gelüsten. All das hat Belzi geschürt, aus dem Kontext gerissen und in den Vordergrund gestellt, bis Konflikt, Scham und Ärger das Büro erhitzten.

Und dann, wie Marta Boris zur Sau gemacht hat, gerade als Adrian ihn zurück beschwor, doch das ganze Gebäude war seine Domäne und er konnte zeitgleich hier und dort sein. Die Wut war längst übergeschlagen. Florian steht mittlerweile mit im Raum, während Boris hilflos versucht sein Gesicht zu wahren. Nur so langsam haben sich die Gemüter beruhigt, aber der Gram und die Spannung liegen nun wie dicker Sahneschaum im Büro, an dem Belzi sich noch lange laben würde.

Je mehr er erzählt, lacht und höhnisch brüllt, desto mehr wächst er, schwillt in allen Proportionen und tritt sorglos über den Rand des magischen Kreises.

"Danke für dieses Festmahl, oh Herr!" Grollt er noch zum Abschied. Dann verschwindet er und lässt den überrumpelten Magier stehen.

Eine Weile lang rührt sich Adrian nicht von der Stelle. Der Dämon, Rubelzimael in voller Kraft, überschüttet ihn mit Wogen von Zweifel und Selbstvorwürfen. Tief ein- und ausatmend, mit zitternder Hand, greift Adrian nach seinem Stab und schreitet nun selbst in seinen magischen Kreis.

Mit der Leichtigkeit eines geübten Magiers stellt er die Symbolik auf den Kopf.

Die Welt ist vom Kreis umschlossen. Er selbst ist befreit, und weit entfernt vom Einfluss des Dämonen.

Eines nach dem anderen ruft er seine Helferlein, schimmernd goldene Fenneks und elektrisch flackernde Schlangen. Die einen schickt er in die Flure des Bürogebäudes, hinab zur Etage des Finanzwesens. Die anderen schickt er in die Leitungen seines Computers, wo sie Korrespondenzen und Dokumente gleichermaßen beschleichen.

Es ist eine lange Nacht, und er duldet keine Störung. Schattenhafte Hunde bewachen seine Tür, deren unsichtbare Präsenz jeden davon abhält näher zu kommen.

Rubelzimael hat ganze Arbeit geleistet. Unter normalen Umständen würde diese Spannung, die Feindseligkeit gegen jede Form der geschäftlichen Autorität, nicht mehr zu heilen sein. Sie würde wie ein Tumor im Organismus die Firma schwächen und jeden wirtschaftlichen Wachstum verhindern. Während Adrian die esoterischen Bedingungen schafft, um Rubelzimael in seine Schranken zu weisen, findet der Fuchs Anlass zur Freude.

Dies war ein harter Schlag für die Finanzabteilung, und er wäre lieber ohne ausgekommen. Aber distanziert und unbeteiligt wie er die Dinge nun betrachtet, liegt die Lösung auf der Hand.

Der Nerz wird befördert, das Wildschwein elegant versetzt. Die Füchsin unterstützt, das Reptil geschult, und die Elster würde einfach weiter machen wie bisher. Diese Krise würde das Team stärker zusammenschweißen, als er es mit all seinen Zaubern jemals hätte konstruieren können.

Adrian erlaubt sich ein verspieltes Lächeln.

Danke, du Teufel, denkt er dabei. Ohne deinen luziferischen Einfluss hätte ich das nie geschafft.