Draca Steorra: Aus unerwarteter Richtung
Eine Stadt leidet unter Angriffen eines Drachen — doch dann erhält sie Hilfe aus unerwarteter Richtung…
Aus unerwarteter Richtung
Aus dem Englischen von21stCenturyDragon
Erstveröffentlichung: Im Internet als Unexpected Help
Ich befand mich wieder einmal vor der Stadt Frenick. Sie war erstaunlich groß, wenn man bedachte, dass sie an der nördlichen Grenze lag. Die meisten Gebäude waren aus Holz, nur hier und da sah man ein Haus aus Ziegeln. Ein einzelner Wall schützte den Ort vor Angreifern und wilden Tieren. Seine untere Hälfte bestand aus Ziegeln ohne Mörtel dazwischen, darauf waren hölzerne Pfeiler und Planken angebracht.
Die Stadt war auf einem Hügel erbaut worden, an dessen Kuppe sich die wichtigsten Gebäude befanden: das Haus des Bürgermeisters sowie einige Tempel. Die größten davon waren der Sonne, dem Mond und dem Himmel gewidmet — sie waren auch unter den wenigen, die aus Ziegeln bestanden. Diese drei für die Bewohner am wichtigsten: Die Sonne spendete ihnen Licht und Wärme, der Mond zeigte die Jahreszeiten an, und der Himmel schenkte ihnen Leben, indem er seine Wasser über das Land ergoss.
Ich schritt auf das Tor zu und ließ mein Pferd hinter mir nachfolgen. Es trug eine große Anzahl Felle: Dies waren die Tiere, die ich auf meiner Reise gejagt und gegessen hatte. Sie würden einen guten Preis erzielen. Außerdem hatte ich einen großen Sack mit Rohedelsteinen. In den Bergen gab es sie ohne Ende — zumindest für alle, die wussten, wo sie suchen mussten. Ich wusste, wo ich suchen musste. Die meisten Menschen wagten sich nicht dorthin, weil sie sich vor den Drachen fürchteten. Ja, es gab sie — aber das machte mir nicht viel aus.
Die Wächter würdigten mich keines zweiten Blickes, als ich durch die Pforte schritt. Ihre Aufgabe war es lediglich, Unruhen zu verhindern und Nachts die Tore zu schließen — nicht mehr und nicht weniger. Solange es keine Raufereien gab, kümmerten sie sich um nichts.
Im Vorübergehen ließ ich meinen Blick über die Ballisten streifen, von denen mindestens eine alle 30 Meter den Wall entlang errichtet worden war. Nur einige wenige waren für den Ernstfall tatsächlich besetzt, trotzdem machte es mich nervös, dass mich theoretisch ein Geschoss durchdringen und danach unbehelligt weiterfliegen konnte.
Nachdem ich die Stadt betreten hatte, kehrte ich den gefährlichen Waffen meinen Rücken zu und ging weiter in Richtung Zentrum. Der Markt direkt unterhalb der Tempel war mein Lieblingsort: Dort wurden die verschiedensten Waren feilgeboten, und ich fand immer etwas Außergewöhnliches. Das war der Grund, warum ich nach Frenick kam: Schließlich konnte ich für mich selbst sorgen und brauchte keine Vorräte.
Als ich den Platz betrat, blickte ich auf die Wachtürme, die außen herum standen: einfache Holzkonstruktionen mit einigen Schießscharten. Was mich allerdings jedes mal aufblicken ließ, waren die Ballisten darauf. Diese Türme gab es überall im Ort, doch rund um die Tempel und den Markt gab es besonders viele. Die Balliste, die die ihre Bewohner so gut bauen konnten, war sicherlich der Schlüssel zur Unabhängigkeit der Stadt. Vor allem brauchte man sie, um sich gegen wilde Tiere zur Wehr zu setzen, die es Zeit zu Zeit wagten, Richtung Stadt zu wandern. Keine Drachen, andere Wesen — Drachen wussten es besser.
Die Balliste schreckte auch all zu gierige andere Staaten ab, die ein Auge auf die Stadt geworfen hatten. Feindliche Armeen konnten den fliegenden Bolzen nicht standhalten, und viele geheime Tunnel konnten die Stadt weiter versorgen. Der Preis, die Stadt einzunehmen, war höher als der Gewinn.
Eine Zeit lang durchstreifte ich den Marktplatz und verkaufte meine Felle dabei dem Höchstbietenden. Ich erhielt einige Goldmünzen - schließlich war mein Stapel Felle nicht gerade klein. Das Pferd schien genauso froh zu sein wie ich, dass sie endlich weg waren.
Für meine Edelsteine hatte ich nur einen Käufer im Auge. Sein Laden befand sich am Hauptplatz. Er war Juwelier, und seine Werke waren unter den schönsten, die ich jemals gesehen hatte. Mein Geschäft mit ihm war, dass ich ihm meine Edelsteine brachte, und er mir aus den größten und schönsten davon etwas Außergewöhnliches herstellte. Was es war, war mir eigentlich egal — es musste nur die Qualität haben, die ich von ihm gewohnt war. Deshalb freute er sich immer, wenn ich zu ihm kam — wegen der Chance, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Oder wegen des großen Sacks Edelsteine, den ich mitbrachte.
Als ich seinen Laden betrat, begrüßte er mich: „Arnsel! Willkommen!“
„Hallo Logan! Was hast du denn heute für mich?“, fragte ich ihn.
„Oh, ich glaube, das wird dir gefallen“, entgegnete Logan, während er auf eine Gruppe Eisenschränke zutrat. Er öffnete einen davon und nahm einen mit einem Tuch verhüllten Gegenstand heraus. Was auch immer es war, es war um einiges größer als Logans übliche Werke. Er stellte es vor mir auf die Theke. „Du wolltest doch irgendwas mit Drachen, und ich wollte immer schon mal einen Pokal machen“, meinte er lächelnd, als er das Ding enthüllte.
Ich war wie hypnotisiert. Der Pokal bestand größtenteils aus Gold, doch das war es nicht, was mich so faszinierte: Es war der Schaft, der mich in seinen Bann zog. Er wurde von drei Drachen auf den Hinterbeinen gebildet, die ihre Vorderbeine in die Mitte streckten. Ihre Köpfe zeigten nach innen, und auf ihren gekrümmten Nacken ruhte die Kuppa, also die Schale. In der Mitte des Schaftes befand sich ein großer Rubin in Form einer Träne. Er war nicht in Fassetten, sondern glatt geschliffen. Seine Farbe war ein strahlendes Blutrot, und ich konnte nicht eine Unregelmäßigkeit ausmachen. Das obere und das untere Ende des Rubins berührten jeweils die Kuppa und den Fuß des Pokals. Festgehalten wurde er von den gestreckten Vorderbeinen der Drachen.
„Da hast du verdammt noch mal recht. Der Rubin… letztes Mal habe ich dir nur einen Stein gebracht, der so groß war, und der hatte eindeutig nicht diese Farbe. Wie hast du das gemacht?“, fragte ich ihn.
„Zunftgeheimnis. Und, bist du zufrieden?“
„Noch mehr als sonst. Mit diesem Pokal hast du dich selbst übertroffen. Ich habe so etwas noch nie gesehen“
„Danke. Also… hast du neue Steine für mich mitgebracht?“
„Tue ich das nicht immer?“, fragte ich, und leerte den Sack Edelsteine über die Theke.
„Sind das Smaragde?“, fragte Logan, und berührte einige der Diamanten.
