Drachenauge - Kapitel 12: Schicksal
Kapitel 12 von 24
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Gruß
Turmalon
„Rianna!“, war Turmalon erster Gedanke, als er wieder zu Bewusstsein kam. Gleichzeitig kamen auch die Erinnerungen daran, was nur wenig zuvor passierte war. Beinahe wäre es ihm gelungen, sich seiner Geißel zu entledigen, die nun auch noch damit gedroht hatte Rianna etwas anzutun.
Schwerfällig raffte sich de Drache auf und wollte nach ihr sehen. Er konnte nur hoffen, dass Rak'Zunaih sie noch nicht gefunden hatte. Da der Lyzarie aber nicht mehr anwesend war hatte er ein ungutes Gefühl. Hinzu kam, dass auch keiner der Dorfbewohner mehr zu sehen war.
„Bitte warte!“, hörte Turmalon plötzlich Viktors Stimme hinter sich, als er losgehen wollte.
Bedrohlich knurrend drehte sich der Drache zu dem Mann um,sah ihn dann aber verwundert an. Viktor saß, mit einem Seil um die Brust, gefesselt auf dem Boden.
„Was ist geschehen? Wieso hat man dich gefesselt?“, wollte Turmalon sofort wissen und näherte sich dem alten Mann, „Geht es dir gut?“
„Ja, mit mir ist alles in Ordnung!“, erwiderte Viktor, „Das war Hotrik. Er war der festen Überzeugung, dass du, sobald du wieder aufwachst, hier alles in Schutt und Asche legen würdest. Und dieser Fremde hatte ihn in diesem Glauben auch noch bekräftigt. Sie sagten zu mir, dass ich dir ausrichten soll, dass wenn du hier tatsächlich irgendetwas zerstören solltest, sie nicht für das Wohlergehen des Mädchens garantieren könnten!“
Schnaubend schüttelte Turmalon vor Abscheu den Kopf und beteuerte: „Das wäre mir niemals in den Sinn gekommen!“
„Der Meinung war ich auch. Zumindest solange, bis du das Haus hinter mir dem Erdboden gleich gemacht hattest. Auch die Worte dieses Mannes gaben mir Zweifel an dir“, erwiderte Viktor seufzend. „Aber wie mir scheint habe ich mich doch nicht ganz in dir getäuscht. Den beiden schien es herzlich egal gewesen zu sein, ob auch ich das Ganze unbeschadet überstehen würde. Schließlich hatte ich aus bestem Gewissen für dich gebürgt und war daher auch schuld daran, dass du hier geblieben bist. Wegen dir bin ich vor dem gesamten Dorf in Ungnade gefallen. Auch wenn ich nicht in der Position bin, Forderungen stellen zu können, denke ich dennoch, das du mir eine Erklärung schuldest.“
„Das hat Rak'Zunaih, der Fremde wie du ihn nanntest, zu verantworten! Es würde zu lange dauern, dir zu erklären, wie er dies genau tat. Allerdings können wir das gerne später noch nachholen. Mir geht es erst einmal darum zu erfahren, wo Rianna ist!“
„Hotrik hat diesem … Fremden gezeigt wo er sie findet. Daher sind sie direkt zu meinem Haus gegangen um sie zu hohlen. Hotrik hatte sie sich auf die Schulter gelegt, und beide hatten anschließend das Dorf verlassen. Wo sie allerdings hin gegangen sind konnte ich nicht erkennen. Jedoch bemerkte der Fremde bevor er losgegangen war, dass du wüsstest wo du ihn finden würdest.“
Turmalon überlegte einen Moment. Das Rak'Zunaih die Drachenträne wieder zurückerlangt hatte, stand außer Zweifel. Des Weiteren war er sich sicher, dass Rianna sie nicht bei sich hatte, als die beiden hier herunter kamen. Wenn er sich richtig erinnerte, dann hatte sie den Stein in ihrer Tasche verstaut und diese war noch im Hort als sie ihn verließen. Allerdings fragte er sich, woher Rak'Zunaih diesen Ort kannte und vor allem, wieso wusste er das sie beide hier waren.
Unweigerlich musste Turmalon sich an ein Versprechen erinnern, welches der Lyzarie ihm einmal gab, als er das erste Mal versuchte, sich vor ihm zu verstecken. Damals sagte Rak'Zunaih, dass es keinen Sinn haben würde, da er ohnehin immer wüste wo er sei. Das dies tatsächlich so war, wurde Turmalon jedoch erst bewusst, als Rak'Zunaih ihn in Riannas Heimat aufgespürt hatte. Da er dort aber auch die Drachenträne verlor, welche Rianna anschließend fand, hatte Turmalon eigentlich gehofft, endlich vor dem Lyzarie sicher zu sein. Doch wie sich nun herausstellte, hatte Turmalon sich zu früh gefreut. Es würde für ihn wohl nur einen Weg geben, wie er vor Rak'Zunaih endgültig sicher wäre. Dabei nahm Turmalon es Hotrik und den anderen Dorfbewohnen nicht einmal übel, dass wegen ihnen dieses Ziel wieder in weite Ferne gerückt war. Er war sich sicher das Rak'Zunaih, wie so oft, die Dorfbewohner manipuliert hatte und sie deswegen aus reiner Angst gehandelt hatten.
Turmalon musste all dem endlich ein Ende setzen. Er wusste, wenn er den Willen dazu aufbrachte, konnte er Rak'Zunaihs Magie überwinden. Jedoch konnte er nicht einschätzen, was der Lyzarie mit Rianna vor hatte und inwiefern sie in Gefahr wäre, wenn er den Lyzarie direkt angreifen würde. Ihm blieb also nichts anderes übrig sie schnellst möglich außer Gefahr zu bringen, sobald er der Hort betrat.
