AUFKLAERER (1) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Aufklärer

- 1 -

JANNIK ABERG

Die Schule ist ohne Frage eine Institution mit vielen Aufgaben. In einer kreativen Kombination aus Wildtiergehege, Sträflingslager, Folterkammer, Schlaflabor und Indoktrinationskerker soll guten Kindern ebenjene Kreativität ausgelehrt werden, um sie zu guten Bürgern umzuerziehen. Jannik war sich sicher, dass sie der einzige Ort sein musste, an dem Erwachsene auf legale Weise Minderjährige quälen können.

Nicht ohne Grund leiden viele Jugendliche nach dem Schulabschluss an »Postscholastischer Depressionsstörung«, deren Therapie eine Vierzigstundenwoche vorsieht, wahlweise am Fließband, an der Registrierkasse oder am Tankstellenschalter.

Das diabolische Treiben hinter den Mauern dieser geistigen Leichenhallen wird von den Erwachsenen meist nur milde belächelt. Jannik wusste nicht genau, ob sie sich dabei den Schwachsinn ausmalten, den ihre Kinder täglich erleiden müssen oder sich bloß vorstellten, wie lustig es wäre, die modernen Henker ganz traditionell mit faulem Obst zu bewerfen.

Der kleine Luchs war über seine miese Laune erstaunt und auch irgendwie erschrocken. Vielleicht hatte er sich gestern Abend zu viele sozialkritische Videos angesehen, statt am Ethikaufsatz zu schreiben.

Oder es lag einfach daran, dass er in der brütenden Vormittagshitze rund um das Schulgebäude gejagt wurde — eine Tätigkeit, für die die Lehrer das Codewort »Sporterziehung« erfunden hatten.

Frau Bos hatte sich zum Leidwesen aller Beteiligten — sie ausgenommen — für einen Ausdauerlauf entschieden. Während die Gequälten draußen im eigenen Schweiß gebraten wurden, konnten die Schüler, die im Gebäude auf ihren bequemen Stühlen und in gekühlten Klassenzimmern saßen, den Sklavenaufmarsch beobachten.

Jannik hasste Sport. Vor allem dann, wenn sich die Schinderei über mehrere Stunden erstreckte.

Nach der achten Runde um das Schulgebäude keimte die Vermutung, dass der Architekt mit den Lehrern unter einer Decke stecken musste. Durch die unzähligen Gebäudeteile, Seitenflügel und Verbindungsgänge hatte der Erbauer gründlich dafür Sorge getragen, dass bei einer Umrundung der Schule die größtmögliche Strecke zurückgelegt werden musste.

Gefühlt war Jannik bereits bis zum Mond gelaufen. Seine Zunge hing so weit aus seinem Mund, dass er befürchtete, über sie zu stolpern.

Im Schatten eines Baumes suchte er Abkühlung und ging schnaufend und genervt am Stamm in die Hocke. Sein Magen knurrte und er rieb ihn sacht, um ihn zu beruhigen.

Wer war bloß auf die Idee gekommen, den Sportunterricht gleich an den Anfang des Tages zu legen? Es würden noch mehrere Stunden folgen, bevor man die ausgetriebenen Kalorien wieder zu sich nehmen konnte. Wer immer es war, musste ein passionierter Kinderschänder sein.

Um Jannik hatten sich einige andere, ebenso keuchende Schüler eingefunden.

»Ich ersticke gleich«, meldete ein Wolf. »Ich brauch 'ne Kippe.«

»Nuckel besser an was anderem!«, kam die Antwort und kurze Zeit später klebte ihm ein labbriger Gegenstand im Gesicht. Kondom.

Er zog es ab und warf es zurück. »Fick dich, David!«

Heute war ein ganz besonderer Tag — wobei eigentlich die ganze Woche etwas Besonderes war, oder etwas Absonderliches, je nach Blickwinkel. Auf dem Lehrplan stand nämlich das Thema »Aufklärung«. Dabei gedachte man, den Schülern eine »adäquate Erziehung in sexuellen Themen zu geben«.

