WASSERRATTEN (3) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Wasserratten

- 3 -

JANNIK ABERG

Als nach wiederholtem Klingeln endlich Jakes Kopf hinter der Haustür erschien, beschlich Jannik irgendwie das Gefühl, der Fuchs hatte den angekündigten Besuch vergessen. Seine noch halb geschlossenen Augen und das an den Wangen plattgedrückte Fell verrieten dem Luchs, dass Jake wohl gerade erst aufgestanden war.

Er schien einen Moment zu brauchen, um den kleinen Luchs wiederzuerkennen. Sein Blick wanderte zu Niklas, aber hinter Jakes Augen konnte Jannik nicht das Rattern von Gehirnwindungen erkennen, die sich fragten, wer der kleine Ringelschweif war. Dort schien sich gar nichts zu bewegen. Stattdessen wanderte Jakes Pfote zu seinem Gesicht, um sich die Stirn zu reiben. Dann zum Schritt, um die Bewegung dort zu wiederholen.

Jannik stellte Niklas und Jake einander vor. Der Fuchs gähnte bloß.

»Kommt rein«, murmelte er. »Mylord« und machte Niklas den Weg frei.

»Mylady«, grüßte er Jannik.

Der Luchs schnaufte. Scheinbar war der Teil von Jakes Gehirn, der für Scherze zuständig war, schon hellwach.

»Ich zieh mir schnell was an«, verkündete der Rotschopf und verschwand irgendwo in der Wohnung — wobei die Wohnung eher ein Dickicht aus freistehenden Regalen und Holzpaletten war, die man zu Tischen und Hockern umfunktioniert hatte. Statt Schränken gab es Kisten, die mit allem vollgestopft waren, was man so zum Leben brauchte. Allem voran mit leeren Pizzakartons, Chipstüten und Farbdosen.

Scheinbar hatte Jake gestern etwas aufgeräumt, nachdem Jannik ihm mit dem Lack erpresst hatte. Gründlich sauber war es aber trotzdem nicht. Aber wenigstens musste man nicht länger fürchten, über Unrat zu stolpern.

In der Luft lag der Geruch von Ölfarben und Verdünnung. Auf dem Boden konnte Jannik bunte Kleckerpfade erkennen, wie die Spuren von Tieren, die im Urwald aus Krempel verschwunden waren.

Die beiden Jungen wanderten an einigen abgestellten Leinwänden entlang. Sie lehnten dort als würden sie auf irgendetwas warten. Die meisten zeigten Farbspritzer, bei denen Jannik nicht sagen konnte, ob sie Gemälde darstellten oder nur den Versuch, die Pinsel auszuwaschen. Manchmal glaubte der kleine Luchs darin die Köpfe oder Gliedmaßen von Tieren zu erkennen. Dort war ein Tiger, der aber auch irgendwie keiner war, sondern nur ein Gewirr aus schwarzen Streifen und zwei goldenen Augen. Daneben konnte er ein Zebra mit seinen Streifen entdecken, aber ohne Beine, da der Künstler diese wohl für überflüssig gehalten hatte. Oder es hatte seine Beine irgendwo im Farbdschungel verloren und beschlossen, sich nun nur noch schwebend durchs Leben zu bewegen.

Das Dickicht führte ihn zu einer Lichtung, auf der eine ausladende Couch stand. Dahinter erhob sich eine freistehende Steinmauer, wie das Überbleibsel einer längst eingerissenen Burg. Ihr fehlten einige Steine und sie war völlig schief. Auf ihr thronte ein gigantisches Wandgemälde, dessen orangerotes und gelbes Graffiti die Umgebung färbte.

Abermals konnte Jannik darin die Muster von Tieren entdecken. Die schwarzen Punkte eines Gepards in einem See aus goldenem Fell.

Jannik ließ sich auf die Couch sinken und legte den Kopf in den Nacken. Über sich erspähte er einen Steg, der zu einigen Räumen im ersten Stock führte.

Was für ein seltsames Haus. Es war chaotisch. Überall entdeckte er neue Ecken und Winkel mit noch mehr Krimskrams oder Gemälden darin. Er hatte nicht das Gefühl, in einem Gebäude zu sein — eher in einer Art seltsamer Landschaft. Ein möblierter Wildgarten.

Niklas stand vor dem Graffiti und wiegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Sieh an. Jannik hatte nicht gedacht, dass der Waschbär Gefallen an Malerei findet.