„Wo willst du hin?“, wollte Viktor wissen, als der Drache sich von ihm abwandte und auf den Weg machte.
„Mein Schicksal herausfordern!“, antwortete Turmalon ohne zurückzusehen.
Sofort nachdem er das Dorf verlassen hatte, breitete er seine Flügel aus und erhob sich mit einigen kräftigen Schlägen in die Luft. Es dauerte nur wenige Momente, bis er das Plateau vor dem Eingang des Hortes erreicht hatte.
Nach dem er gelandet war hielt er kurz inne und fragte sich, ob er direkt hineingehen oder sich anschleichen sollte. Dann aber wurde ihm wieder bewusst, dass Rak'Zunaih wahrscheinlich bereits wusste, dass er hier war. Ohne weiter zu zögern ging er durch den kurzen Tunnel des Eingangs und betrat die Höhle.
„Na endlich! Ich hatte schon langsam, ernsthafte Zweifel daran, ob du überhaupt noch kommen würdest! Aber wie es scheint, habe ich doch recht damit behalten, dass dir an diesem Menschenweib sogar mehr als an deiner eigenen Freiheit liegt. Oder wieso bist du sonst hierhergekommen?“, fragte Rak'Zunaih. Dieser stand Turmalon gegenüber, am anderen Ende der Höhle. Rianna hingegen lag, zusammengekauert, nicht unweit vom Eingang entfernt und somit außer Reichweite für den Lyzarie.
„Du hast tatsächlich Recht! Sie bedeutet mit mittlerweile mehr, als sonst irgendwas!“, erwiderte Turmalon knurrend und ging langsam auf Rak'Zunaih zu. „Aber du Irrst gewaltig, wenn du glaubst, dass ich mich dir jemals wieder unterwerfen werde!“
„Glaubst du? Was macht dich den da Plötzlich wieder so sicher?“ wollte Rak'Zunaih wissen. „Das hörte sich vorhin aber noch ganz anders an, als ich das Menschenweib erwähnte!“
„Dieses Mal weiß ich sie aber vor dir in Sicherheit!“, erklärte Turmalon.
„Ist das so?“, fragte der Lyzarie erstaunt und holte die schwarze Drachenträne hervor. „Du scheinst die hier schon wieder vergessen zu haben! Oder? Dieser Mensch hat dich vorhin offensichtlich härtet am Kopf getroffen als ich dachte.“
„Mach du nur deine Scherze!“, meinte der Drache und schnaubte dabei. „Aber weder die, noch der Stein werden dir etwas nützen, wenn ich dir hier und jetzt den Kopf von den Schultern reiße!“
Turmalon stand nun etwa in der Mitte der Höhle und somit genau zwischen Rianna und Rak'Zunaih. Er neigte den Kopf in ihre Richtung. Gerade so weit, dass sie in seinem Augenwinkel erschien. Da der Drache aber nichts entdecken konnte, was ihr gefährlich werden könnte, wandte er sich wieder dem Lyzarie zu. Dieser saß noch immer in seiner Nische und hatte sich, seit Turmalons Ankunft, kaum gerührt.
„Nein die Drachenträne wird dir jetzt nicht mehr helfen!“, wiederholte Turmalon und nahm eine geduckte Haltung ein, aus der er heraus angreifen wollte. Fest entschlossen dem ganzen endlich ein Ende zu setzen, sprintete er Rak'Zunaih entgegnen.
„Du bist es der sich irrt!“, meinte Rak'Zunaih unbekümmert.
Turmalon hatte gerade mal drei oder vier Schritte getan, als Rianna plötzlich gequält aufschrie. Der Drache blieb abrupt stehen und drehte sich nach ihr um. Verwundert sah er sie an und versuchte zu ergründen was mit ihr geschah, konnte aber nicht erkennen wieso sie so schrie.
Hilflos zusehend ging Turmalon einige Schritt auf Rianna zu, bis ihm schlagartig klar wurde, was vor sich ging. Sofort wandte er sich wieder Rak'Zunaih zu und flehte ihn an: „Nein, hör bitte auf damit!“
Kurz darauf verstummten Riannas schreie und sie wimmerte nur noch leise vor sich hin.
„Ich versprach dir ja, dass ich sie ab nun unter deinen Ungehorsam leiden wird!“, erinnerte Rak'Zunaih grinsend. „Es liegt alleine an dir wie häufig das sein wird. Aber denk daran, sie ist nur ein Mensch und wird vermutlich nicht im Ansatz so viel ertragen können wie du.“
Rianna zuckte zusammen, als Turmalon sie mit der Schnauzte an der Schulter berührte, was auch ihn zurückschrecken ließ.
«Entschuldige Bitte, dass du dies wegen mir durchmachen musst. Bleib stark! Ich werde einen Weg finden, uns wieder von ihm zu befreien.»
Erst kurz nachdem der Drache das Dorf verlassen hatte, trauten sich die Bewohner wieder aus ihren Hütten.
„Unglaublich! Hotriks Plan hat tatsächlich funktioniert“, meinte jemand erstaunt.
„Nein, hat er nicht!“, widersprach Viktor, der noch immer gefesselt am Boden saß. „Er hatte nie vor, jemandem von uns irgendetwas anzutun!“
„Rede keinen Unsinn Viktor! Du hast selbst gehört was der Fremde sagte. Und was mit Torbens Haus passiert ist, ist wohl kaum zu übersehen!“
Viktor sah schnell ein, dass es keinen Sinn hatte, sie jetzt vom Gegenteil zu überzeugen. Sie haben nicht mitbekommen, dass dieser Drache nicht einmal einen Groll gegen Hotrik hegte, der ihn schließlich niedergeschlagen hatte. Dass hatte dann auch ihn, nachdem er kurz zweifelte, davon überzeugt, dass man den Worten des Drachen trauen konnte. Im Gegensatz zu denen des ominösen Fremden.