Man sollte sich jedoch niemals darauf verlassen, dass das Bildungsamt weiß, was adäquat ist.

Beim Informationsflyer, der mit »informativen, respektvollen und unterhaltsamen Lehreinheiten« warb, hatte Isak bloß die Augenbrauen hochgezogen und Kaja gefragt, ob dergleichen unbedingt notwendig für Janniks Schulbildung sei.

Als Jannik aber den Vorschlag unterbreitet hatte, sich bei Jake über das Thema informieren zu können, unterschrieb Isak die Einverständniserklärung ohne weiteres Mucken.

Kaja hatte gelacht und das wohl für einen Scherz gehalten.

Isak eher für eine Drohung.

Das war aber beides falsch. Tatsächlich hätte Jannik lieber mit Jake über dergleichen gesprochen, wenn es sich schon nicht vermeiden ließ. Jedem war hinreichend bekannt, dass Füchse äußerst aufgeklärte Gesellen sind und praktisch jeder etwas Neues von ihnen lernen konnte — wovon man das meiste aber wahrscheinlich lieber nicht wissen wollte.

Allerdings hätte Isak seinen Sohn dann wohl doch lieber persönlich aufgeklärt, statt ihn in der Obhut eines fuchsigen Liebesakrobaten zu wissen. Zumal er wahrscheinlich währenddessen nervös den Küchentisch mit seinen Krallen bearbeitet hätte, bis Kaja ihn als moderne Kunst neben eine ihrer Skulpturen hätte stellen können.

Also fand sich Jannik auch heute widerwillig in der Schule wieder und stellte fest, dass die Aufklärungsaktion zumindest vom Unterhaltungswert her zu punkten schien.

Gulp trug eine Halskette aus kunterbunten Kondomen und eine rosa Brille. Die elastischen Penisschoner konnte man auch an anderen Stellen finden — zum Beispiel als dekorativer Behang für Kübelpflanzen oder als Girlanden an den Fenstern.

Wenn irgendein Mitglied des Elternrates oder bloß die Alte aus der Bäckerei nebenan den Schulhof betreten würde, fiele ihr beim Anblick der illustren Penisdeko vor Scham und Entsetzen sicher das Fell aus.

Welche philosophischen Gedanken sich die Hersteller beim Design ihrer Spermaaufbewahrungsbehältnisse gemacht hatten, war den Schülern offensichtlich völlig egal. Sie waren elastisch, man konnte sie überziehen und auf Leute feuern oder aufblasen und mit Wasser gefüllt auf jemanden werfen. Alles, was das Schülerherz begehrt.

Eigentlich waren Kondome den höheren Klassenstufen vorbehalten, aber was hatte man im Bildungsamt denn erwartet?

Bereits nach der ersten Unterrichtsstunde hielten Schüler Tauschgeschäfte ab: »Du bekommst von mir eins für Hunde und eins für Katzen, wenn du mir das für Pferde gibst.« — »Ist das noch ein Kondom oder schon ein Einweghandschuh?«

Die Doppelstunde Körperfolter war endlich vorüber und Jannik bahnte sich seinen Weg ins Klassenzimmer. In den Fluren lagen noch mehr Liebesgummis verstreut wie das schillernde Konfetti der letzten Neujahrsfeier.

Von seinem Rucksack zupfte er in regelmäßigen Abständen eins ab, da wohl wieder irgendwer gemeint hatte, es sei witzig, ihn damit zu verschönern.

»Otter Protect. Geschmeidig und feucht.« Mit Fischgeschmack. Wer auch immer so was geil findet. Und es klebte wie Kaugummi.

Jannik hörte Gelächter hinter sich, als er versuchte das Kondom abzuziehen.

Er ignorierte es. Warum konnte der Luchs nicht an einer normalen Schule sein? An einer Schule wo man nur lachte, wenn ein Witz erzählt wurde. Was war der Witz an Kondomen? Was die Pointe? Was so lustig daran, sie anderen auf den Rücken zu kleben oder ins Gesicht zu werfen? Der dumme Blick, den ihre Opfer dabei machen?