Niklas setzte sich neben den Luchs. Er fixierte die Mauer eindringlich und rutschte auf der Couch herum, wobei er seinen Kopf wippen ließ. Er ließ seinen Kopf wippen. Dann verharrte er und starrte geradeaus. Seine Tasthaare zuckten, als witterte er etwas.

»Was ist da?«, wollte Jannik wissen. Er rutschte neben Niklas und starrte in dieselbe Richtung.

Dort, direkt von der Mitte der Couch aus, konnte man durch ein Loch in der Mauer spähen. Dahinter befand sich ein großes Fenster zum Garten hinterm Haus. Aus dieser Position war vom Garten aber nicht viel zu sehen. Nur hohe Gräser, über denen der blaue Himmel leuchtete. Selbst der Rest der Stadt blieb hinter ihnen verborgen.

Es war als blickten sie in eine Wildnis fernab der Zivilisation. Die Gräser wiegten sich im sachten Wind. Plötzlich waren sie nicht länger in einem Haus in der Stadt. Sie waren woanders. In einer fremdartigen Waldlandschaft. Die Gemälde in den Ecken wurden zu Tieren, die sich in der Wildnis versteckt hielten. Dies war ihr Territorium. So eigenartig.

Die beiden verharrten so lange in dieser Position, bis der Hausherr wieder auftauchte.

Der Anblick musste sicher ulkig gewesen sein, denn Jake kicherte, als er sie sah.

Das mit dem »sich schnell was anziehen« hätte er sich eigentlich sparen können, denn er trug ein Netzshirt, dessen Stoff so grobmaschig war, dass es nichts von seinem Körper bedeckte. Dazu eine Jogginghose, die ihm unterm Hintern saß und den Blick auf sonnengelbe Shorts freigab. Auf dem Kopf eine farblich passende Cap.

Janniks Gott. So bunt. So nicht-gewöhnlich und schon gar nicht luchsmäßig öde.

Jake wirkte fast wie eines der Gemälde. Als spross die Wildnis des Hauses auch auf seinem Körper.

Er war verrückt. Aber keine gewöhnliche Verrücktheit. Nicht wie die eines Pferdes, das auf die Idee gekommen war, seine Mähne pink zu färben. Eine Entscheidung, die der Gaul am nächsten Tag rückgängig machen konnte, wenn sie ihm nicht länger gefiel. Jakes Verrücktheit war etwas Besonderes. Er konnte die Tattoos nicht einfach loswerden, wenn er seine Meinung änderte. Sie blieben.

Er hatte eine Entscheidung getroffen, jemand zu sein, der er sein wollte. Und er lebte damit. Eine Verrücktheit, die ihn aus der Masse von grauen Fellträgern herausstechen ließ und ihn einzigartig machte.

Und das einzig Besondere an Jannik war dieser blöde Fleck auf seiner Stirn. Jake hatte hunderte von Tattoos, weil er es wollte, Jannik Flecken, weil die Natur das so wollte. Und wenn die Natur wollte, dass sein Fell im Sommer dunkler und die Flecken noch auffälliger wurden, dann passierte es einfach, egal ob der kleine Luchs das mochte oder nicht.

Völlig unfair. Wie gern wäre er nur ein kleines bisschen wie Jake. Ein wenig Fuchs.

Während Jannik in völliger Bewunderung versunken war, hob Niklas die Hand und fragte: »Hast du überall Tattoos? Auch auf dem Pimmel?«

Jannik entgleisten die Gesichtszüge.

In jeder anderen Situation hüllte sich der Waschbär in stoisches Schweigen, aber scheinbar stauten sich in seiner Kehle Worte an, die dann irgendwann einfach herausplatzen mussten.

Jannik knetete verlegen seine Ohren. Jake lachte.

»Fast überall«, entgegnete der Fuchs und schob den Bund der Shorts nach unten. Nur kurz, um zu beweisen, dass sich die Tattoos dort fortsetzten.

Er schmunzelte. »Manche Stellen sind zu empfindlich.«

Niklas legte den Kopf zur Seite. Jannik konnte genau sehen, dass sich hinter seinen schwarzen Murmelaugen der nächste Wortschwall anbahnte.

Er musste irgendetwas unternehmen, bevor sich Jake zu wundern begann, was für einen seltsamen Knirps der Luchs mitgebracht hatte.

»Warum —«, setzte Niklas an.

Jannik hob hastig seinen Arm, legte ihn dem Waschbären um die Schulter und drückte ihn an sich.

Notfallumarmung. Der Luchs wusste, dass Niklas das nicht besonders mochte.