„Könnte mich bitte jemand von diesen Seil befreien?“, beschwerte sich Viktor und wandte sich in seinen Fesseln. Doch hatte Hotrik ganze Arbeit geleistet und ihn sorgfältig verschnürt, sodass er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien konnte. „Ich habe getan was ihr von mir verlangt habt und wie ihr seht, lebe ich noch. Es gibt also keinen Grund wieso ich noch hier sitzen muss!“
„Ja, ja, wir sehen es“, meinte ein anderer geringschätzend und begann die Knoten zu lösen.
Nachdem Viktors Fesseln zu Boden fielen, richtete er sich ächzend auf und bahnte sich einen Weg durch die Leute, die sich mittlerweile um ihn versammelt hatten. Auf halben Weg zu seinem Haus kam ihm seine Frau, mit Tränen in den Augen, entgegengelaufen. Als sie ihn erreichte, schloss sie ihn in ihre Arme und sagte: „Bitte verzeih mir!“
Viktor erwiderte die Umarmung, löste sich aber schnell wieder von ihr und fragte erstaunt: „Was soll ich dir verzeihen?“
„Das ich dir nicht beigestanden habe und das ich Hotrik nicht daran gehindert habe, dass er das Mädchen mitnimmt“, antwortete seine Frau niedergeschlagen.
„Schon in Ordnung“, erwiderte Viktor beruhigend, „Hauptsache dir geht es gut. Ich glaube zwar nicht, dass Hotrik dir etwas getan hätte wenn du es versucht hättest, aber ich weiß nicht, ob dies auch für den Fremden gegolten hätte.“
„Ich hatte trotzdem Angst um dich!“, sagte sie und lehnte sich an ihn. „Was wenn der Drache nicht so friedlich abgezogen wäre?“
„Hör auf dir um Dinge Gedanken zu machen, die nicht geschehen sind!“, erwiderte Viktor mahnend. „Außerdem hatte er nie vor, jemandem von uns zu schaden. Seine Sorge galt hauptsächlich dem Mädchen und nicht irgendwelcher Rache an uns. Und jetzt komm, ich habe das Gefühl, dass er Hilfe brauchen wird.“
„Wer?“, fragte seine Frau, während sie zurück ins Haus gingen.
Viktor musste einen Moment überlegen, bis ihm der Name des Drachen wieder einfiel und antwortete dann: „Turmalon! Wir haben ihm schon genug Unrecht getan. Außerdem kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn ich nicht wenigstens versucht habe ihm zu helfen!“
„Sei kein Narr!“, protestierte seine Frau und blieb auf der Schwelle der Haustür stehen. „Was willst du alter Mann denn schon ausrichten können? Vor allem gegen einen Drachen!“
„Nicht gegen ihn“, widersprach Viktor und nahm sein Schwert, das in dessen Scheide an der Wand neben der Tür hing. „ Sondern für ihn!“
Seiner Frau schien das gar nicht zu erfreuen. Ein weiteres Mal versuchte sie mit Argumenten ihn daran zu hindern, in sein Verderben zu rennen: „Was willst du denn mit dem stumpfen Messer? Außerdem denk daran, du bist schon seit Jahren kein Soldat mehr. Du weißt doch überhaupt nicht mehr, wie man damit umgeht. Am Ende verletzt du dich nur selbst damit und dann hast du niemandem geholfen!“
Seufzend trat Viktor an seine Frau heran und sagte: „Danke, dass du dich um mich sorgst. Aber du weist so gut wie ich, dass das nicht stimmt. Also las mich bitte tun, was ich für richtig halte!“
Viktors Frau sah bei diesen Worten verlegen zu Boden und sagte: „Pass auf dich auf.“
„Das werde ich. Keine Angst, ich habe nicht vor etwas unüberlegtes zu tun“, versprach Viktor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann nahm er ihre Hand und zog sie sanft ins Haus, sodass er hinausgehen konnte.
Umgehend lief er zu einem schmalen Trampelpfad, der ihn bis zum alten Drachenhort bringen sollte.
Auf halbem Weg nach oben glaubte Viktor vor sich jemanden auf dem Weg liegen zu sehen. Umgehend beschleunigte er sein, ohnehin schon strammes Tempo. Schnell erkannte er die kräftige Statur von Hotrik, der flach auf dem Boden lag. Einer seiner Arme war weit nach vorne ausgestreckt, während der Andere unter seinem Körper lag.
„Hotrik! Was ist Passiert?“, rief er als Viktor den Mann erreichte. Er griff seine rechte Schulter und rüttelte an ihr. Da Hotrik jedoch nicht reagierte, packte Viktor ihn an der Seite um ihn auf den Rücken zu drehen. Doch kaum hatte er ihn angehoben, stolperte Viktor vor Schreck zurück. Schockiert näherte er sich wieder dem am Boden liegenden Körper und griff diesmal nach seinem Kopf, den er vorsichtig in seine Richtung drehte. An der Kehle kam eine blutüberströmte Schnittwunde zum Vorschein und das angstverzerrte Gesicht spiegelte die letzten Momente seines Lebens wieder.