Mühsam zupfte Jannik das Otterkondom ab und warf das Glibbergummi weg.

Er hätte besser aufpassen sollen wohin, denn plötzlich klebte es einem Wildschwein auf der Nase.

Siehe da, das Schwein fand das auch nicht lustig. Es fand die Angelegenheit sogar so unlustig, dass Jannik befürchtete, gleich dessen Hauer im Hals stecken zu haben, wenn er sich nicht schleunigst um die nächste Ecke verzöge.

Er hörte das Schwein bloß wütend grunzen, als er in einen Seitengang abbog und verschwand.

Wieder meldete sich sein Magen.

Genervt warf er einen Blick auf sein Handy, um den Speiseplan zu prüfen. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn dadurch wurde sein Magen nur noch wütender.

Er inspizierte zur Ablenkung lieber den Online-Stundenplan. Auch dieser zeigte heute ein kunterbuntes Durcheinander aus verschiedenfarbigen Kommentaren, die von Gulps Account gepostet worden waren.

Anscheinend hatte es wieder irgendwer geschafft, den Schulaccount zu hacken und Gulp globale Rechte einzuräumen. Diese hatte der Hirschhundhase auch eifrig genutzt, um das Banner des Schulprofils zu tauschen. Statt der Szene aus einem Klassenraum war dort nun eine aus dem Horrorfilm »House of Pain« zu sehen.

Den Unterschied würde aber sicher niemand bemerken.

Der gestrige Tag war mit »Mösenmittwoch« überschrieben worden und heute war »Dödeldonnerstag«. Dabei kamen die männlichen Schüler der siebten und achten Klassen in den Genuss, mehr über die Anatomie ihres eigenen Körpers zu erfahren.

Der Luchs war sich nicht sicher, ob dieses Thema Algebra in Sachen Nervenkitzel überbieten könnte. Als Referenten mussten dafür ältere Schüler aus der Zehnten oder Elften herhalten, damit die Jungen ermutigt wurden, in einer »ungezwungenen Konversation Mut zu fassen, um über die Besonderheiten ihrer Kameraden zu lernen und Fragen zu stellen, die sie nicht an Erwachsene oder Erzieher richten möchten«.

Jannik war sich nicht so ganz sicher, ob er diese Idee als genial erachten sollte oder als gestört. Wahrscheinlich ein wenig von beidem.

Er erspähte Niklas, der gerade um die Ecke huschte. Der Luchs konnte sich nicht erinnern, ihn beim Sport gesehen zu haben.

Es sah ganz so aus, als war der Waschbär anderweitig beschäftigt gewesen, denn er stopfte gerade einige der Kondome in seinen Rucksack.

Jannik stellte sich daneben und beobachtete, wie er sie kritisch begutachtete, zwei, drei aussortierte, wegwarf und den Rest in eine Innentasche steckte.

Niklas sah auf. »Die sind gut zum Fallenbau«, erklärte er, als er den argwöhnischen Blick des Luchses bemerkt hatte.

Der kompromisslose Pragmatismus des Waschbären brachte Jannik zum Grinsen.

Niklas schien zu glauben, dass der Luchs seine Erklärung nicht für voll nahm. »Die sind extra stark. Wenn man die längs aufschneidet und dann die Enden zusammentackert, kann man — warum erzähl ich dir das überhaupt?«

Rasch warf er den Rucksack über die Schulter und huschte an Jannik vorbei ins Klassenzimmer.

Waren die Innenseiten seiner Ohren etwa gerade rot geworden?

Die nachfolgenden Unterrichtseinheiten entpuppten sich als eine Art Komödientheater, in welchem Schüler aus höheren Klassen versuchten, anatomisches Grundlagenwissen zu vermitteln.

Dabei gab es durchaus viel über den Reproduktionsapparat der verschiedenen Spezies zu lernen, den man in diesen Kreisen aber fachmännisch als Lümmel oder Pimmel bezeichnete. Besonderer Fokus lag auf den erstaunlichen körperlichen Unterschieden der verschiedenen Artgenossen.

