Drachenauge - Kapitel 4: Aufbruch
Kapitel 4 von 24
Das nächste Kapietel wir ein wenig intimer und gehört nicht zu den eigentlichen 24 Kapieteln der Geschichte.
Ich wünsche viel spaß beim lesen und freue mich über jede Art von Komentaren und Kritik
Gruß
Turmalon
„Nun ist er weg!“, stellte Rianna enttäuscht fest und drehte sich zu Nyrion um, der hinter ihr stand. „Und wie geht es jetzt weiter?“
„Das solltest du schon selbst herausfinden!“, antwortet er ihr, „Aber solange du weder weist, wohin du möchtest noch wieder nachhause zurückkehren willst, steht dir meine Tür offen.“
„Natürlich“, erkannte Rianna und ging zurück zum Tisch. „Und vielen Dank für das Angebot.“
Völlig niedergeschlagen setzte sie sich wieder an ihren Platz und konnte nun ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Sei nicht traurig. Den Stein, den er dir eben gab, beweist dass er großes Vertrauen in dich hat. Ich bin mir sicher, sobald er gefunden hat wonach er sucht, werdet ihr euch wieder sehen!“, sicherte Nyrion ihr aufmunternd zu.
Schluchzend betrachtete Rianna den tropfenförmigen Stein, den Turmalon ihr zum Abschied gegeben hatte und wollte wissen: „W … was hat es überhaupt mit diesem ‚Schmuckstück‘ auf sich? Turmalon erwähnte nur, dass es eine sogenannte ‚Drachenträne‘ ist.“
„Das ist richtig!“, stimmte Nyrion nickend zu. „Es ist in gewisser Weise ein sehr Persönliches Geschenk. Wie man unschwer erkennen kann kommt ihr Name einerseits durch ihre Form und andererseits daher, das sie zumeist von Drachen genutzt wurden.
Beides sagt aber nichts über ihre eigentlichen Fähigkeiten aus. Eine davon ist es zum Beispiel, immer zu wissen wo sich die Person, an den der Stein gebunden ist, befindet. Wenn du aber lernst, wie man mit ihm umgeht, kann er noch viel mehr.“
Rianna umschloss die Träne fest mit beiden Händen und wollte Nyrion gerade fragen, wie dies funktioniert und woher er dies alles wusste, als sie jemanden nach ihr rufen hörte: „Rianna! Ein Glück, dir geht es gut!“
Als sie aufblicke, sah sie ihren Bruder Erick, der von Aaron und zwei Spähern begleitet wurde. Rasch kamen die Vier auf Rianna zugelaufen, während Aaron vor ihr in die Hocke ging.
„Ganz ruhig, meine Liebe. Wir sind ja jetzt bei dir. Niemand kann dir mehr was anhaben, dafür werde ich sorgen“, versprach Aaron als er ihr rotes Gesicht sah, an dem noch einige Tränen über die Wangen liefen.
Verärgert erwiderte Rianna seinen Blick und stieß ihn von sich weg. Völlig unvorbereitet kippte er nach hinten und fing sich gerade so noch mit den Händen ab. Verwundert sah er zu seiner Verlobten auf und fragte was los sei.
„Vor was willst du mich schützen? Vor dem weswegen ich weine?“, verlangte Rianna zu erfahren und stand von ihrem Platz auf. Aaron, der noch immer auf dem Boden saß beantwortete dies mit einem verdutzten Nicken, was sie abschätzend zur Kenntnis nahm. Schweigend ging sie an ihm vorbei, zurück an den See und erwidert: „Ich brauche deine Fürsorge aber nicht!“
„Aber wir sind umgehend losgezogen, als wir hörten, dass du von ein paar Banditen festgehalten wirst!“, sagte Aaron, stand dabei wieder auf und folgte ihr. „ Außerdem sind wir hier, um dich wieder nachhause zu bringen.“
Schlagartig drehte sich Rianna zu ihm um; sie hätte ihm eine Ohrfeige verpasst, wenn er in ihrer Reichweite gestanden hätte. Dann sagte sie wütend: „Nein! Ich werde mit Sicherheit nicht wieder mit euch zurückgehen!“
Grob packte Aaron sie an beiden Armen und verlangte, nun ebenfalls verärgert, zu erfahren: „Wieso? Um mit deinem neuen Freund abzuhauen?“
Erschrocken bekam es Rianna für einen Moment mit der Furcht zu tun, fasste sich aber schnell wieder und entriss sich seinem Griff.
„Wir haben deinen Brief gefunden!“, offenbarte Aaron selbstsicher. „Wo ist er? Kenn ich ihn … egal, er wird es noch bereuen, wenn ich ihn erwische. Ich werde es nicht zulassen, dass sich jemand zwischen meine Verlobte und mich stellt!“
Rianna erinnerte sich, was in dem Brief stand. Wie Aaron an diesen jedoch gekommen war, war ihr ein Rätsel. Andererseits interessierte sie dies in diesem Moment auch nicht.
„Du hast ‚meinen Freund‘ nur knapp verpasst!“, lachte sie verbittert, „Was vielleicht auch besser für dich ist. Dennoch, glaubst du wirklich, du weißt wovon du da redest? Deine Verlobte?“
Aaron sagte nichts, sondern nickte nur mit dem Kopf.
„Ich gebe zu, dass ich dich bisher immer gut leiden konnte und mein Vater auch wesentlich schlimmer hätte entscheiden können. Ich könnte sogar über dein jetziges Verhalten hinwegsehen, wenn es einmalig bleiben würde!“, fuhr Rianna fort. „Dennoch war es eine Entscheidung, die gegen meinen Willen getroffen wurde! Ich bin weder dein noch meines Vaters Eigentum! Deswegen, und weil ich die Bevormundung von ihm nicht länger ertragen kann, gehe ich weg. Aber wenn du meinen Brief wirklich gelesen hast, solltest du das eigentlich wissen!“
„Ist es denn wirklich so schlimm für dich?“, fragte Aaron.
„Natürlich ist es das!“, antwortete sie, bevor sie aber weitersprechen konnte, vernahm sie hinter sich ein Geräusch. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie erkannte dass es durch den Schlag kräftiger Flügel verursacht wurde. Hoffnungsvoll drehte sie sich um und sah, wie Turmalon wieder vom See her auf die Wiese, auf der sie standen, zuflog. Eilig ging sie einige Schritte zur Seite, um ihm Platz zur Landung zu machen. Auch Aaron, Erick und die beiden Kundschafter wichen einige Schritte zurück, als sie sahen, was da auf sie zukam.
„Rianna, komm weg da!“, rief Erick voller Sorge. Doch blieb seine Schwester wo sie war und beobachtete erfreut wie der schwarze Drache elegant neben ihr landete.
„Alles in Ordnung?“, fragte Turmalon.
„Ja! Wir haben gerade über dich geredet!“, antwortete sie laut genug, sodass es alle hören konnten. Dennoch dauerte es einen Moment, bis jeder diese Anspielung verstanden hatte.
„Ach, ist das so?“, fragte Turmalon erstaunt, woraufhin Rianna nickte und auf ihn zuging.
