Kapitel 7
#8 of Crossing Paths
Eine Geschichte, über das wiedersehen meiner beiden Charaktere, Avis Jay und Frederic Blake, die mein Freund DragoMikh für mich schreibt.
Schaut gerne auf seine Website vorbei:https://www.dragosgallery.com/
Sie fielen Sprichwörtlich mit der Tür ins Haus. Gefolgt von einem Schwall Wasser, der den schmalen Flur für einige Sekunden in einen Wildwasserkanal verwandelte, bevor er über die Treppen im Keller verschwand. Ein lauter, quietschender Schrei erklang, gefolgt von einen Fauchen und hohen Quiken. Eine Rot getigerte Katze kam die Treppe hinauf gestürzt, gefolgt von einer, niedergeschlagen wirkenden Maus. Der Oktopus, der ihnen die Tür geöffnet hatte, lag in der Mitte des Flurs auf dem Boden und versuchte seine Gliedmaßen zu entwirren, während Tim und Frederic sich gemeinsam gegen die Tür stemmten, um sie trotz des wütenden Winds, der ihnen entgegen schlug, zu schließen. Der Sturm im Flur verebbte. Etwas schlug von außen gegen die Tür, irgendwo klirrte ein Fenster. Dann war außer dem toben des Sturms nichts zu hören. Der Oktopus hatte es inzwischen Geschafft seine Tentakel wieder zu ordnen und stand auf vier seiner acht Armen, schien jedoch noch etwas wackelig. “Sorry, dass wir so hereinplatzen…" setzte Frederic an, doch ein Arm des Tintenfischs winkte ab. “Für dich und deine Freunde haben wir immer Platz, vor allem bei so einem Wetter." Die Katze und die Maus hatten den Flur durchquert und waren durch eine Tür auf der rechten Seite verschwunden, wobei sie eine nasse Spur auf dem Boden hinterlassen hatten. Der Oktopus hieß Norman. Norman Swarz. Er führte sie in eine kleine Küche im hinteren Teil des Hauses. Tamara nach interessiert die Details der Umgebung unter die Lupe. Es war zwar kein Chaos, im Gegenteil, war die Wohnung sogar sehr sauber, doch lagen ein Haufen interessanter Gegenstände herum. Sie schätzte, dass hier mindestens acht, vielleicht auch neun Personen wohnten. An einer schmalen Theke saß Kollins. Die Hyäne starrte sie mit trübem, abwesend wirkenden Blick an. Frederic schien es nicht aufzufallen, oder es störte ihn schlicht nicht, denn er setzte sich zu ihm und griff sich eine Flasche Cola, die auf dem Tisch stand. “Und? Wie kommst du zurecht?" Kollins stieß ein undeutliches, gurgelndes Knurren aus. Frederic klopfte ihm auf die Schulter, woraufhin die Hyäne vorne über kippte, mit dem Gesicht unsanft auf dem Tisch aufschlug und liegen blieb.
Das Haus hatte zwei Stockwerke und einen kleinen Keller. “Was ist das hier?" Im Obergeschoss gab es mehrere Schlafzimmer, an einigen Türen hingen sogar Namensschilder. “Einige nennen es Safehouse, andere Safehaven…" begann Norman eine epische Ansprache, doch Frederic unterbrach ihn. “...offene WG und Anlaufstelle für die Leute, denen die das Leben auf den Boden geschmettert hat, oder die es einfach richtig verkackt haben… Apropo, ist Cathlyn eigentlich noch da?" Avis beäugte Misstrauisch die Hyäne, die begonnen hatte leise zu schnarchen. Kollins Fell war in der Vergangenheit nicht sonderlich Ordentlich gewesen, doch nun klebte es Regelrecht. “Habe sie schon seit zwei Monaten nicht mehr Gesehen. Glaub sie ist gerade nicht in der Stadt." “Ok." Frederic wirkte etwas niedergeschlagen. “Wenn sie mal wieder auftauchen sollte, kannst du ihr ausrichten, dass sie sich melden soll?" “Klar. Kein Problem." Kollins schlief tief und fest. Am Handgelenk der Hyäne war ein ganzer Büschel ausgerissen worden. Die darunter liegende Haut war vernarbt und wies eine längere Naht auf, doch bevor Avis einen genauer Blick darauf werfen konnte, packte Frederic den schlafenden Kollins und trug ihn aus dem Raum. Norman stapfte durch die Küche, zog mit dem einen Arm einen Wischmopp, mit einem anderen einen Eimer und mit noch einem eine Lumpen und verließ die Küche.