Wer hätte denn schon gedacht, dass der Penis eines Schafbocks einen Wurmfortsatz hat? Wohl niemand außer Mike der Widder. Und da Keyon meinte, dass so ein Wurmfortsatz wie ein Strohhalm aussehe, wurde Mike nun von allen beim Namen genannt, wenn sie ihre Limo durch einen solchen schlürften.

So einfach brachte man Schülern Neues bei, das sie sogleich mit Begeisterung missbrauchten.

Den Punkt, an dem Schüler ihren Kameraden ungezwungen Fragen stellen konnten, hatten sich die Verantwortlichen des Lehrplans sicher auch anders vorgestellt.

»Katzenpimmel haben Widerhaken? Tut das weh, wenn man damit in der Unterhose hängen bleibt?«, kam die Frage aus dem Raum und Referent Chuma schien wieder einen halben Zentimeter kleiner zu werden. Seine Ohrläppchen waren völlig blass geworden und in der Pfote hielt er einen Zettel mit Notizen, dessen nervöses Knistern neben leisem Kichern das einzige Geräusch im Raum war. Die anderen Schüler warteten gespannt auf seine Antwort, während sie ihn erbarmungslos anglotzten.

Jannik fühlte sich schlecht für den großen Tiger. Chuma hatte sich hierfür augenscheinlich nicht freiwillig gemeldet. Gleichzeitig amüsierte es den Luchs auf eine perfide Art, die Großkatze in einer solch beschämenden Situation zu sehen.

Er erinnerte sich, was für ein Mistkerl Chuma sein konnte und an seine große Klappe. Witzig, dass es ihm jetzt die Sprache verschlagen hatte und er wohl am liebsten tot umgefallen wäre.

»Sammelt sich zwischen den Haken Dreck, den man abwaschen muss?«

Verlegen richtete Chuma seinen Blick auf den Boden.

»Tun die dem Weibchen weh, wenn man mit ihm schläft?«

Seine Ohren senkten sich beschämt.

Ginge es nach Jannik, hätten alle diese Fragen ein Sternchen verdient. Sie passten perfekt zum Thema und sie zahlten dem Schlägertypen seine Fiesheiten auf eine Weise heim, gegen die er sich nicht wehren konnte. Hier waren seine Muskeln völlig nutzlos.

Nach knapp einer halben Stunde wurde Chuma endlich erlöst, als Frau Gruber den Raum betrat, er seine Sachen packen und mit eingezogenem Kopf schnellstmöglich verschwinden konnte.

Es war schwer zu sagen, ob die Häsin das Gekicher als geglückte Unterrichtseinheit interpretierte oder als peinliche Komödie. Sie warf einen Blick auf den Lehrplan und verkündete, dass als nächstes Hunde, Wölfe und Füchse an der Reihe seien.

Glucksend starrten die Schüler auf die Tür und tauschten Vermutungen aus, wer der nächste Referent sein würde.

Für einen kurzen Moment hoffte Jannik, Jake käme durch die Tür. Es wäre so cool gewesen, ihn als Referenten zu haben. Aber er war schon lange kein Schüler mehr und die Lehrer waren ohnehin ziemlich schlecht darin »coole Typen« auszusuchen.

Die Gestalt, die stattdessen den Klassenraum betrat, ließ das Kichern verstummen und ein Raunen folgte.

Das war ein Pudel, dem jemand alle Farbe gestohlen zu haben schien. Schwarzes Fell, schwarze Jeans, schwarzes Muskelshirt. Nur besaß er absolut keine Muskeln. Stattdessen hing es einfach lose von seinen Schultern und enthüllte die unterm Fell schimmernden Rippen des hageren Köters.

»Schön, dass du kommen konntest«, sprach Frau Gruber.

»Musste«, gab der Pudel zurück.

»Darf ich dich als Caspar oder als Herrn Saborowski vorstellen?«

»Als ›Eure Eminenz. Gebieter über die Analmöhre‹.«

Er und Frau Gruber warfen sich bissige Blicke zu.

Dann verbeugte er sich vor der Klasse, als wäre er ein Darsteller, der sich allerdings im falschen Film befand.