„Oh verdammt!“, fluchte Viktor leise, „Mit wem haben wir uns da nur eingelassen?“
Mit der ernüchternden Erkenntnis, dass er für Hotrik nichts mehr tun konnte, stand Viktor wieder auf und führte seinen Weg fort.
Einige Zeit später erreichte er das Ende des Pfades und stand direkt neben dem Teich. Schnell schlich er an dessen Ufer vorbei zum Eingang des Hortes. Dort drückte er sich mit dem Rücken an die Wand und ging so weit hinein, wie er riskieren konnte nicht sofort entdeckt zu werden. Bevor er jedoch einen Blick ins Innere der Höhle werfen konnte, mussten sich seine Augen erst an die Dunkelheit, die darin herrschte, gewöhnen. Bis dies soweit war, versuchte er zu hören, was in der Höhle vor sich ging. Viktor erkannte die Stimme des Fremden, wie er sich mit jemandem Unterhielt. Allerdings verstand er nur einzelne Wortfetzen. Eine weibliche Stimme oder die des Drachens konnte er aber nicht ausmachen. Da Viktor aber wissen wollte wie es den Beiden ging, wagte er nun nachzusehen und Streckte seinen Kopf um die Biegung des Eingangs.
Sofort viel ihm der Drache auf. Jedoch sah er nur den hinteren Teil seines Körpers. Der Rest lag verdeckt hinter der Höhlenwand. Leider konnte er aber weder das Mädchen noch den Fremden entdecken. Er musste einfach hoffen, dass sie auch in der Höhle war und dass es ihr gut ging. Dann machte Viktor plötzlich eine Bewegung aus und zog sich schnell wieder zurück, um nicht entdeckt zu werden.
„Ich hoffe, dass du ausreichend Gelegenheit hattest, dir den Hort deiner Eltern genauer anzusehen“, meinte Rak'Zunaih hämisch und wandte sich von Turmalon und Rianna ab. „Ich denke nämlich nicht, dass du so schnell wieder Gelegenheit haben wirst hierher zurückzukehren!“
„Du weist also was dies für ein Ort ist!“, stellte Turmalon wenig überrascht fest. „Kein Wunder dass du wusstest, dass ich hierher kommen würde.“
„Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht das du hier sein wirst! Ich hätte nicht einmal gedacht, dass du weißt, dass dies der Hort deiner Eltern ist“, gab Rak'Zunaih zu, und dennoch hatte er für Turmalon nur Spott übrig. „Daher war es der einzig Ort den ich mit dir in Verbindung bringen konnte und an dem ich nach dir gesucht hätte. Du hättest dich in jeder anderen Höhle in diesem verdammten Land verkriechen können und ich hätte dich mit ziemlicher Sicherheit nicht gefunden! Aber du fliegst ausgerechnet hier her. Hätte ich dich hier nicht gefunden, hättest du für eine Weile deine Ruhe vor mir gehabt! Denn es gab einige Dinge um die ich mich hätte kümmern müssen, die keinen Aufschub mehr duldeten. Mit großer Sicherheit wären wir uns nicht einmal mehr begegnet. Aber da ich ja jetzt wieder mit deiner vollen Unterstützung rechnen kann, habe ich sogar noch Zeit, um mich wieder deiner Ausbildung zu widmen. Diese haben wir ja bedauerlicherweise ein wenig vernachlässigt.“
«Es tut mir Leid!», entschuldigte sich Turmalon bei Rianna. Er hatte sich hinter sie gelegt und sie mit seinen Vorderbeinen umschlungen. Dabei sah es so aus als würde Rianna in seinen Armen liegen. «Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht hierhergekommen!»
Rianna lehnte ihren Kopf an seinen Hals und erwiderte leise: „Das konntest du nicht wissen! Also mach dir nicht so viele Gedanken um Dinge, die wir nicht mehr ändern können!“
«Aber ich hätte dir das hier ersparen können», erwiderte der Drache.
„Hätte ich mich dazu entschlossen, nicht mit dir mitzugehen, hätte ich mir das selbst ersparen können!“, entgegnete Rianna beschwichtigend, „Dann wären mir aber auch die wenigen schönen Momente entgangen, die ich seither mit dir erlebt hatte. Man muss mit seinen Entscheidungen leben. Außerdem vertraue ich darauf, dass uns schon etwas einfällt.“
„Ah, wie ich höre, geht es dir wieder besser!“, bemerkte Rak'Zunaih zu Rianna und drehte sich wieder in ihre Richtung. Kurz schien es als würde er von irgendetwas abgelenkt sein, fuhr dann aber fort: „Dann kannst du dich ja schon einmal nützlich machen und ihm den Sattel anlegen. Ich nehme doch an, dass du weist wie das geht. Da ich wie gesagt noch etwas Wichtiges vorhabe, will ich keinen Moment länger als nötig hier verweilen. Also beeil dich! In der Zwischenzeit überlege ich mir, wie wir dich mitnehmen können.“
Rianna sah fragend zu Turmalon auf. Als dieser ihr aber leicht zunickte, begann sie Rak'Zunaihs Anweisungen Folge zu leisten. Sie stieg aus Turmalons Umarmung und ging zu der Stelle an die der Sattel an der Wand lehnte.
Rianna hievte den schweren Sattel hoch und trug ihn zurück zu Turmalon. Doch ließ sie den Sattel vor Überraschung wieder absinken, als der Drache plötzlich direkt vor ihr stand. Turmalon ließ sich davon nicht beirren und senkte sein Kopf ebenfalls ab, sodass er unter den Sattel hindurch schlüpfen konnte. Dann erhob er sich wieder und der Sattel ruhte nun auf seinem Hals. Rianna musste ihn nun nur noch an die richtige Stelle platzieren. Mit wenigen, mittlerweile geübten Handgriffen, schnallte sie die Lederriemen um seinen Bauch. Es dauerte nicht lange bis sie fertig war und sah dann wieder zu Rak'Zunaih. Dieser schnitt gerade das Seil, mit dem er Rianna hierher gezerrt hatte, mit einem Dolch in zwei Teile.