Die persönliche Zuneigung schien ihre abschreckende Wirkung zu entfalten, denn der Waschbär hielt inne.

Jake hob die Augenbrauen. Keine Ahnung, was er sich bei dem Anblick dachte.

»Seid ihr hier zum Baden oder zum Abhängen auf der Couch?«, fragte er dann.

»Zum Baden«, entgegnete Jannik prompt, um weitere Fragen abzuwenden.

»Okay. Ich zeig euch den Pool«, sprach er und ging voraus.

»Wollt ihr was trinken?«, fragte er und hielt neben einem Kühlschrank an, der frei im Raum stand wie ein Menhir, ein Felsbrocken, mit dem der Wolfsklan einst kultische Plätze markierte. Daneben konnte man einen Altar aus Holzkisten entdecken, der augenscheinlich für orgastische Rituale verwendet wurde, die Hamburger, Pizzen und Massen an Limo beinhalteten.

»Ich habe Salami-Eistee und —«, sprach er und kramte im Kühlschrank herum, »und Salami-Eistee.«

»In dem Fall nehme ich Salami-Eistee«, entgegnete Jannik und blickte zu Niklas. Der nicht mehr neben ihm stand.

Er war auch nicht hinter ihm. Und nicht in der Küche.

Jannik sog missmutig Luft durch die Nase. Er hätte doch die Leine kaufen sollen.

Niklas konnte nicht einfach in einem fremden Haus auf Wanderschaft gegen. Das war unhöflich.

»Jannik, was bringst du für seltsame Leute mit?«, hörte er bereits Jakes Stimme in seinem Kopf.

Er musste den Wanderbären einfangen, bevor der Fuchs etwas mitbekam.

Vorsichtig blickte er sich um, während Jake noch mit dem Kühlschrank beschäftigt war.

Kein Waschbär.

Die Wildnis des Hauses musste genau das richtige für Niklas sein. Hier konnte er sich zwischen Krempel hindurchzwängen und auf Erkundungstour gehen.

Jannik schnaufte und spitzte die Ohren. Irgendwo war leises Tapsen zu hören.

Er manövrierte sich am Regal mit Jakes DVD-Sammlung vorbei. Dahinter kam ein Billardtisch zum Vorschein, auf dem sich ein Berg aus Farbspraydosen angesammelt hatte. Die Taschen an den Seiten des Tisches waren zur Aufbewahrung von Kaugummipapier zweckentfremdet worden.

Noch immer kein Waschbär.

Er stolperte über eine umgeworfene Staffelei. In Einzelteilen auf dem Flur verteilt. Ein Eimer lag in einer Ecke und verteilte Farbmatsch auf dem Boden. Etwas war gegen ein Regal geworfen worden, das dort einen Riesenfleck und ein ausgebrochenes Brett zurückgelassen hatte. Wohl die Folge irgendeiner wilden Party. Ein Knacken unter seinen Schuhen. Weißes Pulver blieb zurück. Tabletten. Überall verstreut.

Egal. Er schob sie beiseite.

Wieder Tapsen. Von oben.

Jannik legte den Kopf in den Nacken und sah ihn auf einem Steg im ersten Stock herumlaufen.

Toll. Niklas war nicht nur gut im Herumwandern sondern auch sehr schnell dabei.

»Niklas!«, zischte er leise. Jake würde die beiden nie wieder in sein Haus lassen.

Jannik fand eine Treppe hinter einer Stereoanlage.

Als er am anderen Ende angekommen war, bog Niklas schon in einen Raum ab. Augenscheinlich das Schlafzimmer.

»Was machst du hier?«, zischte der Luchs.

Niklas sah ihn an. An seinen Augen konnte er erkennen, dass ihm diese Frage nicht einmal in den Sinn gekommen war.

»Das hier ist kein Gemäuer zum Erkunden!«, schimpfte Jannik.

Niklas stimmte zu. »Gemäuer haben keine Musiksammlung.« Er hielt ein paar CDs hoch, die er aus irgendeinem Regal gezogen hatte.

»Das ist die gesamte Collection von KRE«, sprach er. »Die sind alle handsigniert.«

Jannik war sprachlos.

»Die Band mit der ›gruseligen Musik‹«, half ihm Niklas auf die Sprünge.

Das war dem Luchs im Moment so was von egal.

»Du kannst nicht einfach irgendwelche CDs mitnehmen!«

Niklas sah ihn bloß wortlos an mit seinen unschuldigen Waschbärenaugen, hinter denen sich ein Abgrund des Unaussprechlichen befand.