Dieser Vergleich kam Jannik seltsam passend vor, denn die düster-farblose Gestalt passte so gar nicht hierher. Nicht nur passte der Pudel nicht zu den anderen Schülern, er schien auch nicht zu dieser Schule zu gehören. Jannik hatte ihn hier noch nie gesehen.

Der Typ war nicht einmal eine Minute im Klassenraum und bereits jetzt konnte Jannik ihn nicht ausstehen. Er hatte irgendetwas an sich, das dem Jungen unheimlich vorkam.

Er überlegte, wie alt der Typ wohl sein mochte. Achtzehn? Zwanzig? Noch älter? Schwer zu sagen durch das kurzgeschorene Fell.

Jannik stellte sich vor, dass solche Typen des Nachts am Bahnhof herumlungerten und mit Messer und Bierflasche bewaffnet Passanten bedrohten, die aus Versehen ihr Revier durchquerten.

Was für ein fieser Gedanke, dachte der Luchs plötzlich und schämte sich dafür. Schon wieder urteilte er über einen Hund, nur weil er seltsam aussah. Genauso wie bei dem Rapper — nein, bei dem EBM-Musiker. Oder so. Das war nicht fair dem Pudel gegenüber. Vielleicht war er ein cooler Typ, der nur etwas seltsam aussah.

Caspar grinste in die Klasse und ließ seine Augen über die Schüler wandern wie ein Zielfernrohr, mit dem er jeden kurz ins Visier nahm.

Okay, ein Typ der sehr seltsam aussah.

Frau Gruber brummte, schob ihre Brille gerade und bewegte sich in Richtung Tür. »Denke daran«, riet sie Caspar vor dem Verlassen. »Kein Blödsinn!«

»Sicher.« Er blickte ihr nach und grinste. Dann sprangen seine Augen wieder zur Klasse.

Jannik versuchte seine Vorurteile herunterzuschlucken und ebenfalls zu lächeln. Trotzdem fröstelte er, als der Blick des Pudels über ihn wanderte.

Ja, unheimlich.

Jannik hörte einige Schüler hinter sich flüstern. Scheinbar kannten manche von ihnen den Sonnenschein und tauschten heimlich Geschichten aus.

»Ich bin heute euer Lehrer«, hob Caspar so plötzlich die Stimme, dass Jannik zusammenfuhr. Es klang fast wie eine Drohung. »Sozialdienst, weil ich jemandem beim Schlafen geholfen hab. Und ich erzähl euch 'n bisschen über Sex.«

Der Luchs konnte spüren, wie die Worte sein Nackenfell zum Kribbeln brachten. Den Begriff »Sex« über die Lippen dieses Typen kommen zu hören, schien etwas Blasphemisches an sich zu haben.

Der Pudel ließ einen Lederrucksack von den Schultern rutschen und kramte darin herum.

Mit einem »Voilà« holte er einen Gegenstand hervor und hielt ihn in die Höhe wie Excalibur, das er soeben aus dem Stein gezogen hatte.

Ein schwarzer Dildo. Er schimmerte im Licht wie eine satanische Reliquie aus einem Trash-Horrorfilm.

»Phallus canis«, verkündete Capsar.

Toll. Es klang sogar wie eine.

»Die sagenumwobene Rammelrute des Hundsvolkes. Prächtig, anmutig, museumswürdig.« Er ging auf die Knie und hielt den Gummipimmel andachtsvoll vor sich. »In ihrem Sinne wurden Kriege geführt und Imperien gegründet. Mit ihr wurden Völker geboren und Jungfrauen gerichtet. Sie ist Leben. Sie ist Tod.«

Jannik spürte wie sein Handy vibrierte und er warf einen kurzen Blick darauf. Eine Nachricht von Niklas: »caspar scheint pimmel etwas zu sehr zu mögen.«

Der Luchs gluckste verkniffen und verdeckte den Mund mit der Hand. Er wollte nicht die Aufmerksamkeit des Typen auf sich ziehen.