Mit den Beiden Seilen in der Hand ging er zu Rianna, gab sie ihr und sagte: „Knote sie an den Bauchriemen fest und anschließend an deinen Beinen. Wir wollen ja nicht, dass du während des Fluges herunterfällst und verloren gehst. Außerdem gehe ich so sicher, dass er nicht wieder den Fehler begeht, die Riemen zu durchtrennen und mich dann, samt Sattel, in der Luft abwirft.“
„Den einzigen Fehler den ich begangen habe, war es, dass ich dabei nicht hochgenug flog!“ knurrte Turmalon, während Rianna wie befohlen die Seile an den Lederriemen befestigte.
„Allmählich bin ich deine ständigen Wiederworte und Beleidigungen satt. Ich will ab sofort nur noch dann etwas von dir hören, wenn du nach etwas gefragt wirst. Es gibt ohnehin nicht viel sinnvolles was du zu sagen hast. Also kannst du es auch gleich für dich behalten!“, brüllte Rak'Zunaih, beruhigte sich dann aber wieder. „Das gilt natürlich für euch beide. Und um die Sache gleich noch etwas zu verdeutlichen…“ Rak'Zunaih murmelte wieder etwas vor sich hin und fast im selben Augenblick schrie Rianna kurz auf. Jedoch verstummte sie ebenso schnell wieder. Verschränkte aber krampfartig die Arme auf dem Bauch und ging in die Knie.
„Entweder versucht da jemand zu beweisen wie tapfer sie ist und will dem Schmerz wiederstehen oder sie lernt sehr schnell meine Lektionen!“, meinte Rak'Zunaih zugleich erstaunt als auch belustigt. „Aber eigentlich habe ich dir nicht verboten zu schreien. Tue dir also keinen Zwang an…“
„Las deine Finger von dem Mädchen!“, rief plötzlich jemand vom Eingang der Höhle. Turmalon wandte überrascht seinen Kopf zu ihm und erkannte Viktor, zum Kampf bereit mit einem Schwert in der Hand.
„Ach, du hast dich also dort versteckt“, meinte Rak'Zunaih wenig überrascht, „und ich habe schon befürchtet, dass ich bei deinem einfältigen Freund die Klinge nicht fest genug angesetzte hatte.“
„Habe ich mir schon gedacht, dass du das warst…“, Viktor stockte mitten im Satz der Atem als Rak'Zunaih auf ihn zu ging und ins Licht trat, dass durch den Eingang fiel.
„Ja ganz recht, das war ich! Und du wirst ihm jetzt folgen!“, erwiderte der Lyzarie, während er den kristallklaren Stein, denn er zuvor in Händen hielt, im Inneren seines Umhang verschwinden ließ.
„Wer, oder besser gesagt, was bist du?“, fragte Viktor sichtlich irritiert und ließ dabei sein Schwert zu Boden sinken.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht. Zumal dir dieses Wissen ohnehin nichts mehr nützen wird!“, antwortete Rak'Zunaih und ließ sein Hand ruckartig aus seinem Mantel hervorschnellen. Ein Wurfmesser entglitt seiner Hand und flog auf Viktor zu.
Geistesgegenwertig riss der alte Mann wieder sein Schwert nach oben, um den Angriff irgendwie abzuwehren. Jedoch schätzte er die Flugbahn des Messers falsch ein, sodass es den Stoff seines Hemdes durchdrang und ihn auf der linken Seite in den Bauch traf. Geschockt packte Viktor das Messer und zog es heraus. Sofort färbte sich der Stoff seines Hemdes an der Stelle, wegen des Blutes, rot. Kurz betrachtete Viktor die Klinge und schleuderte sie dann wieder zurück. Verfehlte den Lyzarie aber knapp.
Mit zittriger Hand hielt der alte Mann nun sein Schwert während er die andere auf die Wunde presste. Rak'Zunaih hingegen ging weiter auf ihn zu, wobei dessen Hand abermals in seinem Mantel verschwunden war.
Viktor zog sich zurück und verließ die Höhle wieder. Wahrscheinlich vermutete er, das Rak'Zunaih ein weiteres Wurfmesser nach werfen wollte. Dieses Mal zog er jedoch einen Dolch und folgte dem Mann nach draußen.
«Schnell, Steig auf!», bat Turmalon plötzlich, als Rak'Zunaih außer Sicht war und dessen Ablenkung ausnutzen wollte.
Rianna kam dieser Bitte aber nur sehr zögerlich nach. Ihr schien einerseits Rak'Zunaih Magie noch zuzusetzen und andererseits hatte sie nicht verstanden, was gerade passiert war.
„Wer war der Mann?“, fragte sie leise, schon fast heiser Klingend.
«Das war Viktor. Ein Mann aus dem Dorf, der sich um dich gekümmert hat während du bewusstlos warst», antwortete Turmalon rasch, «ich erzähle dir später alles. Jetzt aber müssen wir so schnell wie möglich von hier weg!»
„Aber er ist verletzt!“, erinnerte Rianna, „wir können ihn doch nicht einfach hier lassen!“
«Ich werde mich schon darum kümmern», versprach Turmalon, «Also lass das meine Sorge sein und steige endlich auf!»