„Wieso bist du zurückgekommen?“, wollte sie wissen und legte ihre rechte Hand an seinen Hals. „Nicht so, dass ich mich nicht darüber freue!“
„Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass du in Schwierigkeiten bist. Da ich mich um dein Wohlergehen gesorgt habe, bin ich sofort wieder umgekehrt“, erklärte Turmalon und musterte dabei eindringlich Aaron und die anderen. Er suchte nach Anzeichen, ob sie eine Gefahr darstellten und stellte mit einem leisen Knurren klar, dass sie besser auf Abstand bleiben sollten.
„Gut, dass du wieder da bist“, gestand Rianna, „ich glaube, ohne deine Hilfe werde ich hier nicht wegkommen!“
„Du gerätst gerne in Schwierigkeiten, kann das sein?“, scherzte Turmalon.
„Nicht öfter wie du, Turmalon!“, erwiderte Rianna verlegend lächelnd.
Aaron faste seinen gesamten Mut zusammen und ging langsam auf die beiden zu. Als Turmalons knurren jedoch lauter wurde, blieb er auf gebührendem Abstand zu dem Drachen stehen und sagte: „Bitte, Rianna, komm weg von dieser Bestie! Ich will nicht, dass sie dich verletzt.“
Zähnefletschend sprang der Drache in seine Richtung und stürmte auf ihn los. Erschrocken wollte Aaron nach hinten ausweichen, stolperte dabei aber und fiel zu Boden.
„Nein, nicht!“, griff Rianna ein und Turmalon reagierte augenblicklich. „Lass ihn bitte in Ruhe!“
Der Drache schnaubte Aaron ins Gesicht, ließ aber von ihm ab und Knurrte: „Pass auf, was du sagst! Ich würde sie niemals verletzen!“
Rianna eilte zu Aaron und reichte ihm eine Hand.
„Hast du nun endlich verstanden, dass ich nicht mehr mit dir zurück gehen werde?“, erkundigte sie sich und half ihm auf. Dann wies sie auf Turmalon, der hinter ihr stand und fragte: „Oder soll es dir mein ‚Freund‘ hier nochmal erklären?“
Aufgeregt wand sie sich zu dem Drachen und atmete tief durch.
„Wäre es möglich, dass ich dich begleite?“, fragte sie den Drachen erwartungsvoll, wollte aber auch Aarons Reaktion darauf erfahren. Er blieb allerdings erstaunlich ruhig, als beabsichtige er selbst erst herauszufinden, was Rianna vorhatte.
„Natürlich ist das möglich!“, erwiderte Turmalon erfreut lächelnd. „Eigentlich hatte ich sogar vor dich dasselbe zu fragen, bevor ich mich vorhin vor dir verabschiedete. Dann aber hatte ich Zweifel daran, dass du mitkommen würdest und habe mich dazu entschieden, es nicht zu tun. Doch bevor wir los können, muss ich noch schnell etwas holen.“
Bevor sich Turmalon wieder dem See zuwandte, sagte er noch zur Gruppe um Aaron: „Und ihr solltet, solange ich weg bin, keine Dummheiten anstellen!“, warnte er Aaron und die Gruppe und wandte sich wider dem See zu. „Ich werde nicht lange brauchen.“ Anschließend hob er ab und flog zur gegenüberliegenden Seite des Sees.
Derweilen ging Rianna zu ihrem Bruder, doch bevor sie etwas sagen konnte, meinte Er: „Ich habe unserem Vater versprochen, dich wieder mit nachhause zu bringen. Also wie kann ich dich überzeugen?“
„Überzeuge unsern Vater, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann!“, erwiderte sie, „oder wenigstens ein Mitspracherecht habe.“
„Du weißt, dass dies sehr schwierig wird, Rianna“, antwortete Erick.
„Was glaubst du, wieso ich hier bin?“, erwiderte Rianna wissend und wandte sich von ihm ab. Sie wartete einen Moment bevor sie weitersprach, um ihren Blick über den See streifen zu lassen. „Ich wollte dich eigentlich um etwas bitten. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit wieder zurückkommen werde. Richte also allen aus, dass sie sich nicht zu viele Sorgen um mich machen sollen. Ich bin mir sicher, dass Turmalon auf mich achtgeben wird und mir in seiner Gegenwart nichts geschehen wird …“
„Das reicht!“, schrie Aaron und deutete den beiden Spähern an, Rianna zu packen. „Wenn sie nicht freiwillig mitkommen will, schleppen wir sie eben bis nach Hause! Früher oder später wird sie schon wieder zur Vernunft kommen!“
„Das würde ich an eurer Stelle unterlassen“, mischte sich nun Nyrion ein, welcher das ganze bisher stillschweigend beobachtet hatte. „Ich halte es für keine kluge Entscheidung einen Drachen zu verärgern! Er hat doch deutlich gemacht, dass ihr sie in Ruhe lassen sollt!“
„Sei still, alter Mann! Dich hat niemand nach deiner Meinung gefragt. Und ihr beeilt euch lieber, ich will weg sein, bevor diese Bestie wieder hier auftaucht“, brüllte Aaron die anderen an und drängte sie zur Eile; dabei merkte man ihm deutlich seine Nervosität an.
„Glaubst du im Ernst, einem Drachen zu Fuß entkommen zu können?“, fragte Nyrion.
„Der soll nur kommen! Er wird es bereuen, wenn er wieder hier auftaucht!“, drohte Aaron und zog sein Schwert.
„So mutig warst du aber vorhin nicht, als er direkt vor dir stand“, erinnerte ihn Rianna amüsiert.
„An eurer Stelle würde ich jetzt entweder dieser Diskussion ein Ende setzen und mich beeilen oder wir finden heraus, ob ihr eure Worte auch in die Tat umsetzen könnt!“, sagte Nyrion, der zum See hinaus sah. „Denn dort hinten kommt jemand, dem es sicherlich nicht gefallen wird, wenn er das hier sieht!“
Wie der alte Mann sagte, näherte sich Turmalon bereits wieder dem Grundstück, mit den Vorderpranken etwas festhaltend. Nun gerieten Karl und Friedrich in Panik und ließen Rianna wieder los. Dies wiederum gefiel Aaron nicht, weswegen er sie anschnauzte: „Was tut ihr zwei denn da?“
„Entschuldige, aber wir sind hergekommen, um sie von ein paar Banditen zu befreien. Nicht um den Zorn eines Drachens auf uns zu ziehen!“, erklärte Karl. „Wenn du dich mit ihm anlegen willst, bitte! Aber lass uns aus der Sache raus!“
„Feiglinge!“, antwortete Aaron leise zischend.
Kurz darauf landete Turmalon auf der Wiese. Er hatte einen Sattel dabei und legte ihn vor sich auf den Boden. Seine Lefzen zucken kurz, als er Rianna bei ihrem Bruder und den Andern stehen sah. Er blieb aber ruhig, als er sich sicher war dass ihr keine Gefahr drohte und wartete auf sie.
Da Rianna nichts mehr zu sagen hatte kehrte sie zurück zum Drachen. Einzig Aaron versuchte sie daran zu hindern und packte sie abermals am Arm. Doch ein drohendes Knurren von Turmalon genügte, und er ließ sie wieder los
„War das schon alles?“, stichelte Rianna nach, war aber von Aaron Reaktion nicht überrascht. „Wolltest du nicht vorhin noch jemandem zeigen, wie sehr er es bereuen würde, wenn er hier wieder auftauchte?“
Sie hörte ihn etwas Unverständliches murmeln, rechnete aber nicht mit einer richtigen Antwort und führte daher, ihn ignorierend, ihren Weg fort.