Der Pudel erhob sich wieder und fuhr mit dem Finger über den Dildo. »Man beachte die Verdickung im unteren Bereich — die Bulbus glandis — gemeinhin auch einfach Lustknoten, Mösenstöpsel, Bumsbeule oder Wichswarze genannt. Bei der Erektion schwillt dieser Bereich faustgroß an und verhindert das Herausrutschen aus dem Sexpartner.«

Er umgriff den Dildo mit der Pfote und demonstrierte das Ganze. Der Anblick rief in Jannik ein unbehagliches Gefühl hervor.

»In Pornos wird der Schwengel meist mit angeschwollenem Knoten gezeigt. Das ist aber Gülle, da er erst kurz vor dem Abspritzen seine volle Größe erreicht. Auch kann man niemanden mit geschwollenem Schwanz vögeln. Dazu ist das Loch zu eng. Entweder man steckt drin oder nicht. Und wenn man steckt, dann so lange, bis die Lustlanze wieder abgeschwollen ist.«

Er holte aus und warf den Dildo in die Klasse.

Kai fing ihn auf und betrachtete ihn belustigt. Er ahmte eine Schüttelbewegung nach und alle lachten.

Er reichte ihn weiter zu Keyon, der angeekelt das Gesicht verzog.

»Nicht so schüchtern«, ermutigte Caspar. »Den hab ich erst einmal benutzt.«

Keyon fuhr zurück und stieß den Dildo angewidert davon. Er rollte über den Boden, von wo ihn Caspar aufsammelte und auf den Lehrertisch stellte.

»Vorsicht. Der ist empfindlich«, mahnte der Pudel und kramte wieder im Rucksack.

Diesmal zog er einen kleinen Becher hervor, schüttelte ihn und stach mit seiner Kralle ein Loch in den Deckel.

»Bei Erregung erzeugt der Hundekörper große Mengen an Vorsaft, welcher der eigentlichen Ejakulation vorangeht.«

Er hielt den Becher über den Dildo und aus dem Loch lief eine weiße Flüssigkeit, bei der es sich lediglich um Buttermilch handelte, was aber in dieser Situation sehr, sehr falsch aussah.

»Der Saft dient unter anderem als natürliches Gleitmittel.«

Er bewegte seinen Finger am Gummi auf und ab und verteilte die Milch sorgsam um den Schaft und die Eichel des Modells.

Jannik legte seine Pfoten vor die Augen. Er spürte, wie seine Ohren heiß wurden und nun auch sein restliches Rückenfell zu kribbeln begann.

Das war so peinlich. Neben sich hörte er angeekeltes Raunen.

Caspar schleckte die Buttermilch ab.

Wieder meldete sich Janniks Handy: »bitte. ich will jetzt sterben.«

»sei stark«, tippte der Luchs.

»die buttermilch ist stärker.«

»Fast vergessen«, rief Caspar und zog sein Handy aus der Tasche. Während er darauf herumtippte, gab er dem kleinen Tischchen mit Beamer einen Tritt und beförderte es in die Mitte des Raumes.

Es schien eine Vorführung zu folgen.

Mit böser Vorahnung drückte Jannik die Pfoten vor die Stirn.

Caspar hatte den Beamer noch nicht einmal angeschaltet, da flimmerten dem kleinen Luchs schon unangenehme Dinge vor den Augen umher.

Bitte, hab Erbarmen.

Nach kurzem Herumprobieren hatte Caspar es geschafft, den Inhalt seines Handys als Bild an die Wand zu werfen. Dieser stellte ein völliges Chaos diverser Apps und Programmfenster dar, durch die sich wohl nur ein Genie oder ein Irrer navigieren konnte.

Der Pudel wischte, ein Liedchen summend, einige der Inhalte beiseite, bis er die Fotogalerie fand. Dort tauchte ein Foto von ihm selbst auf, wie er in die Kamera grinste und winkte.

»Canis Lupus Familiaris Sapiens«, plapperte er und zeigte auf das Foto. Mit dem Dildo in der Pfote wie ein Zeigestock.