Nachdem Frederic die Hyäne in eines der Schlafzimmer getragen hatte, kehrte er in den kleinen Raum im Erdgeschoss zurück. Der Sturm rüttelte noch immer an den Rolläden vor den Fenstern und immer wieder schlugen kleinere Gegenstände von außen gegen die Plastik Lamellen. Mit einem lauten Knall schlug in der Nähe ein Blitz ein. Das Licht flackerte etwas und erlosch schlussendlich. Dunkelheit legte sich über den Bezirk der Stadt. In der kleinen Küche konnte man nicht mal die Hand, alternativ auch Flügel oder Tentakel vor Augen sehen. Es gab ein leises schleifendes Geräusch. Im oberen Stockwerk gab es einen Schlag und jemand stieß ein Fluchen aus. Etwas klapperte neben Avis und jemand schob sich an ihm vorbei. Harte, raue Schuppen strichen über seinen Arm. Eine Schranktür klapperte und einige Sekunden später flogen rot glühende Funken durch die Luft. Ein kleines Flämmchen leuchtete auf, das schnell größer wurde und flackernd Licht auf die Umgebung warf und auch Frederics breit grinsendes Gesicht erhellte. Er hielt die Kerze nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht und starrte einige Sekunde fasziniert auf die kleine tänzelnde Flamme, bevor er sie auf der Küchentheke abstellte. “Du kannst es endlich?" fragte Norman, der in der Tür aufgetaucht war. “Jap! Ich kann es!" antwortete der Drache freudig. Bald erhellten gut ein dutzend flackernde Kerzen den kleinen Raum. Norman schielte immer wieder Misstrauisch zum Feuermelder, der jedoch stumm blieb. Etwas später saßen nur noch Frederic und Avis in der Küche der WG. Sie schwiegen sich einige Minuten an, bevor der Blauhäher die Stille durchbrach. “Selbsthilfegruppe? Leute die am Boden angekommen sind?" Frederic zögerte etwas, die Sache war ihm sichtlich unangenehm. “Ich hab dir doch erzählt, dass ich eine Streit mit meinen Eltern hatte… und dieser…" er machte eine kurze Pause und suchte die passenden Worte “... etwas eskaliert ist." “Du hast erzählt du hättest ihm den Kiefer gebrochen." “...ehm Ja. Und das stimmt auch…" “Und du bist danach weg gerannt." “Ja!" Es gab einen Knall, als er mit der Faust auf den Tisch schlug. Avis zuckte zusammen. “Sorry! Es ist… ich dachte ich habe mit all dem abgeschlossen, irgendwie, dich wieder zu treffen, hat das alles irgendwie wieder hoch geholt." Frederics Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. “Tut mir leid…" Von dem sorgenlosen, lockeren Drachen, der gern Witze machte, war nichts übrig geblieben. “Muss es nicht…" “... und morgen könnten wir zum Hafen gehen. Ich kenn da…" Die Maus betrat die Küche, gefolgt von der getigerten Katze, die schüchtern die Schultern angezogen hatte. Ihr Blick fiel auf Avis und den auf die Tischplatte starrenden Frederic und veranlasste sie dazu, auf der Stelle stehen zu bleiben, wodurch die Katze gegen sie stolperte. Die Maus nickte Avis zu und schob die verwirrt wirkende getigerte Katze wieder aus dem Raum.
Die Kerzen waren herunter gebrannt und auch das letzte Licht erlosch mit einem letzten, aufbäumenden Flackern. Der Sturm hatte sich gelegt. Frederic lag mit dem Kopf auf der Tischplatte und schnarchte vor sich hin. Tim und Tamara waren irgendwann aufgebrochen, zurück zur Hochschule. Wie sie den Weg zurück legen wollten, hatten sie nicht erwähnt. Es fuhren noch keine Busse oder Bahnen, zu viele Straßen und Schienen waren durch Umgestürzte Bäume oder ähnliches Blockiert. Avis schreckte hoch. Ein Schlüssel klapperte und jemand öffnete die Eingangstür. Schwere Schritte durchquerten den kurzen Flur und kamen auf die Küche zu.
“Geht es allen gut?" Im Zwielicht konnte man nur die Umrisse der große Gestalt sehen, die in im Rahmen der Tür stand. Zwei große Hörner erlaubten es ihm nur, die Küche quer zu betreten. Das Licht einer Taschenlampe tastete durch den Raum. Als der Kegel Avis traf, zuckte der Vogel zusammen und riss seinen Arm hoch, um seine Augen mit den Federn zu verdecken. “Ich glaube wir kennen uns noch nicht." Die Person senkte das Licht. Als Avis nicht sofort reagierte, nahm der Yak eine verteidigende Körperhaltung ein. “Du musst mir nicht sagen, wer du bist, ich habe nur gerne einen Namen, mit dem ich dich ansprechen kann. Kannst dir auch gerne einen Ausdenken." Verwirrt stotterte Avis seinen Namen hervor. “Ok… Avis. Ich bin Otis." Der Yak näherte sich langsam, die Hände weiter schützend und deeskalierend vor sich. Seine Augen musterten den müden, verwirrten Blauhäher, der ihn mit zusammengekniffenen Augen anstarrte. Das Licht der Lampe glitt langsam über den Tisch, bis es Frederics großen, schwarzen, gehörnten Kopf traf. Otis stieß ein erstauntes Schnauben aus. "Faren ist wieder da?" Dabei nickte er in Richtung des schlafenden Frederic. “Faren?" Das Frederic wohl einen falschen Namen genannt hatte, kam Avis nicht in sein vernebeltes Vogelhirn. Stattdessen korrigierte er den Yak. Diesen schien es jedoch nicht weiter zu stören. Er griff die Schulter des schlafenden Drachen und schüttelte ihn leicht. Einige glühende Funken stoben auf. Frederic gab ein tiefes Grollen von sich, blieb aber liegen. Otis schüttelte ihn ein weiteres mal. Diesmal schien es zu Wirken. Frederics Kopf schnellte in die Höhe. Glas klirrte. Otis versuchte Frederic aus zu weichen, doch war er zu träge und wurde zur Seite gestoßen. Die Flügel des Drachen entfalteten sich auf fast drei Meter Spannweite, bevor sie von der Inneneinrichtung aufgehalten wurden. Otis rappelte sich vom Boden auf. Einige Funken irrten durch den Raum, fanden jedoch glücklicherweise keinen Nährboden und erloschen nach einigen Sekunden wieder. Der starke, Krokodilartige Kiefer schnappte nach unten, rastete mit einem Knacken ein und schloss sich wieder. Dann erfasste Frederics Blick Otis, der einige Schritte Abstand genommen hatte. “Oh. Du bist es…" Sein Kopf fiel wieder in Richtung des Tisches, doch Otis packte seine Schulter und zog ihn zurück, bevor er auf der Holzoberfläche aufschlagen konnte. Ein lautes, sägendes Schnarchen setzte ein. Otis ließ von dem Drachen ab und wandte sich wieder Avis zu. "Und du…" '"Studiere BWL" Der Yak hob erstaunt die buschigen Augenbrauen.
Sie hatten sich in den Flur zurück gezogen und Frederic auf dem Küchentisch liegen gelassen. Nach und nach klärten Avis und Otis ihre Missverständnisse. Der Yak war vom Jugendamt und betreute das “Safehouse", das als Ballonprojekt vor drei Jahren von der Stadtverwaltung gestartet worden war. “Bleibst du heute Nacht hier? Eines der Zimmer ist bestimmt frei… Vermutlich die 3 oder die 6." Er deutete mit einer leichten Nick Bewegung in Richtung der Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Avis hatte darüber nachgedacht noch zurück zur FH zu Fahren, doch das Gefühl der Müdigkeit, das durch seine hohle Knoche kroch, brachte ihn zu dem Schluss, dass er es besser nicht riskieren sollte. Er warf noch einmal einen Blick Richtung Küche, aus der immer noch Frederics lautes Schnarchen drang.