„Vielleicht.“
„Wann wirst du mir endlich sagen, wo du die Steine her hast?“
„Das habe ich doch schon gesagt: Aus den Bergen!“
„Ich glaube dir kein Wort. Ich sage dir, du hast eine Stelle nicht weit von der Stadt, wo du sie ausgräbst“, meinte Logan. Ich lächelte bloß. „Na dann, lass mich deinen Pokal einpacken. In ein, zwei Monaten habe ich wieder etwas für dich.“
„Ich freue mich schon“, sagte ich.
Nur wenige Augenblicke später lag der Pokal sicher in einer Kiste aus roter Eiche mit kupfernem Beschlag. Sie war mit Kork ausgelegt, um den wertvollen Inhalt zu schützen. Ich packte sie ein und machte mich auf den Weg zurück zum Marktplatz.
„Arnsel“, rief plötzlich jemand aus der Menge. Ich erkannte die Stimme noch bevor ich die Person ausgemacht hatte.
„Rei!“, rief ich, als ich sie endlich sehen konnte.
„Warum hast du denn nicht gesagt, dass du hier bist?“
„Rei, hier bin ich doch.“
„Hör doch auf! Du weißt genau, was ich meine.“
„Ich bin gerade erst angekommen. Ich hatte noch gar nicht die Gelegenheit, dich zu finden. Außerdem bist du doch jetzt, wie alt, zwanzig? Solltest du nicht mittlerweile verheiratet sein?“
„Sehr lustig, Arnsel.“
Ich kannte Rei schon sehr lange. Ich hatte sie im Wald gefunden, als sie zehn war. Sie war ziellos umhergeirrt, fernab von jeder Zivilisation. Wie sie dorthin gekommen war, hatte sie mir nie erklärt — wahrscheinlich wusste sie es nicht einmal selbst. Ich hatte ihr geholfen und ihr zu Essen gegeben. Dann hatte ich sie nach Frenick gebracht, wo man sich um sie kümmern konnte. Trotzdem hatte sie mich nie vergessen und freute sich jedes mal, wenn wir uns trafen.
„Willst du sehen, was ich diesmal von Logan bekommen habe?“, fragte ich sie.
„Und ob ich das will“, entgegnete sie. Vorsichtig öffnete ich die hölzerne Kiste und nahm den Pokal heraus. Ich reichte ihn ihr. Sie hielt einen Moment lang staunend inne, bevor sie ihn in die Hand nahm. „Ich würde sagen, er wird immer besser“
„Das würde ich auch sagen“, entgegnete ich. „Ich habe ihm diesmal ein paar Smaragde mitgebracht. Bin schon gespannt, was er damit machen wird.“
Einige lange Augenblicke bewunderte sie noch den Pokal. Dann gab sie ihn mir zurück und ich legte ihn vorsichtig wieder in die Kiste.
„Nimm mich mit“, sagte sie plötzlich.
„Wie bitte?“, fragte ich überrascht. Ich glaubte, mich verhört zu haben.
„Nimm mich mit. Wo du auch immer hingehst, ich will mitkommen.“
„Die Wildnis ist kein guter Ort für eine junge Frau wie dich. Dein Platz ist hier, wo du eine Familie gründen kannst.“
„Ich könnte mit dir eine Familie gründen“, meinte Rei. Das überraschte mich sehr, und ich wählte meine nächsten Worte vorsichtig.
„Rei, mir liegt wirklich sehr viel an dir, aber mein Platz ist da, wo die Monster sind. Dort draußen willst du sicher nicht leben, und schon gar nicht eine Familie gründen. Ich kann nicht eher hier bleiben, als du mit mir mitkommen kannst. Bitte, verstehe doch“, versuchte ich ihr zu erklären.
„Aber… aber…“, weinte sie.
„Nein, Rei“, sagte ich und drehte mich um. Sie versuchte, mich festzuhalten und zum Bleiben zu zwingen. Ihre Hand fuhr über meine Brust und packte das Amulett, das um meinen Hals lag. Sie zog mit daran mit derartiger Kraft, dass sich der einfache Verschluss löste. Der Zauber, der meine wahre Form verstecke, war gebrochen.
Ich war ein Drache, und als solcher stand ich plötzlich mitten am Marktplatz. Ich war um einige Male größer als ein Pferd, und um viele Male länger. Ein Mensch durchschnittlicher Größe ging mir etwa bis zu den Schultern. Mein Körper war rot, mein Bauch schiefergrau. Mein Haupt zierten vier Hörner, die ein wenig spiralförmig gekrümmt waren. Selbstredend hatte ich scharfe Klauen an den Pfoten, was die Menschen mich noch mehr fürchten ließ. Sowohl Klauen als auch Hörner hatten denselben schiefergrauen Farbton wie mein Unterleib. Meine Flügel waren sehr groß — schließlich waren Drachen Kreaturen der Lüfte. Ausgestreckt spannten sie sich fast doppelt so weit, wie mein Körper lang war. Für sie hatte ich ein zweites Paar Schultern und einiges an Muskelmasse, um mich in der Höhe zu halten. Rasch wurde diese Stärke von den Menschen um mich erkannt — ebenso wie von den Wachen auf der Balliste.
Niemand schrie oder schnappte nach Luft. Niemand lief davon. Niemand griff zu den Waffen. Niemand machte ein Geräusch. Alle blickten erstaunt auf mich und auf Rei, die immer noch vor mir stand.
„Rei, gib das zurück!“, rief ich. Konnte ich bloß das Amulett zurückbekommen, so konnte ich den Zauber wiederherstellen und mit etwas Glück auch noch unversehrt davonkommen. Aber es war, als hörte sie mich nicht. Sie starrte mich einfach nur an.
„Bitte, Rei, ich brauche es“, flehte ich sie an. Diesmal fing sie an zu laufen.
Dass Rei nun davon lief, war wie ein Funke, der einen Waldbrand auslöste. Mit einem Mal besannen sich die Menschen dieser Situation. Die meisten nahmen nun ebenfalls ihre Beine in die Hand. Frauen und Kinder schrien. Männer griffen zu den Waffen. Wachen mit Speeren liefen auf mich zu. Alle Ballisten wurden mir zugewandt und mit Bolzen geladen. Ich legte mich flach auf den Boden und bedeckte den Kopf mit den Flügeln. Jeden Moment würde ich von einem Bolzen durchbohrt werden.
Vermutlich waren es nur einige Minuten, während denen ich so auf den Bolzen wartete, doch für mich fühlte es sich an, als wären es Stunden gewesen. Vorsichtig blickte ich auf und sah mich um. Rund um mich standen Soldaten mit Speeren und Armbrüsten — großen Armbrüsten mit Drehfedern. Mehrere mobile Ballisten wurden in etwa sechs Metern Entfernung rund um mich aufgestellt. Ich hatte keine Chance, ihnen lebend zu entkommen. Ich war ein Gefangener — schon seit der Zauber meines Amuletts gebrochen war.
Ein Mann in voller Rüstung und mit einem großen, rechteckigen Schild in der Hand trat langsam von vorne auf mich zu. „Verstehst du uns, Drache?“, fragte er.
Ich zögerte. „Ja“, sagte ich schließlich.