Endlich kletterte Rianna auf Turmalons Rücken und nahm im Sattel Platz. Zu hektisch versuchte sie nun allerdings die Schnallen an ihren Füßen zu befestigen und brauchte daher länger als sonst.
«Geht das nicht ein wenig schneller?», fragte Turmalon ungeduldig und wartete darauf das Rianna fertig wurde.
„Ich bin so weit!“, erwiderte sie und hielt sich am Sattel fest. „Aber was ist mit den Drachentränen? Er wird sie doch sofort wieder gegen uns richten!“
«Ich weiß! Das kann er aber nur bis zu einer gewissen Entfernung!», erklärte Turmalon zuversichtlich. «Deswegen werde ich auch all meine Kraft darin legen, dich so schnell wie möglich von hier weg zu bringen!»
„Du denkst, dass er versuchen wird mich…“, Rianna hielt inne, als ihr bewusst wurde, dass Rak'Zunaih sich wahrscheinlich auf sie konzentrieren würde, um Turmalon umzustimmen.
«Ja, vermutlich wird er das zunächst versuchen!», bestätigte Turmalon und Rianna spürte, wie schwer ihm diese Entscheidung fiel. «Erst wenn er bemerkt, dass ich dies ignoriere, wird er versuchen mich direkt an der Flucht zu hindern. Bis dahin hoffe ich aber, weit genug von ihm entfernt zu sein!»
„Ist in Ordnung. Mach dir um mich keine Gedanken!“, versicherte Rianna das sie bereit war und hoffte, dass sie mit ihrer Einschätzung recht behielt. „Lieber lasse ich das jetzt ein letztes Mal über mich ergehen, als für den Rest meines Lebens. Was in dem Fall wahrscheinlich nicht sehr lange sein dürfte!“
«Es tut mir Leid!», entschuldigte sich Turmalon.
„Jetzt hör auf dich ständig zu entschuldigen und lauf endlich los!“, beschwerte sich Rianna und gab ihm einen Klaps auf den Hals. „Oder willst du warten, bis diese Echse wieder hier auftaucht?“
„Nein natürlich nicht!“, knurrte er, diesmal mit seiner normalen Stimme und spurtete durch den Eingang nach draußen.
Dort ergab sich für die Beiden ein erschütternden Anblick .
Viktor lag, sich mit einer Hand abstützend, auf dem Boden mit dem Rand des Plateaus im Rücken. Da sein Schwert einige Schritt vor ihm lag hielt er seinen anderen Arm schützend vor sich. Dies tat er um einen möglichen Angriff von Rak'Zunaih, der vor ihm stand, abzuwehren.
Turmalon hielt direkt auf sie zu als er sich in die Luft erhoben hatte. Viktor sah dies natürlich, weswegen seine Blicke nun ständig zwischen Rak'Zunaih und dem herannahenden Drachen wechselte. Dies machte dann auch den Lyzarie stutzig. Er drehte seinen Kopf zur Seite, um zu erfahren was hinter ihm vor sich ging.
Gerade noch rechtzeitig konnte Rak'Zunaih den auf ihn zufliegenden Drachen erkennen, und versuchte sich unter ihm weg zu ducken. Dennoch erwischte Turmalon ihn mit einer seiner Vorderpranken und krallte sich in dessen Umhang fest. Dadurch schleppte der Drache den Lyzarie mit sich mit, bis der Stoff nachgab und zerriss.
Zwar hatten sie den Rand des Plateaus passiert, doch fiel Rak'Zunaih nur wenige Schritte tief, bis er wieder den Boden erreichte. Denn entgegen Turmalon Erwartung waren sie über einen relativ flachen Teil des Berges hinweggeflogen. Der Lyzarie rutschte aufgrund des Schwungs einige Schritte das Geröll hinab kam aber schnell wieder zum Erliegen. Der Drache hatte allerdings keinen Zweifel daran, dass Rak'Zunaih zäh genug war, um diesen Sturz zu überleben.
„Gut festhalten!“, warnte Turmalon um Rianna klarzumachen, dass er jetzt so schnell fliegen wollte, wie es ihm möglich war. Er spürte wie sie sich nach vorne lehnte und seinen Hals umschlang. Rianna musste nichts weiter sagen. Für ihn war dies das Zeichen, dass sie bereit war und er legte all seine Kraft in die Schläge seiner Flügel.
Es waren nur wenige Momente vergangen als Rianna plötzlich spürte, wie ein rucken durch Turmalon gesamten Körper fuhr. Gleichzeitig wurden die Schläge seiner Schwingen immer langsamer, bis sie gänzlich aufhörten. Er ging in einen Gleitflug über und verlor dabei langsam an Höhe.
„Was ist los?“, fragte Rianna besorgt, erahnte aber schon was passiert war. Sie war einen Blick hinter sich auf den Berg und konnte gerade so noch Rak'Zunaih erkennen, der den flachen Abhang hinunter lief und versuchte vermutlich ihnen zu folgen.
„Schmerzen!“, bestätigte Turmalon nun Rianna Vermutung. „Halte es … nicht mehr … lange aus!“
Immer weiter verlor der Drache an Höhe. Rianna bewunderte dies auf eine gewisse Weise. Ihr selbst wäre es wohl kaum möglich gewesen auch nur einen Finger zu rühren. Daher konnte sie nur erahnen welchen Willen er aufbringen musste, um nicht einfach vom Himmel zu fallen. Gleichzeitig bedauerte sie es aber, dass sie zur Untätigkeit verdammt war und ihm nicht helfen konnte.
Sie näherten sich immer weiter dem Boden. Zum Glück aber erstreckte sich vor ihnen eine weite Graslandschaft, die nur vereinzelt mit Bäumen bewachsen war.