Er starrte an die graue Decke über ihm. Die Versuche zu schlafen hatte er trotz seiner Müdigkeit aufgegeben. Es war wieder ruhig in dem kleinen Haus. Nachdem Otis sich versichert hatte, dass es wirklich allen gut ging hatte er das Safehouse wieder verlassen. Hin und wieder hörte man ein Rascheln aus einem der anderen Zimmer, das knacken eines alten Holzbalkens, oder ein Rauschen in den Wasserleitungen. Irgendwann muss er dann doch eingeschlafen sein, denn als er die Augen wieder öffnete, hörte er vor den Fenstern das zwitschern der ersten wilden Vögel. Ein Sonnenstrahl fand eine Lücke zwischen den Lamellen des Rollladens, die sich im Sturm verzogen hatten und wanderten langsam durch das Zimmer, bevor sie auf Avis Gesicht fielen. Langsam öffnete der Vogel ein Auge, schloss es jedoch sofort wieder geblendet. Er drehte sich auf dem Bett, desser Rost laut unter ihm knarrte. Er versuchte sich wieder in die Decke zu kuscheln, doch merkte er ihm Hinterkopf, dass etwas nicht stimmte. Es dauerte einige Sekunden, bevor er seine Gedanken und Erinnerung sortiert hatte. Er war nicht in seinem Zimmer im Wohnheim. Jemand klopfte an die Tür. "Avis? Bist du wach?" Die Stimme gehörte Frederic. Avis murmelte etwas unverständliches. "Es tut mir leid wegen gestern Abend. Ich dachte wirklich ich hätte damit abgeschlossen… ich hätte dich damit nicht beunruhigen sollen. Es ist Vergangen und ich sollte es begraben lassen." Er machte eine Pause. Avis hatte noch immer nicht geantwortet, hörte dem Drachen aber aufmerksam zu. "Eigentlich möchte ich einfach Danke sagen. Danke dass du nicht nach bohrst, dass du mich akzeptierst… Wenn du willst und du mich hörst, ich geh Frühstück holen. Sollte so in 20 Minuten wieder da sein." Er wartete noch auf eine Antwort von Avis, doch dieser rührte sich nicht. Nach vielleicht einer Minute hörte der Blauhäher schwere sich entfernenden Schritte. Er lag noch einige Minuten liegen. Schlussendlich konnte er sich dazu bewegen auf zu stehen und die kurze Strecke zu dem Stuhl zurück zu legen, auf dem seine Klamotten lagen. Noch immer etwas klamm vom Vortag klebten sie an seinen verwuschelten Federn und verströmten eine unangenehme Kälte. Die Krallen an das Geländer geklammert kletterte er langsam die Treppe hinunter, die sich dank seiner Nassen Socken fast wie Glatteis anfühlte. Durch ein kleines Fenster über der Eingangstür, das den Sturm unbeschadte hatte, fiel Sonnenlicht in den Flur. Am Ende der Treppe kam ihm die Katze entgegen. Sie hatte die spitzen Ohren angelegt, die Schnurrhaare hingen schlaff herab. "Hi, ich glaube wir haben uns noch nicht vorgestellt, ich bin Avis…" Doch die Katze schob sich einfach an ihm vorbei und schlurfte die Stufen hinauf, wobei ihr Schwanz, hinter ihr, über den Boden schleifte. In der Küche traf er Norman, der mit mehreren Messern die Reste der Kerzen von dem Esstisch und der Küchenzeile kratzte. "Morgen!" grüßte der Oktopus fröhlich den zerzausten Vogel. Mit einem weiteren freien Arm griff er nach einer Kutterschaufel, legte eines der Messer beiseite und griff nach einem Handbesen, um die Wachsreste zusammen zu kehren. "Frederic holt Frühstück, falls es den Bäcker nicht weg geblasen hat. Könntest du schon mal den Tisch decken?" Er hielt kurz inne und machte seltsame Bewegungen mit einem Tentakel. Dabei murmelte er vor sich hin. "Wir zwei, Frederic, Selmers, Sophia hat sich eingeschlossen, trotzdem… also für fünf Personen." Er deutete mit einem Arm, der noch immer den Griff eines Scharf wirkenden Messers umklammerte, in Richtung eines Schranks über der Spüle.