„Dann verstehst du auch, dass wir keine Fesseln brauchen werden. Wenn du auch nur irgendetwas versuchst, machen dich die Ballisten zum Nadelkissen. Du kommst hier nicht so schnell davon, verstanden?“
„Ich weiß“, seufzte ich. „Ich habe dem Volk von Frenick nichts angetan. Warum könnt ihr mich nicht gehen lassen, und ich werde dem Volk von Frenick weiterhin nichts antun?“
„Wie erklärst du dann die Brände auf den Bauernhöfen und in den Dörfern an unserer Grenze?“
Sofort war mir klar, dass es noch einen weiteren Drachen geben musste, dessen Länder an einer anderen Seite an Frenick grenzten. „Ihr wisst schon, dass es mehr als einen Drachen auf der Welt gibt, oder?“
„Dann wird sich die Wahrheit zeigen, wenn die Angriffe weitergehen, während du hier bleibst. Also, mir nach, oder ich gebe den Schießbefehl.“ Ich hatte keine andere Wahl als zu gehorchen.
Ich hinkte hinterher, denn in einer Vorderpfote hielt ich immer noch die Kiste mit dem Pokal. Die Wache sah das sofort und fragte: „Was hast du da?“
„Nichts, was euch etwas angehen würde“, antwortete ich. Das gefiel ihm nicht wirklich.
„Gib es her, oder wir schießen“, meinte er.
„Tut euch keinen Zwang an. Ich werde sehen, wie viele von euch ich mitnehmen kann, ehe ich sterbe“, entgegnete ich ohne zu zögern. Mein Gesprächspartner blickte einen Moment lang zurück auf seine Männer. Dann ging er weiter, ohne ein Wort zu sagen. Die Traube an anderen Wachen sorgte dafür, dass ich ihm folgte.
Er führte mich zurück auf den Hauptplatz, der bereits für mich geräumt worden war. Die Hintergründe dieser Entscheidung waren logisch: An jeder Seite stand eine Balliste. Aus anderen Teilen der Stadt hätte ich im Schutz der Nacht entkommen können, aber hier waren die Türme zu dicht beieinander. Selbst, wenn ich genau zwischen zwei davon hindurchflog, war ich weniger als 30 Meter von ihnen entfernt — in anderen Worten: das perfekte Ziel. Die einzige Möglichkeit, aus dem Schlamassel zu entkommen, war, mein Amulett zurückzubekommen. Ich hoffte, das Rei kommen und mit mir reden würde.
Als ich in der Mitte des Platzes angekommen war, pfauchte der Mann: „Bleib“, als ob ich ein Hund wäre, dem er einen Befehl gab. Gemeinsam mit einigen Wachen verließ er den Hauptplatz. Die Wachen mit den Armbrüsten blieben zurück. So war ich sicherer gefesselt als mit jeder Art von Kette oder Seil. Es war frustrierend.
Der Tag verging. Niemand kam, um mit mir zu sprechen, oder um mir zu sagen, was mit mir geschehen würde. Das Einzige, das mich unterhalten konnte, waren die Menschenmassen an den Seiten des Marktplatzes, die mich begafften. Ich hoffte, Rei unter ihnen zu erkennen, doch das war mir nicht gegönnt.
Endlich neigte sich der Tag dem Ende zu, und die Nacht brach über Frenick herein. Die Wachen lösten einander ab. Die Menschenmassen wurden immer weniger, bis schließlich niemand mehr dort war. Noch hatte ich keine Spur von Rei gesehen. Ich hatte immer gehofft, dass sie eines Tages akzeptieren könnte, was ich war. Hin und wieder hatte ich Andeutungen gemacht, doch sie hatte wohl nicht verstanden, was ich meinte — und dazu, es ihr direkt zu sagen, hatte ich nie den Mut. Nun fragte ich mich, ob ich zu lange gewartet hatte, oder ob sie so oder so davongelaufen wäre, wie sie es nun getan hatte, nachdem sie mir das Amulett vom Hals gerissen hatte. Ich versuchte, nicht daran zu denken, und stattdessen ein wenig zu schlafen — schließlich gab es sonst nichts, das ich tun könnte. Dennoch wollte mein Geist keine Ruhe finden.
„Bist du des Wahnsinns, Mädchen! Geh doch nicht auf ihn zu!“, rief plötzlich jemand. Da ich nicht geschlafen hatte, öffnete ich die Augen. Es war noch immer dunkel, und der zunehmende Mond stand hoch am Himmel.
Ich blickte auf, um zu sehen, worin die Aufregung bestand. Es war Rei. Sie war einfach an den Wachen vorbei auf den Platz gegangen. Der, der gesprochen hatte, folgte ihr nicht auf die Fläche des Platzes. Mutig schritt sie auf mich zu — doch ihr Mut schien nachzulassen, je näher sie mir kam. „Du hast nichts zu befürchten“, sagte ich.
Sie starrte mich einen Moment verwirrt an, als wäre ich ein Rätsel, das sie lösen wollte. Sie machte noch ein paar Schritte auf mich zu, bis sie direkt vor meinem Haupt stand. „Arnsel?“, fragte sie vorsichtig.
„Ja, Rei, ich bin es.“
„Ist… ist das der Grund, warum du mich nie mitnehmen wolltest?“
„Ja“
„Aber wie?“
„Mit meinem Amulett kann ich meine wahre Form verbergen. Nachdem du es von meinem Hals gerissen hast… na ja… du siehst ja.“
„Und ich habe dich in Lebensgefahr gebracht“, sagte sie, obwohl sie vor Angst zitterte.
„Ist schon in Ordnung, Rei. Hast du es dabei?“
„Ja“, sagte sie, und hielt es in die Höhe. Dennoch machte sie keine Anstalten, es mir zu geben. Irgendetwas schien an ihr zu nagen, das sah ich in ihren Augen. Endlich sagte sie: „Warum greifst du diese Leute an?“
„Das bin nicht ich, Rei. Es muss ein anderer Drache sein.“
„Wenn dort ein anderer Drache ist, müsstest du nicht davon wissen?“
„Dorthin gehe ich nicht, Rei. Ich komme bis hierher, und keinen Schritt weiter nach Süden. Es ist zu gefährlich. Ich bleibe in den Bergen, wo es genügend Bergziegen und Schafe zum Jagen gibt. Dort gibt es viele Drachen, Rei. Ich verstehe ehrlich nicht, warum einer von ihnen nach Süden gehen würde.“
„Wenn ich dich hier raus hole, wirst du dann dafür sorgen, dass es aufhört?“
„Ja, Rei, und nicht nur um deinetwillen. Weißt du, Frenick ist eine Art Puffer zwischen meinesgleichen und den Staaten im Süden. Ihr lasst uns in Ruhe, und wir lassen euch in Ruhe. Wir wollen nicht, dass sich daran etwas ändert.“
Sie zögerte, reichte mir aber trotzdem das Amulett. Als ich es entgegennahm, fühlte ich mich, als wäre ein Stein von meinem Herzen gefallen.
„Willst du dich nicht verwandeln?“, fragte sie.
„Nicht, während mich alle beobachten. Erst, wenn sie wegschauen“, meinte ich, und sie nickte.
„Haben alle Drachen solche Amulette?“
„Soweit ich weiß, bin ich der Einzige.“
„Woher hast du es?“
„Ein Zauberer hat es mir vor vielen Jahren gegeben.“
„Warum?“
„Nun, damals habe ich gedacht, er hätte es mir gegeben, damit ich ihn freilasse. Wenn aber ich so darüber nachdenke, hätte er mich genauso gut in eine Ratte verwandeln und davonspazieren können. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum er es gemacht hat, und ich habe ihn seither nicht wiedergesehen.“
„Und jetzt gehst du einfach durch die Menschenstädte, ohne dass jemand bemerkt, dass du eigentlich ein Drache bist?“
„Nein, nur Frenick“, sagte ich, und Rei lächelte. Sie eilte auf mich zu und fiel mir um den Hals.