„Wo hast du denn den Sattel her?“, fragte Rianna neugierig und betrachtete ihn genauer. Er war aus Leder gefertigt und sah einem Pferdesattel sehr ähnlich. An der Seite befanden sich einige breite Lederriemen, mit dem man ihn befestigte.
„Eigentlich hatte ich die Riemen zerrissen und den Sattel abgeworfen. „Jedoch scheint Rak'Zunaih sie wieder erneuert und ihn mit hier her geschleppt zu haben“, erklärte Turmalon. „Und wie gesagt, da ich mir vorhin uneinig war, was zu sagen würdest, bin ich in der Nähe geblieben und überlegte wie ich dich überreden könne mit zu kommen. Dann kam mir die Idee dich hiermit zu überraschen. Doch vorher überkam mich dieses Gefühl, das bei dir etwas nicht stimmen würde und bin daher direkt zu dir gekommen.“
Begeistert betrachtete Rianna noch immer den Sattel und fragte sich, wie man ihn anlegte. Die vielen Riemen ließen sie allerdings daran zweifeln, es ohne Hilfe richtig zu machen und sah flehend zu Turmalon. Der Drache verstand sofort was sie wollte und erklärte ihr, was sie zu tun hatte.
Unter dem Gewicht ächzend, hob Rianna den Sattel an. Gewissenhaft befestigte sie die Riemen so, wie Turmalon es ihr beschrieben hatte und überzeugte sich anschließend davon, dass der Sattel korrekt saß. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und auch Turmalon schien zufrieden. Schließlich legte er sich nieder, um Rianna das aufsteigen zu erleichtern.
„Rianna, bitte warte einen Moment“, bat Nyrion und hinderte sie am Aufsteigen, indem er ihr eine Hand auf die Schulter legte. Sie hielt inne und neigte ihren Kopf in ihre Richtung um zu hören was er zu sagen hatte. „Ich zweifele nicht an Turmalons Aufrichtigkeit und auch nicht daran, dass er in der Lage ist dich zu schützen. Mir ist bewusst dass ich euch beide nicht aufhalten kann, aber bedenke, dass die Welt dort draußen nicht ungefährlich ist. Überdenke doch noch einmal mein Angebot hier zu bleiben. Ich garantiere dir, dass du es nicht bereuen würdest. Fliegt einfach ein paar Runden über die Berge und wartet bis dein Bruder und die andern wieder verschwunden sind, dann kommt wieder hier her.“
Rianna dachte einen Augenblick darüber nach, schüttelte aber ablehnend den Kopf und stieg endlich auf.
Nachdem sie sich im Sattel niedergelassen hatte, richtete Turmalon sich wieder auf und führte seine Anweisungen fort: „Steck deine Füße in die Schlaufen an der Seite und zieh sie fest.“ Auch dies tat sie ohne zu zögern und überprüfte anschließend abermals den Sitz.
„Ich bin fertig, wir können los!“, erklärte Rianna, dass sie bereit war, „Hoffentlich bin ich nicht zu schwer für dich.“
„Im Gegensatz zu dem, was ich bisher alles tragen musste, bist du ein Leichtgewicht. Also mach dir keine Sorgen darum“, entgegnete Turmalon und machte sich abermals zum Abflug bereit.
„Was soll das werden? Wo willst du hin?“, verlangte Aaron zu erfahren und kam nun auf die beiden zugelaufen, nachdem er bis gerade heftig mit seinen Begleitern diskutierte.
„Ich denke, das habe ich jetzt ausreichend erklärt!“, seufzte Rianna und verdrehte die Augen. „Komm Turmalon, lass uns endlich von hier verschwinden!“
„Dann halte dich gut fest!“, warnte Turmalon, entfaltete seine Flügel und stieß sich vom Boden ab. Gemeinsam flogen sie über den See hinweg und verschwanden dann hinter den Bäumen.
„Wir sollten zurückkehren und Bericht erstatten“, schlug Friedrich vor.
„Nein! Wir verfolgen sie!“, wandte Aaron in einem harschen Ton ein. „Wir werden nicht ohne meine Verlobte zurückgehen!“
„Willst du sie zu Fuß verfolgen? Sei nicht dumm, Aaron! Wir haben weder die Ausrüstung für eine solche Unternehmung dabei, noch wissen wir, wo sie hinwollen“, erklärte Karl.
„Das haben wir schnell geklärt!“, erwiderte Aaron und ging geradewegs zu Nyrion. Grob packte er ihn am Kragen und fragte wutentbrannt: „Wo wollten sie hin? Los, sprich, sonst werde ich dich …“ Mitten im Satz wurde Aaron unterbrochen, als Nyrion ihn überwältigte und auf den Boden warf. Erschrocken von der Kraft, die der alte Mann aufbrachte, blieb er wie versteinert liegen.
„Sonst wirst du was?“, fragte Nyrion gelassen. „Sprich niemals eine Drohung aus, die du nicht im Stande bist, umzusetzen! Nun, wie auch immer. Turmalon wollte nach Westen weiterreisen. Rianna wird wohl nichts gegen diese Pläne einzuwenden haben, weswegen er vermutlich diesen Weg einschlagen wird. Jedoch hatte er nicht genauer beschrieben, wohin er möchte. Allerdings glaube ich auch, dass es dies selbst nicht so genau weiß.“
„In Ordnung. Danke für die Information“, gab sich Erick erkenntlich, welcher nun auch die anderen dazu drängte, nach Horin zurückzukehren. „Wir sollten jetzt wirklich gehen. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, meine Schwester wiederzufinden!“
„Ach, etwas möchte ich noch loswerden!“, meinte der alte Einsiedler. „Wenn man etwas in Erfahrung bringen möchte, muss man ihm nicht immer Drohen. Höflich zu fragen, hätte vollkommen gereicht! Glaub mir. Etwas Freundlichkeit bring einen oft sehr viel weiter!“ Böse funkelte Aaron den alten Man an, während dieser sein Geschirr einsammelte und sich nach einer knappen Verabschiedung in sein Haus begab.
„Das wird er noch büßen!", zischte Aaron.
„Was ist dir jetzt wichtiger? Deine Ehre wiederzuerlangen oder dass wir Rianna finden?“, fragte Erick, woraufhin sich Aaron zusammenriss und den anderen folgte.
Die vier Männer machten sich eilig auf den Weg zurück nach Horin.
Als sie auf die Straße dorthin abbogen, sahen sie, wie gut ein Dutzend Wachleute aus dem Tor ihnen entgegengelaufen kamen. Nachdem die Wachen die Gruppe erreicht hatte, fragte Karl den Hauptmann, was los sei und ob sie Hilfe bräuchten.
Der Hauptmann zeigte Richtung Norden zum Friedhof und sagte dann: „Dieses Biest ist vorhin hier aufgetaucht! Wir wollen es von hier vertreiben, bevor es größeren Schaden anrichtet.“
Die Vier sahen rüber zum Friedhof und entdeckten sofort, weswegen die Männer in Alarmbereitschaft waren. Denn dort hatte sich der Drache niedergelassen, mit dem Rianna eben davongeflogen war.