Frederic kehrte nach 20 Minuten zurück, das üblichen breite Grinsen auf dem langen Maul. In der Kralle hielt er zwei große braune Papiertüten. "Die Bäckerei steht noch!" Zufrieden setzte er seine Einkauf auf dem Küchentisch ab. "Aber ansonsten sieht es da draußen aus wie auf einem Schlachtfeld." Einige Minuten später saßen sie an dem abgenutzten Holztisch und genossen das Frühstück. Selmers, der Kater, wirkte bedeutend entspannter als noch am Vortag, auch wenn er noch immer sehr Wortkarg war. Sophia hatte inzwischen ihr Zimmer verlassen und erstaunlicherweise eine blendende Laune, was sich unter anderem darin zeigte, dass sie nur zu gern Witze riss, zum Teil auch auf kosten ihres, gut 15 Zentimeter größeren, Freundes. Während dessen kraulte sie den Kater jedoch regelmäßig am Hals, was dieser mit einem wohligen Schnurren kommentierte. "Und? Wollt ihr noch immer zum Hafen?" fragte Norman, bevor er einen großen Bissen von seinem, mit Fisch belegten, Brötchen nahm. Der scharfe kräftige Schnabel des Tintenfischs sank fast ohne Wiederstand durch das Gebäck und trennte ein dreieckiges Stückchen heraus. "Ja, einfach mal vorbeischauen. Nach dem Sturm wird das meiste zwar geschlossen haben, aber vielleicht finden wir einen schönen Schnuckeligen Ort für uns zwei..." sie hielt kurz inne und schaute Selmers in die blauen Katzenaugen. "Natürlich mit ausreichend Abstand zum Kai. Unser Tiger hier ist etwas Wasserscheu." "Das haben wir Katzen nunmal so an uns." grummelte der Kater mit einem leicht beleidigten Ton. "Und deshalb halten wir nachher auch schön mindesten fünf Meter Sicherheitsabstand zum Meer, wir wollen ja nicht wieder sowas wie vorletzte Woche." Es musste sich um etwas peinliches zu handeln, denn der getigerte Kater versank einige Zentimeter im Polster des Sitzes und rutschte langsam unter den Tisch. Die Maus stieß ein kurzes, überraschtes Quieken aus, als Frederic ihr, leicht, mit dem Ellenbogen gegen die Rippen stieß. “Hör auf auf ihm rum zu hacken und sei froh, dass er dich begleiten möchte. Vor einem halben Jahr hättest du ihn nicht mal auf 500 Meter ans Meer ran bekommen, da ist das ein echter Fortschritt." Avis beobachtete interessiert das Gespräch der anderen, während er sich über sein Frühstück in Form eines Croissants her machte. “Und? Was hast du vor?" Die Frage kam von Frederic und Avis bemerkte, nachdem einige Sekunden niemand geantwortet hatte, dass sie an ihn gerichtet war. “Schauen ob mein Auto noch da ist, dann zur Hochschule zurückfahren. Hoffentlich geht es allen gut…" Der Sturm musste einigen Schaden angerichtet haben, das Handynetz war seit gestern Abend zusammen gebrochen, sodass es ihm noch nicht möglich gewesen war, sich zu erkundigen, wie die Lage dort war. “Bestimmt ist alles in Ordnung. Die FH ist durch die Hügel und die Bäume gut geschützt." “Hoffen wir mal…" murmelte Avis.
Auf den Straßen hatten die Aufräumarbeiten begonnen. Abgerissene Äste, zerbrochene Dachziegel, Trümmer und Müll. Mit Besen, Schaufeln, aber auch Sägen und Lastwägen versuchten die Bewohner und Behörden der Stadt dem Chaos Herr zu werden. Die Straße zum Parkhaus war erstaunlich sauber dafür, dass hier vor wenigen Stunden ein reißender, Dreck Strom entlang getrieben war. Sie war bereits geräumt worden und es rollten schon wieder die ersten Autos über den Asphalt. Im Erdgeschoss des Parkhauses sah es nicht so gut aus. Der Regen hatte einiges an Müll in das Parkdeck gespült, der jetzt die Durchfahrt blockierte. Sein Wagen war noch da und hatte das Unwetter sogar ziemlich gut überstanden. Der Beifahrersitz war etwas nass geworden und im inneren roch es deshalb etwas modrig, doch alles im allen… Er ließ sich auf den Fahrersitz fallen und schob den Schlüssel ins Schloss. Nach dem dritten Versuch startete der Motor. Das Radio erwachte mit einem krächzen zum Leben und ein Lied der aktuellen Popcharts “Dancing with the Dragon" dröhnte viel zu laut aus der Anlage. Seine Ohren pfiffen noch einige Minuten nachdem er es geschafft hatte die Lautstärke herunter zu drehen.
Er stellte sein Auto am Straßenrand, vor dem Gelände der Hochschule, ab. Ein großer Baum war umgestürzt und lag halb in der Einfahrt zum Parkplatz. Auch sonst hatte die letzte Nacht Spuren hinterlassen. Bei vielen der großen Bäume waren Äste abgebrochen. Der Wind hatte Schilder umgerissen und Fenster zertrümmert. Doch anders als erwartet war das Gelände voller Studenten. Mit Handsägen, Schaufeln und Besen kämpften sie an der Seite des Hausmeisters, der mit einer großen Kettensäge hantierte, und einigen Arbeitern, die vermutlich die Stadt geschickt hatte, gegen das Chaos. Der Dachs zerlegte die größten Äste in kleinere Teile, die Studenten und Helfer weiter zerlegten und abtransportierten. Avis hielt Ausschau nach seinen Freunden. Als erstes fiel ihm Marcus und Terrence ins Auge. Er hatte die beiden seit dem Vorfall kaum gesehen, doch da waren der Fuchs und der Salamander, und sägten gemeinsam an einem dicken Ast, der ein Hinweisschild unter sich begraben hatte. Als Avis sich näherte sah Marcus auf und winkte ihn zu ihnen. “Du hast das beste verpasst!" rief der Rotfuchs schon von weitem. “Sind alle in Ordnung?" “Tim hat ein bisschen was abbekommen, aber scheint nichts wirklich übles zu sein, ich glaube ich habe ihn vorher schon wieder irgendwo rum springen sehen." Er hielt kurz inne, die Säge ungefähr bei zwei Dritteln des Asts. Terrence versuchte, aufgrund des plötzlichen Stillstands etwas perplex, die Säge zurück zu drücken, kam dabei jedoch nicht gegen den Widerstand Fuchses an, wodurch sich der Teil des Sägeblattes, das auf seiner Seite heraus ragte, um gut 45° verbog. “Aber soweit ich das von ihm verstanden habe, solltest du nach eurem Zimmer sehen." Er setzte das Sägen fort und zog das krumme Sägeblatt, dass Terrence noch immer schlaff hielt, zurück in das Holz, und bog damit das Metall wieder gerade. Der Ast gab ein lautes Knacken von sich. Avis setzte seinen Weg in Richtung des Wohnheims fort. Einige Fenster, des hohen schmalen Gebäudes, waren mit Holzplatten verdeckt worden, andere notdürftig mit Plastikfolien abgeklebt. Er drückte gegen die Eingangstür. Sie kratzte über den Boden, ließ sich aber mit etwas Mühe öffnen. Auch im Gebäude hatte der Sturm seine Spuren hinterlassen. Der Kunststoffboden war bedeckt mit Blättern und Dreck. Die Tür zu ihrem Zimmer stand einen Spalt offen. Auf dem Boden herrschte das selbe Chaos wie immer, was es schwierig machte, fest zu stellen, ob der Sturm auch hier getroffen hatte. Doch die flatternde Folie vor dem zerschlagenen Fenster war ein deutliches Indiz. In der Luft lag ein seltsamer Geruch. Die Stadt “BWL 1. bis 3. Semester" lag in Trümmern und die Papiermassen hatten sich über das gesamte Zimmer verteilt. Als er sich dem Fenster näherte, fiel sein Blick auf einige dunkle Flecken auf dem Boden. War das Blut? Sofort stellte sich ein ungutes Gefühl ein. Marcus hatte zwar gesagt, der Tiger hätte etwas abbekommen, aber das schien etwas viel Blut zu sein. Avis verließ das Zimmer wieder und zog die Tür hinter sich zu. Bevor er sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude machte, verriegelte er die Tür und rüttelte sicherheitshalber noch einmal daran.