„Wirst du mich jetzt mitnehmen?“
„Vielleicht.“ Darauf lächelte sie nur.
„Darf ich mit dir fliegen?“, fragte sie nach einer kurzen Pause.
„Du meinst, ob ich dich auf mir reiten lasse wie auf einem Maultier?“, entgegnete ich, und sie war sprachlos. „Natürlich, Rei, solange es niemand sieht…“ Sie lachte bloß.
Ich sah hinüber zu den Wachen. Nun sahen noch mehr Wachen zu uns als vorhin. Es würde eine lange Nacht werden. Dass Rei kurz darauf einschlief, machte die Sache nicht besser.
Am Horizont konnte man schon Licht sehen, als die Wachen uns endlich ihren Rücken zuwandten. Rasch benutzte ich das Amulett, um mich zu verwandeln, bevor ich es wieder um meinen Hals legte. Sanft weckte ich Rei.
„Psst. Wenn das funktionieren soll, müssen wir leise sein“, sagte ich. Sie gähnte und lächelte.
„Moment, wo kommt eigentlich deine Kleidung her?“
„Ein paar Tonnen Drache verschwinden einfach, und du fragst dich, wo meine Kleidung herkommt?“
„Na ja… ja!“
„Ich weiß nicht, woher sie kommt, und wohin sie geht, wenn ich mich verwandle. Hör jetzt, wenn das funktionieren soll, darfst du nicht lachen. Du musst so aussehen, als würdest du bestraft werden, verstehst du?“ Sie nickte. „Gut, dann komm.“
Ich ging direkt auf eine Gruppe Wachen zu, die noch nicht gesehen hatte, dass der Drache weg war. Eine davon kannte ich flüchtig, ihn wollte ich ansprechen.
„Charles!“, rief ich direkt hinter ihm. Er erschrak und drehte sich um.
„Arnsel! Was machst du denn hier?“, fragte er überrascht.
„Offenbar muss ich auf Rei aufpassen. Sie hat mitten am Marktplatz geschlafen, als wäre sie eine Bettlerin. Was soll das bedeuten?“, fragte ich fordernd. Er sah über meine Schulter und bekam große Augen, weil er keinen Drachen sah.
„Aber…“, fing er an.
„Nein! Dafür gibt es keine Entschuldigung. Ich habe euch dafür bezahlt, dass ihr für sie sorgt, und jetzt lasst ihr sie auf der Straße schlafen! Was soll das?“
„Aber der Drache!“, stammelte er.
„Was für ein Drache?“, fragte ich, während ich mich umsah, als hätte ich keine Ahnung. „Wovon zur Hölle redest du? Da ist kein Drache!“
„Aber… aber da war einer…“, antwortete er. Seine Stimme zu einem Flüstern geworden. In der Zwischenzeit hatten auch die anderen Wachen erkannt, dass kein Drache mehr auf dem Marktplatz lag. Unruhig flüsterten sie untereinander.
„Ist doch egal. Lass mich durch. Ich werde mich jetzt um Rei kümmern“, sagte ich darauf. Er trat zur Seite und wir gingen einfach an den Wachen vorbei und die Straße hinunter. Zum Glück bemerkte niemand die Kiste in meinen Händen. Ich war sicher gewesen, ihretwegen aufzufliegen.
Als wir um die Ecke waren, begann Rei zu lachen. „Du warst so gemein!“
„Vielleicht, aber das ist mir lieber, als von einem Bolzen durchbohrt zu werden“, meinte ich.
„Ich kann einfach nicht glauben, dass du die ganze Zeit über ein Drache warst.“
„Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, aber ich habe dir immer wieder Hinweise gegeben.“
„Im Nachhinein ist mir das klar… Tut mir leid, dass ich weggelaufen bin.“
„Macht nichts, Rei. Das Wichtigste ist, dass du zurückgekommen bist. Danke übrigens.“
„Gern geschehen. Aber ich hätte gar nicht erst laufen sollen.“
„Mach dir nichts draus, Rei. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Als nächstes muss ich dem Bürgermeister einen Besuch abstatten.“
„Warum das? Solltest du dich nicht schnellstmöglich aus dem Staub machen?“, fragte Rei überrascht.
„Wenn du dich erinnerst, gibt es einen Drachen, der die Leute hier angreift“, erklärte ich.
„Arnsel, bring dich zuerst in Sicherheit und kümmere dich erst dann darum“, bat mich Rei.
„Wird schon schief gehen, Rei. Solange nicht noch ein paar Mädchen mir das Amulett vom Hals reißen“, scherzte ich, und sie lief rot an. „Und du gehst jetzt nach Hause und machst dich frisch.“
„Nein, ich komme mit!“
„Nein, Rei.“
Sie seufzte. „Na schön. Aber danach komme ich mit dir mit.“ Ich lächelte bloß.
Sie drehte sich um und ging nach Hause, während ich den Hügel hinaufschritt, auf dem die wichtigsten religiösen und weltlichen Gebäude standen. Ganz oben befand sich der Tempel zur Sonne. Er war vermutlich bereits dort gestanden, bevor es Frenick als Stadt gegeben hatte, wenn auch nicht in seiner heutigen Form. Gar so alt war ich auch nicht, also konnte ich es nicht bezeugen. Die Tempel zum Mond und zum Himmel befanden sich direkt darunter. Am liebsten war mir der Tempel des Himmels — schließlich war ich auch ein Geschöpf der Lüfte.
Unterhalb der Tempel lag das Haus des Bürgermeisters. Es war ein wenig kleiner, aber schließlich sollte das Haus eines Menschen nicht prachtvoller sein als die Häuser derer, die ihnen Leben schenkten — aus ihrer Sicht zumindest. Trotzdem hinterließ es einen bleibenden Eindruck. Es bestand aus roten Backsteinen, die von der Farbe her fast wie Rubine aussahen. Das ergab einen guten Kontrast zu den Tempeln, die in gelb, weiß und blau gehalten waren. Goldene Ziegelsteine waren rund um Fenster und Türen angebracht, während blaue Ziegel den Giebel zierten. Verschiedene Geschöpfe zierten die Wände, teils als Reliefs, teils als Gemälde. Das allgemeine Thema schienen Symbole der Macht zu sein: Die Großkatzen aus den Südländern fand man dort direkt neben den gefährlicheren Kreaturen der nördlichen Gebirge, mit denen nicht einmal ich in Streit geraten wollte. Sogar ein paar Drachen waren dort, sie waren allerdings alle falsch dargestellt: Die Körper zu kurz, die Flügel zu klein und die Gesichtszüge einfach lächerlich. Ich musste immer wieder darüber schmunzeln.
Jeder in Frenick konnte den Bürgermeister jederzeit aufsuchen, doch einige Leute hatten Vorrang gegenüber anderen. Dass ich ihnen über Jahre hinweg Edelsteine verkauft hatte, verschaffte mir diesen Vorrang. Es war seltsam, wie ähnlich sich Menschen und Drachen in manchen Angelegenheiten waren.
Am Eingang waren Wachen aufgestellt, doch sie erkannten mich sofort und ließen mich eintreten. Ich ging den Korridor entlang und betrat den Thronsaal. „Arnsel“, grüßte mich der Bürgermeister, noch bevor ich die Gelegenheit hatte, mich umzusehen. Der Raum bestand genau wie die äußeren Wände aus rotem Ziegel. Auch hier gab es verschiedene Darstellungen, die allerdings allesamt um einiges aufwändiger waren als die äußeren. Sie alle berichteten von Schlachten und Siegen. Der Thron war leicht über den Rest des Raumes erhöht. Er bestand aus Gold und war mit Edelsteinen verziert. Edle Metalle und Steine wurden oft über Frenick gehandelt. Der Bürgermeister hatte offenbar gerade jemandem eine Audienz gewährt, ignorierte diesen aber nun.