„Ihr wärt besser weitergeflogen!“, stieß Aaron plötzlich hervor und rannte den Wachen nach, die bereits weitermarschiert waren. Doch kaum hatte er sie eingeholt, sah man, wie sich der Drache wieder in die Lüfte erhob. Er flog direkt auf die Wachleute zu, die panisch auseinanderstoben, da sie befürchteten, von ihm angegriffen zu werden. Der Drache flog jedoch desinteressiert über sie hinweg auf Horin zu. Dort zog er für eine Weile seine Kreise, drehte dann aber nach Westen ab und verschwand.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, schrie Aaron, der gerade aus einem Getreidefeld gekrochen kam, in dem er in Deckung gesprungen war. „Los, hinterher!“
„Wir waren uns doch einig, dass es keinen Zweck hat, ihn zu Fuß zu verfolgen!“, erinnerte Karl, weswegen Aaron dem Späher einige böse Blicke zuwarf. Dieser ignorierte sie jedoch und forderte den Rest seiner Gruppe und zusätzlich den Hauptmann auf, ihm zu folgen.
Sie gingen geradewegs zum Haus des Bürgermeisters.
Als sie in das Empfangszimmer eintraten, war Osman damit beschäftigt, einige Papiere, welche über seinen Schreibtisch verteilt waren, zu durchstöbern. Otwin, der ebenfalls noch anwesend war, kauerte in einem Sessel in der Ecke des Zimmers und grübelte vor sich hin. Er sprang sofort auf, als er sah, wer das Zimmer betrat.
„Habt ihr sie gefunden? Geht es ihr gut?“, wollte er augenblicklich wissen.
„Ja, wir haben Rianna gefunden“, antwortete ihm sein Sohn, „und offensichtlich geht es ihr auch sehr gut.“
„Wo ist sie denn?“, fragte Otwin aufgeregt. „Wieso habt ihr sie nicht mitgebracht?“
„Nun, ich weiß nicht, inwiefern ihr den Tumult mitbekommen habt, der draußen wegen eines Drachen am Friedhof herrschte. Was dies angeht, wird Ihnen der Hauptmann eher weiterhelfen können. Aber Ihre Tochter scheint mit genau diesem Drachen von hier davon geflogen zu sein“, erklärte Karl.
„Meine Tochter wurde von einem Drachen entführt?“, fragte Otwin verwundert. „Ich dachte, ein paar Banditen würden sie festhalten!“
„Was mit den angeblichen Banditen ist, wissen wir nicht“, erläuterte der Kundschafter, „Jedoch wurde sie von dem Drachen nicht entführt! Im Gegenteil. Sie hat ihn vollkommen freiwillig begleitet.“
Otwin sah den Späher ungläubig an, weswegen Erick bestätigte: „Er hat recht, Vater, die beiden gingen sehr vertraut miteinander um. Mir kam es nicht so vor, als würde er sie zu etwas zwingen.“
Anschließend erklärte die Gruppe, was sonst noch vorgefallen war, seit sie diesen Raum verlassen hatten.
Krampfhaft klammerte Rianna sich an den Sattel als sie vom See los geflogen waren. Trotz der, wie Turmalon beteuerte, geringen Geschwindigkeit, hatte sie ständig Angst runterzufallen. Doch glücklicherweise war der Weg zum Friedhof nur sehr kurz. Dort wollte Rianna ein letztes Mal das Grab ihrer verstorbenen Mutter besuchen und sich von ihr verabschieden. Daher erkundigte sie sich bei Turmalon, kurz nach dem sie den See hinter sich gelassen hatten, ob es in Ordnung für ihn war, kurz dort zu landen.
Zitternd stieg Rianna aus dem Sattel, als sie den Friedhof erreichten, und stützte sich am Drachen ab, da sie das Gefühl hatte ihre Beine würden sie nicht länger tragen. Sie brauchte einen Moment bis sie sicher war, wieder laufen zu können ohne Angst haben zu müssen dass sie Stolperte. Bedächtig begab sie sich zum Grab und verharrte dort einen Augenblick in Gedanken um sich zu verabschieden.
Plötzlich erklangen in Horin die Alarmglocken. Rianna schreckte auf und eilte zurück zu Turmalon, der vor den Friedhofsmauern auf sie wartete. Sofort nahm sie wieder auf seinem Rücken Platz und schnallte ihre Füße fest, sodass der Drache abermals abheben konnte.
«Entspann dich!», hörte Rianna Turmalons Stimme sagen. «Dir wird nichts passieren, ich passe auf dich auf. Also genieße einfach den Flug.»
Rianna konnte sich nicht erklären, wieso, aber sie war jetzt tatsächlich sehr viel lockerer, weswegen sie sich nun auch die Zeit nahm, die Umgebung zu beobachten. Das Gefühl auf Turmalon Rücken durch die Luft zu fliegen empfand sie als einfach unglaublich. Plötzlich erinnerte sie sich an die Träume die sie öfter hatte und in denen sie genau solche Dinge immer erlebte.
Turmalon hatte derweil damit begonnen, über Horin zu kreisen, was eine Menge Unruhe auf die Straßen des Ortes brachte. Die meisten Bewohner flüchteten in nahegelegene Häuser, andere blieben an Ort und Stelle stehen und sahen ungläubig in die Luft. Manche der mit Bögen bewaffneten Wachen auf den Türmen versuchten, den Drachen mit ihren Pfeilen zu treffen, verfehlten ihn aber bei weitem.
„Reagieren die Menschen immer so, wenn sie dich sehen?“, wollte Rianna wissen.
«Ja!», übermittelte Turmalon ihr und drehte ab. «Die wenigen Male, die ich bisher auf sie Getroffen bin, verliefen sehr ähnlich!»
Diese Antwort erfüllte Rianna mit Wut. Wut darüber, dass die Menschen ihn für etwas vertreiben oder sogar töten wollten, für das er nicht verantwortlich war.
„Daran sollten wir etwas ändern!“, erklärte Rianna und lehnt sich nach vorne, um seinen Hals zu umarmen. Damit wollte sie ihm zeigen, dass er nicht alleine war. Ohne Vorwarnung machte Turmalon eine Seitwärtsrolle, woraufhin Rianna einen kurzen Schrei ausstieß und ihn noch fester umklammerte.
„Mach das nie wieder!“, ermahnte sie ihn, doch statt zu antworten, grinste er nur.
Als sich die Sonne langsam dem Horizont näherte, hatten die beiden bereits die ersten Ausläufer des Beohgebirge erreicht.
«Wir sollten uns langsam ein Lager für die Nacht suchen», schlug Turmalon vor. «Du wirst mit Sicherheit müde sein!»
„Du hast recht“, bestätigte Rianna. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist, auf einem Drachen zu reiten. Aber wo willst du landen? Ich sehe hier weit und breit nur Felsen.“
«Ja, und? Wenn es ein wenig Schutz bietet, reicht das doch», meinte Turmalon unbekümmert.
Rianna schüttelte den Kopf und erwiderte: „Ich erwarte ja kein bequemes Bett, aber wenn ich die Nacht auf dem nackten Fels verbringe, werde ich morgen früh noch erschöpfter sein als jetzt!“
«Entschuldige, das habe ich nicht bedacht», rechtfertigte sich der Drache. «Dann werden wir wohl noch ein wenig suchen müssen. Hältst du noch so lange durch?»