Er hatte gerade die halbe Strecke zurückgelegt, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. “Hey Avis!" Der Urheber stand einige Meter entfernt unter einem Baum. Tamara reichte einem Panther, der im Geäst einer gewaltigen, alten Platane hing, eine große Astschere. Es gab ein lautes Knacken. "Pass auf Kira!" rief die Papageiin und stürzte zur Seite. Über ihr machte die Pantherdame einen großen Satz, nur Sekundenbruchteile, bevor der Ast auf dem sie gestanden hatte brach und zu Boden stürzte, wobei er Avis nur um wenige Zentimeter verfehlte. "Tschuldigung!" kam es aus der Baumkrone über ihnen. "Und? Wie geht es den anderen? Habe noch nicht so viele gesehen." "Tim hat anscheinend was ab bekommen, ich wollte gerade nach ihm schauen." "Du gehst zur Schwester? Kannst du sie nach Emilia Feris fragen, meine Zimmerkollegin, ich habe sie noch nicht erreichen können." "Klar, mach ich." versicherte Avis ihr. Das Verwaltungsgebäude hatte wie auf wundersame Weise kaum sichtbare Schäden und sogar viele der großen Glasfronten hatten das Unwetter überstanden. Gerade als er den Flügel der breiten Eingangstür auf drücken wollte, wurde diese von Innen aufgerissen und ein Sichtlich verärgerter Elefant, der Avis um gut drei Köpfe überragte, rannte den Blauhäher fast über den Haufen, doch Avis konnte gerade Rechtzeitig zur Seite ausweichen. Ein "Oh. Hab dich nicht gesehen." folgte als Kommentar, doch um eine wirkliche Entschuldigung blieb er dem Vogel schuldig.
Auf dem Gang vor dem Zimmer der Krankenschwester drängten sich Studenten, Professoren und Angestellte der Hochschule. Doch der Tiger überragte die meisten Anwesenden und war schon aus der Distanz deutlich zu sehen. Tim hatte sich gegen die Wand gelehnt drückte sich ein Handtuch aufs Gesicht. Auf dem weißen Stoff breiteten sich langsam rot braune Flecken aus.
Avis bahnte sich einen Weg durch die Menge, die widerspenstig nach gab und eine kleine Schneise bildete. Der Kopf des Tiger hing herab und er starrte auf den Boden. "Hey, alles in Ordnung?" Was für eine dumme Frage, das blutige Handtuch war ein sehr deutlicher Hinweis, dass es nicht so war. Avis legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes. Dieser fuhr erschrocken herum. Der Schock stand ihm im Gesicht, doch als er Avis erkannte, entspannten sich seine Gesichtszüge. "Hey, bei dir alles in Ordnung?" Als er sprach, wurde ein Abgebrochener Reißzahn sichtbar. "Was ist passiert?" "Meinungsverschiedenheit mit einem Balken. Er hatte die härteren Argumente. Aber geht es dir gut?" Mit einem gelben und einem rot unterlaufenen, geschwollenen Auge schaute er an seinem Freund und Mitbewohner hinunter. "Ja, alles in Ordnung. Das Safehouse ist überraschend… Safe." Tim verzog das lädierte Gesicht zu einem Grinsen, dabei war ihm jedoch deutlich an zu sehen, dass er Schmerzen hatte. “Ziemlich unfair von dir." Mit großen Schritten stolzierte die Krankenschwester auf den Flur hinaus. Die langen Beine des Sekretärs knallten auf dem Kunststoffboden. Mit dem langen Hals überragte sie die meisten wartenden. Ihr Kopf zuckte nervös umher, während sie sich schnell einen Überblick verschaffte. “Könntet ihr ein wenig nacheinander sehen?! Die schweren Fälle nach vorne." Ihre Stimme war scharf und kräftig. Im Gang herrschte ein gehöriges Durcheinander, doch fast augenblicklich verstummte das allgemeine Raunen. Erstaunlich organisiert bildeten die Studenten ein Rettungsgasse, was fast Reibungslos klappte. Viel reibungsloser, als Avis es je im Straßenverkehr erlebt hatte. An ihnen vorbei schleppte sich eine Reihe Studenten, die es ziemlich übel erwischt zu haben schien. Dann verschwand die Schwester wieder in ihrem Zimmer und nahm eine Gottesanbeterin mit, deren linker Fangarm in einer, aus einem Handtuch improvisierten Schlinge hing. "Kennt ihr eine Emilia Feris?" "Das bin ich, wer fragt?" Eine Nachtschwarze Rabendame, die einige Meter entfernt auf dem kalten Kunststoffboden saß, hob eine Kralle, als würde sie sich im Klassenzimmer melden. "Tamara. Sie macht sich Sorgen." "Sag ihr, ich lebe noch und 'appreciate' dass sie sich Sorgen macht. Falls ich wider erwarten doch noch sterben sollte, übertrage ich ihr das Sorgerecht für meinen Kaktus." “Der nächste Bitte! Und wer nicht verletzt ist, es gibt eine Menge zu tun. Greift euren Kommilitonen unter die Arme, Schwingen oder Flossen. Danke!"