Wenn Jake rausbekam, dass Niklas seine Sachen mitgehen ließ, würde er beide ohne zu zögern rauswerfen. Mit Anlauf.

Jannik nahm Niklas die CDs ab und kletterte auf eine Kiste, um sie zurück ins Regal zu schieben. Besser sie dort zu finden als in den Händen eines kleinen Kleptomanen.

Dann fiel sein Blick auf Niklas' Rucksack. »Hast du da sonst noch was drin?«, fragte er.

Der Waschbär erwiderte nichts.

Jannik wusste, dass immer irgendetwas in diesem Rucksack war. Hoffentlich nicht wieder Mäuse oder die Nachbarskatze.

Niklas war wenig kooperativ bei der Inspektion und ein Handgemenge brach aus. Eine große Taschenlampe rutschte heraus.

Jannik konnte sich nicht erinnern, dass Niklas die gestern schon besessen hatte

»Ist das deine?«, fragte Jannik, konnte die Antwort jedoch abermals an den Murmelaugen ablesen.

»Wo hast du die hergenommen?«

Niklas deutete auf ein Regal, das zu Janniks Verwunderung eine ganze Sammlung von Taschenlampen in Übergröße beinhaltete.

»Er hat doch so viele davon«, protestierte Niklas. »Da macht es nichts, wenn eine fehlt.«

So sah die Welt vielleicht in Niklas' Kopf aus. In Janniks hingegen war sie dabei in Flammen aufzugehen.

Brummend dachte er über all die Mühen nach, die es ihn gekostet hatte, um den Fuchs um den Pool zu bestechen. Das würde er nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Er strecke sich, um die Taschenlampe hurtig zurück ins Regal zu schieben — direkt neben einem Fach mit fein säuberlich aufgereihten, farbenfrohen Skulpturen, die den Gemächten diverser Fellträger nachempfunden waren.

Seine Augen wurden groß und sein Mund trocken.

»Was geht hier ab?«, erklang Jakes Stimme. Jannik fuhr erschrocken herum.

Fast wäre er vom Regal gefallen. Jake lehnte am Türrahmen und beobachtete das Schauspiel.

»Ähm —«, murmelte der Luchs und umklammerte nervös die Taschenlampe.

»Das ist nichts für euch«, meinte Jake und zog sie ihm aus den Pfoten. »Kommt vorbei, wenn ihr achtzehn seid. Dann erklär ich euch, wie die funktionieren.«

Er schob sie zurück ins Regal neben die anderen.

»So langsam glaube ich, ihr seid gar nicht zum Baden gekommen«, sprach er und musterte Jannik. Sein Blick verfinsterte sich im Schatten unter der Kappe. »Sag, hat dich Isak geschickt, um hier herumzuspionieren?«

Jannik riss bestürzt die Augen auf.

»Nein! Das —«

Das ist eine infame Unterstellung, um es in den Worten eines Dobermanns auszudrücken.

»Nein! Ich —«

Jakes kritischer Blick ließ nicht nach. Seine Augenbrauen waren hochgezogen und Jannik konnte genau sehen, dass er sich ungute Dinge dachte. Dinge, die seine Chancen auf künftige Besuche im Fuchshaus signifikant reduzierten.

»Achso«, sprach Jake plötzlich und ein fieses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Im Schatten seiner Cap blitzten seine Zähne hervor. »Verstehe. In Wahrheit hat Mini-Mietz Angst vorm Baden. Und ist nur hergekommen, um vor seinem Freund anzugeben.«

»Stimmt nicht!«, protestierte Jannik.

»Er hat gesagt, dass er Angst vor Wasser hat«, meldete sich Niklas.

Jannik warf ihm einen pikierten Blick zu.

Versuchte der Waschbär ihm etwa mit Absicht in die Parade zu fahren? Er konnte genau sehen, dass Niklas hinter seinen schwarzen Unschuldsaugen lachte.

»Stimmt nicht!«, bekräftigte der kleine Luchs und schnaufte.

Er hatte keine Angst und würde sich den Tag nicht vermiesen lassen. Er würde baden! Er hatte sogar eine neonfarbene Badehose! Wenn das kein Beweis war!

Er brummte verstimmt und marschierte an den beiden Ungläubigen vorbei in Richtung Pool.

Er hielt inne. »Wo ist der Pool noch gleich?«

Jake grinste. Niklas schwieg freudig.

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© 2018, Kranich im Exil

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Update 2020-04-10