„Natürlich!“, versicherte ihm Rianna. „Schließlich bist du es, der hier die ganze Arbeit leistet.“
Als es begann zu dämmern, entdeckte Rianna eine Rauchsäule und machte Turmalon darauf aufmerksam, woraufhin er darauf zuflog.
„Ein Lagerfeuer?“, fragte sie sich. „Vielleicht finde ich ja dort einen Platz zum Schlafen.“
«Ich glaube nicht, dass man sehr erfreut sein wird, mich dort zu sehen!», erwiderte Turmalon.
„Setzt mich einfach in der Nähe ab“, schlug sie vor, „den Rest gehe ich dann zu Fuß.“
Nachdem sie dann aber näher herankamen, bemerkte Rianna, dass der Rauch nicht wie angenommen von einem Lagerfeuer kam, sondern von einem Pferdefuhrwerk, welches in Flammen stand.
Umgehend bat sie Turmalon darum etwas schneller zu fliegen, da sie nun wissen wollte, was dort unten vor sich ging. Daraufhin legte er seine Flügel an, ähnlich wie ein Raubvogel, der sich auf seine Beute stürzte. Pfeilschnell schoss der Drache seinem Ziel entgegen. Erst kurz vor dem Lager breitete er seine Schwingen wieder aus und begann dieses zu umkreisen. Rianna erkannte nun, dass die Wagen, die sie sah, zu der Karawane gehörten, die vor nicht ganz einer Woche noch in Horin gewesen war.
Immer mehr der Wagen fingen Feuer und der Grund dafür war ein Angriff von Soldaten aus dem benachbarten Königreich. Dies wiederum irritierte Rianna, da sie wusste, dass die Händler mit beiden Reichen Handel betrieben. Aber vor allem deswegen, weil Eboria und Calay eigentlich im Frieden miteinander waren, und diese Handlung der Soldaten aus Calay auf dem Boden von Eboria mit Sicherheit Konsequenzen haben würde.
Rianna erkannt, dass es unter den Händlern und deren Begleitschutz Verletzte und sogar bereits Tote gab. Wohingegen die Soldaten scheinbar noch keine Verluste beklagen mussten.
„Wir müssen ihnen irgendwie helfen“, beschloss Rianna, überlegte aber noch, wie sie das bewerkstelligen sollten. Die Karawane hatte wohl in einer Talsenke unmittelbar neben der Straße bereits ein Lager für die Nacht aufgeschlagen, bevor sie angegriffen wurden. Die Angriffe selbst fanden nur in dem der Straße am nächsten liegenden Teil des Lagers statt.
„Kannst du im hinteren Teil des Lagers landen?“, wollte Rianna wissen.
«Aber sicher doch!», bestätigte Turmalon ihr. «Aber was hast du vor?»
„Vieleicht können wir die Soldaten auf Grund deiner Anwesenheit einschüchtern oder besser noch verjagen“, verkündete Rianna ihren Plan.
«Einen Versuch ist es wert. Ich weiß auch schon, wie ich es machen werde!», teilte der Drache ihr mit und gab einen ohrenbetäubendes Brüllen von sich. Dies schreckte, wie erhofft, die meisten Kämpfenden auf, die sofort in den immer dunkler werdenden Abendhimmel aufsahen. Da sich Turmalon mittlerweile aber kaum noch ausmachen ließ, erkannte niemand, woher dieses Geräusch kam.
Kurz darauf landete er mitten im Lager, wo er direkt ein weiteres Brüllen von sich gab. Dabei streckte er seinen Hals so weit nach oben, wie er konnte, und ließ seine Flügel ausgebreitet, um so groß und bedrohlich wie möglich zu wirken. Das Licht der in Flammen stehenden Wagen tat dabei sein Übriges.
Zu Riannas und Turmalons Verwunderung, jubelten die Soldaten plötzlich, als sie erkannten, was dort gelandet war. Was jedoch noch viel fataler war: durch den Schrei des Drachens wurden einige der, wohl eher kampfunerfahreneren, Händler abgelenkt und blickten hinter sich. Dies nutzten die Soldaten gnadenlos aus.
„Jetzt auch noch ein Drache!“, hörte Rianna einen verletzten Mann neben sich rufen, welcher an ein Rad gelehnt war, „Wir sind verloren!“
„Das lief ja mal überhaupt nicht wie geplant“, stellte Rianna frustriert fest und stieg von Turmalon herunter. „Ich befürchte, wir haben die Sache nur noch verschlimmert. Denkst du, dass du ihnen helfen kannst, sich zu verteidigen?“
Der Drache gab ein tiefes Knurren von sich und sagte dann: „Nun gut. Aber ich brauche Platz!“ Mit diesen Worten hob er wieder ab.
Rianna ging sofort auf den verletzten Mann am Rad zu und sagte: „Keine Angst! Wir wollen euch helfen.“
Ungläubig beäugte der Mann sie und drückte sich am Wagenrad hinauf, als Rianna sich zu ihm hinunterbeugte. Sie nahm wieder etwas Abstand zu ihm. Versorgen konnte sie ihn ohnehin gerade nicht. Also überlegte sie, wie sie ihre Worte in die Tat umsetzten sollte. Vom Schwertkampf hatte sie nicht im Ansatz genug Ahnung, um sich gegen die, ihrer Meinung nach, gut trainierten Soldaten behaupten zu können. Ganz davon abgesehen, dass sie derzeit kein Schwert besaß.
Den Bogen wollte sie auch nicht einsetzen, da dieser unweigerlich zu schweren bis tödlichen Verletzungen führen würde. Dieses Risiko wollte Rianna nicht eingehen, sie wollte keine Menschen töten. Andererseits dachte sie sich dann, dass die Soldaten, die sie nicht verletzten wollte, gerade dabei waren andere Menschen zu töten.
„Was ist passiert? Wieso greifen euch die Soldaten an?“, wollte sie vom Verletzten wissen.
Dieser sah sie immer noch misstrauisch an, sagte aber dennoch: „Nichts! Wir haben nichts getan. Wir waren gerade dabei, uns hier für die Nacht einzurichten, als sie die Straße entlangkamen. Und als wir sie dann fragten, was sie hier in Eboria zu suchen hatten, griffen sie uns an!“
Dies reichte Rianna aus, um auch ihre letzten Zweifel zu überwinden. Sie nahm den Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil auf. Jedoch fiel es ihr schwer, ein Ziel auszumachen, da die beiden kämpfenden Parteien dicht beieinander standen und sie nicht versehentlich den Falschen treffen wollte. Also wartete sie ungeduldig darauf, dass sich eine Gelegenheit bot.
Und diese kam. Als einer der Söldner nach hinten stolperte und auf den Boden fiel, schoss sie sofort auf den Soldaten, der gerade nachsetzen wollte und rettete so den Söldner vorerst das Leben. Dieser sah kurz nach hinten, um herauszufinden, woher der Pfeil gekommen war und bedankte sich dann bei Rianna mit einem deutlichen Kopfnicken. Augenblicklich sprang er wieder auf, um dem Soldaten, welcher wegen des Pfeils in seiner Brust ins Taumeln geraten war, den Rest zu geben. Letztlich trat er den Toten von sich weg und stürzte sich wieder in den Kampf. Auch Rianna suchte sich bereits ein neues Ziel, beobachtete dann aber verwundert, wie die Leiche des gefallenen Soldaten ohne erkennbaren Grund zu brennen anfing. Kopfschüttelnd beschloss sie, dem später auf den Grund zu gehen und unterstütze wieder die Kämpfer der Karawane.