Der Muskelkater war der schlimmste, den Avis je verspürt hatte. Vorlesungen waren ausgesetzt und die letzten drei Tage hatten die Studenten damit verbracht, dabei zu helfen, das Gelände der Hochschule auf zu räumen. Gefühlt hatte er sich auch einige Haarrisse in den fragilen, Vogelknochen zu gezogen, doch die Krankenschwester zerschlug diese Theorie, zum Leid Avis, der dies gerne als Ausrede, auch vor sich selbst, verwendet hätte, den Tag einfach liegen zu bleiben. So quälte er sich jedoch um 8 Uhr, durch den kalten Wind in Richtung der Kantine. Einen Weg, den er auch in seinem, dem Halbschlaf nahen Zustand, fand, da er ihn seit zwei Jahren fast Täglich zurückgelegte. “Ich hab einen Balken ins Gesicht bekommen und seh trotzdem noch besser aus als du… Irgendwas machst du falsch, oder ich verdammt richtig." Mit diesem überaus netten Kommentar empfing ihn Tim, als Avis sich mit seinem Tablett neben den Tiger setzte. Einen Platz weiter saß Marcus und neben ihm, unter seinem Arm, Terrence. Avis grummelte ein Morgen und begann mit dem Maximum an Konzentration, das er aufbringen konnte, sein Müsli zu löffeln. Seine Hand zitterte und nur gut die hälfte, die die Schüssel verließ, erreichte seinen Schnabel. “Geht es dir wirklich gut?" “Einfach nur etwas fertig…" “Dabei hast du dich um die meiste Arbeit gedrückt. Wenn hier jemand das recht hätte, hier ein zu schlafen, dann Terrence, Tim und Ich." Der Fuchs stieß den Salamander an, der etwas betrübt auf den Tisch schaute. Das Amphib schreckte hoch und schaute seinen Freund verwirrt an. Seine Gabel, auf der sich noch etwas Obstsalat befand, fiel klappernd auf das Tablett vor ihm. “Was? 'tschuldigung, war etwas abgelenkt." Er sank mit dem Kopf gegen Marcus Schulter. Als Avis ihn näher betrachtete, fielen ihm blasse, trockene Stelle auf, die sich auf der ledrigen Haut des Salamanders gebildet hatten. Alles in allem wirkte er blass, ungesund und müde, hatte jetzt jedoch, aus irgendeinem Grund, die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln verzogen.
“Hey sieh einer an. Unser Traumpärchen hat seine Tiefphase überwunden. Glückwunsch." Der Kommentar kam von einem Hirsch. Avis hatte ihn schon mal gesehen. Er war ein oder zwei Semester über ihnen. Sein Horn Geweih war auf Hochglanz poliert und spiegelte das Licht der Deckenlampen. Das Fell perfekt rasiert. Der ironische Tonfall des Paarhufers ließ wenig Zweifel daran, dass seine Bemerkung spöttisch gemeint war. “Sich das Licht aus zu pusten, wenn es in der Beziehung nicht mehr läuft, ist aber auch eine interessante Taktik." Mit einem lauten Klappern fiel Marcus Stuhl zu Boden. Der Hirsch wich einige Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. Es wirkte für einige Momente, als wollte Marcus sich auf ihn stürzen, bis er einen Widerstand an seinem rechten Arm spürte. Terrence hatte seinen Ärmel gepackt und hielt ihn fest. “Lass es einfach." Er stieß ein tiefes Seufzen aus. “Er ist es nicht Wert, dass du wegen ihm Ärger bekommst." “Komm, traust du dich nicht? Oder möchtest du es nicht hier vor deinem Liebling machen?" “Es reicht!" Terrence war aufgestanden und hatte sich zwischen Marcus und den Hirsch geschoben. Die beide überragte ihn beide Sichtbar, doch Terrence ließ sich davon nicht beeindrucken, eher im Gegenteil. Vorsichtig schob er Marcus zur Seite, der nach etwas anfänglichem Widerstand nach gab und ihn vorbei ließ. “Du bist doch einfach nur neidisch. Weil du so arrogant, hochnäsig und dumm bist, dass niemand ernsthaft etwas mit die zu tun haben will." “Neidisch? Auf so eine Schwu…" weiter kam er nicht, da Terrence Faust, die seinen Unterkiefer traf, ihn unterbrach. Es gab ein knirschendes Geräusch und der Hirsch taumelte zurück. Die Hand auf die Stelle gepresst, an der der Salamander ihn gerade getroffen hatte. “Du nennst ihn nicht so!" Die anderen Studenten, die um sie herum gestanden oder gesessen hatten waren zurück gewichen, wodurch sie eine Art Arena um die drei gebildet hatte. “Hey Hey! Das war doch nur ein Spaß. Versteht ihr keine Witze." Er versuchte ein Lächeln, ließ dieses jedoch angesichts Terrence Gesichtsausdruck nach wenigen Momenten wieder Falle. Der Salamander funkelte ihn mit einer Mischung aus Bestimmtheit und Verachtung an, zeigte dabei jedoch keine Spur von Hass oder Wut. So als wäre der Hirsch einfach nur etwas unglaublich widerliches. “Ich komme nochmal darauf zurück. So einfach kommst du damit nicht durch." Dann wandte der Hirsch sich um, wobei sein langer Mantel aufwallte, was ihm etwas von einem Comic Bösewicht gab. “Warum hast du mich nicht gelassen? Jetzt bekommst du Probleme." “Glaubst du, er erzählt irgendjemandem, dass eine 'Schwuchtel', die auch noch gut einen Kopf kleiner ist wie er, ihm eine verpasst hat? … Hey, ich müsste vor Logistik noch etwas erledigen. Kommst du mit, oder willst du noch fertig Frühstücken?" Tim und Avis hatten während des Gesamten Vorfalls erstarrt auf ihren Plätzen gesessen. Das Ganze war zu schnell geschehen und hatte jetzt retrospektiv etwas fast surreales an sich. Erst als die anderen Beiden außerhalb ihrer Hörweite waren, traute sich Avis einen Kommentar. “Wow. Ist das gerade tatsächlich passiert?" “Ja. Terrence hat dem tatsächlich eine reingehauen." In den letzten Wochen hatte der Salamander eine erstaunliche Wandlung durchgemacht.