Dann begann plötzlich wieder mit den Flügeln zu schlagen und beendete den Sinkflug, kurz bevor sie auf dem Boden aufgekommen waren.
„Ist wieder alles in Ordnung?“ erkundigte sich Rianna.
„Ja!“, antwortete Turmalon, und schien deswegen selbst überrascht zu sein. Er hielt sich nun, nur wenige Schritt über dem Boden, an einer Stelle.
„Glaubst du wir haben seinen Wirkungsbereich verlassen?“, wollte Rianna wissen.
„Ich hoffe es!“, erwiderte der Drache. „Ich habe nämlich nicht mehr die Kraft, mich ihm noch viel länger entgegenzustellen!“
„Dann sollten wir schleunigst weg von hier!“, schlug Rianna vor, „Hast du denn noch dazu die Kraft?“
„Ja, du hast Recht, lass uns …“ Turmalon stoppte mitten im Satz und fiel, zu Riannas Unmut, wie ein Stein zu Boden.
Rianna musste nicht lange überlegen um zu wissen, was geschehen war. Offenbar waren sie Rak'Zunaih doch noch nicht entkommen. Wieso er jedoch seinen Zauber für einen Moment aufgehoben hatte, konnte sie nur erraten.
Schnell befreite Rianna sich von Schnallen um ihre Beine und kletterte von Turmalon herunter. Sofort kniete sie sich vor seinen Kopf, und befreite ihn von dem hohen Gras, in dem er vergraben war. Dabei spürte sie, als sie ihn berührte, dass er am ganzen Körper zitterte.
Nochmals blickte Rianna zurück zu dem Berg. Es dauerte einen Augenblick bis sie Rak'Zunaih entdeckte, der noch immer beim Abstieg war. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis er hier ankommen würde.
Plötzlich begann Turmalon leise an zu Knurren und sagte: „Was hat dieser Verdammte Bastard nur wieder vor?“ Dann erhob er sich, schüttelte sich einmal kräftig und sah sich dann um. Doch nur kurze Zeit darauf, ging er wieder ächzend zu Boden.
„Das ist schlimmer als die ganze Zeit diesen Schmerz ertragen zu müssen!“, knurrte der Drache. „Ohne Fesseln gefangen zu sein und zu wissen, dass sobald man sich auch nur rührt, gnadenlos dafür bestraft wird!“
„Wir kommen also nicht von hier weg“, erkannte Rianna niedergeschlagen.
„Ich auf keinen Fall!“, bestätigte Turmalon, „Selbst am Boden würde ich nicht mehr lange genug die Kraft aufwenden können, mich ihm zu wiedersetzen. Aber vielleicht gelingt dir es. Versteck dich im hohen Gras. Dort wird er dich nicht sehen und wenigstens du kannst ihm entfliehen!“
„Und was soll das mir nützen?“, fragte Rianna verzweifelt, „Er würde mich ja doch, mit Hilfe des Steins, finden! Wir wären besser im Hort geblieben. Wer weiß, was er gleich mit uns vorhat, sobald er hier ist.“
„Hör auf!“, brüllte Turmalon sichtlich wütend, sodass Rianna erschrocken nach hinten fiel. Dann fügte er, wieder etwas ruhiger, hinzu: „Wenn du so etwas sagst, hat er genau das erreicht was er will. Er hätte dich gebrochen und du würdest alles tun was er von dir verlangt.“
„Ja, Verdammt!“, schrie nun Rianna zurück, „Was bleibt mir denn noch anderes übrig? Im Gegensatz zu dir kann ich mich seiner Magie nicht wiedersetzten. Ich bin schon froh, wenn ich danach wieder aufstehen kann. Also was erwartest du von mir?“
„Das es nur so aussieht, als hätte Rak'Zunaih sein Ziel erreicht!“, erklärte Turmalon beschwichtigend. „Du darfst nicht die Hoffnung verlieren. Irgendwann wird er einen Fehler machen und dann wird er alles bereuen was er dir und mir angetan hat!“
„Und wie lange soll das sein?“, wollte Rianna schluchzend wissen. Jedoch schien Turmalon darauf keine Antwort zu haben, da er schwieg. „Du weist es also auch nicht!“
Rianna war zwischen den Gedanken, nicht einfach so aufzugeben und es nicht noch schlimmer zu machen, hin und hergerissen. Rak'Zunaih würde ohne hin außer sich vor Wut sein, da war sie sich sicher. Was würde es also ändern, wenn sie nicht wenigstens versuchte sich zu verteidigen. Außer vielleicht, dass ihr dies tatsächlich gelänge.
Langsam durchstreifte Rianna das Gras und suchte nach irgendetwas, das ihr dabei helfen könnte. Irgendwann stieß sie dabei auf einen schmalen Bach, der sich leise plätschernd, durch die Landschaft schlängelte. Plötzlich viel ihr auf, wie durstig und hungrig sie war. Sie kniete sich auf den Boden und tauchte beide Hände ins Wasser, um sie anschließend zu ihrem Mund zu führen. Dies wiederholte sie einige Male, bis zumindest der Durst gelöscht war. Dann begann sie einige Steine aus dem Bach zu fischen, die aber nicht einmal halb so groß wie ihre Faust waren. Einige Schritte bachabwärts fand sie auch einen Ast, der sich im Gestrüpp verfangen hatte. Rianna wand ihre ganze Kraft auf, um ihn zu befreien und als ihr dies gelungen war, hatte sie das Gleichgewicht verloren und wäre fast rücklinks ins Wasser gefallen. Zumindest konnte sie sich sicher sein, dass der Ast, der beinahe so lang wie sie war, nicht morsch war.