Derweil landete Turmalon im Rücken der Soldaten. Zwar hatten diese ihn bemerkt, schienen sich aber nicht um ihn zu kümmern. Er konnte ohne Probleme dicht an sie heran, ohne dass sich einer zur Verteidigung umdrehte. Im Gegenteil schienen die Soldaten seine Anwesenheit sogar zu begrüßen und machten ihm Platz, so als ob sie ihn einladen wollten, direkt vorne mitzumischen. Dankend nahm er das Angebot an und setze ohne Probleme drei der Soldaten mit einem Wisch seiner Vorderpranke außer Gefecht.
Vor den Händlern und Söldnern, welchen er nun gegenüber stand, wich er zurück. Gegen sie wollte er schließlich nicht kämpfen und zeigte es ihnen auf diese Weise.
Argwöhnisch betrachteten die Karawanenmitglieder die Situation einen Moment, entfernten sich dann aber ihrerseits von Turmalon und eilten ihren Kameraden zur Unterstützung. Den Drachen ließen sie jedoch nicht aus den Augen.
Turmalon ignorierte es und suchte sich ebenfalls den nächsten Gegner. Diesmal jedoch waren die Soldaten vor ihm auf der Hut. Sie versuchten, sich gegen ihn zu verteidigen, sobald er in ihre Nähe kam, konnten jedoch kaum etwas seinen kräftigen Schlägen mit den Pranken entgegensetzen. Dennoch musste der Drache selbst ein paar Treffer einstecken.
Mit ihren Schwertern schlugen sie gegen seine Beine und versuchten so seine Angriffe zu verhindern. Zum Glück konnten sie Turmalon mit den Hiebwaffen trotz ihrer Bemühungen kaum verletzen. Und auch die Versuche seine Schläge zu Blocken, waren von wenig Erfolg gekrönt.
Plötzlich klar unterlegen, was sowohl Stärke als auch ihre Anzahl anging, zogen sich die Soldaten mit einem Mal zurück. Dies geschah so überraschen und ohne Vorwarnung, dass die Leute der Karawane für einen Moment nur perplex da standen und den Soldaten hinterhersahen. Turmalon setzte ihnen noch einige Schritt hinterher, bis ihm einfiel, dass es ja ihr eigentliches Ziel war, sie in die Flucht zu schlagen. Schließlich brüllte er den bergab flüchtenden Soldaten eine weitere Drohgebärde hinterher und kehrte dann zurück zum Lager.
Dort wurde er allerdings nicht sehr freundlich empfangen. Der vorwiegende Teil der Söldner hatte sich mit gezogenen Waffen zwischen ihm und dem Lager aufgestellt.
Turmalon blieb auf gebührendem Abstand, fragte aber: „Was soll das? Wieso wollt ihr mich nicht durchlassen?“
„Weil ich nicht wüsste, was du hier verloren hast!“, antwortete ihm einer der Söldner. „Also mach, dass du wieder dort hinkommst, von wo du hergekommen bist!“
„So zeigt ihr also eure Dankbarkeit?“, fauchte Turmalon sie an. „Das hätte ich mir ja auch vorher denken können!“
„Bleib ruhig Turmalon! Ich denke, sie haben nur Angst und wissen nicht anders damit umzugehen“, rief Rianna, die sich durch die Reihen der Söldner drängte und sich zwischen sie und den Drachen stellte. Dann sagte sie an die Söldner gerichtet: „Aber er hat recht! So dankt ihr jemandem, der euch zur Hilfe gekommen ist? Er hätte auch weiterfliegen können und nicht sein Leben riskieren müssen, nur um eures zu retten! Also seid doch bitte so freundlich und erweist ihm wenigstens eure Dankbarkeit.“
Die meisten der Söldner senkten ihre Waffen und begannen kurz miteinander zu diskutieren, dann ergriff der gleiche Söldner noch einmal das Wort: „Ich muss zugeben, dass du recht hast. Bevor ihr gekommen seid, stand es ziemlich schlecht um uns. Obwohl wir zu Beginn schnell einige von ihnen erledigen konnten, so waren sie doch in der Überzahl, und nicht jeder hier hat viel Kampferfahrung. Also gut, ich denke, ich kann im Namen aller sprechen und bedanke mich für eure Hilfe. Ich heiße übrigens Gerald, und bin so etwas wie der Anführer hier. Sagt also, was ihr von uns wollt!“
Rianna begann zu lächeln und antwortete: „Wir waren lediglich auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz.“
„Das sollte sich einrichten lassen“, erwiderte Gerald. „Aber zunächst sollten wir uns um die Verletzten kümmern. Und es sollte jemand den anderen Bescheid sagen, dass sie wieder aus ihren Verstecken kommen können, vor allem dieser Tabea! Wir könnten jetzt ihr Wissen und ihre Tränke gebrauchen.“
„Tabea ist noch bei euch?“, bemerkte Rianna.
„Falls sie nicht geflohen ist, ja“, erwiderte Gerald. „Wieso? Brauchst du etwas von ihr?“
„Nein, aber wir dürften gleich eine Überraschung für sie haben!“, antwortete Rianna. „Das kann aber noch einen Moment warten.“ Sie folgte den anderen und half ihnen bei der Versorgung der Verwundeten.
Turmalon hatte sich derweilen neben einem Feuer in der Mitte des Lagers hingelegt und beobachtete das Treiben, da er ohnehin nicht helfen konnte.
„Tabea weigert sich, aus ihrem Wagen zu kommen“, informierte ein Mann, der nach einer Weile eilig zu Gerald geeilt kam „Sie hat sich darin eingeschlossen.“
„Lasst es mich einmal versuchen“, schlug Rianna vor, „vielleicht ist ihre Neugier, herauszufinden, wieso ich hier bin, größer als ihre Angst!“
„Bitte, wenn du glaubst, dass es funktioniert“, erwiderte Gerald skeptisch.
Rianna begab sich zum Wagen von Tabea, klopfte an deren Tür und wartete auf eine Antwort. Da sie aber keine bekam, klopfte sie erneut und sagte dann: „Tabea, ich bin es, Rianna! Macht bitte die Tür auf, Ihr werdet gebraucht!“ Es dauerte einen Augenblick, dann hörte man auf der anderen Seite der Tür, wie jemand einen Riegel löste. Die obere Hälfte der Tür flog auf und Tabea warf einen Blick nach draußen. „Rianna! Du bist es ja Wirklich! Wie kommst du denn hierher?“, fragte sie überrascht. Rianna zeigte in Turmalons Richtung der jedoch hinter dem Wagen lag. Trotzdem versuchte Tabea zu erkennen, auf was Rianna da zeigte.