Während die beiden ihre Tabletts weg brachten, erklang der Klingelton von Avis Handy. Doch beide Hände am Plastiktablett war es ihm nicht möglich sofort ran zu gehen, auch wenn er sich im ersten Moment davon abhalten musste, es, vor Schreck, im hohen Bogen in Richtung Abgabe zu werfen. Als er endlich die Krallen frei hatte, war es jedoch zu spät. "1 verpasster Anruf von Frederic." Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er bereits zehn Minuten zu spät war, für seine Vorlesung. Als er den Raum erreichte war Professorin Schöll schon inmitten ihres Vortrags zum Thema "Lagerhaltung und Lagerkosten". Ein Themenfeld, das ohnehin schon Staubtrocken war, durch den Unterrichtsstil der Waranin, jedoch gefühlt zum Vollständigen Stillstand kam. Zeitweise kam es Avis sogar so vor, als würde die Zeit rückwärts laufen und als würden bereits gelernte Dinge wieder aus seinem Gehirn gesaugt. Und das hieß, er dürfte die Themen später Nacharbeiten dürfen. Er spürte wie sein Kopf schwerer wurde und Richtung der schmalen Tischplatte sank. Das allgemeine Raunen setzte ein. Klappernde Stühle, Studenten, die ihre Sachen zusammen packten. Jemand stieß ihn an und weckte ihn aus seinem Schlummer. Tim grinste ihn an. Avis ließ sich von ihm, von seinem Platz ziehen. Mit einem Wisch seines Flügelarms beförderte er die Papiermassen in seine Tasche und warf sie über seine Schulter.
Es klingelte ein, zwei, drei mal. Nach dem achten gleichen Jingle, kam die Meldung: "Der von ihnen gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar, versuchen sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut. Bei Problemen wenden sie sich bitte an…" Avis hatte aufgelegt. Schnell tippte er eine Nachricht an Frederic und machte sich dann auf zu seiner nächsten Vorlesung. "Fortgeschrittene Buchhaltung". Ein Thema, das ironischerweise zu einem der interessanteren, des Studiums gehörte. Was hauptsächlich an der verantwortlichen Professorin Lyian, einer Cobra, lag. Früher bei “Serpent Ltd.", einem der größten Handelsunternehmen der Welt angestellt, lockerte sie den Vortrag oft mit interessanten Anekdoten und Geschichten “von denen sie mal gehört hatte" oder “die frei Erfunden waren, denn wäre etwas derartiges wirklich geschehen und sie würde davon erzählen, könnte das rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen", auf. Neben Avis saß Marcus, der sich fleißig Notizen auf seinem Laptop machte, den er sich erst vor ein paar Wochen neu gekauft hatte. Aufgrund eines Formfehlers zu einem unverschämt günstigen Preis. Dazu hatte er, laut Eigenaussage, nur 15 Minuten mit dem Verkäufer diskutieren müssen, der ihn daraufhin zum Geschäftsführer schickte, welcher, nach weiteren 20 Minuten, entnervt aufgegeben hatte. Terrence hatte sich auf dem Platz neben Marcus niedergelassen und seine Mappe mit fein, säuberlich geordneten Notizen hervor geholt. Zwei Kugelschreiber, einer blau, einer rot, lagen neben seinem karierten Block. Den dritten, vom selben Typ wie die anderen beiden, nur mit blauer Tinte hielt er ruhig zwischen den Fingern seiner linken Hand. Avis kramte in den Tiefen einer Tasche und fand in einer Ecke noch einen Plastikkugelschreiber mit breitem Werbeaufdruck "Kaiman Autowerkstatt". Er kritzelte probeweiser einige krakelige Linien auf seinen Block, bevor er ihn zufrieden auf das Papier legte. Die heutige Vorlesung drehte sich um Inventar aufstellung und wäre bei jedem anderen Prof wahrscheinlich so langweilig, dass Avis früher oder später den Verstand verloren, oder sich aus einem der großen Fenster gestürzt hätte, das war jedenfalls seine eigenen Vermutung. Der Fakt, dass der Raum im Erdgeschoss lag und nach einigen Vorfällen im Vorjahr mit Sicherheitsglas ausgestattet worde war, überging er in seiner Überlegung. Die war auch der Grund, dass zur Zeit fast alle Vorlesungen in diesem Raum stattfanden, im anderen großen Vorlesungssaal der Fakultät waren die Fenster, die der Sturm zerstört hatte, noch nicht repariert worden und die leeren Fensterrahmen nur behelfsmäßig mit großen Plastikplanen verhangen worden. Diese waren weder ein guter Isolator, noch reichten sie aus, um die eiskalten Winde, die über den Kampus wehten, aus dem Raum zu halten. So durchzogen zwar Spinnennetz förmige Risse viele der Scheiben, doch hielten sie stand und dicht. Avis Handy klingelte. Das Jingle hallte durch den Raum. Der Fokus der im Saal anwesenden wanderte augenblicklich von der Cobra, die vorne ihren Vortrag hielt, zu Avis, der, in einer der hintersten Reihen nach seinem Handy suchte. Als er es endlich in den Tiefen seiner Tasche gefunden hatte, nach gefühlt Minuten der Suche, sprang er auf und stürmte aus dem Raum. Auf dem Gang war es merklich kühler als im, durch die anwesenden aufgeheizten Hörsaal. “Hallo?" Es war nur eine Nummer angezeigt worden. “Hi Avis?" Es war Carl und obwohl Avis den Fuchs natürlich nicht sehen konnte, hörte er deutlich am Klang seiner Stimme, dass etwas nicht in Ordnung war. “Weißt du wo Frederic ist?"