„Hallo Roderick“, grüßte ich ihn.
„Habt Ihr den Drachen gesehen?“, fragte Roderick, und deutete seinem Gast, zu gehen.
„Aber…“, protestierte dieser.
„Später“, sprach Roderick, und der Mann verließ ärgerlich den Raum.
„Ich habe gehört, er ist entkommen“, sagte ich.
„Was!“, brüllte der Bürgermeister und sprang auf.
„Das ist doch alles halb so schlimm“, beruhigte ich ihn.
„Alles halb so schlimm! Der Drache war unsere Chance, dass die Angriffe endlich aufhören. Wie soll ich denn jetzt das Volk von Frenick beschützen? Soll ich etwa Männer dorthin schicken, die dort sowieso nur ihr Leben lassen, ohne etwas ausrichten zu können? Sagt mir, Arnsel, wie kann das alles halb so schlimm sein?“, wurde er böse.
„Weil ich Nachrichten von den Drachen aus dem nördlichen Gebirge bringe“, sagte ich.
„Ihr sprecht mit den Drachen?!“, fragte er außer sich.
„Wie würde ich denn sonst unbeschadet durchs Gebirge ziehen?“, fragte ich ihn.
„Na schön“, meinte er, und setzte sich wieder hin. „Was sagen uns also diese Drachen?“
„Der, der eure Stadt angreift, gehört nicht zu ihnen. Es gibt diesen stillschweigenden Frieden zwischen ihnen und euch, dass sie euch nicht belästigen und ihr nicht in ihre Gebiete eindringt. Das wollen sie beibehalten, nicht aufkündigen. Sie schicken jemanden, der die Sache in die Hand nehmen wird.“
„Nun gut. Wann kann ich diesen Jemand erwarten?“
„Er ist nicht weit von hier und wartet, dass ich zurückkehre, und ihm von den betroffenen Ortschaften und den Angriffsmustern dieses Drachen berichte. Mit diesen Informationen wird die Suche schneller vonstattengehen.“
„Das besprecht Ihr am besten mit einem meiner Generäle. Er wird die Sache besser erklären können als ich. Eine Frage hätte ich aber noch: Was hatte dieser Drache mitten in meiner Stadt zu suchen?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung“, log ich, „wo sie doch wissen, dass ein einzelner Drache schnell von den Ballisten durchlöchert werden würde. Normalerweise würden sie nur kommen, um Gewalt anzurichten. Wahrscheinlich war es ein Junges, neugieriger als ihm guttut.“ Roderick schien sich mit dieser Erklärung zufrieden zu geben.
„Nun gut. Geht, und zwar schnell, ich will, dass diese Angriffe endlich aufhören. Sorgt dafür, dass sie wissen, dass ich nach Zauberern und Drachentötern aus dem Süden geschickt habe. Wenn Ihr diesen Drachen nicht aufhalten könnt, werde ich tun, was nötig ist, damit mein Volk sicher ist.“
„Verstanden“, meinte ich.
Roderick rief einen Dienstboten, der auch prompt herbeieilte. „Ja, Herr?“, fragte er mit einer Verbeugung.
„Bring Arnsel zu General Jones“, befahl Roderick.
Der Dienstbote verbeugte sich, bevor er mich durch mehrere Korridore und Stiegen zu einer Türe führte. Ich ging hinein, ohne anzuklopfen.
Es war ein einfacher Raum mit einem hölzernen Tisch. Die Wände waren verziert, aber das war in diesem Gebäude offenbar die Regel. Zwei Gemälde waren aufgehängt: eines von den Bergen, eines vom Meer. Außer dem Tisch und den Bildern war das einzig Bemerkenswerte in diesem Zimmer der General selbst.
„Es geht doch hoffentlich um etwas Wichtiges“, sagte Jones, ohne aufzublicken.
„Roderick hat mich geschickt, um Informationen über die Angriffe zu sammeln und sie an die Drachen im Norden weiterzuleiten. So wird es einfacher für sie, den Angreifer aufzuhalten“, erklärte ich. Durch diese Worte erhielt ich seine Aufmerksamkeit. Er studierte meine Erscheinung, als wollte er enträtseln, was ich wohl genau war. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, was er wohl tun würde, wenn er es wüsste.
„Ihr seid Arnsel, nicht wahr?“, fragte er.
„Ja“
„Ich habe Roderick schon erzählt, wie sehr Ihr diese fliegenden Echsen ins Herz geschlossen habt“
„Drachen“, besserte ich ihn aus.
„Wie bitte?“
„Drachen“, wiederholte ich. „Sie Echsen zu nennen, das wäre, als würden sie Euresgleichen Affen nennen.“
„Was sie auch sicher nicht all zu selten tun“, meinte mein Gesprächspartner. Und damit hatte er leider Recht. „Nun gut, erklärt mir doch, warum wollen die Drachen gegen einen der ihrigen kämpfen, um uns zu helfen?“
„Dieser Drache stellt ein Risiko für die Abmachung dar, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen“, erklärte ich. General Jones gab sich damit zufrieden.
„Die Angriffe kommen hauptsächlich aus dem Südwesten“, erklärte er. „Unglücklicherweise wissen wir selbst nicht viel mehr. Alles erscheint recht wahllos, ein niedergebranntes Haus hier, eine verschwundene Person da — und wenn wir Soldaten hinschicken, verschwinden immer wieder ein paar, bis keiner mehr übrig ist, und wir von diesem Monster erst recht nichts gesehen haben. Nichts, was das Ding tut oder lässt, folgt einem Muster — oder zumindest können wir keines darin erkennen. Wenn wir nur wüssten, wo es hinfliegt, könnten wir ihm dort eine Falle stellen — aber das weiß es anscheinend. Ich bin nicht sicher, ob die Echse ganz einfach gern Menschen jagt, oder ob sie Informationen für etwas Schlimmeres sammelt.“ Nickend bedankte ich mich und verließ ihn.
Ich ging den Hügel hinab zum Südtor. Zwar brauchte ich mein Pferd nicht wirklich, trotzdem wollte ich aber wissen, was aus ihm geworden war. Es war außerordentlich schwierig gewesen, es so abzurichten, dass es sich von einem Drachen herumtragen ließ — wobei ich nicht sicher bin, ob das die große Schwierigkeit war, oder eher dem Drang zu widerstehen, es aufzufressen.
Nachdem ich die Stadt verlassen hatte, ging ich geradeaus nach Südwesten. Dass es dort keine Straße gab, und ich über Wiesen und Felder laufen musste, störte mich nicht im geringsten. Es waren einige Kilometer bis zur Baumgrenze. Ich hasste es, zu gehen: Es war mühselig und man brauchte viel zu lange, bis man von einem Ort zum anderen kam. Sobald ich von Wald umgeben war, wechselte ich meine Form und stieg in die Lüfte auf, ohne mich zu sorgen, ob mich jemand sah — schließlich wussten sie doch, was ich vorhatte.