Seufzend öffnete die alte Frau auch die untere Hälfte der Tür und ging um die Ecke. Laut lachte sie auf und rannte so schnell sie konnte, auf Turmalon zu. Als sie ihm näher kam, begann sie ihn sich genauer anzusehen. Man sah ihr die Freude ganz klar an. Für Rianna war es allerdings wichtiger, dass sie bei der Versorgung half und sagte daher: „Mir ist klar, dass Ihr lange nach einem Drachen gesucht habt, weswegen euer Anliegen bestimmt auch noch einen Tag warten kann. Wir werden auch morgen noch hier sein. Jetzt aber benötigen die Männer und Frauen hier eure Fähigkeiten als Heilerin.“
„Ist ja gut, ich hab es verstanden!“, murrte Tabea und wusste, dass Rianna vorher keine Ruhe lassen würde, aber auch das sie Recht hatte. „Aber damit das klar ist, du wirst mir bei der Versorgung helfen.“ Die alte Frau eilte zurück zu ihrem Wagen, blieb allerdings in der Tür stehen und drehte sich zu Rianna um. „Ich sagte doch gerade, dass du mir helfen sollst! Also komm mit!“, wiederholte sie leicht verstimmt ihre Worte. Verblüffte merkte Rianna auf und folgte rasch Tabea.
Zielstrebig kramte die alte Frau in ihren Regalen herum. Sie entnahm verschiedene Flaschen, betrachtete, deren Etiketten und stellte sie dann wieder zurück, bis sie gefunden hatte wonach sie suchte. Dies wiederholte sie noch einige Male, bis sie alles beisammen hatte. Anschließend nahm sie aus der Schublade einer Kommode einige Verbände, sowie Nadeln und Faden.
„Ich gehe mal davon aus, dass du weißt, wie man Verletzungen reinigt und versorgt?“, erkundigte Tabea sich und gab Rianna einige der Verbände, eine Flasche mit einer Flüssigkeit und einen Tiegel mit derselben Salbe, die sie ihr auch in Horin gegeben hatte. „Mit dem Alkohol aus der Flasche säuberst du die Wunde“, erklärte Tabea, „und was du mit der Salbe machen musst, weißt du ja hoffentlich noch.“ Rianna nickte und Tabea fuhr fort: „Gut, dann kümmere du dich um die leichten Wunden. Ich übernehme den Rest.“
Es dauerte fast die halbe Nacht, bis alle versorgt waren und Rianna sich endlich ausruhen konnte. Sie hatte sich bei jemandem ein paar Decken geliehen, damit sie sich selbst ein Nachtlager errichten konnte und ging damit zu Turmalon.
«Endlich fertig?», fragte er, worauf sie ihm nur noch zunickte. «Könntest du mir bitte noch den Sattel abnehmen? Und dann ruhst du dich bitte endlich aus! Du siehst nämlich aus, als würdest du gleich im Stehen einschlafen!»
„Schön, dass du dich so um mich sorgst“, entgegnete Rianna ihm erschöpft, „aber genau das hatte ich gerade vor.“
Nachdem sie Turmalon vom Sattel befreit hatte, legte sie ein paar Decken auf den, erdigen Boden, und bettete sich dann darauf. Doch kaum hatte sie sich hingelegt, schlief sie auch schon ein. Daher bemerkte sie auch nicht mehr, wie Turmalon sich direkt neben sie legte, seinen Hals und den Schwanz um sie herum wand und einen seiner Flügel wie eine Zeltplane über sie ausbreitete.
Endlich hatten Alia und Riam nach fast einer Woche das Beohgebirge hinter sich gelassen und erreichten nun den Wald von Kebor, welcher zu Calay gehörte. Sie waren hergekommen, um herauszufinden, ob die Gerüchte, dass sich Calay auf einen Krieg vorbereitete, der Wahrheit entsprachen. Dazu wollten sie unter anderem in die nahegelegene Stadt Kebor, in der sich auch eine Garnison befand. Dort würden sie mit Sicherheit etwas herausfinden.
Um nicht aufzufallen und sich frei bewegen zu können waren sie wie normale Reisende gekleidet.
„Wir sollten den Pferden nochmal eine Pause gönnen“, schlug Riam vor, als sie an einem Bach vorbei kamen. „Danach können wir bis Kebor durchreiten und sollten noch vor Einbruch der Nacht dort ankommen.“
„Einverstanden!“, erwiderte Alia und beide stiegen ab, um die Pferde zum Bach zu führen.
„Was denkst du? Stimmen die Gerüchte?“, wollte Riam wissen und ging dabei ein wenig auf und ab, um sich die Beine zu vertreten.
„Zuzutrauen wäre es König Adrian ja“, antwortete Alia nachdenklich. „Du weißt ja selbst, wie sehr die Beziehungen zu Eboria leiden, seit er auf dem Thron sitzt. Aber es geht hier nicht darum, was ich denke, sondern um das, was tatsächlich der Fall ist.“
Riam nahm ein Schluck aus seinem Wasserschlauch, während er Alia zuhörte und verzog, wegen des abgestandenen Wassers, das Gesicht. Er kippte den restlichen Inhalt des Schlauches weg und trat an den Bach heran, um ihn mit frischem Wasser zu füllen. Dann bedeutete er Alia, ihm auch ihr Gefäß zu geben, um es ebenfalls nachzufüllen. Dieses warf sie ihm auch sogleich zu, doch statt es zu fangen, landete es im Bach. Die dadurch entstandenen Spritzer schossen Riam bis ins Gesicht. Alia musste bei diesem Anblick sofort anfangen zu lachen, und auch Riam begann zu grinsen, nachdem er sich mit der Hand durchs Gesicht gefahren war. Er fischte den Beutel aus dem Wasser und befüllte auch ihn. Dann warf er ihn zurück zu seiner Besitzerin, die ihn mit einem Ächzen auffing.
„Genug herumgealbert!“, sagte Alia. „Wir sollten jetzt weiter.“
Einige Zeit später war endlich die Mauer von Kebor am Ende des Waldes zu sehen.
„Sobald wir in der Stadt sind, ruhen wir uns aber erst einmal eine Nacht … nein lieber zwei Nächte aus, bevor wir uns umhören“, schlug Riam vor und Alia lachte nickend: „Eine Nacht! Eine hervorragende Idee!“
Kurz bevor sie den Waldrand erreichten, stellte sich ihnen eine Gruppe von sechs Männern in den Weg und zogen ihre Waffen.
„Na hervorragend, Wegelagerer! Das hat uns gerade noch gefehlt!“, seufzte Riam.
„Nein, eben nicht! Sieh dir an, was für Wappenröcke sie tragen!“, erwiderte Alia erstaunt, „Das sind Soldaten aus Eboria!“
„Du hast Recht! Aber was haben die hier zu suchen?“, wollte Riam wissen.
„Lass es uns herausfinden!“, antworte ihm Alia daraufhin.
Beide ritten langsam an die Soldaten heran und Alia sagte zu ihnen: „Seid gegrüßt, Soldat. Wir sind Späher aus Horin und würden gerne erfahren was ein Trupp Soldaten aus Eboria hier zu suchen hat! Wo ist euer vorgesetzter Offizier?“
Die angesprochen Soldaten reagierten nicht auf ihre Frage, und bevor Alia sie nochmals wiederholen konnte, tauchten weitere Männer neben und hinter ihnen auf, sodass die beiden Kundschafter nun umstellt waren.
„Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“, erkannte Alia geistesgegenwärtig. Beide trieben sie ihre Pferde zum Galopp an, um durch die vor ihnen stehenden Soldaten zu brechen. Alia gelang dies ohne Probleme, jedoch hörte sie, wie Riams Pferd aufschrie, als es von einem Schwert am Bein getroffen wurde und zu Boden ging. Schnell kam er auf die Beine und zog sein Schwert, um die Schläge der Soldaten zu parieren. Er war nicht der beste Schwertkämpfer. Seine Stärken lagen mehr in der Beschaffung von Informationen. Aber für diese Männer schien es zu reichen, zumindest solange es nicht zu viele waren.