Er wischte über den Bildschirm und ein neues Bild erschien. Diesmal von einem Wildhund. Ziemlich tot.

»Canis Lupus Familiaris mortuus. Hab ich im Hof beim alten Kino gefunden. Lag schon 'n paar Tage da. Raben haben die Augen rausgeknabbert.«

Er wischte erneut und bei der folgenden Nahaufnahme ging ein angewidertes Keuchen durch die Reihen.

»Und das ist er nach einer Woche. Und so sieht's nach zweien aus. Da ist noch ein Rabe zu Besuch.«

Jannik fragte sich, ob das noch zum Unterricht gehörte oder ob er bloß sein nekrophiles Tagebuch durchblätterte.

Caspar schien sich zu erinnern, was er eigentlich zeigen wollte und es erschien ein weiteres Foto von ihm selbst.

»Das ist der Canidenkörper.«

Bitte nicht, flehte Jannik innerlich, denn das Foto zeigte den Pudel nackt.

Warum hatte er ein Foto von sich selbst gemacht und kein schematisches genommen? Wer machte so was?

Hinter sich hörte der Junge ein aufgeregtes Raunen, das irgendwo zwischen Ekel und Erheiterung lag. Die anderen schienen auch nicht so recht zu wissen, wie sie darauf reagieren sollten.

Dabei war das hier noch nicht das Schlimmste. Der Pudel mochte zwar nackt sein, aber sein Fell bedeckte auf natürliche Weise die wichtigen Körperteile.

Das beste Stück der Caniden ist im entspannten Zustand in einer Hauttasche verborgen, um sich neugierigen Blicken zu entziehen. Genau genommen gilt es nicht einmal als illegal, sich nur im Fellgewand zu zeigen, solange sich der Liebesknochen nicht sonnen möchte. Es war nur sehr verpönt.

Aber im Moment war das Problem, dass Jannik das miese Gefühl hatte, dass es bei diesem Foto nicht bleiben —

»Und das ist der Canidenkörper im Zustand der Erregung.«

Warum? Warum musste Jannik recht behalten?

Einige Schüler schrien auf, während die anderen in lautes Gelächter ausbrachen.

Das Gekreische schien so laut gewesen zu sein, dass sich kurze Zeit später die Tür des Klassenraums öffnete und die verwunderten Frau Gruber und Herr Glis mit Kaffeebechern in den Pfoten hereinstarrten.

Als die Häsin einen Blick auf die Projektion erhaschte, bewegten sich ihre Löffel schlagartig südwärts und sie drückte Herrn Glis ihren Kaffee in die Hand, um hastig nach Caspars Handy zu greifen. Panisch tippte sie darauf herum, in der Hoffnung, das furchtbare Foto loszuwerden.

»Ich würde da nicht dran rumspielen, da als nächstes — genau, da als nächstes die Ejakulation kommt.«

Wieder schrie die Klasse auf, Caspar lachte und Frau Gruber war kurz vor einem Wutanfall.

Jannik konnte sich nicht daran erinnern, je eine Unterrichtsstunde so schnell und so peinlich beendet gesehen zu haben.

Die Schüler wurden in die Mittagspause entlassen, während Frau Gruber Caspar am Kragen packte und zum Direktor schleifte. Der Pudel grinste die ganze Zeit und sein einziger Protest galt der Häsin, die sein Shirt ausleierte.

Dann war er verschwunden, genauso plötzlich wie er aufgetaucht war. Und er wurde an der Schule nicht mehr gesehen. Jannik grübelte darüber nach, ob die Lehrer im Keller einen Kerker besaßen, für die seltsamen Schüler, die nur einmal im Jahr an die Oberfläche gelassen wurden. Das würde ziemlich viel erklären.

Niklas stand mit betretenem Gesichtsausdruck neben Jannik. »Ich hasse Pudel«, raunte er.

Der Luchs klopfte ihm beschwichtigend auf die Schulter.

Einen guten Dienst hatte Caspar ihnen getan: Sie durften früher in die Mittagspause und Janniks Magen bedankte sich knurrend.

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Update 2020-04-10