Ich begann, die Bäume und den Himmel nach Spuren zu durchsuchen, die auf den anderen Drachen wiesen. Erst flog ich einige Stunden weiter in den Südwesten, dann kehrte ich um und flog im Zickzack zurück. Leider hatte ich damit noch immer kein Glück, also weitete ich meine Suche aus. Als ich schließlich begann, die Strecke zum dritten Mal abzufliegen, war die Sonne bereits am Untergehen. Die einbrechende Dunkelheit brachte mir Glück: In der Ferne konnte ich ein Feuer ausmachen. In jener Richtung gab es keine Bauernhöfe, und für ein Lagerfeuer von Menschen war es definitiv zu groß. Ich machte mich also auf den Weg darauf zu.
fe, und für ein Lagerfeuer von Menschen war es definitiv zu groß. Ich machte mich also auf den Weg darauf zu.
Kurz darauf war ich an meinem Ziel angekommen. Auf einer Lichtung befand sich das Feuer, das ich gesehen hatte — und daneben, wie ich vermutet hatte, ein Drache. Er war grün wie der Wald im Sommer und hatte zwei gerade, glatte Hörner. Außerdem sah er kleiner und gelenkiger aus als ich, daher war „er“ mit Sicherheit eine „sie“.
Ich machte einen Kreis um die Lichtung herum und landete auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers. Dann legte ich mich nieder. Sie fuhr hoch und nahm eine abwehrende Haltung ein. „Schönes Feuer“, sagte ich.
„Wenn du glaubst, wir werden…“, fing sie an.
„Keine Sorge, davon kriege ich zuhause schon genug“, beruhigte ich sie. Sie blickte einige Minuten lang zwischen dem Feuer und mir hin und her, bevor sie sich endlich wieder niederlegte.
„Was willst du?“, fragte sie mich unwirsch.
„Wie heißt du?“, fragte ich zurück.
„Minsilik, wenn du das unbedingt wissen willst“, antwortete sie.
„Ich bin Arnsel“, entgegnete ich.
„Was tust du hier?“, fragte sie erneut.
„Seltsam, ich wollte dich gerade dasselbe fragen.“
„Ich lege meinen Anspruch auf Gebiete.“
„Ein seltsamer Ort, um Gebiete zu beanspruchen.“
„Und? Wieso denn?“
„Nun ja, du bist näher bei den Menschen als bei den Bergen. In Wahrheit bist du geradezu umzingelt von Menschen. Im Norden wäre es viel sicherer, und außerdem gibt es dort genug Platz und genug zu essen.“
„Und was geht dich das an?“, fragte sie mich.
„Du lügst mich an“, sagte ich. Darauf schwieg sie einen Moment.
„Na schön. Ich will die Menschen für das bezahlen lassen, was sie meinen Jungen angetan haben. Hier werde ich anfangen: Die Stadt ist angreifbar, und ich werde sie niederbrennen.“
Alles, was mir dazu einfiel, war: „Oh.“
„Wirst du mir dabei helfen?“, fragte sie schließlich.
„Woher kommst du?“
„Ich komme von der Südseeküste.“
„Warum bist du dazu hierher gekommen?“, fragte ich. Sie antwortete nicht. Ich vermutete, dass sie in ihrer Trauer ziellos umhergeflogen und hier angekommen war. „Hier im Norden sind wir sicher. Die Menschen kommen nicht weiter als bis zur Stadt, und wir legen uns mit der Stadt nicht an. Du gefährdest unsere Sicherheit“, erklärte ich ihr. „Komm mit in den Norden. Ich werde für deine Sicherheit garantieren. Deine Jungen tun mir leid, aber diese Menschen sind nicht daran schuld.“
„Alle Menschen sind schuld! Sie jagen uns wegen unserer Gebiete, wegen unserer Schuppen, wegen unserer Knochen!“, schrie sie mich an.
„Nicht diese Menschen“, sagte ich ruhig.
„Alle Menschen!“
„Nicht diese Menschen“, wiederholte ich.
„Du wirst mich nicht aufhalten“, drohte sie.
„Du wirst unseren Frieden mit ihnen nicht zerstören“, entgegnete ich.
Ohne zu zögern, stieß sie sich in die Luft. Ich sprang hoch und flog ihr rasch hinterher. Als ich jedoch über den Bäumen war, war sie plötzlich weg. Minsilik war einfach verschwunden. Was auch immer das für ein Trick war, ich musste ihn unbedingt ebenfalls lernen.
Als ich darüber nachdachte, gab es nur einen Ort, wo sie hinwollen könnte. Nachdem ich gedroht hatte, ihre Pläne zunichte zu machen, musste sie direkt nach Frenick geflogen sein. Einige Momente lang suchte ich noch nach ihr, dann machte ich mich auf den Weg in Richtung Stadt.
So schnell ich nur konnte machte ich mich ebenfalls auf den Weg dorthin, doch unterwegs entdeckte ich keine Spur von ihr. Scheinbar war sie auch nicht vor mir dort angekommen. Ich entschied, möglichst hoch über der Stadt zu fliegen, um sie möglichst früh sehen zu können. Diesen Vorteil würde ich brauchen, wenn ich sie davon abhalten wollte, die Stadt zu erreichen.
Mehr als eine Stunde lang zog ich meine Kreise über Frenick. Von Minsilik sah ich weiterhin keine Spur. Ich hatte schon zu hoffen gewagt, dass sie es sich anders überlegt hatte, als plötzlich, wie aus dem Nichts, etwas an mir vorbeischoss: Minsilik, die im Sturzflug auf die Stadt zuraste. Sie musste noch höher geflogen sein als ich — schlaues Mädchen!
Ich stürzte hinterher. Sie behielt ihre Flügel ein kleinwenig ausgebreitet, um mehr Kontrolle zu haben. Ich legte meine eng an den Körper und fiel herab wie ein Stein. Auf halbem Weg nach unten holte ich mit ihr auf und hielt sie fest. Sie wehrte sich im mit Klauen und Zähnen, doch es gelang mir, sie von der Stadt fortzuziehen. Dann riss ich meine Flügel weit auf, um abzubremsen. Die Landung war trotzdem nicht gerade sanft. Minsilik war etwa 30 Meter neben mir gelandet.
Ich blickte zurück auf die Stadt. Sie hatte ihren Angriff aus südwestlicher Richtung ausgeführt. Dort gab es nur eine Balliste, und sie war nicht besetzt. Minsilik hatte recht gehabt: Von dort aus war die Stadt tatsächlich angreifbar.
Minsilik machte einige Schritte auf mich zu, bevor sie ihr Feuer entfesselte. Ein kleiner Teil davon traf mich, doch das meiste ging daneben. Drachenfeuer war für Drachen nicht einmal so gefährlich. Die Flammen verdeckten jedoch meine Sicht auf sie — diesen Trick kannte ich. Ich machte mich bereit zum Sprung. Sie machte einen Satz durch die Flammen, auf mich zu. Ich sprang ebenfalls hoch. In der Luft stießen wir zusammen und landeten mitten im Feuer.
Die Flammen leckten an einigen weniger gut geschützten Stellen meines Körpers, richteten aber keinen gröberen Schaden an. Wir gingen mit Zähnen und Klauen aufeinander los, bis es selbst uns Drachen zu heiß wurde, und wir voneinander ablassen und uns vom Feuer entfernen mussten.
„Du wirst mir meine Rache nicht verwehren!“, brüllte sie, und stieß sich erneut in die Lüfte. Sie flog auf die Stadt zu. Hatte sie erst einmal die Stadtmauer in Flammen gesetzt, würde schon bald die ganze Stadt brennen. Ich flog ihr hinterher.