Avis hatte seit letzter Woche, seit dem Sturm nichts mehr von dem Drachen gehört, bisher war aber seine Vermutung gewesen, dass Frederic, genau wie er selbst, einfach nur zu beschäftigt gewesen war. Die ganze Stadt hatte mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Doch scheinbar war Frederic am nächsten Tag nicht nach Hause zurückgekehrt und war auch nicht auf seinem Handy erreichbar. Doch der Drache hatte Avis doch erst heute Morgen versucht an zu rufen. “Echt? Und, geht es ihm gut." Fiel Carl ihm in seinen halb ausgesprochenen Gedanken. “Keine Ahnung, habe zu langen gebrauch abzuheben…" “Scheiße!" “Alles in Ordnung?" kam Bruce, tiefe Brummstimme, irgendwo aus dem Hintergrund. “Nein!" brüllte Carl zurück, was Avis dazu veranlasste die Distanz zwischen Handy und Ohr um einige Zentimeter zu vergrößern. “Wenn du was hörst, kannst du dich bei mir Melden?" “Klar, mach ich." versichert Avis. “Danke." “Wird schon nichts schlimmes sein." versuchte er Carl etwas zu beruhigen, doch auch in seiner eigenen Stimme lag inzwischen etwas Sorge. Als er an seinen Platz zurückkehrte, kamen fragende Blicke von Tim und Marcus, doch Avis signalisierte ihnen: später.
Der Kies knirschte laut unter ihren Schuhen. Alle vier hatten sich in dicke Jacken gehüllt, wie auch die meisten anderen Studenten. Nur vereinzelt sah man Bären, Rentiere und sogar einen Polarfuchs, die offensichtlich keine sonderlichen Probleme mit den Temperaturen hatte. Ganz im Gegenteil wirkten viele der, an kälteres Klima angepassten, entspannt und befreit. Sie kamen an einem Schneehasen und einer Feuerroten Garnele vorbei, die Arm in Arm auf eine Bank saßen. Avis fuhr ein Schauer den gefiederten Rücken hinunter, angesichts dem Fakt, dass sie Jeans und kurzärmlige T-Shirts trugen.
"Was war vorher eigentlich?" "Carl, Frederics Mitbewohner, hat mich angerufen. Seit Dienstag hat niemand was Frederic gehört?" "Ist das ungewöhnlich, er kommt mir doch wie der Typ vor, der mal für ein paar Tage verschwindet und danach einfach wieder auftaucht, als wäre nichts gewesen. Oder täusche ich mich?" Frederic hatte sich verändert, doch schon früher war er eine schwierige Person gewesen. Auch wenn er nach außen Offen wirkte, war es schwer zu ergründen, was unter der schuppigen, harten Haut vor sich ging. Ein Rehntier schlenderte an ihnen vorbei. Das Geweih behängt mit buntem Lametta, in der Hand eine Tasse, inklusive Orangenscheibe und Schirmchen, aus der leichter Dampf aufstieg. Ein süßliche Note zog zu ihnen herüber, unterlegt mit einer guten Portion Alkohol. “Ob Chemie wieder ihr selbst gepanschtes ausschenkt?" “Glaub nicht, dass die sich das trauen." Seitdem im Vorjahr mehrere Studenten mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert worden waren, hatte die Verwaltung ein scharfes Auge auf den Ausschank von Alkoholischen Getränken auf dem Campus. Die Verantwortlichen waren jedoch zur verwunderung vieler nicht verwiesen worden. "Glücklicherweise waren sie so inkompetent vorgegangen, dass es zu keiner bleibenden Schädigung kam." Der Dekan der Fakultät Chemie hatte sich jedoch Persönlich dafür eingesetzt, sie wenigstens durch den Kurs rasseln zu lassen. "Die schiere Ignoranz und weitreichende Unkenntnis, selbst grundlegender Prinzipien der Biochemie, die die Betroffenen an den Tag legten, ist der Beweis, dass sie, trotz zum Teil guter Noten in den Prüfungen, ein weiteres Semester benötigen, um diese Themen wirklich zu verinnerlichen." Doch in Marcus schwelgte noch die Hoffnung, dass sie irgendwann wieder damit anfangen würden, denn natürlich war dort wo Regeln gedehnt und Schlupflöcher gefunden werden mussten der Fuchs nicht weit gewesen, und die Sache wäre wahrscheinlich ohne seinen Beistand, für die Verantwortlichen, sehr viel übler ausgegangen. “Wäre echt Schade, das Zeug hat mal echt anders Geschmeckt als das was man sonst bekommt. Auch wenn du definitiv davon Abstand halten solltest." Der letzte Satz war an Terrence gerichtet, der Schweigend neben Marcus herlief. “Denn wenn du nochmal sowas ablieferst, sperre ich dich in unserem Zimmer ein." “Klar…" kam ein Murmeln von dem Salamander, was aber auch seine einzige Äußerung war, bis sie die Kantine erreicht hatten. “Also wegen Frederic, glaubst du es ist irgendwas?" "Ich weiß es nicht, aber irgendwie hab ich ein ungutes Gefühl. Früher war es schonmal vorgekommen, dass er für ein paar Tage verschwunden war, aber ich habe geglaubt, das wäre jetzt vorbei, dass er sein Leben in den Griff bekommen hätte." Doch immerhin war der Anruf wenigstens so eine Art Lebenszeichen von Frederic gewesen, auch wenn alle Versuche von Avis ihn zurück zu Rufen gescheitert waren.
Der Anruf kam, als Avis gerade auf dem Rückweg von den Toiletten war. Es dauerte einige Sekunde, bevor er das kleine Gerät unter den Papierbergen in seiner Tasche gefunden hatte. Eine Festnetznummer, der Vorwahl nach nicht aus der Stadt. “Hallo, hier ist Avis Jay?" “Guten Tag Herr Jay, ich bin Stephan Herington vom Polizeipräsidium Intuis." Intuis war die nächste größere Stadt. Gut 40 Kilometer entfernt, brauchte man mit dem Auto, dank der gut ausgebauten Autobahnen nur eine gute halbe Stunde, von der Hochschule, auf Grund ihrer Lage, eher 45 Minuten. “Wir haben bereits versucht sie zu erreichen. Ein gewisser Frederic Blake befindet sich in Gewahrsam und hat sie als nächsten Kontakt angegeben." “Geht es ihm gut?" Was hatte Frederic angestellt? “Körperlich ist alles in Ordnung. Alles weitere würde ich gerne mit ihnen vor Ort besprechen. Könnten sie so schnell wie möglich kommen?" Warum hatte Ferderic nicht Carl, sondern ihn angegeben? Er schrieb eine kurze Nachricht an Tim, kehrte dann auf der Stelle um und machte sich auf den Weg zum Parkplatz.