„Ich dachte schon du würdest doch noch versuchen, wegzulaufen!“ sagte Turmalon, als Rianna neben ihm auftauchte.
„Nein. Ich sagte doch, dass dies wahrscheinlich nichts bringen würde!“, erwiderte sie und betrachtete ihre Ausbeute. „Ich werde aber wenigstens versuchen, mich zu verteidigen!“ Dabei schwang sie den Ast einige Mal in der Luft hin und her. Jedoch glitt er ihr dabei aus der Hand und flog im hohen Bogen davon. Unglücklicherweise hatte Rianna ihn an dem Ende festgehalten, welches im Wasser gelegen hatte und somit von einer Schicht Algen bedeckt war.
„Wenn du dies für klüger hältst, werde ich dich nicht davon abhalten“, bemerkte Turmalon zweifelnd und beobachtete wie Rianna dem Ast hinterher lief. „Nur solltest du noch an deiner Wurftechnik arbeiten, damit du Rak'Zunaih beim nächsten Mal auch mit dem Stock triffst!“
Rianna erwiderte nichts auf Turmalons Bemerkung und überlegte sich stattdessen wie sie vorgehen sollte. Sie holte die Steine hervor und sah sie sich nochmals an. Eine Beule an Rak'Zunaih Kopf wäre wohl das einzige, was Rianna mit ein wenig Glück erreichen würde. Daher steckte sie die Steine wieder in ihre Hosentasche und suchte sich eine Stelle, an der sie sich auf die Lauer legen konnte. Denn ihr Plan war es, sobald Rak'Zunaih hier auftauchte, sich an ihn heranzuschleichen und von hinten mit dem Ast niederzuschlagen. Um den Rest, und daran hatte Rianna keinerlei Zweifel mehr, würde sich Turmalon dann kümmern.
Es dauerte eine Weile bis Rak'Zunaih auftauchte. So lange kauerte Rianna, einige Schritt von Turmalon entfernt, in der Wiese und hielt nach dem Lyzarie Ausschau. Der Ast lag griffbereit und gut versteckt vor ihr auf dem Boden. Immer Mal wieder wandte sie ihren Blick zu dem Drachen, wenn er die vermeidlich friedliche Ruhe durch einen Ächzen unterbrach. Auch wenn Turmalon sich seither nicht mehr bewegt hatte, schien Rak'Zunaih sichergehen zu wollen, dass dies auch so blieb.
Riannas Anspannung stieg und ihre Puls begann zu rasen, als sie Rak'Zunaih, nicht weit von ihr entfernt, erspähte. Er hielt direkt auf Turmalon zu und lief daher an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sofort nahm sie den Ast in und folgte ihm.
Rak'Zunaih wurde langsamer als er sich dem Drachen näherte. Dies nutze Rianna aus um nun weit auszuholen und zuzuschlagen. Während der Ast mit einem zischenden Geräusch auf den Lyzarie zu raste, drehte er sich zu Rianna um. Davon ließ sie sich jedoch nicht beirren und traf ihn auf Bauchhöhe in die rechte Seite. Stöhnend machte Rak'Zunaih einen Ausfallschritt nach links, hielt sich aber auf den Beinen.
Sofort wollte Rianna zu einem weiteren Schlag ausholen, musste aber feststellen, dass Rak'Zunaih ihre Waffe gepackt hatte. Verzweifelt versuchte sie ihm den Ast wieder zu entreißen und zog mit aller Kraft daran. Doch genügte ein einziger Ruck von Rak'Zunaih und er glitt ihr aus den Händen.
Rianna taumelte erst ein paar Schritte nach vorn, ehe sie wieder ihr Gleichgewicht fand. Jedoch hielt es sie nicht lange auf ihren Beinen. Denn im gleichen Moment traf sie Rak'Zunaih mit dem Ast auf der Brust und sie ging, mit einem heiseren Aufschrei, in die Knie.
Der Lyzarie zögerte nicht lange, packte Rianna an den Haaren und zerrte sie so wieder auf die Beine. Sie wagte es nicht auch nur einen Ton von sich zu geben als sie die Klinge eines Dolches spürte, die Rak'Zunaih ihr an die Kehle hielt. Da sie nun wieder von selbst stand, hielt er ihren Arm auf dem Rücken, sodass sie den Dolch nicht abwehren konnte.
„Ein jämmerlicher Versuch!“, zischte Rak'Zunaih Rianna ins Ohr, „Genauso wie euer erneuter Fluchtversuch.“ Dann drehte er sich mit ihr zu Turmalon, um ihm zu verdeutlichen was vor sich ging. Jedoch hätte sich der Drache dies vermutlich auch so schon denken können.
„Habt ihr beide ernsthaft geglaubt, dass dieser lächerliche Versuch funktionieren würde?“, fragte Rak'Zunaih Turmalon zornig. „Nenn mir nur einen Grund, wieso ich ihr nicht auf der Stelle den Hals aufschlitzen soll!“
„Weil du mich dann ebenfalls töten müsstet!“, knurrte Turmalon ohne zu zögern zurück, „Denn dann würde ich einfach hier liegen bleiben. Egal was du auch tätest!“
„Ich bin es wirklich leid! Ich hätte mit dir besser das gleich gemacht wie mit deinen Geschwistern!“, erwiderte Rak'Zunaih und ließ Rianna wieder los. „Aber glaube nicht, dass dir das nochmal helfen wird! Wenn dir also wirklich etwas daran liegt, dass sie noch etwas länger am Leben bleibt, weißt du was ich von dir will!“