Ziemlich genau in der Mitte zwischen der Stadtmauer und uns stand ein Mann. Wie er dorthin gekommen war, war mir ein Rätsel; bis jetzt hatte ich ihn nicht bemerkt. Er war in einen langen, verblichen grünen Mantel gehüllt. Auf seinem Kopf trug er einen spitzen Hut mit breiter Krempe in derselben Farbe. Sein weißer Bart ging ihm bis zur Brust. In der Hand hielt er einen Stab mit einem weißen Kristall an der Spitze. Seltsamerweise kam er mir sehr bekannt vor.
Doch was mir richtig Sorgen bereitete, war dass Rei neben ihm stand und sich an seinen Mantel klammerte. Minsilik musste die beiden ebenfalls bemerkt haben, denn sie flog direkt auf sie zu. Ich nahm meine Flügel in die Hand, um meine Kontrahentin noch einholen zu können. Wir stießen zusammen und fielen beide zu Boden. Rei und den Mann verfehlten wir nur knapp. Zu sagen, es hätte mir Schmerzen bereitet, wäre eine Untertreibung. Wir versuchten beide, wieder auf die Beine zu kommen. Minsilik vermied es, mit der rechten Vorderpfote aufzutreten. Eines meiner Hinterbeine war mit meinem Gewicht unzufrieden.
„Du ver…“, fing sie an, doch dann hörte sie mitten im Wort auf. Genauer betrachtet bewegte sie sich überhaupt nicht mehr. Der Mann hielt seinen Stab in ihre Richtung ausgestreckt.
„Jung, wütend, und einfach außer Gefecht zu setzen“, sagte er, bevor er sich zu mir wandte. „Arnsel, wie ich sehe, hast du mein Amulett behalten.“
„Du bist der blöde Zauberer!“, rief ich überrascht.
„Vielleicht doch nicht so blöd“, meinte er.
Rei rannte auf mich zu — direkt gegen mein Vorderbein — und fragte mich: „Geht es dir gut, Arnsel?“
„Ich komm schon klar“, beruhigte ich sie.
Der Zauberer ging auf Minsilik zu. Er senkte seinen Stab, wodurch er sie scheinbar von seinem Zauber befreite. Sie strauchelte ein wenig und versuchte, ihn zu beißen. Der Zauberer hob seinen Stab wieder.
„Lass uns doch einmal ein Gespräch als zivilisierte Wesen führen, Drache. Mein Name ist Fredin, und diese Stadt steht unter meinem Schutz. Näher als bis hierhin kommst du nicht. Zeit, weiterzuziehen“, sagte er und senkte seinen Stab. Minsilik griff nicht an.
„Dann werde ich Mittel und Wege finden, dich zu töten. Menschen haben meine Jungen getötet, ich werde sie dafür töten.“
„Mein Beileid, aber denk doch daran, wie viele Menschenkinder durch Drachen getötet wurden. Von diesem Töten kommen deine Kinder auch nicht wieder zurück.“
Minsilik knurrte ihn an, doch dann gab sie sich geschlagen und stieg wieder in die Lüfte. „Sie wird wiederkommen“, meinte Fredin, als er sich mir zuwandte. Und kaum hatte er es ausgesprochen, drehte Minsilik auch schon wieder um, und flog auf die Stadt zu. Ich hörte den Schuss einer Balliste und den Schrei eines Drachen. Der Bolzen war glatt durch ihre Schulter geschossen. Den Bürgern von Frenick mussten es gelungen sein, die Balliste zu besetzen, während wir gekämpft hatten.
Minsilik fiel jedoch nicht vom Himmel. Sie wandte sich ab und flog davon. Ich wollte hinterher, ihr helfen.
„Nicht, Arnsel“, sagte Fredin.
„Warum?“, fragte ich leicht ärgerlich.
„Weil du nichts für ihre Wunde tun kannst. Entweder, sie ist in einer Stunde tot, oder sie überlebt. Sie muss diese Lektion lernen“, antwortete er. Ich sah ihn einige lange Momente an, doch er blieb standfest. Ich wandte mich von ihm ab und Rei zu.
„Los, lass uns von hier verschwinden, Rei“, sagte ich zu ihr, und hob sie auf meinen Rücken.
„Nimmst du mich mit fliegen?“, fragte sie aufgeregt.
„Ja“
„Geht es dir gut, Arnsel? Es muss ja nicht jetzt gleich sein.“
„Wird schon schief gehen, Rei, keine Sorge. Und jetzt halt dich fest.“
Und mit diesen Worten stieg ich in die Lüfte und flog auf den Waldrand zu. „Warum warst du eigentlich da draußen?“, fragte ich schließlich meine Passagierin.
„Es ist so schön, auch im Dunkeln“, rief sie.
„Rei?“, erinnerte ich sie.
„Ach ja! Äh, ich habe mir Sorgen gemacht, dass Fredin dir was tun könnte. Deswegen bin ich ihm hinterher gekommen“, antwortete sie.
„Das hättest du nicht tun sollen, Rei“, sagte ich. Und nach einer Pause: „Danke.“
„Immer doch, Arnsel. Also… suchen wir jetzt nach dem anderen Drachen?“
„Sie heißt Minsilik, und ja, es ist mir egal, was dieser Zauberer sagt, ich kann sie nicht verletzt alleine lassen.“
„Sind alle Drachen so wunderbar wie du?“, fragte Rei mit einer Mädchenstimme. Ich musste kichern.
„Das hört sich ja an, als wäre ich ein Hundewelpe. Aber ich glaube, die Antwort hast du gerade gesehen.“
Auch wenn es nur einige wenige Minuten gewesen waren, seit sie sich davon gemacht hatte, sah ich keine Spur mehr von ihr. Ich suchte noch bis spät in die Nacht nach ihr. Irgendwann musste ich umkehren, weil Rei zu kalt wurde.
Drei Tage lang suchte ich nach Minsilik, doch ich sah keine Spur von ihr. Am Morgen des vierten Tages flog ich gerade über einen kleinen Bauernhof, als ich am Waldrand einen Schwanz sah. Ich wendete und landete direkt daneben. Und tatsächlich, sie war es! Für einen Augenblick dachte ich, sie wäre tot, doch sie schlief bloß. Die Wunde an der Schulter sah hässlich aus, doch sie schien zu verheilen. Ich fragte mich jedoch, ob ihr Flügel je wieder so funktionieren würde, wie früher.
Ich weckte sie. Sie fuhr hoch und brüllte vor Schmerz. „Entschuldige“, sagte ich. Sie sagte einen Moment lang nichts.
„Nein, ich muss mich entschuldigen“, sagte sie, und blickte auf das Haupthaus des Hofes. Die Familie stand vor der Türe und blickte in unsere Richtung. Ich bewunderte ihren Mut. „Sie haben mir geholfen, mir zu essen gegeben und sogar versucht, meine Wunde zu versorgen. Sie sind gar nicht so anders als wir es sind, nicht wahr?“
„Nicht so sehr, wie wir es wohl gerne hätten“, meinte ich.
„Ich war dumm.“
„Es kann passieren. Wenn du dich bereit dazu fühlst, kannst du mit mir nach Norden kommen.“
„Danke.“
„Wie geht es deiner Schulter?“
„Tut höllisch weh und bewegt sich nicht richtig.“
„Vielleicht kann der Zauberer helfen.“
„Warum würde er das tun?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum er tut was er tut. Er weiß wohl viel mehr als ich“, sagte ich, und sie lachte.
„Männchen sind sowieso nicht die hellsten Kerzen im Leuchter.“
„Sehr lustig. Kommst du klar, wenn ich ihn jetzt hole?“, fragte ich. Sie sah in Richtung der Familie.