„Komm her!“, rief ihm Alia zu, die stehen geblieben war und wollte, dass Riam zu ihr auf ihr Pferd stieg. Dies befolgte er auch sofort und rannte, so schnell er konnte, auf sie zu. Sie reichte ihm die Hand und zusammen mit einem kräftigen Sprung schaffte er es auf den Rücken des Tieres.
Sofort trieb Alia ihr Pferd an. Es gelang ihnen den Wald zu verlassen, kamen jedoch nicht sehr viel weiter, da nun auch ihr Tier zu Boden ging. Kaum waren die Eboria-Soldaten aus ebenfalls aus dem Wald getreten, ertönte ein Horn auf den Mauern Kebors.
Eilig sprang Alia auf. Noch benommen von dem Sturz, sah sie ein Messer im Oberschenkel des Pferdes stecken. Sie bemerkte, dass Riam noch am Boden lag und sich bemühte hochzukommen, doch sein Fuß steckte unter dem Reittier fest. Alia entfernte das Messer aus dem Bein und konnte so das Pferd zum Aufstehen bewegen. Sie half Riam auf, allerdings hatten die Soldaten sie mittlerweile wieder eingeholt. Wegrennen konnten sie nicht mehr. Auch da Riam wegen seines Fußes mit Mühe gerademal gehen konnte. Keinesfalls wollte sie ihren Kameraden im Stich lassen. So war ihre einzige Möglichkeit war sich zu verteidigen und auf Hilfe aus Kebor zu hoffen.
Wie Riam bereits feststellt hatte, waren diese Soldaten nicht sonderlich gut ausgebildet, weshalb die beiden vorerst die Oberhand behielten. Dies konnte sich jedoch schnell wieder ändern, wenn man die bloße Anzahl an Gegnern betrachtete. Es hatten sich mittlerweile gut zwei Dutzend Soldaten versammelt. Allein der Umstand, dass sie wie Kinder kämpften, denen man zum ersten Mal ein Schwert in die Hand gedrückt hatte, machte diesen Vorteil wieder wett. Jedoch drohten sie nun eingekreist zu werden.
Als dies geschah, kämpften beide Rücken an Rücken, allerdings waren sie so sehr damit beschäftigt, die Schläge der Soldaten abzuwehren, dass sie gar nicht dazu kamen, selbst anzugreifen. Sie hatten also keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.
Einen Moment später erklang weiter Kampflärm unmittelbar neben ihnen. Davon einen Augenblick abgelenkt, um zu erfahren woher dies kam, ließ Riam seine Riam seine Verteidigung sinken. Jedoch kam ihn diese Neugierde teuer zu stehen. Einer der Soldaten nutzte diesen Moment der Unaufmerksamkeit und rammte ihm sein Schwert tief in den Bauch. Ungläubig tastete er nach der Wunde und sah dann das Blut an seiner Hand.
Die Soldaten hatten allerdings keine Zeit mehr, ihm auch noch den Gnadenstoß zu geben, da sie nun von den Wachen aus Kebor zurückgedrängt wurden. Es dauerte nicht lange, bis gut die Hälfte der Soldaten am Boden lag, was die andere Hälfte dazu veranlasste, die Flucht zu ergreifen. Schnell verteilten sie sich und rannten wieder Richtung Wald und verschwanden dort. Die Wachen machten keine Anstalten, sie zu verfolgen, stattdessen rief einer: „Schnell, holt einen Heiler!“
Erst da bemerkte Alia, das Riam schwer verletzt war. Augenblicklich riss sie dem am Boden liegenden Späher das Hemd auf und presste einen Verband, den sie aus ihrer Taschen genommen hatte, auf die Wunde.
„Halte durch!“, flehte Alia ihn an, „Du hast ja gehört, Hilfe kommt gleich!“ Sie tauschte den mittlerweile blutdurchtränkten Verband gegen einen neuen aus, der sich aber genauso schnell mit Blut vollsog.
Dann kamen etwa ein Dutzend Soldaten durch das Tor herangeritten und einer von ihnen sagte: „Wie ich sehe, habt ihr alles unter Kontrolle.“
„Ja, diese Soldaten waren ungewöhnlich leicht außer Gefecht zu setzen. Allerdings sind einige von ihnen zurück in den Wald geflohen“, antwortete der Angesprochene. „Außerdem wurde einer von denen, welche die Angreifer verfolgen, schwer verletzt. Ich habe aber bereits nach einem Heiler schicken lassen!“
„In Ordnung“, antwortete der Reiter. Dann befahl er den Männern, die mit ihm auftauchten: „Verfolgt sie und nehmt sie, wenn möglich, gefangen!“
Sofort ritten die restlichen Reiter los und verfolgten die Soldaten.
Dann stieg er ab, ging auf Alia zu und meinte fürsorglich zu ihr: „Meine Männer werden sich um ihn kümmern! Kommt, ich würde mich gerne mit euch unterhalten.“ Er bedeutete einem der Wachen, sich dem Verletzten anzunehmen.
„Mein Name ist Geron, ich bin Kommandant der hiesigen Garnison!“, stellte sich der Reiter vor. „Ich würde gerne erfahren, wer ihr seid und wieso euch diese Soldaten angegriffen haben!“
„Wir sind einfache Reisende aus Horin“, antwortete Alia und man konnte Gerons Gesichtsausdruck entnehmen, dass ihm diese Antwort nicht genügte. Er ließ sie dennoch erst zu Ende reden: „Diese Männer haben uns kurz vor dem Waldrand abgepasst und ohne erkennbaren Grund angegriffen.“
„Das ist alles?“, hinterfragte Geron und sie nickte ihm lediglich zu. Dann flüsterte ihm eine der Wachen zu, sodass Alia es nicht mitbekam: „Für einfache Reisende konnten sie sich erstaunlich gut gegen die Soldaten halten. Diese haben zwar wie Anfänger gekämpft, aber selbst dann benötigt es einiges an Erfahrung, um gegen eine solche Meute bestehen zu können.
Nickend stimmte Geron ihm zu und wandte sich dann wieder an Alia: „Ihr kommt erst einmal mit uns mit, für mich hört sich das, was ihr da erzählt, noch nicht ganz schlüssig an. Wenn meine Männer wiederkommen und hoffentlich einige Gefangene mitbringen, können wir die Sache bestimmt klären.“
„Sind wir auch eure Gefangenen?“, wollte Alia wissen.
„Erst einmal seid ihr meine Gäste“, antwortete der Kommandant bestimmend, „Bis ich etwas anderes sage bleibt ihr in der Stadt!“
„Also doch Gefangene“, murmelte Alia leise.
Plötzlich hörte man, wie eine der Wachen aufschrie, welche sich über eine der Leichen gebeugt hatte, um diese zu untersuchen. Erschrocken war er zurückgesprungen und saß nun mit angesengten Haaren auf dem Boden. Ungläubig beobachtete er und alle anwesenden wie die gefallenen Soldaten begonnen, bis zur Unkenntlichkeit zu verbrennen.