„Ja“
„Eines muss ich aber noch wissen, wie schaffst du es immer, so plötzlich zu verschwinden?“, wollte ich wissen. Sie lachte erneut.
„Ich fliege in die Höhe und lande in den Bäumen. Dann warte ich, bis du weg bist.“
„Das kann nicht dein Ernst sein.“
„Ist es aber“, sagte sie lachend.
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ich bin bald wieder da“, bevor ich in die Lüfte stieg.
Am frühen Vormittag war ich wieder in Frenick angekommen. Der Bauernhof, auf dem sich Minsilik versteckt hatte, war gar nicht so weit weg gewesen. Das hatte mir auch so große Schwierigkeiten bereitet, als ich sie suchte. Ich landete direkt vor dem Stadttor und wartete auf den Zauberer. Eine Gruppe Wachen gaffte mich an, aber niemand griff zu den Waffen. Sie hatten sich an meinen Anblick wohl gewöhnt.
Bereits nach wenigen Minuten kam der Zauberer durch das Tor aus der Stadt heraus. Er schien genau wie ich erpicht darauf, den Drachen zu finden. Warum dies aber so war, das war mir ein Rätsel — schließlich konnte die Sache für ihn keine große Bedeutung haben.
„Du kommst früh. Hast du sie gefunden?“, fragte er mich.
„Das habe ich.“ Und dann erzählte ich ihm, was passiert war.
„Gut. Roderick will dich sprechen. Es wäre gut, ihm den Gefallen zu tun“, sagte er. Ich war wenig begeistert.
„Was kümmert es ihn jetzt noch? Das Töten hat ein Ende.“
„Aber er möchte Vergeltung üben.“ Ich seufzte.
„Gut, ich werde ihm den Gefallen tun. Treffen wir uns doch auf dem Bauernhof. Ich bitte dich, ihr in der Zwischenzeit etwas zu helfen“, sagte ich schließlich. Er lächelte, bevor er sich den Weg die Straße herab und zum Bauernhof machte.
Ich verbarg mich zwischen den Bäumen, um den Zauber des Amulettes zu aktivieren. Als Mensch begab ich mich erneut in die Stadt Frenick und schritt den Hügel empor. Schon bald wurde ich in Rodericks Thronsaal gerufen.
„Ihr habt mich rufen lassen?“, fragte ich ihn.
„Ja, Arnsel. Der eine Drache sucht den anderen. Das ist eine Beleidigung, die wir nicht unbeantwortet lassen können. Ich denke, Ihr könnt das verstehen“, erklärte Roderick.
„Ich verstehe Euren Teil der Geschichte, doch wollt Ihr nicht erst einmal hören, warum sie euch angegriffen hat?“
„Das tut nichts zur Sache.“
„Wenn ein Junge stiehlt, tut es dann auch nichts zur Sache, dass er am Verhungern ist?“, fragte ich, und bezog mich dabei auf eines ihrer Gesetze.
„Nun gut, warum hat dieser Drache unschuldige Menschen getötet?“, fragte er.
„Weil Menschen ihre Kinder wegen ihrer Hörner, Schuppen und Knochen getötet hatten, während sie auf der Jagd war. Sie wollte bloß Gerechtigkeit für das üben, was Menschen ihren Kindern angetan hatten. Wisst Ihr, wie viele Drachen weiter im Süden getötet werden, für Tränke, die es alten Männern erlauben sollen, sich an jungen Frauen zu erfreuen? Sie wusste nicht, wie anders dieser Ort ist“, erklärte ich.
„Also wollt Ihr mir sagen, dass das Leben der vielen Menschen nicht gerächt werden soll — wegen eines Missverständnisses?“
„Ihre Kinder mussten wegen weit Bedeutungsloserem sterben. Außerdem, wollt Ihr einen Krieg mit den Drachen im Norden riskieren — wegen eines Missverständnisses? Wie viele Menschen würden dabei wohl noch ihr Leben lassen? Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr gewinnen würdet?“
„Na schön. Lasst Euch aber eines gesagt sein: Noch einmal kann ich nicht Milde walten lassen. Lass sie das auch wissen.“
„Das werde ich“, sagte ich, und wandte mich zum Gehen.
„Ich weiß, dass Ihr der Drache seid, Arnsel, der rot-graue, der, der uns hilft“, sagte Roderick plötzlich. Ich drehte mich wieder um.
„Wieso würdet Ihr das glauben?“, fragte ich, meine Überraschung verbergend.
„Im Nachhinein ist es offensichtlich. Keiner erinnert sich, Euch gesehen zu haben, während wir den Drachen gefangen hielten. Wann immer ich Euch rufen lasse, verschwindet der Drache. Das entscheidende Detail war, dass Ihr auf ihrer Seite steht.“
„Dann versteht Ihr auch, welches Gewicht meine Worte tragen?“
„Das tue ich. Wieso kommt Ihr hierher?“
Ich lächelte. „Wo sonst könnte ich wertlose Steine für großartige Schätze eintauschen?“
Die Antwort wartete ich gar nicht erst ab. Ich drehte mich einfach um und ging.
Am frühen Nachmittag war ich wieder am Bauernhof. Irgendwie hatte der Zauberer es geschafft, vor mir dort zu sein. Eigentlich hätte er zu Fuß mehrere Stunden brauchen müssen. Ich würde den Mann nie verstehen. Anstatt ihn zu fragen, wie er das wohl angestellt hatte, fragte ich einfach: „Wird sie wieder gesund?“
„Solange sie auf mich hört, wird es ihr gut gehen“, meinte er.
„Du hast flüssiges Feuer über meine Wunden gegossen! Warum sollte ich auf dich hören?“, zischte sie fordernd. Der Zauberer ignorierte sie einfach.
„Sie darf einen Monat lang nicht fliegen, sonst wird sie sich noch schlimmer verletzen.“ Als Minsilik das hörte, knurrte sie.
„Kann sie gehen?“
„Solange sie ihren Flügel nicht benutzt, ja. Das Schlimmste konnte ich beheben, aber wenn sie ihn bewegt, wird sie das alles wieder zunichte machen.“
„Du hast ihn gehört“, ermahnte ich Minsilik. Sie knurrte wieder. „Morgen werden wir uns zu Fuß auf den Weg nach Norden machen, in meine Heimat. Ich werde mich um dich kümmern, bis du wieder fliegen kannst.“
„Ich würde mich lieber um mich selbst kümmern“, grummelte sie.
„Du hast dich besser entwickelt, als ich es mir erhofft hatte“, sagte der Zauberer zu mir. Der Gedanke, dass ein Mensch mein Leben beeinflusst haben könnte, gefiel mir nicht.
„Alle Entscheidungen, die ich getroffen habe, waren meine eigenen“, gab ich zurück.
„Das waren sie“, sagte er lächelnd.
„Ich glaube, du gehst besser, ehe ich meine Meinung wegen unserer ursprünglichen Vereinbarung ändere“, meinte ich. Das brachte ihn zum Kichern.
„Aber Arnsel, mittlerweile musst du doch begriffen haben, dass ich nie wirklich in Gefahr war.“
„Leider habe ich das.“
„Na dann, auf ein Wiedersehen“, sagte der Zauberer, bevor er im Wald verschwand.
„Sieht aus, als wärst du sein Haustier“, sagte Minsilik.
„Ich will nicht darüber sprechen. Jetzt jage ich dir erst einmal etwas zu essen, du wirst es morgen brauchen“, sagte ich, und schwang mich in die Lüfte.